DOC – VIER

„Was machen wir denn jetzt?“, fragte David und schob mich wieder sachte bei Seite.
Er versuchte sich unauffällig die Tränen wegzuwischen. Das Mädchen tat so, als hätte sie nichts gesehen, denn Sie merkte, dass es ihm peinlich war. Sie nahm ihr Smartphone aus der Hosentasche und inspizierte es.
„Ich kann es nicht einschalten. Nach den Blitzen funktioniert hier nichts mehr. Alles Elektrische scheint den Geist aufgegeben zu haben.“, sagte sie und steckte das Gerät wieder in die Tasche.
David kontrollierte sein eigenes, schüttelte frustriert den Kopf und steckte es wieder zurück in seine Hosentasche. Er stand verzweifelt vor dem Kleiderhaufen, in dem wohl einmal seine Großmutter steckte.
„Ich verstehe es nicht.“, flüsterte er und ballte seine Fäuste. Sollte ihm das Schicksal zum zweiten Mal übel mitgespielt und ihm einen geliebten Menschen einfach so weggenommen haben?
Er wollte gerade hinunter zu den Kleidern greifen, zögerte aber. Ihm war nicht wohl dabei, Ann-Maries Kleider zu durchsuchen. Ich konnte mir vorstellen, dass es nicht nur unheimlich, sondern auch gleichzeitig absonderlich peinlich sein musste, denn unter Ann-Maries Sommerkleid lugte auch ihre Unterwäsche hervor. David überwand seine Hemmungen und falsche Scham, griff hinunter und tastete nach ihrer Handtasche. Er nahm ihre Brieftasche heraus und überprüfte den Inhalt. Er wollte wohl noch einmal ganz sichergehen, dass es auch wirklich ihre Sachen waren. Als er ihren Ausweis in den Händen hielt, überkam ihm die traurige Gewissheit. Aber ihm wurde keine Zeit gegeben, sich von der Verzweiflung übermannen zu lassen.
„Hey!“, rief das Mädchen auf einmal. „Da draußen ist jemand!“
Sie rannte nach draußen. David wurde aus seinen Gedanken gerissen, blickte ihr erst verwirrt hinterher, ließ die Brieftasche zurück auf die Kleider fallen und folgte ihr. Ich folgte den beiden. Aber es war kein Mensch, den wir draußen auf der gegenüberliegenden Straßenseite antrafen.
„Ein Hund! Er ist noch angeleint.“, sagte das Mädchen und die Promenadenmischung kam auf uns zu.
Ich lief an dem Mädchen vorbei, dass sich hoffnungsvoll nach seinen Besitzern umsah, und lief zu ihm. David und ich erkannten ihn. Es war Leo, der Hund von Nachbarn; ein junges Ehepaar.
„Hey.“, begrüßte er mich salopp und wir beschnüffelten uns freundlich. Der Geruch unseres Gegenübers verriet uns immer viel darüber, wo er herkam, was er gemacht und erlebt hat und was er in letzter Zeit gegessen hat. Der Geruch erzählt uns mehr als tausend Worte.
„Hi. Ich nehme an, du hast mitbekommen, was passiert ist? Kannst du dir einen Reim darauf machen?“, fragte ich ihn.
„Nein. Das Gewitter kam, ich war mit meinen beiden unterwegs, dann haben sie sich in Luft aufgelöst und nur noch ihre Sachen blieben zurück.“
„Hast du noch andere getroffen?“, fragte ich.
„Ich habe mit Timmi gesprochen. Seine Besitzer sind auch verschwunden. Ein paar Katzen erzählten dieselbe Geschichte. Keine Menschen weit und breit. Die beiden dort hinter dir sind die ersten, die ich sehe.“, sagte er.

