„A Little Christmas Carol – or: Santa’s Revenge“

 

Es tut mir leid. Wir müssen unsere Reihe „404 – DEAD LINK“ leider für diese Eilmeldung unterbrechen. Jester stürmte heute morgen durch meine Tür. Er ist gerade aus dem fernen Osten wieder zu uns zurück gereist und brachte diese unglaubliche Story mit:

 

Dies ist die Geschichte der kleinen Da Mei, deren Leben am Heiligen Abend am seidenen Faden hängt. Wird ein Wunder sie noch retten können?

 

A little Christmas Carol or Santa’s Revenge

22.12.2017 | 19:32:
 In einer entlegenen Provinz Chinas.

Da Mei hatte ihre Schicht bald beendet. Vierzehn Stunden hatte sie an diesem Tag damit verbracht, den Löwen, Tigern, Affen, Krokodilen, Elefanten und all den anderen Tieren ihre Äuglein anzunähen. Ihre Fingerkuppen schmerzten, denn in den letzten Stunden ihrer Schichten wurde sie immer sehr müde und unkonzentriert. Deshalb bohrt sich die Nadelspitze oft tief in ihr Fleisch hinein. Bespritzt sie mit ihrem Blut dann eins der Stofftiere und der Aufseher würde es merken, ginge sie wieder ohne ihre Portion Reis in ihre Schlafkoje. Sie war trotzdem froh, dass sie nicht mehr in der Halle arbeiten musste, wo die Stoffe gefertigt und gereinigt wurden. Die ätzenden Chemikalien brannten immer so sehr auf ihrer Haut, in ihren Augen und sie musste nach den langen Arbeitstagen dann dermaßen stark husten, dass sie von den Wachen aus den Schlafhallen hinausgeschickt wurde und in einem der Wartungsräume übernachten musste. Sie hatte sich immer gefragt, wie die anderen Kinder all das aushalten. Vielleicht härtet man nach all den Jahren einfach ab.

Heute war aber ein ganz besonderer Tag. Und trotzdem Da Mei müde und erschöpft war, freute sie sich, gleich ihre Kameraden und Kameradinnen zu sehen. Denn es war ihr Geburtstag. Und an Geburtstagen wurde immer für Freundinnen und Freunde gesammelt. Dann bekamen sie meist etwas Süßes oder eine große Portion Reis extra. Letztes Jahr wurde sogar für sie gesungen. Zwar nur kurz, weil dann der Aufseher kam, um sie alle in die Schlafhallen zu schicken, aber es war das Schönste, was sie seit langer Zeit gehört hatte.

Das große Signalhorn läutete den Schichtwechsel ein und Da Meis Schicht war endlich zuende. Sie legte den Löwen, dessen Augen sie gerade liebevoll angenäht hatte, in den Karton zu den anderen Tieren, die sie in ihrer zweiten Schicht gefertigt hatte. Die Tiere hatten für sie eine ganz besondere Bedeutung. Auch wenn die Arbeiterinnen und Arbeiter selbst keine haben und mitnehmen durften, so gab Da Mei sich bei jedem einzelnen Schritt ihrer Arbeit immer die größte Mühe. Denn sie wusste, dass diese Tiere bestimmt einmal in den Händen von Kindern liegen und sie eine unendlich große Freude haben würden, solch ein königliches Geschenk in den Händen zu halten. Die Tiere würden einen Namen von ihnen bekommen und sie würden ihnen eine Seele einhauchen. Also musste Da Mei sich bei jedem einzelnen Tier die größte Mühe und ihr ganzes Herzblut hineinlegen. Und wer weiß, so unwahrscheinlich es auch sein mag, vielleicht würde sie auch irgendwann einmal das Glück haben, einen solchen Schatz zu besitzen… wenn sie sich aus dieser Hölle heraus gearbeitet hat.

