DOC – DAS ENDE

Vanessa, David und Thomas stemmten sich mit aller Kraft gegen die Schränke, Regale und Tische, mit denen sie die Tür verbarrikadiert hatten. Aber ihnen würde die Kraft bald ausgehen und der Türspalt öffnete sich mehr und mehr. Jochen war emsig mit den Rechnern beschäftigt und tippte allerhand Daten ein. Er beachtete mich und Abe gar nicht mehr.
Doc, sagte Abe, mit eurem Freund dort hinter den Computern stimmt irgendetwas nicht.
Ich weiß, sagte ich, er ist ein Freak. Das ist der schräge Vogel, dem wir den ganzen Schlamassel hier zu verdanken haben. Aber ich denke, er gibt gerade sein Bestens, alles wieder ins Reine zu bringen.
Nein, das glaube ich nicht, sagte Abe verschwörerisch, verließ mich und ging langsam und vorsichtig auf Jochen zu, der voll und ganz von seiner Aufgabe eingenommen war.
Hey, rief ich Abe hinterher, was machst du da?!
Das ist nicht euer Freund!, rief er, schrie lauthals auf und machte einen riesigen Satz auf Jochen hin.
Abe stieß Jochen mit einem kräftigen Stoß seiner Beine vom Kontrollpult weg. Der Stoß schmetterte Jochen gegen einen Aktenschrank hinter ihm, dessen Inhalt nun auf ihn niederprasselte. Ich eilte zu Jochen, um weiteres zu verhindern, wenn Abe ihn nicht bereits getötet hatte.
Hör auf damit! Was ist los mit dir?!, fragte ich ihn, baute mich vor Jochen auf und fletschte meine Zähne. Die Kinder waren mit der Tür am anderen Ende des Labors beschäftigt und bekamen von dieser Sache anscheinend nichts mit.
Doc, ich sehe, dass du diesen Mann anscheinend vorher nie begegnet bist, begann Abe, denn sonst wäre dir aufgefallen, dass nicht der Geist deines Freundes in diesem Körper dort steckt.
Ich war verwirrt. Wovon sprach der Affe?
Khan, warum erzählst du es ihm nicht? Ich kann dich auch in deinem schwachen Körper, in dem du dort steckst, ansonsten auch ganz schnell, ganz leicht dazu zwingen!, sagte er und blickte Jochen mit tiefem Ernst an.
Ich musste zugeben, dass Jochen gar nicht überrascht wirkte. Der Tritt musste ihm unheimlich schmerzen, aber aus seinen Augen blitzte nur tosender Zorn. Was war dort los? Dann sprach Jochen, telepathisch, in unserer Sprache.
Abe, du Verräter! Lass mich wieder an die Maschine. Nur einen Knopfdruck und auch die letzten Menschen dort drüben sind verschwunden. Ein weiterer Knopfdruck und alle anderen, die sich im Speicher dieser Maschine befinden, werden gelöscht und diese verkommene Spezies wird nie wieder zurückkehren!
Ich bewegte mich langsam und vorsichtig von Jochen weg und trat an Abes Seite. Ich wusste jetzt, wo die eigentliche Gefahr lauerte.
Wie bist du aus deinem Käfig in diesen Körper hineingekommen? Es waren die Experimente, stimmts?, sagte Abe. Ich habe in den vergangenen Wochen mitbekommen, wie sie dich geholt haben. Sie haben dich gefoltert und für dieses Experiment hier missbraucht, richtig?, forschte Abe weiter.
Jochen, oder besser gesagt Khan, stand auf und befreite sich von den Papieren, die noch auf ihm lagen und baute sich vor uns auf. Es war körperlich immer noch Jochen, eine kleine Gestalt mit Hornbrille. Aber der Geist in diesem Körper war mächtig und machte mir Angst. Khan antwortete nicht, sondern lächelte nur verschwörerisch.
„Kinder! Helft mir! Dieser Affe – er dreht durch!“, keifte er wie ein schlechter Schauspieler drauf los. Aber dieser Effekt verfehlte sein Ziel nicht. David rannte zu uns, die Pistole in der Hand, die er auf Abe richtete. Dann fuhr Khan mit einem niederträchtigen Grinsen fort:
Du hast wieder einmal völlig Recht Abe. Kluges Äffchen, höhnte Khan, aber nachdem sie es geschafft hatten, meinen Geist in diese seelenlose Maschine und wieder hinaus zu verfrachten, war etwas Unvorhergesehenes passiert. Mein Geist wurde in den Körper dieses Mannes transferiert und sein Geist in diese diabolische Maschine – welch Ironie, nicht wahr?
Jochen, oder Khan, kam langsam einige Schritte auf uns zu.
