404 – DEAD LINK

 | Kapitel I – Das Biest |

Dean stieg den schmalen, steilen und steinigen Pfad hinauf. Julia folgte ihm und atmete die warmen Strahlen der untergehenden Sommersonne auf ihrem Gesicht. Neben ihnen erstreckte sich das bewaldete Tal, ein Meer aus immergrünen Tannen, in dessen Mitte ein weiter See smaragdgrün glitzerte. Dean und Julia hatten heute einmal keine Eile. Nach Langem hatten sie wieder einmal zusammen Urlaub und waren erfolgreich der Hektik des Alltags der Großstadt entkommen. Hier konnten sie wieder aufatmen, den Kopf freibekommen und sich Zeit für sich nehmen.
Sie waren von ihrer Hütte am See am Fuß des Berges aufgebrochen. Der Weg, der anfangs noch eben war und erst allmählich an Steigung gewann, war jetzt steinig, steil und kaum noch zu erkennen.  Das Plateau wollten sie vor Sonnenuntergang erreichen und gemeinsam den Ausblick von der Spitze des Berges erleben. Dort wollten sie dann übernachten und am nächsten Tag wieder hinabsteigen. Pure Romantik.
Julia stolperte und verlor den Halt auf dem losen Geröll. Nur wenige Schritte neben ihr verlief ein tiefer Abhang bis weit hinunter ins Tal. Doch ehe sie stürzen konnte, hatte Dean sie bereits aufgefangen. Er reagierte schnell, fing sie behutsam auf und zog sie wieder auf die Beine. Er lächelte verspielt.
„Halte deine Augen auf, Big Bird.“
„Ich wollte nur deine Reflexe testen, Soldat.“, erwiderte sie, ließ sich ganz nah heranziehen und küsste ihn.
Der Pfad wurde mit jedem Schritt unwegsamer, steiler und sie mussten immer häufiger über Geröll klettern. Julia tastete sich vorsichtig voran. Dean stützte sie und hielt ihre Hand. Sie war unsicher und solche Aufstiege nicht gewohnt. Er kannte diese Art von Klettertouren noch aus seiner Zeit bei der Army.
„Wir sind fast da. Nur noch ein kleines Stück.“, ermutigte er sie.
Julia lächelte ihn an, aber das Lächeln war nicht mehr so sorgenfrei, wie zu Beginn ihres kleinen Trips. Der Aufstieg erwies sich tückischer, als sie es angenommen hatte. Sie hatte kein gutes Gefühl mehr, gab sich aber Mühe, es sich nicht anmerken zu lassen. Zum einen, weil sie Dean nicht enttäuschen wollte, zum anderen – und das trieb sie immer am meisten an – weil sie es sich selbst beweisen wollte. Sie war nun einmal eine Kämpfernatur und gab nie so leicht auf.
Der Pfad endete schließlich an einer steilen Felswand.
„Tja, und was jetzt? Wir sind mit Sicherheit doch falsch abgebogen. Das hier sieht mir nicht nach der üblichen Touristenroute aus.“
„Dies hier ist doch dein Terrain, Soldat! Oder etwa nicht? Wenn wir das nächste Mal wieder zu einem Staatsbankett geladen sind, werde ich dafür vorangehen, okay?“
Dean blickte sich um und erspähte einen alternativen Weg, hinter der Böschung am Rand der Felswand. Dort war der Aufstieg zwar immer noch sehr steil, doch boten die hervorstehenden Felsen einen vielversprechenden Halt.
„Lass es uns dort drüben versuchen. Du gehst voran, dann kann ich dich stützen.“, schlug er vor.
„Du meinst, damit ich dich notfalls hochziehen kann?! Ich glaube, du willst dich bloß an der Aussicht laben, gib es zu!“, flachste Julia.
Sie kletterte entschlossen voran. Das Plateau war bereits in Sicht und es waren nur noch wenige Meter. Sie schaffte den Aufstieg ohne Deans Hilfe, worauf sie schon ein wenig stolz war. Sie zog sich mit aller Kraft den letzten Meter hinauf.
„Wir müssen uns beeilen, wenn wir den Sonnenuntergang nicht verpassen wollen!“, rief sie ihrem Mann zu, der ihr dicht auf den Fersen war.
Als sie bereits mit ihren Ellenbogen auf dem Plateau lehnte, konnte sie den Horror, der ihr plötzlich gegenüberstand, nicht fassen. Ein riesiger, dunkler Wolf hatte sich vor ihr aufgebaut. Er fletschte die Zähne und sein Geifer rann ihm aus dem Maul. Julia konnte sich nicht bewegen. Sie konnte noch nicht einmal atmen, geschweige denn um Hilfe schreien. Sie war starr vor Angst. Sie blickte in die Augen des Wolfs und sie waren blutrot. Das konnte unmöglich real sein. Diese riesige Bestie konnte unmöglich wirklich existieren. Wie ein dunkler Blitz schnellte das Biest auf sie zu. Julia reagierte instinktiv und ließ sich so schnell wie nur möglich wieder vom Plateau hinab
„Dean!“
Sie verlor den Halt und fiel. Dann schloss sich eine Hand fest um ihr Handgelenk. Ein beißender Schmerz drang durch ihren Arm, aber ihr Mann hatte sie vor einem tiefen Sturz bewahrt.
„Julia! Halt dich fest, versuch die Felswand zu erreichen. Halte dich fest!“
Sie griff nach der Wand und konnte wieder sicheren Halt fassen. Über ihrem Kopf spielte sich im Bruchteil einer Sekunde das Grauen ab. Der dunkle Wolf, diese schwarze Bestie mit den feuerroten Augen, stürzte sich auf ihren Mann und sie beide fielen die Felswand hinunter. Die Bestie fiel heulend in den Abgrund, aber Dean konnte sich noch im letzten Augenblick an einer Felskante festklammern.
„Dean! Halte durch, ich komme zu dir runter!“
„Julia! Bleib dort. Ich schaffe das schon…“
In diesem Augenblick brach der Fels, an dem sich Dean gehalten hatte, heraus. Julia schrie seinen Namen als er stürzte. Sie streckte die Hand verzweifelt nach ihm aus, um ihn wieder aus dem Abgrund herauszuziehen. Aber sie konnte ihren Mann bereits nicht mehr sehen. Die Welt um sie herum wurde dunkel. Ihr Schrei verhallte in der Dunkelheit. Alles um sie herum wurde von einem Nebel aus Nichts verschlungen…

Ihr eigener Schrei hatte sie aus dem Schlaf gerissen. Hastig tastete sie nach dem Schalter der Lampe auf ihrem Nachttisch. Ein Traum. Ein Albtraum. Schon wieder. Seit Wochen immer wieder derselbe Traum. Sie setzte sich auf und steifte sich den Schweiß von ihrem Gesicht. Ihr T-Shirt war komplett durchnässt. Ihr Herz raste, als wäre sie einen hundert Meter Lauf gesprintet. Die feuerroten Augen der Bestie hatten sich in ihre Netzhaut gebrannt und sie starrten sie immer noch von der dunklen Zimmerecke aus an. Ein penetranter Klingelton schallte auf einmal durch ihr Schlafzimmer. Wieder schreckte sie auf. Aber nur kurz. Es war ihr Handywecker. Sie wollte schon längst einen anderen Weckruf eingestellt haben. Sie tastete mit der einen Hand nach ihrem Handy, mit der anderen wischte sie sich den Schlaf aus den Augen. Sie stellte den Weckruf aus und ihr blick streifte nur für einen kurzen Moment das Display ihres Handys. Sie war sicherlich noch nicht ganz wach, oder noch im Halbschlaf, aber sie hätte schwören können, dass sie „Big Bird …“ und eine Reihe von Zahlen auf ihrem Handy hat aufleuchten sehen. Sie blickte wieder in die dunkle Ecke ihres Schlafzimmers. Die Augen der Bestie waren verschwunden. Sie inspizierte das Smartphone und durchsuchte auch noch einmal ihre SMS, WhatsApp- und E-Mail Nachrichten, aber keine Spur von einer Nachricht, die auf einen ähnlichen Inhalt hingewiesen hätte. Sie musste es geträumt haben.
Julia stand auf und ging ins Bad. Es war 5:00 Uhr. Die Pressekonferenz war auf 9:00 Uhr angesetzt. Sie musste sich beeilen. Ihr Mann war vor zwei Jahren spurlos verschwunden. Sie dachte, sie hätte den Verlust bereits besser verarbeitet. Jetzt verfolgte sie dieser Traum schon seit Wochen. Warum nur? Sie war nie mit Dean zusammen in den Bergen. Und der Wolf? Sie war in New York aufgewachsen. Sie war durch und durch ein Stadtkind. In ihrem Lebenslauf kam nie ein großer, böser Wolf vor. Was hatte das alles zu bedeuten? Dean war tot. Damit musste sie sich abfinden. Die Chancen, ihn wiederzusehen, lagen bei null. Das war sie so oft mit der Polizei, dem Privatdetektiv, den sie engagiert hatte und ihrem Psychiater durchgegangen. Sie hatte es akzeptiert. Wieso jetzt diese Träume. Sollte Sie lieber wieder Dr. Martin aufsuchen? Aber vorerst hatte sie wichtigeres zu tun. Und das war gut so. Ihre Arbeit half ihr dabei, sich abzulenken und nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Sogar ihr Boss hatte mittlerweile die Samthandschuhe wieder abgestreift und stand wieder mit ihr auf dem gewohnten Kriegsfuß. Sie liebte ihren Job. Und den hatte sie jetzt zu erledigen, um endlich den Artikel über Präsident Trumps Russlandkontakte zu Ende zu bringen. Und dafür musste sie es rechtzeitig zur Konferenz schaffen.
| Kapitel II – Big Bird |

Julia hatte gehofft vor dem Berufsverkehr die South Dakota Avenue hinter sich zu lassen, aber an diesem Morgen war sie mehr durch den Wind, als sonst. Natürlich hätte sie all ihre Unterlagen, die sie für ihr Interview parat haben musste, auch an dem Abend zuvor zusammenlegen und ausdrucken können. Aber sie gehörte zu den Menschen, die den Zeitdruck der Deadline im Nacken spüren müssen, ehe sie sich um unangenehmen Papierkram kümmern.
Es war bereits 8:30 Uhr. Es würde an einem Wunder grenzen, wenn sie es pünktlich um 9:00 Uhr zur Pressekonferenz im Weißen Haus schaffen sollte.
Das Taxi hielt vor dem Redaktionsgebäude der Washington Post. Julia drückte dem Fahrer eilig 20 Dollar in die Hand und stürzte hinaus.
„Hey, Miss!“, rief der Fahrer hinter ihr her. „Sie haben ihre Tasche vergessen!“
Julia verfluchte sich innerlich und machte noch einmal kehrt.
„Können Sie mir einen Gefallen tun?“, bat sie den Fahrer. „Können sie hier auf mich warten? Ich muss zu einem dringenden Termin ins Weiße Haus. Ich bin in drei Minuten wieder hier.“
„Zu Konferenz mit Trump?! Aber nur wenn sie ihm zeigen, was die Fake News so alles draufhaben!“, witzelte der Mann. „Aber klar, ich warte dort drüben auf sie!“
„Ich danke ihnen!“, sagte Julia und war bereits wieder auf dem Weg. Dieses Mal mit ihrer Tasche.

„Julia! In zwanzig Minuten geht die Konferenz los! Was um alles in der Welt tust du noch hier?! Schnapp dir den Jungen und dann sieh zu, dass du wegkommst! Ich habe deine ewige Trödelei auf dem letzten Drücker allmählich satt! Deinetwegen bekomme ich noch einen Herzinfarkt!“
Alan Baxter. Julias Boss und stellvertretener Redakteur der Post. Ein klobiger Mittfünfziger, der kein anderes Leben kennt, als seinen Job. Auch an diesem Tag sah Baxter wieder aus, als hätte er in seinem Anzug geschlafen, wenn überhaupt in den letzten zwei oder drei Tagen.
„Bin schon auf dem Weg, Boss! Wo ist Nick?!“
„Bin startklar, Red! Schon seit einer Stunde! Wo bist du nur gewesen?“, fragte der junge Fotograf, Nick Fuller, seine Mentorin, als er mit zwei Bechern Kaffee aus der Kantine zu Julia hinüber stolperte. Dabei wäre er fast mit Baxter zusammengestoßen, der ihn wie ein wütender Stier anblickte, sich dann aber wieder auf Julia konzentrierte, die wild in den Schubladen ihres Schreibtischs herumkramte.
„Julia! Verschwindet ihr jetzt endlich?! Das ist die Story! Der Präsident ist so kurz davor zurückzutreten und ich will gefälligst jedes einzelne Wort seiner Erklärung gedruckt sehen! Und was ist mit deinen Informanten?! Ich hoffe deine Quellen sind dieses Mal hieb- und stichfest! Wenn sie wieder einen Rückzieher machen, wie in der BP Sache, haben wir einen riesen Imageschaden und du bist dann endgültig deinen Job los!“, schnaubte Baxter sie an.
Julia war fündig geworden und hielt ihrem Boss schadenfroh eine Akte unter die Nase.
„Oh Alan, mein Lieber, er wird zurücktreten. Ich war vorsichtiger und habe aus meinen Fehlern gelernt. Heute wird uns niemand in die Suppe spucken!“, sagte sie verheißungsvoll, griff Nick unter den Arm und die beiden verschwanden durch die Redaktionstür Richtung Aufzüge.
„Und deine Zeugen sind auch wirklich zuverlässig? Ich meine, bei der BP Geschichte hattest du mit deiner Menschenkenntnis ziemlich danebengelegen. Die haben dich ganz schön sitzenlassen.“, mahnte sie Nick, während der Aufzug sie zurück ins Erdgeschoss brachte.
Julia überflog ihre Unterlagen und schien nur mit einem Ohr hinzuhören.
„Nicki, du hast noch viel von dem Business hier zu lernen und bei Gelegenheit erkläre ich dir auch alles. Aber heute siehst du zu, dass du gute Fotos bekommst, okay?“, reagierte sie entnervt.
Sie stiegen in das Taxi, dass auf sie gewartet hatte und fuhren los. Julia verstaute ihre Unterlagen in ihrer Tasche. Dann schloss sie für einen kurzen Moment die Augen, atmete tief durch und versuchte sich zu beruhigen. Sie bereute den groben Tadel, den sie Nick gerade vor den Kopf geworfen hatte.
„Tut mir leid, Nick. Die Story hat in den in den letzten Wochen einfach viel an mir gezehrt. Meine Nerven liegen blank. Aber weißt du was, wenn wir das hier überstanden haben, gebe ich heute Abend einen aus. Was hältst du davon?“, fragte Julia und gab Nick einen verspielten Punch auf die Schulter.
„Aua. Na gut, aber nur wenn du aufhörst, dich wie eine Domina aufzuspielen!“ Er rieb sich die Schulter.
„Nick, du bist eine Pussy. Für unseren Job brauchst du ein dickes Fell und spitze Ellbogen, merk dir das. Ich denke, ich habe dir heute genug gelehrt, junger Padawan. Mach dich bereit, gleich die Action los!“
Das Taxi hielt an der Pennsylvania Avenue vor dem Weißen Haus. Julia kramte nach ihrer Brieftasche und warf einen Blick auf das Taxameter. Sie erstarrte, als sie sah, was das Gerät anzeigte. Ihr wurde schwindlig und dachte sie würde immer noch träumen. Sie hatte noch nie halluziniert. Aber heute bereits zum zweiten Mal. Sie blinzelte, aber es stand immer noch dort.
„big bird.“
Das Taxi hielt in zweiter Reihe und die hinter ihm fahrenden Autos begannen zu hupen.
„Hey Miss, aufwachen. Ich darf hier nicht einfach so stehenbleiben!“, mahnte der Taxifahrer.
Nick stupste Julia an, sie blinzelte nochmals und die Anzeige auf dem Taxameter zeigte acht Dollar fünfunddreißig an. Julia rieb sich ihre Augen, fasste sich wieder und nahm zehn Dollar aus der Brieftasche, die sie dem Fahrer reichte.
„Danke, Entschuldigung. Stimmt so.“
Sie stieg eilig aus und atmete die frische Oktoberluft tief ein. Sie merkte, dass ihre Hand zitterte. Das kann doch nicht sein, dachte sie. Die Arbeit, es war zu viel, sie musste nach dieser Story unbedingt wieder runterkommen. Das war alles. Sie war einfach nur überarbeitet.
„Julia, ist alles in Ordnung? Was ist los? Du wirkst so durcheinander. Als hättest du einen Geist gesehen.“ Nick fasste sie sanft an die Schulter und gab ihr ihre Tasche in die Hand. Julia seufzte und nahm sie dankend entgegen. Sie hatte sie wieder in dem Taxi liegen lassen.
„Alles in Ordnung, Nick. Es war etwas viel in letzter Zeit. Komm, lass uns zusehen, dass wir dort reinkommen. Die Konferenz geht jeden Moment los!“