Vor dem gemeinsamen Abendessen im großen Speisesaal sangen all ihre Freunde der kleinen Da Mei laut ein herzliches Geburtstagslied. Sie wurde auf ihrem Stuhl durch die Halle getragen und es gab für sie eine große Portion Reis und sogar Nachtisch. Auch wenn die Wachen die kleine Feier schon sehr früh unterbrochen hatten und die Kinder in ihren Kojen in die Schlafhalle schickten, war es für Da Mei doch ein wunderschöner Abend. Und es sollte noch besser werden. Als die Lichter aus waren und Da Mei schon kurz vor dem Einschlafen war, wurde sie von einer kleinen Hand an ihrer Schulter wieder wachgeschüttelt.
„Da Mei! Da Mei!“, flüsterte eine Stimme.
Es war Ken-Shou, ihr Freund, der mit an den Füllungen der Stofftiere arbeitete und seinen Platz direkt vor ihrem eigenen Arbeitsbereich hatte. Sie kannten sich seit einem halben Jahr und gaben aufeinander acht. Zu ihm hatte sie ein ganz besonderes Verhältnis. Er war ihr bester Freund.
„Ken-Shou, geh in deine Koje! Wenn die Wachen dich erwischen, gibt es für dich morgen wieder nichts zu essen!“, warnte sie ihren Freund.
In diesem Augenblick fuhr ein Lichtkegel einer Taschenlampe durch die Schlafreihen. Da Mei dachte schon, es wäre zu spät und sie hätten Ken-Shou entdeckt. Aber es war nur die Wache, die auf ihrem abendlichen Rundgang patrouillierte. Die beiden blieben unentdeckt.
„Wir haben noch etwas für dich!“
Ken-Shou nahm eine kleine Pappschachtel hinter seinem Rücken hervor und legte sie zu Da Mei in die Koje.
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“, flüsterte er und wuschelte ihr spielerisch durchs Haar.
Dann schlich er sich wieder lautlos zurück zu seinem Schlafplatz. Als Da Mei die Schachtel öffnete, wollte sie ihren Augen nicht trauen und gleich sofort vor Freude aufheulen. Zum Glück konnte sie sich noch gerade mal so beherrschen. Ihr Herz machte einen Salto, als sie die drei kleinen Gestalten zwischen den Papierschnipseln sah: Ein Löwe, ein Tiger und ein Krokodil. Sie hatte viele von ihnen in den letzten Wochen pausenlos zusammengenäht, aber nie gehofft selbst einen dieser kleinen Schätze zu besitzen.
Auf einmal tauchte der Lichtkegel wieder auf. Doch bevor der Wachmann bei Da Mei vorbeiging, hatte sie die Schachtel unter ihrer Koje versteckt und ihre neuen, besten Freunde mit unter ihre Decke genommen. Sie hatte bereits Namen für sie: Shizi, Hu und Eyu – Löwe, Tiger und Krokodil. Sie drückte sie fest an sich und hatte noch nie in ihrem Leben so schöne Träume gehabt. Denn sie hatte ihren neuen Freunden eine Seele geben können.

