404 – DEAD LINK: Kapitel II

Der große Vogel

Julia hatte gehofft vor dem Berufsverkehr die South Dakota Avenue hinter sich zu lassen, aber an diesem Morgen war sie mehr durch den Wind, als sonst. Natürlich hätte sie all ihre Unterlagen, die sie für ihr Interview parat haben musste, auch an dem Abend zuvor zusammenlegen und ausdrucken können. Aber sie gehörte zu den Menschen, die den Zeitdruck der Deadline im Nacken spüren müssen, ehe sie sich um unangenehmen Papierkram kümmern.
Es war bereits 8:30 Uhr. Es würde an einem Wunder grenzen, wenn sie es pünktlich um 9:00 Uhr zur Pressekonferenz im Weißen Haus schaffen sollte.
Das Taxi hielt vor dem Redaktionsgebäude der Washington Post. Julia drückte dem Fahrer eilig 20 Dollar in die Hand und stürzte hinaus.
„Hey, Miss!“, rief der Fahrer hinter ihr her. „Sie haben ihre Tasche vergessen!“
Julia verfluchte sich innerlich und machte noch einmal kehrt.
„Können Sie mir einen Gefallen tun?“, bat sie den Fahrer. „Können sie hier auf mich warten? Ich muss zu einem dringenden Termin ins Weiße Haus. Ich bin in drei Minuten wieder hier.“
„Zu Konferenz mit Trump?! Aber nur wenn sie ihm zeigen, was die Fake News so alles drauf haben!“, witzelte der Mann. „Aber klar, ich warte dort drüben auf sie!“
„Ich danke ihnen!“, sagte Julia und war bereits wieder auf dem Weg. Dieses Mal mit ihrer Tasche.

