DOC – FÜNFZEHN

David visierte die Löwen an, die hinter Vanessa und Thomas her hetzten, fand aber kein freies Schussfeld. Der Flur war einfach zu eng. Stattdessen hielt er die Tür zum Labor auf und wir hofften, dass sie uns schnell erreichen würden. Es sah gut aus, sie waren fast da. Aber dann stolperte Thomas, nur wenige Meter von uns entfernt. Vanessa sah sofort, was passiert war und sie drehte sich direkt um ihm wieder auf die Beine zu helfen. Sie würden es nicht schaffen. Ich sprintete los. Bevor der erste Löwe mit seiner Pranke ausholen konnte, hatte ich die beiden erreicht und ging zum Frontalangriff über. Ich wusste, dass ich diesen Kampf nicht lange überleben würde, aber ich wollte meinem Gegner wenigstens ein paar fiese Schrammen und Kratzer hinterlassen, die ihn an mich erinnern würden.
Ich sprang ihm ins Gesicht und biss einige Male zu. In dem engen Flur konnte er sich nur unbeholfen wehren. Doch seine Pranke hatte mich dann doch erwischt und schleuderte mich einige Meter von ihm weg.
„Doc! Komm zurück! Komm hier her! Lass das! Nun mach schon!“, hörte ich David schreien.
Ich spuckte etwas blutiges, pelziges aus.
DU BESCHEURTE PROMENADENMISCHUNG HAST MIR MEIN OHR ABGEBISSEN! VERFLUCHT! WIESO MEIN OHR!, jammerte dieses Riesenbaby. Es war einer der jüngeren Löwen. Wäre es der König gewesen, wäre ich schon längst nicht mehr am Leben.
„David jetzt komm, mach die Tür zu!“, hörte ich Thomas schreien. Ich drehte mich kurz zu den Kindern um und konnte David noch einmal einen Blick zuwerfen. Ich hätte ihm gerne noch einmal zulächeln wollen – aber so etwas kann ich ja leider nicht. David schrie mir hinterher und Thomas konnte ihn nur mit Mühe und Not hinter sich her in Sicherheit ziehen.
„Doc!“, schrie er noch einmal, dann waren sie durch die Tür hindurch. So weit, so gut. Als ich mich wieder umdrehte erwischte mich allerdings ein weiterer, heftiger Hieb, schleuderte mich diesmal gegen die Wand und riss mir die Seite auf.
LASS IHN.
Und da war er. Der König. Alles drehte sich. Ich konnte ihn kaum noch hören. Meine Seite schmerzte. Ein dumpfer Schmerz. Er ließ bereits nach.
MEIN FREUND, DU KANNST SIE NICHT RETTEN. ES IST VORBEI. GLEICH WERDEN DEINE KINDER IHRER ART FOLGEN., sagte der König zu mir. Er kam aus dem hinteren Teil des Korridors langsam auf mich zu. Wölfe und Löwen machten ihm Platz. Alles verschwamm aber auf einmal. Ich konnte nur noch seine majestätische Silhouette ausmachen, als er vor mir stand und auf mich hinabsah.
RUHE DICH AUS, MEIN FREUND., sagte er. Dann verschwamm alles. Meine Seite schmerzte nicht mehr. Vergeblich versuchte ich meine Lider offen zu halten. Doch ich schaffte es nicht. Und so schlief ich ein.

