404 – DEAD LINK: Kapitel V

Kapitel V – Die Männer in Grau

Der Flug nach Fulton dauerte zwar nur eine knappe Stunde, aber bis Julia und Nick mit dem Prozedere des Ein- und Auscheckens durch waren, war auch der Abend bereits angebrochen. Julia fragte sich im Nachhinein, ob sie mit einem Mietwagen nicht doch schneller gewesen wären. Aber jetzt waren sie dort. Ein Dorf mit 300 Einwohnern im Nordwesten von Ohio. Julia spürte sofort das ländliche Flair – eine unangenehme Stille und Ruhe, als ob dort die Zeit stehengeblieben wäre. Nichts für Julia, die ihre Wurzeln in New York City hatte. Sie war ein Großstadtmensch, durch und durch.
Die Einwohner von Fulton lebten größtenteils von der Landwirtschaft. Das Dorfzentrum bestand aus einem Lebensmittelladen, einem Postamt, einer Bar und einer Kirche. Die Kirche war Julias Ziel. Sie hatte sich am Flughafen einen Wagen gemietet. Das Navigationssystem hatte allerdings Schwierigkeiten, die Adresse der Kirche zu finden. Also hielt sie an einem Grill Restaurant, um nach dem Weg zu fragen.
„Julia, können wir hier was essen? Ich habe tierischen Hunger. Wirklich. Auf die halbe Stunde wird es jetzt doch auch nicht mehr ankommen, oder?“, bettelte Nick und winselte sie wehleidig vom Beifahrersitz aus an.
„Ich könnte auch einen Happen vertragen. Komm, lass uns mal sehen was es hier so an lokalen Köstlichkeiten gibt.“
Sie stieg aus dem Wagen und ihr Blick fiel auf eine große Tafel, die die Spezialitäten des Hauses bewarb: XXXL Burger + Jede Stunde Happy Hour, Heute: Howling Johnny – life.
Julia verzog das Gesicht mit einem Lächeln.
„Na gut, lass uns sehen, ob es hier etwas halbwegs Essbares gibt.“
„Riesenburger und Bier! Der Himmel!“, jubelte Nick und lief aufgeregt voran.
Das Grill Restaurant war mit einem langen Tresen ausgestattet, hinter dem verschiedene Spirituosen in einem Regal einsortiert waren. Das Regal war mit kleinen Flaggen und Pokalen vom heimischen Baseballclub verziert. Über dem Regal waren zwei Flachbildschirme angebracht, die an beiden Seiten der Bar den Sportkanal in voller Lautstärke übertrugen. Vor dem Tresen selbst hockten Arbeiter, junge und alte Männer, die stoisch das Geschehen auf den Bildschirmen verfolgten und dabei einen großen Krug Bier umklammerten. In einer Ecke links des Restaurants waren Tische gruppiert, an denen gerade eine Familie und eine Männergruppe ihre Steaks und Burger vertilgten. In der anderen Ecke des Raumes, baute ein Cowboy, der um die sechzig war, sein Musikequipment auf. Julia und Nick setzten sich an den einzigen noch freien Tisch und Julia hoffte, dass sie mit dem Essen fertig sein würden, bevor die Countrymusic anfängt.
Eine junge Kellnerin kam zu ihnen hinüber und begrüßte sie mit einem freundlichem, aber eingeübten Lächeln. Auf ihrer Brust funkelte ein metallenes Namensschild mit der Aufschrift „Jessy“.
„Willkommen in Fulton. Was darf es denn sein?“
Julia und Nick überflogen die Karte.
„Ich nehme eine Cola und die Käsepizza.“, sagte Julia, die überrascht war, überhaupt fleischfreie Kost zu entdecken und reichte die Karte wieder an die Kellnerin.
„Den XXXL-Burger, ein großes Bier und die Chicken Wings für mich.“, sagte Nick und gab der Kellnerin mit seinem charmantesten Lächeln die Karte zurück.
„Scharfen Dip dazu?“, fragte die Kellnerin.
„Oh ja, bitte. Ich steh auf scharfe Sachen.“
„Oh Mann, Nick. Wirklich?“, stöhnte Julia und ihr stieg die Schamesröte ins Gesicht. Nick rollte mit den Augen.
„Ich mach doch nur Spaß. Meine Güte. Entschuldigung.“
Die Kellnerin nahm es ihm anscheinend nicht krumm, zwinkerte ihm zu und verschwand hinter dem Tresen in die Küche.
Julia und Nick hatten nicht bemerkt, dass zwei Männer hereingekommen waren und sich an den Tresen am Ende der Bar gesetzt hatten. Die Kellnerin kam wieder aus der Küche, nachdem sie die Bestellung aufgegeben hatte und begrüßte die neuen Gäste. Sie trugen beide Mäntel, darunter graue Anzüge und Sonnenbrillen.
„Guten Abend, Jungs. Abgefahrenes Outfit. Kommt ihr von einem Dreh, oder so? Was darf es denn sein?“, fragte sie erst freundlich, aber ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken, als die Männer sie nur reglos und ohne jede Emotion ansahen. Sie hielt die Männer erst für Zwillinge oder Geschwister, doch das lag nur an ihrer Haltung und Kleidung. Ihre Gesichter waren doch zu unterschiedlich. Einer der beiden trug eine Sonnenbrille. Der andere hatte die Brille abgenommen, als er wohl etwas oder jemanden auf der anderen Seite der Bar beobachtete. Er sah Jessy nur kurz an. Aber der kurze Blick in seine Augen reichte aus. Solche Augen hatte sie noch nie gesehen. Der Mann setzte seine Sonnenbrille wieder auf. Es musste eine Krankheit sein, so bleich und blass waren die Augen. Es waren tote Augen, die mit einem weißen Schimmer bedeckt waren. Jessy räusperte sich verlegen, um damit ihre Furcht zu überspielen.
„Wie wäre es mit unserem XXXL Burger und unserem hauseigenen Kellerbier?“ Ihre Stimme zitterte.