Am nächsten Tag wurde Da Mei in ihrer Schicht unterbrochen. Eine Wache tauchte plötzlich auf und zerrte sie in das Büro des Oberaufsehers. Ken-Shou wollte einschreiten. Er ballte seine Fäuste, aber Da Mei schüttelte energisch ihren Kopf. Sie wusste, was mit Kindern passiert, die revoltieren. Ken-Shou biss sich auf die Unterlippe und kämpfte darum, sich zu beherrschen. Er kam Da Meis stummer Aufforderung nur mit größter Mühe nach.
Sie wurde durch die große Werkshalle hindurch und die Treppe hinauf in den Raum des Oberaufsehers gezerrt, der durch seine mit Jalousien verhangene Fensterfront immer die gesamte Produktionshalle im Auge hatte. Sie wurde in den Stuhl vor seinem Schreibtisch gezwängt und die Tür hinter ihr zugeschlagen. Das Büro war dunkel und die Schreibtischlampe blendete sie. Der Mann hinter dem Tisch rauchte eine Zigarette. Das Büro stank dermaßen nach kalter Asche, als wenn diese Wesen hier den ganzen Tag nichts anderes machen würde, als diese Glimmstängel zu inhalieren.
„Da Mei, Arbeiterin 103 467.“ Da Mei erschrak vor der Stimme der Gestalt. Es war mehr ein Keuchen, ein Fiepsen, aber so kalt und bar jedweder Gefühle, dass sie dachte, ihr säße ein böser Dämon gegenüber… wer weiß.
„Da Mei, geht es dir hier nicht gut?“ Was bedeutete diese seltsame Frage?
„Doch, Herr Oberaufseher. Ja.“, sagte Da Mei unsicher.
„Bist du nicht zufrieden mit deiner Arbeit, der Unterkunft, die wir dir bieten, die Arbeit, die wir dir mit großer Mühe verschafft haben, mit deren Verdienst du dir später ein gutes Leben aufbauen kannst?!“, fragte die Stimme mit eiskalter Ironie. Seine Brillengläser reflektierten das Licht der Lampe. Da Mei dachte, sie blickte in die Augen des Teufels. Eine knochige Hand fuhr langsam über den Tisch und drückte die verrauchte Zigarette in einem überfüllten Aschenbecher aus. Das Gesicht des Dämons blieb im Dunkeln.
Da Meis Herz raste und sie krallte sich an ihren Oberschenkeln fest. Sie wurde beinah wahnsinnig vor Angst, denn allmählich dämmerte es ihr, um was es hier ging. Dann griff der Mann unter seinen Tisch und stellte ihre drei neuen Freunde auf den Tisch.               „UND WARUM BESTIEHLST DU UNS DANN?! Dieses Diebesgut wurde von einem der Aufseher beim Durchsuchen deiner Koje entdeckt!“, fauchte das Wesen aus dem Nebel, wie eine giftige Schlange.
„WACHE!“
Der Aufseher, der sie herbrachte, stieß die Tür auf, stapfte herein und salutierte.               „In den Kesselraum mit der kleinen Diebin. Kein Essen für drei Tage! Wollen wir doch einmal sehen, ob der Hunger diesem verkommenen Stück nicht zeigen kann, wie sich ein anständiger Mensch benimmt! WEG MIT IHR!“
„Aber…“, doch Da Mei blieb keine Möglichkeit, sich zu verteidigen. Der Aufseher zerrte sie hinaus. Durch ihre Tränen konnte sie nur noch einen letzten Blick auf ihre drei Freunde werfen. Aber auch wenn sie nur schwer in dem giftigen Nikotinnebel zu erkennen waren, hätte sie schwören können, dass das Krokodil ihr zuzwinkerte.

Da Mei weinte bitterlich. Zusammengekauert vergrub sie ihr Gesicht in ihrem Schoß und hoffte, dass ihre neuen Freunde, wenn nicht bei ihr, so doch wenigstens bei anderen Kindern unterkommen würden. Hauptsache, sie würden nicht in der stinkenden Hölle des Oberaufsehers bleiben müssen. Stunden vergingen. Da Mei wusste nicht, wie viele. Sie hatte Hunger und schrecklichen Durst. Heizrohre verliefen durch den dunklen Kesselraum und nur ein fahler Lichtschimmer wanderte unter der verschlossenen Tür hindurch. Immer wieder rief sie nach einem Aufseher, aber niemand antwortete ihr. Sie konnte nur das ständige Brummen des Generators hören, der es ihr unmöglich machte, wenigstens zu schlafen. Die Zeit verging. Sie war so müde und erschöpft. Ihr Bauch schmerzte vor Hunger und ihre Lippen waren trocken und spröde. Sie rief nach der Wache und schlug gegen die Tür, aber niemand antwortete ihr. Nur das ewige Brummen des Generators und die entsetzliche Hitze des Heizkessles waren ihre einzigen Begleiter.

24.12.2017 | 23:55: Das Büro des Oberaufsehers.

