DOC – ZWÖLF

„LAUFT!“, schrie Jochen und spurtete plötzlich in Richtung des angrenzenden Gebäudes. Die Kinder reagierten sofort und rannten ihm nach. Ich meinerseits, muss gestehen, dass ich von der unvorhergesehenen Aktion ein wenig überrascht wurde. Meine tierischen Kollegen konnten vor lauter Staunen auch erst einmal nur zusehen, wie sich ihr Mittagessen entfernte. Erst als der König rief: SCHNAPPT SIE EUCH! wurden alle wach und auch ich rannte dann endlich hinter ihnen her, gefolgt von Wölfen, Löwen, Hyänen und anderen zähnefletschenden Vier- und Zweibeinern.
Jochen und die Kinder hatten den Eingang des Gebäudes erreicht und Jochen suchte verzweifelt nach einem Schlüssel, um die Tür zu öffnen. Wenn er nicht binnen weniger Sekunden die Tür aufbekommen hätte wäre für sie – und für mich höchstwahrscheinlich auch – das Spiel vorbei gewesen.
Aber als ich sie an der Tür eingeholt hatte, zog Jochen bereits die Tür auf und wir konnten allesamt schnell hineinspringen, bevor die Tiere uns erreichen würden. Wir waren im Gebäude, Jochen stieß die Tür hinter sich zu und wir hörten es nur noch laut Krachen. Es war zwar eine solide Metalltür mit nur einer kleinen Sicherheitsscheibe in der Mitte, aber ich zweifelte an ihrer Standhaftigkeit, wenn sich draußen erst einmal das Nashorn gegen sie mobilisieren würde.
„Verdammt! Was ist denn mit denen los?!“, keuchte Jochen.
„Dasselbe wie mit den Krähen. Dein Experiment muss sie alles verrückt gemacht haben!“, sagte David.
„Das kann gar nicht sein. Das ist völlig unmöglich. Es war schwierig genug die menschliche DNA herauszufiltern. Die Chance auch noch unterschiedliche Signaturen auch nur minimal beeinflusst zu haben geht gegen Null. Das ist unmöglich!“, haspelte Jochen.
„Können wir das Rätsel vielleicht ein anderes Mal lösen?“, fragte Vanessa und beäugte skeptisch die Tür. „Ich glaube nämlich nicht, dass diese dünne Tür den Zoo auf ewig von uns fernhalten wird. Vielleicht regen sich die Tiere ja wieder ab, wenn wir die Verwandlung erst einmal wieder rückgängig gemacht haben. Wo müssen wir hin?“
„Wir sind zwar im falschen Gebäude“, sagte Jochen, „, aber von diesem Gebäude führt ein Weg durch die Tiefgarage ins nächste Gebäude. Kommt, wir müssen die Treppen nehmen. Der Strom ist auch hier immer noch lahmgelegt.“
Jochen lief voran und öffnete eine Tür zum Treppenhaus. Dort war es stockduster, aber Thomas hatte seine Maclite noch dabei und konnte uns den Weg über die Treppe nach unten leuchten. Es roch nach Öl und Benzin. Die Tiefgarage konnte höchstens zwei Stockwerke unter uns liegen. Ich hoffte, dass meine Kameraden draußen uns nicht auf die Schliche kommen. Ansonsten wäre es ein kurzer Ausflug geworden. Aber noch schien alles ruhig zu sein und ich konnte nichts Haariges wittern. Wir kamen im Kellergeschoss an und Jochen öffnete vorsichtig die Tür. Er linste durch den Türspalt.
„Hier ist es immer noch sehr dunkel. Aber ich kenne den Weg.“, sagte er. „Thomas, verdecke das Licht der Lampe ein wenig und lasst uns so leise wie möglich sein. Ich bin mir wegen der Tiere einfach nicht sicher.“ Wieder einmal beäugte er mich mit einem skeptischen Blick. Ich wollte ihm keinen Grund zum Misstrauen mir gegenüber liefern, also tat ich so unauffällig wie möglich, setzte mich auf meinen Hintern und kratzte mich hinter dem Ohr – tat also etwas hundetypisches, wie ich meinte.
Wir schlichen also leise durch die Tiefgarage, bis wir am anderen Ende vor einer neuen Tür standen, die Jochen diesmal allerdings nicht aufbekam.
„So ein Mist. Das Sicherheitssystem muss sie nach dem Stromausfall verriegelt haben.“, sagte Jochen, nahm seine Brille ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Und jetzt?“, fragte Thomas.
