DOC – DREIZEHN

Nach einem kurzen Moment des Schocks und der Fassungslosigkeit sprang ich Jochen an und biss mich in seinem rechten Unterarm fest. Verzweifelt und vergeblich versuchte er mich abzuwehren. Er ließ die Pistole fallen, stürzte auf den Boden und schrie. Ich biss nur noch fester zu. Er schrie weiter, zappelte hilflos, schlug mit seiner anderen Hand auf mich ein. Ich riss meinen Kopf hin und her, ohne meinen Kiefer auch nur im Geringsten zu lockern. Ich konnte sein Blut schmecken und seinen weichen Unterarmknochen spüren. Ich war fest entschlossen mich bis auf sein Mark hin durchzubeißen. Jochen schrie.
„Nehmt ihn weg! Nehmt ihn weg! Er bringt mich um!“, flehte er und jammerte, aber mich konnte dieser Psychopath mit seiner weinerlichen Tour nicht mehr beeindrucken.
In meiner Rage verschwamm die Welt um mich herum. Meine Gedanken lösten sich auf und machten Platz für meinen wilden, ungebändigten, animalischen Instinkt. Ich war nach langer Zeit meinen Vorfahren wieder ganz nahe und es fühlte sich gut. Doch dann hallte eine dumpfe Stimme in meinem Kopf, die zunehmend klarer wurde und meinen Namen rief.
„Doc. Lass ihn. Lass los.“ Es war David und dann merkte ich auch schon seine Hand, wie sie vergeblich versuchte, mich von Jochen wegzuziehen. Davids Stimme ließ mich wieder klarer werden und ich ließ von dem Psychopathen ab. Vorerst.
Ich trat zusammen mit David ein paar Schritte von Jochen zurück und merkte erst dann, dass David sich die Pistole genommen hatte und sie auf Jochen richtete.
„Was hast du da getan?!“, schrie Vanessa ihren Onkel an, der wimmernd auf dem Boden kauerte und sich seinen blutenden Unterarm hielt.
„I-Ich konnte nicht anders. Er war einer von den bösen, glaubt mir!“, wimmerte Jochen.
„Der Zug ist abgefahren. Wir glauben dir kein Wort mehr! Der Mann war verwundet; wehrlos und du hast ihm in den Kopf geschossen.“, stellte David entschlossen klar.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Vanessa David. Ihre Stimme zitterte und auch Davids Hand wollte nicht so richtig stillhalten. Aber ich sah eine Entschlossenheit in seinem ganzen Wesen, die mir sagte, dass mit ihm nicht zu spaßen war und er, wenn es nötig sein sollte, Jochen von uns fernzuhalten weiß.
„Thomas.“, sagte David nach kurzem Überlegen. „Thomas!“, wiederholte herrischer. „Verbinde die Wunde von deinem Vater. Sie zu, dass er nicht verblutet. Wir brauchen ihn.“,erklärte er weiter, aber Thomas stand immer noch paralysiert neben dem Auto, festgefroren. Vanessa ging zu ihm: „Thomas!“, sagte sie und streichelte seine Wangen. „Thomas! Lass du uns jetzt nicht auch noch im Stich!“, sagte sie. Er blinzelte und kam wieder zu sich. Vanessa nahm den Verbandskasten vom Boden und machte sich daran, Jochen zu verarzten. Ich ging dicht an ihn heran und beobachtete ihn genau.
„Gut so Doc, behalte ihn im Auge.“, sagte David und tätschelte meine Seite.
Er hielt die Pistole weiter auf Jochen gerichtet. Thomas sagte immer noch nichts. Hinter seiner Stirn ratterte es und ich sah deutlich, wie er sich Tränen verkniff und dabei auf seiner Unterlippe herumkaute. Schmerz gegen den Schmerz. David ging an dem Toten vorbei, blickte dabei in das, was von dessen Gesicht übrig war und wandte schnell sein Kopf wieder ab.
„Also, was sollte das?!“, fragte er und sah dabei so grün im Gesicht aus, dass ich befürchtete, er müsse sich jeden Moment übergeben.
