404 – DEAD LINK: KAPITEL XV

| Kapitel XV – ENDGAME |

 

Terry, Graham und Nick fuhren mit einem Teil ihres Konvoys Richtung Norden. Ihr Ziel war Alaska. Um sich ihrem Bestimmungsort so unauffällig wie möglich zu nähern, hatte sich ihr Team aufgeteilt. Nun fuhren sie eine einsame, alte und verschneite Straße entlang. Das letzte kleine Städtchen hatten sie bereits vor zwei Stunden hinter sich gelassen. Bad Moon Rising schallte in einer ohrenbetäubenden Lautstärke durch den Pickup.
„Wir hören jetzt seit Stunden diesen Kram aus dem letzten Jahrhundert.“, beschwerte sich Nick.
„Können wir nicht mal etwas hören, dass zumindest aus diesem Jahrtausend stammt?“
„Das sind CCR!“, tönte Graham voll Stolz.
„Wer?“, fragte Nick.
„Creedance Clearwater Revival.“, knirschte Graham zurück.
„Hätte ich nicht wenigstens meinen MP3-Player mitnehmen können? Ich meine, das Ding sendet doch nichts.“
„Glaubst du?!“, warnte Terry den jungen Rekruten der Resistance.
Nick wusste die ironische Frage zu deuten und war wieder einmal überrascht, wie unheimlich verwanzt seine ganze Welt doch war.       „Und wie weit ist es noch?“, fragte Nick.
Graham verdrehte die Augen.
„Hast du Hunger? Musst du vielleicht mal aufs Klo? Ist dir kalt?“
Ja, alles drei stimmte, aber Nick konnte sich nicht die Blöße geben, diese gehässige Frage mit einem Ja zu beantworten. Ihm war obendrein bereits unwohl genug bei dem Gedanken auf einer holprigen und vereisten Landstraße in einem verrosteten Pickup zu fahren, mit genügen Sprengstoff auf dem Lader um halb Alaska ins Weltall zu schießen.
„Sonst alles klar bei dir dort hinten, Nick?“
Terry war ironischerweise wesentlich einfühlender als der Priester. Aber vielleicht lag es daran, dass er auch entschieden weniger von der Welt gesehen hatte und ihm das Fehlen eines gutbürgerlichen Komforts und der Sicherheit noch eher etwas sagen konnte. Terry, so bedauerlich er es auch manchmal empfunden hatte, interpretierte seine Welt meist mit seinen Formeln, Geräten und Theorien. Er war der Typ Professor, den Nick vom Campus kannte, wie er von einer ganz eigenen Welt faselte, die so gar nichts mit Deans oder der seiner Freunde zu tun hatte.
„Ich fühle mich nur ein wenig unwohl bei dem Gedanken unter deren Radar ihre Basis zu stürmen, sie mit TNT und Plastiksprengstoff vollzustopfen und dann den Road Runner zu spielen. Ich fühle mich eher wie der Kojote. Du weißt doch, was mit dem Kojoten passiert, wenn er mit TNT spielt?“
„Oh ja, das weiß ich noch. Aber wir sind doch vielleicht ein wenig schlauer als der Kojote.“, sagte Terry, aber seine Worte wirkten dennoch nicht allzu beruhigend auf Nick.
Nick wusste, dass diese holprige Fahrt mit dem Pickup erst der Anfang einer unbequemen Reise sein würde. An der nördlichen Küste von Britisch-Kolumbien würden sie in ein Boot umsteigen und hinüber zu den Rat Islands fahren. Das Ziel war Amchitka, eine vulkanische Insel, auf der in den 1960er Jahren unterirdische Atomtests durchgeführt worden waren – zumindest offiziell. In Wirklichkeit hatte die Pararegierung zu dieser Zeit bereits die Kommandostellen zahlreicher Regierungen besetzt und die amerikanischen und sowjetischen Atomtests dienten geostrategisch der Errichtung von Portalen zwischen dieser und ihrer Welt. Das Netzwerk, oder der Wiederstand, hatte sich nun auf der ganzen Welt organisiert, um diese Portale auf einen Schlag zu zerstören. Das Schicksal der Welt hing von ihrem Gelingen ab. Nicks Magen verkrampfte sich bei diesem Gedanken und ihm wurde schwindlig. Er musste sich zusammenreißen. Graham nicht die Blöße geben. Aber er schaffte es nicht.
„Scheiße Graham, halt bitte an. Ich glaube ich muss kotzen!“
Graham sah Nicks kalkweißes Gesicht im Rückspiegel und wusste, dass Nick es ernst meinte. Er fuhr rechts ran, Nick sprang aus dem Pickup und übergab sich am Straßenrand. Sein Erbrochenes dampfte in der Kälte.
„Wir hätten ihn nicht mitnehmen sollen. Das Beste ist, wenn wir ihn am nächsten Motel rauswerfen.“, sagte Graham mit ehrlichem Bedauern. Terry stimmte ihm mit einem tiefen Seufzer zu.
„Es geht schon wieder. Alles gut.“, sagte Nick mit schwacher Stimme und hievte sich wieder in den Pickup. Der Konvoi fuhr weiter. Nick war Grahams Bemerkung nicht entgangen. Er wusste selbst nicht, ob seine Nerven diesen Kampf durchhalten würden. Also schwieg er.

