DOC – ELF

Wir ließen die Dunkelheit des Tunnels hinter uns und nahmen die nächste Abfahrt, die uns zum Universitätsgelände bringen sollte. Vanessa fuhr langsamer und versuchte sich mühselig an den Schildern zu orientieren. David hielt auch die Augen auf – und ließ seinen Blick immer mal wieder Richtung Himmel wandern, um nach gefiederten Wolken Ausschau zu halten.
„Wo hast du eigentlich fahren gelernt. Du machst das ja echt wie ein Profi. Ich meine, wie alt bist du? Dreizehn, vierzehn?“, fragte David.
„Ich bin dreizehn und das Fahren hat mir mein Vater beigebracht. Wir sind am Wochenende oft raus aufs Land zu meinen Großeltern gefahren. Ich fand es ziemlich nervig, weil ich lieber bei meinen Freunden in der Stadt geblieben wäre. Also dachte sich mein Vater etwas für mich aus, dass es wieder gut machen könnte. Seitdem fahren wir die Straßen über die Felder und in dem kleinen Dorf ab. Da ist nichts los und niemanden interessiert es.“ Sie folgte einer weiteren Ausfahrt, die an einem kleinen, bewaldeten Weg entlangführte.
„Sind deine Eltern nicht hier? Ich meine…“, fragte David und merkte prompt, dass er in ein Fettnäpfchen getreten war. Die Miene des Jungen verriet es mir. Vanessa reagierte aber nicht darauf.
„Nein. Meine Eltern haben sich getrennt. Ist eigentlich noch nicht so lange her. Ich bin alleine hier, weil meine Mutter sich auch nicht mehr so gut mit Onkel Jochen versteht, wie früher einmal. Sie meinte er arbeitet zu viel und lässt Thomas zu oft alleine.“
„Hey, halt deine Klappe! Was habt ihr denn schon für eine Ahnung!“, fuhr Thomas sie vom Rücksitz aus an.
„Schon gut.“, stöhnte Jochen. „Sie hat recht. Ich hätte öfter zu Hause sein sollen. Ich hätte so wie so mehr Arbeit abgeben müssen. Vielleicht wäre dann dieser ganze Schlamassel nicht passiert.“
„Schlamassel ist ja wohl echt untertrieben!“, sagte David und warf Jochen einen vernichtenden Blick zu. Ich merkte, wie sich die Atmosphäre in dem Wagen geradezu unerträglich auflud.
„Mann, ist jetzt mal gut. Hört ihr beiden jetzt mal sofort auf, auf meinem Vater herumzuhacken?!“, forderte Thomas erneut, diesmal mit mehr Nachdruck. Er hatte sich provokant nach vorne zu David gelehnt und dabei schrie er ihm die Worte fast in das Ohr. David drehte sich auf einmal schnell zu ihm um und stieß ihn zurück.
„Und du, du Arsch, gehst mir besonders auf den Sack! Merkst du eigentlich selbst gar nicht, wie gestört du bist? Merkst du eigentlich selbst gar nicht, dass du nicht mehr klarkommst? Dass sogar schon deine Cousine vorbeikommen muss, um nach dir zu sehen? Und du gerade einen Typ in Schutz nimmst, der für den Untergang der Menschheit verantwortlich ist?!“, konterte David und kämpfte bei den letzten Worten nur noch darum, sich zurück zu nehmen und die Fassung zu bewahren.
Thomas fiel nichts mehr ein, außer wieder einmal seine physische Überlegenheit zu demonstrieren. Er holte gerade zum Schlag aus, da fletschte ich allerdings erneut meine Zähne sprang und bellte und knurrte ihn an, dass ihm mein Geifer im Gesicht traf. Der Junge ging mir langsam aber sicher wirklich auf die Nerven.
„Nur zu, diesmal pfeif ich ihn nicht zurück.“, sagte David. Jochen blieb nur reglos sitzen.
