Teil 6: Scheren

scheren

 

 

„Freddie? Freddie?!“, rief Emma, aber ihr Freund antwortete nicht.

Wir waren in der Kantine der alten Fabrik. Bänke und Tische aus Metall waren in einem zehn Quadratmeter großem Raum aufgereiht. Auch hier waren die Fenster zu weit oben, außer Reichweite und vergittert, wie in den anderen Teilen der Fabrik. Mich erinnerte diese Kantine, oder überhaupt die ganze Anlage, eher an ein Gefängnis, wie ich es bisher nur aus Filmen kannte – und ich sehr hoffte, dass es auch so bleiben wird.

Auf den Tischen standen teilweise noch Tabletts mit Geschirr, Gläsern und Tassen. Alles von einer dicken, dichten Staubschicht bedeckt.

„Freddie? Bist du das? Sag doch etwas! Du machst mir Angst.“, sagte Emma und trat langsam weiter in den Raum hinein, während sich die Lichtkegel unserer Lampen nur mühselig einen Weg durch den Staub bahnten.

Am anderen Ende des Raums stand jemand vor der Tür, die vermutlich zur Küche führte.

„Du machst nicht nur Emma Angst, Freddie.“, sagte Sid und wir gingen langsam auf die stumme Gestalt zu, deren Schatten sich keinen Zentimeter bewegte.

„Hör auf mit dem Mist und sag etwas!“, schrie Sid.

Irgendetwas stimmte nicht. Ich leuchtete den Weg zu Freddie und der Staub, den wir beim Betreten des Raums aufgewirbelt haben, legte sich etwas. Ich war nur noch wenige Meter von Freddie entfernt. Die anderen folgten mir mit leichtem Abstand.

„Scheiße! Zurück! Sid, halte die Kinder zurück!“, rief ich, während ich mich reflexhaft umdrehte um Emma zurückzuhalten. Gleichzeitig versuchte ich mich nicht zu übergeben. Letzteres gelang mir knapp, aber Emma schrie panisch auf, als der Lichtkegel ihrer Lampe auf das traf, was einmal Freddie gewesen war. Ich nahm Emma in den Arm, drehte sie von ihm weg. Sie schrie weiter, brach in Tränen aus und wollte wegrennen. Sid reagierte schnell, fing auch Jonas ab und hinderte ihn daran, wie Freddie vor ihm, einfach und in blanker Panik davon zu laufen.

Freddie war an die alte Holztür genagelt worden. Auf den ersten Blick dachte ich es seien Messer gewesen, aber es waren Scheren, große robuste Scheren, die ihm in den Brustkorb gerammt worden waren. Acht oder zehn von diesen riesigen Dingern hatten seinen Brustkorb durchbohrt und steckten in dem alten, morschen Holz der Kantinentür fest. Ebenso waren seine Arme und Beine an die Tür gerammt worden. Dort hing er, gekreuzigt. Eine weitere Schere hatte seine Stirn durchbohrt und zwei steckten in seinen Augenhöhlen. Ich gab Emma in Sids Obhut, der sich mit den beiden zum anderen Ende des Raums zurückzog.

Ich zwang mich jedoch den armen Freddie genauer zu betrachten, weil ich es weder glauben konnte, noch wollte, was meine Augen dort sahen. Durch das Viele Blut konnte ich es nicht sofort erkennen, aber sie hatten Freddie den Unterkiefer herausgerissen und es sah aus, als hätten Tiere an seinem Gesicht, Ohren, Hals und Händen herumgenagt. Ich musste mich jetzt doch übergeben.

„Scheiße! Scheiße! Scheiße!“, rief Jonas laut, dann sackte er auf den Boden, übergab sich auch und fiel in Ohnmacht. Emma zitterte und wimmerte. Ich sah, dass sie unter Schock stehen musste. Sid schüttelte nur wieder und wieder den Kopf.

„Marc! Was läuft hier für eine Scheiße?!“, schrie Sid.

„Was ist das hier?! Irgendein Psycho läuft hier herum und wird uns kalt machen! Verdammt! Wir müssen hier raus! Das gibt es doch nicht!“

Er fluchte und hatte panische Angst. Ich selbst versuchte so ruhig wie möglich zu bleiben und suchte den Raum mit meiner Lampe ab. Es war dunkel, aber ich konnte niemanden ausfindig machen. Wer immer es getan hatte, musste auf der anderen Seite der Tür sein, oder wieder in den Korridoren. Ich wusste es nicht. Und was waren das für Bisse? Ein Teil von mir wollte durch die Tür stürmen und sich an demjenigen rächen, der Freddie das angetan hatte. Der klügere und auch ängstlichere Teil hielt es allerdings für keine gute Idee einem Soziopathen in eine dunkle Falle zu laufen. Wir mussten wieder zurück.

„Sid! Gib mir Emma und versuche Jonas wieder auf die Beine zu kriegen!“, rief ich.

Dann trat ich noch einmal näher an den armen Freddie heran. Wir sollten nicht unbewaffnet weitergehen, dachte ich mir und zog mit viel Mühe vier der großen Scheren aus Freddies Brust. Sie erinnerten von der Mechanik an Geflügelscheren, nur noch eine Nummer größer. Solch eine Konstruktion habe ich noch nie gesehen. Wer baut denn nur so etwas? Ich ging mit den blutigen Scheren hinüber zu Sid. Und dann war es wieder da. Das Klicken und Klacken und das Scharren war wieder da. Diesmal war noch etwas Anderes unter den Geräuschen, etwas Neues, etwas, das zuvor nicht da war. Ein emsiges Trippeln, wie von sehr kleinen Füßen.

STAUB: Teil 6 – Scheren (YouTube)

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