„Alle Portale sind miteinander verbunden. Aber das erste, das die Anderen hier in dieser Welt installiert haben, ist eine Art Knotenpunkt. Die Achse, um die sich alles dreht.“, erklärte Dean.      Sie überflogen gerade mit ihrem Flugzeug den Salmon-Chaliis National Forest in Idaho. Dean steuerte eine Cessna im Tiefflug Richtung Nye County, Nevada. Sie würden in der Nähe des Great Salt Lakes landen und von dort mit einem bereitgestellten Transporter weiterfahren.
„Es wird nicht einfach werden, sich dem Testgelände zu nähern. Es ist immer noch ein aktueller Stützpunkt der Air Force. Unsere V-Leute beim Stützpunkt haben hoffentlich ordentlich gearbeitet, so dass wir durch das Sicherheitssystem gelangen.“
„Was ist mit Baxter? Bist du sicher, dass er den Köder schlucken wird?“, fragte Julia ihren Mann unsicher.
„Baxter weiß nicht, wie stark und wie gut organisiert das Netzwerk ist. Er denkt, er hätte es hier nur mit einigen Rebellen zu tun, deren Gehirne er mit den Zaubertricks aus seiner Welt manipulieren kann. Dass wir den Spieß umgedreht haben und er im Dunkeln tappt, verschafft uns den Vorteil, den wir brauchen, um die Achillesferse der Pararegierung zu treffen. Wir werden ihr die Ferse mitsamt ihrem gottverdammten Bein rausreißen.“
„Danke für die lebhafte Metapher.“, sagte Julia und rieb sich ihre müden Augen. Dean reichte ihr mit einem überspielt fiesen Grinsen einen Kaffeebecher.
„Wir sind bald da. Ich lande diese alte Mühle, dann tarnen wir sie mit dem Netz. Es muss schnell gehen. Das wird kein Spaziergang.“, sagte Dean.
„Du hast immer diesen Bootcamp Duktus in deiner Stimme, wenn es ernst wird. Das hat bestimmt seine Wirkung erzielt bei den Kids, die du damals ausgebildet hast. Aber versuche bitte normal mit mir zu sprechen – ich bin es und du machst dich lächerlich.“
„Tut mir leid. Alte Angewohnheit.“ Dean zog aus einer Umhängetasche, die neben seinem Sitz stand, ein Kuvert heraus und reichte es Julia. „Um Punkt null Uhr gehen für Baxter und seine Jungs weltweit die Lichter aus. Bis dahin müssen wir das Virus in ihr System eingeschleust und die Sprengladungen angebracht haben. Dann macht es Wumms, wie es Graham so schön formulierte.“
„Und ihr seid euch sicher, dass ich euch nicht wieder versehentlich verrate. Ich meine, Baxter hat sich schon einmal in meinen Verstand eingeschlichen.“
„Keine Angst. Du warst und bist bei weitem nicht die einzige, bei der sie ihre Psychotricks angewendet haben. Viele vom Netzwerk sind über die Jahre manipuliert worden. Wir haben uns gefragt, wie sie es immer wieder geschafft haben, uns aufzuspüren, trotz wir uns oft völlig von jeder Technik abgekoppelt hatten und sozusagen aus der Steinzeit herausoperierten. Erst als die Betroffenen begannen, von ihren Alpträumen zu berichten, kamen wir darauf, dass die anderen offensichtlich über eine Art Telepathie verfügen, mit der sie uns abhören und verfolgen konnten. Unsere Forscher und Ärzte haben nach vielen Beobachtungen und Experimenten dann ein Serum einwickelt, dass diesen Gedankenangriffen von außen zumindest im Ansatz entgegenwirkt.“
„Letzte Nacht, nachdem wir unseren Plan besprochen haben, hatte ich wieder einen Alptraum.“, sagte Julia nervös. Aber sie bemerkte auch Deans Gesicht, das dem eines kleinen Jungen ähnelte, der etwas Verbotenes angestellte hatte.
„Dean?!“
„Ich habe dir etwas verabreicht… Sorry. Der Clou an der Sache ist, dass wir deinen Schlaf erst einmal beobachten mussten, damit wir sichergehen konnten, dass es wirkt.“
„Aber der Plan! Ihr habt mir vorher doch den Plan erklärt! Wenn das Serum jetzt nicht gewirkt hat, ist die ganze Operation gefährdet!“
Dean seufzte und stellte sich auf eine Erklärung ein, aber dann hörte er etwas Verdächtiges in der Nähe und suchte konzentriert den Himmel ab.
„Dean! Was geht hier vor? Was…“
Aber Julia konnte den Satz nicht beenden. Etwas Schweres hatte die Maschine auf einmal mit einem donnernden Knall getroffen und sie wurde halb aus ihrem Sitz geschleudert.
„Verdammt! Schnall dich an. Wir müssen runter!“, schrie Dean und drückte den Steuerknüppel mit aller Kraft nach vorn. Julia sah den Horizont verschwinden und ihr Magen rutschte ihr in die Knie.
„Was war das?“
„Eine Drohne. Sie feuert auf uns!“
Julia klammerte sich am Sitz fest. Der linke Propeller gab ein röchelndes Husten von sich und zog eine schwarze Rauchwolke hinter sich her. Die Ebene kam immer näher. Das Flugzeug ging viel zu steil runter. Das konnten sie nicht überleben. Julia klammerte sich an ihrem Sitz fest und schrie sich die Kehle aus dem Hals, bis Dean die Nasenspitze des Flugzeugs wieder heraufriss, bevor sie in den Boden zu krachen drohten.
Die harte Landung warf Julia trotz des Gurtes fast aus dem Sitz. Sie wurde hochgeschleudert und ihr Kopf stieß unter die Decke. Das Flugzeug raste über die raue Steppe. Eine einzige Buckelpiste. Julia hörte, wie die Radaufhängung nach Erlösung schrie, bis sie schließlich unter einem metallischen Knirschen brach und das Flugzeug in einer scharfen Drehung zum Erliegen kam.
„Komm, wir müssen hier so schnell wie möglich raus!“, schrie Dean sie an.
Er hatte seinen Gurt bereits geöffnet und half Julia aus ihrem Sitz. Sie fühlte sich taub und benommen, konnte sich aber zusammenreißen. Die beiden griffen die Taschen und Rucksäcke und sprangen aus dem Flugzeug. Ein Surren ertönte über ihnen.
„Lauf!“, bellte Dean, fasste ihren Arm und sie sprinteten in Richtung eines naheliegenden Walds.
Eine Explosion warf sie mit einem Schlag zu Boden. Julia spürte eine enorme Hitzewelle. Sie blieb auf dem Boden liegen. Alles um sie herum war heruntergedreht, als wäre ihr Kopf mit Watte ausgestopft. Dean packte sich grob am Arm, zog sie auf die Beine und schrie etwas, aber sie konnte ihn nicht hören. Alles drehte sich, alles war verschwommen. Dann eine weitere Explosion. Ein stumpfes, metallenes Bruchstück des Flugzeugs prallte gegen Deans Kopf und er fiel zu Boden.

