DOC – Zwei

„Was ist denn mit dem Rechner los? Kein Internet?! Na super!“, schallte es aus dem Wohnzimmer.

David war manchmal etwas jähzornig. Er hatte sonst kein großes Verlangen danach, permanent online zu sein, aber manchmal recherchierte er gerne Dinge, die ihn gerade beschäftigen. Und dann ist er manchmal ein wenig stinkig, wenn er es nicht sofort herausbekommt, oder etwas nicht klappt. Wie in diesem Fall.

„Mein Smartphone hat kein Empfang und der Fernseher funktioniert nicht.“, sagte er und ich hörte, wie er durch das Wohnzimmer lief.

„Der ganze Strom ist weg!“

Mich juckte es nicht. An so einem netten Sommertag kann man sich mit angenehmeren Dingen beschäftigen, als mit Elektronik. Doch dann, ein Donner, ein unglaublich lautes Grollen durchbrach den Nachmittag und ich sprang sofort auf. Dann kam es wieder. Ein Donnern, so laut, dass es mir in den Ohren schmerzte. Ich merkte, wie sich der Himmel schlagartig verdunkelte. David kam in die Küche gerannt.

„Was ist das denn?!“, schrie er, um gegen den Krach anzukommen.

Er ging zum Fenster. Draußen wurde es immer dunkler. Dann wieder ein Donner. Und wieder einer. Immer lauter, die Abstände kürzer. Diesmal folgten grelle Blitze, die draußen alles für Sekundenbruchteile in weißes Licht tauchten.

„Oh Mann!“, schrie David, entfernte sich vom Küchenfenster, hockte sich neben mich und schlang seinen rechten Arm um mich.

Das Donnern wurde stärker, die Intervalle kürzer und die Blitze zuckten immer schneller am Himmel entlang. Ich war zwar kein besonders gläubiger Hund, aber ich dachte in diesem Moment, die Apokalypse würde über uns hereinbrechen. Und ja, hätte ich Hosen angehabt, hätte ich mir am liebsten da reingemacht. Aber so muss man sich ja immer zusammenreißen … versucht es zumindest oft.

David zog mich fester an sich heran und hielt mir die Ohren zu. Er kauerte sich neben mich zusammen und die Welt um uns herum schien auseinanderzureißen. Alles war nur noch in grelles, weißes Licht getaucht und das Donnern brach jetzt direkt über uns herein. Ich war fest davon überzeugt, dass es das gewesen war. Finito. Doch dann … Stille. Von einem Augenblick zum nächsten. Kein Donner, kein Krachen. Der Himmel zog sich genauso schnell wieder auf, wie er sich zugezogen hatte und die Welt draußen badete wieder in dem warmen Licht der Sonne. Als wäre nichts gewesen. David ließ mich wieder los und stand auf. Er ging zum Fenster und sah nach draußen. Ich folgte ihm und hievte meine Pfoten auf die Fensterbank, um auch einen Blick hinauszuwerfen. Und dort war alles, wie gehabt. Als wäre nichts passiert.

„Komm mit, Doc. Sehen wir uns einmal um. Ich hoffe es ist niemandem was passiert. Und das Oma gut untergekommen ist.“

Ich folgte ihm. Draußen war erst einmal nichts außergewöhnlich. Außer die Stille. Es war einfach sehr, sehr ruhig. Ich wusste nicht, ob David es auch bemerkt hatte, aber die Menschen schienen sich allesamt verkrochen zu haben. Na ja, kein Wunder, dachte ich mir. Nach diesem Getöse kamen sie vermutlich gerade erst wieder unter ihren Küchentischen hervor. David blickte über die Hecke in den Garten von Herrn Hartmann. Er sah ihn nirgends. Dann ging er durch das Hoftor. Ich folgte ihm nach neben an, wo er an Herrn Hartmanns Tür klingelte. Aber niemand öffnete. Ich hörte immer noch nichts. Ansonsten hörte ich immer irgendjemanden plappern, Rasen mähen oder Auto fahren – die Menschen machen so viele herrlich sinnlose, aber auch laute Sachen. Und gerade jetzt, nach diesem seltsamen Ereignis, hätte ich eher erwartet, dass sich die Nachbarn schon in wilder Aufregung über das Donnern unterhalten. Doch ich hörte nichts. David und ich gingen um das Haus herum.

