DOC – SECHS

Wir drängelten uns an die Haustür, wehrten diese verrückten Aasgeier ab – so gut es ging – und Vanessa kramte hektisch nach ihrem Schlüssel. Abwechselnd flogen die Krähen im Sturzflug auf uns hinunter, wie Dartpfeile, die auf unser Gesicht geworfen wurden und unsere Augen waren das Bullseye. Ich schnappte zwar nach ihnen, allerdings vergeblich. Wie gerne hätte ich Sie erwischt! Aber diese fiesen Krähen waren einfach zu flink. Auch David wehrte sie energisch ab und schlug nach ihnen. Eine konnte er erwischen und sein Hieb schleuderte Sie auf den Rasen. Sie rappelte sich schnell wieder auf, flog wieder in die Luft, nur um sich ihrem aggressiven Klan wieder anzuschließen. Und die Attacken wurden immer stärker und die Intervalle zwischen den Angriffen kürzer. Die Kinder hatten von den Krallen und Schnäbeln bereits Kratz- und Schürfwunden an Armen, Händen und im Gesicht.
„Nun mach schon die Tür auf! Die hacken uns die Augen aus!“, drängte David Vanessa, was nicht gerade hilfreich war, denn ihrer Panik war zu verschulden, dass wir nicht schon längst im Haus waren. Ihre Hände zitterten, als würde Sie an einer Unterkühlung leiden.
Endlich hatte Vanessa den Schlüssel gefunden und schloss hastig und mit zitternder Hand die Tür auf. Ein Wunder, dass Sie es überhaupt schaffte. Wir drei stürzten hinein und David rammte so schnell er konnte die Tür mit einem schnellen Tritt wieder zu. Eine weitere Krähe setzte in dieser Sekunde gerade zum Sturzflug an. Sie kam nur mit dem Kopf an der Türschwelle vorbei, der ihr dann von der zuschlagenden Tür abgetrennt wurde. Vanessa schrie auf und wandte ihren Blick schnell ab. Das Blut färbte die weiße Holztür und den Rahmen rot und sprenkelte die weißen Fliesen. Der Kopf der Krähe kullerte in das anliegende Wohnzimmer. Ihre Augen sahen uns noch ein letztes Mal an und sie zwinkerte uns zu.
Dann hörte ich plötzlich ein Poltern und hastige Schritte aus der ersten Etage. David und Vanessa richteten sich wieder auf. Ich warnte das, was auch immer auf uns zukam mit einem tiefen, unmissverständlichen Knurren und war darauf gefasst zuzubeißen und so schnell nicht mehr loszulassen. Als ich die Gestalt allerdings erkannte, die vom oberen Treppenabsatz fassungslos auf uns hinunterblickte, wollte ich mein Vorhaben spontan dennoch in die Tat umsetzen – oder gerade deswegen. Allerdings griff David schnell genug ein und hielt mich zurück.
„Doc! Nicht! Aus!“, bellte er seine Kommandos (ja auch Menschen können ausgezeichnet bellen; und sie tun dies sehr oft, wenn sie vermeintlich mit uns reden und wir gerade keine Lust auf ihre Kommandos haben, oder sie einfach tatsächlich nicht verstehen).
“Thomas! Du bist noch da! Dir ist nichts passiert!“, rief Vanessa in überschwellender Freude, was mir ein Rätsel war – hätte dieses Gewitter alle anderen verschonen können, wenn es nur diesen einen Jungen mitgenommen hätte. Aber das war meine Meinung. Sie rannte die Treppe hinauf und ihrem Cousin in die Arme. Draußen flatterten die Krähen immer heftiger gegen die Fenster. Es wurden mehr und mehr. Sie hatten mittlerweile ihre ganze Familie zusammengetrommelt. Das Licht, das durch die Fenster aus dem Vorgarten hineinfiel, wurde jetzt von einer Wolke aus schwarzen Federn verdrängt.
