404 – DEAD LINK: Kapitel III

| Kapitel III – Die Frau in der Bar |

 

„Ich hoffe, du hast den historischen Moment gut festgehalten, als ich dem Präsidenten die Konferenz, den Tag und hoffentlich auch seine nicht mehr sehr lange anhaltende Amtszeit versaut habe?“, fragte Julia Nick, als sie wieder in ihrem Büro bei der Post waren, süffisant lächelte und an ihrem Kaffee nippte. Nick und Julia saßen an Julias Schreibtisch und beobachteten gespannt, wie das Redaktionsteam Julias Artikel durchlas, Nicks Fotos begutachtete und nochmals überprüfte, ob die letzten Quellen, Informationen und Informanten auch wirklich wasserdicht waren. Baxter lief im Besprechungsraum ungeduldig auf und ab und seine Kommentare durchdrangen die Glaswand. Er hatte eine so tiefe Stimme, als würde jemand eine Aufnahme langsam abspulen. Baxter war ein Veteran und als solcher konnte er seine journalistische Skepsis nie ablegen. Trotzdem meinte Julia einen Funken von Erfolg und Stolz in seinen verwitterten Gesichtszügen zu entdecken.
„Julia, der Artikel wird einschlagen wie eine Bombe! Du bist genau die richtige Taktik gefahren. Öffentliche Konfrontation, warten bis alles ins Detail abgesichert ist, inklusive der Sicherheit deiner Informanten.“, lobte Nick sie. „Nicht, wie bei deiner letzten Arbeit. Oh Mann, war der Boss sauer. Er hätte dich am liebsten gelyncht für die Richtigstellung, die er drucken musste.“
„Danke. Und danke für die Erinnerung an dieses Desaster. Genau das will ich gerade von einem Greenhorn, wie dir, hören. Warst du da überhaupt schon bei uns? Zu der Zeit müsstest du doch eigentlich noch auf der High-School gewesen sein!“, sagte Julia matt.
„Was meinst du, welches meiner Fotos werden sie wohl für die Titelseite nehmen?“, fragte Nick und ignorierte ihre Aussage völlig.
Julia lächelte. Alan Baxter hatte sich eine seiner geliebten Havannas in den Mundwinkel geschoben und baute sich in Siegerpose vor dem Konferenztisch auf. Julia wusste jetzt, dass ihre Story in Druck geht.
„Das sieht doch gut aus, oder Red?“, fragte Nick vorsichtig. Er kannte Baxter noch nicht so lange.
„Yep, der Artikel geht in Druck. Wir haben es geschafft.“, sagte Julia befreit. Dann vibrierte es wieder in ihrer Tasche. Ihr Atem stockte.
„Julia, ist etwas? Du bist auf einmal ganz blass.“ Nick war besorgt.
Julia griff in ihre Handtasche und zog ihr Smartphone heraus. Das Display zeigte wieder die Nachricht: „BIG BIRD – 481815.7 1121517.0“
„Es ist diese verfluchte…“, sie wollte Nick gerade das Handy reichen, als die Nachricht auf dem Display auch schon wieder verschwand.
„Das darf doch nicht wahr sein.“, hauchte Julia und durchforstete ihren SMS-Verlauf. Vergeblich. Die Nachricht war verschwunden. Das Display war wieder aus und reflektierte nur ihr müdes Gesicht. Nick blickte sie immer noch besorgt an und wartete auf eine Antwort.
„Hey, hör zu“, begann Julia schlaff. „Ich werde hier jetzt den restlichen Papierkram erledigen, und dann nach Hause fahren und mich eine Runde aufs Ohr hauen.“, flunkerte sie.
Ein wenig enttäuscht ließ Nick seinen Kopf hängen.
„Aber heute Abend wird gefeiert!“, sagte sie mit Nachdruck und zwang sich zu einem Lächeln.
Nick sah wieder freudestrahlend auf.
„Yeah! Und du gibst einem armen Studenten doch bestimmt einen aus, oder?“, fragte er hoffnungsvoll.
„Eigentlich will ich Baxter überreden, dass er uns einen ausgibt.“
„Baxter? Ich weiß nicht, Julia. Ich hatte mich auf einen entspannten Abend gefreut.“, beklagte sich Nick.
„Täusch dich nicht. Alan ist in Ordnung. Vertrau mir. Es wird lustig.“, sagte Julia und verschwand in den Konferenzsaal. Sie lächelte, aber nur schwermütig.