„Barry! Wo zum Geier ist dein Artikel über Theresa Mays Zusicherungen an die EU? Ich will ihn heute noch mit in die Ausgabe bringen. Wir müssen beim Brexit Verfahren unbedingt am Ball bleiben!“, schmetterte Baxters Stimme von seinem Büro quer durch die Redaktion bis zu dem verzweifelten Barry, der eifrig die letzten Zeilen seines Artikels zusammenhämmerte.
„Ist unterwegs, Boss!“, krächzte Barry.
Alan Baxter warf seine Bürotür zu und schloss seine Jalousie. Ein deutliches Zeichen für seine Mitarbeiter, ihn nicht zu stören, auch wenn die meisten bereits weg waren. Er ließ sich in seinen Bürostuhl fallen und öffnete die unterste Schublade an seinem Schreibtisch. Ungeduldig kramte er eine Flasche Bourbon und ein Glas heraus. Er stellte beides auf den Tisch, schenkte sich ein Glas voll ein und holte dann eine Kopie der Akte heraus, die er Julia in die Hand gedrückt hatte. Informationen über Patricia T. Clark und Pater Jacob F. Graham. Ein Freund vom FBI hatte sie ihm zukommen lassen. Ein Ausdruck. Ganz analog. So konnten sie sicher sein, dass die Daten nicht von unliebsamen Schnüfflern abgefangen werden, gleich welcher Behörde, Agency und Organisationen auch immer.
Baxter nippte an seinem Glas, nahm eine Zigarre aus der Box in dem Sekretär hinter seinem Schreibtisch. Er konnte sie zwar nicht anzünden, aber wenigstens konnte er das kalte Aroma seiner Havanna einatmen. Er nannte es selbst einfach ein Vorspiel, um den Höhepunkt später umso mehr zu genießen. Er lehnte sich wieder in seinem Stuhl zurück und las sich heute zum vierten Mal die wenigen Informationen durch, die er bekommen konnte. Es war nicht nur journalistische Neugier, die ihn antrieb, sondern auch ehrliche Sorge um Julia. Sie war für Alan mehr als nur eine gute Journalistin. Sie gehörte für ihn eher mit zur Familie. Oder besser gesagt, er zu ihrer. Ihr Vater diente im ersten und zweiten Golfkrieg. Baxter war damals für CNN als Berichterstatter bei vielen Missionen und Operationen, die Colonel Cole geleitet hatte, mit von der Partie. Baxter war ein Draufgänger und wollte bei jedem Gefecht so direkt und nah wie möglich dabei sein. Das raubte dem Colonel die Nerven und Colonel Cole ließ ihn mehr als einmal in Gewahrsam nehmen. Dennoch. Die Abscheu gegen diesen Krieg verband sie. Sie verloren sich an ruhigeren Abenden mit einem Glas Bourbon oft in tiefe Gespräche und sie lernten einander besser kennen und schätzen. Es entstand zwischen ihnen eine aufrichtige Freundschaft mit tiefen Respekt füreinander. Alan hatte keine Familie. Irgendwie hatte er es geschafft, sich von der des Colonels aufnehmen zu lassen. Julia war für ihn etwas zwischen Nichte und Schwester. Also hatte er immer ein strenges Auge auf das, was sie tat.
„Patricia T. Clark“, flüsterte er, als er die Akte wieder unter die Lupe nahm. „54 Jahre. Biologin. Arbeitete bis 2013 in Fukushima, Japan. Ledig. Keine Familie.“
Alan nahm die Graham Akte zur Hand und blätterte. Er nahm die Zigarre aus dem Mund, legte sie im Aschenbecher ab, nippte an seinem Glas Bourbon und las sich leise die wichtigsten Fakten vor.
„Graham. Geboren 1950 in St. George, Utah.“ Sein Blick blieb an einer Zeile hängen. „Moment mal, er war Sozialarbeiter von 1970 bis 1975, bevor er sein Theologiestudium begann. In Bingham County – Verdammt! Atomic City! Reaktorunfälle? Ob es vielleicht dort die Verbindung gibt?“
Baxter steckte sich die Zigarre wieder in den Mund, kaute nachdenklich auf ihr herum, stand dann auf und schritt energisch zur Bürotür.
„Barry! Du musst etwas für mich recherchieren! Barry?“ Aber niemand in der Redaktion reagierte. Sie war leer. Baxter sah auf seine Uhr. 21:30 Uhr. Barry verabschiedete sich nie vor elf zum Feierabend. Sein Computer war noch eingeschaltet. Baxter ging durch das Büro zu Barrys Schreibtisch. Seine Jacke hing noch über seinen Stuhl und seine Aktentasche war noch da. Er war wahrscheinlich nur kurz zur Toilette.
„Mister Baxter?“
Baxter fuhr zusammen und drehte sich blitzschnell um. Ein Mann stand auf einmal hinter ihm. Er hatte ihn weder gesehen, noch gehört.
„Verdammt! Wer zum Teufel sind sie? Was machen sie hier und warum um alles in der Welt wollen sie, dass ich einen Herzinfarkt kriege?“, bellte Baxter den Mann im grauen Anzug an.
„Und was zum Geier soll diese lächerliche Sonnenbrille?“
Dann bemerkte Baxter den zweiten Mann, der gerade aus Richtung der Toiletten durch das Büro auf sie zu ging. Auch er trug eine Sonnenbrille.

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