Die paffende Gestalt kauerte hinter ihrem Schreibtisch und ging die Produktionslisten der vergangenen Wochen durch. Sie gab darauf Acht, dass ihr Geifer nicht auf die Akten troff, als ihr die Zahlen auf den Papieren den Mund wässrig machten. Die Mundwinkel zogen sich von einem Ohr zum anderen, aber ihre Brauen waren zusammengekniffen. Das finstere Lächeln der Habgier. Das Wesen kauerte auf seinem Tron. Aber sehr bald würde es auf unangenehme Weise feststellen müssen, dass es dort nicht mehr alleine war.
In einem Papierkorb neben ihm, befanden sich drei kleine Stofftiere, die eine Metamorphose durchmachten. Anorganische Materie wandelte sich in Organische. Füllwatte entwickelte sich zu Muskelfasern. Baumwolle formte sich zu Schuppen und Plüsch zu Fell. Schnucklige Pfoten wurden mit Klauen und Krallen bestückt und formten sich zu willensstarken Fäusten. Drollige Knopfaugen fingen an zu blinzeln und sie waren… sehr, sehr ungehalten.
„Hier stinkts.“
Was war das? Der Oberaufseher hätte schwören können, dass er jemanden hatte sprechen hören.
„Reich mir doch mal deine Kralle.“
Noch eine Stimme? Den Kindern war das Sprechen während der Arbeit strikt untersagt. Er stand auf bewegte seinen dürren, ausgemergelten Körper zum Fenster und starrte durch die Jalousie.
„Mann, was für eine Räucherbude.“
„Billigster Tabak! Eklig!“
Der Oberaufseher hastete herum. Die Stimmen kamen aus seinem Büro! Haben sich etwa Kinder in sein Büro geschlichen? Aber die Stimmen waren viel zu tief.
„Wer ist da?!“, fragte er und versuchte seiner nicht vorhandenen Autorität vergeblich Ausdruck zu verleihen. Irgendetwas war hinter seinem Schreibtisch. Sein Bürostuhl wackelte hin und her.
„Der Stuhl ist gar nicht mal so unbequem.“
„Ja, wenn er nur nicht so nach alten Fürzen stinken würde!“
Ein schallendes, fieses Gelächter stieg hinter seinem Schreibtisch hervor. Langsam schritt er auf ihn zu, um die Übeltäter endlich zu entlarven.
„Ihr kleinen Mistkerle! Ich werde die Wachen rufen! Die werden euch nicht einsperren! Die werden euch nach draußen vor die Wand stellen und euch einfach ersch…“ Aber das letzte Wort blieb ihm im Halse stecken, als sein Blick auf seinen Bürostuhl fiel.               „Guten Abend, Meister. Na, stimmen die Zahlen, die du aus deinen Kindersklaven herauspresst?!“
Dem hageren Oberaufseher fiel die Kinnlade hinunter und sein sonst so keuchender Atem setzte aus. Seine Augen waren so weit aufgerissen, als wollten sie sich durch seine dicken Brillengläser hindurchpressen. Zwei kleine Geschöpfe fläzten sich in seinem Bürostuhl, nicht größer als ein Unterarm. Sie sahen so aus, wie diese Stofftiere, die er dem Mädchen abgenommen hatte. Aber nun hatten sie Fell und Hände und Füße. Sie waren immer noch eine Miniaturausgabe eines Löwen und eines Tigers, aber anders. Sie waren… lebendig.
„Nein, nein… Ich muss träumen. Ich muss eingeschlafen sein…“, stotterte der Aufseher und wankte zurück.
Mit einem schnellen Satz sprangen der Löwe und der Tiger auf den Tisch. Der Löwe trat seinen Kaffeebecher um und der Kaffee quoll über die Dokumente. Der Tiger schnappte sich einen spitzen Bleistift und brach ihn in der Mitte durch. Sie waren wie zwei Rowdies, die sich für eine Kneipenschlägerei wappneten.
„Also, Kumpel, wo ist unsere Freundin, Da Mei?“, knurrte der Löwe und in seinen Augen funkelte purer Hass.
Der Tiger bleckte kleine, aber rasiermesserscharfe Zähne und spitzte mit den Krallen seiner kleinen Pranke den Bleistift an. Der Oberaufseher konnte nicht darauf warten, endlich aufzuwachen. Er hastete herum und wollte aus dem Büro flüchten. Aber er erstarrte. Auf der Türklinke kauerte noch ein Wesen; mit dunkelgrünen Schuppen. Sein teuflisches Lächeln aus unzähligen, weißen gezackten Zähnen ließen nichts Gutes erahnen.

25.12.2017 | 0:01: It´s Christmas – Burn Baby, Burn!

