DOC – FÜNF

Kleiderhaufen, ineinander gefahrene und stehengebliebene Autos, leere Kinderwaagen. Vanessa und David riefen immer wieder nach jemandem, irgendjemandem, in der Hoffnung, dass irgendjemand auch antworten würde. Vergeblich. Die Stille war bemerkenswert. Und grausam, wenn ich daran dachte, was sie zu bedeuten hatte. Aus der Ferne konnte ich sonst immer leise das stete Rauschen der Autobahn hören. Mal lauter, mal leiser, je nach Windrichtung. Jetzt war da nichts mehr. Hier auf den Straßen, in denen die Autos meistens nicht schneller fuhren als dreißig, sah es bereits sehr chaotisch aus. Was die Menschen wohl auf all ihren anderen Straßen unwillkürlich verursacht haben mussten, als sie auf einmal verschwunden waren? Und ihre großen Flugzeuge, Hubschrauber, Züge und Schiffe? Was sie wohl, auf einmal unbemannt, für Schaden angerichtet hatten? Ich mochte gar nicht darüber nachdenken und konzentrierte mich wieder auf die Kinder.
David und Vanessa sahen abwechselnd immer wieder auf ihre Smartphones in der Hoffnung, dass sie sich wieder mit einem Netz verbinden. Es ist seltsam, aber das ihre kleinen Geräte nicht funktionierten, beunruhigte sie wohl am meisten. Wenn die Menschen vom „Vernetztsein“ sprechen, sehen sie sich dann als Fliege oder Spinne? Manchmal wünschte ich mir, ich könnte einen ihrer Computer bedienen, um selbst einmal zu recherchieren.
„Doc, bist du das?“, hörte ich eine Stimme in meinem Kopf rufen.
Es war nicht die Sprache meiner Spezies. Ich konnte ihren Dialekt dennoch sofort zuordnen. Manchmal ist es schwierig mit ihnen zu reden. Unsere Sprachen sind zwar ähnlich, unterscheiden sich aber doch so weit, dass es immer wieder mal ganz gerne zu Missverständnissen kommt, die dann gerne in recht aggressiven Streitigkeiten enden. Katzen. Es war Gilbert, der kastrierte Kater von Herrn und Frau Engels. Ich betone die Kastration, denn nur kastrierte Kater sind wenigstens manchmal zu einem Gespräch fähig. Ähnlich ist es aber auch bei uns Rüden. Nicht, dass ich kastriert wäre. Ich bin nicht kastriert, aber trotzdem gesprächig – aber genug davon.
„Hallo Gilbert.“, begrüßte ich ihn und wir blieben auf vorsichtiger, aber höflicher Distanz zueinander.
„Timmi hatte mir bereits erzählt, dass du hier mit den letzten Menschen herumläufst. Das ist nicht abwertend gemeint. Jedenfalls… viele Tiere treffen sich unten im Stadtzentrum, um die Angelegenheit zu bereden. Bis jetzt habe ich von keinen anderen Menschen gehört, der den Sturm überlebt hat. Vielleicht solltest du einmal darüber nachdenken, ob du Kontakt mit den beiden dort aufnimmst?“, sagte Gilbert und ich mochte weder den süffisanten Tonfall in seinen Gedanken, noch die abfällige Selbstzufriedenheit.
David und Vanessa blickten uns bereits verwirrt an, wie wir uns gegenüberstanden und uns wider Erwarten, nicht bekämpften. Wir Tiere gaben uns meistens mehr Mühe dem Bild, was wir ihnen seit zehntausenden von Jahren vorspielen, nicht zu widersprechen. Wir ließen den Menschen in dem Glauben, denn wir hatten beobachtet, was er bereits alles mit seinesgleichen anstellt, wenn er ihn nicht versteht. Und dabei sprechen sie oft sogar dieselbe Sprache.
„Noch nicht. Ich will erst mehr wissen. Sag den anderen, sie sollen ruhig bleiben und die Katze nicht voreilig aus dem Sack lassen.“, sagte ich. Gilbert lächelte… in Gedanken.
