ZEITFRASS

| Eine Mystery Kurzgeschichte |

 

Eva hat alles, was man sich nur wünschen kann: eine liebevolle Familie und eine großartige Karriere. Sie hat alles erreicht. Aber die Zeit presst den allerletzten Lebenstropfen aus ihr heraus.


Es war wieder eine kurze Nacht. Er schlief noch. Eva wankte im Halbdunkel ins Badezimmer und das Duschen, Schminken, Ankleiden etc. funktionierte nach einer Routine, einem Automatismus, den sie schon lange nicht mehr kontrollierte. In dieser Zeit, vor dem ersten Espresso, war es ein unwirklicher Zustand. Sie befand sich in Trance und konnte Traum von Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden.
Sie sah nach den Kindern. Beide schliefen tief und fest. Sie hatten geschlafen, als sie nach Hause kam. Sie werden noch schlafen, wenn sie das Haus wieder verließ. Bald würde sie für sie da sein. Bald. Das sagte sie sich immer wieder. Sie hauchte ihnen einen sanften Kuss auf die Stirn und schlich dann hinunter in die Küche.
Einen trockenen Toast und der Espresso. Die Termine für den Tag geplant. Ihre Unterlagen lagen bereit. Es konnte losgehen. Regenmantel, Aktentasche, Handtasche. Hinaus in die Nacht. Regen. Kälte. Dunkelheit. Nicht mehr lange. Nicht mehr lange. Das sagte sie sich seit… Seit wann denn noch mal?
Mit dem Zug fuhr sie um 5:30 Uhr in die Stadt. Von dort ging es mit dem Taxi zum Flughafen. Sie wartete in der Halle. Der Flug hatte Verspätung. Sie trank einen weiteren Espresso. Dann ging sie zur Damentoilette. Seit Wochen schon hatte sie diese Verstopfungen. Sie wollte deshalb einen Arzt konsultieren. Bald. Eva wusch sich die Hände und ihr Spiegelbild bereitete ihr Sorgen. Es war müde. Ihre Augen glasig und eingefallen. Kleine Falten zeichneten sich in Mund- und Augenwinkeln. Sie musste noch dieses Meeting hinter sich bringen.      „Reiß dich zusammen!“, sagte sie und hätte sich am liebsten eine Ohrfeige verpasst. Wie konnte sie es wagen, sich nur so anzustellen?!
„Alles in Ordnung, Miss?“, fragte eine ältere Dame, die, ohne dass Eva sie bemerkt hatte, aus einer der Kabinen gekommen sein musste.
„Ja, entschuldigen sie. Ich bin, glaube ich, wohl etwas erkältet.“, log sie und griff schnell nach ihrer Aktentasche, um die Toilette und die unangenehme Situation zu verlassen.
„Sie sehen müde aus. Seien sie vorsichtig.“, rief die alte Dame ihr hinterher, aber die Tür war bereits zugefallen.

Im Flugzeug ging sie nochmal die Unterlagen für das Meeting durch. Die Fusion war der Höhepunkt ihrer Karriere. Seit Monaten hatte sie pausenlos daran gearbeitet. Ihr Mann, Frank, hatte für die Kinder eine Teilzeitstelle angenommen. Er war immer so verständnisvoll und unterstützte sie, wo er nur konnte. Sie hatte einen Berg von Schuldgefühlen, aber sie schluckte es runter. Sie hatte zu hart gekämpft, um jetzt zu verlieren. Zweiunddreißig Jahre und sie war oben auf der Karriereleiter angekommen. Diesen Platz musste sie mit allen Mitteln verteidigen.
Ihr Blick schweifte zum Fenster. Es war noch immer dunkel und die Scheibe reflektierte ihr Spiegelbild. Seltsam. Sie kniff die Augen zusammen und sah es sich genau an. Die feinen, unebenen Linien auf ihrer Stirn, die waren doch eben noch nicht da. Eva hatte nie Ansätze von Falten auf ihrer Stirn beobachtet. Sie rieb sich die Augen, drückte den Knopf für den Flugservice und bestellte sich noch einen Espresso. Diesmal einen doppelten.

