404 – DEAD LINK: KAPITEL X

|Kapitel X – Fassade |

 

„Ich wollte in ein Taxi! Warum bin ich noch hier?! Diese ganze Scheiße! Warum bin ich noch hier?! Was soll das?! Warum habt ihr mich nicht abgesetzt?!“
Nick schrie und weinte. Er war verzweifelt und hysterisch. Nervös wippte er in seinem Sitz vor und zurück und schlug die Hände über seinem Kopf zusammen. Tränen rannen unablässig seine Wangen hinunter. Julia hielt ihn in den Armen und tröstete ihn. Eine Bilderflut durchströmte ihre Gedanken. Dean, Baxter, Patricia und auf einmal auch Bilder ihrer Eltern; ihres Vaters. Sie hielt sich an einem der vielen Erinnerungsfetzen fest, aus dem sie Kraft und Sicherheit schöpfen konnte. Etwas, das vor dem Wahnsinn der Gegenwart bewahren konnte.
Ihr Vater hatte sie als sie noch klein gewesen war zum Camping mitgenommen. Nur sie und ihr alter Herr. Viermal im Jahr, zu jeder Jahreszeit, fuhren sie hinaus in die Wälder und schlugen dort ihr Zelt auf. Für sie waren es immer ganz besondere Augenblicke. Wenn sie abends am Lagerfeuer saßen und ihr Vater sich ein Bier aufmachte, erzählten sie sich gegenseitig Geschichten. Manchmal, auf ihr Drängen hin, erzählte er ihr auch vom Krieg. Julia überredete ihn immer wieder, denn sie wollte wissen, wohin ihr Vater so oft und so lange verschwunden war und immer ein wenig müder und älter wiedergekommen war. Er erzählte ihr vom Krieg, aber gab sich Mühe eine jugendfreie Version zu erzählen. Doch jetzt, wo sie Nick in ihren Armen hielt und selbst wieder Zeugin eines abscheulichen Verbrechens geworden war, konnte sie die Lücken füllen, die ihr Vater in seinen Erzählungen absichtlich eingebaut hatte. Menschen wurden instrumentalisiert, abgeschlachtet und ihr Leben lang traumatisiert. Wenige Entscheidungsträger, die es sich in ihren komfortablen Eigenheimen und Penthouse-Wohnungen bequem machten, waren dafür verantwortlich, das Leben so vieler Menschen in einen unvorstellbaren Alptraum zu verwandeln.
Von wem wurden die Männer in Grau geschickt? Wer zog hier die Fäden und gab die Befehle?
„Julia, da hinten sollte eine kleine Truhe stehen. Mit hoffentlich noch nicht abgelaufenen Snacks und Getränken. Frank sorgt immer für Proviant, wenn er seine Touren mit der alten Lady macht. Sieh nach, ob du eine Cola für Nick findest. Er steht unter Schock. Der Zucker wird ihm guttun!“
Julia streichelte noch einmal tröstend über Nicks Schulter, stieg dann hinter die Sitze und fand in einer Kühltruhe tatsächlich Getränke und verschiedene kleine Snacks. Sie nahm eine Dose Cola heraus und drückte sie ihrem verzweifelten Kollegen in die Hand. Er hatte sich etwas beruhigt, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, bedankte sich, öffnete die Dose und trank.
„Geht’s besser?“, fragte Julia.
Er nickte ruhig, sah sie mit verweinten Augen an und zwang sich sogar ein Lächeln ab.
Julia stieg nach vorne zu Graham und setzte sich auf den Sitz des Kopiloten.
„Wir fliegen die Koordinaten an, die Dean dir geschickt hat. Laut GPS ist dort aber nichts. Ich werde auf einem privaten, kleinen Rollfeld landen, dass ich auf den Karten gesehen habe. Etwa 20 Kilometer vor unserem Ziel.“
Graham blickte stur geradeaus. Aber Julia sah deutlich, wie der Zorn in seinen Augen brodelte. „Es tut mir sehr leid.“, sagte sie.
Graham schloss die Augen und atmete einige Male tief durch. Als er sie wieder öffnete waren sie ruhiger, aber immer noch getränkt mit Wut.
„Frank gehört zum Netzwerk. Er hatte sich gewünscht, diesen kalten Maschinen endlich mal ordentlich einheizen zu können. Nun ja. Er hat ihnen zumindest ihre hässlichen Anzüge versaut.“
Sie schmunzelten beide und Grahams Chi strahlte wieder die gewohnt vertrauenserweckende Ruhe aus.
„Frank war Ingenieur und arbeitete in der Forschung. Kernreaktoren. Dort stieß er auf die ersten Spuren des Komplotts. Er sammelte Beweise und legte sie den höchsten Regierungskreisen vor, nur um festzustellen, dass sie bereits unterlaufen worden waren. Frank kam davon, weil er vorsichtig war und noch nicht alle Daten, die er hatte, vorlegte. Er tat so, als hätte er einen Fehler begangen, sei müde gewesen und überarbeitet. Frank wurde entlassen und kam mit dem Leben davon. Trotzdem war er unter ständiger Beobachtung. Er war einer der ersten, die das Netzwerk gegründet hatten. Unser Ziel ist, Menschen, wie dich, Julia, mit genügend Beweismaterial auszurüsten. So, dass sämtliche Zeitungen auf einen Schlag die Daten veröffentlichen und der Pararegierung keine Zeit lassen, eine Gegenoffensive zu starten. Wir arbeiten noch an der Datenlogistik, aber wir sind nah dran.“
Unter Ihnen erstreckte sich eine Patchworkdecke aus Feldern und Wäldern. Wie anders auf einmal alles erscheint, wenn sich die Perspektive ein wenig ändert. Julia dachte an ihren letzten Ausflug, den sie mit einer ähnlichen Maschine unternommen hatte. Dean lenkte das Flugzeug damals und sie überflogen die Sierra Nevada.
„Wo ist Dean? Ist er in Sicherheit?“, fragte sie Graham, während sie weiter aus dem Fenster starrte.
„Dean wurde damals erwischt, als er weitere Nachforschungen anstellte. Ich ging davon aus, dass die Männer in Grau kurzen Prozess mit ihm gemacht hätten. Als du mir allerdings von den Kontaktaufnahmen erzähltest, kamen mir Zweifel. Denn unser Netzwerk hat Kontakte zu Insidern auf der anderen Seite, die gegen ihre Regierung rebellieren. Mithilfe ihrer Technologie ist es ihnen möglich sich nicht nur in unsere Computer zu hacken, sondern auch in unsere Gedanken. Darum gehe ich davon aus, dass Dean sich auf der anderen Seite irgendwo versteckt hält.“

