404 – DEAD LINK: KAPITEL VI

Kapitel VI – Kommt ein Priester in eine Bar… |

„Die einzige Verbindung, die ich zwischen Patricia und Graham finde, ist die Klage gegen einen Konzern, der irgendwie die Finger bei den Reaktorunfällen in Idaho und in Fukushima gehabt haben soll. Dean hatte die beiden vertreten und wahrscheinlich auch zusammengeführt. Es war einer seiner letzten Fälle. So viel habe ich bis jetzt herausgefunden.“
„Aber dann ist dein Mann mitten im Verfahren verschwunden und ein anderer Anwalt ist für ihn eingesprungen?“, fragte Nick und schlang dabei genüsslich den letzten Bissen seines Burgers hinunter, den er anschließend mit einem großen Schluck Bier hinunterspülte.
Julia nickte geistesabwesend und durchblätterte noch einmal die Dokumente. Sie war sich sicher, dass sie etwas übersehen hatte. Selbst wenn die Cronos Corporation fehlerhaftes oder nicht zugelassene Hard- und Software an den Staat zu Kraftwerksicherheit verkauft haben sollte, so würde daraus kein geheimes Komplott entstehen. Sie glaubte nicht an Verschwörungstheorien.
Julia nippte an ihrer Cola.
„Eine gewisse Cronos Corporation fing damals in den Siebzigern als Hersteller für Sicherheitsequipment für Reaktoren an. Seither erhielt diese Firma immer größere Aufträge vom Staat. Die Zwischenfälle sind aber nicht auf fehlerhaftes Equipment oder Software zurückzuführen.“
„Wogegen haben Mrs. Clark und Graham eigentlich genau geklagt?“, fragte Nick. Inzwischen musste er lauter sprechen, denn das Grillrestaurant hatte sich in der letzten halben Stunde schnell gefüllt. Der Cowboy Howling Johnny lockte allem Anschein nach Besucher an, die auch von außerhalb des Städtchens kommen mussten, denn das Publikum hatte langsam die Einwohnerzahl von Fulton überragt.
„Das versuche ich noch herauszubekommen. Ich warte darauf, dass sich mein Freund aus Deans alter Kanzlei bei mir meldet und mir die Akten zukommen lässt.“
„Ist das nicht illegal? Wie machst du das? Fragst du einfach oder schuldet dir der Mann noch einen Gefallen, wie in einem John Grisham Thriller?“
„In diesem Fall ist es wirklich ein guter Freund von mir und Dean. Ich habe ihm versprochen, dass ich die Informationen natürlich streng vertraulich behandeln werde und ich nichts davon in einem Artikel verwenden werde. Er vertraut mir.“
Julia aß das letzte Stück ihrer Pizza und wischte sich die Hände an der Serviette ab.
„Bin gleich wieder da.“
Sie stand auf und watete durch die Menge der Cowboy Johnny Fans am Tresen vorbei Richtung Toilette, bis die Kellnerin sie festhielt.
„Entschuldige. Ihr beide scheint mir in Ordnung zu sein, deswegen wollte ich dich warnen.“
Sie ließ ihren Blick unauffällig zum anderen Ende des Tresens wandern, wo die Männer in den grauen Anzügen und den Sonnenbrillen immer noch vor ihren unberührten Bieren saßen.
„Ich glaube diese Freaks dort drüben suchen nach euch.“
Julia linste an der Kellnerin vorbei und erkannte die Männer wieder. Es waren die Männer, die Patricia auf dem Gewissen hatten. Ihr Puls raste nach oben, ihr Magen verknotete sich abrupt und dutzende von Fragen schwirrten verloren durch ihren Kopf. Sie atmete tief durch und wusste, dass sie sich beruhigen und nachdenken musste.
„Ich danke dir, Jessy. Das kann schon sein. Weißt du, wir sind Reporter und einer heißen Story auf der Spur.“
„Ist ja cool!“, sagte Jessy voller Begeisterung.
„Kann sein, dass die Jungs dort drüben etwas gegen unsere Schnüffelei haben. Ich lasse mir etwas einfallen.“, sagte Julia und verschwand zu den Damentoiletten.
Bis auf ein angetrunkenes Teenagergespann, dass kichernd an Julia vorbei nach draußen ging, war die Toilette leer. Julia stellte sich vor das Waschbecken, wusch sich die Hände, spritze sich das kalte Wasser in Gesicht und versuchte so klar wie möglich zu denken, damit sie jetzt die richtige Entscheidung trifft.