„Wie du meinst. Ich gehe jetzt runter. Aber überlege Dir gut, was du mit den beiden dort machen willst, wenn sie wirklich die einzigen sind. Vergiss nicht. Es gab das schon einmal. Es ist nur eine sehr lange Zeit her.“, sagte Gilbert, sprang elegant auf eine Mauer und entfernte sich auf ihr; die Straße hinunter Richtung Stadtzentrum.
„Sag ihnen, sie sollen nicht vorschnell handeln. Es ist anders als damals!“, bellte ich ihm hinterher. Die Kinder sahen mich völlig fassungslos an. Für sie hörte der Lauf an seltsamen Erscheinungen nicht auf. Für uns Tiere war es die ganz normale Art uns zu unterhalten, zumindest, wenn Menschen nicht in der Nähe waren. Sie würden es wahrscheinlich Telepathie nennen. Für uns war es ganz normaler Small Talk. Es musste seltsam genug für sie gewesen sein. Ich hatte mir vorgenommen, ab diesem Zeitpunkt vorsichtiger mit meinem Verhalten zu sein. Die kleinen wären sicherlich durchgedreht, hätten sie gemerkt, dass Tiere Bewusstsein hatten. Ich wollte ihnen das erst einmal unter allen Umständen ersparen.
„Komm schon Doc, lass uns gehen.“, sagte David zögernd und unsicher, aber nur mit vorübergehendem Misstrauen. Das fragende Gesicht, wich schnell wieder einer sorgenvollen Miene.          „Thomas wohnt mit meinem Onkel gleich dort drüben. Aber das weißt du ja. Das Haus mit dem großen Rasenplatz im Vorgarten.“, sagte Vanessa und gab sich ebenso sichtlich Mühe, diese für sie verwirrende Situation, zu übergehen.
„Igitt!“, sagte David plötzlich und inspizierte angewidert seine linke Schulter.
Vanessa lachte.
„Na komm, so etwas soll doch angeblich Glück bringen!“, sagte sie.
Eine Krähe hatte David erwischt. Volle Breitseite. Shit happens. Ich fand es zuerst auch lustig und dachte mir, dass es die Kinder wenigstens ein bisschen ablenken würde. Doch dann gab auch Vanessa ein angewidertes „Uahh!“ von sich. Ein Flatschen Vogelexkrement hatte nun auch sie erwischt. Direkt auf ihrem Kopf. Ich blickte nach oben, suchte den Himmel ab und fand die Übeltäter. Krähen. Erst zwei, dann noch eine und noch eine. Es kamen immer mehr herbeigeflogen, umkreisten uns und ließen ihre kleinen, fiesen Bomben auf uns herab.
„Eklig! Was soll das?! Lasst uns schnell verschwinden!“, rief David und die Kinder rannten schnell Richtung Haus. Ich folgte ihnen, stellte aber meine gefiederten Freunde auch gleichzeitig zur Rede.
„Was soll denn das? Seid ihr übergeschnappt dort oben?“, bellte ich sie an.
Aber sie lachten nur laut. Menschen nehmen diese Laute lediglich als Krächzen war. Vögel verfügen über ein kollektives Bewusstsein. Sie sind wie eine Person. Und weil sie dann allerdings auch gleichzeitig mit so vielen Stimmen auf einmal sprechen, sind sie oft nur schwer zu verstehen.         „Sie sind alle weg. Und deine beiden dort unten auch bald! Geschieht ihnen recht. Wir haben ihnen lange genug alles durchgehen lassen!“, krächzten sie im Chor.

Wir liefen im Zickzack über den großen Rasen vor dem Haus und duckten uns unter den fallenden Kackebomben hinweg. Die eine oder andere erwischte uns leider trotzdem. Und das war nur ein Vorgeschmack von dem, was noch kommen würde.

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