Der Presseraum des Weißen Hauses war seit langem einmal wieder gefüllt. Es waren tatsächlich auch die Zeitungen vertreten, die ansonsten gerne ausgeladen wurden, weil sie zu unbequem für Trumps Pressesprecher wurden und die Fake News mussten schließlich im Zaum gehalten werden.
Julia hatte einen Platz für die Post in der dritten Reihe. Nick versuchte sich eine gute Position für seine Bilder zu erkämpfen und gab sich Mühe seine „spitzen Ellbogen“ einzusetzen.
Alles war bereit und die Journalisten warteten ungeduldig auf den Auftritt des Präsidenten. Julia merkte, wie ihr Handy in der Tasche vibrierte. Handys mussten zwar nicht abgegeben, aber während der Konferenz ausgeschaltet werden. Julia erntete einen tadelnden Blick von ihrem Kollegen. Sie lächelte verlegen, nahm es aus ihrer Tasche und wollte es gerade ausschalten, als sie die Nachricht auf dem Display las:
Big bird – 481815.7 1121517.0 – Was sollte das? Was hatte das zu bedeuten? Das konnte unmöglich wahr sein. Irgendjemand musste ihr einen ganz üblen Streich spielen. Es war eine E-Mail. Wer war der Absender?
Der Sprecher des Weißen Hauses trat vor die Versammlung und kündigte den Präsidenten an: „Ladies und Gentlemen, der Präsident der Vereinigten Staaten.“
Julias Kollege neben ihr stupste sie an. Julia schreckte auf, als sie aus ihren Gedanken gerissen wurde. Sie schaltete das Handy aus. Darum konnte sie sich später noch kümmern. Sie musste sich konzentrieren. Dort wollte sie jetzt den Stein ins Rollen bringen, an dem sie in den letzten Wochen Tage und Nächte herumgemeißelt hatte. Die Konferenz hatte jetzt oberste Priorität.
„Danke dir.“, sagte sie. Ihr Kollege nickte ihr zu. Letztlich spielten sie alle im selben Team – die meisten zumindest.
Präsident Trump betrat den Raum, die Reporter standen auf, der Präsident bat sie, wieder Platz zu nehmen und die Konferenz begann. BIG BIRD. Julia verfluchte sich, denn sie wurde die Nachricht nicht mehr los und der Big Bird flatterte in ihrem Kopf herum. Es war ihr Kosename. Nur Dean hatte sie so genannt. Wer konnte davon wissen und wieso terrorisierte sie dieser jemand jetzt damit? Ein Psychospiel von Agenten der Regierung? Wohl kaum. Julia war kein Fan von Verschwörungstheorien und ihr mit solchen Nachrichten Angst einzujagen, machte überhaupt gar keinen Sinn.

Die Pressekonferenz dauerte bereits dreißig Minuten. Der Pressesprecher wies die Journalisten darauf hin, dass nun die letzten Fragen gestellt werden sollten. Bisher hatte der Präsident lediglich auf Fragen regierungsfreundlicher Blätter geantwortet und es blieb eine absehbare, langweilige Farce zur Selbstdarstellung. Er nahm lediglich Journalisten dran, auf deren Fragen er gut vorbereitet war und schwadronierte dann über seine Pläne, die America Great Again machen würden.
„Noch eine letzte Frage!“, kündigte der Pressesprecher an.
„Wie wäre es mit der jungen Dame mit den wunderschönen roten Haaren?“, fragte Trump.
Julia war immer noch halb mit ihren Gedanken bei der mysteriösen Nachricht. Sie hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet, dass ausgerechnet sie drangenommen werden würde. Alle Augen richteten sich auf sie und warteten gespannt. Der Präsident kannte ihr Gesicht noch nicht und hielt sie vielleicht für eine Anfängerin, ein Neuling, die für eines der kleineren Blätter arbeitete. Vielleicht stach sie auch durch ihre Attraktivität zwischen den vielen älteren Herren hervor und vielleicht auch deswegen die kleine Anspielung.
Julia lächelte souverän, stand auf und hielt ihre Dokumente und Informationen, mit denen sie Trump konfrontieren wollte, in der Hand bereit.
„Guten Morgen Mr. President. Julia Cole von der Washington Post.“, stellte sie sich kurz, ganz obligatorisch, vor.
„Guten Morgen.“, grüßte der Präsident.
„Mit Nachdruck haben Sie in den letzten Wochen sämtliche Behauptungen, die ihre Wahlkampfkampagne und ihre Kontakten zu Russland anbelangen, zurückgewiesen. Mr. President, wir haben nun Informationen, sowohl von Angehörigen des russischen Geheimdienstes, als auch von Mitarbeitern eines russischen Unternehmens, die inzwischen eidesstattliche Erklärungen abgegeben haben, die besagen, dass ihr Team den Wahlkampf gezielt manipuliert hat und als Gegenleistung diverse Deals mit russischen Wirtschaftsmagnaten ausgehandelt haben. Haben sie von den Handlungen ihres Stabsteams gewusst? Sehr unwahrscheinlich, wenn nicht. Und was werden Sie für Konsequenzen ziehen?“
Ein Blitzlichtgewitter durchflute den Raum, ein aufgeregtes Tuscheln durchbrach die Atmosphäre der sedierten, lobredenden Journalisten und der Präsident verlor die Fassung und schrie Julia an.
„Mein liebes Mädchen, auf solche, aus der Luft gegriffenen Anschuldigungen, werde ich nicht antworten. Ich glaube, ich kann mir schon denken, wie du bei einer Zeitung landen konntest, die sich selbst für guten, kritischen Journalismus lobt. Vielleicht solltest du deine Karriere doch noch einmal überdenken und dich fragen, ob du nicht bei einem kleinen Klatschblättchen besser aufgehoben bist. Die Konferenz ist beendet.“

 

| Kapitel III – Die Frau in der Bar |

„Ich hoffe, du hast den historischen Moment gut festgehalten, als ich dem Präsidenten die Konferenz, den Tag und hoffentlich auch seine nicht mehr sehr lange anhaltende Amtszeit versaut habe?“, fragte Julia Nick, als sie wieder in ihrem Büro bei der Post waren, süffisant lächelte und an ihrem Kaffee nippte. Nick und Julia saßen an Julias Schreibtisch und beobachteten gespannt, wie das Redaktionsteam Julias Artikel durchlas, Nicks Fotos begutachtete und nochmals überprüfte, ob die letzten Quellen, Informationen und Informanten auch wirklich wasserdicht waren. Baxter lief im Besprechungsraum ungeduldig auf und ab und seine Kommentare durchdrangen die Glaswand. Er hatte eine so tiefe Stimme, als würde jemand eine Aufnahme langsam abspulen. Baxter war ein Veteran und als solcher konnte er seine journalistische Skepsis nie ablegen. Trotzdem meinte Julia einen Funken von Erfolg und Stolz in seinen verwitterten Gesichtszügen zu entdecken.
„Julia, der Artikel wird einschlagen wie eine Bombe! Du bist genau die richtige Taktik gefahren. Öffentliche Konfrontation, warten bis alles ins Detail abgesichert ist, inklusive der Sicherheit deiner Informanten.“, lobte Nick sie. „Nicht, wie bei deiner letzten Arbeit. Oh Mann, war der Boss sauer. Er hätte dich am liebsten gelyncht für die Richtigstellung, die er drucken musste.“
„Danke. Und danke für die Erinnerung an dieses Desaster. Genau das will ich gerade von einem Greenhorn, wie dir, hören. Warst du da überhaupt schon bei uns? Zu der Zeit müsstest du doch eigentlich noch auf der High-School gewesen sein!“, sagte Julia matt.
„Was meinst du, welches meiner Fotos werden sie wohl für die Titelseite nehmen?“, fragte Nick und ignorierte ihre Aussage völlig.
Julia lächelte. Alan Baxter hatte sich eine seiner geliebten Havannas in den Mundwinkel geschoben und baute sich in Siegerpose vor dem Konferenztisch auf. Julia wusste jetzt, dass ihre Story in Druck geht.
„Das sieht doch gut aus, oder Red?“, fragte Nick vorsichtig. Er kannte Baxter noch nicht so lange.
„Yep, der Artikel geht in Druck. Wir haben es geschafft.“, sagte Julia befreit. Dann vibrierte es wieder in ihrer Tasche. Ihr Atem stockte.
„Julia, ist etwas? Du bist auf einmal ganz blass.“ Nick war besorgt.
Julia griff in ihre Handtasche und zog ihr Smartphone heraus. Das Display zeigte wieder die Nachricht: „BIG BIRD – 481815.7 1121517.0“
„Es ist diese verfluchte…“, sie wollte Nick gerade das Handy reichen, als die Nachricht auf dem Display auch schon wieder verschwand.
„Das darf doch nicht wahr sein.“, hauchte Julia und durchforstete ihren SMS-Verlauf. Vergeblich. Die Nachricht war verschwunden. Das Display war wieder aus und reflektierte nur ihr müdes Gesicht. Nick blickte sie immer noch besorgt an und wartete auf eine Antwort.
„Hey, hör zu“, begann Julia schlaff. „Ich werde hier jetzt den restlichen Papierkram erledigen, und dann nach Hause fahren und mich eine Runde aufs Ohr hauen.“, flunkerte sie.
Ein wenig enttäuscht ließ Nick seinen Kopf hängen.
„Aber heute Abend wird gefeiert!“, sagte sie mit Nachdruck und zwang sich zu einem Lächeln.
Nick sah wieder freudestrahlend auf.
„Yeah! Und du gibst einem armen Studenten doch bestimmt einen aus, oder?“, fragte er hoffnungsvoll.
„Eigentlich will ich Baxter überreden, dass er uns einen ausgibt.“
„Baxter? Ich weiß nicht, Julia. Ich hatte mich auf einen entspannten Abend gefreut.“, beklagte sich Nick.
„Täusch dich nicht. Alan ist in Ordnung. Vertrau mir. Es wird lustig.“, sagte Julia und verschwand in den Konferenzsaal. Sie lächelte, aber nur schwermütig.