„Herr Hartmann? Sind sie da? Ist alles in Ordnung bei ihnen? Herr Hartmann?“, rief David, bekam aber keine Antwort.

Auf dem Weg zur Veranda blickte er verdutzt auf einen Kleiderhaufen, unter dem auch ein paar Schuhe herausragten, kümmerte sich dann aber nicht mehr darum. David warf erst einen Blick durch das große Fenster und klopfte dann einige Male feste dagegen.

„Hallo? Herr Hartmann?“, rief er, schob dann die Tür auf und ging in das Haus.

Ich verharrte noch vor dem Kleiderhaufen und steckte, wie es so meine Art ist, meine Schnauze hinein. Noch vor wenigen Minuten steckte noch jemand in dieser Kleidung und es war Herr Hartmann. Und er trug diese Unterhose schon länger als einen Tag. Ich konnte mit meinem feinen Näschen noch wesentlich mehr Information entnehmen, aber das Wichtigste sollte hier erst einmal genügen und verschiedene Dinge wollt ihr wahrscheinlich auch gar nicht wissen. David kam wieder aus dem Haus heraus.

„Das gibt es doch nicht. Im Haus ist er nicht. Ich hatte mir erst Sorgen gemacht, dass er bei dem ganzen Krach noch einen Herzinfarkt bekommen hatte. Aber im ganzen Haus ist niemand. Seltsam. Was hast du denn da?“, fragte er mich, kam auf mich zu und inspizierte jetzt den Kleiderhaufen genauer.

„Aber das sind doch die Sachen, die Herr Hartmann gerade noch getragen hat. Ich verstehe das nicht. Was soll das?“, fragte er mich, oder eher sich selbst, da er von mir nicht wirklich eine Antwort erwartete.

„Komm mit. Wir suchen erst einmal Oma. Hoffentlich ist ihr nichts passiert. Und dann schauen wir noch einmal hier vorbei. Vielleicht haben wir auch gleich wieder Netz und kriegen raus, woher dieses komische Gewitter auf einmal kam“, sagte David und ging wieder zurück zur Straße.

Ich hob noch einmal schnell mein Beinchen an der Hecke und folgte ihm dann. David stand vor Herr Hartmanns Haus und sah links und rechts die Straße hinunter.

„Doc, warum ist es hier so unglaublich ruhig? Müssten unsere Nachbarn nicht eigentlich in heller Aufregung hier rumlaufen und sich den Mund fusselig reden?“

Jetzt dämmerte auch ihm, dass etwas nicht stimmte. Er ging den Gehweg rechts hinunter, Richtung Stadt. Wenn Ann-Marie noch schnell etwas kaufen wollte, hätte sie es in dem kleinen Lebensmittelladen am Ende der Straße gemacht. Ich ging davon aus, dass wir dorthin unterwegs waren. David sah immer wieder ungeduldig hin und her, in der Hoffnung jemanden zu sehen. Ich sperrte meine Lauscher auf und versuchte vergeblich Witterung aufzunehmen. Ich hörte aber immer noch niemanden und seltsamerweise verblassten auch die Gerüche der anderen Menschen aus der Nachbarschaft irgendwie. Ich fragte mich, ob sie wohl alle auf einmal weggelaufen wären, aber das ergab für mich überhaupt gar keinen Sinn.  David und ich wurden immer unruhiger. Mitten auf der Straße standen Autos. Einige sind in parkende Autos hineingekracht. Aber es waren keine Fahrer zu sehen. David ging einen Schritt schneller. Ich konnte riechen, wie die Angst in ihm aufstieg – Menschen unter Angst und Panik geben diesen säuerlichen Geruch ab. Dann fing David an zu laufen. Wir beide rannten die Straße hinunter, bis wir an dem kleinen Lebensmittelladen ankamen.

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