„Das könnt ihr nicht machen! Nach allem, was ich mitgemacht habe, habe ich nicht nur bewiesen, dass ich helfen kann, sondern dass ich es auch verdient habe dabei zu sein! Graham, verflucht! Ich habe deinen runzeligen Hintern aus Baxters Festung der Einsamkeit hinausgeschleppt, während mir die Kugeln um die Ohren flogen!“
Nick war außer sich. Als Graham und Terry ihm vor dem Boot mitgeteilt hatten, dass es besser für ihn und die Mission wäre, wenn er sich heraushielte und in einem Motel abwarten solle, bis alles vorbei sei, geriet er in Rage.
Die Männer des Trupps hatten die Ausrüstung bereits aus den Trucks in das Boot verladen und waren bereit zur Abfahrt.
„Junge, das hier ist ein One-Way Ticket. Ich möchte und werde dich nicht auf dem Gewissen haben. Unser Entschluss steht fest. Zwing mich nicht, dich auszuknocken! Es tut mir leid.“
Graham meinte es wortwörtlich und Nick wusste das. Wütend trat er gegen den morschen Zaun des Anlegestegs und unterdrückte einen Schrei. Terry fasste tröstend und zum Abschied seinen Arm und steckte ihm noch zweihundert Dollar in die Jackentasche. Dann gingen Graham und er an Bord und ließen Nick in der verschneiten Nacht an einem Hafen vor der Grenze zu Alaska zurück.

