AUSGELAUGT

 

In den umliegenden Wäldern des kleinen Städtchens Jonesport schläft es und erwacht nur dann wieder, wenn es hungrig wird. 

 

 

Emily und ihr Mann Steven fuhren den Highway 1 an der Küste von West Penobscot Bay entlang. Steven schlief tief, fest und schnarchte monoton, während ihm Speichel aus dem Mundwinkel tropfte. Sie hatten vor drei Stunden die Plätze getauscht. Sie waren auf dem Weg nach Jonesport in Maine, um ihren Großvater zu besuchen. Die Fahrt von Washington D.C. bis Jonesport dauerte vierzehn Stunden. Um Staus zu vermeiden, waren sie über Nacht gefahren. Sie hatten sich frei genommen nachdem ihr Großvater sie angerufen hatte. Er war verängstigt, verwirrt und ungewohnt melancholisch. Das, was er ihr erzählt hatte, war sehr verstörend und rätselhaft. Er war 83 Jahre alt und lebte allein in dem Haus, das er mit seiner Frau vor sechzig Jahren gebaut hatte. Emily fürchtete, dass es für ihn Zeit war in ein Heim zu ziehen und sie hasste sich selbst bereits für diesen Gedanken, den sie ihm wohl oder übel unterbreiten musste.

Es war neun Uhr morgens, als sie die verschlafene, nebelverhangene Kleinstadt erreichten. Die Zeit schien dort still zu stehen. Seit ihrer Jugend hatte sich nichts verändert. Sie fuhr an der Kirche und dem sie umgebenen Friedhof vorbei, die beide nicht weit vom Rathaus entfernt waren. Die koloniale Architektur umfasste so ziemlich jedes Gebäude im Stadtkern. Alles erinnerte an britische Grafschaften, wie die meisten Neuengland Kolonien. Stumme Zeugen einer Vergangenheit, die sie wie einen unwillkommenen Gast anstarrten. Was sie alles hätten erzählen können? Diese Stadt hatte ein Geheimnis. Emily wusste das, denn sie war ihm damals auf der Spur. Sie erinnerte sich gut.

Als Teenager hatte Emily die Archive der Bibliothek und des Rathauses für ein Geschichtsprojekt durchforstet und stieß dabei auf Dinge, die bei ihrem Vortrag vor der versammelten Elternschaft der Neuntklässler in der Sporthalle der Medison High für Unbehagen und Entsetzen sorgten. Sie war mit ihrem Referat spät dran, weil eine Grippe sie erwischt hatte. Ihr Lehrer hatte ihr Manuskript nicht gegenlesen können und in der Hektik des Abends schickte er sie raus auf die Bühne. Emily war eine gute Schülerin, für die ein kleiner Vortrag normalerweise kein Problem darstellte. Ihr Bericht hatte das Leben der Gründer und ersten puritanischen Siedler von Jonesport als Thema. Doch nahm die Geschichte eine Abzweigung, die einen dunklen Pfad in der Geschichte der kleinen Stadt freilegte. Ein Pfad, der mit dicken Absperrband vom kollektiven Gedächtnis der Einwohner versiegelt worden war.  

“Sind wir schon in Sunnydale angekommen?”, grummelte Steven vom Beifahrersitz. Er rieb sich die Augen, massierte seinen steifen Nacken und wischte sich die Spucke mit dem Ärmel ab, in der Hoffnung, dass Emily es nicht gemerkt hatte. Ihr Grinsen verriet ihm das Gegenteil.

„Ja. Willkommen im entlegensten Kaff der Welt. Es kommen Erinnerungen hoch, die ich lieber vergessen würde. Ich war wirklich froh, als ich hier weggezogen bin. Diese ganze Stadt war mir immer unheimlich. Hätten Mom und Dad die Gelegenheit gehabt, wären sie hier auch wieder weggezogen. Ich glaube, dass sie es sogar schon geplant hatten. Ich frage mich, wie sie auf die bescheuerte Idee kamen aus der Stadt ausgerechnet hierhin zuziehen.“

Steven setzte sich auf und die trübe Aussicht machte ihn schon jetzt depressiv. Er mochte das Meer und traf sich sogar regelmäßig mit seinen Jungs zum Angeln. Sie mieteten sich immer einen alten Kahn und kutterten den Potomac River runter zum Chesapeake Bay. Das Wetter war oft nicht besser, als in Jonesport. Aber Jonesport hatte etwas Beklemmendes, etwas Erdrückendes. Er wusste nicht, was genau es war. Er wusste nur, dass er froh sein würde, wieder von dort weg zu kommen.

