404 – DEAD LINK: KAPITEL XIV

| Kapitel XIV:
Die Wege trennen sich |

„Die Nächte hier sind wunderschön, findest du nicht?“, flüsterte Dean.
Sie standen Arm in Arm auf der Veranda des Gebäudes und blickten hinauf zu den Sternen, die ihnen in dieser kalten, klaren Nacht zeigen konnten, wie winzig sie selbst und wie majestätisch groß das Universum war. Julia konnte es immer noch nicht glauben. Sie war wieder mit ihrem Mann vereint. Sie hatten einander wieder. Drei Jahre vergingen wie eine Ewigkeit. Aber was bedeutete die Zeit schon für einen einzelnen Menschen? Nicht nur die weite Unendlichkeit dieses Universums blickte gerade spöttisch auf sie hinab – nein, es gab noch ein weiteres Universum, das ihrem ganz ähnlich war. Eines mit einer weiteren Erde, die erpicht darauf war, ihren eigenen, kleinen, blauen Planeten zu zerstören. Und wie viele parallele Welten gab es wohl noch? Ihr wurde schwindlig bei diesen Gedanken und über das Ausmaß dieser Tatsache. Sie wandte den Blick vom Himmel ab, drehte sich um und sah Dean tief in die Augen. Dean konnte ihre Gedanken lesen. So, wie er es früher schon immer getan hatte. Auf seine ganz eigene subtile, menschliche Art. Dafür brauchte er keine telepathischen Fähigkeiten, wie sie fiese Agenten einer anderen Welt besitzen, um Informationen aus ihnen herauszupressen.
„Größe bedeutet nichts.“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Du weißt, dass ich nie ein großer Philosoph war, aber all das, was ich in den letzten Jahren erlebt habe, brachte mich dann und wann zum Grübeln.“
„Was meinst du?“, fragte sie ihn und streichelte über seine Hände.
„Unsere Wissenschaftler sagen, dass es gut möglich ist, dass es unendlich viele Universen gibt und alle ähnlich miteinander verbunden sind, wie unsere Welt mit der Baxters. Wie oft fragen sich die Menschen, wohin mit uns allen? Gibt es genug Platz und Ressourcen für alle? Und dann, auf einmal, passiert so etwas. Wir sind gerade dabei, die Probleme auf unserem eigenen Planeten in den Griff zu bekommen – oder auch nicht – und dann taucht eine imperialistische Regierung einer anderen Welt auf und will uns alle vernichten. Ich weiß, es kommt einem irgendwie bekannt vor und klingt nach einem unendlichen Spiel. Und nach all dem, was wir in unserer eigenen Welt so alles anstellen, fragt man sich irgendwann, ob sich das kämpfen überhaupt lohnt.“
„Und zu welchem Schluss bist du gekommen?“
Dean lächelte und drückte ihre Hände fest an seine Brust.
„Natürlich ist unsere Welt es wert darum zu kämpfen… und noch mehr. Man braucht nur manchmal jemanden, der einen daran erinnert.“
Sie küssten sich, doch waren Julias Gedanken woanders. Auch wenn sie es für egoistisch hielt, brannte eine Frage in ihrer Seele, die hinauswollte. Dean spürte es.
„Und wo drückt bei dir das Schühchen?“, fragte er neckisch, aber Julias blieb ernst.
„Wieso bist du einfach gegangen? Warum hast du mich nicht mitgenommen oder mir zumindest die Wahrheit gesagt? Wir hätten einen Weg gefunden, diese Sache gemeinsam anzugehen.“
Eine tiefe Traurigkeit lag in ihrer Stimme. Eine Traurigkeit, die Dean nie zuvor bei seiner Frau wahrgenommen hatte. Drei Jahre waren vergangen seit er sie das letzte Mal gesehen hatte. Sie hatte sich verändert. Dean würde sich das nie verzeihen können. Es hatte sein Herz zerrissen, sie zurückzulassen. Hatte er eine andere Wahl? In ihrem Blick lag eine Müdigkeit und Leere, die er sonst in den Gesichtern der Menschen gesehen hatte, denen er im Krieg begegnet war. Dean fasste zärtlich ihr Kinn und hob ihren Kopf. Sie sollte wieder in seine Augen sehen.
