404 – DEAD LINK: KAPITEL IV

Kapitel IV: Der Priester

Nick ist bei Julia geblieben. Alan hatte sich in den frühen Morgenstunden von den beiden verabschiedet. Julia wusste, dass er nicht nach Hause fahren würde, um zu schlafen. Alan würde ins Büro fahren und seine Kontakte aus dem Bett klingeln, um herauszufinden, was dort an der Rocket Bar geschehen war – wer diese Frau gewesen war und wer diese Männer waren.
Julia wollte der Sache am liebsten direkt selbst nachgehen, nachdem die Polizei sie, Nick und Alan nach einem mehrstündigen Verhör endlich hatte gehen lassen. Aber Alan protestierte vehement und ließ Nick als Wachhund bei ihr in der Wohnung zurück, damit sie nicht auf dumme Ideen kommt. Und nicht nur das. Bis etwas Licht ins Dunkel gebracht sein würde, hatte Alan den zuständigen Detective dazu überreden können, einen Streifenwagen zur Überwachung von Julias Apartment abzuberufen. Detective Barker ging davon aus, dass es sich dabei schlicht um Fahrerflucht gehandelt hatte. Die Männer seien wahrscheinlich betrunken gewesen, hätten die Nerven verloren und die Flucht ergriffen, nachdem sie gemerkt hatten, was passiert war. Ganz D.C. war ein einziges Überwachungsnetzwerk. In der politischen Machtzentrale der Vereinigten Staaten konnte sich niemand mehr in der Öffentlichkeit in der Nase bohren, ohne das gleich mehrere HD-Kameras jedes Detail aufnehmen würden. Ebenso schnell und effizient verlief auch die Suche und Auswertung der gewünschten Informationen. Der Detective war sich also sicher, dass sie die Täter sehr bald aufspüren und festnehmen würden.
„Hast du ihnen von den Nachrichten erzählt?“, fragte Alan, bevor er Julias Apartment verließ.
„Nein.“, antwortete Julia mit erschöpfter Stimme und wich dabei seinem Blick aus.
„Ich nehme an, du hast deine Gründe. Ob es klug ist, diese Sache zu verschweigen, wage ich zu bezweifeln. Du solltest dir das noch einmal überlegen.“, mahnte Alan sie und zog sich seinen Trenchcoat über. „Aber jetzt solltest du etwas schlafen. Du siehst beschissen aus.“
„Danke, Alan. Wir sehen uns nachher.“ Sie blickte ihn wieder an und mühte sich schwerfällig ein Lächeln ab. „Danke, dass du da warst.“
Alan erwiderte ihr Lächeln, nickte ihr zu und ging.
„Ab mit dir ins Bett! Und morgen erwarte ich Recherche und eine Story!“, brummelte er ihr zu, während er durch den Flur zu den Fahrstühlen schritt – wieder ganz der große Boss.
Julia schloss die Tür und taumelte ins Wohnzimmer, wo sie Nick auf dem Sofa fand. Er war bereits im Tiefschlaf. Er schnarchte und speichelte auf das Sofakissen. Julia nahm eine Decke aus dem Flurschrank und deckte ihn zu. Dann ging sie in die Küche, goss sich einen großen Schluck aus der verstaubten Flasche Bourbon ein, die sie noch in einer Ecke des Esszimmerschranks gefunden hatte und setzte sich mit dem Glas und dem Laptop auf ihr Bett. Sie nahm einen tiefen Schluck. Ihr Körper war erschöpft und unendlich müde. Aber ihr Geist kreiste immer noch unentwegt um dieselben Fragen. Aus dem anfänglichem Rätsel ist mittlerweile eine blutige Verschwörung geworden. Sie musste herausfinden, was dahintersteckte. Ehe sie die erste E-Mail an ihre Kontakte, die ihr eventuell Informationen zu dem Priester und Patricia Clark hätten verschaffen können, senden konnte, hatte ihr Körper ihren rastlosen Geist besiegt und sie fiel endlich in einen tiefen Schlaf.

