404 – DEAD LINK: KAPITEL VIII

| Fallouts |

Grahams kleine Hütte war spartanisch eingerichtet. Zum Glück gab es fließend Wasser und ein WC, zwar alt, aber sehr sauber und aufgeräumt. Julia hatte bereits befürchtet eine Holzbaracke in der Nähe des Waldes aufsuchen zu müssen. Den Strom lieferte ein kleiner Generator hinter der Hütte. Graham hatte Nick und Julia Kerzen angezündet, bis er den Generator eingeschaltet hatte. Von innen sah die Hütte wesentlich gemütlicher aus, als Julia es von außen her vermutet hätte. Das Mobiliar war alt, aber gepflegt. Es gab einen sauberen, kleinen Kamin, viele Regale, die bis oben hin voll mit Büchern waren und eingerahmte Fotos an den Wänden, die Graham an verschiedenen Orten zeigten, meistens zusammen mit unterschiedlichen Gruppen von Kindern, Jugendlichen, Frauen und Männern.
Nick ließ sich direkt auf das Sofa fallen, atmete tief durch und versuchte das Geschehen zu verarbeiteten. Als junger Student war er zwar immer scharf auf ein bisschen Action, aber, so musste er sich eingestehen, kalkulierbare Action, bei der nicht gerade sein Leben auf dem Spiel stand. Julia legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter.
„Alles klar, Kleiner?“ Er zwang sich ein Lächeln ab und nickte.
Julia nahm eine Kerze in die Hand und sah sich in Grahams Behausung etwas genauer um. Sie wollte etwas über ihn erfahren, bevor dieser wieder vom Generator zurück war. Eine Wohnung ist Ausdruck der Persönlichkeit und steckt für eine Reporterin voller nützlicher Spuren. Diese Erfahrung konnte sie bereits in zahlreichen Interviews machen. Sie hatte einige Exklusivinterviews mit Politikern geführt und sie in ihren Appartments und Häusern besucht. Politiker, oder ihre Imageberater, gaben sich immer große Mühe den Raum oder auch die ganze Wohnung so zu arrangieren, dass sie ein ganz bestimmtes Bild seiner Persönlichkeit für die Öffentlichkeit wiederspiegeln. Letztlich spiegelten sie also nichts wieder, außer vielleicht den Wunschcharakter des PR-Beraters, wenn dieser halbwegs kompetent war.
Grahams Hütte war das komplette Gegenteil und der Charakter, den sie durchschimmern ließ, war ihr sympathisch. Sie sah sich die Titel der Bücher an, während ihre Finger langsam über die Buchrücken glitten. Sein Interessenschwerpunkt lag in Religion und Philosophie, aber auch Soziologie und Psychologie. Alte Schmöker mit längst vergilbten Seiten, aber auch aktuelle Werke. Dann fiel ihr Blick auf einen Schreibtisch in einer Ecke des Wohnzimmers. Dort lagen Dokumente und Akten. Vorsichtig und die Eingangstür im Blick behaltend, durchstöberte sie die Dokumente. Es waren Essays und Projekte zur humanitären Projekten in verschiedenen Teilen Afrikas und Südamerikas. Sie stieß auf einen weiteren Batzen mit Dokumenten, die neben einem Laptop aufgehäuft waren, der ganz nach Marke Eigenbau aussah. Graham schien also auch ein Tüftler zu sein. Darauf war auch das Feinwerkzeug zurückzuführen, dass sie in den Schubladen des Schreibtischs fand. Sie musste an ihr eigenes Equipment denken, dass sie Graham so bedingungslos überlassen hatte. Ihr wurde Unwohl dabei, denn sie war es einfach nicht gewohnt tatsächlich offline und von dem Rest der Welt abgekapselt zu sein. Julia durchsuchte weitere Dokumente. Diese waren anderer Art. Es waren unter anderem Karten; wieder von verschieden Regionen der Erde. Orte und Landstriche waren eingekreist, doch ehe sie die Vermerke am Rand der Karten lesen konnte, kam Graham wieder herein. Julia wandte sich schnell vom Schreibtisch ab und hoffte, dass er sie nicht erwischt hatte.
„Hier werden uns die Männer nicht finden. Also, keine Angst, beruhigt euch. Ich werde uns einen Kaffee machen, den Ofen anschmeißen und dann werden wir uns unterhalten.“
Ohne Umschweife stakste der Rockerpriester durch das Wohnzimmer und verschwand in der Küche. Inzwischen war das Licht angegangen und Nick und Julia beobachteten Graham durch die Durchreiche zur Küche, wie er eine Kanne, eine Dose und Tassen aus dem Schrank nahm.