„Dieser Mann war von der Regierung. Er wollte das Experiment manipulieren.“, sagte Jochen. Vanessa hatte ihm sein Hemdärmel aufgerissen, reinigte und desinfizierte die Wunde. Salz hätte sie hinein streuen sollen – nur nicht zu viel, denn eventuell müsste ich ja noch einmal einen Happen von ihm nehmen.
„Er war angeschossen. Sie doch nur, sein ganzer Anzug war bereits von Blut durchtränkt. Er hätte uns nicht im Geringsten gefährlich werden können. Was war hier los?“, fragte David.
Jochens Blick wanderte nervös von einem zum anderen.
„Ich hatte ihn angeschossen. Er wollte mich aufhalten, als ich versucht habe das Experiment aufzuhalten und da ist es passiert. Es war Notwehr. Ich war mir sicher, dass er uns umbringen würde.“, sagte er und stöhnte, als Vanessa ihm den Verband umlegte. Ich glaubte ihm kein Wort mehr. Ich war mir sicher, David und Vanessa ebenso wenig.
„Wir können dir nicht mehr glauben! Du tust ab jetzt genau das, was wir dir sagen und du wirst und in das Labor bringen. Du wirst das alles wieder Rückgängig machen und dann kannst du alles der Polizei erzählen!“, sagte David.
„Lass ihn doch erst einmal ausreden. Du weißt doch gar nicht, was hier läuft“, Thomas war wieder wach geworden. Ich wusste, dass bedeutete nichts Gutes.
„Thomas, vielleicht wartest du einfach hier unten und…“, begann David, aber Thomas fiel ihm ins Wort: „Gib mir die Knarre du kleiner Arsch und hör jetzt endlich auf dich hier als Chef aufzuspielen! Für wen hältst du dich eigentlich. Ich hätte dir schon längst deine Zähne ausgeschlagen, wenn deine miese Töle nicht wäre!“, presste er zwischen den Zähnen hervor. Ein tiefes Knurren von mir ging in seine Richtung. Eine Warnung, ruhig zu bleiben. Thomas blickte kurz auf den Arm seines Vaters. Ich sah, er hatte verstanden. Vanessa stand auf. Jochens Arm war verbunden. Er würde es vorerst wohl überleben.
„Thomas,“, sagte sie, sehr ruhig, sehr gefasst und besänftigend. „Thomas, wir müssen alles tun, um all diese Menschen wieder zurückzuholen. Wir müssen das gemeinsam tun. Nur dein Vater kann uns helfen. Aber sieh!“, sie deutete auf die Leiche des vermeintlichen Agenten und wurde laut. „Sieh doch, was dein Vater getan hat! Ich kenne Onkel Jochen. Er war anders. Er hat sich verändert. Ich erkenne ihn nicht wieder. Er war bereits bei unseren letzten Besuchen so seltsam fremd geworden. Und der Mann, in dessen Auto wir gestiegen sind, als wir vor den Krähen geflüchtet sind, war ganz und gar nicht mehr dein Vater. Bitte, Thomas, du musst das doch auch fühlen. Wir müssen vorsichtig sein.“
Sie trat an ihren Cousin heran und berührte seine Schultern. Er sah zur Seite und wich ihrem Blick aus.
„Wir werden ihm nichts tun. Aber wir müssen jetzt zusammenhalten und endlich diese Katastrophe beenden, Thomas, bitte. Wir brauchen dich.“, sagte sie, ruhig und eindringlich.
Thomas kämpfte erneut mit den Tränen und trat einen Schritt zurück. Er wischte sich mit dem Ärmel seines T-Shirts durchs Gesicht. Er hatte sich seinen Trotz weggewischt und war wieder ruhiger. Ich würde ihm im Auge behalten. Ihn und seinen Vater. Die beiden hatten einen gefährlichen Spleen.
„Lasst uns jetzt diese Tür dort drüben aufbrechen, damit wir endlich in dieses scheiß Labor können!“, sagte er und wandte sich dann an seinen Vater.
„Du weißt also, wie man Autos knackt? Dann sieh zu!“, befahl er ihm. Er behandelte seinen Vater mit Vorsicht und beäugte ihn skeptisch. Und hielt eine kühle Distanz, die er zu Anfang gezeigt hatte, bevor der Verwundete in ihm Mitleid erweckte. Vanessas Worte hatten zudem wohl angeschlagen. Trotzdem hielt ich die beiden genau im Blick und auch David hielt die Pistole die ganze Zeit über auf Jochen gerichtet.