„Deine Eltern waren dir zuliebe zu deinen Großeltern gezogen. Sie waren sich darüber einig, dass ein Kind nicht in einem kleinen Apartment in einer Großstadt aufwachsen sollte, sondern lieber in einer Umgebung, wo es Platz hat sich zu entfalten. Also entschlossen sie sich mit dir nach Silent Hill zu ziehen… Nein, das ergibt keinen Sinn. Ich verstehe es auch nicht.“, sagte Steven und grinste hämisch.

Emily nahm eine Abfahrt, die sie aus der Stadt hinausbrachte und sie auf eine von Schlaglöchern zerfurchte Landstraße führte, entlang der Küste und den angrenzenden Nadelwäldern.

„Fünf Jahre lebten wir hier. Es war die Hölle für mich. Mit den Kindern konnte ich mich nicht anfreunden. Sie waren abgehoben, seltsam und verschlossen. Eine Clique, zu der ich keinen Zugang gefunden hatte – und bitte, glaube mir. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben. Ich hatte eine beste Freundin. Für die fünf Jahre, in denen ich hier lebte, waren wir unzertrennlich. Sie kam auch aus der Stadt – deswegen hatten wir eine Gemeinsamkeit, die uns miteinander verband. Sie hatte dieselben Probleme Anschluss zu finden, wie ich. Eines Tages hatte ihr Dad einen neuen Job bekommen. Irgendwo an der Westküste. Sie waren über Nacht aufgebrochen und ich habe nur einen Brief zum Abschied von ihr erhalten. Es war schon seltsam.“

Sie fuhren die Küstenstraße ab und eine kleine Einfahrt hinauf zu einem alten Haus, das nach ihrer Meinung dringend einen neuen Anstrich gebrauchen konnte. Sie parkten vor der Garage und stiegen aus. Steven schlug den Kragen seiner Jacke auf, um sich vor dem Nieselregen zu schützen. Die Luft war feucht und kühl. Man hörte die Wellen, wie sie sich an den steilen Klippen der Steinküste brachen.

„War das nicht kurz nach deinem peinlichen Auftritt bei der Schulvorführung? Vielleicht hatte sich die Kleine dermaßen geschämt, dass sie ihre Eltern förmlich anflehen musste aus diesem Kaff zu verschwinden. Ich meine, Kinder sind grausam und unbarmherzig. Es war sicherlich schon schwer genug mit einem Freak wie dir hier abzuhängen.“

Er grinste über beide Ohren. Emily grinste zurück und zeigte ihm den Finger.

„Emy, meine Kleine! Da seid ihr ja! Habt ihr die Fahrt gut überstanden? Ich sagte doch, dass es nicht nötig war so eilig vorbeizukommen. Aber ich freue mich, dass ihr da seid. Steven, Junge, wie geht es dir? Was macht die Arbeit? Konntest du deine Jungs denn spontan einfach allein lassen?“

Die Stimme tönte von der überdachten Veranda und der kräftige, raue Bariton gehörte dem freudestrahlendem Mann, dem man ansah, dass er die siebzig zwar schon überschritten hatte, doch zu den glücklichen gehörte, die sich über die eigene Gesundheit nicht beklagen konnten. Doch der Schein könnte trügen, wie Emily mit dem letzten Telefonat in Erinnerung befürchtete.  

„Hallo Walter! Schön dich zu sehen. Keine Sorge, mein Assistent wird die Jungs schon antreiben und dafür sorgen, dass der Bau nicht zusammenbricht. Wir sind gerne vorbeigekommen, auch wenn mir ein Ausflug in den Süden zu dieser Jahreszeit mehr Spaß gemacht hätte, muss ich zugeben!“, sagte Steven.

Sie gingen die Treppe hinauf, Emily preschte voran, umschlang ihren Großvater und drückte ihm viele Küsse in das faltige Gesicht.  