Graham landete die Maschine wie beabsichtigt auf einem Rollfeld ein paar Kilometer vor der Stadt, die eigentlich nicht existierte. Es war niemand zu sehen außer einem Mann, der wütend auf sie zu stampfte.
„Wie kannst du Idiot hier einfach runterkommen ohne dich vorher anzumelden?“, bellte er Graham an.
Graham hob die Hände zu einer beschwichtigenden Geste.
„Mein altes Schätzchen hat komplett den Geist aufgegeben. Ich bin froh, dass ich meinen Neffen und meine Nichte heil runterbringen konnte.“
Graham streckte dem Mann die Hand entgegen. Er lächelte freundlich und spielte den besorgten Onkel. Sein Schauspiel war gut. Es half, dass er nicht mehr in seiner Rockermontur steckte und eine Jacke trug, die den größten Teil seiner Tätowierungen verdeckte. Sie schüttelten einander die Hände. Der Mann blieb skeptisch.
„Ich bin Thomas J. Moore. Das hier sind Linda und Gabriel. Es war ihr erster Flug und dann so etwas.“
Auch wenn Graham eine gute Rolle und den verzweifelten und hilfesuchenden spielte, blieb der Mann skeptisch und ruppig. Er fühlte sich von dem ungewollten Gast sichtlich gestört. Julia hatte gleich an den umliegenden Sportflugzeugen und der neuen, modernen Anlage bemerkt, dass hier Menschen mit Geld ihrem Hobby frönen. Der Mann, der im Polohemd, Kakis und blitzblanken Lederslippern vor ihnen stand komplettierte das Bild. Für Julia war das entscheidende Merkmal für Antipathie immer ein über die Schultern gelegter Sweater, der vor der Brust ordentlich zusammengeknotet wurde. Sie wusste, dass dieser Mann sie aufhalten und schlimmstenfalls Ärger bereiten wird.
Graham hatte die Technik im Cockpit so manipuliert, dass sie ein anderer auf Anhieb nicht so einfach reparieren könnte.
„Ich rufe ihnen einen Mechaniker.“, sagte der Mann knapp, drehte sich abrupt um und wollte wieder in sein Haus am Hangar verschwinden.
„Der wird definitiv Ärger machen.“, grummelte Graham, stieg ins Flugzeug und kam mit einer kleinen Tasche wieder heraus.
„Was haben Sie vor?“, fragte Julia.
„Ich werde ihn in einen angenehmen Dornrösschenschlaf versetzen.“
Aus der Tasche nahm er eine Spritze, eine kleine Ampulle. Er stach durch den Deckel und füllte die Spritze mit ihrer Flüssigkeit.
Nick und Julia beobachteten Graham, wie er hinter dem Mann mit Polosweater verschwand und ihm ungesehen ins Haus folgte. Nach wenigen Augenblicken kam er wieder. In der Hand einen Schlüsselbund.
„Er wird mindestens vierundzwanzig Stunden tief und fest schlafen. Nehmt eure Sachen. Wir fahren jetzt zur unsichtbaren Stadt.“

