DOC – NEUN

Jochen sackte in sich zusammen und hielt verschämt die Hände vor sein Gesicht.
„Was hast du getan?!“, fauchte Thomas seinen Vater an, packte seine Schulter und zwang ihn somit, ihm ins Gesicht zu blicken. Widerwillig hob Jochen seinen Kopf und seine verweinten Augen versuchten mit große Mühe, dem eisigen Blick seines Sohnes standzuhalten. Es war unglaublich. Hier hatten Vater und Sohn die Rollen getauscht. Es war für mich unbegreiflich, wie solch ein Häufchen menschlichen Elends irgendwann einmal so etwas wie Thomas produzieren konnte. Thomas musste einfach sehr viel von seiner Mutter geerbt haben. Anders konnte ich es mir nicht erklären. Als hätte sich eine ausgewachsene Doggendame mit einem Chihuahuarüden gepaart – ist das überhaupt möglich?
„Es war ein Experiment… Wie soll ich es euch nur erklären?“, schluchzte Jochen und suchte verzweifelt nach Worten, während er sich die Tränen aus dem Gesicht wischte.
„Wir… das heißt mein Team und ich arbeiten seit Jahren für die Regierung. Wir bekommen von ihr eine Menge Geld, dass wir an einer bestimmten Sache forschen.“
Wieder suchte er nach Worten. Er war müde und erschöpft und ich sah, wie er um jedes einzelne Wort kämpfen musste.
„Wir haben uns bestimmte geo- und elektrophysikalische Eigenschaften der Atmosphäre zunutze gemacht, um die individuellen Biosignaturen einzelner Menschen ausfindig zu machen.“
Wir blickten ihn nur fragend an. Das überstieg mein Discoverychannelwissen, erinnerte mich allerdings an den Smalltalk der Crew in den Schlafanzügen auf der Enterprise in der Next Generation.       „Wir haben die Erdatmosphäre und Troposphäre manipuliert, um mit Hilfe von kontrollierten meteorlogischen Erscheinungen und Nanosonden Menschen aufzuspüren und sie gegebenenfalls zu eliminieren.“
„Mann, Papa! Sprich deutsch!“, fuhr Thomas seinen Vater an.
„Ihr habt mit dem Wetter experimentiert und daraufhin sind die Menschen verschwunden?“, hakte Vanessa nach, die sich interessiert nach vorn zu Jochen gebeugt hatte und anscheinend mehr verstanden hatte als wir übrigen.
Jochen atmete tief durch. Er wurde ruhiger. Über seine Arbeit zu reden schien ihm Sicherheit und Halt zu geben. Er kam mir nicht mehr so ganz wie ein Welpe vor, den man an einer Autobahn angeleint zurückgelassen hatte.
„Die Regierung hatte die DNA Sequenzen von allen Menschen, die je einmal ein Krankenhaus von innen gesehen haben; egal wo auf der Welt. Diese Sequenzen oder Signaturen produzieren ein bestimmtes elektromagnetisches Feld um jedes Individuum herum, dass wiederum selbst einzigartig ist und das mithilfe von Quantencomputern und Nanotechnologie erfasst werden kann… so in etwa.“
Wieder blickten wir ihn nur fragend an. Aus Reflex muss ich selbst in solchen Situationen immer meine Ohren spitzen und meinen Kopf schief halten – angeblich soll es auch „niedlich“ aussehen.
„Mit dieser Technologie können wir die Menschen nicht nur aufspüren, sondern auch in ihre Moleküle zerlegen und in unserer Rechnerbasis abspeichern.“
Jetzt schloss er die Augen und fing wieder an zu weinen. Er schniefte in Vanessas Taschentuch.
„Es ist schief gelaufen. Der Reaktor… Es gab eine Fehlfunktion… Alle… er hat alle aufgelöst und sie sind weg…“, wimmerte Jochen kaum verständlich.
Jetzt wurde David wieder aktiv und aggressiv. Er packte Jochen am Kragen und zog ihn dicht an sich heran.