„So schön dich zu sehen Grampa! Ich habe dich vermisst.“

Seine Augen strahlten und in seinem Lächeln war wie immer dieser wissende und leicht verschlagene Ausdruck. Er blieb der geheimnisvollste Mensch, die sie kannte und sie erkannte keine Spur von Senilität. Sie war erleichtert, aber auch um so verwirrter. Denn was hatte es dann mit dem Anruf auf sich.

„Kommt rein. Es ist zu kühl und nass hier draußen. Drinnen gibt es frischen, heißen Kaffee.“

Sie folgten Walter, aber Steven verharrte für einen kurzen Moment und hatte sich erschrocken. Eine Spinne hatte sich auf seiner Schulter verlaufen und krabbelte seinen Kragen entlang. Emily amüsierte sich über sein angeekeltes Gesicht, als er sie wegschippte.

****

Vor neunzehn Jahren stand Emily hinter dem Vorhang auf der Bühne in der Sporthalle der Medison High. Es war kurz vor der Halbzeit des Abschluss Events. Ihre Mitschülerinnen und Mitschüler hatten bereits Tanzeinlagen, musikalische Intermezzos und Gedichte zum Besten gegeben und die Zuhörerschaft sehnte sich nach einer Auszeit. Aber Emily blieb gelassen. Sie war sicher, dass ihr kleiner Vortrag interessant genug sein würde, um nicht ungewolltes Augenrollen und gelangweiltes Stöhnen hervorzubringen.

Mr. Pierce, ihr Geschichtslehrer, kündete sie an und leitete klatschenden Beifall ein. „Und jetzt noch ein kurzer Ausflug zurück in die Zeit unserer Gründer. Bitte begleiten Sie nun Emily auf ihre Reise in das siebzehnte Jahrhundert!“

Emily betrat die Bühne und ihre Augen mussten sich kurz an das Scheinwerfer Licht gewöhnen. Dann begann sie mit ihrem Vortrag. Ihre Freundin Madeleine unterstütze sie dabei, indem sie an den passenden Stellen des Vortrags Bildmaterial auf den Overheadprojektor legte.

„Die ersten Siedler waren Puritaner, die aus England über den Atlantik gesegelt waren, um sich vor politscher Verfolgung zu schützen und um in Amerika, dem neuen Kontinent, Sicherheit und Freiheit für ihren Glauben zu finden. Die Gemeinde bestand aus Bauern, Fischern, Handwerkern und Kaufleute.“

Madeleine legte Folien auf, die verschiedene Holzschnitte und Zeichnungen aus dieser Zeit abbildeten: Männer und Frauen bei der Arbeit auf dem Feld, Kaufleute beim Handeln mit Reisenden und fleißige Handwerker, die die Kirche bauten, die immer noch, zusammen mit dem Rathaus das Zentrum der Stadt bildete.

„Reverend Jones war Namensgeber, Pfarrer und erster Bürgermeister der Stadt.“ Ein Bild eines düster dreinblickenden, hageren Mannes in einer schwarzen Robe wurde auf den Projektor gelegt, der eine Predigt vor der Kirche hielt und warnend den Zeigefinger gen Himmel streckte.

„Die Gemeinde wuchs und es wurden die ersten Häuser gebaut, in denen auch heute noch viele Familien leben. Meine Familie wohnt sogar mit in einem der ersten Häuser, die die Siedler errichtet hatten.“

Die ersten Mägen begannen zu knurren und die Blicken schweiften immer öfter auf die Zeiger der Armbanduhren. Emily wusste, dass es Zeit an der Zeit war, das eigentlich interessante hervorzuholen. Sie warf Mr. Pierce einen verstohlenen Blick zu und deutete Madeleine nun das andere Material aufzulegen.  

„Im Archiv bin ich allerdings auf interessante Fakten gestoßen, die scheinbar in der Geschichte von Jonesport vergessen wurden. Bei der Suche nach Geburtsurkunden, stieß ich außerdem auf Vermisstenanzeigen, die in einer separaten Kartei geführt worden waren und offenbar falsch abgelegt worden sind. Ich besuchte das Archiv der Jonesport Gazette und entdeckte eine Auffälligkeit, die bis in die Zeit vor Siebzig Jahren zurückreicht.“

Madeleine legte jetzt nacheinander Kopien der Vermisstenanzeigen aus der Jonesport Gazette auf den Projektor. Ein Raunen erfasste die Sporthalle der Medison High und fegte die Müdigkeit seiner Besucher hinaus. Alle waren wieder hellwach und Mr. Pierce unterbrach seinen Flirt mit der Englisch Lehrerin Mrs. Galloway hinter der Bühne und er lauschte nun seiner Schülerin mit gespannter Aufmerksamkeit.

