KAPITEL XVII – DEAD LINK

 

| Kapitel XVII – DEAD LINK |

„Was hast du jetzt vor, Baxter? Willst du uns wieder wegsperren, uns foltern oder uns gleich erschießen?“, feixte Julia, während ein Mann in Grau sie grob in den Stuhl presste und ihr Handschellen anlegte. Sie wollte Baxter an die Kehle springen und ihm sein fieses Grinsen aus dem Gesicht prügeln. Noch nie in ihrem Leben brodelte so viel Hass in ihr.
Dean saß mit Handschellen gefesselt neben ihr und hielt sich zurück. Er war bemerkenswert ruhig. Hatte er bereits resigniert und alle Hoffnung aufgegeben? Das passte nicht zu seinem Kämpfergeist und Julia sein Pokerface war wie immer nicht zu durchschauen.
Der große Raum war bespickt mit Schreibtischen und Pulten, die mit Computern und Monitoren beladen waren. Vor jedem ein Mitarbeiter der Pararegierung, der roboterhaft seiner Arbeit nachgingen die Apokalypse herbeizurufen. Der ganze Raum war auf eine große Fensterfront ausgerichtet. Hinter der zentimeterdicken Scheibe ragte eine enorme, metallene Konstruktion hervor. Ein riesiger, ovaler Ring, in dem sich ein greller, weiß-blauer Nebel zu einem waagerecht hineinragenden Wirbel ausdehnte. Funken und Blitze zuckten immer wieder auf und fraßen sich wie Würmer aus Licht durch die Öffnung des Dimensionstors. Julia verstummte vor Staunen und Ehrfurcht, als sie das Portal in Aktion sah.
„Wunderschön, nicht wahr? Wir müssen hier wirklich etwas klarstellen.“, sagte Baxter. Er hatte ihnen den Rücken zugewandt und blickte angestrengt in das Auge des Portals.
„Ihr und euer Netzwerk. Dachtet ihr allen Ernstes, dass ihr einfach so die Portale zerstören könntet? Dachtet ihr, wenn ihr euch von allen Smartphones, Computern und anderen technischen Geräten befreit, würden wir euch nicht mehr finden? Dachtet ihr, dass ihr mit eurer lächerlichen Medizin gegen unsere Macht ankommt, eure Gedanken manipulieren zu können?“
Baxter dreht sich um und blickte sie herablassend an.
„Ihr habt nicht im Geringsten begriffen, worum es geht, was hier auf dem Spiel steht! Ihr denkt wir sind die Bösen?! Ihr glaubt, wir würden eure Welt vernichten?!“
„Na dann kläre uns doch mal auf. Was soll es denn sein, was wir seit Jahrzehnten missverstehen? Ist es der Imperialismus oder der Genozid an sieben Milliarden Menschen, den du und deine Führer hier und auf der anderen Welt betreibt?“, spottete Dean mit einem verächtlichen Lächeln.
Baxters Augen verwandelten sich in schmale Schlitzen. Seine Fäuste ballten sich. Wie gerne würde er Dean jetzt schlagen, aber dies wäre ein Zeichen von Schwäche. Das hätte Baxter nicht nötig. Er atmete tief durch, entspannte seine Fäuste und zog seine grauschwarze Uniform glatt. Der Look kam in diktatorischen Systemen wohl nie aus der Mode. Der Mann, den Julia nur als permanent überarbeiteten Workaholic kannte, der öfter in seinen Klamotten als in seinem eigenen Bett geschlafen hatte, war nicht mehr da. Er war durch einen Propaganda-plappernden Faschisten ausgetauscht worden. Wie konnte er die Fassade des kritischen Chefredakteurs, liberalen Denkers und sozial engagierten Mann von Welt so lange aufrechterhalten? Und wozu? Julia verstand es nicht. Aber es machte jetzt auch keinen Unterschied mehr.
„Es wird keinen Genozid geben. Diese Flause hat dir Graham in den Kopf gesetzt, oder? Vielleicht auch Terry? So wie ich gehört habe, frieren sie sich in der Arktis gerade den Arsch ab.“, sagte Baxter selbstgefällig.