Trotz der anfänglichen Verspätung erreichte der Flug sein Ziel pünktlich. Eva hastete durch das Terminal und stieg in das erstbeste Taxi.
„Wo darfs hingehen, Ma`am?“, fragte der Fahrer.
Sie nannte ihm das Ziel in Downtown, der Fahrer fuhr los. Er war in seinem Job erfahren genug, um zu wissen, wann die Menschen eine Unterhalten wünschen oder wenn sie einfach in Ruhe gelassen werden wollten. Diese Lady wollte definitiv Letzteres.
Evas Handy klingelte.
„Ja?“
„Hier ist Bob. Wir müssen das Meeting um eine Stunde vorverlegen.“
„Was?! Seid ihr wahnsinnig?! Ich brauche die Zeit noch, verdammt nochmal!“, schrie Eva in den Hörer und versuchte ihre Lautstärke unter Kontrolle zu bekommen, als sie den neugieren Blick des Fahrers bemerkte.
„Mr. Fukuyama nimmt eine Maschine früher und er will den Deal vorher noch durchziehen. Mach dir keine Sorgen, falls du es nicht rechtzeitig schaffst, kenne ich doch jedes Detail. Er wird schon nicht abspringen.“
Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang selbstgefällig und schadenfroh. Kein Wunder. Bob war scharf auf die Provision und auf Evas Job. Sie hätte nicht über das Wochenende nach Hause fahren dürfen. Nicky hätte es verstanden. Scheiße, er war fünf und es war sein Geburtstag. Nichts hätte er verstanden. Er kennt mich überhaupt nicht mehr, dachte Eva und versuchte sich zu beruhigen.
„Bob, du bist ein Mistkerl. Das ist mein Deal, hast du verstanden?! Fukuyama braucht die Analysen, sonst wird er auf den Deal nicht eingehen!“, schrie Eva in ihr Handy, aber Bob hatte bereits aufgelegt.
Eva schlug ihre Fäuste auf die Oberschenkel und biss sich auf die Unterlippe. Sie kniff die Augen zusammen und schluckte den Schrei hinunter, der in ihrer Kehle brodelte.
„Könnten sie vielleicht ein bisschen schneller fahren? Ich lege ihnen ordentlich was drauf, wenn wir es in einer halben Stunde schaffen!“
„Ein bisschen schneller fahren? Hören sie, Lady, es tut mir leid, dass sie einen wichtigen Termin verpassen, aber wenn ich für jeden Fahrgast jedes mal, wie er es gerne wünscht, ein bisschen mehr auf die Tube drücke, bin ich bald meinen Job los. Und bei mir gibt es leider kein Netz und doppelten Boden. Meine Frau und meine Kinder verlassen sich auf mich.“
Für Eva konnte er sich diese Mitleidstour sparen. Sie strafte ihn mit einem wütenden und verachtenden Blick. Sie ließ ihren Kopf auf das Nackenpolster sacken, schloss ihre Augen und atmete einmal tief durch. Sie öffnete ihre Augen und blickte auf das Foto, dass der Fahrer an seine Armatur gepinnt hatte.
„Ihre Kinder?“, fragte Eva beschwichtigend. Sie schämte sich ein wenig, weil ihr selbst nie in den Sinn gekommen war, Fotos von ihren beiden mit sich zu tragen.
„Ja, die Jungs sind meine beiden Kämpfer. Nach der Schule geht’s für die beiden immer direkt zum Karatetraining. Weiß der Himmel, wie sie auf den Trichter gekommen sind. Sie sind großartig. Die besten.“
Er sah Eva durch den Rückspiegel an. Er sah eine blasse, ausgemergelte Frau, mit tiefen Sorgenfalten, die verzweifelt den Himmel nach etwas absuchte.
„Wissen sie Lady, ich glaube, ich kenne da einen Schleichweg. Führt zwar durch ein paar Gassen, durch die man eigentlich nicht darf, aber damit kommen wir klar. Sie schaffen es noch zu ihrem Meeting.“
Diese hoffnungsvollen Worte zogen Eva wieder in die Gegenwart zurück, heraus aus den dunklen Gedanken, in die sie hinabgesunken war und sie strahlte den Fahrer an, als wäre er ein Heiliger. Sie fühlte sich mies, weil sie ihn vorhin so angefahren hatte.
„Das würden sie für mich tun?“
„Wir beide sind auch Kämpfer, wie meine Jungs. Wir müssen doch zusammenhalten. Sonst fressen uns die Haie auf.“

