DOC – ZEHN

„Verflucht, Papa! Was sollen wir nur tun? Wir müssen dich zu einem Arzt bringen, dich in ein Krankenhaus schaffen!“, murmelte Thomas verzweifelt, mehr zu sich selbst, als zu seinem Vater, der blutend auf dem Rücksitz lag, den Kopf in Thomas Schoß gebettet.
Thomas versuchte die Blutungen in Jochens Gesicht zu stoppen. Er benutzte die Pflaster und Mullbinden, die er aus dem Erste Hilfe Koffer aus dem Kofferraum genommen hatte. David ist während der Fahrt nach hinten durch gekrabbelt und war zum Glück fündig geworden. Thomas gab sich zwar große Mühe, aber seine Fertigkeiten Verletzungen zu behandeln ließen zu wünschen übrig. Er war eher besser darin, sie anderen zuzuführen.
Thomas Vater sah alles andere als gut aus. Sein rechtes Auge wird er wohl nicht wieder benutzen können. Außerdem haben diese Teufel an seinen Ohren, seiner Nase und an seinen Lippen gezerrt und ihm ganze Stücke seines Gesichts herausgerissen. Es sah aus, wie ein Marmeladenbrot; Waldfrucht mit ganzen Stückchen. Das hatten die Vögel innerhalb weniger Sekunden erreicht. Hätten wir Tiere uns je gegen die Menschen koordiniert, dann hätten wir sie innerhalb weniger Stunden ausgelöscht. Doch das haben sie letztlich selbst getan.
Jochen war bewusstlos. In dem Wagen war es stickig und sehr warm. Es roch nach Blut und Schweiß. Ich musste dort raus. Und zwar schnell. Ansonsten hätte ich leider in den Wagen gekotzt. Ich machte mich also bemerkbar. Mit einem unmissverständlichen Geheule, untermalt mit dem wehleidigsten Blick, den ich je aufgesetzt hatte.
„Wir müssen anhalten. Ich glaube Doc ist schlecht.“ David hatte mich auf Anhieb verstanden – unsere Kommunikation lief immer 1a.
„Auf keinen Fall. Eher schmeißen wir deine bescheuerte Töle raus! Wir fahren in ein Krankenhaus!“, drohte ihm Thomas.
„Und was dann? Alle Menschen sind weg. Inklusive aller Ärzte. Sie sind alle abgespeichert in diesem beschissenen Computer, den dein Vater gebaut hat!“, gab David ihm zurück. „Vanessa, fahr rechts ran, sonst werden wir alle gleich selbst vor Kotze kotzen müssen und niemand kann mehr in diesem Wagen fahren!“
„Lass mich die nächste abfahren. Die Uni ist schon ausgeschildert. Ich war vor ein paar Monaten schon einmal mit Onkel Jochen dort. Nach der Abfahrt müsste ein Tunnel kommen. Dort können wir raus. Ich habe immer noch Angst, dass uns die Krähen wieder einholen werden.“, schlug Vanessa vor und steuerte die Ausfahrt an, immer den Rückspiegel im Auge, den Himmel nach schwarzen Wolken absuchend.
Es wurde für mich langsam brenzlig. Mir wurde schwindlig und ich merkte, wie es mir hochkam. Lange konnte ich es nicht mehr unterdrücken. Ich schluckte bereits meine Galle.
„Das gibt es doch nicht! Du fährst in ein Krankenhaus, du blöde Kuh, sofort!“, schrie Thomas.
„Halt deine Klappe! Halt bloß deine Klappe! Jochen sieht schlimm aus, aber er wird es überleben. Wir müssen zu diesem Computer!“, schrie David und ich wusste, dass er natürlich immer noch Ann-Marie im Kopf hatte.
Wir fuhren die Abfahrt ab und ich sah bereits den Tunnel – dunkel. Auch hier hatte die Elektrizität ihren Geist aufgegeben.
„Vanessa!“, schrie Thomas vom Rücksitz.
Wir fuhren in den Tunnel, der unter einen Fluss hindurchführte. Vanessa fuhr noch einige Meter hinein, bevor Sie den Wagen anhielt und David mir die Beifahrertür öffnete. Keine Sekunde zu früh, denn meine Gummibeine trugen mich gerade noch so hinaus, als ich im hohen Bogen mein Mittagessen von mir gab. Ich hörte den Tumult hinter mir, aber ich konnte nicht reagieren. Ich war noch zu benommen. Aber aus dem Augenwinkel sah ich, wie ein extrem aufgebrachter Thomas um den Wagen herumlief, direkt auf David zu marschierte und ihm einen festen Hieb in die Magengrube verpasste. Meine Beine fühlten sich wie Pudding an und die Welt drehte sich. Ich konnte nichts tun.