In der Rocket Bar in D.C. gab es ein breites Angebot an verschiedenen Bieren, dazu auf Wunsch panierte Chicken Wings mit hausgemachten Dip und jede Menge Pooltische und Dartboards. Julia, Alan und Nick haben sich einen der Pooltische erkämpft, nachdem sich Nick und Alan an der Bar mit Chicken Wings vollgestopft hatten. Alan fragte Julia, ob sie immer noch kein Fleisch esse. Sie verneinte es und wies ihn darauf hin, dass in den Wings wahrscheinlich alles Mögliche, nur kein Fleisch drin wäre. Sie blieb bei an diesem Abend bei Bier und Tequila.
„Und dann bist du über einen alten Bekannten deines Manns, der Anwalt für einen von Trumps Beratern ist, an den Kontakt zu den russischen Unternehmern gekommen?“, fragte Alan und versenkte eine Kugel mit einem gekonnten Stoß über drei Banden. Er kaute auf seiner Zigarre herum und Julia wusste, dass nicht mehr viel Tequila fehlen würde, bis er sie sich anzünden würde. Alan lümmelte sich ansonsten gerne in privaten Raucherklubs herum, aber in diese stinkenden Etablissements hätte er Nick und Julia nicht mit hineinbekommen.
„Ja, so in etwa. Es war schwierig sie zu einem Statement zu überreden, aber es hatte geholfen, als Trumps Team sie übers Ohr hauen wollte.“, sagte Julia und kreidete die Spitze ihres Queues ein. Die Erwähnung ihres Mannes ließ ihre Stimmung kurz wieder sacken. Sofort tauchten wieder Bilder von Dean und dieser mysteriösen Nachricht vor ihren Augen auf. Alan bemerkte das Fettnäpfchen gar nicht, in das er getreten war. Nick sah es seiner Freundin allerdings schon an.
Als Nick sie an dem Abend abgeholt hatte, wusste er sofort, dass sie an dem Nachmittag nicht mehr geschlafen hatte. Permanent spielte sie mit ihrem Smartphone, als sie im Taxi auf dem Weg ins Rocket saßen und war die ganze Zeit über abwesend. Außerdem sah sie sich ständig um, als würde sie verfolgt werden.
„Julia, was ist los? Jetzt spuck es endlich aus. Hast du Angst, dass Trump dir die CIA auf den Hals gehetzt hat?“, fragte Nick und nippte an seinem Bier – immer noch sein erstes und er lallte bereits ein wenig. Er vertrug nicht viel Alkohol und machte sich aber auch nicht viel daraus.
Alan wurde hellhörig und schielte erwartungsvoll zu Julia hinüber, als er über dem Tisch lag, um seinen nächsten Stoß zu positionieren. Julia winkte genervt ab.
„Es geht mir gut.“, sagte sie und versuchte vergeblich den fragenden Blicken ihrer Kollegen zu entkommen. „Es ist nur… Ich bekomme diese seltsamen Nachrichten auf mein Handy. Nicht nur auf mein Handy, sondern auch auf meinen Computer, auf Taxameter, ja heute Nachmittag habe ich sie sogar auf CNN im Fernsehen gesehen.“ Sie senkte entkräftet den Kopf und versteckte ihr Gesicht in den Händen.
Alan richtete sich auf, ohne die Kugel zu gespielt zu haben und ging hinüber zu Julia. Er winkte die Kellnerin herbei.
„Julia, was für eine Nachricht ist es?“, frage er, nahm seine Zigarre aus dem Mund und legte seine Hände tröstend auf ihre Schultern.
Julia stand den Tränen nahe, fasste sich aber ein Herz und stellte sich Alans Frage, der mit einer väterlichen Ruhe auf ihre Antwort wartete. Gerade als Julia ihm antworten wollte, erschien die Kellnerin mit einem Tablett und der nächsten Runde an Bier und Tequila. Außerdem trug sie einen kleinen, zusammengefalteten Zettel auf ihrem Tablett, den sie Julia in die Hand drückte.
„Was ist das?“, fragte Julia perplex die Kellnerin, die bereits wieder zur Theke eilte.
„Eine Nachricht von der Dame dort hinten.“, rief sie und deutete mit ihrem Blick zum anderen Ende der Bar.
Julia faltete den Zettel auseinander. „Er wartet auf seinen Big Bird.“ Julia erschrak und hielt die Nachricht von sich weg, als wäre sie etwas Giftiges und Ansteckendes.
„Julia, was ist denn?“, fragte Alan ungeduldig.