Für einen kurzen Moment verschmolzen unsere Gedanken, genug Zeit für mich, mir das Wissen um diese Maschine abzuzapfen. Die Menschen – wir hätten den Auftrag, sie zu beobachten, niemals annehmen sollen. Ich konnte diesen Fehler korrigieren… na ja, fast., sagte er und blickte zornig zu David hinüber, der immer noch irritiert und mit zitternder Hand auf Abe zielte.
Abe, sagte ich. Was ist hier los? Was sollen wir tun? David hat einen nervösen Finger. Sei vorsichtig!
Khan ist ein Schimpanse, der für unerlaubte Forschungszwecke an dieser Maschine benutzt wurde. Der Universität sind solche Experimente strikt untersagt, aber ich habe Menschen in Uniformen gesehen, die anscheinend anderen Gesetzen folgen.
, sagte Abe.
Und jetzt ist Khan ziemlich stinkig, folgerte ich. Na gut, aber was tun wir jetzt? Und wieso kennt er sich mit der Maschine so gut aus?
„Doc, komm hierher!“, rief David nervös.
„David! Was machst du da hinten! Hilf uns, diese scheiß Affen kommen gleich durch die Tür!“, rief Thomas vom anderen Ende des Labors.
„David, erschieß den Affen, wir haben keine Zeit!“, stachelte Khan in Jochens Gestalt den verwirrten Jungen an.
Wenn ihr Affen solche Genies seid, sagte ich zu Abe, würdest du dann nicht auch mit dieser beschissenen Maschine zurechtkommen? Kannst du es aus Khan heraus quetschen?, fragte ich ihn.
An dieser Stelle sei angemerkt, dass wir Tiere unsere Telepathischen Fähigkeiten nicht nur auf einer oberflächlichen, rein sprachlichen Ebene einsetzen können. Mit ihr können wir auch sehr schnell Wissen und Informationen austauschen, wenn die beteiligten Partner an der Kommunikation dazu bereit sind. Andernfalls können wir das schwächere Individuum auch dazu zwingen, uns mitzuteilen, was wir wissen wollen. Wir dringen dazu in seinen Geist ein und brechen ihn. Ein Kodex unter den Tieren verbietet das – aber, na ja, auch wir brechen Gesetze und in diesem Fall blieb uns keine Alternative.
Abe, ich warne dich!, sagte Khan und wandte sich gleich wieder an David: „Schieß endlich!“, befahl er und David setzte tatsächlich an.
Aber ich sprang so schnell ich konnte den Jungen an und warf ihn zu Boden. Die Waffe fiel ihm aus der Hand und rutschte über den Boden Richtung Khan. Khan warf sich auf sie, doch Abe war schneller. Er umklammerte mit seinen Pranken den dürren Hals von Jochens Körper und Kahns und Abes Geist verschmolzen miteinander. Ich konnte Abe an dieser Stelle nur noch viel Glück wünschen. Nur einer von den beiden würde die Geistesverschmelzung überleben und ich war außen vor. Ich konnte lediglich den Jungen in Schach halten. Also baute ich mich vor ihm auf und fauchte und knurrte ihn an. Ich bellte und fletschte die Zähne, so dass mein lieber Freund sich aus Angst vor mir nicht mehr rühren konnte. Es tat mir so unendlich leid, meinem lieben David solche Angst zu machen, aber mir blieb nichts anderes übrig.
„Die Tiere kommen durch!“, schrie Vanessa und dann krachte es laut.
Thomas und seine Cousine kamen zu uns hinübergerannt und blieben abrupt vor mir stehen. Das Bild von Abe, Jochen – oder Khan –  und mir, wie ich mich ihnen in den Weg stellte verwirrte sie völlig. Im Augenwinkel sah ich, wie Affenarme sich durch den Türspalt zwangen und in wenigen Sekunden hier sein würden.
Abe! Jetzt oder nie!, sagte ich und tatsächlich. Abe entließ Jochen aus seinen Pranken und ich spürte, dass Khan fort war – absorbiert von Abes Geist, mit all seinen Erfahrungen und seinem Wissen.
„Papa!“, schrie Thomas. Er wollte zu ihm. Ich stellte mich ihm zähnefletschend in den Weg.
Ich hab es!, sagte Abe und machte sich gleich daran, wild auf der Tastatur des Computers einzuhämmern.
