404 – DEAD LINK: KAPITEL XII

| Kapitel XII – Verrat |

„Julia, es tut mir alles so unendlich leid. Glaube mir, wenn es irgendeine andere Möglichkeit gegeben hätte… wenn ich eine Wahl gehabt hätte… Ich wollte dich in das alles hier nicht hineinziehen. Das musst du mir glauben.“
Wie sollte sie ihm glauben, wenn sie noch nicht einmal ihren eigenen Augen glauben konnte. Der Mann, der aus der Tür herausgetreten war, stand nun vor Julia und sein Blick suchte in ihren Augen… was? Vergebung? Verständnis? Wie konnte er es wagen, sie Big Bird zu nennen?! Das durfte nur ein Mann in ihrem Leben.
„Baxter.“ Sie musste seinen Namen aussprechen, um das Bild des Verrats, das sich vor ihr materialisierte fassen zu können.
Baxters Blick wanderte zu Graham und seine Gesichtszüge verhärteten sich.
„Die wirst du nicht mehr brauchen.“
Baxter deutete auf die Maschinenpistole, die sich in Grahams Händen befand und mit der er die wilde Furie in Schach hielt, die einmal die freundliche Kellnerin Peggy gewesen war.
Wie auf Kommando schaltete sich das Licht hinter Baxter ein und hinter ihm erschienen wenigstens ein Dutzend schwer bewaffnete Soldaten.
„Lass sie fallen.“, sagte Baxter noch einmal mit Nachdruck.
Graham gab nach und senkte die Waffe, wie ihm befohlen wurde, langsam und widerwillig. Peggy rappelte sich wutentbrannt auf und ließ ihrem Zorn freien Lauf. Sie verpasste Graham einen geraden Schlag mitten ins Gesicht und anschließend noch einen kräftigen, schnellen Hieb in seine Magengrube. Selbst Grahams solider und durchtrainierter Körper sackte unter der Kraft des Schlags zusammen. Peggy holte wieder aus, um den vor ihr in die Knie gegangenen Graham einen weiteren Schlag zu verpassen, aber Baxter hob seine Hand. Eine einfache Geste, ohne Worte und Peggy ließ von ihrem Vorhaben ab, wie ein abgerichteter Pitbull. Baxter befehligte also diese Soldaten und dieses „Peggy-Monster“? Julia erkannte den alten Freund ihres Vaters nicht wieder. Sie wollte es nicht glauben. Wie konnte er sie nur so sehr getäuscht haben? Und auch die Kleidung, die er trug. Was war das? Eine Art Uniform? Die Männer, die hinter ihm standen, trugen auch diese graue Uniform, anders als die Männer, die Graham gerade niedergeschlagen hatte.
„Baxter, ich dachte die Männer in Grau hätten dich erwischt. Was läuft hier?“, knirschte Julia durch die Zähne hindurch. Am liebsten wäre sie ihm an die Gurgel gesprungen.
Sie war völlig verwirrt. Nichts ergab einen Sinn. Wo war Dean? Wieso hatte Peggy sie in eine Falle geführt? Was tat Baxter hier und wieso trug er diese Uniform? Sie war verzweifelt. Nicht nur ihr Verstand ließ sie im Stich, auch ihre Gefühle konnten sich nicht entscheiden. Also kämpften Angst, Wut und Unsicherheit miteinander. Die Wut gewann. Sie holte weit aus und verpasste Baxter, einem an sich robusten Kerl, einen derartig geladenen Punch ins Gesicht, dass er zurücktorkelte und die Soldaten hinter ihm ihn abfangen mussten. Er rief noch: „Halt! Nicht!“, aber da spürte Julia nur noch einen dumpfen Schlag in ihrem Nacken und sie fiel bewusstlos zu Boden.

Diesmal wachte sie einfach nur wieder auf. Kein Traum, keine Erscheinung oder Vision. Nur einen Schädel, der einige entschiedene Nummern zu groß für sie war. Der heftigste Kopfschmerz ihres Lebens.
