Teil 5: Korridore

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Sid fing an alte Saufgeschichten von uns beiden zum Besten zu geben und erzählte, wie ich nach einer Wette nackt in eine Kneipe marschierte, in der Skin Heads gerne abhingen und ich lauthals rief „Schwule an die Macht ihr Pussis!“, ihnen den Finger zeigte und dann nichts wie weg gerannt war. Wir hätten diese widerliche Hütte zwar eigentlich besser abfackeln sollen, aber was solls?!
„Für welchen Stromanbieter arbeitet ihr eigentlich? Ich meine, ihr seht irgendwie nicht so richtig nach Elektrikern oder wie auch immer aus.“, lallte Jonas, nachdem er einen letzten Schluck Whisky genommen hatte und die Flasche an Freddi, dem etwas schüchternen Jungen weiterreichte.
Jonas war der Junge, dessen fettige Mähne unter der Wollmütze herausragte. Sein Outfit erinnerte mich an die Grungekids aus den Neunzigern. Moden kommen und gehen, schätze ich. In seinem Fall hätte sie aber auch sehr gut weg bleiben können. Jonas überraschte mich jedenfalls mit seiner Frage. Sie kam plötzlich und unerwartet – nun ja, ich war angeschwipst und leicht bekifft; da kommt vieles unerwartet.

„Für einen großen.“, antwortete ich Jonas kurzerhand und warf einen verstohlenen Blick zu Sid hinüber, der mir still und schulterzuckend mitteilte, dass es sowieso egal war. Sie konnten mir diese Lüge unmöglich abnehmen, aber trotzdem fing Emma an zu prusten und wir lachten alle. Es wird wohl mehr an den Drogen und am Alkohol gelegen haben. Der Dritte im Bunde war, wie gesagt, Freddi. Im Gegensatz zu Jonas war er kein Revival der Grunge Generation, sondern eher absoluter Durchschnitt, also Modemagazin Durchschnitt, wie ich es gern nannte. Ich war mir sicher, dass er nur widerwillig in die Fabrik eingebrochen war. Wahrscheinlich wollte er der gut aussehenden kleinen Emma imponieren. Er gehörte zu den Jungen, die Freitags brav ihre Hausaufgaben machten und nicht wirklich inhalieren (das war seit eh und je meine Kritik an ihnen).

Wir hatten in zwanzig Minuten zusammen mit den Kids beinahe die ganze Flasche Jack Daniels geleert und herumgealbert. Bei Sid und mir waren wahrscheinlich die Nerven durchgegangen und eine Art von Verdrängung musste der Grund unseres idiotischen Verhaltens gewesen sein. Wir hätten so schnell wie möglich verschwinden sollen. Es war absolut nicht unwahrscheinlich, dass uns die Polizei jeden Moment durch den Tunnel folgte. Aber wir tranken. Und ich jedenfalls, hatte ganz vergessen, dass wir gerade 25 Millionen Euro gestohlen hatten.

Unser albernes Gelächter verstummte allerdings, als durch die vom Mondlicht durchtränkte Halle, in der uns immer noch die leeren Augen der Puppenköpfe anstarrten, ein dunkles Grollen zog. Dann folgte ein metallisches, klickendes Geräusch, das erst aus einer Richtung, dann aus mehreren kam. Wir verstummten und die Fabrik war auf einmal nur noch eine einzige, dunkle Bedrohung, der jeder von uns so schnell wie möglich entfliehen wollte.
„Lasst und zusehen, dass wir hier rauskommen.“, schlug Sid sichtlich nervös vor.
„Vermutlich bricht uns der ganze Schuppen über den Köpfen zusammen, wenn wir hier nicht bald verschwinden.“

Aber das war es nicht, was ihn antrieb. Ihm stand die Angst genauso ins Gesicht geschrieben, wie den Kids und mir selbst vermutlich auch. Auch wenn ich  einen Generator mit einem Kurzschluss dafür verantwortlich machen wollte, spürte ich dennoch, dass es etwas anderes war und irgendetwas ganz und gar nicht stimmte.

„Wo lang?“, frage ich Emma.
„Hier entlang, glaube ich. Wir stiegen direkt durch den Haupteingang ein. Wir sind den Korridoren gefolgt und landeten dann irgendwann in der Halle, wo diese ganzen alten, kaputten Maschinen herumstanden.“, erklärte sie, während wir uns in Bewegung setzten.

Ich warf die nun leere Flasche in die Dunkelheit. Sie zersplitterte nicht. Kein Krachen. Vermutlich hatte ich einen Kleider-, einen Stoff- oder Müllhaufen erwischt.

„Freddi und Jonas konnten es kaum erwarten die Tüte anzuzünden. Wir haben den Joint gerade aufgeraucht, da seid ihr schon durch diese Luke geklettert und habt uns mit eurer Ninja Turtle Nummer überrascht. Wir kamen jedenfalls durch die Korridore dort vorne. Es waren höchsten zwei oder drei Abbiegungen von dem Haupteingang, von wo aus wir auch hier eingestiegen sind.“

Wir leuchteten den Weg und die Umgebung ab, um herauszufinden, wo diese Geräusche herkamen. Denn sie wurden lauter. Wir liefen Emma hinterher. Sie wurde sichtlich nervöser, wie wir alle. Ich lief neben ihr und merkte, dass sich ihre Angst langsam in Panik zu  verwandeln drohte.

