404 – DEAD LINK: KAPITEL VII

| KAPITEL VII: Home Sweet Home |

„Julia Cole, kommen sie bitte mit uns.“
Die Stimme war kalt und wandte sich wie eine giftige Schlange durch die Stille, die sich in Maynard‘s Bar niedergelegt hatte. Sie standen einfach so dort, reglos vor der zerbeulten und verrosteten  Eingangstür, auf der in großen Lettern „FOR SINNERS“ stand. Die Aufmerksamkeit gehörte ganz ihnen. Finstere und neugierige Mienen erhoben sich aus der Versenkung. Dicke Zigarren wurden in Aschenbecher abgelegt, einige der trägen, aber extrem robusten Gestalten in Jeans und Leder erhoben sich von Stühlen und Höckern.
„Wer verdammt noch mal seid ihr?!“ Julias Augen feuerten Blitze des Hasses. Nick drückte sich an den Tresen und kam sich auf einmal sehr klein vor. Weniger dem zwei Meter Brocken an seiner Rechten geschuldet, als seiner Arbeitskollegin.
Einer der beiden Männer in Grau griff mit ruhiger Hand in die Innentasche seines Jacketts. Ab diesem Moment verschwanden die Hände der anderen Gäste sehr schnell hinter Rücken und unter Jeanswesten und -jacken und klammerten sich dort an etwas fest. Julia blieb ruhig. Relativ. Der Mann kann nicht nach einer Waffe greifen, denn sie hätte sich an seinem eng anliegenden Anzug bereits abgezeichnet.
„FBI. Special Agent Robertson und Special Agent Frank. Wir haben Fragen. Kommen sie bitte mit uns.“
„Oh, nein. So einfach geht das nicht. Ich habe sie bereits in dem Restaurant gesehen und ich habe sie auch an dem Abend gesehen, als Patricia ermordet wurde.“ Sie machte einen energischen Schritt auf die Männer zu und starrte dem Gesprächigen der Beiden nur wenige Handbreiten von seiner Sonnenbrille entfernt in die Augen.
„Und zwar von Ihnen!“ Ein Tuscheln und Raunen rauschte durch die Bar, ohne dass die tätowierten Männer ihre Hände von dem ließen, was sie gerade umklammert hielten.
Nick hielt seinen Atem an. Die Gäste, insbesondere der Hüne, trug auf einmal ein großes Fragezeichen in seinem Gesicht. Es machte ihn unruhig, ja sogar aggressiv. Ein Urinstinkt wurde in ihm geweckt, der ihn sein Revier verteidigen und das Weibchen beschützen lassen wollte. Er stellte sich, wie ein Bodyguard, an Julias Seite und sah abfällig auf die Männer hinunter. Diese allerdings, blickten weiterhin Julia an und schenkten dem Großen nicht die geringste Aufmerksamkeit. Sie hätten ihm genauso gut in sein Gesicht spucken können.
„Das hier ist eine ganz billige Nummer. Ich bitte sie. Für wie dämlich halten sie mich eigentlich. Würde das FBI mit mir wegen irgendeiner Sache sprechen wollen, bekäme ich einen mehr oder weniger freundlichen Anruf aus der Verwaltung, oder eine Vorladung per Post. Und selbst wenn ich aufgrund irgendetwas verdächtigt werden würde, hätte das FBI die Cops vorgeschickt, um mich zu verhaften. Und das mit Sicherheit nicht erst hier in Fulton. Wir gehen nirgendwo hin. Also, ihr Nasen, wer zum Geier seid ihr?“ Julia wusste die Geste ihres neuen Freundes zu schätzen. Er gab ihr Sicherheit und sie nutzte diese Gelegenheit aus.
Die Männer in Grau regten sich zum ersten Mal und sahen sich kurz einander fragend an. Gedanken und Emotionen waren bei ihnen weiterhin nicht auszumachen. Ihre Minen blieben versteinert. Dennoch schienen sie auf irgendeine Art zu kommunizieren.„Dann werden wir mit Verstärkung der örtlichen Polizei wiederkommen. Sie bringen sich nur in Schwierigkeiten.“ Er setzte zu einer Pause an und bewegte sein Gesicht wenige Zentimeter zu Julia, wie ein Mann, der gerade ein kleines Kind zu Recht wies. „Miss Cole.“
„Mrs. Cole!“, verbesserte Julia ihn mit knirschenden Zähnen.
„Ach, wirklich?“
Der Mundwinkel des Mannes zuckte nur ganz leicht, ganz kurz nach oben. Trotzdem stach es so hervor, als hätte er Julia mit ausgestrecktem Zeigefinger lauthals verhöhnt. Und das war zu viel für sie. Sie schnellte zwei Schritte vor und ihre rechte Faust stieß mit Kraft und Präzision nach vorne, direkt nach den zuckenden, schmalen Lippen. Aber noch schneller wurde ihre Faust von der Hand des Mannes mühelos umklammert. Ein kalter, stahlharter Griff. Dann passierte alles binnen weniger Augenblicke.
Der Hüne packte mit seiner Pranke die Kehle des Mannes in grau. Dieser ließ Julia los, während gleichzeitig seine andere Hand nach oben schnellte und den Arm des Hünen brach. Julia stolperte nach hinten, Nick fing sie auf und torkelte mit ihr einige Meter nach hinten. Die anderen Rocker hatten inzwischen ihre versteckten Messer, Schlagstöcke und Pistolen hinter ihren Rücken und aus ihren Innentaschen gezogen und sich auf die Männer in Grau gestürzt. Wie eine menschliche Traube hatten sich die kantigen Rocker über sie gestülpt. Nick und Julia konnten in dem Wirrwarr nicht erkennen, was dort genau passierte. Aber laute Schmerzensschreie verrieten ihnen, dass die Männer in Grau ihnen auf wundersame Weise nicht unterlagen. Denn die Schreie hallten aus den Kehlen ihrer Angreifer, die bereits blutüberströmt und bewusstlos einer nach dem anderen zurückfielen.
„Wir sollten von hier verschwinden, Kinder. Los, kommt!“ Zwei kräftige, raue Hände zogen Julia und Nick an den Schultern, fort von dem fortschreitenden Massaker, vorbei an dem Billardtisch und hinaus durch eine Hintertür. Wieder eine Hintertür, die wieder in einen noch unheimlicheren Hinterhof führte.
„Aufsitzen!“, bellte der Barkeeper und schwang sich auf eine Harley.
„Wie?!“, fragte Nick.
„Quetscht euch! Wir müssen hier weg. Wie seid ihr hier? Habt ihr ein Auto?!“
„Am Restaurant.“, antwortete Julia knapp und hievte sich bereits auf das Motorrad. Nick zog sich umständlich noch mit hintendrauf.
„Dann dorthin. Erstmal. Festhalten!“ Der Barkeeper ließ den Motor an und die Harley donnerte durch die Nacht davon. Julia drehte sich noch einmal zurück zur Bar. Die Männer in Grau traten gelassen durch die Hintertür und blickten ihnen stumm nach, als wäre nichts geschehen.