„Hey, hör auf damit! Was soll denn das?“, fragte Thomas verwirrt und befreite sich aus den Armen seiner Cousine. „Was ist hier los? Was ist das da draußen für ein Lärm und was suchen der Köter und dieser Blödmann hier?“, fragte Thomas verwirrt und uns ging ein Licht auf, dass er anscheinend nichts von all dem mitbekommen hatte.
„Sag jetzt bloß, du weißt von nichts?!“, fragte Vanessa ihn ungläubig.
„Was? Wovon weiß ich nichts?“, fragte er weiter und blickte irritiert zu David und mir hinunter.
In diesem Augenblick flog eine dieser verrückten Krähen durch das Wohnzimmerfenster. Sie war sofort tot, aber sie hatte einen Zugang für ihre Familie geschaffen, und die folgte ihr schnell. Weitere schwarze Teufel pressten sich durch die zerbrochene Scheibe. Einige ließen dabei ihr Leben, als sie sich an dem zerbrochenen Glas zerschnitten. Aber das Loch wurde größer und immer mehr zwängten sich hindurch.
„Ach du Scheiße! Wir müssen hier weg! Diese Viecher werden uns umbringen!“, schrie David.
„Kommt mit!“, schrie Vanessa, packte ihren Cousin bei der Hand und schleifte ihn die Treppe hinunter. „Zur Garage! Hier entlang!“, schrie sie und das Wohnzimmer füllte sich mit schwarzen Federn und schwarzen Schnäbeln. Das Gekrächze war so laut, dass wir Vanessa kaum verstehen konnten. David griff nach einem Tennisschläger, der in der Ecke im Hausflur an der Wand lehnte und benutzte ihn, um die Vögel abzuwehren. Ich sprang und biss nach ihnen und zwei, drei hatte ich erwischt. David demonstrierte eine hervorragende Rückhand. Gleichzeitig liefen wir Vanessa und dem völlig verwirrten Thomas hinterher, den Flur entlang bis zum Ende, wo Vanessa eine Tür öffnete. Wir kämpften uns hindurch und es gelang uns sogar, die Tür hinter uns zu schließen, ohne dass einer dieser Mord lüsternen Vögel hindurch kam – oder ihre Köpfe.
„Was ist hier los?!“, schrie Thomas und hielt sich seine blutende Wange.
Die Kinder sahen aus, als wären sie Kilometer weit durch Dornenbüsche gelaufen. Durch die Tür sind wir in die Garage gelangt und Vanessa lief zu einem kleinen Kasten, der an der Wand hing. Es war ein Erste Hilfe Kasten, aus dem sie Pflaster, Mullbinden und Desinfektionsspray herausnahm. Sie ging zu Thomas und untersuchte seine Wange, der es nur widerwillig zuließ.
„Hast du das Gewitter nicht mitbekommen? Diese ungewöhnliche laute und grelle Gewitter? Es blitzte ununterbrochen. Man konnte kaum die Augen offenhalten, so hell war es auf einmal überall. Es hat die ganze Elektrik lahmgelegt. Und es hat alle außer uns verschwinden lassen.“, sagte Vanessa und blickte Thomas tief und ernst an, und sie wusste, dass er ihr sowieso nichts von der ganzen Sache glauben wird.
„Was erzählt ihr denn da? Wollt ihr mich verarschen? Und was zum Geier war denn mit diesen bescheuerten Vögeln los? Und was will der Idiot uns sein dämlicher Köter hier?“, fauchte Thomas und verkniff sich die Tränen, als Vanessa seine Wunde mit dem Desinfektionsmittel behandelte.
David schloss die Tür hinter sich ab, nur um sicher zu gehen, dass diese verrückten Vögel nicht doch noch irgendwie hineingelangten – er hatte bestimmt die Szene aus Jurassic Park vor Augen, in der es der Velociraptor auch geschafft hatte die Tür zu öffnen. Er atmete einige Male tief durch, beruhigte sich und nahm sich dann den kleinen Hocker, der vor der Werkbank stand. Er setzte sich vor Vanessa und Thomas, der sich auf zwei übereinander gestapelte Autoreifen gesetzt hatte. Er erzählte ihm die ganze Geschichte noch einmal von vorn.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.