Teil 2: Süße Rache

bankcomputer-2Sid hatte fünfzehn Jahre für diese Bank gearbeitet. Dann hatte ihn sein Chef angebaggert. Sid traf ihn eines Nachts in einer Szenekneipe. Erst hatte er ihn nicht erkannt. Sein Chef ihn allerdings auch nicht. Sie hatten beide bereits einige Drinks geschlürft. Sid stand am Tresen, um sich noch einen Appletini zu bestellen, als sein Chef, Rüdiger, ihm an seinen Arsch grabschte. Sid drehte sich wütend um, damit er demjenigen ein paar scheuern konnte, der offensichtlich nicht wusste, wie man sich benimmt, als er Rüdiger erkannte. Nur, Rüdiger erkannte ihn nicht. Sid gab sich nicht die Mühe, seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Rüdiger war erst seit sechs Monaten sein Chef und hat mit der IT Abteil wenig zu tun. Das Ende vom Lied: Sie landeten zusammen im Bett und Rüdiger erkannte die Situation erst am Morgen danach. So weit, war also nichts Schlimmes passiert, nur war Sids Chef offiziell nicht schwul. Er war, „offiziell“, glücklich verheiratet, hatte zwei Mädchen, 10 und 12 Jahre alt, und war Vorsitzender des Fussballclus FC soundso. Zugekokst in einer für ihn nicht angemessenen Location einem seiner Angestellten einen zu blasen passte anscheinend nicht so gut in sein wohl konstruiertes Image. Sid verstand das, hätte auch die Klappe gehalten. Ich kenne ihn. Trotzdem wurde er entlassen. Ein fadenscheiniger Grund angeführt und er bekam Besuch von ein paar Aushilfsgangstern, die ihm drohten, sollte er irgendwelche Informationen weitergeben, würden sie ihm die Eier abschneiden. Dann schlugen sie ihn zusammen. Nach drei Wochen wurde er aus dem Krankenhaus entlassen. Drei Wochen hatte Sid Zeit sich Gedanken zu machen. Und er war klug. Ein pfiffiges Kerlchen. Schon immer hatte ich ihm vorgeworfen sein Talent bei diesen Vampiren zu vergeuden.
Ich besuchte ihn fast jeden Tag im Krankenhaus. Seit der Schulzeit waren wir immerhin beste Freunde, durch Dick und Dünn, wie man so schön sagt. Ihn mit seinem zertrümmerten Gesicht zu sehen tat mir sehr weh. Nicht ansatzweise so sehr wie ihm. Seine Eitelkeit bereitete ihm noch mehr Schmerzen. Es wird lange dauern, bis er wieder zu dem Beau wird, der er war; wenn überhaupt. Als diese Penner ihn zusammenschlugen, warfen sie ihn im Anschluss durch eine Schaufensterscheibe; mit dem Kopf voran.
Aber, wie gesagt, er war klug, äußert rachsüchtig und der IT Security Coordinator der Bank. Nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, hatte er sich in seiner Wohnung verbarrikadiert. Jedes mal, wenn ich vorbeikam, häuften sich mehr und mehr Akten, Unterlagen, Dokumente, Festplatten und USB Sticks. Drei Monate waren vergangen. Ich sagte ihm, dass es verrückt sei. Doch je öfter und detaillierter er mich über sein Vorhaben informierte, desto hellhöriger wurde ich. Nächtelang debattierten wir … und tranken. Sid war inzwischen wieder ganz gut auf dem Damm, aber sein Gesicht blieb ein Trümmerhaufen.
Eines Abends, er war immer noch Feuer und Flamme und konnte es kaum erwarten, die Sache durch zuziehen, saßen wir wie immer in seinem Wohnzimmer, debattierten und tranken. Allerdings hatte mich die anfängliche Euphorie verlassen. Wenn auch immer noch betrunken, so betrachtete ich dennoch das Vorhaben immer nüchterner. Es war mir zu unsicher. Zu viele „Was wenn…“, zu viele Eventualitäten. Ich musste aber auch zugeben, dass ich Sids durchstrukturierten Plänen nicht immer ganz folgen konnte. Letztlich sagte ich ihm doch schweren Herzens ab und riet ihm die Sache auf sich beruhen zu lassen; vielleicht noch einmal mit der Polizei zu sprechen, um diesen miesen Penner dran zu kriegen. Sid war sichtlich von mir enttäuscht, wollte von der Polizei und einem Gerichtsverfahren nichts wissen und wies mich resigniert zur Tür. Ich ließ ihn allein mit seinen Plänen zurück.

STAUB – TEIL 2: Süße Rache (YouTube)

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