„Hey, langsam. Alles gut.“
Nicks Stimme drang zu ihr, als würde sie in einem Wasserbecken schwimmen. Und ebenso verschwommen waren für Julia auch die Umrisse seines Körpers, der sich über sie beugte und dessen Hand ihr zärtlich durch das Haar und über den Kopf streichelte. Nur langsam wurde ihr Blick klarer und Nicks Körper gewann an Kontur, bis sie sein Lächeln sah.
„Mann, Julia. Das ist eine ziemlich fette Beule an deinem Kopf. Ich hatte schon Angst, dass diese Arschlöcher dich umgebracht hätten.“
Sie lag auf einer Pritsche in einer vier mal vier Quadratmeter großen Zelle. Neonlicht strahlte von der Decke herab. Der Raum war weiß und steril. Ein Spülbecken und eine kleine Toilette waren an der Wand angebracht.
„Was ist passiert?“, fragte sie und richtete sich behäbig auf.
„Erinnerst du dich noch daran, was passiert war, bevor sie dich k.o. geschlagen haben?“
„Ja.“
Fragmente aus Erinnerungen formten sich zu Bildern, die eine enorme Wut in ihr aufsteigen ließen. Ein Schmerz, wie ein Messerstich im Nacken, ließ es nicht zu, sich der Wut völlig hinzugeben. Aber sie war sich wieder im Klaren darüber, was geschehen war. Baxter.
„Baxter befahl den Soldaten, dich und mich hier in diese Zelle zu stecken. Du erinnerst dich an den Korridor, durch den wir kamen? Links und rechts die Türen? Es sind tatsächlich Zellen. Graham haben sie irgend woanders hingebracht. Ich weiß nicht genau wohin. Sie führten ihn ab. Durch die Tür, durch die Baxter aufgetaucht war. Am Ende des Gangs. Wir wurden ganz schön verarscht. Baxter hatte dich und mich darauf angesetzt, Graham zu finden. Er gehörte von Anfang an zur anderen Seite. Dieses Arschloch hat mit uns und unserem Leben gespielt. Und wahrscheinlich wird er uns erledigen, sobald er von Graham bekommen hat, was er wollte!“
Nick stand auf und trat gegen vor Wut gegen die Wand. Dann jammerte er zimperlich auf und humpelte zur Pritsche. Julia konnte es nicht fassen. Baxter, der alte Freund ihres Vaters. Sie war sicher, dass er nicht von Anfang an der anderen Seite angehören konnte, wie es Nick vermutete. Wahrscheinlich war er irgendwann übergelaufen, wurde rekrutiert oder erpresst. Nun war Nick der einzige, dem sie noch trauen konnte. Und Graham? Was würden sie jetzt wohl mit Graham anstellen?
„Lass uns von hier verschwinden.“, flüsterte Nick auf einmal, griff verheißungsvoll in seine Hosentasche und zog mit einem verschmitzten Grinsen einen Kartenausweis hervor.
„Wie hast du…“
„In dem ganzen Tohuwabohu habe ich dem Soldaten seine Schlüsselkarte abgeluchst.“
Er wedelte mit der Karte vor Julias Gesicht und mit einem schnellen Griff schnappte sie sie ihm weg. Ihre Kopfschmerzen waren auf einmal nicht mehr ganz so schlimm.
„Nick, ich wusste, dass ich dich gut gebrauchen kann!“
Sie nahm sein Gesicht zwischen beide Hände und küsste ihn mit Inbrunst. Für ihn war diese überraschende Geste das Schönste, was ihm seit langem widerfahren war. Er fragte sich, ob seine roten Wangen und sein zufriedenes Grinsen wohl jemals wieder von seinem Gesicht weichen würden.
„Ich habe da eine Idee.“, sagte Julia mit einem verräterischen Lächeln.

