DOC – SECHZEHN

Hier entlang kommen wir nicht weit. Die Löwen bewachen den Korridor und ich sehe, dass zwei meiner Affenbrüder versuchen die Tür zu den oberen Labors zu öffnen, sagte Abe, als er einen vorsichtigen Blick durch den Türspalt riskierte.
     Na toll. Und was machen wir jetzt? Gibt es keinen Hintereingang, fragte ich ihn ungeduldig.
Die Schmerzmittel und die Aufputschmittel, die er mir vor einigen Minuten verabreicht hatte, zeigten allmählich Wirkung und ich fühlte mich nicht nur schmerzfrei, sondern auch voller Adrenalin und Tatendrang. Ich war mir sicher, dass ich mir den Weg durch die Löwen notfalls freikämpfen könnte.
Bleib ruhig. Anscheinend habe ich es mit den Drogen wohl etwas zu gut gemeint., raunte Abe mich an und schloss leise die Tür.
Wir haben noch eine Möglichkeit, aber sie wird dir nicht wirklich gefallen; da bin ich mir sicher.
     Ein paar Minuten später kletterte Abe die Fassade des Gebäudes hinauf. Ich war auf seinen Rücken geschnallt. Er hatte ein Geschirr aus dem Labor umfunktioniert und mich hineingesetzt. Ich fühlte mich, wie diese Frau in dem Schwarz-Weiß-Affenfilm – hilflos den akrobatischen Fähigkeiten eines Primaten ausgeliefert.
Gleich sind wir auf dem Dach mit der großen Kuppel. Darunter befindet sich das Labor, deine Freunde und – wenn mich nicht alles täuscht – das Labor mit den Maschinen, die für dieses ganze Desaster verantwortlich sind., sagte Abe und war für einen alten Laboraffen immerhin doch ein recht eleganter Kletterer.
Die Menschen sind immer noch für diesen Mist verantwortlich, aber wir werden es ausbaden – wie immer., verbesserte ich ihn und verspürte gerade einen umso größeren Hass auf die Menschen, weil ich wegen ihnen auf dem Rücken eines Affen ein Gebäude hinaufgezerrt werde.
Wir erreichten das Dach und Abe befreite mich aus diesem schrecklichen Geschirr. Jetzt sah ich zum ersten Mal die riesige Kuppel auf dem Gebäude. Sie war wesentlich größer, als ich vermutet hatte. Das ganze Gebäude war größer, als ich es vermutet hatte. Es lag wohl daran, dass die oberen Etagen sich mit den Etagen der angrenzenden Gebäude verbanden und somit ein in seiner Größe nicht zu erahnender Gebäudekomplex entstand.
Die Kuppel lässt sich öffnen und schließen. Die eigentliche Apparatur, eine Art Satellitenschüssel, die gebündelte Strahlen absondert. So hat es mir auf jeden Fall der Orang-Utan aus dem Nachbarlabor vorhin erzählt., erklärte mir Abe.
Na wenn der Orang-Utan das sagt, muss es ja wohl stimmen, entgegnete ich ihm mit übertriebener Ironie, aber wie kommen wir hinein?, fragte ich ihn dann.
Die Frage hatte Abes Denkapparat angestoßen und er suchte sich nach einer Lösung unseres Problems um. Dann hatte er sich anscheinend entdeckt. Er rannte auf allen vieren zu einer Ecke zwischen Gebäude und Kuppel. Ich vermutete in diesem kleinen Vorbau das Treppenhaus. Abe rüttelte kräftig an dem Schloss und versuchte vergeblich sie zu öffnen. Die Türen an diesem Tag sollten uns aber weiterhin verschlossen bleiben. Jedoch witterte mein Näschen einen kühlen Windhauch, der abgestandene Luft mit sich brachte. Luft, die aus diesem Gebäude kam. Ein Lüftungsschacht befand sich wenige Meter von uns entfernt und führte in ein schmales Schachtsystem, dass gerade mal groß genug für uns war.
Abe! Der Schacht! Bekommst du das Gitter auf?
Abe hinkte zum Gitter hinüber, packte das Rost mit seinen Affenpranken und nachdem es ein wehleidiges, metallisches Quietschen und Krächzen von sich gegeben hatte, gab es nach und Abe warf das herausgebrochene Gitter zur Seite.
Bitte nach ihnen., sagte er und bat mich in Portiermanier hinein.