„Du kleines Arschloch! Dann bleib doch hier mit deinem Köter! Wer hat dich hier eigentlich zum Chef gemacht?! Kannst du mir das einmal sagen?!“, schrie Thomas.
Vanessa war bereits ausgestiegen und zog ihren Cousin zurück.
„Es reicht! Was ist los mit dir?!“, schrie sie und schubste ihn zurück. „Was ist bloß los mit dir?!“, wiederholte sie aber Thomas, dem ihr kleiner Schubser überhaupt nichts ausmachte und der keinen Millimeter zu bewegen war, stieß sie mit einem kräftigen Stoß von sich weg. Sie verlor das Gleichgewicht und landete hart auf ihrem Allerwertesten. Sie schrie auf. Es hatte ihr sehr weh getan. In seinen Augen sah ich nur blinde Wut. Mit ihm waren die Nerven durchgegangen. Die ganze Situation überforderte ihn. Er war ein labiles Kerlchen. Seine aggressive physische Gewalt war das einzige, an dem er sich festhalten konnte. Aber er hatte sie nicht unter Kontrolle.
Auf einmal sprang David hervor und schlang sich um Thomas Hüften. Der Versuch ihn zu Boden zu werfen misslang ihm jedoch kläglich und Thomas rammte ihm nur seine Ellenbogen ins Kreuz. Die Welt hatte sich inzwischen aufgehört zu drehen und meine Beine hatten ihren gewohnten Halt wieder. Ich zögerte nicht und preschte auf Thomas zu. 50 Kilogramm wütender Hund schafften es dann doch diesen gestörten Jungen umzuhauen. Er wurde auch ganz still, als ich meine Zähne fletschte – nur wenige Millimeter von seiner Nase entfernt – und ich ihn mit meinem eigenen zornigen Blick durchbohrte.
„Doc! Aus!“, keuchte David hinter mir. Er und auch Vanessa hatten sich gerade wieder aufgerappelt, als sich eine weitere Tür am Wagen öffnete.
„Thomas.“, röchelte Jochen. Er war noch so schwach, dass er sich an der Tür abstützen musste, um nicht zu fallen.
„Hört auf. Bitte…“ Ich ließ Thomas Bein nur widerwillig los und er humpelte zu seinem Vater. Thomas stützte ihn. Blut tropfte noch weiter von Jochens Gesicht und die Mullbinden waren bereits vollgesogen.
„Wir müssen dich in ein Krankenhaus bringen.“, forderte Thomas, aber Jochen schüttelte den Kopf.
„Nein. Wir fahren jetzt in mein Labor. Es ist nicht mehr weit. Wir müssen…“ Er unterbrach den Satz, um einmal wieder Luft zu holen, denn der Rest seiner Nase war von der blutdurchtränkten Mullbinde verdeckt, die um seinen Kopf herumgewickelt war. „… wir müssen den Prozess umkehren, bevor es zu spät ist. Los jetzt!“, sagte er mit Nachdruck, ein Tonfall in seiner Stimme, der für mich sehr fremd an ihm klang. Er machte mir Jochen aber ein wenig sympathischer. Zumindest vertrauenswürdiger als die weinerliche Gestalt, die er bisher abgegeben hatte. Es zeigte mir, dass er wenigstens den Willen hatte, seine Taten wieder gut zu machen.
Vanessa und David tauschten nur einen Blick und nickten einander zu. Dann stiegen sie in den Wagen. Vanessa setzte sich ans Steuer und David sich wieder auf den Beifahrersitz.
„Komm Doc.“ Ich warf Thomas noch einmal einen unmissverständlichen Blick zu, den er auch mit einem zurecht unwohlen Gefühl aufgenommen hatte, bevor ich mich zu David gesellte. Thomas half seinem Vater wieder behändig auf die Rückbank.
„Weißt du noch, wo wir lang müssen?“, fragte David.
„Ja. Die Uni ist gleich hinter dem Tunnel. Stimmt doch Jochen?“, vergewisserte sich Vanessa und blickte dabei durch den Rückspiegel zu Jochen. Er nickte lediglich und sah aus, als würde er jeden Moment wieder das Bewusstsein verlieren.
„Ja.“, stöhnte er leise, während Thomas sich daranmachte, ihm einen neuen Verband anzulegen.
„Hinter dem Tunnel links… dann die Abfahrt und wir sind am… Technologiezentrum. Gleich neben dem Tierpark.“, sagte er weiter, während dunkelrotes Blut seine Mundwinkel hinunter troff. Tierpark? Ich hatte irgendwie ein ganz mieses Gefühl bei Erwähnung dieses Wortes. Aber Vanessa machte die Scheinwerfer an und wir fuhren durch den unbeleuchteten Tunnel; vorbei an stehengebliebenen und ineinander gefahrenen Autos und LKW.

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