DOC – ACHT

Der enge Schacht roch nach faulem Abwasser und den verwesten Mäusen, an denen wir uns vorbeischlichen. Spinnweben und deren pelzigen, kleinen, acht beinigen Bewohner wurden von David und Vanessa mit größtem Ekel beiseite geschoben. Thomas hatte inzwischen die Lampe an David weitergereicht, denn er weigerte sich vehement weiter voran zu gehen, als eine dieser niedlichen Kameraden mitten in seinem Gesicht landete. Das arme Ding hatte sich vor Thomas unheimlich erschrocken. Sie krabbelte schnell und verstört in die nächste Mauerritze. Spinnen und Insekten. Ihre Sprache spreche ich nicht. Ich frage mich oft, ob sie auch Bewusstsein haben, das sie wiederum vor uns anderen Tieren verstecken.
Wir erreichten das Ende des Schachts. Über uns war ein Gitter angebracht, das Thomas ohne große Anstrengungen anheben konnte. Demnach waren David und Thomas bei ihrem letzten Ausflug durch diesen Schacht wohl wirklich noch etwas kleiner. Wir kletterten hinaus – das heißt, die Kinder kletterten hinaus und ich musste mich wieder in der demütigen Position hinaufreichen lassen.
Der Park lag weit genug entfernt und Sträucher tarnten uns vor den am Haus lauernden Vögeln. Wir konnten sie aus der Ferne beobachten, wie sie das Haus umflogen und auf der Veranda, auf dem Dach und dem Rasen hockten, lauernd darauf warteten, dass wir irgendwann herauskommen würden, um uns dann durch unsere Augenhöhlen das Gehirn herauspicken zu können. Kein schöner Gedanke, aber er brachte mich sofort dazu, meine Nase in alle Richtungen zu schwenken, auf dass uns nicht noch mehr mordlustige Artgenossen auflauerten. Eichhörnchen sehen zwar ebenfalls niedlich aus, können aber tödlich sein.
„Was jetzt?“, flüsterte Vanessa.
An dieser Stelle wollte ich mich gerade einbringen und die Kinder irgendwie dazu bringen, mir zu folgen. Denn ich brauchte sie, um mich in dem Gebäude umsehen zu können, von dem die Krähen sprachen. Aber gerade wollte ich David an seinen Shorts zerren, als Thomas mich unterbrach.
„Hört ihr das?“, fragte er. „Das ist doch ein Motorengeräusch … von einem Auto!“, sagte er und hielt sich im selben Moment die Hand vor den Mund, um seine aufgeregte Stimme zu dämpfen.       Wenn uns die Krähen dort draußen erwischen würden, hätten wir keine Chance zu entkommen. Das umliegende Terrain bot keinen sicheren Schutz. Wir hätten zurück in den Schacht fliehen müssen und hätten in der Falle gesessen. Das war den Kindern zum Glück auch bewusst.
Thomas hatte Recht. Es war ein Auto. Es musste gerade die Straße an der gegenüberliegenden Seite des Parks entlangfahren.
„Kommt schnell! Es darf nicht in die Nähe des Hauses und die Krähen auf sich lenken!“, sagte Vanessa leise aber bestimmt und schlich hastig los.
Wir rannten sofort hinter ihr her und sprinteten querfeldein über die offene Rasenfläche des Parks. Vanessa sprang mit einem Satz über die kleine Hecke, die das Parkgelände umfasste. Wir sprangen hinterher und mussten dann erschreckend zusehen, wie Vanessa sich vor den silbernen Ford warf. Der Wagen bremste scharf und Vanessa und der Fahrer sahen einander fassungslos an.
„Onkel Jochen?!“, keuchte sie, mehr zu sich selbst, als das der Fahrer sie hätte hören können.
„Papa?!“, fragte Thomas und war genauso überrascht und fassungslos, wie seine Cousine und David.
Dann ein Krächzen aus der Ferne. Sie hatten uns gehört. Uns oder den Wagen – wie auch immer. Sie würden in wenigen Sekunden dort gewesen sein.
„Schnell! In den Wagen!“, befahl David. „Leise die Türen schließen!“
Schnell stiegen wir ein und die Kinder zogen leise die Tür zu. Ehe Tomas Vater irgendetwas sagen oder tun konnte, hatte David zum Glück sofort reagiert und den Zündschlüssel umgedreht. Der Motor ging aus und David legte seinen Finger auf seine Lippen, als Zeichen für Thomas Vater still zu sein. Er war völlig perplex, doch verstand und gab keinen Ton von sich. Das Flattern war jetzt über dem Wagen. Der Himmel hatte sich wieder in eine schwarze Wolke aus abertausenden Federn verwandelt. Die Vögel krächzen – es war kaum auszuhalten. Die Kinder und auch Jochen hielten sich die Ohren zu.
„Duckt euch!“, flüsterte Vanessa.