„Wie macht man das wieder rückgängig?!“, fragte er ihn drohend, leise und bestimmt. Ich habe David noch nie so wütend gesehen, noch nie so fokussiert und ernst. Seine Wut, Furcht, Angst und Trauer – all das konzentrierte sich gerade auf einen Punkt, einen kleinen schwitzenden, labilen Mann mit Hornbrille, der anscheinend aus Versehen die gesamte Menschheit vernichtet hatte.
„Du hast gesagt, dass die Menschen in eurem Rechner abgespeichert sind. Also sind sie noch da. Wie kriegt man sie wieder dort heraus?“
Jochen und David blickten einander an, als wären sie die letzten übriggebliebenen einer Pokerrunde. Und es ging um alles oder nichts.
„Das Rechenzentrum ist abgestürzt. Es muss wieder hochgefahren werden. Deswegen bin hier.“ David ließ Jochen langsam wieder los. „In meinem Büro sind die Codes für das Backup System. Mit ihnen habe ich eine Chance die Anlage wieder in Betrieb zu nehmen und alles wieder rückgängig zu machen. Wir müssen uns beeilen. Wenn die Reaktorzellen erst kalt gelaufen sind, wird sich der Speicher der Recheneinheiten entladen und alle Signaturen werden für immer gelöscht.“
„Du meinst, dass du dann alle Menschen endgültig getötet hast.“, korrigierte ihn sein Sohn.
„Worauf warten wir dann noch? Fahr los!“, drängte Vanessa.
Jochen nickte, atmetet wieder einmal tief durch und startete den Wagen.
„Wir müssen vorsichtig sein.“, warf David ein, als der Wagen sich in Bewegung setzte und Thomas und Jochens Haus ansteuerte. „Die Tiere, und vor allem die Vögel… Sie sind seltsam seit dem Gewitter. Sie sind aggressiv. Sehen Sie diese Kratzer?“, David zeigte auf seine Wunden im Gesicht und an den Armen, „Das waren Krähen, die uns in ihr Haus gefolgt sind. Sie wollten uns umbringen.“
„Das ist in der Tat seltsam.“, sagte Jochen und sah mich skeptisch und verunsichert an. Ich sah ihm wahrscheinlich zu interessiert an allem aus, also leckte ich mich zwischen den Beinen, um wieder etwas hundetypischer zu erscheinen. Es funktionierte anscheinend.
„Eigentlich sollte der Prozess keinen Einfluss auf andere Lebewesen haben. Das ist wirklich seltsam. Ich checke das, sobald zurück in meinem Labor sind, okay?“
Jochen parkte den Wagen vor dem Haus. Alle suchten den Himmel ab. Es war keine Krähe zu sehen.
„Hört zu, ich springe schnell hinein, hole die Daten aus meinem Büro und bin im Nullkommanichts wieder bei euch.“, sagte Jochen.
Die Kinder nickten als Zeichen der Zustimmung und bevor er die Fahrertür wieder hinter sich schloss, drehte er sich noch einmal zu Thomas.
„Es tut mir leid… Das alles… Das ich nicht für dich da war. Es war alles ein Fehler… Es tut mir leid.“, sagte er in mit leiser Stimme. Dann schloss er die Tür und lief ins Haus. David kraulte mich hinterm Ohr. Die Hitze hatte etwas nachgelassen. Tatsächlich hatte sich der Himmel etwas zugezogen. Die Kinder beunruhigte es, das spürte ich. Es war nur verständlich, denn das letzte Gewitter, dass sie erlebten hatten, hatte ihre Welt, wie sie sie kannten, komplett aus den Fugen gerissen. Aber diesmal, schien es ein ganz normales Sommergewitter zu sein. Die Luft hatte sich bereits abgekühlt und einzelne, kleine Regentropfen prasselten auf den Wagen.
„Jochen kommt wieder aus dem Haus raus.“, sagte David und wollte ihm gerade die Fahrertür öffnen, als ein dicker, weißer Flatschen auf der Windschutzscheibe landete. Es war Vogelscheiße… und zwar von einem großen Vogel. David drehte sich schnell in seinem Sitz herum und ließ die Fensterscheibe herunter.