Ihr erster Gedanke riet ihr, die Polizei zu verständigen, die Männer festnehmen zu lassen, um Antworten zu bekommen. Sie fischte ihr Handy aus der Hosentasche. Als sie die Nummer des Notrufs eingeben wollte, leuchtete auf dem Display wieder eine Nachricht in ihrem Messanger auf, ohne, dass eine Nummer angezeigt wurde. „Big Bird – Verschwinde durch die Hintertür. Die Dorfpolizei wird dir nicht nützen!“ Dann verschwand die Nachricht wieder, ohne eine Spur zu hinterlassen.
Bullshit. Wer immer du bist, du kannst mich mal!
Julia wählte die Nummer des Notrufs und linste durch die Toilettentür hindurch zu dem Platz an der Theke, wo sie die Männer in Grau immer noch vermutete. Aber sie waren verschwunden. Die Bar hatte sich mit weiteren Besuchern des Konzerts von Cowboy Johnny gefüllt. Julia unterdrückte den Notruf und ging zurück zum Tisch, wo Nick an einem weiteren Humpen Bier schlürfte. Sie setzte sich und ihr Blick suchte weiter die Bar ab und fiel auf das Fenster, dass zum Parkplatz führte. Sie fand nur das Spiegelbild der Menschen in der Bar, denn dort draußen war es bereits pechschwarze Nacht und der Parkplatz nur spärlich beleuchtet. So konnte sie nichts und niemanden erkennen. Sie selbst mussten von draußen allerdings gut sichtbar gewesen sein. Nick war ihre Nervosität aufgefallen.
„Julia, was ist los? Suchst du jemanden?“
„Die Kellnerin hatte mich gerade auf Männer in grauen Anzügen aufmerksam gemacht. Sie waren ihr aufgefallen, weil sie uns durch ihre Sonnenbrillen beobachteten und sich auch sonst irgendwie schräg verhalten hatten. Ich glaube, dass es dieselben Schweine sind, die Patricia überfahren haben.“
Nick verschluckte sich an seinem Bier.
„Was machen wir jetzt? Wir müssen die Polizei rufen.“
„Das habe ich mir auch schon überlegt. Aber sie sind weg. Und der Polizei aus dieser Gegend unsere Geschichte zu erklären, raubt uns nur Zeit und es wird nichts herauskommen. Was sollten sie auch tun. Ich denke nicht, dass diese Kerle abwarten, bis der Schwager von Cowboy Johnny sie mit aufs Revier nimmt.“
Nick nahm einen großen Schluck Bier und Julia sah in seine verängstigten Augen. Sie war einem Mordfall auf der Spur. Wie konnte sie ihn nur mitnehmen? Er war beinahe noch ein Kind. Julia winkte die Kellnerin herbei, die gerade einen Trupp von Truckern bedient hatte und sich den ein oder anderen Spruch anhören musste, der nicht so charmant, wie Nicks unsicheres Kompliment von Vorhin war. Die Kellnerin brauchte für solch ein raues Publikum in einem Nest wie diesem hier wirklich eine dicke Haut. Julia bewunderte das Mädchen. Sie selbst wäre schon längst entlassen worden und hätte eine Klage wegen Körperverletzung am Hals.
„Hey, Leute. Sieht aus, als wären die Freaks abgehauen, was? Was waren denn das überhaupt für Typen, die waren echt unheimlich.“
Jessy, die Kellnerin, musste mittlerweile Schreien, um gegen den Country Beat anzukommen, der das Lokal durchzuckte. Dabei fiel ihr fast das Kaugummi aus dem Mund.
„Ich weiß es nicht, Jessy. Habt ihr vielleicht eine Hintertür, durch die wir gehen können. Ich habe doch noch ein wenig Angst und will mich erst umsehen. Dann kann ich rechtzeitig die Polizei rufen, falls diese Idioten noch da sein sollten.“, schrie Julia.
„Klar, kommt mit. Aber du hast doch einen starken Begleiter an deiner Seite. Der passt bestimmt auf dich auf!“ Sie blinzelte Nick an und stieß ihre Hüfte leicht gegen seine Schulter, der gerade hastig sein Bier ausgetrunken hatte und sie verlegen anlächelte.