„Nichts wollte ich mehr. Glaube mir. Aber ich hätte dich, unsere Familie und Freunde und alle, die uns kannten, in Gefahr gebracht. Es tut mir so leid. Es gab keine andere Möglichkeit. Es war einfach viel zu riskant. Ich bitte dich nicht darum, mir zu verzeihen. Ich bitte dich darum, mich zu verstehen.“
„Was ist geschehen?“
Dean drehte sich um und blickte zu den Sternen hinauf, als wären seine Erinnerungen irgendwo dort oben in einem kosmischen Speicher abgelegt.
„Patricia Clark. Alles fing mit ihr an. Als sie damals zu mir kam, bat sie mich darum, sie in einer Klage gegen einen Konzern zu vertreten, der Sicherheitsequipment für Reaktoren herstellt und vertreibt. Sie hatte in dem Kraftwerk in Fukushima gearbeitet, bevor es von dem Beben zerstört wurde. Ich sah mir ihren Fall an und ging mit ihr die Einzelheiten durch. Es gab dort so viele Ungereimtheiten, dass man keinen besonders guten Riecher brauchte, um zu wissen, dass der Fall nur so nach Betrug stank. Ich nahm ihren Fall an.“ Dean atmete die kühle und klare Nachtluft tief ein. Sie reinigte seinen zermürbten Geist. Er küsste Julia sanft auf die Stirn.
„Während meiner Ermittlungen fand ich heraus, dass Patricia mir nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte. Ich habe weitere Nachforschungen angestellt und im Laufe der Ermittlungen war auf viele weitere Ungereimtheiten gestoßen. Meine Kontakte aus der Army waren auch sehr nützlich. Schließlich erzählte Julia mir alles.“ Die Erinnerung zwang Dean ein Lächeln ab.
„Ich habe ihr natürlich kein Wort geglaubt. Ich dachte, sie hätte nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ Er machte eine Pause und wandte sich wieder an Julia.
„Dann machte sie mich mit dem alten Rocker bekannt. Pater Graham. Er erzählte mir dieselbe Geschichte und zeigte mir seine Beweise. Ich fing an, ihnen zu glauben. Graham war es, der mich davor warnte, wenn ich weitermachen würde, könnte mich das mein Leben kosten.“ Er ging wieder auf Julia zu und umschloss ihre Hände.
„Er hatte mich gewarnt. Es war meine Entscheidung, weiter zu machen. Es war meine Schuld. Ich hatte mich für das Netzwerk entschieden und euch… und dich zurückgelassen.“ Er blickte traurig und verschämt zu Boden. Dann drehte er sich wieder um und donnerte seine Faust gegen das Geländer des Balkons.
„Und Baxter! Wer hätte ahnen können, dass er Agent ist?! Er war hoffentlich die einzige Bruchstelle, sonst fällt unser ganzes Kartenhaus zusammen. Wir haben nur diese eine Chance!“
Diesmal fasste Julia sein Kinn und hob seinen Kopf hoch, bis er ihr wieder in die Augen sah. Sie lächelte. Und die Trauer und Wut waren einer warmen Güte gewichen, die sich um Dean legte, wie ein wärmender Mantel.
„Dafür verwenden wir jetzt Baxter gegen sie. Wir drehen den Spieß um. Wir werden es schaffen.“ Sie lächelte. „Und dann müssen wir uns eine Geschichte für Mom und Dad ausdenken, warum du so lange weg warst.“
„Dein Dad wird mich lynchen.“
„Um ihn solltest du dir Sorgen machen und nicht um diesen lächerlichen interdimensionalen Krieg!“

