Teil 4: Puppen

„Natürlich habe ich daran gedacht, dass wir Schwierigkeiten mit dieser rostigen, alten Klappe bekommen könnten!“, sagte Sid sichtlich entnervt, während er seinen Rucksack nach dem Schneidbrenner durchsuchte.
Ich wurde in dieser feuchten, engen Dunkelheit langsam ein wenig nervös. Wir hatten ausgerechnet, dass uns etwa fünf Minuten bleiben könnten, bis der externe Sicherheitsserver Alarm schlagen wird. Sieben Minuten waren vorbei und ich konnte mir vorstellen, wie die Polizei bereits die Bank nach Spuren durchsuchten. Wir mussten verschwinden. Sid hatte endlich den Schneidbrenner gefunden, öffnetet den Gashahn und machte sich gleich daran, der verrosteten Luke ordentlich einzuheizen. Ich blickte immer wieder in den dunklen Tunnel zurück und hoffte, dass wir noch ein paar Sekunden haben bevor die Ermittler die Luke in der Abstellkammer bemerkten, die ich leider nur provisorisch mit dem durchschnittenen Teppich verdecken konnte.
„Ich habs!“, rief Sid, schaltete den Brennschneider aus, nahm die Schutzbrille ab und verstaute alles wieder in seinem Rucksack. Dann verschwand er durch die Luke und hielt mir seine Hand entgegen, damit ich ihm folgen konnte.
Wir waren froh, aus dem Tunnel raus zu sein, als uns eine krächzende Stimme das Herz stocken ließ.
„Scheiße, wer seid ihr denn?“, kreischte sie hinter uns.
Schnell drehten wir uns um und leuchteten in ein mit Akne befallendes Gesicht. Die Stimme drang aus dem Mund eines Teenagers, der uns beirrt durch halb geöffnete, leicht geröteten Augen ansah. Links und rechts neben ihm standen ein Junge und ein Mädchen, etwa im selben Alter, irgendetwas zwischen sechzehn und achtzehn.
„Die Frage könnten wir euch stellen!“, bellte Sid zurück.
„Wir hatten dort unten zu tun. Wir sind … Elektrotechniker und wir wurden raus geschickt, um … eine alte Leitung auszutauschen.“
Ich wollte mir erst die Hand vor den Kopf schlagen, so bescheuert hielt ich seine Ausrede. Entschied mich dann aber doch dagegen.
Offensichtlich hatten wir es mit einer kleinen Kifferparty zu tun. Der wohl bekannte Geruch stieg uns in die Nase. Das erklärte die gelassenen Gesichter und die geröteten Augen der Kids. Also brauchte ich mir doch keine Gedanken, um die bescheuerte Ausrede zu machen. Sid und ich sahen einander erleichtert an und konnte uns ein Lachen nicht verkneifen.
„Oh, Mann. Sie werden doch wohl nicht etwa die Polizei rufen?“, fragte das Mädchen flehend.
„Keine Sorge.“, sagte ich. „Zeigt uns nur, wie wir hier wieder herauskommen. Ihr solltet natürlich die Finger von dem Zeug lassen und euch nicht in diesem baufälligem Gebäude aufhalten, aber wir sind auch nicht eure Eltern und eigentlich relativ froh, dass wir endlich Feierabend haben.“, flunkerte ich; denn eigentlich war mir beides scheiß egal.
Sid hatte sich daran gemacht, die Luke wieder zu verschließen. In der Halle, in der wir herausgekommen waren, war es recht dunkel, nur das Mondlicht schien durch die Fenster, die in der Decke eingelassen waren. Überall lag Schutt und Eisenteile herum. Die Kids hatten ihre eigenen Taschenlampen dabei, was in der Dunkelheit wenigstens noch einmal zusätzlich ein wenig Licht bot. Sid legte ein paar schwere Steine auf die Luke. Die Kids sahen ihn fragend an.
„Ratten. Ich habe Angst, dass sie mir folgen. Ich weiß, großer Quatsch, aber ich habe ein kleines Kindheitstrauma.“, sagte Sid und schmunzelte.
„Aber wieso steigen sie denn wieder hier rauf und gehen nicht den Weg, den sie gekommen sind?“, fragte der andere Junge mit den schulterlangem Haar, deren fettige Enden unter seiner Wollmütze herausragten.