„Julia! In zwanzig Minuten geht die Konferenz los! Was um alles in der Welt tust du noch hier?! Schnapp dir den Jungen und dann sieh zu, dass du wegkommst! Ich habe deine ewige Trödelei auf dem letzten Drücker allmählich satt! Deinetwegen bekomme ich noch einen Herzinfarkt!“
Alan Baxter. Julias Boss und stellvertretener Redakteur der Post. Ein klobiger Mittfünfziger, der kein anderes Leben kennt, als seinen Job. Auch an diesem Tag sah Baxter wieder aus, als hätte er in seinem Anzug geschlafen, wenn überhaupt in den letzten zwei oder drei Tagen.
„Bin schon auf dem Weg, Boss! Wo ist Nick?!“
„Bin startklar, Red! Schon seit einer Stunde! Wo bist du nur gewesen?“, fragte der junge Fotograf, Nick Fuller, seine Mentorin, als er mit zwei Bechern Kaffee aus der Kantine zu Julia hinüber stolperte. Dabei wäre er fast mit Baxter zusammengestoßen, der ihn wie ein wütender Stier anblickte, sich dann aber wieder auf Julia konzentrierte, die wild in den Schubladen ihres Schreibtischs herumkramte.
„Julia! Verschwindet ihr jetzt endlich?! Das ist die Story! Der Präsident ist so kurz davor zurückzutreten und ich will gefälligst jedes einzelne Wort seiner Erklärung gedruckt sehen! Und was ist mit deinen Informanten?! Ich hoffe deine Quellen sind dieses Mal hieb- und stichfest! Wenn sie  wieder einen Rückzieher machen, wie in der BP Sache, haben wir einen riesen Imageschaden und du bist dann endgültig deinen Job los!“, schnaubte Baxter sie an.
Julia war fündig geworden und hielt ihrem Boss schadenfroh eine Akte unter die Nase.
„Oh Alan, mein Lieber, er wird zurücktreten. Ich war vorsichtiger und habe aus meinen Fehlern gelernt. Heute wird uns niemand in die Suppe spucken!“, sagte sie verheißungsvoll, griff Nick unter den Arm und die beiden verschwanden durch die Redaktionstür Richtung Aufzüge.
„Und deine Zeugen sind auch wirklich zuverlässig? Ich meine, bei der BP Geschichte hattest du mit deiner Menschenkenntnis ziemlich danebengelegen. Die haben dich ganz schön sitzenlassen.“, mahnte sie Nick, während der Aufzug sie zurück ins Erdgeschoss brachte.
Julia überflog ihre Unterlagen und schien nur mit einem Ohr hinzuhören.
„Nicki, du hast noch viel von dem Business hier zu lernen und bei Gelegenheit erkläre ich dir auch alles. Aber heute siehst du zu, dass du gute Fotos bekommst, okay?“, reagierte sie entnervt.
Sie stiegen in das Taxi, dass auf sie gewartet hatte und fuhren los. Julia verstaute ihre Unterlagen in ihrer Tasche. Dann schloss sie für einen kurzen Moment die Augen, atmete tief durch und versuchte sich zu beruhigen. Sie bereute den groben Tadel, den sie Nick gerade vor den Kopf geworfen hatte.
„Tut mir leid, Nick. Die Story hat in den in den letzten Wochen einfach viel an mir gezehrt. Meine Nerven liegen blank. Aber weißt du was, wenn wir das hier überstanden haben, gebe ich heute Abend einen aus. Was hältst du davon?“, fragte Julia und gab Nick einen verspielten Punch auf die Schulter.
„Aua. Na gut, aber nur wenn du aufhörst, dich wie eine Domina aufzuspielen!“ Er rieb sich die Schulter.
„Nick, du bist eine Pussy. Für unseren Job brauchst du ein dickes Fell und spitze Ellbogen, merk dir das. Ich denke, ich habe dir heute genug gelehrt, junger Padawan. Mach dich bereit, gleich die Action los!“
Das Taxi hielt an der Pennsylvania Avenue vor dem Weißen Haus. Julia kramte nach ihrer Brieftasche und warf einen Blick auf das Taxameter. Sie erstarrte, als sie sah, was das Gerät anzeigte. Ihr wurde schwindlig und dachte sie würde immer noch träumen. Sie hatte noch nie halluziniert. Aber heute bereits zum zweiten Mal. Sie blinzelte, aber es stand immer noch dort.
„big bird.“
Das Taxi hielt in zweiter Reihe und die hinter ihm fahrenden Autos begannen zu hupen.
„Hey Miss, aufwachen. Ich darf hier nicht einfach so stehenbleiben!“, mahnte der Taxifahrer.
Nick stupste Julia an, sie blinzelte nochmals und die Anzeige auf dem Taxameter zeigte acht Dollar fünfunddreißig an. Julia rieb sich ihre Augen, fasste sich wieder und nahm zehn Dollar aus der Brieftasche, die sie dem Fahrer reichte.
„Danke, Entschuldigung. Stimmt so.“
Sie stieg eilig aus und atmete die frische Oktoberluft tief ein. Sie merkte, dass ihre Hand zitterte. Das kann doch nicht sein, dachte sie. Die Arbeit, es war zu viel, sie musste nach dieser Story unbedingt wieder runterkommen. Das war alles. Sie war einfach nur überarbeitet.
„Julia, ist alles in Ordnung? Was ist los? Du wirkst so durcheinander. Als hättest du einen Geist gesehen.“ Nick fasste sie sanft an die Schulter und gab ihr ihre Tasche in die Hand. Julia seufzte und nahm sie dankend entgegen. Sie hatte sie wieder in dem Taxi liegen lassen.
„Alles in Ordnung, Nick. Es war etwas viel in letzter Zeit. Komm, lass uns zusehen, das wir dort reinkommen. Die Konferenz geht jeden Moment los!“

