DOC – SIEBEN

„Das gibt es doch nicht. Das kann einfach nicht wahr sein. Verdammt, das kann nicht wahr sein.“, murmelte Thomas vor sich hin, die Hände über den Kopf geschlagen.
Draußen flatterten und krächzten die Krähen. Zuerst waren sie noch wie wild gegen die Tür geflogen, doch dann stellten sie es nach und nach ein. Ihr kollektiver Geist musste sich eingestanden haben, dass sie einfach nicht durch die Tür kamen, egal wie viele von ihnen noch so energisch gegen sie flogen und sich dabei ihr Genick brachen.
„Wie sollen wir hier nur wegkommen?“, fragte David verzweifelt in die Runde, als er, auf den Reifen balancierend, durch die kleinen Fenster am Garagentor nach draußen linste. Die Vögel waren überall und entschlossen mit den letzten Menschen kurzen Prozess zu machen.
Doc, hallte es in meinem Schädel. Eine Stimme, wie hundert Stimmen. Die Krähen wollten plaudern.
„Was wollt ihr? Seid ihr zufrieden? Kleinen Kindern Angst machen, die sowieso schon am Ende sind? Sie gleich ermorden? Was ist nur los mit euch? Wieso tut ihr so etwas?“, fragte ich sie.
Das Unwetter. Sie haben es verursacht. Nicht weit von hier. Wir haben den Ursprung gesehen. Es kam aus einer Kuppel eines großen Gebäudes. Dort, wo die Menschen hingehen, um schlauer zu werden, wie sie meinen. Die Universität. Dort gibt es Labore, wo sie nicht nur mit uns experimentieren.  Glaub uns. Wir wünschten, du hättest einmal unsere Sicht auf die Dinge und könntest sie bei ihren Spielen beobachten. Sie zerstören leider immer noch mehr, als sie heilen. Die meisten. Und heute haben sie mit etwas gespielt, dass sie vernichtet hat. Es ist vielleicht nur ein Zufall, oder ein Wink des Schicksals, dass wir Ausnahmsweise einmal verschont geblieben sind. Wir dürfen ihnen nicht noch einmal die Gelegenheit geben, sich über uns und dieser Welt zu erheben. Sie zerstören nicht nur sich selbst, sondern auch uns.
„Fertig mit der Predigt?“, fragte ich grob. Jetzt wusste ich, warum die Menschen sie zu den Urzeitechsen zählten. Trotz ihres teilweise flauschigen Gefieders, können sie sehr kalt und gefühllos sein. Ihre Niedlichkeit untergräbt die Ernsthaftigkeit ihrer radikalen Gedanken.
„Fangt mit mir hier jetzt bloß keine pseudo moralphilosophische Debatte an. Euer Denken ist nicht besser und ebenso krank, wie das vieler Menschen, aber die hier sind unschuldig! Viele sind unschuldig und wenn wir zeigen wollen, dass wir besser sind, dass wir diesen Planeten eher verdient hätten, dann müssen wir auch so handeln und keine Kamikaze Angriffe auf die letzten einer Spezies fliegen!“
Dann schwiegen die Krähen. Ich hatte sie anscheinend zum Nachdenken bewegt. Gut so, sollten sie grübeln. Vertrauen wollte ich ihnen nicht mehr. Ich musste mit den Kids hier irgendwie verschwinden und ich musste der Sache in dem Labor irgendwie auf den Grund gehen.
„Hey Leute, ich habe eine Idee!“, sagte Thomas, stand auf, ging zum Ford Kombi, der in der Garage stand, ging runter auf die Knie und lugte unter den Wagen.
„Ja, genau! Hier unten ist ein Schacht unter dem Fallgitter. Man kann es anheben. Mein Vater wollte ihn eigentlich schon längst zugemauert haben, weil wir in letzter Zeit öfter mal eine Ratte in der Garage hatten. Der Schacht führt bis zu dem kleinen Spielplatz im Park gegenüber!“
„Ich erinnere mich.“, sagte David, „Den sind wir früher schon einmal durchgegangen, aber wir konnten den Kanaldeckel auf der anderen Seite nicht anheben und kamen nicht raus.“
„Ich glaube wir waren einfach noch zu klein und zu schwach, um ihn anzuheben. Ich denke nicht, dass er verschlossen ist.“, sagte Thomas, „Das könnte unser Weg nach draußen sein, aber wie kommen wir unter den Wagen?“
„Wir müssen ihn zurückrollen. Haben wir denn den Autoschlüssel?“, fragte Vanessa.
Thomas stand wieder auf, ging zum Regal neben dem Garagentor und nahm einen Schlüssel aus einer kleinen Blechdose.
„In den Wagen hineinzukommen sollte kein Problem sein, hier ist der Schlüssel. Nur, wie setzen wir den Wagen zurück? Die Garage ist zu kurz. Das Garagentor ist im Weg.“, sagte Thomas.
„Das Garagentor lässt sich mit der Hand aufziehen. Wir dürfen auf keinen Fall die Aufmerksamkeit dieser Vögel auf uns lenken. Wenn die hier reinkommen, sind wir geliefert.“, sagte David, „Einer müsste das Tor vorsichtig und so leise wie möglich aufziehen. Wir lösen die Handbremse vom Wagen und wir rollen ihn vom Gitter. Dann steigen wir hindurch und ziehen es schnell wieder hinter uns zu, denn die Vögel werden uns bis dahin bestimmt bemerkt habe und uns angreifen.“
„Ich bin wohl der kräftigste von uns, also schiebe ich den Wagen.“, schlug Thomas vor.