Die Kuppel öffnete sich. Die Affen bahnten sich einen Weg durch die Tür. Hinter ihnen kamen die Wölfe und Löwen. Der Boden in der Mitte des Labors öffnete sich. Eine Apparatur, die aussah wie eine riesige Laserkanone, stieg empor. Die Tiere schreckten zurück. Das Gebäude zitterte. Blitze zuckten in immer kürzeren Abständen über die Oberfläche dieser „Laserkanone“. Das Gebäude erbebte noch stärker. Die Halogenleuchten im Labor flimmerten und versagten schließlich ihren Dienst. Die Kinder verloren den Halt unter ihren Füßen und fielen zu Boden. Dann feuerte die Kanone in kurzen Abständen grell flackernde Blitzkugeln in den Himmel. Wellen enormer Hitze entstanden und alle, Tiere und Menschen, zogen sich instinktiv von ihr zurück und pressten sich an die Wände des Labors. Ich sah, wie einige Löwen, Affen und Wölfe wieder durch den Eingang flohen. Vanessa und David hielten sich in den Armen und Thomas zog sich auf allen Vieren zu seinem Vater hin. Der Himmel verdunkelte sich und eine blitzende Wolke zog sich über der Kuppel zusammen. Das Szenario wiederholte sich. Es wird ein Unwetter geben, wie an dem Morgen dieses Tages.
Abe?! Bist du sicher, dass du alles richtig gemacht hast?, fragte ich ihn.
Abe war hinter der Steuerkonsole in Deckung gegangen und ich schlug mich durch das Blitzegewitter zu ihm durch.
Ich hoffe es, mein Freund, ich hoffe es!, sagte er.
Das Beben wurde stärker. Von der Decke fielen die Leuchtröhren und Teile der Decke hinab. Regale fielen um. Die Kinder suchten klugerweise unter den Tischen Schutz. Thomas zog Jochen mit sich unter einen Tisch. Der Lärm, den diese höllische Maschine verursachte wurde unerträglich. Das grelle Blitzen schmerzte durch meine geschlossenen Augenlider.
Und dann… Stille.

Als ich wieder zu mir kam, herrschte eine fast unheimliche Stille. Die Kuppel über dem Labor war noch geöffnet und warme Sonnenstrahlen legten sich auf mein Gesicht. Ich stand auf und ging zu David, der unter einem Tisch kauerte. Ich leckte ihm durchs Gesicht und dann wachte er langsam auf und öffnete schwermütig seine Augenlider.
„Doc, was ist passiert?“, fragte er mich verwirrt, während er mich hinter dem Ohr kraulte.
Ich ließ ihn wach werden und beschnüffelte die übrigen. Auch Vanessa konnte ich mit einem sehr feuchten Zungenkuss quer über ihr Gesicht wieder auf die Beine helfen. Ich ging hinüber zu Thomas und Jochen. Ich erschrak. Thomas hielt die Waffe in seinen Händen und ich konnte riechen, dass sie erst vor wenigen Momenten abgefeuert worden war. Thomas erwachte und auch Jochen. Jochens Geruch hatte sich verändert. Ich konnte einen Geist in ihm spüren und hoffte, dass es auch diesmal Jochen sein würde. Aber auf wen hatte Thomas geschossen? Ich drehte mich hastig um und rann schnell zu dem Kontrollpult hinüber.
Abe? Hey Kumpel, ist alles in Ordnung? Abe?
Ich stieß mit meiner Schnauze eine Halogenleuchte von ihm hinunter. Unter dem Aluminiumgestell der Leuchte verbarg sich meine Befürchtung. Abe wurde von der Waffe in die Brust getroffen.
Abe? Hörst du mich?, fragte ich meinen Primatenfreund. Langsam hoben sich seine Lider und er rang sich ein Lächeln ab.
Doc, hat es funktioniert?, fragte er mich. Sein Geist war sehr schwach.
Sieht gut aus, mein Freund. Wir müssen sehen, wie es draußen aussieht., sagte ich und leckte ihm über das Gesicht. Er kraulte meinen Nacken.
„Thomas?“, fragte Jochen und er klang völlig verwirrt. „Vanessa? David? Was macht ihr hier? Was ist passiert?“, fragte er weiter.
„Was ist denn los Papa? Kannst du dich an nichts mehr erinnern?“, fragte Thomas und half seinem lädierten Vater beim Aufstehen. Er berührte den blutigen Verband auf seinem Gesicht und fasste sich an seinen Hals, der durch Abes Griff ein einziger grüner und blauer Fleck war.
„Nein, ich… ich kann mich an nichts erinnern.“
Dann witterte ich noch mehr Menschen in dem Raum und auf einmal bemerkte ich die vielen nackten Männer und Frauen, die sich den Kopf hielten und allesamt verwirrt und paralysiert waren.
Abe, sieh nur! Es hat anscheinend funktioniert! Du hast es geschafft! Du hast all diese Mistkerle gerettet!, aber er antwortete mir nicht mehr.
Abe?
Langsam glitt seine Hand von mir ab.

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