„Hi Reverend! Wenn sie kurz Zeit hätten… meine Frau und ich würden gerne unser Ehegelübde erneuern.“, scherzte Dean.
Graham lehnte aufrecht in seinem Bett. Er sah mitgenommen, aber lebendig aus.
„Wie wäre es, wenn wir das im großen Stil machen? Auf Hawaii… mit einer riesen Sause?“, sagte Graham hustete ein Lachen von sich und hielt sich dann mit schmerzverzerrtem Gesicht die malträtierte Seite. Julia ging zu ihm und fasste seine Hand.
„Konnte Terry dich schon in seinen genialen Plan einweihen?“, fragte sie.
„Ja, das konnte er. Ich bin nicht überzeugt davon, ob das so funktionieren wird und wünschte mir eine Alternative mit etwas mehr Wumms oder zumindest einen Plan B… Aber es ist wohl die einzige Möglichkeit.“, sagte Graham enttäuscht. „Die Zeit arbeitet gegen uns.“
„Hältst du das durch?“, fragte Dean.
Graham feuerte Blitze in Deans Richtung. Dean wünschte sich sofort, er hätte sich die Bemerkung gespart.
„Diese kleine Fleischwunde hält einen Padre nicht so leicht auf, mein Sohn. Denn ich habe die beste Rückendeckung, die man sich nur wünschen kann. Mach dir lieber Sorgen um deine eigene Mission und dann sehen wir uns alle auf Hawaii wieder. Ich werde das schon schaffen.“
„Aber nicht allein.“
Nick trat durch die Tür. Er hatte sich ein anderes Outfit zugelegt. Er trug nun dieselbe Funktionskleidung, wie die anderen im Camp. Julia war aufgefallen, wie sehr er sich seit Beginn ihrer Reise verändert hatte. Aus dem flachsigen Jungen war ein zielstrebiger Mann mit Verantwortung geworden, auf den man sich verlassen konnte und der für einen einstand.
„Was meinst du damit, Junge?“, fragte ihn Graham.
„Das bedeutet, dass ich dein persönlicher Hiwi bin. Finde dich damit ab!“
Graham war erstaunt über die Courage seines neuen, jungen Freundes und nahm sie mit einem anerkennenden Nicken entgegen.
„Na wenn das so ist, versuchen wir alle noch ein paar Stunden zu schlafen. Morgen um 0600 geht es dann los.“, sagte Dean.
Nick blickte ihn fragend wie ein Welpe an.
„Um sechs Uhr morgen früh schmeiße ich dich aus dem Bett!“, sagte Dean.