Der Barkeeper raste durch die Dunkelheit bis zum Restaurant. Cowboy Johnnys triumphales Konzert war noch im vollen Gange. Das Motorrad drängelte sich an einer Gruppe Bier trinkender Teenager vorbei, die sich lauthals beschwerten. Sie hielten neben Julias Wagen und die beiden kletterten vom Motorrad hinunter. Der Barkeeper griff in eine seiner Satteltaschen und holte etwas hervor, dass wie ein präparierter Rucksack aussah. Er öffnete ihn. Innen war er mit einer glänzenden, metallenen Folie beschichtet.
„Werft eure Smartphones hier hinein und eure Laptops und was ihr sonst noch so habt, mit dem sie euch geortet haben.“
„Wer sind sie?! Wo ist Pater Graham?!“, fragte Julia.
„Wir haben keine Zeit. Sie werden gleich hier sein. Schmeißt die Sachen hier hinein und fahrt mir nach!“, sagte der Barkeeper mit Nachdruck, aber Nick und Julia warteten beide auf ihre Antwort. Der tätowierte Bärtige schien zu begreifen, dass auch sein Verhalten nicht gerade vertrauenerweckend auf die beiden wirken musste. Er verdrehte die Augen, gab aber nach.
„Ich bin…“ Die Kellnerin Jessy, die den Teenagern gerade von drinnen ein paar Drinks zukommen ließ, kam zu ihnen hinüber und unterbrach den weißbärtigen Rocker.
„Pater Graham, schön dass dich die beiden gefunden haben. Ich hoffe, du bist nicht sauer, dass ich sie zu dir geschickt habe. Die Kleine hier war echt verzweifelt. Sie wusste sowieso, wo du zu finden warst.“
„Schon gut, Jessy. Du hast alles richtig gemacht. Ich danke dir, mein Kind.“
Julia und Nick sahen sich fragend an und wollten nicht so recht glauben, was sie dort eben gehört haben.
„Sie sind Pater Graham?“ Aber Julia hatte bereits die Daten, die sie dem ihr zugesandten Dokumenten entnommen hatte, zusammengelegt und das Puzzle ergab für sie tatsächlich Sinn.
„Ich werde euch alles in allen Einzelheiten erklären. Aber jetzt fahrt mir nach, denn sonst werdet ihr meine Stimme wahrscheinlich nur noch einmal auf eurer Beerdigung hören, denn die Jungs in Grau werden mit euch kurzen Prozess machen!“
Nick hatte währenddessen sämtliches elektronisches Equipment aus ihrem Gepäck im Wagen geholt und es bei Pater Graham im Rucksack verstaut. Der Pater warf sich den Rucksack auf den Rücken und ließ seine Harley wieder aufheulen.
„Los jetzt!“
Julia und Nick gaben ihm eine Chance – sie sahen auch keine Alternative – und folgten Graham mit ihrem Wagen. Nick winkte der Kellnerin Jessy noch einmal zu, worauf sie ihm einen Kuss zurückfliegen ließ.