Sie fuhren mit einem dunkelrotem VW Amarok Pickup eine halbe Stunde eine Landstraße entlang, vorbei an den unendlichen Äckern von Montana. Die Stadt erreichte man über eine kleine Zufahrtsstraße, die vom Highway abzweigte. Inmitten der tristen Herbstlandschaft hob sich diese Stadt wie eine Oase hervor. Die Wohnhäuser und Geschäfte, die Straßen und Gehwege – alles sah neu aus. Sie fuhren auf der Hauptstraße Richtung Zentrum und parkten an einem Diner gegenüber einer Kirche. In der Stadt herrschte reger Betrieb. Von den Passanten wurden sie allerdings sehr kritisch beäugt. Das gefiel den Dreien gar nicht.
„Lasst uns von der Straße verschwinden.“, flüsterte Graham, als sie ausgestiegen waren.
Die drei standen vor dem Diner und sahen sich um. Dies Stadt erweckte den Anschein einer Kulisse. Alles war auffallend akkurat gestaltet. Sie befanden sich im Stadtzentrum und die wenigen Geschäfte, die Bank, eine Schule und ein Frisörsalon schienen allesamt vom selben Bühnenbildner geschaffen worden zu sein. Julia ist der exakt graduierte Rasen auf der frisch gepflasterten Promenade vor dem Rathaus in Gründerväter Architektur bereits aufgefallen. Genauso wie die wohl arrangierten Blumenbeete. Alles war gepflegt und ordentlich. Und sie selbst wusste gute Gartenarbeit zu schätzen. Unzählige Male war sie ihren Eltern bei der Gartenarbeit an ihrem Haus in Queens zur Hand gegangen.
„Okay Leute, lasst uns unauffällig ins Diner gehen. Mit unseren verdächtigen Blicken ernten wir nur verdächtige Blicke.“, sagte Julia, die das Missbehagen ihrer Freunde richtig deutete. Irgendetwas stimmte nicht mit diesem Ort.

