404 – DEAD LINK: Kapitel I

Das Biest

Dean stieg den schmalen, steilen und steinigen Pfad hinauf. Julia folgte ihm und atmete die warmen Strahlen der untergehenden Sommersonne auf ihrem Gesicht. Neben ihnen erstreckte sich das bewaldete Tal, ein Meer aus immergrünen Tannen, in dessen Mitte ein weiter See smaragdgrün glitzerte. Dean und Julia hatten heute einmal keine Eile. Nach Langem hatten sie wieder einmal zusammen Urlaub und waren erfolgreich der Hektik des Alltags der Großstadt entkommen. Hier konnten sie wieder aufatmen, den Kopf freibekommen und sich Zeit für sich nehmen.
Sie waren von ihrer Hütte am See am Fuß des Berges aufgebrochen. Der Weg, der anfangs noch eben war und erst allmählich an Steigung gewann, war jetzt steinig, steil und kaum noch zu erkennen.  Das Plateau wollten sie vor Sonnenuntergang erreichen und gemeinsam den Ausblick von der Spitze des Berges erleben. Dort wollten sie dann übernachten und am nächsten Tag wieder hinabsteigen. Pure Romantik.
Julia stolperte und verlor den Halt auf dem losen Geröll. Nur wenige Schritte neben ihr verlief ein tiefer Abhang bis weit hinunter ins Tal. Doch ehe sie stürzen konnte, hatte Dean sie bereits aufgefangen. Er reagierte schnell, fing sie behutsam auf und zog sie wieder auf die Beine. Er lächelte verspielt.
„Halte deine Augen auf, Big Bird.“
„Ich wollte nur deine Reflexe testen, Soldat.“, erwiderte sie, ließ sich ganz nah heranziehen und küsste ihn.
Der Pfad wurde mit jedem Schritt unwegsamer, steiler und sie mussten immer häufiger über Geröll klettern. Julia tastete sich vorsichtig voran. Dean stützte sie und hielt ihre Hand. Sie war unsicher und solche Aufstiege nicht gewohnt. Er kannte diese Art von Klettertouren noch aus seiner Zeit bei der Army.
„Wir sind fast da. Nur noch ein kleines Stück.“, ermutigte er sie.
Julia lächelte ihn an, aber das Lächeln war nicht mehr so sorgenfrei, wie zu Beginn ihres kleinen Trips. Der Aufstieg erwies sich tückischer, als sie es angenommen hatte. Sie hatte kein gutes Gefühl mehr, gab sich aber Mühe, es sich nicht anmerken zu lassen. Zum einen, weil sie Dean nicht enttäuschen wollte, zum anderen – und das trieb sie immer am meisten an – weil sie es sich selbst beweisen wollte. Sie war nun einmal eine Kämpfernatur und gab nie so leicht auf.
Der Pfad endete schließlich an einer steilen Felswand.
„Tja, und was jetzt? Wir sind mit Sicherheit doch falsch abgebogen. Das hier sieht mir nicht nach der üblichen Touristenroute aus.“
„Dies hier ist doch dein Terrain, Soldat! Oder etwa nicht? Wenn wir das nächste Mal wieder zu einem Staatsbankett geladen sind, werde ich dafür vorangehen, okay?“
Dean blickte sich um und erspähte einen alternativen Weg, hinter der Böschung am Rand der Felswand. Dort war der Aufstieg zwar immer noch sehr steil, doch boten die hervorstehenden Felsen einen vielversprechenden Halt.
„Lass es uns dort drüben versuchen. Du gehst voran, dann kann ich dich stützen.“, schlug er vor.
„Du meinst, damit ich dich notfalls hochziehen kann?! Ich glaube, du willst dich bloß an der Aussicht laben, gib es zu!“, flachste Julia.
Sie kletterte entschlossen voran. Das Plateau war bereits in Sicht und es waren nur noch wenige Meter. Sie schaffte den Aufstieg ohne Deans Hilfe, worauf sie schon ein wenig stolz war. Sie zog sich mit aller Kraft den letzten Meter hinauf.
„Wir müssen uns beeilen, wenn wir den Sonnenuntergang nicht verpassen wollen!“, rief sie ihrem Mann zu, der ihr dicht auf den Fersen war.
Als sie bereits mit ihren Ellenbogen auf dem Plateau lehnte, konnte sie den Horror, der ihr plötzlich gegenüberstand, nicht fassen. Ein riesiger, dunkler Wolf hatte sich vor ihr aufgebaut. Er fletschte die Zähne und sein Geifer rann ihm aus dem Maul. Julia konnte sich nicht bewegen. Sie konnte noch nicht einmal atmen, geschweige denn um Hilfe schreien. Sie war starr vor Angst. Sie blickte in die Augen des Wolfs und sie waren blutrot. Das konnte unmöglich real sein. Diese riesige Bestie konnte unmöglich wirklich existieren. Wie ein dunkler Blitz schnellte das Biest auf sie zu. Julia reagierte instinktiv und ließ sich so schnell wie nur möglich wieder vom Plateau hinab
„Dean!“
Sie verlor den Halt und fiel. Dann schloss sich eine Hand fest um ihr Handgelenk. Ein beißender Schmerz drang durch ihren Arm, aber ihr Mann hatte sie vor einem tiefen Sturz bewahrt.
„Julia! Halt dich fest, versuch die Felswand zu erreichen. Halte dich fest!“
Sie griff nach der Wand und konnte wieder sicheren Halt fassen. Über ihrem Kopf spielte sich im Bruchteil einer Sekunde das Grauen ab. Der dunkle Wolf, diese schwarze Bestie mit den feuerroten Augen, stürzte sich auf ihren Mann und sie beide fielen die Felswand hinunter. Die Bestie fiel heulend in den Abgrund, aber Dean konnte sich noch im letzten Augenblick an einer Felskante festklammern.
„Dean! Halte durch, ich komme zu dir runter!“
„Julia! Bleib dort. Ich schaffe das schon…“
In diesem Augenblick brach der Fels, an dem sich Dean gehalten hatte, heraus. Julia schrie seinen Namen als er stürzte. Sie streckte die Hand verzweifelt nach ihm aus, um ihn wieder aus dem Abgrund herauszuziehen. Aber sie konnte ihren Mann bereits nicht mehr sehen. Die Welt um sie herum wurde dunkel. Ihr Schrei verhallte in der Dunkelheit. Alles um sie herum wurde von einem Nebel aus Nichts verschlungen…