„Oh mein Gott, atme! Verdammt noch einmal atme! Komm schon, Julia! Lass mich nicht im Stich! Bitte! Atme!“
Die Wache vor der Tür drehte sich um, schob das Schloss beiseite und öffnete die Tür. In der Zelle sah er den jungen Gefangenen, wie er hilflos vor seiner Kameradin kniete und scheinbar erste Hilfe leistete. Dann, urplötzlich, spürte der Soldat nur noch einen dumpfen Schlag im Nacken und verlor sein Bewusstsein.
„Wie du mir, so ich dir, Arschloch!“, fauchte Julia, trat ihm in die Rippen und nein, es tat ihr nicht leid.
In der Hand hielt sie ein kurzes Eisenrohr. Sie hatten die Metallpritsche auseinander genommen und aus dem Innenleben der dünnen Matratze eine Julia-Puppe gebastelt, die noch Julias Hemd, Jeans und Schuhe trug. Für den flüchtigen Blick des Soldaten hatte es in dem kurzen Augenblick genügt, um die Wache abzulenken und ihr mit dem Teil des Pritschengestells eins überzubraten.
„Du hast heute aber eine gesunde Gesichtsfarbe, Nick. Mann, jetzt sei mal nicht so verklemmt, du kleiner Nerd.“, spaßte Julia, als sie sich ihre Sachen wieder anzog und Nick währenddessen angestrengt in die Ecke schaute, um seinen Anstand zu wahren. Leider war sein Blick aus Versehen doch noch einmal abgerutscht, bevor Julia ihre Jeans hochziehen konnte. Sie ertappte ihn dabei. Er hüstelte verlegen und Julia verdrehte nur die Augen. Dann nahm sie sich das Maschinengewehr und drückte Nick die Eisenstange in die Hand.
„Hier, ich denke mit so einem Ding kannst du besser umgehen!“
„Sehr witzig!“
Julia blickte ihn und abwechselnd den Wachmann auf dem Boden abschätzend an.
„Jetzt bist du dran die Hosen runter zu lassen.“, sagte sie. Nick ahnte schon, was sie vorhatte.
„Lass uns Graham finden.“

„Das wird nicht funktionieren.“, murmelte Nick, als sie zusammen den Korridor entlangmarschierten. Er trug die Uniform des Wachmanns und tat dabei so, als hielte er dabei Julia mit dem Maschinengewehr in Schach, die mit Handschellen gefesselt vor ihm herging. Sie öffneten mit der Schlüsselkarte die Tür, aus der Baxter mit seinen Soldaten herausgekommen war und sie drangen tiefer in den Ameisenbau ein.
„Mich wundert’s, dass sie hier keine Kameras installiert haben. Der ganze Komplex scheint mir nicht sehr up-to-date zu sein. Dafür, dass diese Typen aus einer technologisch fortgeschrittenen Welt kommen…“, kritisiert Nick, aber es war ihm auch ganz recht. Andernfalls wäre ihnen eine solch einfache Flucht bestimmt nicht geglückt.
Sie liefen durch einen modernen Bürotrakt, indem sehr viele Menschen vor Bildschirmen in Räumen mit Glaswänden saßen. Hier und dort standen Soldaten und Männer und Frauen in Zivil. Es herrschte ein geschäftiges Treiben, indem Julia und Nick hofften unerkannt hindurchtauchen zu können. Misstrauische Blicke beäugten sie kurz, wandten sich dann aber wieder ihren Aufgaben zu. Nick legte seine Hand auf Julias Schulter, dass es so aussah, als würde er sie abführen. In Wirklichkeit steuerte Julia die beiden durch diese Verwaltungsetage. Doch wusste sie noch nicht wohin genau. Sie fasste einen weiteren Aufzug am Ende des Trakts ins Auge. Nick nahm wieder die Schlüsselkarte hervor und auch hier öffnete sich für sie die Tür.
„Wo finden wir jetzt Graham?“, flüsterte Nick nervös und sie betrachteten die Bezeichnungen neben den einzelnen Etagen. Aber es waren nur Buchstaben und Nummern, ohne irgendeine Referenz.
„Was erwartest du zu finden? Die Aufschrift: Dr. Evils Kommandozentrale?“, höhnte er.
