DOC – VIERZEHN

„Los, beeilt euch! Macht schon!“, drängte David und fuchtelte nervös mit der Pistole umher. Wenn er nicht aufpassen würde, erledigt er uns noch bevor meine vierpfotigen Freunde uns zwischen ihre Klauen kriegen.
Vanessa und Thomas quetschten sich durch den engen Spalt, den der SUV in das Tor rammen konnte. Er war für uns gerade groß genug. Durch die engen Winkel der Tiefgarage hallte das Heulen und Brüllen meiner tierischen Kameraden und das donnernde Stampfen des gehörnten Unpaarhufers. Sie mussten uns jeden Augenblick erreichen.
„Los, rein da! Nun mach schon!“, befahl David Jochen und er gehorchte klugerweise sofort.
Nachdem auch David hindurchgeschlüpft war, folgte ich ihm. Ich fand mich in einem dunklen Treppenhaus wieder und nur Thomas Mac Lite leuchtete den Weg. Die Wölfe waren die ersten, die das Tor erreichten. Die fauchenden Bestien wollten sich gerade durch den Spalt pressen und ich mich ihnen gerade entgegensetzten, als ein weiterer lauter Knall und ein greller Blitz das Treppenhaus durchflutete. David hatte dem Wolf, der seine fletschenden Zähne gerade durch die Tür streckte, in den Kopf geschossen. Der zweite Wolf zog sich mit einem Jammer zurück. Ich selbst war benommen. Ein anhaltendes hohes Fiepen hallte durch meine Ohren und ich schmeckte das Blut meines Verwandten von meiner Schnauze. Im fahlen Licht der Taschenlampe konnte ich Davids Entsetzten sehen. Seine Hand zitterte und ich spürte, wie angewidert er von seiner Tat war. Doch er hielt sich unter Kontrolle. Tapferes Kerlchen. Dumpf konnte ich hören, dass Thomas etwas sagte und Vanessa die Lampe reichte: „Vanessa, dreh den Schlauch auf! Ich halte sie in Schacht!“
Dann erst konnte ich genauer ausmachen, wovon er überhaupt sprach. Thomas hatte sich den Feuerwehrschlauch aus einem Glaskasten an der Wand genommen. Unser Rowdy wird noch zum richtigen Helden. Wir übrigen traten hinter ihn, als Vanessa das Wasser andrehte und ein schwerer, harter und kalter Strahl aus dem Schlauch schoss und den Spalt somit verstopfte. Zumindest für die pelzigen Freunde erst einmal ein Hindernis. Doch sollte der graue Panzer mit dem Horn gleich auftauchen, wird es sie nicht mehr lange aufhalten können.
„Welche Etage?“, schrie David.
„Nach ganz oben!“, schrie Jochen.
„Dann los! Thomas, wir halten dir oben die Tür auf! Warte nicht ewig und dann renn, was das Zeug hält!“, rief er unserem neuen Helden zu. Er nickte und hatte verstanden.
Wir vier rannte die Treppe hinauf. Vanessa hatte Thomas Mac Lite und lief voran, gefolgt von Jochen, David und mir. Vanessa leuchtete den Weg. David hielt Jochen mit der Pistole in Schach. Der kleine Mann war mit seinen Kräften am Ende und stützte sich immer wieder am Geländer ab. Aber David zwang ihn weiter zu laufen. Dann kamen wir endlich oben an. Ich hörte Schritte von unten. Thomas hatte die Verfolgung aufgenommen. Neben dem lauten Wasserstrahl durchzog wieder ein Donnern das Treppenhaus, gefolgt von hastigem Getrappel. Das Nashorn hatte den anderen Tieren den Weg gebahnt.
Jochen suchte wild und verzweifelt nach etwas in seinem Portemonnaie. Ich nahm an, dass es sich dabei um den Schlüssel handelte, der uns die Tür aufschließen sollte.