Sie folgten dem Prediger über den schwarzen Asphalt. Noch nie in ihrem Leben war Julia so schnell gefahren. Der Padre trug immer noch seine Jeansweste. Julia wurde bereits vom Anblick kalt. Sie und Nick saßen die ganze Zeit stumm nebeneinander. Die Augen auf die Straße gerichtet. Nick schluckte einige Male schwer und gab sich die größte Mühe, sich nicht zu übergeben. Julia war gefasster. Aber ihre Gedanken überschlugen sich. Die Männer in Grau. Wer sind sie? Wollen sie uns wirklich töten? Haben sie etwas mit Deans Verschwinden zu tun? Die Nachrichten? Wer schickt mir diese Nachrichten? Kann es wirklich Dean sein? Julia brauchte Antworten und konnte es nicht erwarten, sie aus dem Padre herauszuquetschen.
Sie fuhren bereits seit einer halben Stunde auf der Landstraße. Endlich setzte Graham den Blinker und bog in eine holprige Nebenstraße ab, die an einem Wald entlang führte. Fünf Minuten später kamen sie an einer unbeleuchteten Hütte an. Graham stellte seine Maschine ab, ging zur Veranda und knippste einen Schalter an. Das Licht, das von alten Hängelampen aus dem vorletzten Jahrhundert ausging, offenbarten eine Hütte, die dringend einen neuen Anstrich brauchte, eine abrissreife Laube, die wohl als Garage diente und eine ebenso baufällig wirkenden Scheune gegenüber des Hofs. Julia parkte den Wagen und stellte den Motor ab.
„Home sweet Home!“, rief Pater Graham und stellte sich in breitbeiniger Willkommensgeste mit weit ausgestreckten Armen und einem breiten Grinsen vor die Eingangstür seiner kleinen Hütte.

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