Während Leo und ich uns unterhielten und beschnüffelten, kamen David und das Mädchen zu uns. Das Mädchen stellte Leo zwar auch Fragen, war sich aber, denke ich, sicher, dass er ihr sie nicht beantworten konnte: „Hallo, na du? Wo ist denn dein Frauchen?“ – oft wechseln die Menschen in eine höhere Stimmlage, wenn sie mit uns „sprechen“. Ich weiß nicht warum.
„Was meinst du?“, sprach Leo weiter. „Denkst Du diese Idioten von Menschen habe es endlich doch geschafft, sich selbst auszuradieren? Wurde uns dieses Fleckchen Erde endlich wieder überlassen?“
Weder gefiel mir sein Tonfall, noch seine Wortwahl. Ich wusste, dass Timmi Probleme mit seinem Herrchen und Frauchen hatte, aber das er ihrem Verschwinden so emotionslos, ja sogar mit einer sadistischen Freude begegnete, gefiel mir gar nicht.
„Ach komm, hör auf. Fang jetzt nicht mit irgendwelchem wilden Behauptungen an! Ich weiß auch nicht, was hier läuft, aber vielleicht helfen wir diesen Kindern erst einmal dabei, mehr von ihrer Art zu finden. Sie können doch unmöglich die einzigen sein. Lass uns herausfinden, was passiert ist, bevor du die Korken knallen lässt.“, sagte ich.
In der Zeit unterhielten sich auch David und das Mädchen weiter, während sie uns streichelten und tätschelten.
„Was machen wir denn jetzt?“, fragte David.
„Lass uns zu meinem Cousin gehen. Ich hoffe, er ist nicht auch verschwunden. Und dann will ich meine Mutter anrufen. Aber sie ist zu Hause in Berlin. Wir können doch nicht die einzigen sein.“, sagte das Mädchen und ihre Stimme zitterte.
David reagierte schnell, als er merkte, dass sie anfing zu weinen und nahm schnell das Gespräch wieder auf.
„Cousin? Und er wohnt hier in der Gegend?“, fragte er und gleichzeitig dämmerte ihm etwas.
„Moment mal, wer bist du überhaupt und wie heißt du? Ich glaube nämlich, dass ich deinen Cousin ganz gut kenne.“, sagte David.
„Ich bin Vanessa. Ich bin zu Besuch hier. Mein Cousin wohnt hier mit seinem Vater. Ich besuche die beiden über die Ferien.“, sagte sie und klang schon wieder etwas ruhiger.
„Dein Cousin ist nicht zufällig Thomas Henze?“, fragte David, der eins und eins zusammengezählt hatte.
„Doch genau. Kennst du ihn?!“
„Ja, er ist… ein Bekannter. Wir gehen auf die selbe Schule. Er wohnt bei mir in der Nähe.“ David überlegte kurz.
„Gut, lass uns gehen!“, sagte er.
Vanessa nickte ihm zu, schien den Missmut in seiner Stimme aber nicht deuten zu können. Sie nahm Leos Leine und wollte ihn mitnehmen, aber auf einmal knurrte er, bellte und wehrte sich. Er fletschte sogar die Zähne. Er überraschte mich, weil es sonst so gar nicht seine Art war. Ich war von seinem Verhalten völlig perplex.
„Hey, was soll denn das? Die Kinder werden dir schon nichts tun. Sie werden dir eher Futter und Wasser geben. Beruhige dich erst einmal!“, sagte ich zu Leo.
„Nein. Die Menschen sind weg und wir sind jetzt wieder am Zug. Sie hatten ihre Chance und haben es vergeigt. Ich lasse mich nicht mehr von ihnen herumkommandieren. Ich werde nicht mehr von ihren Launen abhängig sein. Ich werde mich nicht mehr demütigen lassen, weil ich in die Wohnung kacke, nur weil sie vergessen haben mit mir raus zu gehen und mich dafür auch noch anschreien und verprügeln lassen… Nein!!! Ich habe heute schon andere von uns getroffen, die genauso denken, wie ich. Du musst auch nicht bei ihnen bleiben; bei ihrer verkommenen Brut!“, kläffte mein alter Freund.

Vanessa ließ erschrocken die Leine los und trat schnell einige Schritte von ihm zurück. Ich trat zwischen Leo und den Kindern, um Schlimmeres zu verhindern.
„Doch, das muss ich. Und ich denke, dass es jetzt besser ist, wenn du Leine ziehst, alter Freund, solange du noch alle Beine hast!“, warnte ich ihn mit einem tiefen und unmissverständlichem Knurren. Ich hasste es, so etwas zu tun, aber er ließ mir keine andere Wahl. Er verstand und trat den Rückzug an.
„Wir sind jetzt wieder dran! Wir sind wieder frei! Allen wird es jetzt wieder bessergehen!“, bellte er, bevor er hinter der nächsten Straßenecke verschwand.
„Das ist sonst so ein lieber kleiner Kerl. Muss am Gewitter und dem ganzen Mist liegen. Er ist wahrscheinlich genauso verwirrt, wie wir. Komm, lass und gehen.“, sagte David.
Wir machten uns auf den Weg zu Davids altem Freund und Vanessas Cousin. Doch Leos Verhalten ließ mich nichts Gutes ahnen und ich ging mit größter Vorsicht voran.

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