„Nun mach doch! Sie sind gleich hier!“, flehte Vanessa, wippte hysterisch auf und ab und Angst und Panik hatten sie ergriffen.
„Geht einen Schritt zurück! Ich schieße das Schloss auf!“, rief David und zielte bereits. Jochen und Vanessa traten einen Schritt zurück. Vanessa kniete sich neben mich und umarmte mich, während sie das Ziel anleuchtete. Hinter uns erschien Thomas. Völlig außer Atem. Trotz er sich den Weg durch die Dunkelheit bahnen musste, war er verdammte schnell. Dennoch würden die Tiere auch jeden Moment hier sein. David schoss. Einmal. Zweimal. Dreimal. Das Schloss zersprang in Einzelteile. Dann trat David dagegen. Einmal. Zweimal. Sie sprang auf und wir eilten hindurch. Keine Sekunde zu spät. Wieder waren die Wölfe die ersten, die uns erreichten. Aber Thomas warf die Tür hinter uns zu und stemmte sich dagegen.
„Wo lang jetzt?“, fragte David, während Vanessa Thomas half die Tür geschlossen zu halten und sich mit dagegen warf. Die pelzigen Killer warfen sich auf der anderen Seite gegen die Tür. Ich bezweifelte zwar, dass das Nashorn durch das Treppenhaus passen würde, aber auch wenn die Löwen hier oben sind, werden die Kinder keine Chance mehr haben.
„Das Labor ist gleich den Korridor hinunter. Wir sind fast da.“, sagte Jochen und in seinen Augen sah ich ein wahnsinniges Funkeln, dass mir zwar bereits vorher schon hin wieder aufgefallen war, aber bisher noch nicht in dieser Intensität. Dieser Mistkerl heckt irgendetwas aus, da war ich mir sicher und ich ließ ihn nicht mehr aus den Augen.
Große Fenster waren an beiden Enden des langen Flurs angebracht. Weiße Fliesen und weiße Wände, dazu der Geruch von verschiedenen Chemikalien. Es stank schlimmer, als in Ann-Maries Kämmerchen für ihre Putzutensilien. Ich mochte diesen Ort nicht und wollte instinktiv so schnell wie möglich wieder weg.
„Dann lauft schon. Ich halte hier wieder die Stellung und komme nach, wenn ihr die Tür zum Labor geöffnet habt! Das hat doch gerade gut geklappt. Warum sollte es nicht auch jetzt …“ Thomas und Vanessa wurden von einem schweren Stoß nach vorne geschleudert und die Tür war kurz weit geöffnet. Eine Löwenmähne reckte sich hindurch gefolgt von einem Brüllen, dass mein Herz aussetzen ließ. Aber es war nicht der König. David feuerte in die Richtung des Löwen. Dieser sprang schnell zurück und die Kugeln streiften ihn lediglich an seiner Schulter. Thomas und Vanessa nutzten den Moment, um sich wieder gegen die Tür zu stemmen. Ich selbst war von dem Lärm der Pistolenschüsse kurz irritiert – in meinen empfindlichen Ohren detonierte gerade eine Atombombe. In diesem ganzen Wirrwarr war es Jochen gelungen, sich aus dem Staub zu machen – und zwar in Richtung Labor.
„Doc! Fass ihn!“, schrie David, aber ich war bereits unterwegs.
Jochen stand am Ende des Korridors, nahm seine Brieftasche heraus und kramte hektisch nach dem Türöffner. Ich war nur noch wenige Sekunden von ihm entfernt. Ich sah, wie er eine kleine Karte herauszog und sie durch ein gerät schob, dass neben dem Türknauf angebracht war. Eine Karte, wie sie Ann-Marie zum Einkaufen benutzt – eine Kreditkarte. Aber diese war eine Schlüsselkarte und er öffnete damit die Tür am Ende des Korridors. Er war bereits mit seinem rechten Bein durch die Tür hindurch, als sich meine Zähne abermals in sein weiches, weißes Fleisch bohrten. Diesmal erwischte ich seine linke Wade und wieder schrie er vor Schmerz. Doch der Schrei war ein Schrei angefüllt mit Wut und Hass. Nicht mehr dieses mitleidige Gestöhne, wie ich es sonst von ihm kannte. Seine Augen warfen mir Blitze des Hasses entgegen. Auf einmal holte er mit seinem rechten Bein aus und trat mir in die Rippen. Ich musste ihn loslassen und wurde von der Wucht des Tritts an die gegenüberliegende Wand geschleudert. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah, aber meine rechte Seite schmerzte ungeheuerlich. Ich blickte ihn ebenso wutentbrannt an, wie er mich. Dann warf er mir auch noch ein herablassendes, dreckiges Lachen entgegen. Das sagte mir endgültig, dass dieser Mistkerl den Verstand verloren hatte und er für uns einfach nur eine Gefahr darstellte. Bei meinem nächsten Angriff werde ich mich nicht mehr zurückhalten.
Er drehte sich auf dem Absatz und wollte die Tür gerade hinter sich zu werfen, als ein weiterer Schuss den langen Flur durchzuckte. Jochen fiel zu Boden und an meiner Seite tauchte David auf. Aus dem Schacht seiner Pistole stieg Rauch. Er hatte Jochens rechten Oberschenkel erwischt. Im selben Moment knallte die Tür zum Treppenhaus auf. Thomas und Vanessa hetzten uns entgegen, gejagt von wutentbrannten Löwen.

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