In der Rocket Bar in D.C. gab es ein breites Angebot an verschiedenen Bieren, dazu auf Wunsch panierte Chicken Wings mit hausgemachten Dip und jede Menge Pooltische und Dartboards. Julia, Alan und Nick haben sich einen der Pooltische erkämpft, nachdem sich Nick und Alan an der Bar mit Chicken Wings vollgestopft hatten. Alan fragte Julia, ob sie immer noch kein Fleisch esse. Sie verneinte es und wies ihn darauf hin, dass in den Wings wahrscheinlich alles Mögliche, nur kein Fleisch drin wäre. Sie blieb bei an diesem Abend bei Bier und Tequila.
„Und dann bist du über einen alten Bekannten deines Manns, der Anwalt für einen von Trumps Beratern ist, an den Kontakt zu den russischen Unternehmern gekommen?“, fragte Alan und versenkte eine Kugel mit einem gekonnten Stoß über drei Banden. Er kaute auf seiner Zigarre herum und Julia wusste, dass nicht mehr viel Tequila fehlen würde, bis er sie sich anzünden würde. Alan lümmelte sich ansonsten gerne in privaten Raucherklubs herum, aber in diese stinkenden Etablissements hätte er Nick und Julia nicht mit hineinbekommen.
„Ja, so in etwa. Es war schwierig sie zu einem Statement zu überreden, aber es hatte geholfen, als Trumps Team sie übers Ohr hauen wollte.“, sagte Julia und kreidete die Spitze ihres Queues ein. Die Erwähnung ihres Mannes ließ ihre Stimmung kurz wieder sacken. Sofort tauchten wieder Bilder von Dean und dieser mysteriösen Nachricht vor ihren Augen auf. Alan bemerkte das Fettnäpfchen gar nicht, in das er getreten war. Nick sah es seiner Freundin allerdings schon an.
Als Nick sie an dem Abend abgeholt hatte, wusste er sofort, dass sie an dem Nachmittag nicht mehr geschlafen hatte. Permanent spielte sie mit ihrem Smartphone, als sie im Taxi auf dem Weg ins Rocket saßen und war die ganze Zeit über abwesend. Außerdem sah sie sich ständig um, als würde sie verfolgt werden.
„Julia, was ist los? Jetzt spuck es endlich aus. Hast du Angst, dass Trump dir die CIA auf den Hals gehetzt hat?“, fragte Nick und nippte an seinem Bier – immer noch sein erstes und er lallte bereits ein wenig. Er vertrug nicht viel Alkohol und machte sich aber auch nicht viel daraus.
Alan wurde hellhörig und schielte erwartungsvoll zu Julia hinüber, als er über dem Tisch lag, um seinen nächsten Stoß zu positionieren. Julia winkte genervt ab.
„Es geht mir gut.“, sagte sie und versuchte vergeblich den fragenden Blicken ihrer Kollegen zu entkommen. „Es ist nur… Ich bekomme diese seltsamen Nachrichten auf mein Handy. Nicht nur auf mein Handy, sondern auch auf meinen Computer, auf Taxameter, ja heute Nachmittag habe ich sie sogar auf CNN im Fernsehen gesehen.“ Sie senkte entkräftet den Kopf und versteckte ihr Gesicht in den Händen.
Alan richtete sich auf, ohne die Kugel zu gespielt zu haben und ging hinüber zu Julia. Er winkte die Kellnerin herbei.
„Julia, was für eine Nachricht ist es?“, frage er, nahm seine Zigarre aus dem Mund und legte seine Hände tröstend auf ihre Schultern.
Julia stand den Tränen nahe, fasste sich aber ein Herz und stellte sich Alans Frage, der mit einer väterlichen Ruhe auf ihre Antwort wartete. Gerade als Julia ihm antworten wollte, erschien die Kellnerin mit einem Tablett und der nächsten Runde an Bier und Tequila. Außerdem trug sie einen kleinen, zusammengefalteten Zettel auf ihrem Tablett, den sie Julia in die Hand drückte.
„Was ist das?“, fragte Julia perplex die Kellnerin, die bereits wieder zur Theke eilte.
„Eine Nachricht von der Dame dort hinten.“, rief sie und deutete mit ihrem Blick zum anderen Ende der Bar.
Julia faltete den Zettel auseinander. „Er wartet auf seinen Big Bird.“ Julia erschrak und hielt die Nachricht von sich weg, als wäre sie etwas Giftiges und Ansteckendes.
„Julia, was ist denn?“, fragte Alan ungeduldig.
Julia blickte aufgeregt in die Richtung, in die die Kellnerin gedeutet hatte. Dort sah sie eine Gestalt im Schatten einer Sitzbank an einem Tisch sitzen. Julia konnte nicht sagen, ob es eine Frau oder ein Mann war, aber diese Person blickte zu ihr hinüber.
Ohne auf Alan einzugehen, eilte sie geradewegs auf die Person am hinteren Ende der Bar zu.
„Julia!“, rief Alan vergebens. Er nahm sich ein neues Bier und folgte ihr kopfschüttelnd, die Zigarre wieder in seinem Mundwinkel. Nick trabte verwirrt hinterher.
„Wer sind sie und was hat diese Nachricht zu bedeuten?!“, fuhr Julia aggressiv die Person an, noch bevor sie vor dem Tisch zu stehen kam. „Kommen von Ihnen auch die anderen Nachrichten? Raus damit! Was soll das?!“, fauchte sie und konnte nun erkennen, dass es eine Frau war.
Sie war Mitte fünfzig, trug legere aber gepflegte Kleidung. Sie war schlank, aber nicht hager und in ihr schulterlanges, dunkelblondes Haar war mit grauen Strähnen durchzogen. Sie sah Julia durchdringend und wissend an, während sie ihr Glas Soda in der rechten Hand umklammerte. Die Frau wartete geduldig, bis Julias Begleiter sie eingeholt hatten und lächelte besonnen.
„Mrs. Cole“, begann die Frau ruhig mit sanfter Stimme. „Mein Name ist Patricia Clark. Sie kennen mich nicht, aber ich kenne ihren Mann. Bitte setzen sie sich. Kann ich mit ihnen unter vier Augen reden?“, fragte sie wandte ihren Blick auf Nick und Alan.
Julia überlegte kurz, sah in der Frau aber keine Art von Risiko und außerdem war sie verflucht neugierig auf das, was sie zu sagen hatte.
„Danke Jungs, wir kommen hier schon klar.“, beschwichtigte sie die beiden.
„Na gut, wir sind gleich dort vorne an der Bar, okay?“, sagte Alan und deutete zum Tresen, wo sich ein paar Männer das Spiel der Yankees gegen die Red Sox ansahen.
„Natürlich seid ihr da.“, witzelte Julia kurz. „Wo auch sonst.“ Dann wandte sie sich aber wieder der Frau zu und wurde toternst.
Nick und Alan blickten die Frau noch einmal eindringlich an und gingen dann langsam hinüber zur Bar, ohne Julia dabei wirklich aus den Augen zu lassen.
„Bitte, setzen sie sich.“, bat die Frau Julia. Julia zögerte kurz. Ihr war diese Person nicht geheuer und am liebsten wäre sie stehengeblieben. Sie entschied sich dann aber dafür, auf dem Stuhl an dem Tisch neben der Dame Platz zu nehmen. Sie vergewisserte sich aber noch einmal, dass Alan und Nick in Reichweite waren, falls sie es hier mit einer durchgedrehten, ehemaligen Mandantin ihres Mannes zu tun haben sollte.
„Dann schießen sie mal los! Was soll dieses Spielchen?“, forderte sie die Frau auf und versuchte nicht zu lallen, denn der Tequila und das Bier machten sich bereits bemerkbar. „Was haben sie mit meinem Mann zu tun, wer sendet diese geschmacklosen Nachrichten und vor allem, wie schafft ihr das? Tracken sie mich und hacken sie sich dann in die Geräte? Raus damit!“ Julia wurde aufbrausend, aber die Frau strahlte weiterhin eine meditative Ruhe aus.
„Mrs. Cole, es tut mir leid. Sie müssen wissen, dass ich mich in eine große Gefahr begebe, indem ich hier mit ihnen spreche, deshalb haben wir nicht viel Zeit.“ Sie beugte ihren Kopf näher zu Julia und flüsterte. Ihre Augen suchten dabei immer wieder die Umgebung ab.
„Sie müssen mit Pater Graham in Fulton in Ohio sprechen.“, flüsterte sie.
Julia war auf einmal wieder stocknüchtern. Pater Graham war der letzte Mandant ihres Mannes. Er hatte die Verteidigung für ihn übernommen. Der Priester hatte gegen einen großen Energiekonzern geklagt. Der Detektiv, den sie damals engagiert hatte, um Deans Verschwinden nachzugehen, hatte den Fall unter die Lupe genommen, konnte aber keine Parallelen zwischen dem Fall und dem Verschwinden finden.
„Was hat der Pater mit Deans Verschwinden zu tun?“, fragte Julia ungeduldig und gereizt. „Und kommen sie zum Punkt. Wo kommen die Nachrichten her?!“
Sie hatte den leisen Verdacht, es mit einer Verschwörungstheoretikerin zu tun zu haben. Eine von denen, die denken Kernkraftwerke wären von Aliens besetzt, die eine Invasion planen. Sie hatte darüber schon mal einen Artikel geschrieben. Damals, als sie noch nicht für die Post gearbeitet hatte. Was aber noch nicht erklären konnte, wie sie die Nachrichten an sie senden konnte.
Auf einmal blickte die erschrocken zum Eingang der Bar. Die Tür war aufgegangen und zwei Männer in Anzügen kamen herein. Für Julia war daran nichts Besonderes. Viele Menschen dort kamen oft aus dem Büro hierher. Aber Patricia schienen sie Angst zu machen. Ihr bedächtiges Lächeln erstarb auf einmal.
„Wir sind hier nicht sicher. Ich werde sie so bald wie möglich erneut kontaktieren.“, sagte sie, griff in ihre Handtasche, legte fünf Dollar auf den Tisch und stand auf.
„Moment. Nicht so schnell!“, sagte Julia lautstark, aber Patricia lief bereits zur Hintertür. Julia sah hinüber zu Nick und Alan. Beide waren in das Spiel vertieft und hingen in einer Männertraube vor dem Fernseher an der Bar. Julia dachte sich, dass sie mit dieser Frau schon allein klarkommen würde, also eilte sie Patricia hinterher.
Der Flur führte sie vorbei an den Toiletten. Am Ende des Flurs ging es einmal zur Küche und eine weitere Tür führte in den Hinterhof. Julia ging hinaus. Es war kalt, es regnete und die Gasse, die hinaus zur Avenue führte war nur spärlich beleuchtet. Patricia lief sehr schnell und Julia musste rennen, wenn sie sie einholen wollte.
„Patrica! Warten sie!“, rief sie hinter ihr her, aber sie blieb nicht stehen und lief noch schneller. Sie hatte das Ende der Gasse erreicht und überquerte die Avenue.
„Patricia! Jetzt warten so doch bitte einmal!“, rief Julia.
Dann passierte alles ganz schnell. Ein großer schwarzer Schatten tauchte auf. Scheinwerfer blitzten über die Avenue. Ein kurzer, aber starker, dumpfer Knall hallte durch die Gasse. Patricia wurde etwa fünf Meter durch die Luft geschleudert. Der Geländewagen hatte sie in voller Fahrt erwischt und kam dann mit quietschenden Reifen zum Stehen. Ein Schrei brach aus der dunklen Gasse heraus. Julia merkte erst Sekunden später, dass es ihr eigener war.
„Patricia!“, flüsterte sie. Der Schock nahm ihr die Luft. Erst jetzt konnte sie sich wieder bewegen. Sie lief so schnell sie konnte zur Avenue. Dort lag Patricia. Ihre Arme und Beine knickten in einem unnatürlichen Winkel von ihrem Körper weg. Ihr Gesicht blickte starr nach oben, aber der Rest des Körpers lag in einer gänzlich asymmetrischen Position zu ihrem Kopf.
„Patricia.“, keuchte Julia, als sie sich neben sie kniete und bereits ihr Handy mit dem Notruf gezückt hatte. Aus Patricia Mund, Nase, Augen und Ohren troff Blut. Ihr Schlüsselbein war herausgebrochen und der Knochen starrte Julia entgegen. Aber Ihre Augen blickten sie noch an. Sie lebte.
„Hilfe!“, schrie Julia, blickte sich hilfesuchend um und fand zwei Männer in Anzügen, die vor dem schwarzen Geländewagen standen, der Patricia überfahren hatte. Sie konnte ihre Gesichter nicht erkennen. Die Männer blieben reglos stehen und sahen sie nur an, dann stiegen sie wieder in das Fahrzeug und verschwanden.
„Ihr Schweine! Wir brauchen Hilfe!“, schrie Julia. Dann suchte wieder den Kontakt zu Patrica.
„Halten sie durch, Patricia. Halten sie durch.“
Patricia Mund zuckte und ihre Augen suchten Julias Blick. Julia beugte sich zu ihr hinunter und hielt ihr Ohr an Patricias Mund.
„Graham.“, hauchte Patricia und ihr Blick fiel in die Leere.

 

| Kapitel IV – Der Priester |

Nick ist bei Julia geblieben. Alan hatte sich in den frühen Morgenstunden von den beiden verabschiedet. Julia wusste, dass er nicht nach Hause fahren würde, um zu schlafen. Alan würde ins Büro fahren und seine Kontakte aus dem Bett klingeln, um herauszufinden, was dort an der Rocket Bar geschehen war – wer diese Frau gewesen war und wer diese Männer waren.
Julia wollte der Sache am liebsten direkt selbst nachgehen, nachdem die Polizei sie, Nick und Alan nach einem mehrstündigen Verhör endlich hatte gehen lassen. Aber Alan protestierte vehement und ließ Nick als Wachhund bei ihr in der Wohnung zurück, damit sie nicht auf dumme Ideen kommt. Und nicht nur das. Bis etwas Licht ins Dunkel gebracht sein würde, hatte Alan den zuständigen Detective dazu überreden können, einen Streifenwagen zur Überwachung von Julias Apartment abzuberufen. Detective Barker ging davon aus, dass es sich dabei schlicht um Fahrerflucht gehandelt hatte. Die Männer seien wahrscheinlich betrunken gewesen, hätten die Nerven verloren und die Flucht ergriffen, nachdem sie gemerkt hatten, was passiert war. Ganz D.C. war ein einziges Überwachungsnetzwerk. In der politischen Machtzentrale der Vereinigten Staaten konnte sich niemand mehr in der Öffentlichkeit in der Nase bohren, ohne das gleich mehrere HD-Kameras jedes Detail aufnehmen würden. Ebenso schnell und effizient verlief auch die Suche und Auswertung der gewünschten Informationen. Der Detective war sich also sicher, dass sie die Täter sehr bald aufspüren und festnehmen würden.
„Hast du ihnen von den Nachrichten erzählt?“, fragte Alan, bevor er Julias Apartment verließ.
„Nein.“, antwortete Julia mit erschöpfter Stimme und wich dabei seinem Blick aus.
„Ich nehme an, du hast deine Gründe. Ob es klug ist, diese Sache zu verschweigen, wage ich zu bezweifeln. Du solltest dir das noch einmal überlegen.“, mahnte Alan sie und zog sich seinen Trenchcoat über. „Aber jetzt solltest du etwas schlafen. Du siehst beschissen aus.“
„Danke, Alan. Wir sehen uns nachher.“ Sie blickte ihn wieder an und mühte sich schwerfällig ein Lächeln ab. „Danke, dass du da warst.“
Alan erwiderte ihr Lächeln, nickte ihr zu und ging.
„Ab mit dir ins Bett! Und morgen erwarte ich Recherche und eine Story!“, brummelte er ihr zu, während er durch den Flur zu den Fahrstühlen schritt – wieder ganz der große Boss.
Julia schloss die Tür und taumelte ins Wohnzimmer, wo sie Nick auf dem Sofa fand. Er war bereits im Tiefschlaf. Er schnarchte und speichelte auf das Sofakissen. Julia nahm eine Decke aus dem Flurschrank und deckte ihn zu. Dann ging sie in die Küche, goss sich einen großen Schluck aus der verstaubten Flasche Bourbon ein, die sie noch in einer Ecke des Esszimmerschranks gefunden hatte und setzte sich mit dem Glas und dem Laptop auf ihr Bett. Sie nahm einen tiefen Schluck. Ihr Körper war erschöpft und unendlich müde. Aber ihr Geist kreiste immer noch unentwegt um dieselben Fragen. Aus dem anfänglichem Rätsel ist mittlerweile eine blutige Verschwörung geworden. Sie musste herausfinden, was dahintersteckte. Ehe sie die erste E-Mail an ihre Kontakte, die ihr eventuell Informationen zu dem Priester und Patricia Clark hätten verschaffen können, senden konnte, hatte ihr Körper ihren rastlosen Geist besiegt und sie fiel endlich in einen tiefen Schlaf.

Das Gras unter ihr war feucht vom Tau, der sich am Abend auf dem Wald niedergelegt hatte. Erde, feuchtes Holz und moosbewachsene Felsen sonderten einen intensiven Geruch ab, der frisch und unverbraucht alles um sie herum erfüllte. Es war ein wunderbarer und ruhiger Ort. Sie musste in der Lichtung eingeschlafen sein. Sie setzte sich auf. Vor ihr erstreckte sich der See, majestätisch und geheimnisvoll, geschützt von dem hohen Gebirge rings um ihn herum. Julia stand langsam auf und ging zu seinem Ufer. Sie blickte in sein klares Wasser und die stille Oberfläche reflektierte ein Gesicht voller Trauer und Furcht.
„Sie werden kommen.“, flüsterte eine vertraute Stimme hinter ihr.
Erschrocken drehte Julia sich um.
„Dean? Dean, bist du das? Wo bist du?“, rief sie verzweifelt und blickte suchend in den dichten Wald, den die Abendsonne nicht mehr durchdringen konnte.
„Sie kommen.“, hauchte die Stimme, aber sie klang jetzt anders. Es war immer noch Dean, aber es klang so, als würde jemand ihm die Kehle zudrücken. Julia schritt auf den Wald zu, um ihren Mann zu finden, doch dann blieb sie stehen.
Etwas Rotes, Glühendes flackerte in der Finsternis des Waldes auf. Zwei Lichter, die langsam und bedrohlich näherkamen. Julia wich instinktiv zurück. Dies war nicht ihr Mann.
„Und sie werden Hunger haben, Big Bird!“, knurrte eine tiefe, nun völlig unbekannte Stimme und Julia sah, dass sie zu den zwei glühenden Augen gehörte, die jetzt aus dem Dunkeln herausstiegen. Eine schwere Pranke setzte sich vor die andere, bis der riesige Wolf – diese schwarze Bestie – vollends aus der Dunkelheit herausgetreten war. Die Welt ertrank plötzlich in einem flammenden Meer, dass sich über den Wolken ergoss. Der Wolf heulte auf. Eine Posaune, die das Ende der Welt einläutete. Die Bestie sprang auf Julia zu, um sie mit seinen Zähnen, die so groß und scharf waren wie Dolche, zu zerfleischen.