„Seht euch ruhig um.“ Er nahm einen kleinen Schlüssel aus der Hosentasche seiner Jeans und warf ihn Julia durch die Durchreiche zu. „Aber das wirklich interessante Zeug ist dort vorne drin.“ Er deutete mit einem verschwörerischen Lächeln auf das andere Ende des Wohnzimmers. „Und du kannst uns den Ofen anschmeißen!“, rief er zu Nick hinüber und warf ihm ein Päckchen Streichhölzer zu. Nick wurde aus seinen Gedanken gerissen und fing sie ungeschickt.
Julia war die Truhe erst gar nicht aufgefallen. Decken und Kissen lagen auf ihr und man konnte sie für eine einfache Sitzbank halten. Nicks Gesicht hatte allmählich wieder an Farbe gewonnen. Er hatte ins Hier und Jetzt zurückgefunden. Mit dem trockenen Holz und dem Zeitungspapier hatte er das Feuer in dem Ofen schnell entfacht. Sein Blick folgte nun Julia, die sich ungeduldig daran machte, Decken und Kissen von der Truhe zu entfernen und sie dann öffnete. Wieder ein Haufen Dokumente.
„Gesammeltes Material, Dokumente und Dateien mit allen Einzelheiten zu Reaktorunfällen und Atomtestversuchen weltweit. Aber lasst uns von vorne anfangen.“ Graham kam mit einem Tablett zurück, auf denen drei große Tassen dampfenden Kaffees standen, stellte es auf dem Wohnzimmertisch ab und setzte sich in den Sessel, der dem Stoffmuster nach aus den Achtzigern stammen musste. Nick setzte sich gespannt wieder mit aufs Sofa.
„Danke für den Kaffee.“ Er nahm sich einen Becher Kaffee von dem Tablett. Julia tat es ihm gleich und setzte sich neben ihn. Jetzt blickten sie beide gebannt auf Graham. Er entgegnete ihren Blicken mit tiefem Ernst. Hinter seinen Brauen brodelte es.
„Ich habe einige Fragen an Sie, Graham. Bevor wir zu den Dokumenten kommen, will ich wissen, wer du bist.“
„Das kann ich mir vorstellen. Schieß los.“
Julia griff instinktiv nach ihrem Notizbuch und dem Kuli, die sie immer in ihrer Jackentasche mit sich führte. Graham zeigte keinen Einwand. Sie schlug ihr Notizbuch auf und versuchte ihre Gedanken zu ordnen.
„Ich habe Akten von Ihnen. Darin ist nur ein Passfoto. Aber ich erkenne sie. Sehr hübsche Tattoos für einen Priester. Sie müssen zugeben, dass ich verwirrt bin. Was sind sie denn nun. Priester, oder Anführer einer Rockerbande?“ Sie deutete skeptisch auf seine tätowierten Arme.
Graham lächelte amüsiert. „Befreien sie sich von Stereotypen und Klischees. Die netten Jungs, die ihr gerade kennengelernt habt, sind alles bekennende Sünder. Sie kamen zu mir in die Beichte, nachdem wir einige Gespräche hatten. Und glauben sie mir, man erreicht die Menschen nicht, indem man sich in einer Kutte über sie stellt und ihnen abstruse, weltfremde Geschichten erzählt. Nein. Das Wort Gottes spricht alle Sprachen und das ist die Herausforderung für uns Priester. Diese vielen Sprachen zu verstehen, wirklich zu verstehen, um den Menschen dann zu helfen, sich selbst zu helfen und im mit sich ins Reine zu kommen.“
Er merkte, dass Julia ungeduldig wurde und zum ursprünglichen Grund ihres Besuchs zurückkommen wollte.
„Aber ihre Freunde wurden gerade von jemanden durch die Mangel genommen, die ganz und gar außerweltlich zu sein scheinen. Wie stehen sie mit ihnen in Verbindung. Und was hat es mit Dean zu tun, den sie, hoffe ich, noch nicht vergessen haben.“
Graham blickte sie ernst an und erhob sich angestrengt aus dem alten Sessel. Nick blieb stumm und beobachtete aufmerksam das Geschehen. Graham ging zu dem kleinen Fenster und blickte angestrengt in die Nacht hinaus.
„78 Nationen unterhalten Kernkraftreaktoren. Allein in diesem Jahr wurden 150 neue gebaut. Weitere 450 sind in Planung. Es gibt immer noch 15.000 aktive Atomsprengköpfe. Bis heute wurden 2.100 Atomtests durchgeführt, 1.032 allein in den USA. Unterirdisch, in der Atmosphäre, in der Stratosphäre und unter Wasser. Die Bereiche, die noch nicht kontaminiert sind, sind Südamerika und Südafrika. Man sagt, es sei für militärische, kommerzielle oder Forschungszwecke. Aber ich bitte euch!“ Graham hatte sich in Rage geredet und war aufgestanden. Er bemerkte es selbst, atmete einmal tief durch und setzte sich wieder.