Julia blickte aufgeregt in die Richtung, in die die Kellnerin gedeutet hatte. Dort sah sie eine Gestalt im Schatten einer Sitzbank an einem Tisch sitzen. Julia konnte nicht sagen, ob es eine Frau oder ein Mann war, aber diese Person blickte zu ihr hinüber.
Ohne auf Alan einzugehen, eilte sie geradewegs auf die Person am hinteren Ende der Bar zu.
„Julia!“, rief Alan vergebens. Er nahm sich ein neues Bier und folgte ihr kopfschüttelnd, die Zigarre wieder in seinem Mundwinkel. Nick trabte verwirrt hinterher.
„Wer sind sie und was hat diese Nachricht zu bedeuten?!“, fuhr Julia aggressiv die Person an, noch bevor sie vor dem Tisch zu stehen kam. „Kommen von Ihnen auch die anderen Nachrichten? Raus damit! Was soll das?!“, fauchte sie und konnte nun erkennen, dass es eine Frau war.
Sie war Mitte fünfzig, trug legere aber gepflegte Kleidung. Sie war schlank, aber nicht hager und in ihr schulterlanges, dunkelblondes Haar war mit grauen Strähnen durchzogen. Sie sah Julia durchdringend und wissend an, während sie ihr Glas Soda in der rechten Hand umklammerte. Die Frau wartete geduldig, bis Julias Begleiter sie eingeholt hatten und lächelte besonnen.
„Mrs. Cole“, begann die Frau ruhig mit sanfter Stimme. „Mein Name ist Patricia Clark. Sie kennen mich nicht, aber ich kenne ihren Mann. Bitte setzen sie sich. Kann ich mit ihnen unter vier Augen reden?“, fragte sie wandte ihren Blick auf Nick und Alan.
Julia überlegte kurz, sah in der Frau aber keine Art von Risiko und außerdem war sie verflucht neugierig auf das, was sie zu sagen hatte.
„Danke Jungs, wir kommen hier schon klar.“, beschwichtigte sie die beiden.
„Na gut, wir sind gleich dort vorne an der Bar, okay?“, sagte Alan und deutete zum Tresen, wo sich ein paar Männer das Spiel der Yankees gegen die Red Sox ansahen.
„Natürlich seid ihr da.“, witzelte Julia kurz. „Wo auch sonst.“ Dann wandte sie sich aber wieder der Frau zu und wurde toternst.
Nick und Alan blickten die Frau noch einmal eindringlich an und gingen dann langsam hinüber zur Bar, ohne Julia dabei wirklich aus den Augen zu lassen.
„Bitte, setzen sie sich.“, bat die Frau Julia. Julia zögerte kurz. Ihr war diese Person nicht geheuer und am liebsten wäre sie stehengeblieben. Sie entschied sich dann aber dafür, auf dem Stuhl an dem Tisch neben der Dame Platz zu nehmen. Sie vergewisserte sich aber noch einmal, dass Alan und Nick in Reichweite waren, falls sie es hier mit einer durchgedrehten, ehemaligen Mandantin ihres Mannes zu tun haben sollte.
„Dann schießen sie mal los! Was soll dieses Spielchen?“, forderte sie die Frau auf und versuchte nicht zu lallen, denn der Tequila und das Bier machten sich bereits bemerkbar. „Was haben sie mit meinem Mann zu tun, wer sendet diese geschmacklosen Nachrichten und vor allem, wie schafft ihr das? Tracken sie mich und hacken sie sich dann in die Geräte? Raus damit!“ Julia wurde aufbrausend, aber die Frau strahlte weiterhin eine meditative Ruhe aus.
„Mrs. Cole, es tut mir leid. Sie müssen wissen, dass ich mich in eine große Gefahr begebe, indem ich hier mit ihnen spreche, deshalb haben wir nicht viel Zeit.“ Sie beugte ihren Kopf näher zu Julia und flüsterte. Ihre Augen suchten dabei immer wieder die Umgebung ab.
„Sie müssen mit Pater Graham in Fulton in Ohio sprechen.“, flüsterte sie.
Julia war auf einmal wieder stocknüchtern. Pater Graham war der letzte Mandant ihres Mannes. Er hatte die Verteidigung für ihn übernommen. Der Priester hatte gegen einen großen Energiekonzern geklagt. Der Detektiv, den sie damals engagiert hatte, um Deans Verschwinden nachzugehen, hatte den Fall unter die Lupe genommen, konnte aber keine Parallelen zwischen dem Fall und dem Verschwinden finden.