„Ich danke ihnen vielmals. Hier, bitte. Und grüßen sie ihre Jungs.“
Eva drückte dem Fahrer zweihundert Dollar in die Hand und sprang aus dem Taxi, ehe er etwas erwidern konnte. Sie bemerkte nicht, wie er sich erschrocken hatte, als er noch einmal in ihr Gesicht sah. Diese Frau hatte zu Beginn der Fahrt noch wesentlich jünger ausgesehen. Aber er musste sich irren. Schließlich hatte er sie nur im Dunkeln im Rückspiegel gesehen.
Er schüttelte nur seinen Kopf, lächelte, sah Eva hinterher, wie sie die Treppen zum Gebäude hinaufhastete und dachte sich: Wenn die Lady in ihrem Alter nicht bald einen Gang runter schaltet, bekommt sie noch einen Herzinfarkt. Businessmenschen. Er würde sie nie verstehen. Er legte den Gang ein und fuhr los. Es war Feierabend. Er würde seine Jungs abholen und dann gab es an diesem Abend Burger. Seine Frau machte die besten der ganzen Stadt. Ob seine Jungs ein paar neue Karatetricks gelernt hatten?

Eva spurtete durch die Eingangshalle und meldete sich am Empfang an. Dann lief sie weiter zu den Fahrstühlen. Im Konferenzsaal der oberen Etage würde Mr. Fukuyama bereits warten und Bob würde in seiner schleimigen Manier das Projekt präsentieren. Ohne Evas Ausarbeitungen würde Fukuyama aber nicht anbeißen. Auch wenn Bob ihm noch so tief in den Arsch kroch.
Die Fahrstuhltür öffnete sich, Eva trat ein und betätigte den Knopf für die sechzigste Etage. Dann schrie sie laut auf.

Eva torkelte zurück, fiel gegen die Rückwand des Aufzugs und sackte zu Boden, die zitternden Hände gegen ihren Mund gepresst, um den Schrei zu unterdrücken. Dann schloss sie die Augen, in denen sich Tränen gesammelt hatten und nun ihre Wange hinunterliefen. Was ist das? Was ist denn los mit mir? Das kann nicht sein! Ich bin übermüdet. Das kann nicht sein. Ich muss mich zusammenreißen. Nur noch ein paar Augenblicke, dann habe ich es überstanden. Reiß dich zusammen.
Ihre Hände tasteten sich an der Wand hoch und ihre Beine drückten Eva langsam wieder in die aufrechte Position zurück. Sie hoffte mit aller Kraft darauf, dass dieses Trugbild verschwunden war, diese kurze Halluzination, dieser Schnappschuss eines Alptraums. Sie blickte in den Spiegel. Aber es war noch da. Wie kann das sein?! Das ist unmöglich. Sie trat langsam auf die Tür zu und starrte der fremden Frau in die Furcht umkämpften Augen. Sie starrte zurück. Dann glitt der Spiegel mit einem Ping auseinander. Eva war in der obersten Etage angekommen, die verspiegelten Türen fuhren auseinander und sie flüchtete hinaus.