Julia fühlte, wie sich ihr Magen verkrampfte und sich ein großer Stein auf ihr Herz legte, der ihr die Luft abschnürte.
„Nick.“, hauchte sie. Ihr Blick wurde wässrig.
„Sie sind auf unserer Außenstation auf der Plattform in Gewahrsam. Wenn sie sich nicht besonders dumm angestellt haben, leben sie, sind gesund und wohl auf. Also mach dir keine Sorgen.“
Baxter drehte sich wieder zum Portal, doch ihm fiel noch etwas ein.
„Ach ja. Und eure kleinen Sylvesterkracher wurden entschärft und können niemanden mehr gefährlich werden.“
Er griff unter einen Schreibtisch, zog Julias und Deans Rucksäcke hervor und warf sie ihnen verächtlich vor die Füße.
Julia wollte aus lauter Verzweiflung sterben. Sie wollte laut aufschreien, Baxter fassen und stundenlang auf ihn einprügeln. Der Mann in Grau, der hinter ihr stand, schien ihre Gedanken jedoch gelesen zu haben und drückte sie schnell wieder zurück in den Stuhl. Julia blickte hilfesuchend zu Dean hinüber. Dieser war auf Baxter fixiert. Doch sein Pokerface konnte sie immer noch nicht deuten. Was hatte er vor?
„Jetzt, da ihr uns besiegt habt und euch niemand mehr im Weg steht, wie soll es weitergehen?“, fragte Dean übertreiben unschuldig.
Baxter wandte sich ihm zu und auch ihm war Deans Ruhe mittlerweile auch suspekt, aber er ging erstmal nicht weiter darauf ein.
„Wir haben in den letzten zwanzig Jahren daran gearbeitet, einen Weg zu finden, diese Welt dauerhaft für unsere Führer bewohnbar zu machen. Dann sind sie in Sicherheit und können von hier aus beide Welten so gestalten, dass sie endlich in Frieden und Einklang leben können. Doch dazu müssen wir die biologischen und atmosphärischen Bedingungen dieser Welt modifizieren und sie den Gegebenheiten der anderen Welt anpassen. Unser Terraforming-Projekt wird in Kürze starten. Zuerst wird überall auf der Welt ein Mutagen freigesetzt, dass die menschliche, tierische, pflanzliche aber auch mikrobakterielle DNA verändern wird. Zeitgleich werden unsere Atmosphärenwandler diese Welt der unseren anpassen.“
„Ihr habt eure Welt zerstört. Und nun wollt ihr dasselbe mit unserer tun. Baxter, das ist Wahnsinn! Die Menschen können solch einen Eingriff unmöglich überleben!“, mahnte Dean.
Baxter seufzte theatralisch und nickte übertrieben schuldbewusst.
„Vermutlich werden circa 75% der Weltbevölkerung diesen Eingriff nicht überleben.“, sagte er dann läppisch.
Endlich spürte Julia auch Deans Hass aufkeimen. Dean konnte ihn nicht mehr länger unterdrücken. Sie spürte, wie er sich größte Mühe gab, seine Fassung zu bewahren.
Einer aus Baxters Reihen trat hinter seinem Schreibtisch hervor:
„Sir, der Präsident ist in der Leitung.“
„Stellen sie ihn durch!“, sagte Baxter.
Auf dem Bildschirm erschien der Mann, den Julia in den letzten Monaten leider nur zu gut kennenlernen durfte. Er trug einen dunkelblauen Anzug und saß hinter einem Mahagonischreibtisch, neben dem links und rechts die Flagge der Vereinigten Staaten aufragte. Der Mann trug einen übertrieben gespielten Schmiss im Gesicht, der wohl Ehrgeiz und Selbstvertrauen ausdrücken sollte, doch er wirkte, wie immer, wie ein schlechter Schauspieler. Er sah aus, als hätte er in Sonnenmilch gebadet und sich einer misslungenen Haartransplantation unterzogen, um einen Look zu wahren, der auch in den 80ern nie wirklich in die Mode gekommen war.