Zuerst dachte Julia, sie würde auf keinen Fall ein Auge zu machen. Nicht mit dem Wissen darüber, was sie am nächsten Tag erwarten würde. Und auch mit ihrem tot geglaubten Mann an ihrer Seite, mit dem sie nun endlich wieder vereint war, konnte sie auch nicht eine Sekunde an Schlaf denken. Aber ihr Körper und ihr Geist waren zu erschöpft und bezwangen ihre Unruhe. Sie spürte Deans Atem in ihrem Nacken. Seine Arme hatten sie umschlungen und das Treiben im Hauptquartier des Netzwerks wurde für sie leiser, bis ihr Bewusstsein in eine behagliche Stille eintauchte und sie langsam auf dem Rhythmus von Deans Herzschlag davonglitt.

Es war geschafft. Vorbei. Sie atmeten die herrlich salzige Meeresluft, die durch die strahlend blaue Lagune wehte. Julia schloss ihre Augen und badete ihr Gesicht in der warmen Sommersonne. Dabei tanzte sie zu den exotischen Rhythmen und Melodien der Band, die sich auf einer kleinen, improvisierten Bühne am Strand aufgebaut hatte. Ihre Freunde von der Arbeit und aus der Zeit an der Uni waren da und bereits gut dabei. Sogar Timothy Higgins, ein alter Freund, mit dem Julia bereits zur Grundschule gegangen war, war dabei und führte den Limbo Wettbewerb an. Ihre ganze Familie war angereist und alle vergnügten sich prächtig. Dean drückte ihr einen Kuss auf den Hals und einen weiteren Drink in die Hand. Es war ein perfekter Tag. Doch es schob sich eine dunkle Wolke vor den blauen Himmel. Am Strand bemerkte Julia eine Person fernab der anderen Partygäste. Julia schärfte ihren Blick, um die reglose Gestalt in der Bucht zu erkennen. Langsam näherte sie sich ihr. Die Musik und das Treiben um sie herum verstummte und der Himmel nahm eine unheimliche orange-rote Färbung an. Jetzt erkennte sie den Mann, der sie mit einem dämonischen Lachen verhöhnte. Es war Baxter. Julia schrie, aber kein Laut drang aus ihrer Kehle. Stattdessen sah sie, wie die Wolken aufbrachen und sich durch den feuerroten Himmel ein giftgrünes Licht seinen Weg kämpfte. Es breitete sich aus und Baxters gemeines Lachen wurde lauter und lauter. Julia drehte sich um. Sie konnte zusehen, wie das brennende, gleißende Licht ihre Freunde und ihre Familie einhüllte und sie alle vor Schmerz aufschrien. Die Haut begann sich von ihren Körpern zu lösen, als würden sie mit Säure übergossen. Dean stolperte auf sie zu und streckte seine Arme nach ihr aus. Julia lief ihm entgegen und spürte, wie sich das Fleisch auch von ihren Knochen löste. Die Menschen fingen an sich zu übergeben und erbrachen dunkelrote, schleimige Klumpen, die einmal ihre Eingeweide gewesen waren. Dann fielen sie leblos zu Boden. Die Palmen, Sträucher, Boote und Häuser am Strand fielen in sich zusammen. Baxters Lachen donnerte durch die Bucht wie explodierende Bomben. Julia fasste Deans Hand und dann zerfielen sie zu Asche.

Julia schrie und schlug wild um sich. Sie zitterte am ganzen Körper. Weit aufgerissen starrten ihre Augen ins Leere und ihr T-Shirt war mit kaltem Schweiß durchtränkt. Als Dean ihr seine Hand auf ihre Schulter legte, fuhr sie erschrocken zurück. Dann erst merkte sie, dass es nur ein Traum gewesen war. Nur ein schrecklicher Alptraum.
„Julia, Liebling. Du hast geträumt. Ganz ruhig. Es war nur ein Alptraum.“
Julia konnte sich wieder fangen und vergrub ihr Gesicht in den Händen.
„Mein Gott, Dean.“, flüsterte sie. „Es war so schrecklich. Wir müssen das verhindern!“
„Das werden wir, Liebling. Das werden wir. Alles wieder in Ordnung?“
Julia rieb sich die Augen und versuchte die Bilder des Traums aus ihrer Erinnerung zu bannen.
„Ja, es geht wieder. Wie spät ist es?“
„Kurz vor fünf. Wir müssen bald los.“
Sie blickte Dean tief in die Augen, lächelte und drückte fest seine Hand.
Um 6.30 Uhr waren sämtliche Teams einsatz- und abfahrbereit. Graham und Nick standen Julia, Dean und Graham gegenüber. Sie umarmten einander und gaben sich die Hände.
„Wir sehen und in zwei Tagen wieder, Kleiner. Und dann wird gefeiert!“, sagte Julia und drückte Nick ein letztes Mal fest an sich.
Zweifel und Sorgen nagten an ihrem Gewissen. Was hatte denn Nick mit all dem zu tun? Warum konnte er nicht einfach nach Hause gehen? Weil es für ihn und für alle anderen bald kein Zuhause mehr geben wird, sollten sie versagen. Und es war seine eigene, freie Entscheidung, die sie respektieren musste.
Nick seinerseits freute sich natürlich für Julia und Dean. Trotzdem musste er sich auch eingestehen, dass er während ihrer Zusammenarbeit mehr Gefühle für sie entwickelt hatte, als nur Freundschaft und es ihm jetzt unglaublich schwerfiel, sie auf der letzten Etappe nicht begleiten zu können.
„Pass auf dich auf!“, sagte Nick und löste sich aus ihrer Umarmung. Er unterdrückte erfolglos eine Träne und auch Julia schluckte schwer.
Dean, Terry und Graham hatten sich bereits ausgesprochen und wünschten sich noch einmal gutes Gelingen. Dann gingen beide Teams zu ihren jeweiligen Gruppen in unterschiedlichste Autos und Trucks und fuhren los. Grahams Team, zusammen mit Terry und Nick fuhren Richtung Norden, während sich Dean und Julias Gruppe nach Süden aufmachten. Das Endspiel hatte begonnen.

 

 

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