„Na die ist doch meistens immer ganz unten, oder?“, spottete sie zurück und drückte auf den untersten Knopf.
Es ging abwärts. Nach Sekunden, die wie Stunden vergingen, öffnete sich die Tür wieder und sie blickten wieder einmal einen scheinbar endlosen, dunklen Korridor entgegen. Ohne ein weiteres Wort miteinander zu wechseln schritten sie langsam hinaus. Nick nahm vorsichtig seinen Finger ganz vom Abzug weg, denn seine Hände zitterten. Die Halogenbeleuchtung schaltete sich automatisch ein. Am Ende dieses Flurs konnten sie eine weitere Tür ausmachen.
„Soll ich die Handschellen wieder öffnen?“, flüsterte er.
„Ich bitte darum.“, erwiderte Julia.
Nick schloss sie auf und Julia betrachtete die Türen links und rechts neben ihnen. Unter einer der Türen drang ein schwacher Lichtschein hervor. Julia legte ihr Ohr an die Tür und lauschte angestrengt. Aber das war dann nicht mehr nötig. Ein Schrei donnerte aus dem Raum heraus. Julia und Nick erkannten die raue Stimme. Graham. Julia drehte sich zu Nick und nahm ihm die Waffe aus der Hand. Sie wusste, dass Nick noch nie zuvor eine abgefeuert hatte. Sie schon. Das hatte sie ihrem Vater zu verdanken, sehr zum Groll ihrer Mutter.
„Wir werden sie überraschen. Du öffnest schnell die Tür und ich…“ Sie schluckte bei dem Gedanken. „erledige den Rest.“
Nick sah sie mit weit aufgerissen Augen an und auch er wusste, wollten sie Graham befreien und retten, hätten sie keine andere Wahl. Er nickte ihr zu. Es konnte losgehen.

Julia riss die Tür auf. Sie überraschte drei Männer in weißen Kitteln, die im Halbkreis vor einem Stuhl standen. Ein bewaffneter Soldat kam aus der Ecke des großen hellen Raums auf sie zu und zog eine Pistole aus seinem Holster. Aber Julia war schneller. Eine Salve aus ihrem Maschinengewehr streckte den Soldaten nieder. Sie hatte auf seine Beine gezielt. Julia entwaffnete den Mann und drohte den Männern in den weißen Kitteln, sollten sie sich auch nur einen Schritt bewegen, würden ihre Gehirne die Wände in diesem Drecksladen dekorieren. Graham war an einen Stuhl gefesselt. Er sah aus wie ein elektrischer Stuhl, wie er bei grausamen Hinrichtungen verwendet wird. Dieser war allerdings mit allen möglichen elektrischen Geräten und zahlreichen Kabeln ausgestattet, die unter anderem an Grahams Schläfen und Unterarmen befestigt waren und zu einem Computer führten. Julia öffnete die Schellen an seinen Händen und Füßen, während Nick die Ärzte, oder wer immer die Männer waren, in Schach hielt.
„Graham, ist alles in Ordnung? Wir verschwinden jetzt von hier, okay?“, sagte Julia und legte ihren Arm kurz auf seinen. Graham nickte. Seine Augen waren halb geöffnet und er stöhnte ein leises „Okay“ zurück. Sie half ihm auf und stützte ihn. Dann feuerte sie eine weitere Salve auf die Computer ab, für den Fall, dass sie Graham bereits Informationen zum Netzwerk entreißen konnten. Nick nahm den vor Schmerzen stöhnenden Soldaten die Schlüsselkarte ab. Sie verließen den Raum und Nick schloss die vier Männer hinter ihnen ein. Dann nahm er Julia den sedierten Graham ab.
„Verdammt. Und wie kommen wir mit Graham wieder zurück? Wir werden auffallen wie drei bunte Hunde.“, sagte Nick und seine Stimme zitterte.
„Drei bunte Hunde?“, stöhnte Graham. Er war also bei Bewusstsein. Was auch immer diese Leute ihm verabreicht hatten, es hatte ihn nicht vollends ausgeknockt.