„Da!“, rief Vanessa, die während des ganzen Chaos verzweifelt versucht hatte sich auf den Weg zu konzentrieren. Sie deutete auf ein Schild Institut für Biophysik. „Dort müssen wir doch hin, oder Jochen?“
Jochen war wieder in sich gekehrt, als der Streit zwischen David und Thomas ausgebrochen war. Er hatte wieder sein weinerliches, wehleidiges Gesicht aufgelegt. Sein apathisches Ich hatte wieder seinen Platz eingenommen. Trotzdem griff Vanessa mit einer Hand nach hinten und rüttelte an seinem Bein. Er schien wieder aufzuwachen.
„Richtig.“, sagte er benommen. „Fahr da drüben auf den Parkplatz, von dort kommen wir am besten ins Labor. Wir müssen…“ Aber Jochen konnte seinen Satz nicht beenden.
Ich erinnerte mich selbst nur an einen lauten Knall, ein tosendes Gewitter aus Metall und Glas. Alles drehte sich. Fensterschreiben barsten. Und der Wagen lag auf einmal auf dem Dach. Die Welt hatte sich gedreht. Die Kinder schrien. Und auch ich hatte mir ganz schön die Birne gestoßen.
„Ach du meine Fresse!“, sagte David. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf das, was den Boden erbeben ließ und auf uns zuraste, wie ein Güterwagon in voller Fahrt. Das Nashorn rammte das vordere Drittel des Wagens und wir drehten uns auf dem Dach, wie ein Kreisel. Der Schlag schleuderte uns allesamt einmal quer durch den Wagen.
„Was ist das?!“, schrie Thomas. Er lebte also noch – leider.
„Ein Nashorn! Ein ausgeflipptes, wildes Nashorn!“, schrie Vanessa. Auch sie schien so weit in Ordnung zu sein.
Ich versuchte einen Blick durch das zerstörte Fenster an der Beifahrerseite zu erhaschen. Ich sah dieses gewaltige Tier, wie es sich von unserem Auto entfernte. Nur, um noch einmal ordentlich Anlauf zu nehmen, befürchtete ich.
„Raus hier! Die Tür ist offen!“, keuchte Thomas, kletterte bereits durch die hintere Tür, auf der dem Nashorn abgewandten Seite. Dann zerrte er seinen Vater nach draußen, der sich seine blutende Stirn hielt und leise stöhnte. Auch er hatte die Attacke erst einmal überlebt.
David und Vanessa kletterten durch die Sitze nach hinten, aber ich hörte bereits das bebende Stampfen einer weiteren Attacke der riesigen grauen Bestie. Doch bevor es ein weiteres Mal sein Horn in die bereits lädierte Karosserie des Autos bohren konnte, hatten wir drei es doch noch rechtzeitig nach draußen geschafft. Wir rannten Thomas und Jochen hinterher zum Gebäude.  Thomas stützte seinen Vater und sie waren nicht sehr schnell vorangekommen. Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, wie das Auto sich ein weiteres Mal drehte. Ich wandte meinen Kopf und sah das tobende Monstrum, wie es mit seinen vorderen Hufen immer wieder auf den Wagen eintrat und er unter der Belastung dieser tonnenschweren Gewalt wie eine Konservendose zusammengedrückt wurde.
„Wo ist das denn auf einmal hergekommen?“, schrie Thomas.
„Wahrscheinlich aus dem Zoo ausgebrochen. Direkt neben der Uni ist nämlich einer.“, keuchte Vanessa. Wir hatten die beiden inzwischen eingeholt und waren jetzt vor dem Gebäude, wo wir schnell in eine Unterführung hineinliefen, von der aus mehrere Türen ins Gebäude führten.
„Ja, wahrscheinlich ist es zusammen mit denen dort aus ausgebrochen.“, sagte David und zeigt auf den dunklen, sich bewegenden Schatten vor den Eingängen. Unter dem Pavillon kamen sie dann hervor. Löwen, Affen, Leoparden, Tiger, Wölfe; alles, was der Zoo an zähnefletschenden Schwergewichten zu bieten hatte. Die Kinder und Jochen erstarrten. Ich musste etwas tun.
Hi Leute, wie geht’s? Ganz schön heiß heute, findet ihr nicht?, mir ist absolut nichts Besseres eingefallen und ich kam mir total belämmert vor. Dort standen sie. Jahre hinter Gittern. Eingesperrt für ein Verbrechen, das sie nicht begangen haben. Die Krähen konnte ich schon nicht besänftigen. Mir fiel absolut nichts ein, was ich meinen Kollegen dort aus dem Knast hätte sagen können.