„Mr. President, sind die Reaktoren einsatzbereit?“
„Ja, Mr. Baxter. Alles ist bereit und unsere Männer vor Ort warten auf ihr Zeichen.“
Julia konnte es nicht fassen. Trumps reumütiges Gehabe gegenüber Baxter. Dieser großmäulige Hitzkopf kriecht förmlich vor ihm. Was wohl für ihn bei der ganzen Sache herausspringt?
„Ausgezeichnet. Halten sie sich bereit, Mr. President. In wenigen Augenblicken läuten wir eine neue Ära ein.“
Baxter wollte das Gespräch gerade beenden, als aus Trumps Kehle noch ein zaghaftes Räuspern klang.
„Mr. Baxter, können sie mir versichern, dass wir die bevorzugte Behandlung auch wirklich erhalten werden?“, fragte er unsicher, wie ein kleiner Schuljunge, der Dreck am Stecken hatte.
„Seien sie unbesorgt. Unsere Leute kümmern sich um Sie.“, entgegnete Baxter mit einem schiefen Grinsen, dem Julia eindeutig nicht im Geringsten traute. Dann beendete Baxter das Gespräch und die von Ungewissheit geplagte Miene des Präsidenten der Vereinigten Staaten verschwand.
„Einen Scheiß wird er bekommen, habe ich recht?“, vermutete Dean.
Baxters verschlagenes Gesicht beantwortete seine Frage.
„Wenn ihr mich jetzt bitte entschuldigen würdet. Ich habe ein neues Imperium zu errichten.“
Baxter deutete den Männern in Grau, die Gefangenen wegzubringen.
„Siehst du, selbst der kleine Penner kennt Star Wars. Ich bin mir sicher, dass sie sich auch von Georg Lukas zu ihren Uniformen beraten ließen. Was meinst du?“, fragte Dean.
Julia hatte jetzt genug von Deans gespielter Gelassenheit und hätte ihm eine Backpfeife verpasst, wenn ihre Hände nicht gefesselt gewesen wären. Dann piepte ein Alarm an Deans Digitaluhr.
„Was ist das?!“, fragte Baxter und drehte sich alarmierend um.
„Das, mein Guter, ist die Weckfunktion meiner funkelnagelneuen Casio.“

„Was zum Teufel piept hier?“, fragte der Mann in Grau und war von seinen Gefangenen sichtlich entnervt.
„Meine Weckfunktion. Jetzt ist es Zeit für meinen Proteinshake. Ihr kennt ja diese Diät, wo man alle drei Stunden irgendeinen eiweißreichen Mist zu sich nehmen muss. Ich habe dabei zwar meine Zweifel, ob…“
„Halt deine Klappe!“
Der Mann in Grau schlug Graham mit einem Gewehrkolben in den Rücken. Ihm blieb kurz die Luft weg, aber er ließ sich den Schmerz nicht anmerken. Diese Genugtuung gab er ihnen nicht. Die Männer in Grau hatten Graham, Nick und Balam an Stühle gefesselt. Nachdem sie gezwungen wurden vom Schlauchboot in den Hubschrauber umzusteigen, brachte man sie hinauf in die stählerne Festung, die als Bohrinsel getarnt war. Innen sah das Bauwerk allerdings völlig anders aus als erwartet. Ein High-Tech Labor mit Technik- und Maschinenräumen und verschiedenen Verwaltungstrakten, in denen Arbeiter und Soldaten der Pararegierung ihrer verhängnisvollen Arbeit nachgingen.
Der Leiter der Einrichtung stellte sich Graham, Nick und Balam vor, als wären sie eine Schulklasse beim Werksbesuch. Mr. Wilson nannte er sich und hatte das heuchlerische Auftreten eines Versicherungsvertreters.
„Der Gentleman hat ihnen eine Frage gestellt.“, näselte Wilson. „Dafür, dass wir sie hier so nett und zuvorkommen behandeln, könnte sie wenigstens unsere Freundlichkeit erwidern und uns ehrlich antworten. Ansonsten wird mein werter Kollege hier ihrem Freund die Finger abschneiden. Wie wäre es damit?“
Graham blickte besorgt zu Nick, der schweigend und von aller Hoffnung entblößt auf dem Stuhl neben ihm kauerte. Der Mann in Grau zückte ein Messer aus seinem Jackett und beugte sich runter zu Nicks Handgelenken.