„Nein! Bitte, nicht! Nein, bleib weg von mir!“, schrie Julia und schreckte auf. Nassgeschwitzt und desorientiert blickte sie sich verzweifelt in ihrem Schlafzimmer um. Wieder ein Traum. Wieder ein Albtraum. Es war bereits helllichter Tag und Nick stand mit zwei Tassen Kaffee an der Tür.
„Ich kann dir auch einen Tee machen, wenn du keinen Kaffee willst, aber das kannst du mir auch vernünftig sagen, Red.“, sagte Nick.
Er hatte versucht sie somit zu beruhigen. Er stellte die Tassen auf dem Nachttisch ab und setzte sich zu ihr auf die Bettkante.
„Alles okay, Julia. Du hattest einen Albtraum. Kein Wunder, nach dem Scheiß, der gestern passiert ist.“
Er legte tröstend seine Hand auf ihre Schulter und hielt ihr dann einen Kaffee hin. Julia rieb sich die Augen und allmählich fand sie die Orientierung wieder. Sie sah Nick an, lächelte gedrungen und nahm dankend den Kaffee entgegen. Nick stand wieder auf und blickte durch die Jalousie auf die Straße.
„Die Cops stehen immer noch vor deiner Bude. Mittlerweile ist es wohl die nächste Schicht. Außerdem hattest du einen Anruf auf deinem Festnetz. Ich war so frei und bin drangegangen. Es war Detective Barker. Sie haben die Kerle noch nicht erwischt. Sie konnten das Auto zwar ausfindig machen, aber von den Männern fehle wohl noch jede Spur. Natürlich bleiben sie an der Sache dran.“, informierte sie Nick. Er drehte sich wieder um und musterte sie skeptisch.
„Wie geht es dir? Konntest du wenigstens ein bisschen schlafen? Tut mir leid, dass ich sofort weggeratzt bin. Ich war völlig fertig.“,
Der Kaffee war kräftig und brachte Julia endgültig wieder zurück in die Realität. Sie sah auf die Uhr von ihrem Handy – zögernd. Sie fürchtete, wieder eine dieser Nachrichten zu finden. Doch diesmal zeigte ihr Smartphone nur die Uhrzeit und die Anzahl der nicht gelesenen Nachrichten an. Jede Menge Nachrichten von Kollegen und Angestellten des Pressedienstes des Weißen Haus. Sie mühte sich aus dem Bett und fluchte.
„Verdammt, es ist ja schon eins!“
Sie wankte zur Garderobe, nahm sich Unterwäsche heraus und marschierte ins Badezimmer. Ihr war nicht entgangen, dass Nick einen neugierigen Blick in ihre Wäscheschublade geworfen hatte.
„Wehe ich finde heraus, dass eins fehlt!“, rief sie ihm aus dem Badezimmer zu.
„Ich bitte dich,“, rief er. „Die sind doch alle gewaschen! Was soll ich damit?“

„Verdammt nochmal, Julia!“ Alan Baxters Stimme durchflutete die Redaktionsetage wie ein Donnergrollen.
Er stemmte seinen bulligen Körper mit den Fäusten auf dem Bürotisch ab. Julia hätte schwören können, dass Rauch aus seinen Ohren stieg. Baxter reduzierte mit Mühe sein Volumen auf ein Minimum. Das, was dort besprochen wurde, ging niemanden sonst etwas an.
Sie hatte sich bei den Cops mit zwei großen Bechern Kaffee bedankt und Detective Barker informiert, dass sie zur Redaktion fahren würde, um sich um eine laufende Story zu kümmern.
„Erst erzählst du mir, dass du den Cops Informationen vorenthältst. Dann kommst du mir mit einer Spukgeschichte von verrückten Träumen und jetzt willst du dich alleine auf den Weg machen, einen Priester zu suchen, der dich zu deinem seit drei Jahren vermissten Mann bringt?“
Baxter ging in seinem Büro auf und ab. Julia hatte bemerkt, dass er seine Kleidung im Büro gewechselt hatte. Das bedeutete, dass Baxter höchstens ein paar Stunden auf dem Sofa geschlafen hatte. Was seine Laune nicht gerade verbessert hatte. Sie hatte ihn eingeweiht und ihm alles erzählt – auch von ihren Träumen. Sie konnte ihm trauen. Und sie wusste, dass er ihr helfen könnte, wenn sie in der Klemme steckte.
„Schieß los, Alan. Was hast du herausbekommen?“, fragte sie und wusste seine väterliche Fürsorge zu schätzen, hoffte aber auch, dass er ihr bei ihrer Suche nicht im Weg stehen würde, sollte es zu riskant werden.
„Ich habe nichts herausbekommen, Julia. Und genau das macht mich extrem unruhig.“, gestand Alan und klang niedergeschlagen. Julia betrachtete ihn argwöhnisch.
„Was hast du über Pater Graham herausbekommen? Wo kann ich ihn finden?“, fragte sie ihn.
„Reicht es nicht, wenn du ihn anrufst?“
„Nein, auf gar keinen Fall. Du weißt selbst am besten, dass wir am meisten herauskriegen, wenn wir die Leute direkt konfrontieren. Dann können sie nicht ausweichen, sich nicht vorbereiten, oder einfach auflegen und sich dann schon mal eine passende Geschichte ausdenken. Nein, ich will wissen, was es mit Pater Graham auf sich hat.“
Baxter sah seinen Zögling lange und eindringlich an. Julia wusste, dass sie ihn am Haken hatte.
„Du fliegst nicht Business Class!“, ermahnte er sie. Julia lächelte verschlagen.
„Und du nimmst Junior mit!“ Ihr Lächeln erstarb abrupt.
„Alan, ich bin wesentlich schneller, wenn…“ Aber Baxter schnitt ihr das Wort ab.
„Du fährst nicht allein und ich will gute Bilder für die Story. Entschuldige Kleines, aber du bist eine miserable Fotografin. Stevie Wonder schießt bessere Bilder als du.“
Damit trat Alan hinter seinen Schreibtisch, zog die Schublade auf und drückte Julia eine Akte mit den Informationen in die Hand, die er bisher sammeln konnte. Julia schlug sie auf.
„Eine Kirche in einem kleinen Kaff in Ohio?“

 

| Kapitel V – Die Männer in Grau |

 Der Flug nach Fulton dauerte zwar nur eine knappe Stunde, aber bis Julia und Nick mit dem Prozedere des Ein- und Auscheckens durch waren, war auch der Abend bereits angebrochen. Julia fragte sich im Nachhinein, ob sie mit einem Mietwagen nicht doch schneller gewesen wären. Aber jetzt waren sie dort. Ein Dorf mit 300 Einwohnern im Nordwesten von Ohio. Julia spürte sofort das ländliche Flair – eine unangenehme Stille und Ruhe, als ob dort die Zeit stehengeblieben wäre. Nichts für Julia, die ihre Wurzeln in New York City hatte. Sie war ein Großstadtmensch, durch und durch.
Die Einwohner von Fulton lebten größtenteils von der Landwirtschaft. Das Dorfzentrum bestand aus einem Lebensmittelladen, einem Postamt, einer Bar und einer Kirche. Die Kirche war Julias Ziel. Sie hatte sich am Flughafen einen Wagen gemietet. Das Navigationssystem hatte allerdings Schwierigkeiten, die Adresse der Kirche zu finden. Also hielt sie an einem Grill Restaurant, um nach dem Weg zu fragen.
„Julia, können wir hier was essen? Ich habe tierischen Hunger. Wirklich. Auf die halbe Stunde wird es jetzt doch auch nicht mehr ankommen, oder?“, bettelte Nick und winselte sie wehleidig vom Beifahrersitz aus an.
„Ich könnte auch einen Happen vertragen. Komm, lass uns mal sehen was es hier so an lokalen Köstlichkeiten gibt.“
Sie stieg aus dem Wagen und ihr Blick fiel auf eine große Tafel, die die Spezialitäten des Hauses bewarb: XXXL Burger + Jede Stunde Happy Hour, Heute: Howling Johnny – life.
Julia verzog das Gesicht mit einem Lächeln.
„Na gut, lass uns sehen, ob es hier etwas halbwegs Essbares gibt.“
„Riesenburger und Bier! Der Himmel!“, jubelte Nick und lief aufgeregt voran.
Das Grill Restaurant war mit einem langen Tresen ausgestattet, hinter dem verschiedene Spirituosen in einem Regal einsortiert waren. Das Regal war mit kleinen Flaggen und Pokalen vom heimischen Baseballclub verziert. Über dem Regal waren zwei Flachbildschirme angebracht, die an beiden Seiten der Bar den Sportkanal in voller Lautstärke übertrugen. Vor dem Tresen selbst hockten Arbeiter, junge und alte Männer, die stoisch das Geschehen auf den Bildschirmen verfolgten und dabei einen großen Krug Bier umklammerten. In einer Ecke links des Restaurants waren Tische gruppiert, an denen gerade eine Familie und eine Männergruppe ihre Steaks und Burger vertilgten. In der anderen Ecke des Raumes, baute ein Cowboy, der um die sechzig war, sein Musikequipment auf. Julia und Nick setzten sich an den einzigen noch freien Tisch und Julia hoffte, dass sie mit dem Essen fertig sein würden, bevor die Countrymusic anfängt.
Eine junge Kellnerin kam zu ihnen hinüber und begrüßte sie mit einem freundlichem, aber eingeübten Lächeln. Auf ihrer Brust funkelte ein metallenes Namensschild mit der Aufschrift „Jessy“.
„Willkommen in Fulton. Was darf es denn sein?“
Julia und Nick überflogen die Karte.
„Ich nehme eine Cola und die Käsepizza.“, sagte Julia, die überrascht war, überhaupt fleischfreie Kost zu entdecken und reichte die Karte wieder an die Kellnerin.
„Den XXXL-Burger, ein großes Bier und die Chicken Wings für mich.“, sagte Nick und gab der Kellnerin mit seinem charmantesten Lächeln die Karte zurück.
„Scharfen Dip dazu?“, fragte die Kellnerin.
„Oh ja, bitte. Ich steh auf scharfe Sachen.“
„Oh Mann, Nick. Wirklich?“, stöhnte Julia und ihr stieg die Schamesröte ins Gesicht. Nick rollte mit den Augen.
„Ich mach doch nur Spaß. Meine Güte. Entschuldigung.“
Die Kellnerin nahm es ihm anscheinend nicht krumm, zwinkerte ihm zu und verschwand hinter dem Tresen in die Küche.
Julia und Nick hatten nicht bemerkt, dass zwei Männer hereingekommen waren und sich an den Tresen am Ende der Bar gesetzt hatten. Die Kellnerin kam wieder aus der Küche, nachdem sie die Bestellung aufgegeben hatte und begrüßte die neuen Gäste. Sie trugen beide Mäntel, darunter graue Anzüge und Sonnenbrillen.
„Guten Abend, Jungs. Abgefahrenes Outfit. Kommt ihr von einem Dreh, oder so? Was darf es denn sein?“, fragte sie erst freundlich, aber ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken, als die Männer sie nur reglos und ohne jede Emotion ansahen. Sie hielt die Männer erst für Zwillinge oder Geschwister, doch das lag nur an ihrer Haltung und Kleidung. Ihre Gesichter waren doch zu unterschiedlich. Einer der beiden trug eine Sonnenbrille. Der andere hatte die Brille abgenommen, als er wohl etwas oder jemanden auf der anderen Seite der Bar beobachtete. Er sah Jessy nur kurz an. Aber der kurze Blick in seine Augen reichte aus. Solche Augen hatte sie noch nie gesehen. Der Mann setzte seine Sonnenbrille wieder auf. Es musste eine Krankheit sein, so bleich und blass waren die Augen. Es waren tote Augen, die mit einem weißen Schimmer bedeckt waren. Jessy räusperte sich verlegen, um damit ihre Furcht zu überspielen.
„Wie wäre es mit unserem XXXL Burger und unserem hauseigenen Kellerbier?“ Ihre Stimme zitterte.

„Barry! Wo zum Geier ist dein Artikel über Theresa Mays Zusicherungen an die EU? Ich will ihn heute noch mit in die Ausgabe bringen. Wir müssen beim Brexit Verfahren unbedingt am Ball bleiben!“, schmetterte Baxters Stimme von seinem Büro quer durch die Redaktion bis zu dem verzweifelten Barry, der eifrig die letzten Zeilen seines Artikels zusammenhämmerte.
„Ist unterwegs, Boss!“, krächzte Barry.
Alan Baxter warf seine Bürotür zu und schloss seine Jalousie. Ein deutliches Zeichen für seine Mitarbeiter, ihn nicht zu stören, auch wenn die meisten bereits weg waren. Er ließ sich in seinen Bürostuhl fallen und öffnete die unterste Schublade an seinem Schreibtisch. Ungeduldig kramte er eine Flasche Bourbon und ein Glas heraus. Er stellte beides auf den Tisch, schenkte sich ein Glas voll ein und holte dann eine Kopie der Akte heraus, die er Julia in die Hand gedrückt hatte. Informationen über Patricia T. Clark und Pater Jacob F. Graham. Ein Freund vom FBI hatte sie ihm zukommen lassen. Ein Ausdruck. Ganz analog. So konnten sie sicher sein, dass die Daten nicht von unliebsamen Schnüfflern abgefangen werden, gleich welcher Behörde, Agency und Organisationen auch immer.
Baxter nippte an seinem Glas, nahm eine Zigarre aus der Box in dem Sekretär hinter seinem Schreibtisch. Er konnte sie zwar nicht anzünden, aber wenigstens konnte er das kalte Aroma seiner Havanna einatmen. Er nannte es selbst einfach ein Vorspiel, um den Höhepunkt später umso mehr zu genießen. Er lehnte sich wieder in seinem Stuhl zurück und las sich heute zum vierten Mal die wenigen Informationen durch, die er bekommen konnte. Es war nicht nur journalistische Neugier, die ihn antrieb, sondern auch ehrliche Sorge um Julia. Sie war für Alan mehr als nur eine gute Journalistin. Sie gehörte für ihn eher mit zur Familie. Oder besser gesagt, er zu ihrer. Ihr Vater diente im ersten und zweiten Golfkrieg. Baxter war damals für CNN als Berichterstatter bei vielen Missionen und Operationen, die Colonel Cole geleitet hatte, mit von der Partie. Baxter war ein Draufgänger und wollte bei jedem Gefecht so direkt und nah wie möglich dabei sein. Das raubte dem Colonel die Nerven und Colonel Cole ließ ihn mehr als einmal in Gewahrsam nehmen. Dennoch. Die Abscheu gegen diesen Krieg verband sie. Sie verloren sich an ruhigeren Abenden mit einem Glas Bourbon oft in tiefe Gespräche und sie lernten einander besser kennen und schätzen. Es entstand zwischen ihnen eine aufrichtige Freundschaft mit tiefen Respekt füreinander. Alan hatte keine Familie. Irgendwie hatte er es geschafft, sich von der des Colonels aufnehmen zu lassen. Julia war für ihn etwas zwischen Nichte und Schwester. Also hatte er immer ein strenges Auge auf das, was sie tat.
„Patricia T. Clark“, flüsterte er, als er die Akte wieder unter die Lupe nahm. „54 Jahre. Biologin. Arbeitete bis 2013 in Fukushima, Japan. Ledig. Keine Familie.“
Alan nahm die Graham Akte zur Hand und blätterte. Er nahm die Zigarre aus dem Mund, legte sie im Aschenbecher ab, nippte an seinem Glas Bourbon und las sich leise die wichtigsten Fakten vor.
„Graham. Geboren 1950 in St. George, Utah.“ Sein Blick blieb an einer Zeile hängen. „Moment mal, er war Sozialarbeiter von 1970 bis 1975, bevor er sein Theologiestudium begann. In Bingham County – Verdammt! Atomic City! Reaktorunfälle? Ob es vielleicht dort die Verbindung gibt?“
Baxter steckte sich die Zigarre wieder in den Mund, kaute nachdenklich auf ihr herum, stand dann auf und schritt energisch zur Bürotür.
„Barry! Du musst etwas für mich recherchieren! Barry?“ Aber niemand in der Redaktion reagierte. Sie war leer. Baxter sah auf seine Uhr. 21:30 Uhr. Barry verabschiedete sich nie vor elf zum Feierabend. Sein Computer war noch eingeschaltet. Baxter ging durch das Büro zu Barrys Schreibtisch. Seine Jacke hing noch über seinen Stuhl und seine Aktentasche war noch da. Er war wahrscheinlich nur kurz zur Toilette.
„Mister Baxter?“
Baxter fuhr zusammen und drehte sich blitzschnell um. Ein Mann stand auf einmal hinter ihm. Er hatte ihn weder gesehen, noch gehört.
„Verdammt! Wer zum Teufel sind sie? Was machen sie hier und warum um alles in der Welt wollen sie, dass ich einen Herzinfarkt kriege?“, bellte Baxter den Mann im grauen Anzug an.
„Und was zum Geier soll diese lächerliche Sonnenbrille?“
Dann bemerkte Baxter den zweiten Mann, der gerade aus Richtung der Toiletten durch das Büro auf sie zu ging. Auch er trug eine Sonnenbrille.

