DOC – Eins

hundeschanuze

Ein heißer Sommertag. Noch lag ich im Schatten. Aber die Sonne, die die Pflastersteine im Hof zum Glühen brachte, scheuchte ihn langsam aber sicher davon.

„Ich bin in einer viertel Stunde wieder zurück! Pass Du schön auf, Doc. Dass niemand bei uns einsteigt!“, sagte sie und verschwand durch das Hoftor.

„Wie konnte ich nur die Paprika vergessen?!“, rief sie noch verärgert um die Ecke.

Die viertel Stunde war um und Ann-Marie war immer noch nicht zurück. Nennt mich zimperlich, aber ihr wisst auch nicht, wie es sich anfühlt bei vierzig Grad unter der prallen Sonne zu schmoren. Ich war mir sicher, dass mein Fell anfangen wird zu brennen. Außerdem hatte ich Durst. Mein Napf war leer und ich fing an mich zu beschweren.

„Hör doch mit dem Geheule auf, Doc. Wo ist Ann-Marie? Ist David noch nicht wieder aus der Schule zurück?“, sagte die vertraute Stimme unseres Nachbarn.

Herr Hartmann lehnte sich über den Zaun, nahm seinen Anglerhut ab, rieb sich den Schweiß aus dem Gesicht.

„Na warte Junge, ich komme rüber. Dein Napf ist völlig leer gesüppelt. Ich bring dir was.“

Der gute Herr Hartmann verschwand kurz hinter dem Zaun, kam dann mit einer Flasche Wasser durch das Hoftor und goss meinen Napf voll. Ich schleckte ihm dankend die Hand ab und er kraulte mich hinter dem Ohr. Die Welt war wieder halbwegs in Ordnung.

„Das ist ja was! Lässt sie dich einfach hier in der Sonne zurück!“

Dann sprang das Hoftor erneut auf und David stürzte in den Hof. Er lief zur Haustür und kramte in seiner Hosentasche nach seinem Schlüssel. Er jetzt bemerkte er uns, war überrascht und sah uns mit in Tränen eingelegten Augen an. Schnell wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht und zog die Nase hoch.

„Herr Hartmann?! Entschuldigung, dieser dämliche Heuschnupfen.“, sagte David.

„Oh nein, nicht schon wieder. Diese feigen Kerle haben dich wieder gepackt, oder? Ich verstehe das nicht. Ihr wart doch vor kurzem noch Freunde und jetzt prügelt ihr euch alle paar Tage. Wie kommt so etwas?“

„Ich weiß es nicht. Thomas ist halt irgendwie seltsam geworden seit er mit diesen Idioten herumläuft. Die haben einfach nur Scheiße im Kopf.“

„Wie kommt so etwas? Deine Oma muss mal ein ernstes Wörtchen mit seinem Vater reden.“

„Jochens Auto habe ich seit Wochen nicht mehr gesehen. Er pennt vermutlich schon auf seiner Arbeit. Thomas tat mir auch erst leid. Erst haut seine Mutter ab und jetzt lässt Jochen ihn auch noch hängen.“

„Tja, weißt du David, vielleicht hängt das alles miteinander zusammen. Ann-Marie sollte sich Jochen trotzdem einmal vorknöpfen. So kann es ja nicht weitergehen. Oder du nimmst in Zukunft einfach unseren Doc hier mit zur Schule, was meinst du?“, sagte Herr Hartmann und tätschelte mir die Seite.

Dafür gab es noch einmal einen Handabschlecker und seine Idee fand ich ausgezeichnet. Ich bekäme mehr Auslauf und David eine Unfallversicherung. Wut und Scham wichen einem Lächeln und Davids Laune besserte sich schlagartig. Ich ging zu ihm und ließ mich auch von ihm hinterm Ohr kraulen. Ach ja, mir ging es schon recht gut.

„Kommen sie auf einen Kaffee mit rein, Herr Hartmann?“, fragte David.

„Danke, aber ich glaube ich mache mich wieder an die Arbeit. Wenn ich mit der Hecke nicht fertig bin bis meine Frau zurück ist, wird sie mir noch eine Arbeit besorgen und mir wieder mit Sprüchen kommen wie: „Die Rente ist nichts für dich! Du wirst nur faul und depressiv!“ Nein, nein, das muss nicht sein. Aber vielleicht später? Dann bring ich Sabine mit?“, fragte Herr Hartmann und war schon wieder auf dem Weg zum Hoftor.

„Ja, machen sie das!“, rief David hinter ihm her, drehte sich dann um und schloss die Haustür auf.

Ich war froh mich drinnen ein wenig auf die kalten Küchenfliesen legen zu können. David fand in der Zeit eine Notiz von Ann-Marie am Kühlschrank. Nachdem er die Nachricht gelesen hatte, zerknüllte er den Post-it, nahm eine Cola aus dem Kühlschrank und ging ins Wohnzimmer. Ann-Marie wird ihm geschrieben haben, dass sie gleich wieder da wäre. Sie benutzte kein Whats-App oder SMS. Sie sagte, ihre Lebenszeit sei zu beschränkt für das Verfassen unnötiger Nachrichten und für die wirklich wichtigen Nachrichten, könnte man auf diese Art der Kommunikation auch verzichten. Meiner Meinung nach, redeten die Menschen sowieso schon genug wirres und unnötiges Zeug. Ich hatte mich auch gefragt, warum sie es sich jetzt auch noch schreiben wollten.

„Komm mit Doc.“, sagte er.

Aber mir war noch gar nicht danach meinen kühlen Platz wieder zu verlassen. David kramte nach der Schule meistens seine Comics heraus, las darin oder malte Bilder aus ihnen ab. Noch vor wenigen Monaten hatte er seinen Freund Thomas immer oft mitgebracht. Die beiden hingen dann miteinander ab und Ann-Marie hatte sie, zusammen mit mir, regelmäßig nach draußen geschickt, damit „die Jungs auch mal an die frische Luft kommen, weil sonst ihr Gehirn an Sauerstoffmangel verkümmern wird“, sagte sie. Aber eigentlich wollte sie nur ein bisschen Ruhe und Zeit für sich haben. Ich merkte manchmal schon, dass ein pubertierender Junge nicht einfach für sie war. Besonders der Anfang war für sie sehr schwer, nachdem Davids Eltern verunglückt waren. Sie hatte viel zu kämpfen und ich bin hundert prozentig davon überzeugt, dass ich, auch wenn ich erst ein Welpe gewesen war, sie doch hervorragend unterstütze. Ohne mich hätte sie den Jungen bestimmt nicht in den Griff bekommen.

Das war damals vier Jahre her. Ann-Marie holte den Jungen aus der großen Stadt hierher und er fand in Thomas, der ein paar Straßen weiter wohnte, gleich einen ganz guten Freund. Aber er blieb sonst eher ein Einzelgänger. Deswegen wurmt es mich ein bisschen, dass die beiden sich vor einiger Zeit gestritten hatten. Und Hunde hassen es „gewurmt“ zu sein.

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