„Ganz ruhig. Der Bau wird wohl noch halten, bis wir raus sind. Das wäre ja wohl ein komischer Zufall, wenn der Kasten hier gerade jetzt zusammenkracht, nachdem er die ganzen Jahrzehnte unbeschadet überstanden hat. Die Geräusche kommen wahrscheinlich von draußen. Oder vielleicht bereiten die Behörden gerade die Sprengung dieses alten Kastens vor.“, scherzte ich, um sie zu beruhigen und legte ihr die Hand auf die Schulter. Sie lächelte, aber das mulmige Gefühl konnte ich ihr nicht nehmen und mir selbst genau so wenig.

Wir verließen die große zugestellte Maschinenhalle durch eine aus den Angeln gefallene Schwenktür. Ich wünschte ich hätte noch eine Flasche Jack dabei gehabt, auch wenn ein klarer Kopf von Vorteil war, oder gewesen wäre. Wir liefen seit zehn Minuten durch verschieden Korridore und kamen an immer neuen Abzweigungen vorbei. Unsere Schritte wurden hastig und schneller.

„Das ist es nicht Emma. Wir haben uns verlaufen. Hier sind wir nie im Leben lang gekommen.“, sagte Freddi.

Ich sollte im Übrigen recht behalten, was seinen Charakter anbelangte. Aus den Gesprächen erfuhr ich, dass der Abend für ihn eher eine Art von Mutprobe gewesen war, die er eingegangen war, um wahrscheinlich Emma zu beeindrucken. Ansonsten war er einer dieser Musterknaben, zu dessen Gewohnheiten illegales Betreten eines baufälligen Grundstücks mit anschließender Sauferei und Kifferei sonst nicht zum Freizeitspaß am Wochenende gehörten. Trinkt man einmal zusammen, erfährt man sehr schnell, wer dort vor einem steht. Das war zumindest meine Erfahrung.

„Was soll denn das heißen?!“, schrie Sid, dem der Spaß jetzt völlig abhanden gekommen war.
„Beruhige dich, Sid. Bleibt mal alle stehen.“, sagte ich und wir blieben in dem dunklen Korridor stehen.
Mondlicht schien lediglich durch die winzigen, vergitterten Fenster, die unerreichbar in vier Metern Höhe angebracht waren. Diese Korridore glichen wie einem Ei dem anderen. Es war ein Labyrinth.

„Mann, Scheiße, was ist das? Ich will hier raus! Ich will hier raus!“, schrie Freddi.
Unser Musterknabe kämpfte mit den Tränen und suchte hektisch mit der Taschenlampe alles ab. Nur gab es da nicht viel. Nur einen Korridor, den wir weiter entlang gehen mussten. Aber da war auch wieder dieses Geräusch. Es hatte sich verändert. Es hatte Form angenommen und schien jetzt definitiv nicht mehr von außerhalb der Halle zu kommen. Es waren jetzt mehrere Geräusche, die sich überlappten. Ein Klicken und Klacken, ein Kratzen und Wetzen. Freddi, wie wir alle, hatte die Hosen gestrichen voll. Wir wussten nicht, was zur Hölle dieser Lärm sollte, der lauter und lauter wurde und immer näher an uns heran rückte. Dann rannte Freddi auf einmal los, in blanker Panik.

„Freddi! Freddi!“, riefen wir abwechselnd, aber wir konnten ihn nicht mehr erreichen. Wir sahen den hektisch auf und ab zappelnden Lichtkegel seiner Taschenlampe am Ende des Korridors verschwinden.
„Diese verfluchten Kinder!“, schrie Sid.

„Schon gut. Reg dich ab. Regt euch alle ab. Wir gehen jetzt los und fangen Freddi wieder ein. Und dann werden wir auch bald erfahren, welcher Motor, welche alten Leitungen oder Maschinen für diesen Krach verantwortlich sind. Verdammt! Jetzt ist Schluss mit dieser Horrorshow. Ich bin zu alt für diesen Scheiß!“, sagte ich und ich hatte wirklich die Nase und die Hose gestrichen voll.

Ich wollte aus diesem Schuppen verschwinden. Wir hatten gerade eine Bank überfallen und spielen jetzt Geisterjagd mit diesen Kindern. Der Lärm wurde lauter. Immer noch ein Klimpern und Klacken und Scharren. Ich ging mit meiner Taschenlampe voran und folgte Freddi. Emma wich mir nicht von der Seite. Die anderen waren dicht hinter uns.

„Freddi! Komm zurück! Freddi!“, rief ich.

Der Korridor bog am Ende links ein, endete nach einigen Metern und eine rostige, alte Klapptür ebnete den Weg in einen weiteren dunklen Raum. Es war seltsam. Als wir hinein gingen verstummte der Lärm und es war still. Und diese plötzliche Stille griff nach meiner Kehle, drückte mir den Atem ab, ließ mein Herz erstarren und mich bis ins Mark gefrieren.

STAUB – TEIL 5: Korridore

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