Da war er wieder! Ein unglaublicher, wahnsinnig stechender Schmerz! Meine Brust brannte wie Feuer. Als ich versuchte aufzustehen, fühlte es sich an, als hätte mir jemand ein glühendes Eisen in die Seite gerammt. Beinahe wäre ich wieder ohnmächtig geworden, aber ich kämpfte und hielt mich bei Bewusstsein. Ich war nicht tot. Da war ich mir ziemlich sicher. Der Tod konnte unmöglich so sehr schmerzen – denn vom zentralen Nervensystem hatte man sich ja verabschiedet. Ich lag auf einem kalten Metalltisch und ich roch verschiedene chemische Substanzen um mich herum. Und ich witterte etwas Tierisches in meiner Nähe.
     Wo bin ich?, fragte ich in die Dunkelheit. Ich blinzelte durch meine müden Augen und sah eine dunkle Gestalt aus der Ecke des Raumes auf mich zu kommen. Nur wenig Licht drang durch die Lamellen am Fenster durch den Raum. Die Gestalt humpelte auf mich zu. Etwas war seltsam an ihr. Sie erinnerte mich irgendwie an Quasi Modo.
Wo bin ich? Wer bist du? Was mache ich hier?, fragte ich weiter aufgeregt, wollte aufspringen und weg von dort, aber der Kampf mit dem Löwen hatte seinen Tribut gefordert. Ich war zu schwach.
Die humpelnde, kleine Gestalt kam näher an den Metalltisch heran, auf dem ich lag und ich erkannte, dass es kein Mensch war, sondern ein Verwandter seiner Spezies. Es war ein Schimpanse.
Doc, du bist wach. Es freut mich. Deine gebrochenen Rippen und die Schürfwunden konnte ich behandeln und mit dem Korsett, dass du dort trägst ein wenig stützen. Was mir Sorgen bereitete, war deine Schädelverletzung. Du hast durch den Prankenhieb unseres Freundes ganz schön einen auf den Deckel bekommen, als du gegen die Wand geschleudert wurdest. Aber du bist wieder bei Bewusstsein, die Prellung ist zurückgegangen, das ist gut. Du wirst wahrscheinlich Kopfschmerzen haben, aber das ist normal. Deine Seite und deine Rippen werden sicherlich auch sehr schmerzen. Soll ich dir etwas gegen die Schmerzen geben? Keine Angst, es ist lediglich ein leichtes Schmerzmittel., sagte der Affe.
Bist du Arzt?,
fragte ich ihn unglaubwürdig.
Nein, nein. Aber ich habe hier in diesen Laboratorien sehr, sehr viel Zeit verbracht und mir sehr vieles angeeignet, mir einige Sachen beigebracht und mir die Zeit vertrieben, wenn ich mal heimlich ausgebrochen war. Der Vorteil von uns Affen sind unsere Hände. Wir haben zwar nicht ganz so filigrane Fingerchen wie Menschen, dennoch können wir mit ihnen schon so einiges mehr machen, als wenn man nur vier Pfoten hat… nichts für ungut., sagte der Affe.
Seine ruhige, freundliche, fast herzliche Art strahlte auf mich ein Gefühl von Ruhe und Behaglichkeit aus und ich fühlte mich in seiner Gegenwart sogar sehr wohl. In diesem ganzen Chaos von verrückten Menschen und Tieren gab mir dieser Affe endlich wieder etwas Vertrautheit. Da fielen mir aber auch schon wieder die letzten eher unheiligen Stunden ein. Ich richtete mich unter Schmerzen auf, nur um dann wieder zusammenzusacken.
Ich danke dir. Auf das Schmerzmittel komme ich gerne zurück. Kannst du mich vielleicht auch auf den neuesten Stand der Dinge bringen? Wo sind meine Freunde? Meine menschlichen Freunde? Geht es Ihnen gut?
     Der Affe ging zum Eingang des Raums und sah nachdenklich aus dem Fenster. Dann ging er zu einer gläsernen Vitrine, wickelte sich ein Handtuch um seine Hand und schlug die Vitrine damit auf. Er nahm zwei Kanülen heraus und setzte eine Spritze an ihnen an.
Was ist passiert?, fragte ich ihn wieder und mir wurde auf einmal sehr unwohl. Der Affe hielt einen Moment inne und in seinem Blick lag jetzt eine Spur von tiefem Bedauern. Ich ahnte nichts Gutes und spürte mein Herz gegen die gebrochenen Rippen schlagen. Der Schmerz war mir egal geworden. Er konnte sich die Spritze sparen.
Die Löwen und Wölfe konnten deine Freunde auf dem Korridor nicht fassen. Die Affen, die bei der Jagd auf deine Freunde halfen, kamen wenig später das Treppenhaus hinaufgerannt. Vergeblich versuchten sie die Tür zu den hinteren Laboratorien zu öffnen. Als sie einen anderen Zugang suchten, fanden sie mich hier. Tagsüber bin ich oft hier in den Labors und die Menschen experimentieren mit mir. Ich hatte allerdings Glück, dass diese Universität, im Gegensatz zu anderen Einrichtungen in diesem Land – ganz zu schweigen von meinen armen Brüdern und Schwestern in anderen Ländern – an noch relativ humanen – wie albern dieses Wort klingt – ethische Konventionen gebunden ist. Aber entschuldige, ich schweife ab… Ich wurde aus meiner Zelle dort hinten befreit und sie erzählten mir, was sie vorhaben… In diesem Augenblick klettern sie außen die Fassade hinauf aufs Dach und versuchen über die große Kuppel über den Laboratorien hinein zu gelangen, um sie daran zu hindern, die Menschen wieder zurückzuholen.
Ich sagte: Diese Kinder sind meine Freunde, bitte tut ihnen nichts. Ich weiß, was die Menschen getan haben… immer noch tun… aber erinnert ihr euch nicht mehr an das alte Versprechen, dass wir gegeben haben? Wir brauchen sie Letzen Endens.
Er setzte sich zu mir auf den Behandlungstisch und grübelte einen Moment still vor sich hin. Dann sagte er: Die Menschen haben es uns in den letzten Tausend Jahren nicht leichtgemacht, noch auf den alten Deal zu vertrauen.
Ich setzte mich auf, unter höllischen Schmerzen. Dann sagte ich: Denk daran, wer auch wir sind. Auch wir jagen uns und auch bei uns gibt es keinen Friede-Freude-Eierkuchen! Wir mögen zwar in einer gewissen Einheit und im Gleichgewicht mit allem leben, aber wir sind gefangen in dieser Gegenwart, die leider endlich ist. Wir brauchen diese Idioten von Menschen nun einmal. Denn nur sie können sich auch in die Zukunft entwerfen – in unsere Zukunft – und die endliche Gegenwart verlängern – zum Wohle von uns allen!
Ich wusste gar nicht mehr, dass ich noch so gut predigen konnte. Ich dachte eigentlich, das nachmittägliche Glotzen auf diesen Hypnosekasten hätte mein Wissen über unsere alte Geschichte vollends gegrillt, aber es war doch noch da und hatte bei dem medizinisch versierten Affen Eindruck hinterlassen.
Ach, verdammt!, sagte er, sprang energisch auf, marschierte zur Tür und öffnete sie. Du hast recht, lass uns deine Freunde und diese bescheuerte Spezies retten!
Ich warf meinem neuen Freund ein mentales, verschmitztes Lächeln zu, kraxelte vom Tisch hinunter und hinkte unter großen Schmerzen zu dem Schimpansen.
Hast du eigentlich einen Namen?, fragte ich ihn.
Sie habe mich Abe genannt., sagte er.
Na schön, Abe, sagte ich, Kannst Du mir vielleicht doch noch die Schmerzmittel geben?
Du bekommst die Schmerzmittel und noch einen kleinen „Spezialcocktail“
, sagte er mit einem verschwörerischen Unterton und humpelte noch einmal zum Arzneischrank.

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