„Eine Abkürzung, Klugscheißer. Und jetzt hört auf uns zu nerven, sonst überlegen wir uns noch, ob wir die Polizei zusammen mit euren Eltern anrufen.“, sagte ich barsch, damit ich ihnen auch gleich den Wind für weitere Fragen aus den Segeln nehmen konnte.
„Okay, okay. Regen sie sich ab.“, sagte das Mädchen.
„Und ihr haltet die Klappe Leute, ich will keinen Ärger bekommen!“, sagte sie zu ihren Freunden.
Dann wandte sie sich wieder an uns: „Hier entlang. Sie müssen aufpassen. Hier liegt überall noch Zeugs herum. Wir sind dort vorne, durch den Eingang gekommen. War eigentlich gar nicht so schwierig hier einzusteigen. Sind erst seit ein paar Minuten hier.“
In Echtzeit oder in Kifferzeit, dachte ich.
Jetzt wurde mir auch zum ersten Mal bewusst, wo wir uns überhaupt befanden. Wir standen in einer Halle, in der alte, rostige Maschinen und Fließbänder aufgereiht waren. Das Bild dieser Ruine war von Anfang an nicht gerade vertrauenerweckend. Ich hatte das Gefühl, dass jeden Moment die staubigen, rostigen Balken einstürzen und uns alle begraben würden.
„Ein netteres Plätzchen konntet ihr euch wohl nicht fürs Kiffen aussuchen, was?“, scherzte Sid.
„Also als wir in eurem Alter waren, haben wir uns eher in gemütliche Keller, Garagen oder Dachböden gehockt, wenn unsere Eltern nicht da waren.“, sagte Sid weiter; er hasste schweigsame Momente, war selbst gerade verständlicherweise sehr nervös und versuchte sich wahrscheinlich nur abzulenken. Ich konnte mir ein schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen. Wir gingen an alten, verrosteten Maschinen und Fließbändern vorbei, die bereits in sich zusammengefallen waren. Höcker, Tische und Armaturen waren mit Staub und Spinnweben verhangen und bedeckt. Für mich sah es so aus, als wäre hier seit zweihundert Jahren niemand mehr gewesen und nicht erst seit den sechzigern.
Ich kramte in meinem Rucksack, um einen Schluck von dem Bourbon zu nehmen, den ich eigentlich für eine „erfolgreich abgeschlossene Mission“ aufgehoben habe, als …
„Verdammt!“, schrie Sid auf und machte einen Satz zur Seite. Das Mädchen schrie ebenfalls lauthals und uns übrigen stockte der Atem.
„Was soll das denn?!“, empörte sich Sid und stieß mit seinem Fuß gegen die Quelle des Schreckens. Ein Kopf. Ein kleiner, kahler Schädel. Rosa Wangen, volle aber zarte Lippen. Dicke, dichte Wimpern, aber keine Augäpfel. Dafür einen zierlichen schlanken Hals. Als ich mit meiner Taschenlampe das Umfeld durchsuchte und wir genauer hinsahen, fanden wir uns in einem Schlachtfeld wieder. Köpfe, Arme, Beine. Manchmal steckten sie noch an einem Torso. Und einige Augenhöhlen waren mit strahlenden Augen bespickt.
„Puppen!“, rief das Mädchen und lachte erleichter auf.
Der Schreck der Übrigen, allen voran mein eigener, ließ nach und wir lachten mit. Zum Schluss hatte auch Sid sich angeschlossen. Trotzdem lagen meine Nerven blank. Erst der Wachmann, dann der Tunnel und jetzt diese miese, Einsturz gefährdete Puppenfabrik. Ich war fertig und die Verzweiflung aus meinem Lachen konnte ich selbst heraushören. Ich war erleichtert, das ich die Flasche Jack dabei hatte. Ich wusste, er würde mir helfen, die Nerven zu bewahren und mich wieder ein wenig runter kommen lassen.
„Na gut Leute, ich gebe einen aus, und dann nichts wie raus aus diesem Drecksloch!“, sagte ich, öffnete die Flasche nahm einen tiefen Schluck und reichte sie weiter an die Runde. Ich bekam tosenden Beifall von den Kids und natürlich nahm auch Sid einen tiefen Schluck. Ich stellte dann erst fest, dass Sids Nerven, ebenso wie meine, am Ende waren. Deshalb tranken wir, lachten, tranken noch ein bisschen mehr und kickten die Köpfe und Gliedmaßen der Puppen umher.

STAUB – TEIL 4: Puppen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s