*****

Emily, Steven und Walter saßen gemeinsam am Küchentisch und tranken den frischgebrühten Kaffee. Emily blickte sich in der Küche um und sie fühlte sich eingekeilt zwischen Behagen und Bedauern. Es hatte sich seit damals nichts verändert. Alles war noch genauso, wie sie es in Erinnerung hatte. Anfangs, als ihre Großmutter verstorben war, hatte sie befürchtet, dass ihr Großvater mit dem Haushalt nicht mehr zurechtkommen würde und sie jemanden zum Putzen und Aufräumen engagieren müsste. Aber er kam anscheinend gut zurecht. Es war sauber, ordentlich und alles war gepflegt. Nachdem ihre Großmutter gestorben war ging in diesem Haus einiges drunter und drüber und Emily blieb zwei Monate bei ihm, bis er sich einigermaßen allein zurechtgefunden hatte. In seiner Generation gab noch eine sehr geschlechterspezifische Arbeitsteilung und Frauen und Männer hatten ihre strikt getrennten Sphären des Arbeitsbereichs. Die ihres Großvaters war die Arbeit im Fischereibetrieb und ihre Großmutter kümmerte sich um die häuslichen Angelegenheiten. Als er allerdings in Rente gegangen war, rührte er natürlich keinen Finger im Haus, denn das war natürlich Frauensache. Männersache war es anscheinend sich von morgens bis abends bedienen zu lassen, während man selbst den lieben langen Tag vor dem Fernseher saß und sich den Sportkanal ansah.

„Grampa, du warst am Telefon so aufgelöst und durcheinander.“ Es wurde Zeit den unangenehmen Grund ihres Besuchs offen anzusprechen. Sie konnte sehen, dass Walter bereits darauf gefasst war. „Ich konnte nicht verstehen worum es ging. Ich konnte dich kaum beruhigen, deshalb hatte ich Mrs. Bradock darum gebeten, nach dir zu sehen. Ich hoffe, das war in Ordnung und du nimmst mir das nicht übel. Hat sie mit dir gesprochen? Wie geht es ihr überhaupt?“

Sie musste sich eingestehen, dass auch Mrs. Bradock, Ellen, einen seltsamen Eindruck am Telefon auf sie hinterlassen hatte. Ellen war in ihrem Alter. Sie waren als Teenager nicht die besten Freunde, aber man wohnte fast nebenan und als Emilys Eltern verstorben waren, hatten sich Ellens Eltern um sie gekümmert.

Walter lächelte verschmitzt und machte eine beschwichtigende Geste.

„Alles in Ordnung. Ich weiß, dass ich keine siebzig mehr bin und ihr euch Sorgen macht, ob der alte Herr hier oben in seinem Stübchen noch rund läuft und allein zu recht kommt, stimmts? Übrigens, schöne Grüße von Ellen. Ihr geht es gut. Sie kam noch am selben Abend, als ihr gesprochen habt zu mir rüber und wir haben einen Kaffee zusammen getrunken. Wusstest du das ihr Mann jetzt Martins Fischereibetrieb übernimmt?“

Er wollte ablenken, aber Emily ließ das nicht zu. Sie sah ihn tiefernst an und er wusste, dass er ihr so leicht nicht davonkommen würde.

„Walter, was war an diesem Abend los?“

Walter seufzte und nickte. Er musste es ihr noch einmal erzählen, denn es war ein Fehler gewesen sie direkt nach dem Ereignis anzurufen. Aber irgendjemanden musste er es erzählen.

„Du weist doch, dass die bekloppten Jagdtouristen auch außerhalb der Saison und des Gebiets auf Bärenjagd gehen?“ Emily nickte. „Das treibt die Tiere manchmal in Gegenden, wo sie sich normalerweise nicht aufhalten, wie in Jonesport.“ Emily hatte davon gehört. Vor ein paar Jahren sind Wanderer auf einen Bären gestoßen und kamen nochmal mit einem blauen Auge davon. Der Bär wurde dann von den Sheriffs erlegt. Sie hasste die Hillbilly Deppen mit ihren Knarren. Das haben wir vor zweihundert Jahren genauso gemacht. Ist halt Tradition. Idioten… Sklavenhalten hatte auch eine lange Tradition. Emily schob ihre Hassgedanken beiseite, um sich wieder auf Walter zu konzentrieren.