 

| Kapitel VI – Kommt ein Priester in eine Bar… |

 „Die einzige Verbindung, die ich zwischen Patricia und Graham finde, ist die Klage gegen einen Konzern, der irgendwie die Finger bei den Reaktorunfällen in Idaho und in Fukushima gehabt haben soll. Dean hatte die beiden vertreten und wahrscheinlich auch zusammengeführt. Es war einer seiner letzten Fälle. So viel habe ich bis jetzt herausgefunden.“
„Aber dann ist dein Mann mitten im Verfahren verschwunden und ein anderer Anwalt ist für ihn eingesprungen?“, fragte Nick und schlang dabei genüsslich den letzten Bissen seines Burgers hinunter, den er anschließend mit einem großen Schluck Bier hinunterspülte.
Julia nickte geistesabwesend und durchblätterte noch einmal die Dokumente. Sie war sich sicher, dass sie etwas übersehen hatte. Selbst wenn die Cronos Corporation fehlerhaftes oder nicht zugelassene Hard- und Software an den Staat zu Kraftwerksicherheit verkauft haben sollte, so würde daraus kein geheimes Komplott entstehen. Sie glaubte nicht an Verschwörungstheorien.
Julia nippte an ihrer Cola.
„Eine gewisse Cronos Corporation fing damals in den Siebzigern als Hersteller für Sicherheitsequipment für Reaktoren an. Seither erhielt diese Firma immer größere Aufträge vom Staat. Die Zwischenfälle sind aber nicht auf fehlerhaftes Equipment oder Software zurückzuführen.“
„Wogegen haben Mrs. Clark und Graham eigentlich genau geklagt?“, fragte Nick. Inzwischen musste er lauter sprechen, denn das Grillrestaurant hatte sich in der letzten halben Stunde schnell gefüllt. Der Cowboy Howling Johnny lockte allem Anschein nach Besucher an, die auch von außerhalb des Städtchens kommen mussten, denn das Publikum hatte langsam die Einwohnerzahl von Fulton überragt.
„Das versuche ich noch herauszubekommen. Ich warte darauf, dass sich mein Freund aus Deans alter Kanzlei bei mir meldet und mir die Akten zukommen lässt.“
„Ist das nicht illegal? Wie machst du das? Fragst du einfach oder schuldet dir der Mann noch einen Gefallen, wie in einem John Grisham Thriller?“
„In diesem Fall ist es wirklich ein guter Freund von mir und Dean. Ich habe ihm versprochen, dass ich die Informationen natürlich streng vertraulich behandeln werde und ich nichts davon in einem Artikel verwenden werde. Er vertraut mir.“
Julia aß das letzte Stück ihrer Pizza und wischte sich die Hände an der Serviette ab.
„Bin gleich wieder da.“
Sie stand auf und watete durch die Menge der Cowboy Johnny Fans am Tresen vorbei Richtung Toilette, bis die Kellnerin sie festhielt.
„Entschuldige. Ihr beide scheint mir in Ordnung zu sein, deswegen wollte ich dich warnen.“
Sie ließ ihren Blick unauffällig zum anderen Ende des Tresens wandern, wo die Männer in den grauen Anzügen und den Sonnenbrillen immer noch vor ihren unberührten Bieren saßen.
„Ich glaube diese Freaks dort drüben suchen nach euch.“
Julia linste an der Kellnerin vorbei und erkannte die Männer wieder. Es waren die Männer, die Patricia auf dem Gewissen hatten. Ihr Puls raste nach oben, ihr Magen verknotete sich abrupt und dutzende von Fragen schwirrten verloren durch ihren Kopf. Sie atmete tief durch und wusste, dass sie sich beruhigen und nachdenken musste.
„Ich danke dir, Jessy. Das kann schon sein. Weißt du, wir sind Reporter und einer heißen Story auf der Spur.“
„Ist ja cool!“, sagte Jessy voller Begeisterung.
„Kann sein, dass die Jungs dort drüben etwas gegen unsere Schnüffelei haben. Ich lasse mir etwas einfallen.“, sagte Julia und verschwand zu den Damentoiletten.
Bis auf ein angetrunkenes Teenagergespann, dass kichernd an Julia vorbei nach draußen ging, war die Toilette leer. Julia stellte sich vor das Waschbecken, wusch sich die Hände, spritze sich das kalte Wasser in Gesicht und versuchte so klar wie möglich zu denken, damit sie jetzt die richtige Entscheidung trifft.
Ihr erster Gedanke riet ihr, die Polizei zu verständigen, die Männer festnehmen zu lassen, um Antworten zu bekommen. Sie fischte ihr Handy aus der Hosentasche. Als sie die Nummer des Notrufs eingeben wollte, leuchtete auf dem Display wieder eine Nachricht in ihrem Messanger auf, ohne, dass eine Nummer angezeigt wurde. „Big Bird – Verschwinde durch die Hintertür. Die Dorfpolizei wird dir nicht nützen!“ Dann verschwand die Nachricht wieder, ohne eine Spur zu hinterlassen.
Bullshit. Wer immer du bist, du kannst mich mal!
Julia wählte die Nummer des Notrufs und linste durch die Toilettentür hindurch zu dem Platz an der Theke, wo sie die Männer in Grau immer noch vermutete. Aber sie waren verschwunden. Die Bar hatte sich mit weiteren Besuchern des Konzerts von Cowboy Johnny gefüllt. Julia unterdrückte den Notruf und ging zurück zum Tisch, wo Nick an einem weiteren Humpen Bier schlürfte. Sie setzte sich und ihr Blick suchte weiter die Bar ab und fiel auf das Fenster, dass zum Parkplatz führte. Sie fand nur das Spiegelbild der Menschen in der Bar, denn dort draußen war es bereits pechschwarze Nacht und der Parkplatz nur spärlich beleuchtet. So konnte sie nichts und niemanden erkennen. Sie selbst mussten von draußen allerdings gut sichtbar gewesen sein. Nick war ihre Nervosität aufgefallen.
„Julia, was ist los? Suchst du jemanden?“
„Die Kellnerin hatte mich gerade auf Männer in grauen Anzügen aufmerksam gemacht. Sie waren ihr aufgefallen, weil sie uns durch ihre Sonnenbrillen beobachteten und sich auch sonst irgendwie schräg verhalten hatten. Ich glaube, dass es dieselben Schweine sind, die Patricia überfahren haben.“
Nick verschluckte sich an seinem Bier.
„Was machen wir jetzt? Wir müssen die Polizei rufen.“
„Das habe ich mir auch schon überlegt. Aber sie sind weg. Und der Polizei aus dieser Gegend unsere Geschichte zu erklären, raubt uns nur Zeit und es wird nichts herauskommen. Was sollten sie auch tun. Ich denke nicht, dass diese Kerle abwarten, bis der Schwager von Cowboy Johnny sie mit aufs Revier nimmt.“
Nick nahm einen großen Schluck Bier und Julia sah in seine verängstigten Augen. Sie war einem Mordfall auf der Spur. Wie konnte sie ihn nur mitnehmen? Er war beinahe noch ein Kind. Julia winkte die Kellnerin herbei, die gerade einen Trupp von Truckern bedient hatte und sich den ein oder anderen Spruch anhören musste, der nicht so charmant, wie Nicks unsicheres Kompliment von Vorhin war. Die Kellnerin brauchte für solch ein raues Publikum in einem Nest wie diesem hier wirklich eine dicke Haut. Julia bewunderte das Mädchen. Sie selbst wäre schon längst entlassen worden und hätte eine Klage wegen Körperverletzung am Hals.
„Hey, Leute. Sieht aus, als wären die Freaks abgehauen, was? Was waren denn das überhaupt für Typen, die waren echt unheimlich.“
Jessy, die Kellnerin, musste mittlerweile Schreien, um gegen den Country Beat anzukommen, der das Lokal durchzuckte. Dabei fiel ihr fast das Kaugummi aus dem Mund.
„Ich weiß es nicht, Jessy. Habt ihr vielleicht eine Hintertür, durch die wir gehen können. Ich habe doch noch ein wenig Angst und will mich erst umsehen. Dann kann ich rechtzeitig die Polizei rufen, falls diese Idioten noch da sein sollten.“, schrie Julia.
„Klar, kommt mit. Aber du hast doch einen starken Begleiter an deiner Seite. Der passt bestimmt auf dich auf!“ Sie blinzelte Nick an und stieß ihre Hüfte leicht gegen seine Schulter, der gerade hastig sein Bier ausgetrunken hatte und sie verlegen anlächelte.
Sie zahlten und folgten Jessy hinter den Tresen durch die Bratfett-geschwängerte Luft der Küche zum Hintereingang, vorbei an einem griesgrämigen Koch, der sie kurz skeptisch mit halben Blick beäugte, um sich gleich wieder den brutzelnden Burgern auf dem Grillrost zu widmen. Julia drückte Jessy noch einen Zehner Trinkgeld in die Hand und bedankte sich für ihre Hilfe. Dann fiel ihr noch etwas ein.
„Ach, Jessy, weißt du, wie ich einen gewissen Pater Graham finden kann? Deswegen sind wir eigentlich hier. Wir wollen ihn zu einer Story interviewen.“
„Der Padre? Den findet ihr um diese Zeit sicher im Maynard’s Bar.“ Jessy nahm ihren Bestellblock hervor und kritzelte ihnen eine Wegbeschreibung.
„Ihr seid wohl echt jemanden auf die Füße getreten, oder? Mann, hier ist endlich mal was los. Ich wünsch euch was! Und lasst euch mal wieder blicken.“
„Das werden wir bestimmt.“, versicherte ihr Nick und die beiden verabschiedeten sich mit einem vieldeutigen Lächeln voneinander.
Nick und Julia schlichen sich um das Grill-Restaurant herum und gingen hinter dem Müllcontainer an der Seite zum Parkplatz in Deckung. Auf dem Parkplatz stand ein schwarzer Ford, in dem zwei Männer saßen und das Treiben im Restaurant beobachteten. Dabei waren sie regungslos, wie Schaufensterpuppen. Julia lief es bei ihrem Anblick kalt den Rücken hinunter. Mit einem Kloß im Hals wandte sie sich an Nick.
„Wir versuchen erst einmal Graham zu finden und schauen später nach, ob diese Typen dann noch hier sind. Den Sheriff können wir dann immer noch rufen. Aber zuerst will ich einige Infos aus unserem Padre herausquetschen.“
Nick hatte gegen den Plan nichts einzuwenden und sie verließen über den Hinterhof das Gelände des Restaurants. Cowboy Johnnys Gitarre und Stimme so wie die jubelnde Menge verklang allmählich, als sie durch die dunklen Nebenstraßen Richtung Maynard’s Bar gingen.
Der Pub lag etwas außerhalb der Kleinstadt. Nachdem sie im Halbdunkel der wenigen Straßenlaternen und einer Wanderung von einer halben Stunde im Nieselregen endlich am Ziel angelangt waren, standen sie vor einer rostigen Blechlaube, die wohl vor einigen Jahren eine Autowerkstatt gewesen war. Der Schriftzug aus Neonleuchten zeigte nur noch „Maards Br“ an. Die übrigen Lichter waren zersplittert. Rockmusik tönte aus dem Inneren und vor der morschen Veranda standen acht Motorräder.
„Das sieht aus wie eine Location der Hell’s Angels. Bist du sicher, dass wir da drin unseren Priester finden?“, fragte Nick unsicher und Julia spürte, dass ihm ebenso unwohl dabei war hinein zu gehen, wie ihr.
„Ich gehe hinein und sehe nach. Du wartest hier. Wenn dort wirklich solche Machos drinstecken sollten, wie ich es vermute, werden sie zu mir wahrscheinlich freundlicher sein als zu dir.“
„Freundlich?!“
„Na ja, du weißt doch, was passieren kann, wenn ein Fremder… Vergiss es. Wenn ich in fünf Minuten nicht mit dem Priester rauskomme, rufst du den Sheriff, okay?“
Nick gefiel der Plan nicht und ein wenig fühlte er sich auch seines Selbstwerts beraubt, auch wenn er nichts von dem Klischee des männlichen Beschützers hielt. Außerdem wollte er Julia auch einfach nicht allein lassen.
„Nein, ich komme mit. Keine Bange, ich werde mich nicht provozieren lassen. Und wenn dort wirklich ein Arsch bei sein sollte, hauen wir einfach zusammen wieder ab. Mach dir keine Sorgen.“
Er lächelte unsicher, was Julia nicht gerade Mut machte. Die Qualmwolke, die ihnen durch die Tür entgegen blies, weckte in Julia sofort ein Bild von einer Höllenpforte, die sie gerade durchschritten hatten.
Die Tür fiel hinter ihnen wieder zu und für Nick hatte sich bereits beim ersten Anblick der Bar gleich jedes kitschige Klischee, dass er von einer Rockerbar je im Fernsehen gesehen hatte, erfüllt. Und das ließ nichts Gutes erahnen. Die beiden fielen dort drinnen auf wie zwei Zebras, die aus Versehen im Löwenkäfig gelandet waren. Julia versuchte, sich ihr Unbehagen nicht anmerken zu lassen und ging direkt auf den Tresen zu. Nick folgte ihrem Beispiel. Er wollte keine Angst zeigen. Er wusste, diese tätowierten Vollbärte in Lederhosen konnten Angst wittern. Seine übertrieben lässige Art war allerdings dermaßen aufgesetzt, dass er es nur noch schlimmer machte. Julia bemerkte es aus dem Augenwinkel und stieß ihm so unauffällig wie möglich mit den Ellenbogen in die Rippen. Der Barkeeper war ein Mitsechziger, weißer Vollbart, muskulöse volltätowierte Arme, Piercings schmückten Nase, Ohren und Brauen und zahlreiche Ketten baumelten von Hals und Handgelenken. Seine Gäste sahen ihm ähnlich. Es war ein Piratenschiff.
„Hallo, mein Name ist Julia. Ich suche Pater Graham. Man hat uns gesagt, dass wir ihn hier finden können und…“ Julia wurde von der rauen Stimme, die von tausenden von Zigaretten geformt wurde, unterbrochen.
„Wollt ihr nicht erst einmal was zu Trinken bestellen?!“ Es klang mehr nach einer Drohung, als nach einer Frage.
Julia und Nick sahen sich kurz hilflos an. Dann reagierte Nick.
„Ja, na klar. Geben sie uns zwei Bier.“ Der Barkeeper beäugte ihn abschätzend und machte sich dann gleich ans Zapfen.
„Dann seid ihr keine Touristen, die sich verlaufen haben, was?!“, fragte der Barkeeper, während er weiterzapfte.
„Nein, wir sind Reporter und arbeiten an einer Story.“ Wieso sollten sie sich eine Geschichte
ausdenken? Sie suchten schließlich nur ein Gespräch und wollten keinen Drogen- oder Waffenring auffliegen lassen. Allerdings wussten das diese charmanten jungen Männer nicht.
Der Barkeeper stellte die zwei Humpen vor ihnen ab. Die anderen Gäste waren neugierig geworden. Drei Männer unterbrachen ihre Poolpartie und blickten interessiert zu ihnen hinüber. Ein zwei Meter Hüne mit Glatze und Dreieckstuch auf dem Kopf schlenderte von der Jukebox zum Tresen zu ihnen hinüber. Nick spürte auf einmal einen schweren Stein im Magen und konzentrierte sich auf das Bier vor ihm, von dem er gleich einen Schluck kostete. Er war überrascht wie gut es schmeckte, so kräftig, würzig und herb. Es war überhaupt nicht zu vergleichen mit dem dünnen Gebräu, dass er bisher gewohnt war und meistens überall bekam. Nein. Dieses Bier hatte Körper.
„Wow, das ist ein verdammt geiles Bier!“, entfuhr es ihm völlig unbewusst.
Der Barkeeper fühlte sich geschmeichelt und schmunzelte.
„Ein Fulton Lager. Aus der heimischen Brauerei.“ Er sah dem Hünen entgegen, der sich neben Julia an den Tresen gesetzt hatte. „Big T., hier hat jemand Geschmack an deinem flüssigen Gold gefunden!“, rief er zu dem Hünen hinüber.
Julia preschte mutig vor, um dem tieferen Gespräch über die lokale Braukunst zu entkommen.
„Ist Pater Graham denn heute Abend hier?“
In diesem Moment öffnete sich die Tür der Bar ein weiteres Mal. Und Julia stockte der Atem. Plötzlich waren ihre neuen Rockerfreunde gar nicht mehr so unsympathisch. Die Männer in den grauen Anzügen bauten sich vor dem Eingang von Maynard’s Bar auf, steif und emotionslos blickten durch ihre Sonnenbrillen zu Nick und Julia hinüber.
„Gehören diese Freaks etwa zu euch?!“, fragte der Hüne mit einer brummigen Stimme, wie von einem Grizzly Bären.
„Nein. Ganz und gar nicht.“, sagte Julia.