„Wir müssen es versuchen. Kommt!“, sagte Julia und sie schlichen in Richtung Fahrstuhl zurück.
Auf halben Weg blieben sie abrupt im Korridor stehen. Die Fahrstuhltür hatte sich geöffnet und zum Vorschein kam Baxter. Wie konnten sie nur so leichtsinnig sein und glauben, dass ihre Flucht unbemerkt geblieben war? Julia verfluchte ihre Naivität. Baxter stieg aus dem Fahrstuhl und vier Soldaten traten hinter ihm hervor, ihre Maschinengewehre im Anschlag.
„Es ist vorbei, Julia. Ich will euch nichts tun.“, sagte Baxter, aber Julia hatte ihren Glauben an ihn schon längst verloren.
Sie hatten Graham. Und Baxter würde so schnell nicht riskieren, dass seine kostbare Informationsquelle Schaden nimmt.
„Zurück, Nick. Wir versuchen es auf der anderen Seite. Ich halte sie in Schach.“, rief Julia. Nick drehte sich um und humpelte mit Graham in die andere Richtung. Julia zielte auf die Soldaten, während sie ihnen rücklinks folgte.
„Nicht schießen. Sie werden nicht weit kommen!“, befahl Baxter seinen Männern.
Am Ende des Korridors standen sie vor einer verschlossenen Tür. Julia rüttelte kräftig an der Klinke, aber es tat sich nichts.
„Warte, geh zur Seite.“, sagte Nick. Julia trat mit Graham beiseite und Nick feuerte eine Salve auf das Türschloss. Es hatte funktioniert. Die Tür war auf. Aber die Soldaten und Baxter waren ihnen dicht auf den Fersen.
Sie betraten jetzt eine Halle, in der verschiedene Fahrzeuge parkten. War es eine Tiefgarage? Gibt es ein Tor oder eine Zufahrt nach draußen?
„Dort vorn, in den Pickup!“, keuchte Graham. Seine Augen wurden klarer. „Ich glaube, ich kann ihn kurzschließen.“ Er befreite sich aus Nicks Armen und schwankte allein auf den Pickup zu.
„Bleibt stehen!“, schrie Julia auf die Soldaten ein. Sie hielt Nick und Graham an der Tür den Rücken frei.
Der Pickup war nicht verschlossen. Graham mühte sich unter das Lenkrad, öffnete die Abdeckung des Verteilerkastens und entfernte und verband unterschiedliche Kabel miteinander. Der Motor sprang an.
„Rein mit euch!“
„Und du rutsch rüber! Ich fahre!“, befahl Julia und Graham willigte ein, denn er sah immer noch kleine Sterne in seinen Augenwinkeln flimmern.
„Nick!“
Nick rannte zum Pickup und sprang hinten hinein. Julia trat das Gaspedal voll durch und sie rasten durch die Halle. Die Soldaten stürmten durch die Tür hinter ihnen her, aber sie sahen nur noch die roten Rückleuchten des Pickups hinter der nächsten Ecke verschwinden.
Baxter trat durch die Tür und ein verspieltes Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Nicht schlecht, Kleines. Vergeblich, aber nicht schlecht.“

Es ist tatsächlich eine Ausfahrt. Tageslicht. Endlich. Nur noch ein großes und solides Rolltor versperrte ihnen den Weg. Es musste von dem kleinen Raum aus zu steuern sein, der sich neben dem Tor befand. Ein weiterer Soldat trat ihnen entgegen und wollte gerade das Feuer auf die eröffnen. Aber auch diesmal war Julia schneller. Sie hielt an, hechtete nach draußen und feuerte auf die Beine des Soldaten, er brach stöhnend zusammen und sie entwaffnete ihn. Vielleicht, oder sogar wahrscheinlich würde er es überleben. Ebenso, wie die anderen drei Soldaten, denen sie in die Beine geschossen hatte. In Actionfilmen wäre das ein absolutes No-Go gewesen. Warum eigentlich? Aber anstatt weiter über Gewaltdarstellungen im Blockbuster-Kino zu philosophieren, rannte sie zu dem Raum, indem sie hoffte, einen Schalter für das Rolltor zu finden. Und… Bingo! Neben einem Computer und einem Telefon befand sich tatsächlich das Kontrollpult für das Tor. Sie drückte auf den passenden Knopf und es schob sich langsam nach oben. Julia sprang wieder in den Pickup und sie verließen die Halle.