Sie zahlten und folgten Jessy hinter den Tresen durch die Bratfett-geschwängerte Luft der Küche zum Hintereingang, vorbei an einem griesgrämigen Koch, der sie kurz skeptisch mit halben Blick beäugte, um sich gleich wieder den brutzelnden Burgern auf dem Grillrost zu widmen. Julia drückte Jessy noch einen Zehner Trinkgeld in die Hand und bedankte sich für ihre Hilfe. Dann fiel ihr noch etwas ein.
„Ach, Jessy, weißt du, wie ich einen gewissen Pater Graham finden kann? Deswegen sind wir eigentlich hier. Wir wollen ihn zu einer Story interviewen.“
„Der Padre? Den findet ihr um diese Zeit sicher im Maynard’s Pub.“ Jessy nahm ihren Bestellblock hervor und kritzelte ihnen eine Wegbeschreibung.
„Ihr seid wohl echt jemanden auf die Füße getreten, oder? Mann, hier ist endlich mal was los. Ich wünsch euch was! Und lasst euch mal wieder blicken.“
„Das werden wir bestimmt.“, versicherte ihr Nick und die beiden verabschiedeten sich mit einem vieldeutigen Lächeln voneinander.
Nick und Julia schlichen sich um das Grill-Restaurant herum und gingen hinter dem Müllcontainer an der Seite zum Parkplatz in Deckung. Auf dem Parkplatz stand ein schwarzer Ford, in dem zwei Männer saßen und das Treiben im Restaurant beobachteten. Dabei waren sie regungslos, wie Schaufensterpuppen. Julia lief es bei ihrem Anblick kalt den Rücken hinunter. Mit einem Kloß im Hals wandte sie sich an Nick.
„Wir versuchen erst einmal Graham zu finden und schauen später nach, ob diese Typen dann noch hier sind. Den Sheriff können wir dann immer noch rufen. Aber zuerst will ich einige Infos aus unserem Padre herausquetschen.“
Nick hatte gegen den Plan nichts einzuwenden und sie verließen über den Hinterhof das Gelände des Restaurants. Cowboy Johnnys Gitarre und Stimme so wie die jubelnde Menge verklang allmählich, als sie durch die dunklen Nebenstraßen Richtung Maynard’s Pub gingen.
Der Pub lag etwas außerhalb der Kleinstadt. Nachdem sie im Halbdunkel der wenigen Straßenlaternen und einer Wanderung von einer halben Stunde im Nieselregen endlich am Ziel angelangt waren, standen sie vor einer rostigen Blechlaube, die wohl vor einigen Jahren eine Autowerkstatt gewesen war. Der Schriftzug aus Neonleuchten zeigte nur noch „Maards Pb“ an. Die übrigen Lichter waren zersplittert. Rockmusik tönte aus dem Inneren und vor der morschen Veranda standen acht Motorräder.
„Das sieht aus wie eine Location der Hell’s Angels. Bist du sicher, dass wir da drin unseren Priester finden?“, fragte Nick unsicher und Julia spürte, dass ihm ebenso unwohl dabei war hinein zu gehen, wie ihr.
„Ich gehe hinein und sehe nach. Du wartest hier. Wenn dort wirklich solche Machos drinstecken sollten, wie ich es vermute, werden sie zu mir wahrscheinlich freundlicher sein als zu dir.“
„Freundlich?!“
„Na ja, du weißt doch, was passieren kann, wenn ein Fremder… Vergiss es. Wenn ich in fünf Minuten nicht mit dem Priester rauskomme, rufst du den Sheriff, okay?“
Nick gefiel der Plan nicht und ein wenig fühlte er sich auch seines Selbstwerts beraubt, auch wenn er nichts von dem Klischee des männlichen Beschützers hielt. Außerdem wollte er Julia auch einfach nicht allein lassen.
„Nein, ich komme mit. Keine Bange, ich werde mich nicht provozieren lassen. Und wenn dort wirklich ein Arsch bei sein sollte, hauen wir einfach zusammen wieder ab. Mach dir keine Sorgen.“
Er lächelte unsicher, was Julia nicht gerade Mut machte. Die Qualmwolke, die ihnen durch die Tür entgegen blies, weckte in Julia sofort ein Bild von einer Höllenpforte, die sie gerade durchschritten hatten.