Das Gras unter ihr war feucht vom Tau, der sich am Abend auf dem Wald niedergelegt hatte. Erde, feuchtes Holz und moosbewachsene Felsen sonderten einen intensiven Geruch ab, der frisch und unverbraucht alles um sie herum erfüllte. Es war ein wunderbarer und ruhiger Ort. Sie musste in der Lichtung eingeschlafen sein. Sie setzte sich auf. Vor ihr erstreckte sich der See, majestätisch und geheimnisvoll, geschützt von dem hohen Gebirge rings um ihn herum. Julia stand langsam auf und ging zu seinem Ufer. Sie blickte in sein klares Wasser und die stille Oberfläche reflektierte ein Gesicht voller Trauer und Furcht.
„Sie werden kommen.“, flüsterte eine vertraute Stimme hinter ihr.
Erschrocken drehte Julia sich um.
„Dean? Dean, bist du das? Wo bist du?“, rief sie verzweifelt und blickte suchend in den dichten Wald, den die Abendsonne nicht mehr durchdringen konnte.
„Sie kommen.“, hauchte die Stimme, aber sie klang jetzt anders. Es war immer noch Dean, aber es klang so, als würde jemand ihm die Kehle zudrücken. Julia schritt auf den Wald zu, um ihren Mann zu finden, doch dann blieb sie stehen.
Etwas Rotes, Glühendes flackerte in der Finsternis des Waldes auf. Zwei Lichter, die langsam und bedrohlich näherkamen. Julia wich instinktiv zurück. Dies war nicht ihr Mann.
„Und sie werden Hunger haben, Big Bird!“, knurrte eine tiefe, nun völlig unbekannte Stimme und Julia sah, dass sie zu den zwei glühenden Augen gehörte, die jetzt aus dem Dunkeln herausstiegen. Eine schwere Pranke setzte sich vor die andere, bis der riesige Wolf – diese schwarze Bestie – vollends aus der Dunkelheit herausgetreten war. Die Welt ertrank plötzlich in einem flammenden Meer, dass sich über den Wolken ergoss. Der Wolf heulte auf. Eine Posaune, die das Ende der Welt einläutete. Die Bestie sprang auf Julia zu, um sie mit seinen Zähnen, die so groß und scharf waren wie Dolche, zu zerfleischen.

„Nein! Bitte, nicht! Nein, bleib weg von mir!“, schrie Julia und schreckte auf. Nassgeschwitzt und desorientiert blickte sie sich verzweifelt in ihrem Schlafzimmer um. Wieder ein Traum. Wieder ein Albtraum. Es war bereits helllichter Tag und Nick stand mit zwei Tassen Kaffee an der Tür.
„Ich kann dir auch einen Tee machen, wenn du keinen Kaffee willst, aber das kannst du mir auch vernünftig sagen, Red.“, sagte Nick.
Er hatte versucht sie somit zu beruhigen. Er stellte die Tassen auf dem Nachttisch ab und setzte sich zu ihr auf die Bettkante.
„Alles okay, Julia. Du hattest einen Albtraum. Kein Wunder, nach dem Scheiß, der gestern passiert ist.“
Er legte tröstend seine Hand auf ihre Schulter und hielt ihr dann einen Kaffee hin. Julia rieb sich die Augen und allmählich fand sie die Orientierung wieder. Sie sah Nick an, lächelte gedrungen und nahm dankend den Kaffee entgegen. Nick stand wieder auf und blickte durch die Jalousie auf die Straße.
„Die Cops stehen immer noch vor deiner Bude. Mittlerweile ist es wohl die nächste Schicht. Außerdem hattest du einen Anruf auf deinem Festnetz. Ich war so frei und bin drangegangen. Es war Detective Barker. Sie haben die Kerle noch nicht erwischt. Sie konnten das Auto zwar ausfindig machen, aber von den Männern fehle wohl noch jede Spur. Natürlich bleiben sie an der Sache dran.“, informierte sie Nick. Er drehte sich wieder um und musterte sie skeptisch.
„Wie geht es dir? Konntest du wenigstens ein bisschen schlafen? Tut mir leid, dass ich sofort weggeratzt bin. Ich war völlig fertig.“,
Der Kaffee war kräftig und brachte Julia endgültig wieder zurück in die Realität. Sie sah auf die Uhr von ihrem Handy – zögernd. Sie fürchtete, wieder eine dieser Nachrichten zu finden. Doch diesmal zeigte ihr Smartphone nur die Uhrzeit und die Anzahl der nicht gelesenen Nachrichten an. Jede Menge Nachrichten von Kollegen und Angestellten des Pressedienstes des Weißen Haus. Sie mühte sich aus dem Bett und fluchte.
„Verdammt, es ist ja schon eins!“
Sie wankte zur Garderobe, nahm sich Unterwäsche heraus und marschierte ins Badezimmer. Ihr war nicht entgangen, dass Nick einen neugierigen Blick in ihre Wäscheschublade geworfen hatte.
„Wehe ich finde heraus, dass eins fehlt!“, rief sie ihm aus dem Badezimmer zu.
„Ich bitte dich,“, rief er. „Die sind doch alle gewaschen! Was soll ich damit?“