| KAPITEL VII: Home Sweet Home |

„Julia Cole, kommen sie bitte mit uns.“
Die Stimme war kalt und wandte sich wie eine giftige Schlange durch die Stille, die sich in Maynard‘s Bar niedergelegt hatte. Sie standen einfach so dort, reglos vor der zerbeulten und verrosteten Eingangstür, auf der in großen Lettern „FOR SINNERS“ stand. Die Aufmerksamkeit gehörte ganz ihnen. Finstere und neugierige Mienen erhoben sich aus der Versenkung. Dicke Zigarren wurden in Aschenbecher abgelegt, einige der trägen, aber extrem robusten Gestalten in Jeans und Leder erhoben sich von Stühlen und Höckern.
„Wer verdammt noch mal seid ihr?!“ Julias Augen feuerten Blitze des Hasses. Nick drückte sich an den Tresen und kam sich auf einmal sehr klein vor. Weniger dem zwei Meter Brocken an seiner Rechten geschuldet, als seiner Arbeitskollegin.
Einer der beiden Männer in Grau griff mit ruhiger Hand in die Innentasche seines Jacketts. Ab diesem Moment verschwanden die Hände der anderen Gäste sehr schnell hinter Rücken und unter Jeanswesten und -jacken und klammerten sich dort an etwas fest. Julia blieb ruhig. Relativ. Der Mann kann nicht nach einer Waffe greifen, denn sie hätte sich an seinem eng anliegenden Anzug bereits abgezeichnet.
„FBI. Special Agent Robertson und Special Agent Frank. Wir haben Fragen. Kommen sie bitte mit uns.“
„Oh, nein. So einfach geht das nicht. Ich habe sie bereits in dem Restaurant gesehen und ich habe sie auch an dem Abend gesehen, als Patricia ermordet wurde.“ Sie machte einen energischen Schritt auf die Männer zu und starrte dem Gesprächigen der Beiden nur wenige Handbreiten von seiner Sonnenbrille entfernt in die Augen.
„Und zwar von Ihnen!“ Ein Tuscheln und Raunen rauschte durch die Bar, ohne dass die tätowierten Männer ihre Hände von dem ließen, was sie gerade umklammert hielten.
Nick hielt seinen Atem an. Die Gäste, insbesondere der Hüne, trug auf einmal ein großes Fragezeichen in seinem Gesicht. Es machte ihn unruhig, ja sogar aggressiv. Ein Urinstinkt wurde in ihm geweckt, der ihn sein Revier verteidigen und das Weibchen beschützen lassen wollte. Er stellte sich, wie ein Bodyguard, an Julias Seite und sah abfällig auf die Männer hinunter. Diese allerdings, blickten weiterhin Julia an und schenkten dem Großen nicht die geringste Aufmerksamkeit. Sie hätten ihm genauso gut in sein Gesicht spucken können.
„Das hier ist eine ganz billige Nummer. Ich bitte sie. Für wie dämlich halten sie mich eigentlich. Würde das FBI mit mir wegen irgendeiner Sache sprechen wollen, bekäme ich einen mehr oder weniger freundlichen Anruf aus der Verwaltung, oder eine Vorladung per Post. Und selbst wenn ich aufgrund irgendetwas verdächtigt werden würde, hätte das FBI die Cops vorgeschickt, um mich zu verhaften. Und das mit Sicherheit nicht erst hier in Fulton. Wir gehen nirgendwo hin. Also, ihr Nasen, wer zum Geier seid ihr?“ Julia wusste die Geste ihres neuen Freundes zu schätzen. Er gab ihr Sicherheit und sie nutzte diese Gelegenheit aus.

Die Männer in Grau regten sich zum ersten Mal und sahen sich kurz einander fragend an. Gedanken und Emotionen waren bei ihnen weiterhin nicht auszumachen. Ihre Minen blieben versteinert. Dennoch schienen sie auf irgendeine Art zu kommunizieren.
„Dann werden wir mit Verstärkung der örtlichen Polizei wiederkommen. Sie bringen sich nur in Schwierigkeiten.“ Er setzte zu einer Pause an und bewegte sein Gesicht wenige Zentimeter zu Julia, wie ein Mann, der gerade ein kleines Kind zu Recht wies.
„Miss Cole.“
„Mrs. Cole!“, verbesserte Julia ihn mit knirschenden Zähnen.
„Ach, wirklich?“
Der Mundwinkel des Mannes zuckte nur ganz leicht, ganz kurz nach oben. Trotzdem stach es so hervor, als hätte er Julia mit ausgestrecktem Zeigefinger lauthals verhöhnt. Und das war zu viel für sie. Sie schnellte zwei Schritte vor und ihre rechte Faust stieß mit Kraft und Präzision nach vorne, direkt nach den zuckenden, schmalen Lippen. Aber noch schneller wurde ihre Faust von der Hand des Mannes mühelos umklammert. Ein kalter, stahlharter Griff. Dann passierte alles binnen weniger Augenblicke.
Der Hüne packte mit seiner Pranke die Kehle des Mannes in grau. Dieser ließ Julia los, während gleichzeitig seine andere Hand nach oben schnellte und den Arm des Hünen brach. Julia stolperte nach hinten, Nick fing sie auf und torkelte mit ihr einige Meter nach hinten. Die anderen Rocker hatten inzwischen ihre versteckten Messer, Schlagstöcke und Pistolen hinter ihren Rücken und aus ihren Innentaschen gezogen und sich auf die Männer in Grau gestürzt. Wie eine menschliche Traube hatten sich die kantigen Rocker über sie gestülpt. Nick und Julia konnten in dem Wirrwarr nicht erkennen, was dort genau passierte. Aber laute Schmerzensschreie verrieten ihnen, dass die Männer in Grau ihnen auf wundersame Weise nicht unterlagen. Denn die Schreie hallten aus den Kehlen ihrer Angreifer, die bereits blutüberströmt und bewusstlos einer nach dem anderen zurückfielen.
„Wir sollten von hier verschwinden, Kinder. Los, kommt!“ Zwei kräftige, raue Hände zogen Julia und Nick an den Schultern, fort von dem fortschreitenden Massaker, vorbei an dem Billardtisch und hinaus durch eine Hintertür. Wieder eine Hintertür, die wieder in einen noch unheimlicheren Hinterhof führte.
„Aufsitzen!“, bellte der Barkeeper und schwang sich auf eine Harley.
„Wie?!“, fragte Nick.
„Quetscht euch! Wir müssen hier weg. Wie seid ihr hier? Habt ihr ein Auto?!“
„Am Restaurant.“, antwortete Julia knapp und hievte sich bereits auf das Motorrad. Nick zog sich umständlich noch mit hintendrauf.
„Dann dorthin. Erstmal. Festhalten!“ Der Barkeeper ließ den Motor an und die Harley donnerte durch die Nacht davon. Julia drehte sich noch einmal zurück zur Bar. Die Männer in Grau traten gelassen durch die Hintertür und blickten ihnen stumm nach, als wäre nichts geschehen.
Der Barkeeper raste durch die Dunkelheit bis zum Restaurant. Cowboy Johnnys triumphales Konzert war noch im vollen Gange. Das Motorrad drängelte sich an einer Gruppe Bier trinkender Teenager vorbei, die sich lauthals beschwerten. Sie hielten neben Julias Wagen und die beiden kletterten vom Motorrad hinunter. Der Barkeeper griff in eine seiner Satteltaschen und holte etwas hervor, dass wie ein präparierter Rucksack aussah. Er öffnete ihn. Innen war er mit einer glänzenden, metallenen Folie beschichtet.
„Werft eure Smartphones hier hinein und eure Laptops und was ihr sonst noch so habt, mit dem sie euch geortet haben.“
„Wer sind sie?! Wo ist Pater Graham?!“, fragte Julia.
„Wir haben keine Zeit. Sie werden gleich hier sein. Schmeißt die Sachen hier hinein und fahrt mir nach!“, sagte der Barkeeper mit Nachdruck, aber Nick und Julia warteten beide auf ihre Antwort. Der tätowierte Bärtige schien zu begreifen, dass auch sein Verhalten nicht gerade vertrauenerweckend auf die beiden wirken musste. Er verdrehte die Augen, gab aber nach.
„Ich bin…“ Die Kellnerin Jessy, die den Teenagern gerade von drinnen ein paar Drinks zukommen ließ, kam zu ihnen hinüber und unterbrach den weißbärtigen Rocker.
„Pater Graham, schön dass dich die beiden gefunden haben. Ich hoffe, du bist nicht sauer, dass ich sie zu dir geschickt habe. Die Kleine hier war echt verzweifelt. Sie wusste sowieso, wo du zu finden warst.“
„Schon gut, Jessy. Du hast alles richtiggemacht. Ich danke dir, mein Kind.“
Julia und Nick sahen sich fragend an und wollten nicht so recht glauben, was sie dort eben gehört haben.
„Sie sind Pater Graham?“ Aber Julia hatte bereits die Daten, die sie dem ihr zugesandten Dokumenten entnommen hatte, zusammengelegt und das Puzzle ergab für sie tatsächlich Sinn.
„Ich werde euch alles in allen Einzelheiten erklären. Aber jetzt fahrt mir nach, denn sonst werdet ihr meine Stimme wahrscheinlich nur noch einmal auf eurer Beerdigung hören, denn die Jungs in Grau werden mit euch kurzen Prozess machen!“
Nick hatte währenddessen sämtliches elektronisches Equipment aus ihrem Gepäck im Wagen geholt und es bei Pater Graham im Rucksack verstaut. Der Pater warf sich den Rucksack auf den Rücken und ließ seine Harley wieder aufheulen.
„Los jetzt!“
Julia und Nick gaben ihm eine Chance – sie sahen auch keine Alternative – und folgten Graham mit ihrem Wagen. Nick winkte der Kellnerin Jessy noch einmal zu, worauf sie ihm einen Kuss zurückfliegen ließ.
Sie rasten über den schwarzen Asphalt dem Prediger hinter her. Noch nie in ihrem Leben war Julia so schnell gefahren. Der Padre trug immer noch seine Jeansweste. Julia wurde bereits vom Anblick kalt. Sie und Nick saßen die ganze Zeit stumm nebeneinander. Die Augen auf die Straße gerichtet. Nick schluckte einige Male schwer und gab sich die größte Mühe, sich nicht zu übergeben. Julia war gefasster. Aber ihre Gedanken überschlugen sich. Die Männer in Grau. Wer sind sie? Wollen sie uns wirklich töten? Haben sie etwas mit Deans Verschwinden zu tun? Die Nachrichten? Wer schickt mir diese Nachrichten? Kann es wirklich Dean sein? Julia brauchte Antworten und konnte es nicht erwarten, sie aus dem Padre herauszuquetschen.
Sie fuhren bereits seit einer halben Stunde auf der Landstraße. Endlich setzte Graham den Blinker und bog in eine holprige Nebenstraße ab, die an einem Wald entlangführte. Fünf Minuten später kamen sie an einer unbeleuchteten Hütte an. Graham stellte seine Maschine ab, ging zur Veranda und legte einen Schalter um. Das Licht, das von alten Hängelampen aus dem vorletzten Jahrhundert ausging, offenbarten eine Hütte, die dringend einen neuen Anstrich brauchte, eine abrissreife Laube, die wohl als Garage diente und eine ebenso baufällig wirkende Scheune gegenüber des Hofs. Julia parkte den Wagen und stellte den Motor ab.
„Home Sweet Home!“, rief Pater Graham und stellte sich in breitbeiniger Willkommensgeste mit weit ausgestreckten Armen und einem breiten Grinsen vor die Eingangstür seiner kleinen Hütte.


| Kapitel VIII – Fallouts |

 Grahams kleine Hütte war spartanisch eingerichtet. Zum Glück gab es fließend Wasser und ein WC, zwar alt, aber sehr sauber und aufgeräumt. Julia hatte bereits befürchtet eine Holzbaracke in der Nähe des Waldes aufsuchen zu müssen. Den Strom lieferte ein kleiner Generator hinter der Hütte. Graham hatte Nick und Julia Kerzen angezündet, bis er den Generator eingeschaltet hatte. Von innen sah die Hütte wesentlich gemütlicher aus, als Julia es von außen her vermutet hätte. Das Mobiliar war alt, aber gepflegt. Es gab einen sauberen, kleinen Kamin, viele Regale, die bis oben hin voll mit Büchern waren und eingerahmte Fotos an den Wänden, die Graham an verschiedenen Orten zeigten, meistens zusammen mit unterschiedlichen Gruppen von Kindern, Jugendlichen, Frauen und Männern.
Nick ließ sich direkt auf das Sofa fallen, atmete tief durch und versuchte das Geschehen zu verarbeiteten. Als junger Student war er zwar immer scharf auf ein bisschen Action, aber, so musste er sich eingestehen, kalkulierbare Action, bei der nicht gerade sein Leben auf dem Spiel stand. Julia legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter.
„Alles klar, Kleiner?“ Er zwang sich ein Lächeln ab und nickte.
Julia nahm eine Kerze in die Hand und sah sich in Grahams Behausung etwas genauer um. Sie wollte etwas über ihn erfahren, bevor dieser wieder vom Generator zurück war. Eine Wohnung ist Ausdruck der Persönlichkeit und steckt für eine Reporterin voller nützlicher Spuren. Diese Erfahrung konnte sie bereits in zahlreichen Interviews machen. Sie hatte einige Exklusivinterviews mit Politikern geführt und sie in ihren Appartments und Häusern besucht. Politiker, oder ihre Imageberater, gaben sich immer große Mühe den Raum oder auch die ganze Wohnung so zu arrangieren, dass sie ein ganz bestimmtes Bild seiner Persönlichkeit für die Öffentlichkeit wiederspiegeln. Letztlich spiegelten sie also nichts wieder, außer vielleicht den Wunschcharakter des PR-Beraters, wenn dieser halbwegs kompetent war.