Der Presseraum des Weißen Hauses war seit langem einmal wieder gefüllt. Es waren tatsächlich auch die Zeitungen vertreten, die ansonsten gerne ausgeladen wurden, weil sie zu unbequem für Trumps Pressesprecher wurden und die Fake News mussten schließlich im Zaum gehalten werden.
Julia hatte einen Platz für die Post in der dritten Reihe. Nick versuchte sich eine gute Position für seine Bilder zu erkämpfen und gab sich Mühe seine „spitzen Ellbogen“ einzusetzen.
Alles war bereit und die Journalisten warteten ungeduldig auf den Auftritt des Präsidenten. Julia merkte, wie ihr Handy in der Tasche vibrierte. Handys mussten zwar nicht abgegeben, aber während der Konferenz ausgeschaltet werden. Julia erntete einen tadelnden Blick von ihrem Kollegen. Sie lächelte verlegen, nahm es aus ihrer Tasche und wollte es gerade ausschalten, als sie die Nachricht auf dem Display las:
Big bird – 481815.7 1121517.0 – Was sollte das? Was hatte das zu bedeuten? Das konnte unmöglich wahr sein. Irgendjemand musste ihr einen ganz üblen Streich spielen. Es war eine E-Mail. Wer war der Absender?
Der Sprecher des Weißen Hauses trat vor die Versammlung und kündigte den Präsidenten an: „Ladies und Gentlemen, der Präsident der Vereinigten Staaten.“
Julias Kollege neben ihr stupste sie an. Julia schreckte auf, als sie aus ihren Gedanken gerissen wurde. Sie schaltete das Handy aus. Darum konnte sie sich später noch kümmern. Sie musste sich konzentrieren. Dort wollte sie jetzt den Stein ins Rollen bringen, an dem sie in den letzten Wochen Tage und Nächte herumgemeißelt hatte. Die Konferenz hatte jetzt oberste Priorität.
„Danke dir.“, sagte sie. Ihr Kollege nickte ihr zu. Letztlich spielten sie alle im selben Team – die meisten zumindest.
Präsident Trump betrat den Raum, die Reporter standen auf, der Präsident bat sie, wieder Platz zu nehmen und die Konferenz begann. BIG BIRD. Julia verfluchte sich, denn sie wurde die Nachricht nicht mehr los und der Big Bird flatterte in ihrem Kopf herum. Es war ihr Kosename. Nur Dean hatte sie so genannt. Wer konnte davon wissen und wieso terrorisierte sie dieser jemand jetzt damit? Ein Psychospiel von Agenten der Regierung? Wohl kaum. Julia war kein Fan von Verschwörungstheorien und ihr mit solchen Nachrichten Angst einzujagen, machte überhaupt gar keinen Sinn.

Die Pressekonferenz dauerte bereits dreißig Minuten. Der Pressesprecher wies die Journalisten darauf hin, dass nun die letzten Fragen gestellt werden sollten. Bisher hatte der Präsident lediglich auf Fragen regierungsfreundlicher Blätter geantwortet und es blieb eine absehbare, langweilige Farce zur Selbstdarstellung. Er nahm lediglich Journalisten dran, auf deren Fragen er gut vorbereitet war und schwadronierte dann über seine Pläne, die America Great Again machen würden.
„Noch eine letzte Frage!“, kündigte der Pressesprecher an.
„Wie wäre es mit der jungen Dame mit den wunderschönen roten Haaren?“, fragte Trump.
Julia war immer noch halb mit ihren Gedanken bei der mysteriösen Nachricht. Sie hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet, dass ausgerechnet sie drangenommen werden würde. Alle Augen richteten sich auf sie und warteten gespannt. Der Präsident kannte ihr Gesicht noch nicht und hielt sie vielleicht für eine Anfängerin, ein Neuling, die für eines der kleineren Blätter arbeitete. Vielleicht stach sie auch durch ihre Attraktivität zwischen den vielen älteren Herren hervor und vielleicht auch deswegen die kleine Anspielung.
Julia lächelte souverän, stand auf und hielt ihre Dokumente und Informationen, mit denen sie Trump konfrontieren wollte, in der Hand bereit.
„Guten Morgen Mr. President. Julia Cole von der Washington Post.“, stellte sie sich kurz, ganz obligatorisch, vor.
„Guten Morgen.“, grüßte der Präsident.
„Mit Nachdruck haben Sie in den letzten Wochen sämtliche Behauptungen, die ihre Wahlkampfkampagne und ihre Kontakten zu Russland anbelangen, zurückgewiesen. Mr. President, wir haben nun Informationen, sowohl von Angehörigen des russischen Geheimdienstes, als auch von Mitarbeitern eines russischen Unternehmens, die inzwischen eidesstattliche Erklärungen abgegeben haben, die besagen, dass ihr Team den Wahlkampf gezielt manipuliert hat und als Gegenleistung diverse Deals mit russischen Wirtschaftsmagnaten ausgehandelt haben. Haben sie von den Handlungen ihres Stabsteams gewusst? Sehr unwahrscheinlich, wenn nicht. Und was werden Sie für Konsequenzen ziehen?“
Ein Blitzlichtgewitter durchflute den Raum, ein aufgeregtes Tuscheln durchbrach die Atmosphäre der sedierten, lobredenden Journalisten und der Präsident verlor die Fassung und schrie Julia an.
„Mein liebes Mädchen, auf solche, aus der Luft gegriffenen Anschuldigungen, werde ich nicht antworten. Ich glaube, ich kann mir schon denken, wie du bei einer Zeitung landen konntest, die sich selbst für guten, kritischen Journalismus lobt. Vielleicht solltest du deine Karriere doch noch einmal überdenken und dich fragen, ob du nicht bei einem kleinen Klatschblättchen besser aufgehoben bist. Die Konferenz ist beendet.“

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