„Schon gut.“, sagte Graham beschwichtigend. „Der Alarm sollte mich daran erinnern, ihnen die Zähne einzuschlagen, wenn ihre anderen Freunde hier gleich auf dem Boden liegen.“
Nick sah Graham panisch mit weit aufgerissenen Augen an. Mr. Wilson war perplex, allerdings sichtlich gelassen. Ein Spaß seines Gefangenen. Eine ganz normale mentale Reaktion, um mit einer ausweglosen Situation fertig zu werden. Er lachte verächtlich und deutete dem Mann in Grau, von Nick abzulassen.
„Sie werden gleich Zeuge bei der Geburt einer neuen Weltordnung. Sie sollten sich geehrt fühlen und das Ereignis genießen. Ginge es nach mir, hätten wir ihnen schon längst eine Kugel in den Kopf gejagt, aber Baxter wollte, dass sie es sehen.“
Er beugte sich über ein Computerterminal und beobachtete die Zahlen, Graphiken und Analysen auf den Monitoren. Aber dann riss ihn ein weiterer Alarm aus der Versenkung. Diesmal war es ein Stationsalarm, der die ganze Anlage beschallte.
„Was zum Teufel ist jetzt schon wieder los?“, brüllte Mr. Wilson.
„Es ist… es ist… Ich weiß es nicht… aber… das Portal öffnet sich.“, stammelte ein Mitarbeiter vor sich hin, während sein Finger hektisch über Tastaturen und Touchscreens glitten.
„Was?“, schrie Wilson und er verlor jedwede Beherrschung.
„Das ist unmöglich. Unsere Führer kommen frühestens in zwei Wochen durch!“, fauchte er und lockerte seinen Krawattenknoten. Sein panischer Blick suchte Graham. Dieser schüttelte den Kopf und lächelte ihm zu, als wollte er sagen: Lass es, Kleiner. Dann wandte sich Graham an Nick und zwinkerte ihm zu, aber Nick wusste absolut nicht, was dort gerade passierte.
„Station Eins an Kontrolle… Station Eins an Kontrolle… Schaltet sofort…“ Etwas durchtrennte die Luft. Es klang wie ein Pfeil, der aus dem Portal geschossen wurde. Es traf die Panzerscheibe, die die Kommandozentrale vom Portal trennte, und sprengte sie in tausende, kleine Stückchen. Graham stieß sich vom Stuhl und warf Nick mit um, damit sie beide geschützt Deckung fanden.
„Balam, geh in Deckung!“, schrie Baxter seinem indianischen Freund hinüber.
Balam reagierte sofort und warf sich mitsamt Stuhl zu Boden. Weitere unsichtbare Projektile schossen durch das Portal und trafen die Männer in Grau, Mitarbeiter und Soldaten der Pararegierung.
Nick sah zwischen den Tischen und Stühlen hindurch zum Portal. Durch das helle, gleißende Licht traten Schemen und Schatten, die an Kontur gewannen, je näher sie kamen. Es waren Männer und Frauen, bewaffnet mit Gewehren und Pistolen, die definitiv nicht aus dieser Welt stammten. Ein weiter Schuss traf Wilson an der Schulter und warf ihn zu Boden. Hilfesuchend blickte er sich um, fand aber nur Graham, der eine Armeslänge von ihm entfernt lag. Wieder sah Graham ihn an, mit einem „Ich habe es dir ja gesagt“-Lächeln. Wilson griff wutentbrannt mit seiner gesunden Hand nach dem Holster, das an seinem Gürtel haftete und in der eine geladene 9 mm Luger steckte. Doch ehe er sie aus dem Holster befreien konnte, hatte Graham ihm mit der Ferse seines Stiefels ins Gesicht getreten und ausgeknockt.

„Nein, das darf nicht sein! Das kann nicht sein!“
Baxter kniete auf dem Boden, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. So, wie alle anderen der Pararegierung, die den Angriff aus dem Portal überlebt hatten. Agenten des Netzwerks hielten sie mit ihren Gewehren in Schach.