Grahams Hütte war das komplette Gegenteil und der Charakter, den sie durchschimmern ließ, war ihr sympathisch. Sie sah sich die Titel der Bücher an, während ihre Finger langsam über die Buchrücken glitten. Sein Interessenschwerpunkt lag in Religion und Philosophie, aber auch Soziologie und Psychologie. Alte Schmöker mit längst vergilbten Seiten, aber auch aktuelle Werke. Dann fiel ihr Blick auf einen Schreibtisch in einer Ecke des Wohnzimmers. Dort lagen Dokumente und Akten. Vorsichtig und die Eingangstür im Blick behaltend, durchstöberte sie die Dokumente. Es waren Essays und Projekte zur humanitären Projekten in verschiedenen Teilen Afrikas und Südamerikas. Sie stieß auf einen weiteren Batzen mit Dokumenten, die neben einem Laptop aufgehäuft waren, der ganz nach Marke Eigenbau aussah. Graham schien also auch ein Tüftler zu sein. Darauf war auch das Feinwerkzeug zurückzuführen, dass sie in den Schubladen des Schreibtischs fand. Sie musste an ihr eigenes Equipment denken, dass sie Graham so bedingungslos überlassen hatte. Ihr wurde Unwohl dabei, denn sie war es einfach nicht gewohnt tatsächlich offline und von dem Rest der Welt abgekapselt zu sein. Julia durchsuchte weitere Dokumente. Diese waren anderer Art. Es waren unter anderem Karten; wieder von verschieden Regionen der Erde. Orte und Landstriche waren eingekreist, doch ehe sie die Vermerke am Rand der Karten lesen konnte, kam Graham wieder herein. Julia wandte sich schnell vom Schreibtisch ab und hoffte, dass er sie nicht erwischt hatte.
„Hier werden uns die Männer nicht finden. Also, keine Angst, beruhigt euch. Ich werde uns einen Kaffee machen, den Ofen anschmeißen und dann werden wir uns unterhalten.“
Ohne Umschweife stakste der Rockerpriester durch das Wohnzimmer und verschwand in der Küche. Inzwischen war das Licht angegangen und Nick und Julia beobachteten Graham durch die Durchreiche zur Küche, wie er eine Kanne, eine Dose und Tassen aus dem Schrank nahm.
„Seht euch ruhig um.“ Er nahm einen kleinen Schlüssel aus der Hosentasche seiner Jeans und warf ihn Julia durch die Durchreiche zu.
„Aber das wirklich interessante Zeug ist dort vorne drin.“ Er deutete mit einem verschwörerischen Lächeln auf das andere Ende des Wohnzimmers. „Und du kannst uns den Ofen anschmeißen!“, rief er zu Nick hinüber und warf ihm ein Päckchen Streichhölzer zu. Nick wurde aus seinen Gedanken gerissen und fing sie ungeschickt.
Julia war die Truhe erst gar nicht aufgefallen. Decken und Kissen lagen auf ihr und man konnte sie für eine einfache Sitzbank halten. Nicks Gesicht hatte allmählich wieder an Farbe gewonnen. Er hatte ins Hier und Jetzt zurückgefunden. Mit dem trockenen Holz und dem Zeitungspapier hatte er das Feuer in dem Ofen schnell entfacht. Sein Blick folgte nun Julia, die sich ungeduldig daran machte, Decken und Kissen von der Truhe zu entfernen und sie dann öffnete. Wieder ein Haufen Dokumente.
„Gesammeltes Material, Dokumente und Dateien mit allen Einzelheiten zu Reaktorunfällen und Atomtestversuchen weltweit. Aber lasst uns von vorne anfangen.“ Graham kam mit einem Tablett zurück, auf denen drei große Tassen dampfenden Kaffees standen, stellte es auf dem Wohnzimmertisch ab und setzte sich in den Sessel, der dem Stoffmuster nach aus den Achtzigern stammen musste. Nick setzte sich gespannt wieder mit aufs Sofa.
„Danke für den Kaffee.“ Er nahm sich einen Becher Kaffee von dem Tablett. Julia tat es ihm gleich und setzte sich neben ihn. Jetzt blickten sie beide gebannt auf Graham. Er entgegnete ihren Blicken mit tiefem Ernst. Hinter seinen Brauen brodelte es.
„Ich habe einige Fragen an Sie, Graham. Bevor wir zu den Dokumenten kommen, will ich wissen, wer du bist.“
„Das kann ich mir vorstellen. Schieß los.“
Julia griff instinktiv nach ihrem Notizbuch und dem Kuli, die sie immer in ihrer Jackentasche mit sich führte. Graham zeigte keinen Einwand. Sie schlug ihr Notizbuch auf und versuchte ihre Gedanken zu ordnen.
„Ich habe Akten von Ihnen. Darin ist nur ein Passfoto. Aber ich erkenne sie. Sehr hübsche Tattoos für einen Priester. Sie müssen zugeben, dass ich verwirrt bin. Was sind sie denn nun. Priester, oder Anführer einer Rockerbande?“ Sie deutete skeptisch auf seine tätowierten Arme.
Graham lächelte amüsiert. „Befreien sie sich von Stereotypen und Klischees. Die netten Jungs, die ihr gerade kennengelernt habt, sind alles bekennende Sünder. Sie kamen zu mir in die Beichte, nachdem wir einige Gespräche hatten. Und glauben sie mir, man erreicht die Menschen nicht, indem man sich in einer Kutte über sie stellt und ihnen abstruse, weltfremde Geschichten erzählt. Nein. Das Wort Gottes spricht alle Sprachen und das ist die Herausforderung für uns Priester. Diese vielen Sprachen zu verstehen, wirklich zu verstehen, um den Menschen dann zu helfen, sich selbst zu helfen und im mit sich ins Reine zu kommen.“
Er merkte, dass Julia ungeduldig wurde und zum ursprünglichen Grund ihres Besuchs zurückkommen wollte.
„Aber ihre Freunde wurden gerade von jemanden durch die Mangel genommen, die ganz und gar außerweltlich zu sein scheinen. Wie stehen sie mit ihnen in Verbindung. Und was hat es mit Dean zu tun, den sie, hoffe ich, noch nicht vergessen haben.“
Graham blickte sie ernst an und erhob sich angestrengt aus dem alten Sessel. Nick blieb stumm und beobachtete aufmerksam das Geschehen. Graham ging zu dem kleinen Fenster und blickte angestrengt in die Nacht hinaus.
„78 Nationen unterhalten Kernkraftreaktoren. Allein in diesem Jahr wurden 150 neue gebaut. Weitere 450 sind in Planung. Es gibt immer noch 15.000 aktive Atomsprengköpfe. Bis heute wurden 2.100 Atomtests durchgeführt, 1.032 allein in den USA. Unterirdisch, in der Atmosphäre, in der Stratosphäre und unter Wasser. Die Bereiche, die noch nicht kontaminiert sind, sind Südamerika und Südafrika. Man sagt, es sei für militärische, kommerzielle oder Forschungszwecke. Aber ich bitte euch!“ Graham hatte sich in Rage geredet und war aufgestanden. Er bemerkte es selbst, atmete einmal tief durch und setzte sich wieder.
„Und jetzt kommt der Clou. Mit Ausnahme vielleicht von nuklearer Abschreckung, auch wenn Cyberattacken militärisch viel interessanter sind und auf diesem Gebiet die meisten Gelder fließen, was denkt ihr, wofür diese permanente Aufstockung nuklearer Reaktoren wohl gut ist? Die Weltbevölkerung wächst langsamer und mit global erhöhten Chancen auf Bildung und Arbeit wird sich diese ach so beängstigende Wachstumskurve allmählich begradigen. Aufgrund von effizienten, alternativen Energiequellen sind wir auch versorgt.“
„Halten mir sie mir jetzt bitte keinen Vortrag über Nachhaltigkeit und Ressourcenmanagement. Kommen sie auf den Punkt!“ Julia musste sich anstrengen, nicht die Fassung zu verlieren. Sie war müde und erschöpft. Sie wollte antworten.
„Na gut.“ Graham stellte den Kaffeebecher ab und baute sich vor den beiden auf. Dabei verschränkte er seine muskulösen, tätowierten Arme.
„Die Energie ist nicht für unsere Welt, sondern für eine andere. Die Atomtests waren nur für die Öffentlichkeit „Waffentests“. In Wirklichkeit wurden Portale geöffnet von Agenten einer anderen Welt, die die höchsten Regierungskreise kompromittiert haben, um unsere Welt nach und nach zu assimilieren. Dean hatte es herausgefunden. Durch mich und Patricia.“
Nick und Julia blickten Graham mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen an. Die ersten Sekunden verstrichen und niemand sagte ein Wort. Dann fing Julia an zu glucksen, zu kichern und schließlich lauthals zu lachen. Nick wusste ihr Verhalten nicht so recht einzuordnen. Er lachte mit, unsicher und mit hilfesuchendem Blick, der zwischen Julia und Graham hin und herwanderte. Julia lachte noch ausgiebiger, ja beinahe hysterisch.
„Bitte, bitte, lieber Gott, lass mich nicht den ganzen Weg gemacht haben, um mich mit einer Hillbilly Verschwörungstheoretiker Geschichte abspeisen zu lassen.“ Sie lachte weiter und musste sich den Bauch halten. Sie bekam einen regelrechten Lachkrampf.
„Oh, bitte, Baxter wird uns umbringen und wir müssen wahrscheinlich für diesen beschissenen Horrortrip auch noch selbst blechen!“ sie wischte sich eine Träne aus dem Auge und blickte jetzt wieder Graham an, der sich keinen Zentimeter bewegt hatte und dessen Miene toternst geblieben war. Ihr Lachen ebbte ab, sie lächelte immer noch und schüttelte verständnislos den Kopf. Aber sie riss sich wieder zusammen. Auch wenn sie einen großen, durchgeknallten Spinner vor sich hatte, musste sie sich professionell verhalten. Es war ja auch leider nicht das erste Mal.
„Na gut.“, sie wischte sich noch eine Träne aus dem Gesicht. „Haben sie dafür irgendwelche Beweise?“ Sie blickte zu dem Sekretär am anderen Ende des Wohnzimmers und auf den Stapel Dokumente. „Ist das dort drüben ihr „Beweismaterial“?“ Sie simulierte mit ihren Fingern höhnisch Anführungszeichen.
„Die Männer in der Bar. Haben sie nicht mitbekommen, wie sie meine Jungs auseinandergenommen haben?“, fragte Graham provozierend.
„Speed! Die waren wahrscheinlich voll auf Droge. Das erklärt auch ihr Verhalten. Irgendetwas haben sich diese Spinner eingeworfen.“ Julia ließ für einen Augenblick ihr Gesicht in die Hände fallen und rieb sich ihre Augen. „Kann ich bitte mein Handy wieder haben?“
„Er hat sie kontaktiert, nicht wahr?“ Julias müder Blick wanderte wieder zu Graham, der sich inzwischen wieder in den alten Sessel gesetzt hatte.
„Dean? Er hat sie kontaktiert, stimmts? Vermutlich über ihr Handy, Fernseher, Laptop? Und auch in ihren Träumen?“ Julias Gesicht verlor an Farbe. Entgeistert blickte sie in das wieder schelmisch grinsende Gesicht von Graham.
„Er gibt ihnen Zeichen. Er hat sie zu mir geführt. Geben sie mir Gelegenheit, dass zu beweisen, was ich ihnen sage. Ich werde sie zu Dean bringen.“
Julia sprang vom Sofa auf. Nick erschrak und er wollte sie instinktiv festhalten.
„Lügner!“, fauchte sie. „Geben sie uns unsere Sachen und dann verschwinden wir von… von…“
Ein stechender Schmerz durchzuckte ihre Schläfe. Ihr Herz raste und wollte ihren Brustkorb sprengen. Ihr Sichtfeld verkleinerte und die Welt um sie herum drehte sich. Sie schwankte, verlor ihren Halt und fiel in die Dunkelheit.

 

|KAPITEL IX – Blutiger Himmel|

Langsam und behäbig hoben sich ihre Augenlider. Sie war von Dunkelheit und Stille Umgeben. Eine eigenartige Dunkelheit und eine seltsame Stille, denn es war nicht das Fehlen von Licht und auch nicht ein nicht vorhanden sein von Geräuschen oder Klängen. Sie befand sich in einer dunklen Höhle, einem Kokon, oder vielmehr einer Sphäre in Schwerelosigkeit und von ihr selbst strahlte das Licht aus. Ihre Gedanken waren frei und unbelastet. Ein vom körperlichem Leid gelöster Geist. War sie etwa gestorben? Sie fühlte sich unendlich wohl und geborgen, als wären die Sorgen und Ängste, die sie auf der Erde plagten, eine Illusion längst vergangener Zeiten. Die Schranken und Begrenzungen der alten Welt hatten hier keine Bedeutung mehr. Raum und Zeit waren aufgelöst und sie spürte unendliche Freiheit.
„Julia.“
Deans Stimme durchdrang ihr Bewusstsein. Sie war überall, durchdrang die Sphäre mit ihrem warmen Klang und legte sich wie ein wärmender Mantel über sie.
„Dean, wo bin ich? Wo bist du?“
„Das ist jetzt nicht wichtig. Du wirst später alles erfahren. Jetzt ist es wichtig, dass ihr am Leben bleibt. Sie haben es geschafft, den Kontakt zurück zu verfolgen. Jetzt wollen sie ihre Spuren verwischen.“
Julia wurde unruhiger und zeitgleich wurde die Sphäre von einem Beben erschüttert. Sie war an sie gebunden und Ausdruck ihres Erlebens und ihrer Gefühle.
„Es ist alles ein einziges Rätsel. Was passiert hier? Was passiert hier auf der Erde? Warum sagst du es mir nicht? Wo bist du? Ich weiß noch nicht einmal, ob es wirklich du bist.“
„Erforsche deine Gefühle, Big Bird, du weißt, dass es wahr ist.“
Die Sphäre beruhigte sich. Julia lächelte.
„Und du denkst also, du bist der Einzige, der in dieser seltsamen Welt auf die Idee kommt Obi Wan zu zitieren?“
„Irgendwie dachte ich, es sollte dir erstmal als Beweis genügen.“
Julia konnte ihn nicht sehen, aber sie spürte deutlich sein Lächeln.
„Wie ist das alles nur passiert?“
Die Sphäre wurde kälter und das Licht, das von Julia ausströmte, wurde fahler. Julia dachte an Graham. Wenn er recht hatte, würde die Welt, wie sie sie kannte, bald aufhören zu existieren.
„Folge mir zu den Koordinaten. Höre auf Graham. Passt auf, dass euch die Männer in Grau nicht erwischen. Vertraue niemanden und hinterlasse keine Spuren.“
„Wo führst du mich hin?“
Sie spürte, dass Dean sich entfernte. Seine unsichtbare Gegenwart entfernte sich und die Sphäre begann sich aufzulösen.
„Dean? Was passiert hier? Dean!?“
Ein Beben durchflutete die Sphäre. Das Licht wechselte vom fahlen Weiß in einen flackernden roten Schimmer, bevor es erlosch und die Sphäre sich auflöste. Julia fiel.

„Julia! Beruhige dich! Du hast geträumt!“
Nick war von ihrem Schrei geweckt worden. Sie schlief in Grahams Bett und Nick hatte bei ihr im Sessel übernachtet.
fragte er, als er seine Hand auf ihre Schulter legte und ihr ein Glas Wasser anreichte.
„Was? Wo… Wo bin ich?“
„In Grahams Singleparadies. Du bist ohnmächtig geworden und warst fast acht Stunden weggetreten.“
„Acht Stunden?!“ Sie fuhr hoch, aber ihr wurde sofort schwindlig und ein Kopfschmerz durchstach ihre Schläfe. Sie stöhnte auf und merkte, dass sie es langsamer angehen lassen musste. Sie setzte sich aufrecht hin. Ihr Kreislauf wollte noch nicht so recht und kleine, funkelnde Sternchen glitzerten links und rechts neben ihr. Ihr war schwindlig. Sie trank das Glas Wasser auf einen Schluck aus. Nick goss ihr ein weiteres ein, dass sie direkt zur Hälfte leerte.
„Ist unser Sorgenkind aufgewacht?“
Graham trat durch die Tür. Er ging zu Julia, fasste sanft ihr Kinn und begutachtete ihr Befinden, wie ein Ringrichter, der gerade entscheiden musste, einen Kampf abzubrechen oder fortzuführen. Sie nahm seine Hand, stieß sie von sich weg und strafte ihn mit einem finsteren Blick.
„Ah, es geht also.“
Er hielt ihr eine kleine Dose hin.
„Hier, nimm zwei von denen. Keine Angst, es sind nur Aspirin. Wir werden uns später über das unterhalten, was dir passiert ist. Aber jetzt müssen wir uns erstmal vom Acker machen. Ich habe gehört, dass die Männer in Grau sich in Fulton und in den umliegenden Städten nach uns umhören. Meine Hütte existiert zwar offiziell nicht, aber früher oder später werden sie ihren Weg hierher finden. Diese Mistkerle sind verdammt gute Spürhunde.“
„Für einen Priester fluchen sie verdammt viel.“, bemerkte Nick.
Graham lächelte verschmitzt.
„Ich habe eure Sachen in den Wagen gebracht. Hilf deiner Freundin, Nick. Wir müssen los. Ich warte draußen auf euch.“
Dann verließ er das Schlafzimmer.
Nick rieb sich die Augen. Er war müde und hatte kaum geschlafen. Er stand auf und reckte sich.
„Julia, das ist, glaube ich, alles zu viel für mich. Wirklich. Ich bin im vierten Semester und mache gerne Fotos. Meinetwegen recherchiere ich auch für dich. Aber diese Nummer hier mit diesen Typen, die mal eben einen Haufen riesiger Rocker auseinandernehmen und die wahrscheinlich sogar eine Frau auf dem Gewissen haben…“ Er stockte und haderte noch verlegen mit sich selbst, bevor er sich wieder neben Julia auf das Bett setzte.
„Ich möchte nach Hause, Julia. Ich habe eine Schweineangst.“
Das war ehrlich. Julia hatte die Aspirin mit dem letzten Schluck Wasser hinuntergespült und langsam fühlte sie sich besser. Sie legte Nick die Hand auf die Schulter und nickte ihm verständnisvoll zu.
„Geh schon mal vor und schau, dass wir einen Kaffee für die Fahrt haben. Ich rede gleich mit Graham und wir sehen zu, wie wir dich am schnellsten nach Hause kriegen, okay?“
Nick fühlte sich miserabel. Wie ein Verräter. Verschämt blickte er Julia in die Augen und ging von sich selbst enttäuscht aus dem Zimmer. Julia akzeptierte seine Entscheidung. Sie war für sie vollkommen verständlich und sie würde ihn deswegen keineswegs missachten oder in Zukunft dafür verurteilen. Trotzdem war sie traurig und sie fühlte sich unwohl bei dem Gedanken von jetzt an allein weiter zu machen. Sie stand auf, trank den letzten Schluck Wasser aus der Karaffe neben ihrem Bett und ging ins Bad um sich für die Abreise fertig zu machen.