„Ich überlege. Gebt mir einen Moment.“
Dann trat David nach vorn und inspizierte die große, Doppeltür aus Metall.
„Kannst du eigentlich Autos knacken, wenn du wolltest?“, fragte David Jochen. Dieser setzte seine Brille wieder auf und blickte David fragend an. Dann ging ihm ein Licht auf.
„Ja, das könnte klappen.“
Jochen nahm Thomas die Taschenlampe aus der Hand, der sie nur widerwillig losließ. Wir verließen die Tür und Jochen und David suchten die Tiefgarage ab. Sie sahen sich verschiedene Autos an.
„Leute, wenn ihr uns sagen würdet, was genau ihr sucht, könnten wir euch vielleicht helfen.“, sagte Vanessa.
„Wir suchen einen Wagen. Einen relativ großen und stabilen, denn wir wollen ihn gegen diese Tür rammen.“, sagte David.
„Was?!“, sagte Vanessa und sah die beiden vorwurfsvoll an. Ihr gefiel die Idee anscheinend nicht. Und wenn ich recht überlegte, war es tatsächlich nicht all zu ungefährlich.
„Hier ist ein Wagen! Wir nehmen diesen hier.“, sagte David. Und dann schrie er auf und stolperte rücklings auf den Boden. Wir rannten sofort zu ihm. Und da sahen wir den Grund seines Schreckens.
Ein Mann. Mitte fünfzig, in einem grauen Anzug. Er lehnte mit dem Rücken an der Fahrertür und war schwer verletzt. Er blutete. Sein Jackett und sein Hemd waren von Blut durchtränkt und sein Gesicht war übel zugerichtet. Er hatte Prellungen und Platzwunden an der Stirn, seine Nase war anscheinend gebrochen und seine Lippe war mit einer rotbraunen Kruste überzogen. Er nahm uns kaum noch war.
„Oh mein Gott. Wir müssen ihm helfen!“, entfuhr es Vanessa. Sie senkte Jochens Arm, der dem Mann direkt ins Gesicht leuchtete. Jochen sah den Mann an, als hätte er einen Geist gesehen.
„H-helft m-mir.“, stöhnte der Mann.
„Schnell, sieh nach, ob hinten im Wagen ein Verbandskasten ist!“, sagte Vanessa, kniete sich nieder und versuchte behutsam die Verletzungen des Mannes zu begutachten, bis sie auf etwas neben seiner rechten Hand blickte und sich dann wieder langsam von ihm entfernte.
„Ich muss die Scheibe einschlagen. Da vorne hängt ein Feuerlöscher. Ich hole ihn.“, rief Thomas und machte sich auf, den Feuerlöscher zu holen, der an einer der Säulen befestigt war. David und mir war inzwischen auch aufgefallen, was Vanessa so zurückschrecken ließ. Neben dem Mann lag eine Pistole auf dem Boden. Eine echte Pistole, wie man sie in zahlreichen Actionfilmen gesehen hat. Und es war ein großes Kaliber. Ehe wir allerdings irgendwie reagieren konnten preschte auf einmal Jochen hervor, nahm die Pistole an sich und richtete sie auf den Mann.
„S-Sie!“, stöhnte der Verletzte und sein Blick war auf einmal klar und eisig und durchbohrte Jochen. Was hatte das alles auf einmal zu bedeuten?
„Jochen, w-was ist hier los? Was tust du da?“, fragte Vanessa ihren Onkel mit zitternder und leiser Stimme. Aber Jochen reagierte nicht. Seine leeren Augen blickten emotionslos auf den Mann, der blutend vor ihm lag. In diesem Moment schlug Thomas den Feuerlöscher in die Heckscheibe des Fahrzeugs. Und ein weiterer lauter, heller Knall durchzog die dunkle Garage. Ein greller Blitz ging ihm voran, so dass die Kinder ihre Augen abschirmen und ich den Blick abwenden musste.
Thomas kramte einen Verbandskasten aus dem Kofferraum hervor und kam damit um den Wagen herum.
„Hier ist das Verbandszeug.“, sagte er stolz. Er ließ den Verbandskoffer fallen, als er sah, was geschehen war. Jochen hatte dem Mann ins Gesicht geschossen. Rauch entstieg dem Schaft der Pistole, die Jochen immer noch am ausgestreckten Arm vor sich hielt; sein Blick immer noch leer und eisig. Niemand bewegte sich.

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