Doc. Ich kenne dich. Vor einiger Zeit hast du mich mit diesem Jungen dort einmal besucht., grummelte eine Stimme in meinem Kopf, die ich zuerst nicht zuordnen konnte. Doch dann, als er hervortrat, erinnerte ich mich. Der König. Ann-Marie, David und ich besuchten ihn vor ein oder zwei Jahren. Damals hatten wir nur ein kurzes Gespräch. Zwischen den Gittern war eine Unterhaltung auch nur sehr schwer möglich. Es war einfach zu beklemmend. Ich hatte ihm gesagt, dass es mir so leidtat. Ich hatte ihn gefragt, wie lange wir unsere Rolle noch spielen müssten. Er sagte, dass wir noch ein wenig Geduld aufbringen müssten. Ich hatte es gut. Sie nicht. So viele von uns nicht.
Sie wollen es wieder rückgängig machen. Sie versuchen, dass, was passiert ist, wieder ungeschehen zu machen., teilte ich ihnen mit.
                Jochen und die Kinder standen immer noch stocksteif unter dem Pavillon. Niemand von ihnen wagte sich zu bewegen, niemand wagte zu sprechen, zu flüstern. Lediglich Davids fragenden Blick spürte ich in meinem Nacken. Er hatte während dieser Zeit genug gesehen, um sich seinen eigenen Reim darauf zu machen.
DU DENKST ALSO, DASS WIR DEN MENSCHEN ALL DAS HIER WIEDER ZURÜCK GEBEN, NACHDEM SIE ES SO LEIDENSCHAFTLICH ZERSTÖRT UND VON SICH WEGGESTOSSEN HABEN.
Ich wusste, worauf diese Diskussion hinauslaufen würde. Mir fehlten jegliche Argumente. Ich konnte die Menschen nicht verteidigen. Acht Milliarden und nur so wenige von ihnen waren auf den Fortbestand der Welt, geschweige denn ihrer eigenen Spezies bedacht. Mein Zögern sagte dem König mehr, als ich mit Worten beschreiben konnte. Er lächelte mich nur an – ein Lächeln unter uns Tieren.
Ich hörte bereits von den Krähen, dass du sie verteidigst. sie sind hier – falls du dich fragst. doch habe ich ihnen befohlen auf dem dach dieses gebäudes platz zu nehmen. Sie sind nur sehr schewr im Zaun zu halten.
Der König trat nun aus dem Schatten heraus. Scheiße, ich hatte zwar viel von ihm im Fernsehen gesehen, seit neuestem sogar in HD, aber das übertraf alles. Er trug all unsere Erinnerung in sich. Es wird von seit Jahrtausenden weitergegeben. Langsam, majestätisch schritt er auf uns zu. Seine Garde, die anderen Karnivoren des Zoos, richtete sich im Schatten auf, wohlwissend, dass sie unnötig war.
Bitte, lasst sie leben. Sie sind meine Freunde und…
Doc. Du hast keine Ahung, wie knapp unsere zeit bereits gewesen ist. Der König schritt um sie herum. Niemand wagte sich zu bewegen. Nur David sah mich an, als würde er mich darum bitten, ein letztes gutes Wort für sie einzulegen.
Ozeane, länder, kontinente. Sie haben sie verseucht. sie haben uns verseucht. sie essen uns aus irrsinnigen aberglauben heraus. sie essen uns aus spass und töten sich damit selbst. doc! was willst du mit ihnen? sie laufen auf ihren eigenen abgrund zu. hätten sie jetzt nicht den schlussstrich gezogen, hätten wir sie ohnehin wieder vertrieben. so viele jahrtausende geduld. umsonst. der unfall erspart uns lediglich das blutvergiessen… es tut mir leid um deine freunde. wir können nicht zulassen, dass sie die anderen wieder herbeiholen“
Ich wusste nicht, was ich dem König antworten konnte. Irgendeine Art von Entschuldigung, eine  Versicherung, dass sie sich bald bessern würden?! Scheiße, mir fiel nichts ein.

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