Teil 9: 1914

Emma war nicht mehr Emma. Jonas entfernte sich weiter von ihr, ohne dabei den Lichtkegel seiner Taschenlampe von ihr zu nehmen. Sid und ich stellten langsam das Metallgerüst auf den Boden und blickten fassungslos auf das, was gerade noch Emma war. Unfähig zu handeln, unfähig zu sprechen, verharrten wir. Jonas kam zurück zu uns. Eher unbewusst und aus Reflex nahm ich ihm die Lampe aus der Hand, denn sie zitterte so sehr, dass er sie wahrscheinlich hätte fallen lassen.

Im Lichtkegel der Lampe und in den wenigen Mondstrahlen, die durch den winzigen Einlass in der Decke des Altarraums fielen, bedeckte die Gestalt ihr Gesicht mit ihren fahlen, dürren Händen und … weinte. Es war, trotz allem so mitleiderregend. Ich wollte fast auf Sie zu gehen. Doch die unbekannte, unwirkliche Stimme hinter ihrem Weinen hielt mich davon ab. Sie weinte, immer heftiger, hysterisch. Sie schrie und weinte dann weiter. Ihr Gesicht immer noch in ihren Händen vergraben.

„Marc, lass und abhauen!“, flüsterte Sid mir zu.

Genau das rieten mir auch mein Verstand und all meine Sinne. Ich war mir sicher, dass auch Jonas sofort dabei wäre; alle romantischen Vorstellungen von der Treue der Freundschaft zum Trotze, aber was dort passierte, was eine neue Teufelei, die nicht in diese Welt gehörte und wir sollten nicht dort sein.

„Verflucht; und was ist mit der Kleinen?!“, flüsterte ich zurück.

„Nicht ist mehr mit ihr.“, hallte es durch die Kapelle.

Eine Stimme, die aus allen Richtungen zu kommen schien. Emma nahm jetzt langsam ihre Hände von ihrem Gesicht und enthüllte etwas, das ganz und gar nicht mehr Emma war. Sie war jetzt aschfahl und ihre Gesichtszüge waren deformiert, als versuchte sich ein Gesicht durch Emmas eigenes Gesicht zu pressen. Ihre Haare waren weiß und nicht mehr das dunkle Blond mit den hellen Strähnen. Die Emmagestalt ging langsam durch den Altarraum und und strich mit ihren Fingerspitzen über das staubige Holz des Altars. Dann erst wandte sie sich wieder in unsere Richtung und sah uns an. In diesem Moment wichen wir noch einige Schritte weiter zurück; denn es waren schwarze, dunkle Höhlen, die anstelle ihrer Augen getreten waren. Und wie wir mit zittrigen Händen, absolut unfähig irgendetwas zu tun oder auch nur zu denken, dort standen und die Taschenlampen auf diese Gestalt richteten, grinste und dieses Ding an. Das Grinsen wurde breiter und der Mund öffnete sich. Anstelle von Zähnen und Zunge sahen wir wieder nur ein schwarzes, dunkles Etwas. Augen- und Mundhöhle waren nicht einfach nur leer, nein, sie waren Öffnungen, Fenster durch die man in eine andere, dunkle Welt sehen konnte. Es war keine schwarze Leere, es war eine sich bewegende dunkle Masse.

„Willkommen, Kinder!“, sagte sie.

Diese Worte drangen zwar aus dem Mund der Emmagestalt, aber die Stimme hallte durch die Kapelle, wie ein Echo von hundert Stimmen.

„Was zur Hölle …“, begann Sid, aber das Wort wurde ihm von dem Wesen abgeschnitten.

„Ganz recht, die Hölle.“

Sie lächelte weiter und verzog ihr Gesicht dabei zu einer schrecklich entstellten Grimasse. Ein Gesicht bewegte sich unter dieser Grimasse, als ob Emma versuchte ihr eigenes Gesicht durch diese Fratze zu pressen. Dann wandte sich die Gestalt wieder dem Altar zu. Immer noch konnte ich mich nicht von der Stelle rühren. Sid und Jonas schienen ebenso gefesselt zu sein, wie ich. Es war nicht nur die Angst. Irgendetwas schien meinen ganzen Körper zu umgreifen, als hätte sich eine riesige, kalte Klaue um mich gelegt.

„Diese Fabrik, war damals bereits seit über hundert Jahren im Besitz meiner Familie. Wir produzierten Puppen und Spielzeug. Wir behandelten unsere Arbeiter gerecht und unser Spielzeug brachte in so vielen schwierigen Zeiten den Kindern Freude. Es war an mir, die Fabrik, dieses herrliche Unternehmen, zusammen mit meiner eigenen Familie in das nächste Jahrhundert zu führen.“

Die Gestalt schritt langsam im Licht unserer Lampen und unter dem fahlen Mondschein den Altarraum auf und ab und streichelte dabei sanft über die hölzerne, verstaubte Anrichte. Sie schien in ihren Gedanken die Zeit, von der sie uns erzählte, gerade noch einmal zu erleben. Dann verzogen sich ihre Gesichtszüge einmal mehr zu einer zornigen Fratze.

„Ich habe mich in Friedrich getäuscht. Nein!“, fluchte sie laut und der Hall ihrer Stimme brachte beinahe die Kapelle zum Einsturz. Der Putz löste sich teilweise aus den Fugen der Backsteine und noch mehr Staub umnebelte die Kapelle.