Ich ging voran und Abe folgte mir. Wir quetschten uns durch den engen, quadratischen Schacht. Und dann brachte mir das Lüftungssystem die Information, die mir ein Stein vom Herzen nahm. Ich konnte die Kinder durch die Abzugsluft wittern. Ich krabbelte schneller durch den Schacht und jetzt konnte ich sie auch hören. Der Schacht endete an einer zwei Meter tiefen vertikalen Einmündung, die nach unten in ein Labor führte.
Verdammt. Wie kommen wir dort hinunter?, fragte ich Abe verzweifelt.
Lass mich doch bitte einmal vorbei., bat mich Abe und drängelte sich bereits über mich durch den Schacht. Dabei trat er mir ins Gesicht.
     Ups, entschuldige bitte., sagte er bedauernd. Ich beließ es bei einem tadelnden Grummeln.
Was hast du vor?, fragte ich.
Ich werde das Gitter dort unten auch aufbrechen. Ich sollte es schaffen halbwegs unbeschadet im Labor zu landen. Anschließen besorge ich uns einen Tisch oder irgendetwas in der Art. Da steige ich dann drauf und du lässt dich in meine Arme fallen. Was hältst du davon?
Klingt nach einem Plan. Langsam gewöhnt man sich daran getragen, geworfen und gefangen zu werden. Machen wir es so.,
stimmte ich ihm verständlicherweise mit wenig Begeisterung zu.
Und keine Sekunde zu spät. Die Stimmen der Kinder klangen bereits die ganze Zeit über hektisch, aggressiv und angespannt. Ich konnte in dem Durcheinander allerdings nicht wirklich heraushören, worum es bei den Scherereien ging. Doch die Diskussion dort unten wurde langsam heiß und die Situation spitzte sich zu. Ich wusste nicht genau, was Abe und ich erreichen konnten, aber die gemeinsame Kraft eines Labradors und eines Schimpansen wird die Sache schon wieder ins Lot bringen – da war ich mir sicher!
Abe krachte durch das Gitter der Lüftung und landet mitten im Labor. Für einen kurzen Moment herrschte Stille. Dann hörte ich, wie etwas schweres, metallenes über den Boden gezogen wurde.
Spring runter Doc, ich fange dich auf!, teilte mir mein Primatenfreund telepathisch mit.
Und wehe wenn nicht!, antwortete ich ihm auf demselben Kommunikationskanal.
Ich sprang hinunter, beziehungsweise ließ mich einfach fallen – denn zum Springen war es entschieden zu eng in dem Schacht – und landete in Abes Affenarmen. Ich spürte meine angeknacksten Rippen wieder. Es schmerzte höllisch, aber ich würde es überleben; hoffte ich zumindest.
„Doc! Du lebst!“, schrie David euphorisch und rannte zu mir. Abe ging zur Seite und machte dem Jungen Platz. Er umarmte mich, aber bevor er noch kräftiger zudrücken konnte, winselte ich, um ihn dezent auf meine Verletzung aufmerksam zu machen. David bemerkte meinen Verband und löste seinen Griff vorsichtig. Freudetränen rannen über sein Gesicht. Und über meine wären auch welche gelaufen, aber das ist nicht unsere Art.
„Okay, ich weiß nicht, was um alles in der Welt hier jetzt schon wieder los ist und wo auf einmal dieser Affe herkommt, aber wir müssen weitermachen und den Computer resetten, bevor die Affen auf der anderen Seite der Tür einen Weg hier hineinfinden!“, ermahnte Vanessa alle und eilte zu Jochen, der immer noch lebte und hinter einem meterlangen Kontrollpult neugierig und misstrauisch hervorlugte.
„Verdammt, Jochen! Mach schon! Die Affen kommen durch!“, schrie Thomas.
Der Junge hatte den Eingang mit sämtlichen Mobiliar verbarrikadiert, was das Labor aufzubieten hatte. Aber die Tür war aufgebrochen und die Tiere außerhalb des Labors stießen sie Millimeter für Millimeter weiter auf. Die Zeit wurde knapp. Und selbst wenn Jochen es schaffen würde den Prozess umzukehren… Sie Tiere auf dieser Erde waren wieder erwacht und würden sich nicht wieder so schnell schlafen legen. Ich fürchtete, dass es Krieg geben würde.

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