Links von ihr lag der Konferenzraum. Aber dort konnte sie jetzt unmöglich erscheinen. Nicht so. Sie wandte sich unbeholfen, wie im Delirium nach rechts, denn dort ging es zu den Toilettenräumen. Sie torkelte durch den Korridor. Keine Mitarbeiter. Noch nicht um diese Uhrzeit. Gut. Sie würde sich frisch machen und dann würde es gleich schon wieder bessergehen. Eva stieß die Toilettentür auf und schlenderte zum Spiegel. Ihr wurde schwindelig und schwarz vor Augen, als sie in den Spiegel sah, der von LED-Leuchten hell und klar war, nicht getönt, wie die verspiegelten Aufzugstüren. Der Raum fing an sich zu drehen, ihr Mund wurde trocken und ein bitterer Geschmack sammelte sich in ihren Mundwinkeln. Eva drehte sich um, schwankte zu den Kabinen, warf eine Tür auf, fiel auf die Knie und übergab sich.

Reiß dich zusammen. Du kannst das klären. Bring den Deal unter Dach und Fach und dann suchst du einen Arzt auf. Der wird herausfinden, was das ist. Wahrscheinlich eine Stressreaktion. Etwas ganz Normales. Sie glaubte sich selbst nicht, was sie verzweifelt versuchte sich einzureden.
Eva kämpfte sich wieder auf die Beine, nachdem sie den Toast und reichliche Galle ausgebrochen hatte, betätigte die Spülung, schloss die Augen, atmete tief ein und stellte sich wieder der Frau im Spiegel.
Tiefe Falten durchzogen ihre Stirn, ihre Augen- und Mundwinkel. Ihre einst so straffe, junge Haut war schlaff, blass und ihre Augen waren eingefallen und stützten sich auf dunkle Tränensäcke. Ihr volles, seidiges, kastanienbraunes Haar war nun grau und spröde. Eva starrte diese Frau im Spiegel an. Nicht mehr verzweifelt und furchtsam, sondern wütend, gebieterisch und provozierend. Sie kramte ihr Make-up aus ihrer Handtasche heraus und schminkte sich auf eine Weise, wie sie es das letzte Mal als elfjähriges Mädchen getan hatte, als sie dem ästhetischem Imperativ des „Je mehr desto besser“ folgte und einem Clown anschließend nicht unähnlich sah. Make-up, Lidschatten, Eyeliner, Puder und Lippenstift konnten Wunder wirken. Gegen die grauen Haare konnte sie spontan nichts machen. Es musste reichen. Auf in den Kampf. Sie zog ihren Anzug glatt. Spülte sich den Mund aus und zerkaute einen Pfefferminz. Ein letzter, strafender Blick in die Augen der alten Frau. Du nimmst mir meinen Erfolg nicht! Du machst mir das nicht kaputt!

„Guten Morgen, Gentlemen.“
Bob, Fukuyama und seine Berater waren verwirrt, denn sie konnten die Frau nicht zuordnen. Eva ließ ihnen keine Zeit zu reagieren, trat zu Bob an den Kopf des Konferenztisches und nahm die Unterlagen für die Präsentation heraus. Sie steckte einen USB-Stick in den Laptop, der auf dem Tisch stand, schloss Bobs Marketing-Bilder und Fotos und öffnete ihre Statistiken, Prognosen und Absatzzahlen. Fukuyama kannte Eva nur aus Onlinekonferenzen. Er hatte eine weitaus jüngere Frau erwartet, aber das Netz ist eben nicht die Realität und er hatte es somit für sich abgehakt. Evas Schwall an Informationen und ihre ausgefeilte Rhetorik fokussierte schnell die komplette Aufmerksamkeit auf den Deal. Nur Bob stand wie angewurzelt mit offenem Mund neben ihr. Doch auch er versuchte sich auf das Geschäft zu konzentrieren und verdrängte die seltsame Erscheinung seiner Kollegin.