Sie betraten das Diner und Julia warf noch einmal einen Blick über die Schulter. Draußen sah Julia vereinzelte Passanten den Gehweg entlanglaufen. Ein Mann kam aus dem Lebensmittelladen und trug seinen Einkauf zum Auto. Ein weiterer Mann verließ gerade den Frisörsalon. Zwei Frauen schritten gemächlich durch den kleinen Park vor der Schule. Eine der beiden schob einen Kinderwagen vor sich her. Julia dachte angestrengt darüber nach, was an diesem Bild falsch war. Irgendetwas erschien ihr hier extrem unwirklich. Sie konnte es nur nicht greifen.
„Was ist das hier für ein Ort? Diese Stadt ist seltsam. Sie sieht aus, wie eine Kulisse für die Gilmore Girls.“, flüsterte sie in die Runde.
„Wer sind die Gilmore Girls?“, fragte Nick.
„Unwichtig.“, sagte Julia.
„Du hast recht.“, brummte Graham zurück.
Julia, Nick und Graham setzten sich an einen Tisch in die Ecke des Diners. Das Diner war außer Ihnen leer. Es war typisch schmal und länglich geformt und wurde von einer großen Bedienungstheke dominiert, hinter der man durch die breite Durchreiche in die Küche sehen konnte. Eine Frau trat an ihren Tisch.
„Hi, ich bin Peggy. Touristen verlaufen sich selten nach Bingham County. Schön mal wieder ein paar frische Gesichter zu sehen!“
Peggy, die Kellnerin, war eine freudestrahlende Gestalt, deren Lächeln sich quer über die roten Wangen ihres Mondgesichts schoben. Ihre krausen, braunen auf dem Kopf zu einem Dutt gebunden Haare untermalten das sympathische Temperament, mit dem sie ihre Kundschaft empfing. Graham blickte kurz auf ihr Namensschild.
„Hi, Peggy. Ich bin Graham. Das sind mein Neffe Gabriel und meine Nichte Linda. Wir sind auf der Durchreise und würden uns über viel Kaffee und ein ordentliches Frühstück freuen. Gibt es eine Empfehlung des Hauses?“
Peggy strahlte noch mehr, denn sie hatte sogar hungrige Gäste.
„Kaffee gibt es bei uns in allen Variationen. Dazu empfehle ich unsere Blaubeerpfannkuchen, das French Toast und frischen Apfelkuchen als Nachtisch. Wer es etwas rustikal will, für den gibt es auch Rührei mit Bohnen und Speck!“
Peggy nahm ihre Bestellungen auf, brachte ihnen Kaffee, verschwand wieder in der Küche und machte sich gleich an die Arbeit. Es gab wohl kein anderes Personal.
Graham nippte an seiner Tasse Kaffee und machte ein verdutztes, aber zufriedenes Gesicht.
„Die machen ausgezeichneten Kaffee.“ Dann beugte er sich über den Tisch und sprach leiser. “Aber die Tatsache, dass diese ganze Stadt auf keiner Karte verzeichnet ist und die Menschen hier auch nicht ganz koscher zu sein scheinen, macht mich sehr nervös. Mein Verdacht ist, dass wir hier auf eine Art Außenposten gestoßen sind und wir es mit einer Stadt von Mitarbeitern der Pararegierung zu tun haben.“
Nick verschluckte sich an seinem Kaffee.
„Nun ja, es ist eine Kleinstadt im Nirgendwo. Nur weil deswegen ein paar Leute ein wenig spleenig sind, ist das noch lange kein Grund sie für Aliens zu halten… Bis auf den Freak mit dem Polohemd vom Flugplatz vielleicht.“, wandte Nick ein.
Peggy kam mit Tellern beladen aus der Küche und baute den Dreien das Frühstücksbuffet auf.
„Wow, das sieht wirklich großartig aus! Danke dir, Peggy.“, sagte Nick und kaum hatte Peggy den letzten Teller abgestellt, stürzte Nick sich bereits auf seine Blaubeerpfannkuchen. Mit vollgestopften Mund hielt er inne, denn Peggy und seine Freunde blickten ihn erstaunt an.
„Waf ift lof? If habe Hunger.“
Julia lachte und Graham verdrehte die Augen.
„Danke, Peggy.“, sagte er.
„Sehr gerne. Ruft einfach, wenn ihr Kaffeenachschub braucht!“ Mit einem Lächeln verschwand sie hinter dem Tresen. Peggy wirkte ehrlich. Und wirklich. Sie schien in dieser Stadt der einzige wirkliche Mensch zu sein. Konnten sie ihr vielleicht trauen?
„Wie finden wir jetzt Dean? Muss ich wieder warten, bis ich ohnmächtig werde und er mich in der verdammten Traumzeit kontaktiert?“, fragte Julia ungeduldig.
Der Gedanke ließ ihre Nackenhaare zu Berge stehen. Sie wollte Dean endlich sehen, aber hier in der Wirklichkeit. Und nicht wieder Todesängste in einem Alptraum ausstehen. Sie aß etwas vom Blaubeerpfannkuchen. Eine Frau ging an der Scheibe des Diners vorbei und beobachtete die Drei. Schnell blickte sie wieder nach vorne, als sie merkte, dass Graham sie ertappte.
„Wir hätten doch lieber etwas außerhalb der Stadt warten sollen. Ich bin ein Idiot.“, sagte er vorwurfsvoll.
Drei weiße SUVs tauchten auf einmal auf und hielten mitten auf der Straße vor dem Diner. Die wenigen Passanten liefen eilig davon.
„Verdammt! Ich hab‘s geahnt!“
Graham sprang auf und sah, wie jeweils vier Männer in Grau aus den drei Fahrzeugen stiegen.
Peggy kam nach vorne gerannt, verriegelte die Eingangstür und lief dann schnell wieder nach hinten.
„Kommt! Beeilt euch! Hier entlang! Ich bringe euch in Sicherheit!“, sagte sie und ihr Blick heftete sich an Julia. „Und ich bringe euch zu Dean! Schnell jetzt!“
Julia und Graham sahen einander verwirrt an, folgten aber mangels Alternativen ihrer Aufforderung. Nick stopfte sich hektisch noch ein Stück Pfannkuchen in den Mund und eilte ihnen nach.

 

 

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