„An dem Abend, sah ich im Wald hinter unserem Garten ein Leuchten und war mir sicher einen Bären gehört zu haben. Ich wollte mir die Sache ansehen und dann sah ich es.“

Steven und Emily sahen einander mit Skepsis an, während Walter eine dramatische Pause einlegte. Sie merkten, wie schwer es ihm fiel, darüber zu sprechen.

„Ich war vielleicht hundert Meter in den Wald hineingegangen. Ich hatte meine Taschenlampe dabei, denn es war bereits dunkel. Es klang, als wäre der Bär verwundet, also rief ich nach den Jägern, sie sollen gefälligst ihre gottverdammten Flinten wegstecken. Ich nahm mein Handy, um den Sherriff zu alarmieren, als das Schreien des Bären verstummte und diese schmatzenden Geräusche an seine Stelle getreten waren. Ich ging durch das Dickicht und näherte mich den Geräuschen. Eine innere Stimme sagte mir „Walter, sieh zu, dass du dort verschwindest!“, also trat ich den Rückzug an.“

„Dann ist doch alles gut, Grampa. Dann war es wahrscheinlich der Bär selbst, der irgendein Tier erlegt hat. Lass und den Sherriff anrufen, dass er sich mit dem Tierschutz in Verbindung setzt. Wenn sich hier wirklich ein Bär auf Abwegen herumtreibt, müssen wir die Nachbarn warnen. Alles wird gut. Das war ein bisschen viel für dich, stimmts?“

Sie legte ihre Hand auf seine Schulter. Walter umschloss sie mit der der seinen und lächelte.

„Ich werde wohl doch langsam alt, was meinst du?“

Emily schüttelte den Kopf und nippte an ihrem Kaffee. Trotzdem war es seltsam. Sie würde nochmal mit Ellen sprechen, um herauszufinden, in welcher Verfassung ihr Grampa wirklich an diesem Tag war.

Steven trank seinen Kaffee leer und er fühlte sich gleich wie ein neuer Mensch. Das musste er dem alten Mann lassen. Sein Kaffee war verdammt gut. Stevens Blick fiel auf ein Foto auf der Vitrine. Es zeigte Emily, ihre Eltern und Großeltern vor der Sporthalle der Medison High.

„Hey, Schatz. Ist das Bild nicht von dem Abend deiner berüchtigten Rede, die die armen Leute hier wahrscheinlich nächtelang nicht mehr einschlafen ließ? Die Gruselgeschichte habt ihr wohl im Blut. Selbst den armen Walter hat dein Vortrag Jahrzehnte lang verfolgt, wie wir sehen.“

Emily, Steven und Walter lachten, aber Walters Lachen kränkelte ein wenig vor Unsicherheit. Kurz herrschte Stille und ihr Großvater fühlte sich ertappt. Um ihn nicht weiter in Verlegenheit zu bringen erzählte Emily weiter.   

„Ja, allerdings. Du siehst aber, dass wir allesamt einen Heiden Spaß hatten. Mein Vortrag hatte diese langweiligen Spießer zumindest wieder aufgeweckt.“

*****

„Seit der Zeit der Gründer dieser Stadt verschwanden in einem Zyklus von etwa siebzig Jahren immer wieder Menschen spurlos. Männer, Frauen, Kinder… Ihre Anzahl schwankte zwischen fünf und vierzehn.“

Madeleine legte weitere Vermisstenanzeigen aus Zeitungen auf den Projektor. Die ersten waren noch Kopien von Tuschezeichnungen der Vermissten, dann waren es vergilbte und verblasste Fotografien der Vermissten aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Die letzten Dokumente waren aus der Mitte der zwanziger Jahre.

