DAS GESTÄNDNIS

| FLASH FICTION CRIME |

 

Ich hatte mir die Kehle aus dem Hals geschrien und bringe mittlerweile keinen Ton mehr heraus. Wie lange hatte ich geschrien? Eine Stunde? Zwei? Niemand würde mich in dieser gottverlassenen Gegend hören. Dieses dreckige Loch sollte schon vor zwei Jahren abgerissen werden. Niemand würde mich hören in diesem Niemandsland.

Ich hatte auch aufgehört zu weinen. Mann, das letzte Mal, dass ich geweint hatte… wie alt war ich? Zehn? Zwölf? Ich hatte mir zwei Zähne ausgeschlagen, als ich mit meinem Skateboard meine Freunde beeindrucken wollte. Der Stunt ging voll daneben und ich biss kräftig in das Treppengeländer. Ja, da hatte ich das letzte Mal geweint. Vor dreißig Jahren.

Jetzt bin ich zweiundvierzig. Ich weiß nicht, ob es verschiedene Phasen gibt, wie man mit seinem eigenen Tod fertig wird. Ich habe mich nie besonders für diesen ganzen Psychokram interessiert. Hätte ich generell etwas mehr emotionales Feingefühl, würde ich mich jetzt bestimmt nicht in dieser beschissenen Situation befinden.

Mein Handgelenk ist an eine Heizung gefesselt. Mit einer meiner eigenen Handschellen. Nein, ich bin kein Cop, kein Gesetzeshüter. Es ist so ein Sex Ding. Ein kleines Spielzeug für Rollenspiele, um ein wenig Nervenkitzel und Fantasie in den Akt einzubringen. Und hätte ich mit diesem Ding in den letzten Jahren meine Frau anstelle von Prostituierten gefesselt, säße ich jetzt wahrscheinlich nicht in diesem Dilemma.

Eigentlich warte ich noch auf eine kleine Puppe, die auf einem Dreirad durch die Tür getrampelt kommt und mir eine Säge hierlässt. Ich könnte natürlich auch meine eigene Hand abreißen und die Wunde schnell genug abbinden, damit ich nicht verblute. Alles in den Filmen schonmal gesehen. Aber es praktisch umsetzen ist eine ganz andere Sache. Ich glaube der Mensch ist instinktiv so geschaffen, dass er diese ekligen Dinge erst kurz vor dem Zeitpunkt seines sicheren Todes durchzieht. Und so weit ist es bei mir nicht. Noch nicht zumindest.

Wie hatte sie mich überhaupt hierhergebracht? Wir saßen am Esstisch und aßen zu Abend. Wir haben uns unseren Tag erzählt „Und wie war es auf der Arbeit Schatz?“ „Prima, bla bla und wie war es bei dir?“. Derselbe Scheiß, den wir uns seit fünfzehn Jahren erzählen. Dann wurde mir schwindelig. Ich stand auf und wollte ins Bad. Ich blickte in ihr Gesicht. Sie lächelte, aber in ihren Augen funkelte der Zorn. Zorn und so etwas wie Genugtuung. Mir wurde schwarz vor Augen und ich verlor das Bewusstsein. Der Wein. Sie muss mir etwas in den Wein getan haben. Scheiße. Als ich umgekippt bin habe ich wohl die Tischdecke mitgerissen und mir das Zeug über meinen neuen Anzug gekippt.

Die Rotweinflecken auf meinem Hemd und meinem Jackett waren bereits eingetrocknet, als ich mit höllischen Kopfschmerzen aufwachte. Ich war an diese beschissene Heizung gefesselt und es dauerte eine Weile, bis ich merkte, wo ich war. Ich bin in dieser schäbigen kleinen Absteige, in der ich die ersten Jahre mit den Mädchen am Wochenende auf meinen „Geschäftsreisen“ abgestiegen war. Das Motel hatte vor einigen Jahren dicht gemacht und ich hatte mir verschiedene neue Locations für meine kleinen Abstecher am Ende des Monats gesucht.

Jetzt bin ich gefesselt an einem der Heizkörper, die schon damals nie funktionierten, aber ansonsten 1 A, robust, solide und absolut fest im Beton verankert waren. Ich zog, zerrte und trat gegen dieses Scheißding, aber es bewegte sich keinen Zentimeter. Dieses ganze Drecksloch wird von Schimmel und Rost zerfressen, aber diese verdammten Heizkörper werden wahrscheinlich noch nach dem Atomkrieg hier stehen.

Was hat sie nur vor? Sie hat sich nicht das Geringste anmerken lassen. Sie konnte mich unmöglich allein hierhergebracht haben. Ich wiege hundert Kilo und sie gerade mal fünfzig. Sie musste mich aus dem Haus raus, in den Kofferraum vom SUV gepackt, mich zwei Stunden hierhergefahren und wieder ausgeladen haben. Das konnte sie nicht allein gemacht haben. Sie hatte Hilfe. Aber wen? Und warum jetzt? Sie hatte all die Jahre nichts mitbekommen. Na ja, vielleicht doch… es lag immer solch ein unausgesprochenes Einverständnis im Raum. Aber wir haben es durchgezogen. Vielleicht hatte sie ja auch jemand anderen. Wer weiß? Wenn wir nur nicht durch diesen verdammten Ehevertrag und dem öffentlichen Prestige so sehr voneinander abhängig wären, hätten wir uns wahrscheinlich schon nach zwei Jahren nach unserer Hochzeit scheiden lassen. Aber wir zogen es durch.