„Jochen! Beeil dich! Lauf!“, brüllte David.
Dann sahen auch Thomas und Vanessa den schwarzen Albtraum am Himmel. Es waren nicht nur die Gewitterwolken, die den Himmel verdunkelt hatten – die Krähen waren zurück. Jochen blieb starr auf dem Rasen stehen. Angst und Panik verwirrten seinen Überlebensinstinkt. Er sollte um sein Leben rennen, aber er konnte sich nicht rühren. Ihm blieben nur Sekunden, um den Sturm zu beobachten, der in Form schwarzer Federn auf ihn zu raste.
„Papaaa!“, schrie Thomas, aber es war zu spät. Sein Vater verschwand in der schwarzen Wolke. Der Lärm der Krächzenden Vögel verschluckte Jochens Schmerzensschreie. Thomas wollte zu ihm, ihm helfen. Aber Vanessa packte ihn und hielt Thomas mit aller Kraft zurück. Er hätte keine Chance gehabt. Wir konnten nichts tun.
Die Kinder weinten und ich bellte, schrie und flehte sie an den Mann in Ruhe zu lassen, aber ohne Erfolg. In dem wirren Durcheinander konnte wir dann plötzlich ausmachen, wie Jochen, wild um sich schlagend aufraffte und auf uns zuhielt.
„Mach die Tür auf!“, schrie Thomas, aber David zögerte.
„Noch nicht, sonst sind sie hier drin. Er muss erst am Wagen sein!“, antwortete David und Vanessa hielt Thomas mit aller Kraft zurück, damit er nicht die Tür aufstieß.
Jochen kämpfte sich Schritt für Schritt voran. Seine Gestalt konnte man durch die zappelnde Masse nur erahnen. Doch dann stand er direkt vor der Beifahrertür. Er kämpfte um sein Leben. David machte sich bereit.
„Jetzt!“, schrie er und öffnete die Tür.
Jochen quetschte sich hindurch und David zog die Tür schnell wieder zu. Er brauchte drei Versuche. Immer wieder klemmten sich die Vögel dazwischen. Eine Krähe schaffte es hinein, aber ich schaffte es sie zu schnappen und ihr den Kopf abzubeißen. Jochen fiel auf die Rückbank. Sein Gesicht war blutüberströmt.
„Thomas! Starte den Wagen und bring uns hier weg!“, schrie David.
„Aber ich kann doch gar nicht fahren!“, schrie Thomas, während er den Kopf seines Vaters auf seinen Schoß legte.
„Aber ich!“, sagte Vanessa, kletterte auf den Fahrersitz und startete den Wagen. Wir fuhren los.
„Wohin?“, fragte sie.
„Egal wohin! Nur weg hier und vor allem, weg von diesen Krähen!“, erwiderte David und Vanessa trat aufs Gas. Vanessa umsteuerte die stehengebliebenen Autos und fuhr Richtung Autobahn. Kluges Mädchen. Dort würde sie schneller fahren, als diese Mistviecher fliegen können.
„Papa, hörst du mich?“, fragte Thomas seinen Vater. Diesmal ganz sanft. Jochen sah aus, als wäre er in einen Rasenmäher gefallen. Er war aber noch bei Bewusstsein und flüsterte: „Zur Universität… müssen zum Labor… die Daten aufspielen… müssen zum Labor.“ Dann fiel sein Kopf zur Seite und er verlor sein Bewusstsein. Thomas rief weinend nach seinem Vater. Aber er reagierte nicht. Doch ich spürte, dass er noch lebte.
Vanessa hatte die Autobahn erreicht. Sie fuhr auf dem Seitenstreifen und gab Vollgas. Wir konnten erleichtert feststellen, dass die Krähen immer weiter zurückfielen. Leider kannten diese kleinen Scheißer sicherlich unser Ziel. Ich musste die Kinder irgendwie warnen, aber wie? Außerdem merkte ich in diesem Augenblick, dass ich das Autofahren eigentlich gar nicht gut vertragen konnte.

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