„Ich verstehe das nicht. Wir hatten euch beobachtet, hatten euch unter Kontrolle. Wir sind in euren Verstand eingedrungen und haben euch manipuliert. Ihr habt immer genau das getan, was wir von euch verlangten. Wie konntet ihr uns so reinlegen?! Wo sind all diese verfluchten Bastarde hergekommen?“
Die Fragen prasselten aus seinem verständnislosen Gesicht. Julia fühlte seine unendliche Wut und wie er vergeblich versuchte, sie zu kontrollieren. Sie wusste, dass er jeden Moment aufspringen wollte, um einen der Agenten des Netzwerks mit bloßen Händen zu erwürgen, ganz gleich, ob er niedergeschossen würde oder nicht. Ein Agent presste ihm den Lauf seines Gewehrs in den Nacken. Baxter schluckte und verstummte angewidert.
„Das nenne ich mal „Just in Time“. Wir danken euch, Benedict. Hat es auf den anderen Stationen ebenso gut funktioniert?“, fragte Dean und rieb sich die Handgelenke, nachdem man ihn und Julia von den Handschellen Fesseln befreit hatte.
„Wir warten noch auf die letzten Rückmeldungen, Major, aber neunzig Prozent der Teams berichten bereits Erfolge.“, antwortete der Soldat, der mit dutzenden weiteren durch das Portal gestürmt war und die Agenten des Netzwerks, Baxter eingeschlossen, mit diesem Überraschungsangriff außer Gefecht setzten. Sie trugen Waffen bei sich, die Julia noch nie im Leben gesehen hatte. Einige von ihnen installierten kleine, schwarze Kästen an verschieden Stellen der Station.
„Dann wird es Zeit, die Daten zu überspielen, das Virus einzuschleusen und den Rest der Welt darüber zu informieren, was hier los ist.“, sagte Dean.
Julia war vollkommen verwirrt. Sie konnte sich aus all dem nicht den geringsten Reim machen. Ihr Blick löste sich von Baxter, der von gleich drei Soldaten in Schach gehalten wurde und wandte sich ihrem Mann zu.
„Dean, was ist hier los? Wo kommen all diese Agenten plötzlich her?“
„Kriege werden nicht durch halsbrecherische und wagemutige Aktion gewonnen. Wissen, Informationen und Technik sind die entscheidenden Faktoren. In letzterem schienen wir zwar unterlegen zu sein, aber das Know-How,“, Dean blickte Baxter schadenfroh ins Gesicht. „wie wir euch in die Eier treten, hatten wir sehr wohl.“ Er nahm Julias Hände vorsichtig in die seinen.
„Liebling, entschuldige, dass ich nicht ehrlich zu dir war, schon wieder. Das Netzwerk ist nicht nur in dieser Welt organisiert. Seine Fäden reichen bis in die andere Welt hinein und zusammen mit den Rebellen haben wir diesen Schlag bereits seit Jahren geplant. Die Pararegierung wusste nichts davon. Selbst innerhalb des Netzwerks waren wir auf Nummer Sicher gegangen und haben es im Großen geheim gehalten.“
„Du hast mich hierhin mitgeschleift, ohne mich einzuweihen? Warum? Hast du mir etwa nicht vertraut? Nach allem, was ich für dich durchgemacht habe?“
„Wir wussten, wenn Baxter einmal Zugang zu deinem Geist hatte, würde es ihm sicherlich gelingen sich noch weitere Male Zutritt zu verschaffen. Wir hätten dich aus allem raushalten können. Aber wir entschlossen uns, dich als eine Art Köder zu benutzen. Es tut mir leid. Wir konnten diese Möglichkeit nicht ungenutzt lassen.“
Julia trat einen Schritt zurück und schüttelte ungläubig ihren Kopf.
„Was habt ihr mit mir gemacht?!“, fauchte sie und ballte ihre Fäuste.