„Und jetzt kommt der Clou. Mit Ausnahme vielleicht von nuklearer Abschreckung, auch wenn Cyberattacken militärisch viel interessanter sind und auf diesem Gebiet die meisten Gelder fließen, was denkt ihr, wofür diese permanente Aufstockung nuklearer Reaktoren wohl gut ist? Die Weltbevölkerung wächst langsamer und mit global erhöhten Chancen auf Bildung und Arbeit wird sich diese ach so beängstigende Wachstumskurve allmählich begradigen. Aufgrund von effizienten, alternativen Energiequellen sind wir auch versorgt.“
„Halten mir sie mir jetzt bitte keinen Vortrag über Nachhaltigkeit und Ressourcenmanagement. Kommen sie auf den Punkt!“ Julia musste sich anstrengen, nicht die Fassung zu verlieren. Sie war müde und erschöpft. Sie wollte antworten.
„Na gut.“ Graham stellte den Kaffeebecher ab und baute sich vor den beiden auf. Dabei verschränkte er seine muskulösen, tätowierten Arme.
„Die Energie ist nicht für unsere Welt, sondern für eine andere. Die Atomtests waren nur für die Öffentlichkeit „Waffentests“. In Wirklichkeit wurden Portale geöffnet von Agenten einer anderen Welt, die die höchsten Regierungskreise kompromittiert haben, um unsere Welt nach und nach zu assimilieren. Dean hatte es herausgefunden. Durch mich und Patricia.“
Nick und Julia blickten Graham mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen an. Die ersten Sekunden verstrichen und niemand sagte ein Wort. Dann fing Julia an zu glucksen, zu kichern und schließlich lauthals zu lachen. Nick wusste ihr Verhalten nicht so recht einzuordnen. Er lachte mit, unsicher und mit hilfesuchendem Blick, der zwischen Julia und Graham hin und herwanderte. Julia lachte noch ausgiebiger, ja beinahe hysterisch.
„Bitte, bitte, lieber Gott, lass mich nicht den ganzen Weg gemacht haben, um mich mit einer Hillbilly Verschwörungstheoretiker Geschichte abspeisen zu lassen.“ Sie lachte weiter und musste sich den Bauch halten. Sie bekam einen regelrechten Lachkrampf.„Oh, bitte, Baxter wird uns umbringen und wir müssen wahrscheinlich für diesen beschissenen Horrortrip auch noch selbst blechen!“ sie wischte sich eine Träne aus dem Auge und blickte jetzt wieder Graham an, der sich keinen Zentimeter bewegt hatte und dessen Miene toternst geblieben war. Ihr Lachen ebbte ab, sie lächelte immer noch und schüttelte verständnislos den Kopf. Aber sie riss sich wieder zusammen. Auch wenn sie einen großen, durchgeknallten Spinner vor sich hatte, musste sie sich professionell verhalten. Es war ja auch leider nicht das erste Mal.
„Na gut.“, sie wischte sich noch eine Träne aus dem Gesicht. „Haben sie dafür irgendwelche Beweise?“
Sie blickte zu dem Sekretär am anderen Ende des Wohnzimmers und auf den Stapel Dokumente. „Ist das dort drüben ihr „Beweismaterial“?“ Sie simulierte mit ihren Fingern höhnisch Anführungszeichen.
„Die Männer in der Bar. Haben sie nicht mitbekommen, wie sie meine Jungs auseinander genommen haben?“, fragte Graham provozierend.
„Speed! Die waren wahrscheinlich voll auf Droge. Das erklärt auch ihr Verhalten. Irgendetwas haben sich diese Spinner eingeworfen.“ Julia ließ für einen Augenblick ihr Gesicht in die Hände fallen und rieb sich ihre Augen. „Kann ich bitte mein Handy wieder haben?“
„Er hat sie kontaktiert, nicht wahr?“ Julias müder Blick wanderte wieder zu Graham, der sich inzwischen wieder in den alten Sessel gesetzt hatte.
„Dean? Er hat sie kontaktiert, stimmts? Vermutlich über ihr Handy, Fernseher, Laptop? Und auch in ihren Träumen?“ Julias Gesicht verlor an Farbe. Entgeistert blickte sie in das wieder schelmisch grinsende Gesicht von Graham.
„Er gibt ihnen Zeichen. Er hat sie zu mir geführt. Geben sie mir Gelegenheit, dass zu beweisen, was ich ihnen sage. Ich werde sie zu Dean bringen.“
Julia sprang vom Sofa auf. Nick erschrak und er wollte sie instinktiv festhalten.„Lügner!“, fauchte sie. „Geben sie uns unsere Sachen und dann verschwinden wir von… von…“
Ein stechender Schmerz durchzuckte ihre Schläfe. Ihr Herz raste und wollte ihren Brustkorb sprengen. Ihr Sichtfeld verkleinerte und die Welt um sie herum drehte sich. Sie schwankte, verlor ihren Halt und fiel in die Dunkelheit.

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