DOC – Drei

David und ich stürzten in den kleinen Laden.
„Hallo?! Ist hier jemand?!“, rief David und kontrollierte die wenigen Gänge im Laden.
Keine Antwort. Doch dann. Wir hörten ein Schluchzen, ein Weinen aus der hinteren Ecke des Ladens. Ein Mädchen, wie es sich anhörte und roch (ich halte mich an den Stellen, wenn es um Gerüche geht, kurz. Ich bin ein Hund und habe für tausend Gerüche tausend Beschreibungen. Wie Eskimos sie für Schnee haben – Ann-Marie und ich sehen uns gerne den Discovery Channel an). David lief das Konservenregal entlang zum anderen Ende des Raums. Ich folgte ihm. Und da sahen wir das Mädchen. Sie hockte in der Ecke vor dem Eingang zum Lagerraum. Sie sah uns verstört an und ihre Augen waren verquollen. Tränen rannen ihre Wangen hinunter und ihr Liedschatten hatte ihr Gesicht in einen Rohrschachtest verwandelt.

„Hey, alles in Ordnung? Keine Angst. Ich bin David und das hier ist Doc. Wir suchen nur meine Großmutter.“, sagte David und wartete auf eine Antwort. Er wartete einige Sekunden und als er von ihr keine Antwort erhielt, ergriff er wieder ungeduldig das Wort.

„Hast du vielleicht eine Ahnung, wo alle sind? Ich wohne ein paar Häuser weiter die Straße rauf. Doc und ich waren im Haus, in unserer Küche, als der Krach losgegangen ist. Und als wieder alles von jetzt auf gleich vorbei gewesen ist, da sind wir rausgegangen, um zu gucken, ob alles in Ordnung ist. Dass kein Blitz eingeschlagen ist, oder so. Und ich bin mit Doc rüber gegangen zu unserem Nachbarn, der kurz vor dem Gewitter noch da gewesen ist, und dann war er auch auf einmal weg. Wir sind losgelaufen, um nach meiner Oma zu sehen, die hier noch etwas für das Mittagessen einkaufen wollte, und jetzt ist sie auch nicht hier. Nur du bist hier.“, sprudelten die Worte aus ihm.

Das Mädchen sprang auf einmal auf. Ich war erschrocken und wollte bei der kleinen fast aus Reflex zuschnappen. Doch sie warf ihre Arme um Davids Hals und fing an zu weinen. Ich hielt mich also zurück. David war völlig perplex und wusste sich nicht zu helfen, außer ihr sanft und freundschaftlich auf die Schultern zu tätscheln.

„Ist ja schon gut, es ist …“, begann er;  sie fiel ihm ins Wort.

„Sie haben sich aufgelöst. Einfach aufgelöst. Es war der Verkäufer und eine ältere Frau. Ich weiß nicht, ob es deine Oma war. Sie standen bei dem Gewitter dort drüben. Dann, ein grelles Licht und auf einmal sind sie verschwunden! Sie haben sich einfach in Luft aufgelöst. Nach dem Gewitter wollte ich dann die Polizei, die Feuerwehr oder irgend wen rufen, aber der Strom und das ganze Netz ist weg.“

David befreite sich langsam aber bestimmt aus den Armen des aufgebrachten Mädchens und war verwirrter als zuvor. Es sammelte seine Gedanken.

„Moment mal. Langsam ich verstehe kein Wort. Wie wäre es, wenn du dich vielleicht erst einmal beruhigst. Was heißt hier aufgelöst?“

„Dort drüben.“ Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und versuchte ihre Fassung wieder zu erlangen. „Dort standen Sie und dann waren nur noch ihre Kleider da. Ich hatte so schreckliche Angst und habe mich versteckt.“, sagte sie.

Die Skepsis von David war deutlich zu spüren, aber auch seine Furcht, dass an ihrer Aussage etwas schrecklich Wahres dran sein könnte. Er ging zu dem großen Fenster des Ladens und blickte nachdenklich nach draußen. Ich folgte ihm erst, doch dann war da etwas, das mich auf die andere Seite des Ladens führte. Ein vertrauter Geruch. Er kam von einem von zwei Kleiderhaufen, die vor dem Gemüseregal lagen. Es war der Geruch von Ann-Marie. Es waren ihre Kleider und ihre Sandalen, die sie trug, als sie vom Hof gegangen war. David schob mich behutsam zur Seite, damit er die Kleiderhaufen selbst inspizieren konnte. Er nahm die Kleidungsstücke nach und nach auseinander und fühlte sich sehr unwohl, als er Ann-Maries BH gefunden hatte. Aber er fand auch ihre Ohrringe und ihre Halskette. Fassungslos stand er auf und ging einige Schritte zurück. Er war blass und ich fürchtete, dass er jeden Moment ohnmächtig werden würde. Das Mädchen stand hinter ihm, gefasst. Im Gegensatz zu David, der gerade in seiner persönlichen Hölle zu sein schien. Denn an dem, was das Mädchen erzählt hatte, musste etwas dran gewesen sein. Aber nun war sie es, die ruhig war und David war vom schieren Entsetzen gefesselt und in seinem Blick keimte die Panik auf.

„Ich sagte doch, dass sie sich einfach aufgelöst haben. Es tut mir leid.“, sagte das Mädchen.

„Was heißt aufgelöst?! Wo sind sie?!“, schrie David, fuhr herum und diesmal griff er sie heftig an den Schultern und schüttelte sie. Ich bellte ihn an. Er war hysterisch und wir mussten ihn beruhigen und wieder zu Sinnen bringen.

„Hör auf, du tust mir weh!“, sagte sie. Ich bellte und überlegte, ob ich ihn tatsächlich in die Wade beißen müsste, um ihn wieder zur Besinnung zu bringen.

„WO IST SIE?!“, schrie er und ich machte mich bereit.

Doch schneller, als ich überhaupt irgendetwas tun konnte, packte das Mädchen David auf einmal am Handgelenk, drehte es mitsamt seinen Arm so, dass er gezwungen wurde, sich mit ihm zu drehen. Dann stand er auf einmal mit dem Rücken zu ihr. Sie hielt sein Handgelenk immer noch fest. Dann versetzte sie ihm einen schnellen Tritt in die Kniekehle, woraufhin er zu Boden sackte. Sie drückte ihn auf den Boden und drehte ihm den Arm auf den Rücken. Er war wehrlos und ich baff. Sie sah mich an und befürchtete wohl, dass ich mein Herrchen verteidigen und sie anspringen würde. Als Zeichen, dass es ganz und gar nicht in meiner Absicht stand, setzte ich mich auf meine vier Buchstaben und sah mir die ganze Sache in Ruhe an. Es überzeugte sie wohl und sie richtete sich lautstark und bestimmend an David.

„Beruhig du dich jetzt mal! Ich weiß auch nicht, was hier für eine Scheiße abläuft, aber wenn wir hier beide jetzt durchdrehen, helfen wir niemanden, auch nicht deiner Oma! Also reiß dich zusammen und fass mich bloß nicht wieder so an! Okay?!“, fauchte sie ihm ins Ohr.

David verzog vor Schmerz sein Gesicht, aber ich sah, dass es ihm von der Hysterie befreit hatte – manchmal bringt gezielt angewendete Gewalt spontan dann doch einen hilfreicheren Effekt, als subtiles Geschwafel.

„Okay.“, presste er zwischen zusammengekniffenen Zähnen hervor.

Sie ließ ihn los und stand auf. Diesmal war es David, der gegen die Tränen kämpfte und verlor. Ann-Marie hatte sich aufgelöst, wie seine Eltern.

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