„Nein, er hat mich getäuscht, mich hintergangen! Und Natascha, der kleine Wilhelm und Karl, meine lieben Kleinen!“, dann weinte sie wieder; beinahe hysterisch und sackte zu Boden.

Wir drei hatten alle panische Angst, konnten uns immer noch nicht bewegen und wussten absolut nicht weiter. Wir konnten nur dieser … Hexe zuhören.

„Marc, ich kann mich keinen Zentimeter bewegen, was ist mir dir? Und Jonas?“, flüsterte Sid.

„Nein, keinen Zentimeter. Ich weiß nicht, was los ist, aber so bald wir es wieder irgendwie können, werfen wir diese Scheibe ein und verpissen uns!“, flüsterte ich und schielte hinüber zu Jonas. Er blickte starr und mit weit aufgerissenen Augen die Hexe an. Er konnte wohl noch nicht einmal sprechen und war völlig von ihrer Macht eingenommen.

„Jonas? Jonas?!“, flüsterte ich ihm zu, aber ich bekam keine Antwort. Sein Blick war starr auf die Hexe gerichtet, die jetzt mit ihrem Monolog fortfuhr.

„Friedrich! Er wollte die Fabrik zur Waffenfabrik umbauen; für Geld; für Krieg; für Tod! Ich stellte mich ihm in den Weg. Wir stritten, hier in dieser Fabrik. Die Arbeiter waren weg; nur die Kinder spielten noch mit den neuen Puppen im Lager.“

Die Hexe stand wieder auf; langsam, die Hände zu Fäusten geballt. Sie sah uns wieder an, mit ihren schwarzen, toten Augen. In der Finsternis ihrer Augenhöhlen brannte ein Feuer, wie wir es zuvor schon bei diesen kleinen, miesen Killerpuppen gesehen hatten. Ein unnatürliches Feuer. Ein Feuer aus einer anderen Welt.

„Er stach mich nieder!“, schrie sie und wieder erbebte die Fabrik, Staub wirbelte auf und tauchte den Raum in einen Nebel. Sie kam langsam näher. Das Funkeln ihrer Augenhöhlen watete durch den Staub.

„Dachte, er hätte mich getötet. Dann sah er unseren kleinen Karl am anderen Ende der Halle stehen. Karl hatte alles gesehen. Friedrich rannte zu ihm, Karl rannte weg. Ich konnte nichts tun, auch wenn ich noch nicht tot war, stand der Fährmann dennoch bereit. Friedrich brachte sie alle um. Er verbrannte die Leichen meiner Lieblinge einfach im Ofen!“

Jetzt stand Sie direkt vor uns. Ich konnte ein leises Tropfen hören und blinzelte an Jonas hinunter. Er stand in seinem eigenen Urin; aber immerhin, er stand noch und war bei Bewusstsein. Das Wesen war zwei Meter von uns entfernt und lächelte uns an; ein zahnloses Grinsen, dahinter ein dunkles Portal.

„Eine letzte Arbeiterin war jedoch noch in der Halle.“, sagte sie und uns blieb nichts anderes übrig, als ihr zuzuhören.

„Sie hatte alles mit angesehen. Sie brachte mich weg, floh mit mir und wusste, dass ich bald an der Stichwunde sterben würde. Sie brachte mich zu ihrer Großmutter, hinunter zu einem entlegenen Ort im Arbeiterviertel; und dort riefen wir … den Dämon.“

Die Bänke hinter uns, mit der wir den Eingang verbarrikadiert hatten, bewegten sich, schoben sich beiseite und legten den Eingang wieder frei. Immer noch konnten wir uns nicht bewegen. Ich war mir sicher, dass dieses Wesen uns beeinflusste. Ich konnte lediglich aus dem Augenwinkel beobachten, wie sich die Tür langsam öffnete und trippelnde Schatten durch sie hindurch kamen. Diese kleinen Monster; sie waren wieder hier. Das Wesen erzählte weiter.

„Eine Zigeunerin und ihre Großmutter. Sie gehörten einer uralten Familie von Hexen an. Während ich in ihrer Hütte auf dem Bett lag und starb, sagte sie mir, sie sei die Nachfahrin eines Rachedämons, der das Schicksal der Menschen seit Jahrhunderten lenkt und beeinflusst.“

Die Puppen, hunderte dieser kleinen Biester, tippelten und krochen durch die Türder Kappelle und verteilten sich. Ihre glühenden Augen tauchten den Raum in ein finsteres Schattenspiel. Die Kreatur wandte sich von uns ab, ging zu den Puppen und streichelte einigen sanft über den Kopf. Ich ahnte nichts Gutes und fühlte mich benommen, als hätte ich einen Trip eingeworfen. Ich konnte mich noch immer nicht bewegen.

„Im Austausch meiner Seele gab ich meinen Körper dem Dämon hin. Er brachte mir meine Kinder zurück aus der Unterwelt und wir rächten uns an Friedrich für das, was er uns genommen hatte. Komm herein Liebling, es ist Zeit!“, sagte sie und erhob ihren rechten Arm zur einladenden Geste. Eine Gestalt kam herein. Durch den Staub konnten ich sie kaum erkennen. Lediglich die Umrisse eines Mannes. Er ging gemächlich durch den Raum auf die Hexe zu.

„Ich fasse es nicht. Er!“, flüsterte Sid.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s