„Die Zeiträume, in denen die Menschen verschwanden, waren nicht regelmäßig und schwankten zwischen plus und minus sechs bis acht Jahren. Die Polizei hatte jedes Mal die Suche nach einigen Wochen wiedereingestellt. Die Leute hatten es auf Unfälle, Angriffe von Bären oder Wildkatzen oder auf Familienstreitigkeiten zurückgeführt. Es gab allerdings nie auch nur den kleinsten Hinweis auf ihr Verbleiben. Und jetzt, heute, siebzig Jahre später, scheint es niemanden zu kümmern, dass wieder etwas passieren könnte. Ist euch die Geschichte denn wirklich unbekannt?“

Sie richtete die Frage mit einem unterdrückten Lächeln und funkelnden Augen an das Publikum. Entrüstung und Scham verbreitete sich unter den Vätern und Müttern. Einige wollten sie in diesem Moment anscheinend sehr gerne als Hexe auf dem Scheiterhaufen werfen. Es waren auch Deputies unter den Eltern, die sich natürlich so fühlten, als hätte Emily ihnen Inkompetenz vorgeworfen.

„Danke. Emily.“ Mr. Pierce betrat im Eiltempo die Bühne, als er merkte, dass der Vortrag nun aus dem Ruder lief. „Das war wirklich sehr spannend und ist sicherlich ein interessanter Stoff für einen Schauerroman, aber mit der Geschichte unserer schönen Stadt hat es nun wirklich nichts zu tun.“

„Ich bin noch nicht fertig.“, protestierte Emily, doch Mr. Pierce schnitt ihr das Wort ab. „Wir können dein Material bestimmt nochmal durchgehen und dann werden uns sicherlich so einige Ungereimtheiten an deiner Theorie auffallen.“ Er schob sie von der Bühne und die ebenfalls brüskierte Mrs. Galloway umschloss fest ihr Handgelenk, aus Angst, dass Emily wieder auf die Bühne läuft.

„Ich denke jetzt ist es an der Zeit für eine kleine Pause. Es gibt Pencakes und Limonade und im Anschluss geht es weiter mit dem Unterstufen Chor!“

Wieder stimmte er einen Applaus an, aber es kamen nur wenige Klatscher zurück.

*****

„Und war an der ganzen Geschichte überhaupt etwas dran? Ich meine, sind wieder Menschen verschwunden. Vor etwa zwanzig Jahren muss doch der nächste Zyklus stattgefunden haben, oder nicht?“, fragte Steven und ließ sich von Walter noch eine Tasse Kaffee nachschenken.

Emily stocherte mit dem Teelöffel in ihrem Kaffeesatz herum, als ob sie dort eine Antwort auf Stevens Frage finden würde.  

„Nein. Niemand ist verschwunden. Mr. Pierce wollte nach dem Wochenende der Veranstaltung mit mir die Dokumente durchgehen, aber es kam ja nie dazu. Denn das war das Wochenende, an dem Mom und Dad auf eine ihrer vielen Geschäftsreise gehen mussten.“

Emily verkniff sich eine Träne. Steve drückte ihre Hand. Es passierte häufig, wenn der Unfall angesprochen wurde, denn ihre Eltern starben bei einem Flugzeugabsturz. Emily kam in die Obhut von Walter und seiner Frau. Sie verließ Jonesport mit neunzehn, als sie auf das College ging.

„Ich lass euch beide mal kurz allein. Die Toilette war hinten am Ende des Flurs, richtig?“, fragte Steven.

„Nein, bitte, die Toilette hier im Flur ist defekt… Es sind die Rohre. Sie müssen unbedingt erneuert werden. Nimm doch so lange die Toilette unten im Keller. Tut mir leid, aber die Handwerker waren noch nicht da.“

Steven machte sich auf den Weg und Emily widmete sich wieder Walter, der sich immer noch sichtlich für seine Erzählung schämte. Sie versuchte ein wenig von dem Thema abzulenken.

„Hast du mir als Kind nicht immer verboten in den Keller zu gehen?“, fragte sie. „Die Tür war sogar mit einer schweren Kommode verbarrikadiert. Ich kann mich nicht daran erinnern, je dort unten gewesen zu sein.“

„Ich gebe es zu. Du hast mich erwischt. Ich hatte damals ein Pornostudio am Laufen und musste es natürlich vor deinen Eltern geheim halten. Denkst du etwa man kann sich solch ein großes Haus und Grundstück leisten, indem man in einem Fischereibetrieb arbeitet. Ich bitte dich.“

Emily prustete ihren Kaffee aus und hielt sich die Hand vor dem Mund. Dann kam sie auf das eigentliche Thema zurück.