„Uhm, mein Schädel!“, stöhnte Dean.
Er fühlte sich wie in Trance, denn die Welt wippte in einem sanften Rhythmus hin und her. Über ihn flog grünes Blattwerk im stillen Rascheln hinweg und Sonnenstrahlen flackerten durch sie hindurch. Ein konstantes und unheimlich beruhigendes Rauschen umgab ihn und er sah seine Frau. Sie saß hinter ihm und versuchte ihre Besorgnis schnell zu verbergen, als sie merkte, dass er wieder bei Bewusstsein war.
„Gut geschlafen, Dornröschen?“, fragte sie. „Irgendwie bin ich froh, dass ich es ausnahmsweise nicht bin, die weggetreten ist. Du hast eine ganz schöne Beule am Kopf und warst eine viertel Stunde weggetreten. Muss ich mir über irgendwelche Hirnschäden Sorgen machen?“
„Ich glaube nicht.“, sagte Dean, richtete sich auf und rieb sich vorsichtig die Beule. „Jedenfalls über keine neuen. Was ist passiert?“
„Du wurdest von einem Stück der Maschine erwischt, als sie explodierte. Ich habe mir ganz schönen einen abgebrochen, dich in den anliegenden Wald zu zerren, bevor uns diese Drohne vaporisieren konnte.“
„Wie konnten wir sie loswerden?“
„Ich habe sie vaporisiert.“
„Wie denn das?“
„Die Leuchtpistole im Handschuhfach. Ich habe sie mitgenommen, als wir aus der Maschine gehechtet sind. Ich ließ dieses verdammte Ding etwas näherkommen und habe mein Glück versucht – es war mir hold und ich habe unsere Maschine gerächt.“, sagte Julia und grinste breit und stolz. „Wie konnten sie uns überhaupt wiederfinden?“
„Sie werden den Luftraum mit zahlreichen dieser Dinger überwachen. Der Luftraum ist leichter zu kontrollieren als Straßen – oder Flüsse.“ Dean tauchte seine Hände in das kühle Nass des Flusses und warf sich das kalte Wasser ins Gesicht.
„Dieses Boot ist perfekt, Liebling. Ich hoffe du hast keinen kleinen Jungen zurückgelassen, der sich auf den Angelausflug mit seinem Vater gefreut hatte?“
„Nein. Es war einsam an einem Steg angekettet. Ich habe die Kette zerschossen und dann unsere Sachen und dich hier hineingehievt.“
„Alle Achtung!“, sagte Dean erstaunt und anerkennend. Dann kramte er eine Karte aus einem der Rucksäcke.
„Sag’s meinem Rücken. Er hatte nämlich einmal laut geknackt… Was jetzt?“
„Der Fluss bringt uns annähernd in die richtige Richtung, aber bald sollten wir wieder auf ein vierrädriges Gefährt umsteigen. Am besten ein geländetaugliches, mit dem wir dann die letzte Etappe hinter uns bringen können.“, sagte Dean, während er die Straßenkarte studierte. „Der bereitgestellte Wagen liegt leider in einer anderen Richtung.“
„Um noch einmal auf unser Gespräch zurückzukommen…“ Julia erfasste Dean mit einem so strengen Blick, der seinen Hinterkopf förmlich durchlöchern konnte. „Was habt ihr noch beredet, du, Graham und Terry?“
„Ich kann es dir nicht sagen. Noch nicht. Es ist, wie du selbst gesagt hast, zu gefährlich. Wenn der ganze Plan durch irgendwelche Tricks von Baxter aufgedeckt würde, ist alles vorbei.“ Dean sah ihr jetzt eindringlich in die Augen. „Vertraue mir, Liebling. Du musst mir einfach vertrauen, okay?“
Julia schluckte den schweren Batzen Eitelkeit und Misstrauen herunter und deutete ihrem Mann, es auf sich beruhen zu lassen – vorläufig.

 

 

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