Die Kinder stellten ihre Arbeiten ein und auch die Wachen blickten erschrocken in die Richtung des Büros des Oberaufsehers. Ein lauter, schriller, ununterbrochener Schrei durchschlug das Treiben der monotonen Arbeitsroutine wie eine Bombe. Als dann auch noch loderndes Feuer im Büro des Aufsehers aufflammte, spurtete eine Wache hinauf und stieß die Tür auf. Was er dort sah, sollte sich für den Rest seines kurzen Lebens auf seiner Netzhaut einbrennen. Eine Art Krokodilwesen hatte sich in Nase des Oberaufsehers festgebissen und er wirbelte von einer Ecke des Raums zur anderen, ohne es zu schaffen, dieses Ding aus seinem Gesicht zu entfernen. Auf dem Schreibtisch sah die Wache eine Tiger- und eine Löwengestalt hocken. Sie lachten und verhöhnten seinen Vorgesetzten und… tranken den Reisschnaps aus dem Flachmann, den sein Chef, so wusste er, in seiner obersten Schreibtischschublade versteckt hatte.
„Hey, Kleiner! Willkommen auf der Party!“, empfing ihn die Löwengestalt mit einem überspielten Lächeln und weit ausgestreckten Armen.
Dann sprang er mit einem übernatürlichen, schnellen und weiten Satz direkt in sein Gesicht und biss sich in seiner Nase Fest. Der Tiger prustete vor Lachen und der Reisschnaps floss ihm aus dem Mund und aus den Nasenlöchern. Die Wache torkelte zurück und fiel das fünf Meter hohe Geländer hinunter. Als die anderen Wachen das laute Knacken hörten, eilten sie ihrem gefallenen Kameraden zu Hilfe. Ein diabolisch grinsender Löwendämon empfing sie mit gezückten, messerscharfen Krallen. Sie setzten ihre Gewehre auf das Ding an. Es ging schnell.
„Jetzt mal Spaß beiseite.“, knurrte das Krokodilwesen in einer solch tiefen Stimme, dass seine Organe vibrieren ließ. Dann streichelte er mit einer einzigen scharfen Kralle seine Wange entlang.
„Wenn du mir nicht sofort sagst, wo die Kleine ist, lass ich dich deine eigenen Eingeweide essen. Wenn ich mit deinem Darm anfange, wird daraus ein amüsantes Perpetuum Mobile.“
„K-K-K-K-eller!“, stotterte der Aufseher, der aus dem Augenwinkel zusehen konnte, wie sein Büro langsam aber sicher abfackelte.
„Wo im Keller?“, fragte das Krokodil und bohrte eine Kralle in seine Wange.
„K-K-Keller!“
„Wo genau?“
„K-K-Keller.“
„Willst du mich verarschen?!“
Die Kralle durchbohrte die Wange. Der Aufseher schrie auf.
„Sag noch einmal Keller, du Arsch, und ich reiße dir die Ohren ab!“, warnte das Krokodil ihn.
„K-K-Keller.“, bibberte der Aufseher.

Die Kinder hatten sich in die Ecke der Fertigungshalle gedrängt und wussten nicht genau, was sie von all dem halten sollten. Sie waren verschreckt und hatten Angst. Vor ihnen stand eine kleine, blutverschmierte Tigergestalt, die gerade ihren Peinigern den Gar ausgemacht hatte.
„Wir sind hier, um euch rauszuholen. Habt keine Angst.“, sagte der Tiger mit sanfter, ehrlicher Stimme und nun gütigen Augen.
„Was seid ihr?“, fragte Ken-Shou, der sich mutig vor seine Freunde gestellt hatte, auch wenn ihm angst und bange war.
„Du meinst wer wir sind?“, der Tiger lächelte, „Wir sind eure Freunde. Wir sind Da Meis Beschützer. Du bist Ken-Shou, richtig? Kannst du mir helfen sie zu finden?“
Ken-Shou nickte und deutete seinen Freunden, dass alles in Ordnung sei. Es mussten gute Geister seien, die endlich ihre Gebete erhört hatten und sie nun befreien würden. „Meine werten Kollegen, der Löwe und das Krokodil werden euch gleich an den übrigen Wachen vorbei nach draußen begleiten und euch beschützen. Nehmt alles mit, was ihr für eine längere Reise braucht: Essen, Kleidung. Okay?“ Die Kinder nickten.
„Was habt ihr vor?“, fragte Ken-Shou.
„Wir befreien Da Mei und dann fackeln wir die Bude hier ab! Was hältst du davon?“ Ken-Shou lächelte.

