TEIL 8: DIE WEISSE HEXE

„Verdammt, Sid, mach diese beschissene Tür auf! Das müssen hunderte von diesen Dingern sein!“, schrie ich ihn an.

Das Adrenalin hatte Emma und Jonas von ihrer Benommenheit losgerissen und wir drei traten gemeinsam diese fiesen grinsenden Puppen in alle Richtungen. Chuckies. Sie sahen aus wie diese Puppe aus diesem alten, lächerlichen Film von dem es alle Jahre wieder einen Remake gibt. Und ihre Augen; sie glühten. Es war ein dunkles Feuer. Emma schrie. Eine dieser Kreaturen hatte sie mit ihren Klauenhänden am Bein erwischt. Ich trat auf dieses Biest ein, bis sich ihr Torso von den Armen löste, die sich in ihr Bein gekrallt hatten und ich dieses Miststück in die Dunkelheit treten konnte. Dann zog ich die kleinen Arme aus Emmas Bein. Sie schrie vor Schmerz und ich hoffte, dass es nicht all zu stark bluten würde. Ich wollte mir ihre Verletzung gerade näher ansehen, als mich fünf, sechs weitere Puppenzombies von hinten ansprangen und versuchten ihre kleinen, scharfen Waffen und spitzen Hände in meinen Rücken zu bohren. Jonas reagierte schnell, schleuderte und trat sie von mir, bevor sie Gelegenheit hatten, mich ernsthaft zu verletzten. Jonas selbst hatte Schnitt- und Stichwunden an seinem Hals, im Gesicht und Blut rann von seiner rechten Schulter und durchtränkte sein Hemd. Ein heilloses Gemetzel, in dem wir kaum etwas sehen konnten, denn unsere Taschenlampen fielen uns immer wieder aus den Händen. Aber sie blieben in Takt. Ohne sie wären wir verloren gewesen. Es war ein Wunder, dass diese Viecher es noch nicht geschafft hatten, uns die Kehle zu durchtrennen.

„Sid!“, schrie ich.

„Ich habs gleich!“, schrie er und stürzte sich noch ein letztes Mal gegen die alte rostige Tür.

Seine Schulter musste ihm mittlerweile unglaubliche Schmerzen bereiten. Aber er hatte es endlich geschafft. Das verrostete Schloss zerbrach und wir stürzten und taumelten hinein, die Puppen immer noch an unseren Körpern, sich festkrallend und zustechend. Wir wurden sie einfach nicht los und ich fürchtete das Schlimmste.

Dann geschah etwas unerwartetes. Diese Mörderpuppenkadaver mit ihren Höllenfeueraugen zogen sich auf einmal mit einem ängstlichen Wimmern zurück. Die Mimen ihrer Plastikvisagen wandelten sich in blankes Entsetzen. Mit ihrem Klicken und Klacken und Wimmern waren sie innerhalb eines Augenblicks verschwunden. Ein Gefühl des Triumphs und der Schadenfreude durchlief mich. Jedoch nur kurz. Dann machte ich mir Sorgen, weshalb, oder noch viel mehr, vor wem oder was diese Dinger auf einmal flohen. Jonas preschte zur Tür, schleuderte sie zu und sah sich hilfesuchend um.

„Nun macht schon! Sucht etwas womit wir sie verbarrikadieren können!“, schrie er.

Wir durchleuchteten den Raum und fanden eine lange Bank, die Emma, Sid und ich schnell gemeinsam zu Tür schleiften. In dem Raum waren noch mehrere solcher schweren Bänke. Wir holten noch drei und schoben sie voreinander. Dann erst fiel uns auf, dass es Kirchenbänke waren. Ich leuchtete den Raum weiter ab und sah, dass es eine Kapelle war. Der Raum war etwa fünf mal Zehn Meter breit, Bleiglasfenster waren an seinen Seiten angebracht, auf denen die Kreuzigungsszene dargestellt war. Sechs Fenster. Jedes stellte einen Abschnitt dar: Den Einzug in Jerusalem, die Vertreibung der Händler aus dem Tempel, seine Festnahme, das Gericht vor Pilatus und seine Kreuzigung – ja, ich hatte meine Zeiten als Messdiener.

„Marc!“

Sid holte mich aus meinen Gedanken zurück in die Hölle der Wirklichkeit.