„Grampa, ist alles in Ordnung? Dieses Tier, das du gesehen hast… bist du sicher, dass es nicht ein Bär gewesen ist?“

Walter wurde ernst und sah ihr jetzt tief in die Augen.

„Es war drei Meter groß, hatte acht haarige Beine, einen langen Schwanz, an dessen Ende eine phosphoreszierende Substanz in einer Art Stachel glühte. Es hatte Fangzähne und tausende kleine schwarze Augen. Meine Kleine, das war kein Bär… Das war ein gottverdammtes Alien!“

Emily lachte. Aber Walter blieb todernst. Er sagte die Wahrheit. Sie sah es in seinen Augen. Hatte er den Verstand verloren?

Steven rief laut aus dem Keller und unterbrach die Stille in der Küche.

„Walter, ich habe hier ein kleines Problem! Ich denke, dass die Leitungen hier unten auch defekt sind!“

Walter drückte Emilys Hand. Sie schluckte schwer.

„Entschuldige mich, Kleines!“

„Ja, sicher. Ich setzte uns in der Zeit noch einen Kaffee auf.“

„In Ordnung.“

Walter ging in den Keller. Emily stand auf und ging zur Kaffeemaschine. Sie wussten nicht, was sie jetzt denken sollte. Ihr Großvater war nicht mehr bei klarem Verstand. Und es schmerzte sie ihn so zu sehen.

Sie entfernte den alten Filter, legte einen neuen ein und löffelte frisches Pulver aus der antiken Metalldose hinein. Sie hatte diese Dose ihrem Großvater vor Jahren geschenkt. Sie war noch ein kleines Kind und marschierte mit ihren Eltern über einen Trödelmarkt, um ein Geschenk für ihren Großvater zu finden.

Ihre Gedanken umkreisten die Vergangenheit, in der ihre Großeltern für sie da waren. Jetzt würde Walter sie brauchen. Und sie würde für ihn da sein. Sie blickte durch das Küchenfenster hinaus in den Regen, der hinab auf den Garten und den dahinter liegenden, endlosen Wald fiel. Ein schwacher orangeroter Schimmer flackerte zwischen dem Geäst im Unterholz. Ein Feuer? Hoffentlich nicht Kinder, die auf Dummheiten gekommen waren. Jonesport hatte dadurch schonmal einen außer Kontrolle geratenen Brand zu bekämpfen. Schuld waren fünf Jungs, die im Wald gezündelt hatten.

„Hey ihr beiden. Draußen spielt anscheinend jemand mit Feuer. Ich geh mal nachsehen!“, rief sie in den Keller hinunter. Die Männer hatten sie nicht gehört. Sie hörte wie das Werkzeug klimperte und entschloss sich wieder da zu sein, ehe sie überhaupt bemerkt hatten, dass sie weg gewesen war. Sie zog ihre Jacke an und ging durch die Hintertür hinaus in den Garten, überquerte die Wiese und lief in Richtung des flackernden Lichts.

*****

„Emily! Emy!“, rief Steven.

Seine Stimme war heiser. Seine Kehle schmerzte. Seit Stunden suchten sie bereits nach ihr. Walter hatte sich dem Suchtrupp im Süden angeschlossen und Steven kämpfte sich mit den vielen freiwilligen Helfern Richtung Westen.

Nachdem Steven und Walter die Rohre im Keller provisorisch repariert hatten, stellte sie fest, dass Emily fort war. Sie hatte ihr Handy in ihrer Handtasche in der Küche gelassen. Der Wagen parkte noch in der Einfahrt. Walter und Steven suchten die angrenzenden Wälder ab. Nach zwei Stunden riefen sie die Nachbarn zur Hilfe. Dann informierten sie das Sherriffs Departments, die eine Fahndung herausgaben, die Presse informierten und weitere Suchtrupps organisierten. Aber auch nach zwei Wochen, fand man nicht die geringst Spur von Emily.

In den darauffolgenden kommenden Tagen wurde das FBI hinzugeschaltet werden. Emily hatte damals gute Vorarbeit geleistet, als sie das Material in den Archiven zusammengesucht und den Fall damit quasi eingeleitet hatte. Die FBI Agents würden auf ihre Recherche zurückgreifen und die Spur der Vermissten weiterverfolgen.