Mit der Mag-Lite schlug Thomas die Scheibe eines SUV ein. Das Auto sah robust genug aus, um die verriegelte Doppeltür damit aufzubrechen.
„Los, dann zeig doch einmal, was du kannst.“, sagte Thomas und deutete mit seiner Mag-Lite auf die Armatur. Jochen sagte nicht. Er blickte nur finster und machte sich schleppend an seine Arbeit. Nach einigen Minuten hatte der Mann es tatsächlich geschafft, den Wagen zu starten.
„Na gut.“, sagte Thomas. „Raus da.“ Er zerrte seinen Vater aus dem Wagen und setzte sich hinter das Steuer.
„Sei vorsichtig!“, rief Vanessa ihm zu. „Vergiss nicht, dich anzuschnallen!“, rief David. Thomas schenkte ihnen ein ironisches Grinsen, legte den Sicherheitsgurt um und schloss die Tür.
David dirigierte Jochen mit der Pistole vor sich her und wir machten Thomas Platz, der inzwischen den Wagen zurücksetzte. Ein wenig holprig. Auch er fuhr nicht zum ersten Mal. Ich war nicht überrascht. Seine Kusine war dennoch eindeutig die bessere Fahrerin. Aber immerhin hat er dabei den Motor nicht abgewürgt, sonst hätte Jochen wieder von vorne anfangen müssen. Und irgendwie spürte ich, dass wir uns beeilen sollten aus dieser finsteren Garage zu verschwinden. Ich war mir sicher, dass meine Freunde dort draußen bald einen Weg hineinfinden würden.
Thomas hatte jetzt ausreichend Anlauf, um der schweren Tür einen ordentlichen Wumm zu verpassen. Und da setzte sich der SUV auch schon in Bewegung. Er steuerte direkt auf die Tür zu und nahm schnell an Fahrt auf. Es dauerte nur einen kurzen Augenblick. Der SUV durchbrach die Tür. Ein lauter Knall. Glas splitterte. Der Air Bag ging auf. Vanessa rannte zum Wagen hinüber. Ich sah, dass auch David sich erst in Bewegung setzten wollte. Doch dann muss ihm eingefallen sein, dass er Babysitter für einen Wahnsinnigen spielen musste, den man besser keine Sekunde aus den Augen lassen sollte. Also blieb er bei Jochen und hielt ihn weiterhin in Schach. Und schon wieder wunderte ich mich über diesen Kerl. Er machte nicht die geringsten Anstalten, seinem Sohn zu helfen. Sein Blick war eiskalt und mir lief es bei diesem Anblick selbst kalt den Rücken hinunter – beziehungsweise waagerecht entlang. Ich konnte schwören, dass sich sein Mundwinkel sogar zu einem Grinsen kräuselte, als er sah, wie sein Sohn im Wagen gegen den Air Bag geschleudert wurde.
Der SUV selbst hatte kaum Schaden genommen. Die Motorhaube hatte sich ein wenig verzogen und die Frontscheibe war zersplittert. Vanessa öffnete die Fahrertür und zog ihren Cousin heraus. Er konnte eigenständig laufen und hielt sich die Hände an die Ohren. Er säuselte Vanessa etwas zu.
„Ihm geht es gut. Der Knall hat sein Trommelfell ein wenig lädiert, aber er wird es wohl überleben!“, rief sie und stützte ihren Cousin.
David schrie lauthals auf und gab ein Wuhuuu! von sich. „Geile Aktion! Alter, das war großartig! Wir haben freie Bahn!“, rief er seinen Freunden zu.
Freie Bahn, ja. Keine Sekunde zu spät. Denn es folgte noch ein großer Knall. Der kam vom anderen Ende der Tiefgarage. Es klang, als hätte sich ein drei Tonnen schweres Nashorn gerade den Weg durch ein Tor gebahnt, gefolgt vom Trappeln dutzender Pfoten hungriger Karnivoren.

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