„Ja, es sind wirklich sehr schöne Fenster! Und es tut mir leid, dich das jetzt fragen zu müssen, aber kommen wir nach draußen, wenn wir die Fenster zerschlagen?“, fragte er mich.

Ich sah mir die Fenster noch einmal unter einem rein praktischem Aspekt an. Ja, das könnte unser Ticket nach draußen sein. Die Bleiglasfenster waren dünn und in erreichbarer Höhe.

„Ja, das könnte klappen. Wenn wir sie einschlagen und aufpassen, dass wir uns an den Kanten nicht die Pulsadern aufschneiden. Seht ihr irgendetwas, das wir benutzen könnten?“, fragte ich.

„Lasst es und hiermit versuchen!“, rief Emma aus der anderen Ecke der Kapelle.
Sie hatte ein Weihwasserbecken entdeckt, dass in ein schweres Metallgestell eingelassen war. Wir liefen zu ihr und ich sah mir das Gestell an. Es war jedenfalls schwer genug, um eines der Fenster zu zertrümmern, wenn wir es bewerkstelligen konnten, es zu werfen.

„Na gut, alle zusammen … und los!“, schrie Sid und wir hoben das Becken gemeinsam an.

Es war schwer, aber mit genügend Schwung sollten wir es hoch genug werfen können, um uns den Weg nach draußen zu bahnen – hoffte ich zumindest.

„Dort wurden sie getauft.“, sagte Emma, ließ plötzlich los, blickte wie hypnotisiert vor sich hin und ging seelenruhig in Richtung Alter.

Wir konnten das Taufbecken ohne Emma nicht halten, es rutschte uns aus den Händen und verfehlte unsere Füße nur knapp.

„Was?! Emma, was soll denn der Mist?! Komm zurück und hilf uns!“, schrie Jonas.

Jonas wurde von Emmas Lachen unterbrochen. Sie lachte immer lauter, beinahe hysterisch und ging in langen und langsamen Schritten im Altarraum auf uns ab. Sie spielte dabei mit dem Lichtkegel ihrer Taschenlampe und ließ ihn den Altar hinauf und wieder hinunter wandern.

„Wilhelm war so glücklich. Ein Junge und ein Mädchen. Wir alle waren glücklich.“, sagte sie und ihre Stimme änderte sich. Sie klang plötzlich nach jemand anderem. Es war die Stimme einer Frau, die wesentlich älter war als Emma. Noch dazu klang es so, als hallte die Stimme aus einem anderen Raum zu uns.

Wir drei übrigen sahen uns einander fragend an. Wir hatten nicht den Hauch einer Ahnung, was hier gerade vor sich ging.

„Bring deine Freundin wieder zur Vernunft! Marc, lass uns jetzt endlich diese beschissene Scheibe einschlagen. Ich denke, der liebe Gott wird uns verzeihen, denn es ist hier wohl eher die Hölle, die wir demolieren!“, sagte Sid, aber ich merkte, dass er mit Gewalt versuchte, der Lage wieder Herr zu werden. Etwas stimmte ganz und gar nicht mit Emma und Sid wollte es nicht wahr haben. Nicht noch mehr Geister, oder Zombies oder was auch immer. Ich konnte es ihm nicht verübeln. Trotzdem passierte dort gerade etwas mit Emma, ob wir es wahrhaben wollten, oder nicht. Dann überraschte mich Jonas, denn er hatte als erster und einziger den Mut gefasst, sich auf Emma zum Altar hin zuzubewegen.

„Emma? Was ist mit dir? Ist alles in Ordnung? Lass uns hier verschwinden, okay?“, aber seine Worte drangen nicht zu ihr durch. Sie stand jetzt stumm vor dem Altar und blickte auf das Bild des gekreuzigten Jesus. Ein Schatten in Staub gehüllt.

„Emma?“, fragte Jonas unsicher, als er vorsichtig seine Hand auf ihre Schulter legen wollte. Sie lachte auf. Er zögerte und erstarrte in der Bewegung. Nein, es war nicht ihr Lachen. Und nun sah er auch, dass ihr Haar nicht vom vielen Staub weiß aussah. Es war weiß. Jonas senkte den Arm und trat wieder einen Schritt zurück.

„Emma?“, sagte er und wusste aber bereits, dass er die falsche Person vor sich hatte.

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