Sie ist ein kaltherziges Miststück, aber diese Abgebrühtheit hätte ich ihr im Leben nicht zugetraut. Scheiße. Was hat sie vor? Sie lässt mich hier zurück, gefesselt und weiß, dass ich wieder wach werde. Was soll ich, ihrer Meinung nach, tun? Meine Sünden bereuen? In mich gehen und mir eingestehen, was für ein mieser, dreckiger Schweinehund ich bin? Kommt sie dann wieder und schließt diese gottverdammten Handschellen wieder auf?

„Verflucht, was willst du?!“

Mein Schrei verhallt in der Nacht. Meine Kehle schmerzt. Mein Handgelenk ist angeschwollen und ich habe wahnsinnigen Durst. Sie hat mich in dieses Zimmer gesteckt und ich erkenne es wieder. Es war eins der besten in diesem Motel. Deswegen hatte ich immer dieses Zimmer gemietet. Wenn es möglich war, dann auch die Zimmer links und rechts nebenan, damit ich mich so richtig ausleben konnte, ohne, dass ich von den wütenden Gästen gestört wurde, die gegen die Zimmertür hämmerten und sich lauthals beschwerten.

„Okay, es tut mir leid! Ist es das, was du hören wolltest?! Verdammte Scheiße! Es tut mir leid! Okay?! Es tut mir leid!“

Nichts. Totenstille. Ich saß in dem schimmligen Zimmer und das Licht der Straßenlaternen des Highways leuchteten durch die zerbrochenen Fenster dieses kleinen, stinkenden Lochs.

Aber was ist das? Ein Wagen. Scheinwerfer? Der Wagen parkt vor dem Motel. Der Motor geht aus. Die Schweinwerfer bleiben eingeschaltet und ihr Licht fällt durch das kaputte Fenster in mein Gesicht. Ich kneife meine Augen zusammen und schirme meinen Blick mit meiner freien Hand ab.

„Hiiiiiiiiiieeeeelfe!“

Eine Wagentür. Schritte. Eine Person. Die Absätze klingen nach Businessschuhen. Die Schritte kommen näher. Die Person steht vor der Tür. Sie wartet.

„Wer ist da?!“, rufe ich, aber ich erhalte keine Antwort.

Der Türknauf dreht sich und die Tür springt auf. Das grelle Licht der Scheinwerfer strahlt mich direkt an. Ich erkenne die Silhouette eines großgewachsenen, breitschultrigen Mannes in einem Anzug.

„Wer sind sie?“, frage ich.

„Du weißt es nicht mehr, oder, Jack?“, fragte der Mann und sein ruhiger Bariton kommt mir so bekannt vor, aber ich kann ihn nicht einordnen.

„Was wollen Sie?“, frage ich den Mann.

„Es tut mir leid, Jack. Aber sie hat mehr gezahlt.“

„Gezahlt? Wovon zum Teufel reden sie da?“

„Vor drei Wochen. Du warst in einem Club und hast mich gefragt, ob ich deine Frau umbringen kann.“

Was? Wovon redet der da? Ich war in keinem Club… Ich war… Oh, Kacke.

Der Mann kommt herein, schließt die Tür hinter sich und sperrt die Lichtflut aus. Er dreht sich wieder zu mir und geht zwei Meter vor mir in die Hocke. Ich blicke ihm jetzt direkt ins Gesicht. Scheiße… ich kenne ihn… vor drei Wochen… ja… der Club… Ich war total dicht… Ich…

Er sieht mich mitleidig an. Ich bringe keinen Ton heraus.

„Du wusstest nicht, dass ich wirklich Menschen für Geld töte, oder?“

Ich schüttele den Kopf. Er nickt verständig.

„Es tut mir leid. So etwas passiert mir normalerweise nicht. Ich hätte wissen müssen, dass du nur abgefüllt und… nun ja… zufälligerweise zur richtigen Zeit am richtigen Ort warst. Oder auch nicht. Wie dem auch sei… Ich hatte den Auftrag angenommen und dachte, ich würde schnelles Geld verdienen. Zwei Millionen in Bar. Ich wusste natürlich nicht, dass du durch deine krummen Dinger im Baugewerbe anscheinend solche Summen öfter einfach so hervor zauberst… Deine Frau hatte mich bei einem kurzen Smalltalk darüber aufgeklärt.“

„Small Talk?“ Ich bin fassungslos und kann nicht sprechen. Was passiert hier gerade?

Der Mann lächelte und ich sehe seine perfekten Zähne. Er sieht aus wie ein Armani-Model.

„Sie ließ dich beschatten, Jack. Schon seit Jahren. Deine kleinen Techtelmechtel waren ihr egal. Sie hatte wahrscheinlich selbst mehr als du ahnst. Aber mit Gedanken in deinem Kopf, sie los zu werden… Du bist zu weit gegangen. Du hast eine Grenze überschritten. Sie liebt dich nicht, Jack. Vielleicht tat sie das einmal. Kurz. Aber eure Zweckehe hat durch deine spezielle Anfrage an mich an Wert für sie verloren und du bist jetzt nur noch… lästig.“

Er steht wieder auf, seine Hand gleitet unter sein Jackett und er nimmt eine Pistole heraus. Er greift hinter seinen Rücken an seinen Gürtel und nimmt einen länglichen, metallenen Schaft hervor. Einen Schalldämpfer nehme ich an. Er zielt zwischen meine Augen. Ich schlucke schwer. Verdammt habe ich einen Durst.

„Ach ja,“, sage ich, „da war was.“

 

ENDE

 

 

 

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