Ein Hoffnungsschimmer keimte in ihnen auf, als sie hinaus fuhren und die warmen Strahlen der Herbstsonne sie blendeten. Sie hatten es geschafft. Sie waren entkommen. Die steinige Straße führte sie durch einen engen Pass, v umsäumt von bewaldeten Hügeln. Gerade bog Julia um die nächste Abzweigung, da trat sie mit aller Kraft auf die Bremse. Ihr Lächeln erstarb als sie auf die Barrikade blickte, die sich vor ihnen aufbaute. Zwei Hummer und ein dutzend bewaffnete Soldaten mit ihren Gewehren im Anschlag hatten sie im Visier. Hinter ihnen hörte sie, wie sich weitere Fahrzeuge näherten, ihnen zum Stehen kamen und ihnen den Fluchtweg abschnitten. Es waren noch einmal drei Hummer mit noch mal so vielen Soldaten und Gewehren. Julia ließ ihren Kopf verzweifelt auf das Lenkrad fallen.
„Nimm die Pistole runter, Junge. Sie haben uns.“, sagte Graham resigniert und Nick legte sie auf der Rückbank ab. Wut und Angst trieben Tränen in seine Augen.
Julia hob ihren Kopf und im Rückspiegel sah sie Baxter. Dieses verräterische Schwein. Er formte seine Hände zu einem Trichter und rief zu ihnen hinüber:
„Es ist vorbei! Ergebt euch und werft die Waffen weg. Julia! Es reicht jetzt. So kann ich euch nicht beschützen!“
Beschützen?! Jetzt wollte er auch noch den lieben Onkel geben? Diesen heuchlerischen Scheiß konnte er sich getrost sonst wohin stecken! Julia machte den Anfang, öffnete langsam die Tür, warf die Pistole auf die Straße und verließ mit erhobenen Händen das Auto. Sie deutete Graham und Nick ihr gleich zu tun. Was hatten sie schon für eine Wahl? Es war aus.
Aber was war das? Dieses Geräusch. Es tauchte auf einmal hinter der Hügelkette auf und wurde schnell lauter. Dann, wie aus dem Nichts, tauchte ein Helikopter auf und steuerte im tiefen Anflug auf sie zu. Links und rechts saßen vermummte Gestalten in Sitzen und vor sich hielten sie jeweils eine Minigun, die Julia das letzte Mal auf dem Stützpunkt ihres Vaters gesehen hatte. Diese Dinge machten wirklich ziemlich schnell, ziemlich große Löcher.
Bevor Baxters Soldaten sich umdrehen konnten, feuerten beide Kanonen ihre Salven auf die Hummer ab. Die Soldaten und auch Baxter sprangen beiseite und versuchten sich vor dem tosenden Kugelschauer in Sicherheit zu bringen. Der Helikopter landete kurz vor dem Pickup. Weitere Männer sprangen aus ihm heraus und trieben Baxters Soldaten nach und nach in die Flucht. Es herrschte ein wildes Chaos, ein regelrechter Krieg.
Währenddessen stieg der Pilot aus und rannte zu Julia hinüber, die sich auf den steinigen und staubigen Boden geworfen hatte, um sich vor den Kugeln in Sicherheit zu bringen. Jetzt stand der Pilot vor ihr und hielt ihr seine Hand entgegen. Die Sonne blendete und sie konnte sein Gesicht nicht erkennen.
„Wir müssen uns beeilen, wenn wir den Sonnenuntergang nicht verpassen wollen, Big Bird!“

 

 

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