Irgendwann war sie vor Erschöpfung in einen traumlosen Schlaf geglitten. Sie wusste nicht, wie viele Stunden sie geschlafen haben musste. Aber auf einmal rissen panische Schreie sie in die Wirklichkeit zurück. Da Mei schreckte auf. Sie hörte genauer hin und die Rufen wurden deutlicher. Sie schrien nur ein Wort: „FEUER!“ Da Mei wurde erst bewusst, wie erschöpft sie war, als sie zur Tür torkelte und mit ihren kleinen Fäusten versuchte laut dagegen zu schlagen, aber sie war zu schwach. Sie hatte zu lange weder getrunken oder gegessen.
„Hier muss es sein!“ Eine Stimme auf der anderen Seite der Tür.
„Ken-Shou?“ Da Mei hauchte seinen Namen, zu mehr hatte es nicht gereicht.               „Verdammt, abgeschlossen! Wie kommen wir rein?“, sagte die verzweifelte Stimme ihres Freundes von der anderen Seite.
„Lass mich mal.“ Noch eine Stimme. Eine tiefe, knurrende Stimme. War ein Mann bei ihrem Freund? Dann ein donnernder Schlag gegen die Tür. Immer und immer wieder. Da Mei wich zurück. Das Schloss zerbrach unter Wucht des Schlags. Da Mei hatte sich auf die andere Seite des Raums gekauerte und beobachtet, wie ein kleines Wesen zusammen mit der Tür in den Raum hineinfiel, ihren Flug gekonnt an der Wand abfederte und mit einem Salto auf dem Boden landete.
„Tadaaa!“, brüllte der Tiger und stand mit offenen Armen vor Da Mei, und erwartete wohl Applaus.
„Hu?!“, vergewisserte sich Da Mei, denn ihr Freund sah auf einmal ganz anders aus.
„Der und kein anderer, Prinzessin!“, sagte der Tiger.
„Komm, lass uns von diesem hässlichen Ort verschwinden!“
Da Mei sprang auf, nahm den Tiger und drückte ihn fest an sich. „Hu!“ „Hey, langsam Kleine! Du erdrückst mich noch. Außerdem musst du dir noch ein paar Streicheleinheiten für die anderen aufbewahren!“ „Sie sind auch lebendig?“, fragte Da Mei.
„Und wie! Sie haben gerade noch etwas… Spaß.“
Jetzt trat Shou-Ken in die Kesselraum und Da Mei fiel ihm auch in die Arme.

| 5.12.2017 | 0:43:
 Irgendwo am Rande einer chinesischen Provinz.

„Was ist mit den anderen Stofftieren? Warum sind sie nicht lebendig geworden?“, fragte Da Mei, als sie vom großen Hügel hinab auf die brennende Fabrik schaute.
Die Kinder hatten sich mit ihrem wenigen Hab und Gut hinter Da Mei, Ken-Shou und den drei Tiergeistern aufgereiht und betrachteten mit tiefer Erleichterung und Zufriedenheit, wie die Hölle, der sie nie wieder zu entkommen glaubten, bis auf die Grundmauern niederbrannte.
„Nein, Da Mei. Du hast unsere alten Seelen gerufen und wir sind in dieser Gestalt erschienen.“, sagte das Krokodil.
„Aber wie? Und was hängt da zwischen deinen Zähen heraus?“, fragte Ken-Shou neugierig. Peinlich berührt pulte sich das Krokodil mit seiner Kralle den Rest eines Ohrlappens aus den Zähnen.
„Das ist eine andere Geschichte. Aber die können wir euch während der Fahrt erzählen.“ „Welche Fahrt?“, fragte Da Mei.
Und wie aufs Stichwort tauchten am Nachthimmel Lichter auf und ein großes, schwebendes Gefährt landete auf dem Hügel vor den Kindern, die verängstigt einige Schritte zurückwichen.
„Keine Angst, Leute! Es sind Freunde!“, beruhigte sie der Löwe.
Es war ein gigantischer, schwarzer Metallschlitten in schwarz, rot und weiß. Die Luke des Cockpits öffnete sich und ein Bein, zumindest sah es danach aus, trat heraus. Nur statt Schuhen oder Stiefeln waren Hufe an dessen Ende. Das Wesen verließ den Schlitten, blickte die Kinder an und nahm seine Sonnenbrille ab. Auf dem Kopf trug es eine rot-weiße Zipfelmütze, aus der ein Geweih herausragte und unter der Mütze lugten seine pelzigen Ohren hervor.
„Ein Zauberhirsch!“, tönte es aus Da Mei heraus.
Die großen, schwarzen Augen des Wesens richteten sich auf sie und es kniff sie zusammen.
„Nun mach mal halblang, Mädel. Ich bin ein Rentier. Rudolph ist mein Name. Aber meine Freunde nennen mich einfach Rud.“
Er streckte ihr die behandschuhte Pranke entgegen. Das Zwitterwesen hatte, wie der Tiger, der Löwe und das Krokodil, eine Gestalt, die aufrecht ging und Hände statt Hufe hatte. Seine Miene hatte zwar starke Züge eines Tieres, aber es hatte auch ein Gesicht, mit dem es sich hervorragend artikulieren und ein herzliches Lächeln von sich geben konnte.
„Wir bringen euch in Sicherheit und werden dafür sorgen, dass es euch von jetzt an gut geht und euch niemand mehr wehtut, einverstanden?“
Da Mei schüttelte seine große Hand. „Einverstanden.“, sagte sie. Rud kramte ein Handy aus seiner Jackentasche und wählte eine Nummer.
„Blitzen, wir brauchen noch die anderen Limos. Es sind doch mehr Kinder, als wir dachten.“
Da Mei, Ken-Shou, der Löwe, das Krokodil und der Tiger hatten es sich in dem großen Hoverschlitten von Rud bequem gemacht. Da Mei blickte aus dem Fenster zur brennenden Fabrik hinunter und bestaunte, wie das Flammenmeer die Nacht erhellte. In der Ferne sah sie Feuerwehren heranfahren.
„Yeaaah, burn baby, burn!“, klaffte das Krokodil fröhlich auf Da Meis Schulter und klatschte in seine kleinen Pranken.