Ihr eigener Schrei hatte sie aus dem Schlaf gerissen. Hastig tastete sie nach dem Schalter der Lampe auf ihrem Nachttisch. Ein Traum. Ein Albtraum. Schon wieder. Seit Wochen immer wieder derselbe Traum. Sie setzte sich auf und streifte sich den Schweiß von ihrem Gesicht. Ihr T-Shirt war komplett durchnässt. Ihr Herz raste, als wäre sie einen hundert Meter Lauf gesprintet. Die feuerroten Augen der Bestie hatten sich in ihre Netzhaut gebrannt und sie starrten sie immer noch von der dunklen Zimmerecke aus an. Ein penetranter Klingelton schallte auf einmal durch ihr Schlafzimmer. Wieder schreckte sie auf. Aber nur kurz. Es war ihr Handywecker. Sie wollte schon längst einen anderen Weckruf eingestellt haben. Sie tastete mit der einen Hand nach ihrem Handy, mit der anderen wischte sie sich den Schlaf aus den Augen. Sie stellte den Weckruf aus und ihr Blick streifte nur für einen kurzen Moment das Display ihres Handys. Sie war sicherlich noch nicht ganz wach, oder noch im Halbschlaf, aber sie hätte schwören können, dass sie „Big Bird …“ und eine Reihe von Zahlen auf ihrem Handy hat aufleuchten sehen. Sie blickte wieder in die dunkle Ecke ihres Schlafzimmers. Die Augen der Bestie waren verschwunden. Sie inspizierte das Smartphone und durchsuchte auch noch einmal ihre SMS, WhatsApp- und E-Mail Nachrichten, aber keine Spur von einer Nachricht, die auf einen ähnlichen Inhalt hingewiesen hätte. Sie musste es geträumt haben.
Julia stand auf und ging ins Bad. Es war 5:00 Uhr. Die Pressekonferenz war auf 9:00 Uhr angesetzt. Sie musste sich beeilen. Ihr Mann war vor zwei Jahren spurlos verschwunden. Sie dachte, sie hätte den Verlust bereits besser verarbeitet. Jetzt verfolgte sie dieser Traum schon seit Wochen. Warum nur? Sie war nie mit Dean zusammen in den Bergen. Und der Wolf? Sie war in New York aufgewachsen. Sie war durch und durch ein Stadtkind. In ihrem Lebenslauf kam nie ein großer, böser Wolf vor. Was hatte das alles zu bedeuten? Dean war tot. Damit musste sie sich abfinden. Die Chancen, ihn wiederzusehen, lagen bei null. Das war sie so oft mit der Polizei, dem Privatdetektiv, den sie engagiert hatte und ihrem Psychiater durchgegangen. Sie hatte es akzeptiert. Wieso jetzt diese Träume? Sollte Sie lieber wieder Dr. Martin aufsuchen? Aber vorerst hatte sie Wichtigeres zu tun. Und das war gut so. Ihre Arbeit half ihr dabei, sich abzulenken und nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Sogar ihr Boss hatte mittlerweile die Samthandschuhe wieder abgelegt und stand wieder mit ihr auf dem gewohnten Kriegsfuß. Sie liebte ihren Job bei der Washington Post. Und den hatte sie jetzt zu erledigen, um endlich den Artikel über Präsident Trumps Russlandkontakte einreichen zu können. Ihr Boss machte ihr bereits seit Wochen die Hölle heiß. Und dafür musste sie es rechtzeitig zur Konferenz schaffen.

3 Kommentare zu „404 – DEAD LINK: Kapitel I

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.