„Das bezweifle ich zwar, aber gut. Dann löse ich die Handbremse und helfe Dir dann beim Schieben. David, du kümmerst dich um das Tor?“, fragte Vanessa. David nickte.
„Dann los. Und vergiss nicht deinen Hund! Thomas nimmt ihn am besten unten entgegen.“, sagte Vanessa.
„Was? Die Töle wird mir den Hals durchbeißen!“, sagte Thomas erbost.
Ich freute mich nicht gerade darüber, dass ich den Kindern bei ihrer Flucht im Weg stand. Und Thomas hatte absolut recht. Am liebsten würde ich ihm immer noch ordentlich in den Hintern beißen für die Prügel die David von ihm und seinen kleinen Freunden einstecken musste. Aber ich trottete hinüber zu ihm und leckte ihm über die Hand, als Zeichen der Versöhnung – sie schmeckte nach Nikotin. Eklig! Der kleine Scheißer raucht heimlich.
„Als ob er das verstanden hat. Schon seltsam.“, sagte David, „Aber da hast du es! Er wird dir nicht weh tun. Ich denke, er weiß jetzt, dass du zu uns gehörst.“
„Zu euch gehören?!“, fragte Thomas erbost und wurde lauter.
„Thomas, jetzt halt deine Klappe und reiß dich zusammen. Du versaust sonst alles! Willst du, dass uns diese Viecher dort draußen die Augen aushacken?“, fauchte ihn seine Kusine an.
„Nein.“, sagte er resigniert, stellte sich vor das Auto und machte sich für seine Aufgabe bereit. Vanessa nickte David zu, der sich am Tor bereithielt. Sie stieg leise in den Wagen und löste die Handbremse. Sie stieg wieder aus und half Thomas, den Wagen zu schieben. David öffnet langsam und vorsichtig das Tor. Draußen war es still. Das Tor war jetzt fast ganz geöffnet und das Gitter zum Schacht lag frei.
Doc. Was macht ihr denn da?!, schallte das Krähenkollektiv in meinem inneren Ohr. Dann erschallte ein Krächzen von hunderten Vögeln und das Schlagen ebenso vieler Vögel. Sie wussten Bescheid und waren auf dem Weg zu uns.
„Macht schon!“, schrie Vanessa.
Thomas öffnete eilig das Gitter. Dabei rutschte es ihm zu Anfang öfter aus den Fingern.
„Scheiße!“, schrie Thomas.
Vanessa schob den Wagen weiter durch das Tor, damit David es wieder schließen konnte. David half Vanessa, aber ehe der Wagen nach draußen auf die Einfahrt rollte, waren bereits, die ersten Vögel an der Garage. Ich kam mir so unglaublich nutzlos und unbeholfen vor. Das einzige was ich tun konnte, war nach diesen Biestern zu schnappen, aber das war vergebens. Sie waren einfach zu flink. Endlich war der Wagen draußen und David schmiss sich mit aller Kraft an das Tor und zog es rasch wieder zu. Gerade rechtzeitig, bevor eine große schwarze Wolke aus Federn die Garage erreichte. Trotzdem waren etwa zwanzig Krähen in der Garage und verursachten ein heilloses Durcheinander. In dem begrenzten Raum waren sie allerdings im Nachteil und ich konnte mir einige schnappen und sie mit einem kräftigen Biss von ihrer Aggression befreien. David und Vanessa schnappten sich Golfschläger aus einem Caddy in der Ecke der Garage und konnten hervorragend damit umgehen. David schlug eine Krähe direkt auf Thomas, der sich kurz aber lauthals beschwerte. Das Gitter hatte er jedoch mittlerweile geöffnet.
„Los kommt schon, lasst uns abhauen!“, schrie er durch das laute Flattern hindurch.
„Diese Vögel lassen uns keine Wahl! Wir müssen Sie erst erledigen, sonst kommen wir hier nicht raus!“, schrie Vanessa und verpasste gleich drei weiteren von ihnen mit dem Golfschläger den Todeshieb.
„Ihr wolltet es so! Verdammt, wieso hört ihr nicht auf!“, schrie und kläffte ich meine tierischen Freunde an, aber sie blieben stumm und griffen uns nur weiter an.
Nach etwa fünf Minuten hatten wir die letzte Krähe erwischt. David kam zu mir und hievte mich auf seine Arme.
„Du bist schwerer geworden!“, stöhnte er, während er mich umständlich zu Thomas hinabließ, der, wie ich zugeben musste, mich mit etwas mehr Leichtigkeit entgegennahm.
„Vanessa? Kommst du?“, sagte David.
„Einen Moment. Ich …“, sagte sie und ich konnte nur noch hören, wie sie sich übergeben musste. Das Massaker, das wir dort oben angerichtet hatten, ist doch nicht so spurlos an ihr vorbeigegangen.
David stieg hinunter, Vanessa folgte ihm nach und wir vier standen jetzt in dem knappen ein Meter achtzig großen und ein Meter fünfzig Breiten Schacht.
„Da hinten wird es aber ganz schön dunkel. Habt ihr vielleicht eine Taschenlampe in der Garage?“, fragte David.
Thomas stieg noch einmal nach oben und kam mit einer großen, schweren Mag-Lite zurück.
„Vielleicht können wir die hier noch für etwas Anderes gebrauchen.“, sagte Thomas, ging voran und leuchtete uns den Weg.

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