„Bitte, lass mich ausreden. Wir haben nichts mit dir gemacht. Das Serum, das dich eigentlich vor Baxters mentalen Angriffen immunisieren sollte, war ein Placebo. Wir haben dich in einen gefakten Plan eingeweiht, damit Baxter, wenn er deine Gedanken wieder liest, unser eigentliches Vorhaben nicht durchschaut. Und das war die Kommunikation und Koordinierung mit den Rebellen der Parallelwelt.“
„Sir, es ist Graham von der Arktis-Station.“, unterbrach sie ein Soldat, der sich hinter einem der Computer positioniert hatte.
„Oh Gott, Nick!“ Julias Besorgnis fegte die Wut fort, die sie gerade auf Dean hatte. Sie rannte zum Terminal und schubste den Soldaten beiseite. Sie erblickte Graham auf einem der Bildschirme.
„Graham, ist Nick bei dir? Geht es euch gut?!“
Grahams verrauchte, tiefe Stimme tönte über die Lautsprecher und er schenkte Julia ein Lächeln, dass sie sofort beruhigte.
„Hallo, Kleines, natürlich geht es uns gut. Alle gesund und wohl auf. Nick allerdings,“ Julia schluckte. Was war mit Nick? „er hat einfach keinen guten Magen. Ständig muss der Junge kotzen. Er hat die kleine Schießerei hier nicht gut vertragen.“
Julia lachte erleichtert auf.
„Dean! Ich hoffe ihr genießt die Sonne in Nevada. Wir frieren uns hier nämlich den Arsch ab.“
„Graham, seid ihr bereit für den Datenupload?“, fragte Dean.    „Bereit.“, antwortete Graham.
„Sobald wir Rückmeldung von allen Portalen erhalten haben, laden wir die Daten hoch und pflanzen das Virus ein.“
Julia strafte Dean mit einem tadelnden Blick.
„Ja, es ging wohl nicht anders.“, gestand sie. „Aber wir haben es überlebt und wir haben gewonnen, das ist die Hauptsache.“
Die Schuld und das schlechte Gewissen standen Dean tief ins Gesicht geschrieben. Er deutete Julia, dass sie darüber später noch in Ruhe sprechen werden. Jetzt gab es wichtigeres zu tun.
Ein Trupp bewaffneter Rebellen eskortierte Baxter zum Portal.
„Das hier ist noch nicht vorbei! Habt ihr gehört?! Ich komme wieder!“ Er versuchte sich loszureißen, doch ein Gewehrkolben traf ihn in den Nacken. Er brach zusammen. Die Rebellen griffen ihn an seinen Armen und marschierten durch das gleißende Licht des pulsierenden Portals.
„Wo bringen sie ihn hin?“, fragte Julia.
„Er wird vor das Kriegsgericht kommen. Zusammen mit vielen anderen der Pararegierung. Es sind Kriegstreiber und Massenmörder. Sie werden von den vielen ausgebeuteten und versklavten Völkern der anderen Erde gerichtet werden. Ihre Chancen auf mildernde Umstände gehen also gegen Null.“
„Was ist mit uns? Wie soll es mit unserer Welt jetzt weitergehen? Wir haben auf dieser Seite noch genug Agenten, die ganze Regierungen infiltriert haben. Die werden doch sicherlich nicht so einfach das Handtuch werfen. Wird es jetzt Krieg geben?“, fragte Julia besorgt.
„Du hast recht. Es ist noch nicht vorbei. Harte Zeiten kommen auf uns zu und es warten schwierige Aufgaben auf uns. Und auf dich.“, sagte Dean. Julia sog ihre Augenbrauen hoch und wartete auf eine Erklärung.
„Wir müssen die Bevölkerung schonend darüber informieren, was hier gespielt wurde. Das erfordert professionellen Journalismus.“
Dean lächelte verspielt. „Du warst doch sowieso gerade dabei, Trump gehörig Feuer unterm Hintern zu machen. Jetzt hast du genug Stoff, um ihn endlich aus dem Weißen Haus raus zu schmeißen. Ist doch eine gute Sache, oder?“
Julia schmunzelte und nickte zustimmend. Sie wurde dann wieder ernst, als ihr Blick auf die Rebellen fiel, die nach und nach die Mitglieder der Pararegierung in das gleißende Licht des Portals eskortierten. Sie sahen den Menschen dieser Welt so ähnlich. Aber es umgab sie eine Aura von Fremdartigkeit. Sie waren so anders. Julia fand keine Worte dafür, es war nur ein Gespür. Sie fragte sich, wie die Menschen auf dieser Welt mit dem Wissen über all das wohl umgehen werden. Werden sie weiser sein als ihre Vorfahren und dem Fremden gegenüber offen und aufgeschlossen entgegentreten? Oder würden sie denselben Fehler machen, wie so viele Generationen vor ihnen und Hass und Uneinigkeit heraufbeschwören. Beide Welten würden Letzteres nicht verkraften. Dann würden sie beide sterben.