Der Deal war unter Dach und Fach. Eva und Bob bedankten sich bei Fukuyama, der sich mit seiner Delegation verabschiedete und den Konferenzsaal verließ. Eva nahm ihre Unterlagen und war gefasst auf das, was jetzt kam. Bob trat an ihre Seite. Sie mied seinen ehrlich besorgten Blick.
„Eva, ist alles in Ordnung mit dir? Du siehst irgendwie… nicht gesund aus.“
„Danke, Bob. Ich weiß, was du meinst. Ich sehe beschissen aus. Du hast recht. Ich denke, dass ich mal Urlaub brauche.“ Sie klappte ihre Aktentasche zu und wollte so schnell wie möglich einfach nur nach Hause. Dann klingelte das Telefon auf dem Sideboard neben der Tür.
„Das wird der Boss sein. Es ist dein Deal. Dir gebührt die Ehre, ihm die gute Nachricht zu überbringen.“ Er deutete mit großzügiger Geste und übertriebenem Lächeln zum Telefon, nahm dann seinen Aktenkoffer und ging.
„Und gute Besserung!“, rief er, bevor er durch die Tür verschwand.
Eva nahm den Hörer ab. Ihr Boss wollte umgehend über alles informiert werden. Er wollte Einzelheiten hören – und zwar von ihr persönlich. Er lud sie zum Mittagessen ein. Eva setzte zu einer Entschuldigung an.
„Mr. Lloyd, können wir das vielleicht verschieben, ich…“, aber ihr Boss ließ sie nicht zu Wort kommen.
„Verschieben?! Meine Teuerste, ich brauche Details und ihre Kompetenz, um mich durch dieses ganze Fachchinesisch zu leiten. Außerdem müssen wir ihre Beförderung feiern!“
Eva konnte nicht absagen. Da musste sie durch. Nur noch dieses eine Mal. Dann würde sie nach Hause fahren und einen Arzt aufsuchen. Nur noch dieses eine Mal und sie würde wieder Zeit für ihre Familie haben. Ihre Familie. Wem wollte sie etwas vormachen? Nach der Beförderung würden sie umziehen müssen. Sie würde sie noch seltener sehen als ohnehin schon.
„Ich nehme den nächsten Zug und bin in ein paar Stunden bei ihnen, Sir.“, sagte Eva und verabschiedete sich.
Sie war müde. So schrecklich müde. Kämpfe. Dieses Mal noch.

Sie nahm den nächsten Zug. Ihr Körper konnte sich zwischen Herzrasen und Müdigkeit nicht entscheiden. Auf der Fahrt versuchte sie, sich auf die Unterlagen zu konzentrieren. Es fiel ihr schwer. Sie war so unglaublich müde. Noch nie zuvor in ihrem Leben war sie dermaßen erschöpft gewesen. Sie döste immer wieder ein. Bilder blitzten vor ihrem inneren Auge auf. Die Kinder und ihr Mann beim Fußballspielen. Grillen im Park mit ihren Freunden. Diese Momente waren zu selten geworden. Zu lange her. Sie hatte den Geburtstag verpasst. Sie hatte ihren eigenen Sohn noch nicht einmal angerufen und ihm gratuliert. Wieso musste er noch ein Kind sein! Sie hasste sich für diese Gedanken. Sie war Jahrgangsbeste. Summa Cum Laude. Mit viel harter Arbeit hatte sie sich den Platz an der Spitze erkämpft. Sie hatte keine Zeit fürs Windeln wechseln, Schultheateraufführungen, Kindergeburtstage. Es war nicht ihre Welt. Hier war ihre Welt. Aber sie liebte ihre Familie doch so sehr. Sie war so müde.

„Miss, Endstation. Sie müssen aussteigen.“ Der Schaffner fasste sie behutsam an die Schulter und lächelte sie freundlich an.
„Oh, danke, ich…“
Was war mit ihrer Stimme? Sie war so gebrochen. Sie fasste sich an die Kehle und fühlte ihren Hals. Ihre Haut fühlte sich so weich und schlaff an. Sie betrachtete ihre Hände. Nein. Es waren nicht ihre Hände. Dunkelblaue Adern unter dünner, faltiger Haut, auf der sich braune Altersflecken abzeichneten. Sie drehte den Kopf zur Fensterscheibe und schrie einen lauten, krächzenden Laut aus. Ihr Herz raste, ihr Atem stockte. Wieder drehte sich alles.
„Wir brauchen hier einen Arzt!“, rief der Schaffner, nahm sein Funkgerät vom Gürtel und forderte einen Rettungsdienst an. Die alte Frau verlor das Bewusstsein und kippte zur Seite. Der Schaffner fing sie auf.