*****

Sie öffnete ihre Augen. Was war geschehen? Ihre Sicht war verschwommen und es war dunkel. Eine Art Netz lag vor ihren Augen. Als sie es wegwischen wollte, merkte sie, dass sie ihre Arme und Beine nicht bewegen konnte. Sie war gefesselt. Ihr Herz raste und Adrenalin pumpte durch ihre Venen. Sie wollte schreien, aber vor ihrem Mund lag eine klebrige, muffige Substanz, durch die nur ihr dumpfes Stöhnen drang. Wo war sie? Sie fühlte sich schwerelos, aber dann spürte sie, dass sie von der Decke herabhing. Sie fühlte sich wie in einen Kokon eingewickelt. Womit auch immer sie gefesselt war, es hatte sie völlig umschlungen. War es dieselbe klebrige, muffige Substanz, mit der auch ihr Mund geknebelt war? Sie konnte nichts sehen, aber ihr Gefühl kam langsam wieder zurück in ihre Glieder. Sie konnte wieder ihre Zehen und Finger bewegen. Jemand musste ihr im Wald aufgelauert sein, sie betäubt und dort hingebracht haben. Die Luft war kühl und feucht. Sie hörte einzelne Wassertropfen, die im Raum verhallten. Hatte man sie in einen Keller geschleift? Irgendein kranker Scheißkerl? Sie musste sich befreien. Sie musste fliehen. Die Betäubung war jetzt ganz abgeklungen. Sie zerrte an ihren Fesseln und schwenkte ihren baumelnden Körper hin und her. Aber so sehr sie sich auch anstrengte. Sie erreichte nichts. Verzweifelt schrie sie wieder in diese klebrige, muffige Masse hinein.

Dann erkannte sie durch den Schleier vor ihren Augen ein orangenes Flimmern, dass langsam näherkam und den Raum erleuchtete. Dem Licht folgte ein seltsames Trippeln. Es klang, als ob mehrere Leute in kurzen, schnellen Schritten auf sie zueilten. Der Raum wurde heller. Dunkle, unebene und steinige Wände, die mit dicken, dichten Spinnennetzen verhangen waren. Es war eine Höhle. Aber der feuchte, modrige Geruch hatte noch einen anderen Ursprung. Emily versuchte ihren Kopf zu bewegen, um mehr von ihrem Umfeld sehen zu können. Dann schrie sie so laut wie sie in ihrem Leben noch nie geschrien hatte. Sie wollte sterben. Auf der Stelle. Um nicht das zu erfahren, was auf sie zukam. Neben ihr, überall in der Höhle, halb verdeckt unter den Netzen, lagen dutzende von Leichen. Sie alle waren in unterschiedlichen Phasen der Verwesung angelangt. Leere Augenhöhlen blickte sie mitleidvoll an.

Das Licht und Trippeln kamen näher. Zu dem hatte sich ein Zischen und ein schmatzendes, fauchendes Gurgeln unter die Geräusche gemischt. Sterben. Sie betete zum ersten Mal in ihrem Leben und flehte Gott an sie doch jetzt einfach sterben zu lassen, bevor dieses Wesen sie erreichen würde. Doch da stand es schon vor ihr. Tausende kleine, schwarze, funkelnde Augen blickten in die ihren. Emily hörte auf zu schreien und weinte nur noch still. Der Schmerz war kurz und intensiv. Durch die Betäubung spürte sie kaum wie ihre Organe durch die Bauchdecke herausgesaugt wurden. 

*****

„Wir werden sie finden, Junge, hörst du? Wir finden Emy!“

Walter klopfte Steven väterlich auf die Schulter. Aus seinen müden, in Tränen eingelegten Augen war jeder Hoffnungsschimmer verschwunden.

Walter wollte gerade neuen Kaffee aufsetzen, da klopfte es an die Tür. Walter öffnete und vor ihm stand ein Mann in einem Trenchcoat. Darunter trug er einen Anzug. Er war Mitte bis Ende dreißig und sein übermüdeter Gesichtsausdruck täuschte nicht von der Klarheit seiner Augen hinweg, hinter denen unübersehbar ein wacher Verstand arbeitete. Dieser Mann erweckte bei Walter irgendwie den Eindruck aus der Zeit gefallen zu sein.

„Mr. Thomas? Ich bin Salomon Baker. Ich bin Privatdetektiv und auf besondere Fälle wie den ihren spezialisiert. Ich möchte ihnen helfen.“

 

ENDE

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

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