Die Stimme eines jungen Mannes, der sich hinter eines der Computerterminals gesetzt hatte, holte Julia zurück aus ihren Gedanken.
„Sir, das ist seltsam.“
Dean und Julia gingen zu ihm und sie betrachteten gemeinsam die Daten auf den Monitoren.
„Was ist los?“, fragte Dean.
„Wir haben den Kontakt zum Portal in Alaska verloren. Außerdem stimmt etwas mit dem Datentransfer nicht. Wir versuchen die Daten hochzuladen, aber wir kommen nicht durch. Keine der Hosts scheint aktiv zu sein. Ich verstehe das nicht. Als ob sie…“ Dean beendete den Satz des Mannes: „… uns erwartet haben. Baxter!“
Dean schlug sich mit der Hand vor den Kopf.
„Wir müssen uns Baxter vorknüpfen. Er hatte wohl doch noch ein Ass im Ärmel.“
„Was ist mit Graham und Nick?“, fragte Julia.
„Ich weiß es nicht. Aber wir müssen den Schuppen hier in die Luft jagen, bevor die Unterstützung der Pararegierung von oberhalb der Station hier eintrifft.“
Jetzt erkannte Julia auch, was die Rebellen an den Säulen und Wänden angebracht hatten. Es waren Bomben.
„Wir wechseln auf die andere Seite und steigen durch ein anderes Portal wieder in diese Welt. Sobald wir herausgefunden haben, was Baxter uns für eine Wanze im System hinterlassen hat.“
„Es ist noch nicht vorbei.“, sagte Julia matt.
„Noch nicht, Liebling.“, sagte Dean sanft und wünschte sich, er hätte seiner Frau etwas anderes sagen können. Aber seine Frau überraschte ihn mit einem herausfordernden Lächeln.
„Wenn wir wieder zurück sind, werde ich garantiert für diese ganze Story hier den Pulitzerpreis gewinnen.“
Dean küsste seine Frau, kurz aber mit tiefster Leidenschaft.
„Auf geht’s!“, flüsterte er ihr zu.
„Wir rücken ab!“, rief er den Rebellen zu, die die letzten Sprengladungen angebracht hatten.
Zusammen mit den Gefangenen der Pararegierung stiegen sie einer nach dem anderen durch das Portal.
„Ist hier alles gesichert und bereit?“, fragte Dean den letzten Mann.
„Alles bereits, Sir.“, antwortete er, drückte Dean ein kleines, schwarzes Gerät in die Hand und verschwand durch das Portal.
„Bist du bereit?“, fragte Dean und nahm Julias Hand.
„Immer.“, sagte sie und sie tauchten gemeinsam in das schimmernde Licht des Portals, hinein in ein anderes Universum.
Kurz zuvor hatte Dean den Schalter an dem Gerät betätigt. Ein kurz getaktetes Piepen hallte durch die leeren Räume. Das Portal hatte sich geschlossen. Auf den Monitoren des Kommandoraums flackerte nur noch eine stumme Nachricht vor sich hin: „404 – Dead Link“. Dann verstummte das Piepen. Die unterirdische Station der Pararegierung verschwand mit einem donnernden Beben in einem tosenden Flammenmeer.

 

ENDE

3 Kommentare zu „KAPITEL XVII – DEAD LINK

    1. Liebe Sophie, ich fühle mich geehrt. Hab vielen Dank! Ich schau mal, dass ich mich die nächsten Tage dahintersetze und den Kettenbrief-Blogbeitrag fortsetze. Danke Dir und hau weiter in die Tasten! 🙂

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