Als die Rettungssanitäter sie zum Krankenwagen brachten, war die alte Dame wieder bei Bewusstsein. Sie redete wirres Zeug und war nicht ansprechbar. Der Schaffner gab den Sanitätern den Aktenkoffer und den Trenchcoat, den sie bei sich getragen hatte. Sie suchten nach einem Ausweis, fanden aber ihre Brieftasche nicht. Sie entschlossen, sie erstmal sicher ins Krankenhaus zu bringen. Dann würde sich alles Weitere aufklären.
Der Schaffner arbeitete seit zwanzig Jahren für die Bahn und ihm waren allerhand seltsame Menschen untergekommen. Aber diese alte Dame stach heraus. Sie musste um die achtzig oder neunzig Jahre alt sein, trug aber ein modernes, teures Business-Outfit und zusammen mit dieser Aktentasche sah es aus, als hätte sie mit einer jüngeren Dame die Kleider getauscht. Er ging zu dem Sitz, wo die alte Dame gesessen hatte. Dort fand er ihre Brieftasche. Sie musste aus dem Trenchcoat herausgefallen sein. Er öffnete sie, fand einen Ausweis und ein Foto. Eine junge Frau, ein Mann und zwei kleine Jungs beim Grillen im Park. Sicherlich ihre Familie. Er würde sie benachrichtigen.

„Alt… Immer älter… meine Kinder… Wo ist mein Mann? Meine Jungs!“, stöhnte Eva leise vor sich hin.
„Ganz ruhig. Sie hatten einen Anfall. Wir bringen sie ins Krankenhaus. Dort wird man ihre Familie benachrichtigen und der Doktor kümmert sich um sie. Bald sind sie wieder auf dem Damm, okay?“ Leere Phrasen. Der Sanitäter hatte sie bereits unzählige Male den vielen alten und verwirrten Menschen aufgesagt, die er und sein Kollege von der Straße geholt hatten. Die meistens waren aus irgendwelchen Altenheimen getürmt.
„Hey, Jim. Hast du das Spiel gestern gesehen?“, fragte er seinen Kollegen im Fahrerraum und setzte sich auf die Bank hinter dem Fahrersitz. Seine Patientin war am EKG angeschlossen und festgeschnallt. Es konnte nicht passieren.
„Ich habe auf diese Pfeifen gesetzt und jetzt habe ich den Salat, verflucht!“, antwortete sein Kollege.
Sie unterhielten sich über das Spiel und ließen die alte Dame weiter vor sich hin brabbeln.
„Ich liebe euch, meine Kleinen.“, stöhnte Eva.
Ein langes, anhaltendes Piepen tönte von einem kleinen Monitor, auf dem sich eine durchgehend gerade Linie abzeichnete. Der Sanitäter fuhr herum, um sich um seine Patientin zu kümmern. Aber er schrak zurück und presste sich mit aller Kraft in die Ecke des Wagens. Er starrte auf einen leblosen Körper. Aber nicht auf einen, der eben noch lebendig war. Das, was er sah, waren die Überreste von dem, was irgendwann mal ein Mensch gewesen sein musste. Aber auf der Trage vor ihm lag jetzt nur noch eine Leiche, von der totes, vertrocknetes Fleisch von fahlen Knochen hing und deren leere, dunkle Augenhöhlen den Sanitäter anstarrten. Der Schädel verfügte zwar nicht mehr über etwas, das man ein Gesicht nennen konnte, aber trotzdem lag auf seinem Ausdruck tiefstes Bedauern.

ENDE

 

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