Sie ließen sich, so gut sie irgend konnten, in den Fußraum hinab. Ich war bereits vorne mit David im Fußraum des Beifahrersitzes. Wir hörten das Getrippel von Krallen auf dem Autodach und der Motorhaube. Die Kinder schlossen ihre Augen und von Jochen kam ein leises aber wehleidiges und ängstliches Wimmern. Das Krächzen wurde noch einmal lauter. Sie waren über uns und um uns herum. Aber dann nahm es ab. Er wurde schwächer und dieser unausstehliche Lärm verschwand in der Ferne. Sie hatten uns nicht entdeckt. Wir waren in Sicherheit. Vorerst.
Für einen Moment blickten sich alle nur stumm einander an. Entweder wollten sie sichergehen, dass die Vögel auch wirklich außer Reichweite waren, oder niemand wollte als erster das Wort ergreifen. Ich schleckte David einmal ordentlich das Gesicht ab. So etwas macht Mut und heitert auf. Außerdem fiel mir sofort die unterkühlte Distanz zwischen Thomas und seinem Vater auf. Dafür, dass sie sich gerade einander lebendig und wohl auf wiedersahen, hielt sich ihre Begeisterung in Grenzen.
„T-t-thomas!“, stotterte sein Vater. „I-ich bin froh, dass es euch gut geht. Als ich merkte, was passiert war, bin ich sofort losgefahren.“
Er war sichtlich nervös, wie ein Junge, den man gerade beim Stehlen erwischt hatte. Die Kinder warteten erst einmal ruhig und erwartungsvoll, aber vorsichtig ab, was dieser Mann zu sagen hatte. Auch ihre Freude, zu sehen, dass sie nicht die letzten Menschen waren, hielt sich in Grenzen, was an eindeutig an dem Verhalten dieses Mannes lag. Er war ihnen nicht geheuer. Schweiß tropfte von seiner Glatze auf die Gläser seiner Brille. Sein Businesshemd war schmutzig und knittrig. Es war Schmiere und Maschinenöl, das konnte ich riechen.
„Es gibt andere?!“, fragte Vanessa.
„Ja. Wenige. Ich habe einzelne umherwandern sehen, aber ich habe nicht angehalten, denn ich wollte so schnell wie möglich hier hin.“, sagte Jochen, nahm die Brille ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Draußen waren etwa 35 Grad und dort im Auto wurde es allmählich unerträglich – was nicht nur an der Hitze lag.
„Wo bist du gewesen? Du warst sein über einer Woche nicht mehr zuhause. Du hast noch nicht einmal angerufen!“, schrie Thomas seinen Vater an.
Jochen setzte seine Brille wieder auf und trocknete seine feuchten Hände an seinem verschmierten Businesshemd ab. Er fühlte sich ertappt und blickte unsicher von einem zum anderen. Es war unglaublich. Der Mann musste um die fünfzig sein, machte aber Anstalten wie ein Kleinkind. Außerdem war er mit seinen Gedanken irgendwo, nur nicht hier. Dieser Mann wurde uns allen zunehmend verdächtiger. Die Kinder und auch ich fühlten uns sehr unwohl in seiner Gegenwart und überschattete die Freude einen anderen Menschen gefunden zu haben.
„Wir hatten sehr, sehr viel zu tun … auf der Arbeit … Hört mal.“, sagte Jochen stockend und wich der Frage ungeschickt aus. „Ich brauche dringend etwas aus meinem Büro zuhause. Wir fahren jetzt dorthin und dann wartet ihr dort, bis …“
„Zum Büro!?“, platze es aus Thomas heraus. Vanessa deutete ihm leiser zu sein, falls die Vögel noch irgendwo lauern sollten, aber Thomas kochte vor Wut und es lag nicht an dem Dampfkessel, in dem wir saßen.
„Zum Büro?!“, wiederholte er fassungslos. „Ist dir nicht aufgefallen, was hier gerade passiert ist?! Die Apokalypse ist da draußen hereingebrochen und du willst zur Arbeit?! Hast du sie noch alle?!“, preschte es aus ihm heraus und wir merkten, dass er am liebsten auf die dürre, kleine Figur, die sein Vater war, einschlagen wollte.
Jochen blickte verschämt auf seinen Schoß und hielt das Lenkrad fest umklammert. Mir ist aufgefallen, dass der Mann seit Tagen nicht geduscht hatte. Er war unrasiert und seine geröteten Augen und seine fahle Haut zeigten mir einen erheblichen Schlafmangel – Ann-Marie hatte einmal dieselben Symptome gezeigt, als David drei Tage lang verschwunden war (er hatte sich damals aufgemacht seine Eltern zu suchen).
„Ich kann euch das jetzt nicht im Ganzen erklären, aber …“ Er nahm wieder die Brille ab und rieb sich seine müden Augen. „Meine Arbeit und das, was passiert ist, hängt wohl irgendwie zusammen.“
„Was?!“, preschte diesmal David hervor und es formten sich langsam die einzelnen Puzzleteile zu einem Ganzen.

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