„Was hat der Pater mit Deans Verschwinden zu tun?“, fragte Julia ungeduldig und gereizt. „Und kommen sie zum Punkt. Wo kommen die Nachrichten her?!“
Sie hatte den leisen Verdacht, es mit einer Verschwörungstheoretikerin zu tun zu haben. Eine von denen, die denken Kernkraftwerke wären von Aliens besetzt, die eine Invasion planen. Sie hatte darüber schon mal einen Artikel geschrieben. Damals, als sie noch nicht für die Post gearbeitet hatte. Was aber noch nicht erklären konnte, wie sie die Nachrichten an sie senden konnte.
Auf einmal blickte die erschrocken zum Eingang der Bar. Die Tür war aufgegangen und zwei Männer in Anzügen kamen herein. Für Julia war daran nichts Besonderes. Viele Menschen dort kamen oft aus dem Büro hierher. Aber Patricia schienen sie Angst zu machen. Ihr bedächtiges Lächeln erstarb auf einmal.
„Wir sind hier nicht sicher. Ich werde sie so bald wie möglich erneut kontaktieren.“, sagte sie, griff in ihre Handtasche, legte fünf Dollar auf den Tisch und stand auf.
„Moment. Nicht so schnell!“, sagte Julia lautstark, aber Patricia lief bereits zur Hintertür. Julia sah hinüber zu Nick und Alan. Beide waren in das Spiel vertieft und hingen in einer Männertraube vor dem Fernseher an der Bar. Julia dachte sich, dass sie mit dieser Frau schon allein klarkommen würde, also eilte sie Patricia hinterher.
Der Flur führte sie vorbei an den Toiletten. Am Ende des Flurs ging es einmal zur Küche und eine weitere Tür führte in den Hinterhof. Julia ging hinaus. Es war kalt, es regnete und die Gasse, die hinaus zur Avenue führte war nur spärlich beleuchtet. Patricia lief sehr schnell und Julia musste rennen, wenn sie sie einholen wollte.
„Patrica! Warten sie!“, rief sie hinter ihr her, aber sie blieb nicht stehen und lief noch schneller. Sie hatte das Ende der Gasse erreicht und überquerte die Avenue.
„Patricia! Jetzt warten so doch bitte einmal!“, rief Julia.
Dann passierte alles ganz schnell. Ein großer schwarzer Schatten tauchte auf. Scheinwerfer blitzten über die Avenue. Ein kurzer, aber starker, dumpfer Knall hallte durch die Gasse. Patricia wurde etwa fünf Meter durch die Luft geschleudert. Der Geländewagen hatte sie in voller Fahrt erwischt und kam dann mit quietschenden Reifen zum Stehen. Ein Schrei brach aus der dunklen Gasse heraus. Julia merkte erst Sekunden später, dass es ihr eigener war.
„Patricia!“, flüsterte sie. Der Schock nahm ihr die Luft. Erst jetzt konnte sie sich wieder bewegen. Sie lief so schnell sie konnte zur Avenue. Dort lag Patricia. Ihre Arme und Beine knickten in einem unnatürlichen Winkel von ihrem Körper weg. Ihr Gesicht blickte starr nach oben, aber der Rest des Körpers lag in einer gänzlich asymmetrischen Position zu ihrem Kopf.
„Patricia.“, keuchte Julia, als sie sich neben sie kniete und bereits ihr Handy mit dem Notruf gezückt hatte. Aus Patricia Mund, Nase, Augen und Ohren troff Blut. Ihr Schlüsselbein war herausgebrochen und der Knochen starrte Julia entgegen. Aber Ihre Augen blickten sie noch an. Sie lebte.
„Hilfe!“, schrie Julia, blickte sich hilfesuchend um und fand zwei Männer in Anzügen, die vor dem schwarzen Geländewagen standen, der Patricia überfahren hatte. Sie konnte ihre Gesichter nicht erkennen. Die Männer blieben reglos stehen und sahen sie nur an, dann stiegen sie wieder in das Fahrzeug und verschwanden.
„Ihr Schweine! Wir brauchen Hilfe!“, schrie Julia. Dann suchte wieder den Kontakt zu Patrica.
„Halten sie durch, Patricia. Halten sie durch.“
Patricia Mund zuckte und ihre Augen suchten Julias Blick. Julia beugte sich zu ihr hinunter und hielt ihr Ohr an Patricias Mund.
„Graham.“, hauchte Patricia und ihr Blick fiel in die Leere.

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