Teil 3: Die alte Spielzeugfabrik

Und hier waren wir. Trotz meiner Entscheidung, mich aus Sids Plan herauszuhalten, hatte mich mein stetig abwärts laufendes Leben doch noch einmal umgestimmt. Denn nachdem Sid wieder allein zurecht kam, richtete sich mein Blick leider wieder auf mein eigenes Leben. Und da schwirrten mir Bilder durch den Kopf, wie die meiner Exfrau, die es mit meinem Exchef auf den Bahamas trieb, während ich arbeitslos auf dem Sofa verrotte, Dosenbier und billigen Fusel in mich hineinkippte und mir die Sesamstraße ansah.
Deshalb saßen Sid und ich nun doch dort; und zwar in einer beschissenen Falle. Denn Sids wohl fein ausgeklügelter Plan war nach natürlich ordentlich nach hinten losgegangen. Es war sein Plan, nachts in die Bank einzumarschieren, mithilfe seiner Zugangscodes, Schlüsseln und Karten, die er zuvor umprogrammiert hatte. Lediglich auf das Geld und die Aktienpapiere seines Chefs hatten wir abgesehen. Der Kerl hatte einiges gebunkert; und so weit Sid es recherchiert hatte, waren seine Einnahmequelle alles andere als koscher. Der Kerl war schlicht ein Krimineller. Wir konnten mit den gesammelten Informationen nur nicht zur Polizei, weil wir uns dann selbst ans Messer geliefert hätten. Denn auf legalem Weg war Sid nicht an die Informationen gekommen.
Wir mussten in die Bank hinein, um an die entscheidenden Daten zu kommen, die wir transferieren und somit stehlen wollten. Da Sid das Sicherheitssystem mit entwickelt und konstruiert hatte, gelang uns ein recht einfacher Einstieg, sowohl ins Gebäude, als auch ins System.
Wir hatten das Geld bereits transferiert. Sid musste nur noch seine digitalen Spuren verwischen und wir im Anschluss aus der Bank. Aber das Schicksal, die Götter, oder wer auch immer,wollte es anders. Ein Wachmann kam uns in die Quere. Ein alter Rentner. Wer zum Teufel heuert denn heute noch Wachpersonal an?! Sids Chef war offensichtlich nicht entfallen, dass Sid über den vollautomatisierten Sicherheitsapparat bestens informiert war und musste den alten Knacker engagiert haben. Für den unwahrscheinlichen Fall das der bescheuerte Ex-Mitarbeiter auf dumme Ideen kommt. Bingo. Und dann ist dieser Mistkerl auch noch so geizig, dass er einen Mann herankarrt, der mindestens achtzig Jahre alt sein musste und offensichtlich nur seine Rente aufbessern wollte; oder der Langeweile entkommen wollte. Nein, das nicht. Dafür war das der falsche Job. Obwohl, vielleicht würde er ja gleich mehr Action haben, als ihm lieb war. Wir mussten aufpassen, denn Opi wollten wir bestimmt nicht auf dem Gewissen haben. Er hätte wahrscheinlich einen Herzinfarkt bekommen, würde er uns erwischen.
Sid und ich waren gerade auf dem Weg durch die Eingangshalle nach draußen, als wir die Toilettenspülung vom Gäste WC hörten, gefolgt von den plätschernden Geräuschen des Händewaschens, untermalt mit einer fröhlich gepfiffenen Melodie. Mamma Mia. Der Kerl war ein Abba Fan. Wir blickten uns einander völlig perplex und leicht panisch an und wussten, dass wir „Plan B“ ausführen mussten. Wir hatten vorgesorgt und uns für die verschiedenen Eventualitäten einige Handlungsalternativen offen gehalten. So viel hatten wir zumindest aus „Der Coup“ und „Ocean´s 11“ bis „13“ gelernt.
Wir gingen schnell hinter dem Empfangsschalter in Deckung. Der alte Mann kam stolzen Schrittes und erhobenen Hauptes aus dem Waschraum und zog sich die Uniform noch einmal glatt. Er schien sehr stolz auf seinen neuen Job zu sein, oder auf das, was auch immer ihm dort drin gelungen war. Der Alte blickte auf seine Armbanduhr, furzte einmal laut und ging zum Eingang. Das war die Gelegenheit für uns, wieder nach hinten zu den Büroräumen zu schleichen, vorbei an dem frechen, kleinen Wind, den der Alte herausgelassen hatte.
„Plan B“ bestand darin, uns durch die Kanalisation zu verdrücken. Am Ende des Korridors, vorbei an den Büroräumen, gab es einen Zugang im Boden einer Abstellkammer, in der das Reinigungspersonal seine Geräte aufbewahrte. Sid hatte auch ältere Pläne des restaurierten Gebäudes studiert, in der Hoffnung, genau diese Art von vergessenen Zugängen zu finden, die die Architekten bei ihrer Modernisierung des Gebäudes in ihren Plänen übersehen hatten, bzw. nicht mehr mit eingetragen hatten. Fatal für eine Bank.
Wir schlichen uns in die Kammer und schnitten den Teppichboden an der Stelle auf, wo wir die schmale Öffnung vermuteten. Und da war sie. Eine etwa achtzig Quadratzentimeter große, lackierte Eisenplatte. Sie war lediglich mit acht Schrauben am Boden befestigt. Sid nahm den Akkubohrer aus seinem Rucksack und wir hofften, dass das Surren des Bohrers nicht vom Wachmann gehört wird, auch wenn sein Gehör wahrscheinlich nicht mehr das beste gewesen sein konnte.Während Sid die acht Schrauben entfernte, stand ich an der Tür zur Abstellkammer, hielt sie einen Spalt auf und beobachtete den dunklen Korridor. Dann schaffte es Sid, die Luke zu öffnen. Er ließ seinen Rucksack durch die Öffnung hinab und kletterte hinunter.
„Ganz schön eklig. Habe ich erwähnt, dass ich einen leichten Ekel vor Spinnen habe?“, flüsterte er.
„Halt die Klappe.“, ermahnte ich ihn entnervt, während ich die Tür schloss und ihm folgte.
Ich versuchte, so gut es ging die Luke wieder zu schließen und sie wieder ein wenig mit dem Teppich zu verdecken. Es sollte reichen. Bis die dahinter kommen, sind wir weg. Hoffte ich zumindest. Es ging drei Meter abwärts und unsere Taschenlampen erleuchteten den zwei Meter hohen und breiten Tunnel, durch den Abwasser und elektronische Leitungen liefen. Ich nahm an, das die meisten von ihnen nicht mehr in Betrieb waren.
„Am Ende des Tunnels sollte ein Zugang sein, der unter einer stillgelegten Fabrik liegt.“, sagte Sid.
Ich konnte mich noch an den Stadtplan der Umgebung erinnern. Etwa zweihundert Meter neben der Bank befand sich das Gelände einer alten Spielzeugfabrik. Sie war bereits seit den sechziger Jahren nicht mehr in Betrieb. Trotzdem hatte sich wohl niemand für das Grundstück interessiert. Oder jemand wollte es nicht hergeben. Jedenfalls wateten Sid und ich durch den feuchten, rattenbefallenen und, zu Sids Übel, Spinnen und Spinnenweben übersäten Tunnel und gelangten schließlich zu einem weiteren Aufstieg, über dem sich die Fabrik befinden musste.

STAUB – TEIL 3: Die alte Spielzeugfabrik (YouTube)

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