„Verdammt nochmal, Julia!“ Alan Baxters Stimme durchflutete die Redaktionsetage wie ein Donnergrollen.
Er stemmte seinen bulligen Körper mit den Fäusten auf dem Bürotisch ab. Julia hätte schwören können, dass Rauch aus seinen Ohren stieg. Baxter reduzierte mit Mühe sein Volumen auf ein Minimum. Das, was dort besprochen wurde, ging niemanden sonst etwas an.
Sie hatte sich bei den Cops mit zwei großen Bechern Kaffee bedankt und Detective Barker informiert, dass sie zur Redaktion fahren würde, um sich um eine laufende Story zu kümmern.
„Erst erzählst du mir, dass du den Cops Informationen vorenthältst. Dann kommst du mir mit einer Spukgeschichte von verrückten Träumen und jetzt willst du dich alleine auf den Weg machen, einen Priester zu suchen, der dich zu deinem seit drei Jahren vermissten Mann bringt?“
Baxter ging in seinem Büro auf und ab. Julia hatte bemerkt, dass er seine Kleidung im Büro gewechselt hatte. Das bedeutete, dass Baxter höchstens ein paar Stunden auf dem Sofa geschlafen hatte. Was seine Laune nicht gerade verbessert hatte. Sie hatte ihn eingeweiht und ihm alles erzählt – auch von ihren Träumen. Sie konnte ihm trauen. Und sie wusste, dass er ihr helfen könnte, wenn sie in der Klemme steckte.
„Schieß los, Alan. Was hast du herausbekommen?“, fragte sie und wusste seine väterliche Fürsorge zu schätzen, hoffte aber auch, dass er ihr bei ihrer Suche nicht im Weg stehen würde, sollte es zu riskant werden.
„Ich habe nichts herausbekommen, Julia. Und genau das macht mich extrem unruhig.“, gestand Alan und klang niedergeschlagen. Julia betrachtete ihn argwöhnisch.
„Was hast du über Pater Graham herausbekommen? Wo kann ich ihn finden?“, fragte sie ihn.
„Reicht es nicht, wenn du ihn anrufst?“
„Nein, auf gar keinen Fall. Du weißt selbst am besten, dass wir am meisten herauskriegen, wenn wir die Leute direkt konfrontieren. Dann können sie nicht ausweichen, sich nicht vorbereiten, oder einfach auflegen und sich dann schon mal eine passende Geschichte ausdenken. Nein, ich will wissen, was es mit Pater Graham auf sich hat.“
Baxter sah seinen Zögling lange und eindringlich an. Julia wusste, dass sie ihn am Haken hatte.
„Du fliegst nicht Business Class!“, ermahnte er sie. Julia lächelte verschlagen.
„Und du nimmst Junior mit!“ Ihr Lächeln erstarb abrupt.
„Alan, ich bin wesentlich schneller, wenn…“ Aber Baxter schnitt ihr das Wort ab.
„Du fährst nicht allein und ich will gute Bilder für die Story. Entschuldige Kleines, aber du bist eine miserable Fotografin. Stevie Wonder schießt bessere Bilder als du.“
Damit trat Alan hinter seinen Schreibtisch, zog die Schublade auf und drückte Julia eine Akte mit den Informationen in die Hand, die er bisher sammeln konnte. Julia schlug sie auf.
„Eine Kirche in einem kleinen Kaff in Ohio?“

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