25.12.2017 | 03:00: Der Nordpol.

„Schön, dich wieder bei uns zu haben, Boss. Wir haben dich alle sehr vermisst.“
„Es ist auch verdammt schön, wieder hier zu sein, Krampus. Wie geht’s den Elfen?“
„Sie sind dabei deine alte Hütte wieder in Stand zu bringen.“
Der alte, rüstige Mann mit buschigem, grauen Bart stellte sich vor das Fenster seines Wohnzimmers und blickte in die eisige Wüste des Nordens hinaus. Seine Augen waren finster und voller Wut.
„Ich danke dir, dass du mich aus deren Gefängnis befreit hast, alter Freund.“, sagte der alte mit seiner tiefen, warmen Stimme.
„Es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat. Die Gesellschafter von Mattel, Lego und Hasbro hatten dich gut versteckt. Ohne die Elfen hätte ich noch Jahre gebraucht, bis ich dich gefunden hätte.“
„Wie viele solcher Fabriken wurden in meiner Abwesenheit gebaut?“
„Hunderte. Auf dem ganzen Globus verteilt.“
Zorn brannte im Herzen des Alten und seine Fäuste ballten sich.
„Hast du Nachricht von Guanyin erhalten? Wie ist die Operation gelaufen?“ Krampus lächelte.
„Guanyin hat den Löwen, den Tiger und das Krokodil aktiviert. Rud und die anderen holen sie gerade ab.“ Der Alte nickte zufrieden.
„Sie soll die anderen auch aktivieren, Krampus. Wir holen uns unser Weihnachten wieder zurück!“
„Wird erledigt, Boss!“
Zufrieden verließ Krampus das Wohnzimmer des Alten und als er die Tür hinter sich schloss vernahm das Lachen, das er seit über hundert Jahren nicht mehr gehört hatte.
„Ho, ho, ho! Frohe Weihnachten!“

 

THE END

 

 

Und das wünschen Jester und ich euch natürlich auch:

FROHE WEIHNACHTEN!!!

4 Kommentare zu „„A Little Christmas Carol – or: Santa’s Revenge“

    1. Vielen lieben Dank! Doch genau so hatte es sich zu Weihnachten zugetragen. Der alte Jester hatte zu dem Vorfall zahlreiche Zeugin interviewt: Wachen, Fabrikarbeiter, Kinder, Feuerwehrleute etc. Ich habe die Geschichte lediglich nach seinem Bericht hin aufgeschrieben;)

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