Die Tür fiel hinter ihnen wieder zu und für Nick hatte sich bereits beim ersten Anblick der Bar gleich jedes kitschige Klischee, dass er von einer Rockerbar je im Fernsehen gesehen hatte, erfüllt. Und das ließ nichts Gutes erahnen. Die beiden fielen dort drinnen auf wie zwei Zebras, die aus Versehen im Löwenkäfig gelandet waren. Julia versuchte, sich ihr Unbehagen nicht anmerken zu lassen und ging direkt auf den Tresen zu. Nick folgte ihrem Beispiel. Er wollte keine Angst zeigen. Er wusste, diese tätowierten Vollbärte in Lederhosen konnten Angst wittern. Seine übertrieben lässige Art war allerdings dermaßen aufgesetzt, dass er es nur noch schlimmer machte. Julia bemerkte es aus dem Augenwinkel und stieß ihm so unauffällig wie möglich mit den Ellenbogen in die Rippen. Der Barkeeper war ein Mitsechziger, weißer Vollbart, muskulöse volltätowierte Arme, Piercings schmückten Nase, Ohren und Brauen und zahlreiche Ketten baumelten von Hals und Handgelenken. Seine Gäste sahen ihm ähnlich. Es war ein Piratenschiff.
„Hallo, mein Name ist Julia. Ich suche Pater Graham. Man hat uns gesagt, dass wir ihn hier finden können und…“ Julia wurde von der rauen Stimme, die von tausenden von Zigaretten geformt wurde, unterbrochen.
„Wollt ihr nicht erst einmal was zu Trinken bestellen?!“ Es klang mehr nach einer Drohung, als nach einer Frage.
Julia und Nick sahen sich kurz hilflos an. Dann reagierte Nick.
„Ja, na klar. Geben sie uns zwei Bier.“ Der Barkeeper beäugte ihn abschätzend und machte sich dann gleich ans Zapfen.
„Dann seid ihr keine Touristen, die sich verlaufen haben, was?!“, fragte der Barkeeper, während er weiterzapfte.
„Nein, wir sind Reporter und arbeiten an einer Story.“ Wieso sollten sie sich eine Geschichte
ausdenken? Sie suchten schließlich nur ein Gespräch und wollten keinen Drogen- oder Waffenring auffliegen lassen. Allerdings wussten das diese charmanten jungen Männer nicht.
Der Barkeeper stellte die zwei Humpen vor ihnen ab. Die anderen Gäste waren neugierig geworden. Drei Männer unterbrachen ihre Poolpartie und blickten interessiert zu ihnen hinüber. Ein zwei Meter Hüne mit Glatze und Dreieckstuch auf dem Kopf schlenderte von der Jukebox zum Tresen zu ihnen hinüber. Nick spürte auf einmal einen schweren Stein im Magen und konzentrierte sich auf das Bier vor ihm, von dem er gleich einen Schluck kostete. Er war überrascht wie gut es schmeckte, so kräftig, würzig und herb. Es war überhaupt nicht zu vergleichen mit dem dünnen Gebräu, dass er bisher gewohnt war und meistens überall bekam. Nein. Dieses Bier hatte Körper.
„Wow, das ist ein verdammt geiles Bier!“, entfuhr es ihm völlig unbewusst.
Der Barkeeper fühlte sich geschmeichelt und schmunzelte.
„Ein Fulton Lager. Aus der heimischen Brauerei.“ Er sah dem Hünen entgegen, der sich neben Julia an den Tresen gesetzt hatte. „Big T., hier hat jemand Geschmack an deinem flüssigen Gold gefunden!“, rief er zu dem Hünen hinüber.
Julia preschte mutig vor, um dem tieferen Gespräch über die lokale Braukunst zu entkommen.
„Ist Pater Graham denn heute Abend hier?“
In diesem Moment öffnete sich die Tür der Bar ein weiteres Mal. Und Julia stockte der Atem. Plötzlich waren ihre neuen Rockerfreunde gar nicht mehr so unsympathisch. Die Männer in den grauen Anzügen bauten sich vor dem Eingang von Maynard’s Pub auf, steif und emotionslos blickten durch ihre Sonnenbrillen zu Nick und Julia hinüber.
„Gehören diese Freaks etwa zu euch?!“, fragte der Hüne mit einer brummigen Stimme, wie von einem Grizzly Bären.
„Nein. Ganz und gar nicht.“, sagte Julia.

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