Als Julia Grahams Hütte verließ und in den Wagen stieg, den Graham bereits gestartet hatte, saß Nick bereits auf der Rückbank neben Kartons, die Grahams Nachforschungen enthielten. Er stöberte aufmerksam in einer der Akten.
„Wollen Sie Ihr Haus nicht abschließen?“
„Ich glaube nicht, dass das nötig sein wird.“, sagte Graham knapp und fuhr los.
Sie fuhren zuerst zwei Stunden Richtung Norden und dann auf die Interstate neunzig Richtung Westen, entlang des Lake Eries, vorbei an zahlreichen Mais-, Soja- und Nutztierfeldern. Julia vermisste bereits jetzt die Stadt. In dem kleinen Städtchen Elmore sollte ein Bekannter Grahams einen kleinen Privatflughafen betreiben. Graham wartete mit der Überraschung auf, dass er neben Priester, Rocker und Verschwörungstheoretiker auch ein ausgezeichneter Pilot sei und sich ein Privatflugzeug von seinem guten, alten Freund leihen würde, der ihm noch einen Gefallen schuldete.
Julia hatte sich für Nicks Rückreise eingesetzt. Dabei sah Graham im Rückspiegel, wie die Schamesröte sich über Nicks Gesicht legte. Er versicherte ihm, ihn mit genügend Geld in ein Taxi zu setzen, sobald sie angekommen würden. Nick bedankte sich knapp und vergrub seinen Kopf wieder zwischen Baxters Dokumenten, die sich auf der Rückbank stapelten. Auch Julia kämpfte sich durch das viele Material, das Graham über die Jahre gesammelt und kategorisiert hatte, um seine sagenhafte Theorie zu stützen. Dabei stieß sie auf Fotografien, die die Männer in Grau zeigten. Bilder aus den vergangen drei Jahrzehnten. Die Männer schienen immer dieselben zu sein. Nur die Anzüge haben sich jeweils der Mode angepasst. Das konnte nicht wahr sein!
„Die Männer in Grau sind Agenten der Regierung in der anderen Welt. Sie sollten dafür Sorge tragen, dass alles im Geheimen bleibt und nichts an die Öffentlichkeit gelangt?“ Graham bat Nick einen bestimmten Ordner mit der Aufschrift „Network“ herauszusuchen. Nick fand ihn in einem der Kartons und reichte ihn nach vorne zu Julia.
„Ich bin bei weitem nicht der Einzige, der Bescheid weiß. Wir sind ein Netzwerk von 250 Männern und Frauen aus unterschiedlichen Professionen, die auf sie aufmerksam geworden sind.“
Julia durchforstete zahlreiche Zeitungsartikel, in denen bereits Theorien, die Grahams ähnlich waren, veröffentlicht wurden, dann aber wieder zurückgezogen und als Lüge dementiert worden waren. Unter den Artikeln befanden sich auch zahlreiche Todesanzeigen.
„Das passierte mit den erfolglosen Versuchen, uns Gehör zu verschaffen. Unsere Warnungen wurden entkräftet, zerrissen und lächerlich gemacht. Die wenigen, die es geschafft hätten, ernsthaft jemanden aufzuwecken, wurden von den Männern in Grau ermordet.“
Julia versuchte einen schweren Kloß hinunterzuschlucken. Das ganze Material! Wenn Graham ein durchgeknallter Spinner war, dann einer von der intelligenten Sorte, die sich ihre Welt ins Detail erdacht haben. Sie fand einfach kein schwaches Glied in seiner Beweiskette. Trotzdem glaubte sie ihm noch nicht. Das wäre zu voreilig. Sie wusste deswegen auch nicht, ob sie Graham bereits von ihrem Traum erzählen sollte. Vielleicht war sie auch irgendeiner Droge ausgesetzt gewesen, die Graham ihr verabreicht hatte. Sie wollte erst einmal noch warten, noch mehr erfahren.
„Da sind wir!“
Der Wagen fuhr durch ein Tor in die Einfahrt eines Rollfelds für Sportflugzeuge kurz vor der Stadtgrenze. Graham bat Nick das Tor hinter ihnen zu schließen. Er tat es, dachte aber gleichzeitig darüber nach, was dies zu bedeuten hatte und wann er wohl zu seinem versprochenen Taxi käme. Auch Julia wurde skeptisch, hielt es aber für eine reine Vorsichtsmaßnahme und sagte nichts weiter. Graham fuhr noch ein paar hundert Meter das Rollfeld entlang und parkte vor einem geschlossenen Hangar. Daneben parkte ein Dodge Pick Up. Graham stieg aus und schlug laut gegen die Tür des kleinen Hangars. Nichts rührte sich. Julia und Nick stiegen aus und folgten Graham, der nochmals gegen die Tür klopfte und anschließend versuchte einen Blick durch das staubige Fenster zu erhaschen. Graham kramte ein Handy heraus und wählte eine Nummer.
„Ich dachte, die Dinger zu benutzen wäre keine gute Idee.“, bemerkte Julia erstaunt.
„Ich habe das Handy ein wenig modifiziert. Hat mir jemand aus unserer Verbindung gezeigt, der für die NSA gearbeitet hat. Er ist leider tot.“
Julia schaute bedrückt zu Boden.
„Da fällt mir ein, dass ich euer Equipment auch abhör- und lokalisierungssicher gemacht habe.“
Graham ging zum Auto, kramte in Julias Rucksack und warf ihr ihr Handy zu.
„Es war eine kleine Bastelaktion heute Nacht. Aber halte die Gespräche unter neunzig Sekunden. Das ist die absolute Deadline. Und nur telefonieren, wenn es unbedingt sein muss… Hallo! Frank?“
Am anderen Ende der Leitung hatte sich Grahams Freund wohl gemeldet.
Julia fiel ein, dass sie sich längst bei Baxter melden sollte. Sie würde sich kurzfassen und ihn bei der Stange halten müssen, bis sie ihm etwas Stichhaltiges, oder auch gar nichts liefern können würde. Sie wählte seine Nummer. Samantha, Baxters Sekretärin meldete sich am anderen Ende.
„Samantha, hier ist Julia. Ist Baxter da? Ich muss ihn dringend sprechen.“ Julia blickte auf ihre Uhr, um die Zeit im Auge zu behalten.
„Baxter ist heute nicht in der Redaktion erschienen. Ich versuche ihn schon den ganzen Morgen zu erreichen. Ich werde es gleich auch bei seiner Frau versuchen. Es ist gar nicht seine Art. Ich hoffe, dass ihm nichts passiert ist.“
Julia stockte der Atem. Eine kalte Hand drückte ihre Kehle zu und sie bekam kaum ein Wort heraus.
„Samantha, würdest du bitte sofort versuchen ihn zu erreichen. Ich habe ihm etwas sehr Wichtiges zu sagen!“
„Oh, Schätzchen, bist du schon wieder auf einem deiner Abenteuer? Bist du nicht weiterhin mit deiner Trump Story beschäftigt?“
Achtzig Sekunden. Keine Zeit für Small Talk.
„Ich versuche es später noch mal! Wir fahren in einen Tunnel! Such Baxter!“
Julia legte auf. Nick kam zu ihr und ihm wurde sofort unwohl, als er in Julias blasses Gesicht blickte.
„Was ist?“, fragte er sie.
„Baxter ist verschwunden.“
Nun zog sich auch Nick der Magen zusammen.
In diesem Moment öffnete sich das große Tor des Hangars und ein Mann in einem ölbefleckten, blauen Overall und einer roten Baseball Mütze kam freudestrahlend auf sie zu.
„Hallo zusammen!“, rief er und wischte sich seine ebenfalls schmierigen Hände an einem noch schmierigeren Tuch ab.
„Entschuldigt, dass ich euch nicht die Hand gebe.“, scherzte er und klopfte Graham auf die Schulter.
„Jacob, mein Alter! Schön dich zu sehen. Ist lange her. Was machst du hier mit den Kids?“
Julia nahm ihm die Bezeichnung nicht übel. Auch er musste fast siebzig sein. Aber es war schwer einzuschätzen. Er war rüstig und sein dunkler Teint machten es schwer. Er beäugte Julia bewusst auffällig abschätzend.
„Hey Kleine, ist alles okay? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“
Jetzt fiel es auch Graham auf. Aber dann wanderte Grahams Blick an Julias blassem Gesicht vorbei zum Tor des Hangars, vor dem ein silbergrauer SUV parkte.
„Frank, ist dein roter Flitzer aufgetankt?“, fragte Graham seinen Freund ernst.
Franks permanentes Lächeln wich der Besorgnis.
„Ja, aber…“
„Die Schlüssel. Schnell. Ich habe keine Zeit für Erklärungen!“
Frank setzte dennoch zu einer Frage an, aber sie verhallte in einem Quietschen, das vom Zugang des Rollfelds ertönte. Der SUV hatte sich in Bewegung gesetzt, nahm rasant an Fahrt auf und steuerte direkt auf sie zu.
„Den Schlüssel!“, fauchte Graham.
Frank verschwand schnell und ohne Widerworte im Anbau neben dem Hangar, kam direkt wieder heraus und warf Graham einen Schlüsselbund zu.
„Holt euren Kram aus dem Auto und dann ins Flugzeug! Los jetzt!“
Nick starrte kopfschüttelnd auf den sich schnell nähernden SUV. Julia war geistesgegenwärtig und nahm schnell Taschen und Rücksäcke aus dem Wagen.
„Nick!“, schrie sie. Keine Reaktion.
Sie verpasste ihm eine Backpfeife. Es wirkte. Sie zog ihn am Arm hinter sich her zu Graham.
„Frank, tauch unter! Sie sind es!“, rief er ihm noch nach.
Julia warf die Taschen und Rucksäcke in ein rotes Sportflugzeug, eine alte Cessna 310. Die Antiquität erweckte allerdings Misstrauen in ihr. Graham hatte die Rotoren bereits gestartet. Die Motoren röchelten erst wie ein alter Hund, der an chronischer Bronchitis litt, aber dann schnurrten sie gleichmäßig. Das Flugzeug war alt und sah auch alt aus. Nick blieb abrupt stehen.
„Hey, die Mühle ist ja nur Schrott!“
„Steig ein!“, reif Graham. „Sie macht von außen zwar nicht viel her, aber sie bringt‘s noch!“
Wieder zog Julia Nick mit sich und ehe sie die Türen schließen konnten ratterte das museumsreife Stück los. Das Rollfeld wurde allerdings von dem silbergrauen SUV blockiert und die beiden Männer in Grau hatten sich vor ihm aufgebaut. Sie hielten etwas schweres, dunkles in den Händen.
„Scheiße! Sind das Knarren?!“, rief Julia.
„Das sind keine Knarren! Das sind verdammte Sturmgewehre!“, schrie Nick panisch. Beide hatten sich auf den Sitz des Kopiloten gedrängt und starrten nun direkt auf das Exekutionskommando. Dann zwei Schüsse. Die Männer fielen zu Boden. Sie sahen Frank, bewaffnet mit einer Pumpgun. Wieder feuerte er auf die Männer, die noch auf dem Boden lagen. Julia wunderte sich wieso er noch einmal feuerte. Sie wandte sich wieder den Männern zu und ihre Frage wurde beantwortet. Sie richteten sich wieder auf. Als wären sie nur kurz gestolpert und nicht von 18 mm Geschossen durchlöchert worden. Graham machte einen kurzen Schwenker um den SUV herum.
„Verdammt, Frank! Verschwinde!“
Wieder Schüsse. Und wieder. Nick und Julia drängelten sich jetzt nach hinten und blickten aus dem Fenster. Sie sahen Frank, wie er hektisch sein Gewehr nachlud. Aber es war zu spät. Er war nicht schnell genug. Die Männer hasteten auf ihn zu. Einer packte ihn von hinten an den Schultern und dann… Der andere schlug zu. Julia und Nick konnten nur im letzten Blickwinkel durch das Fenster der Maschine sehen, wie Franks Kopf unter der Wucht des Schlags vollständig zerbarst und als rosaroter Hagel aus Knochen und Hirnmasse auf den Asphalt des Rollfeldes prasselte. In schierer Panik schrien Julia und Nick auf und drängten sich weg vom Fenster auf die andere Seite der Maschine, die jetzt abhob. Sie hielten sich in den Armen, schrien und jammerten.
„Verdammt! Verdammt! Ihr miesen Schweine“, schrie Graham, der das ganze Geschehen durch den Rückspiegel beobachtet hatte.

 

 

|Kapitel X – Fassade |

 „Ich wollte in ein Taxi! Warum bin ich noch hier?! Diese ganze Scheiße! Warum bin ich noch hier?! Was soll das?! Warum habt ihr mich nicht abgesetzt?!“
Nick schrie und weinte. Er war verzweifelt und hysterisch. Nervös wippte er in seinem Sitz vor und zurück und schlug die Hände über seinem Kopf zusammen. Tränen rannen unablässig seine Wangen hinunter. Julia hielt ihn in den Armen und tröstete ihn. Eine Bilderflut durchströmte ihre Gedanken. Dean, Baxter, Patricia und auf einmal auch Bilder ihrer Eltern; ihres Vaters. Sie hielt sich an einem der vielen Erinnerungsfetzen fest, aus dem sie Kraft und Sicherheit schöpfen konnte. Etwas, das vor dem Wahnsinn der Gegenwart bewahren konnte.
Ihr Vater hatte sie als sie noch klein gewesen war zum Camping mitgenommen. Nur sie und ihr alter Herr. Viermal im Jahr, zu jeder Jahreszeit, fuhren sie hinaus in die Wälder und schlugen dort ihr Zelt auf. Für sie waren es immer ganz besondere Augenblicke. Wenn sie abends am Lagerfeuer saßen und ihr Vater sich ein Bier aufmachte, erzählten sie sich gegenseitig Geschichten. Manchmal, auf ihr Drängen hin, erzählte er ihr auch vom Krieg. Julia überredete ihn immer wieder, denn sie wollte wissen, wohin ihr Vater so oft und so lange verschwunden war und immer ein wenig müder und älter wiedergekommen war. Er erzählte ihr vom Krieg, aber gab sich Mühe eine jugendfreie Version zu erzählen. Doch jetzt, wo sie Nick in ihren Armen hielt und selbst wieder Zeugin eines abscheulichen Verbrechens geworden war, konnte sie die Lücken füllen, die ihr Vater in seinen Erzählungen absichtlich eingebaut hatte. Menschen wurden instrumentalisiert, abgeschlachtet und ihr Leben lang traumatisiert. Wenige Entscheidungsträger, die es sich in ihren komfortablen Eigenheimen und Penthouse-Wohnungen bequem machten, waren dafür verantwortlich, das Leben so vieler Menschen in einen unvorstellbaren Alptraum zu verwandeln.
Von wem wurden die Männer in Grau geschickt? Wer zog hier die Fäden und gab die Befehle?
„Julia, da hinten sollte eine kleine Truhe stehen. Mit hoffentlich noch nicht abgelaufenen Snacks und Getränken. Frank sorgt immer für Proviant, wenn er seine Touren mit der alten Lady macht. Sieh nach, ob du eine Cola für Nick findest. Er steht unter Schock. Der Zucker wird ihm guttun!“
Julia streichelte noch einmal tröstend über Nicks Schulter, stieg dann hinter die Sitze und fand in einer Kühltruhe tatsächlich Getränke und verschiedene kleine Snacks. Sie nahm eine Dose Cola heraus und drückte sie ihrem verzweifelten Kollegen in die Hand. Er hatte sich etwas beruhigt, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, bedankte sich, öffnete die Dose und trank.
„Geht’s besser?“, fragte Julia.
Er nickte ruhig, sah sie mit verweinten Augen an und zwang sich sogar ein Lächeln ab.
Julia stieg nach vorne zu Graham und setzte sich auf den Sitz des Kopiloten.
„Wir fliegen die Koordinaten an, die Dean dir geschickt hat. Laut GPS ist dort aber nichts. Ich werde auf einem privaten, kleinen Rollfeld landen, dass ich auf den Karten gesehen habe. Etwa 20 Kilometer vor unserem Ziel.“
Graham blickte stur geradeaus. Aber Julia sah deutlich, wie der Zorn in seinen Augen brodelte. „Es tut mir sehr leid.“, sagte sie.
Graham schloss die Augen und atmete einige Male tief durch. Als er sie wieder öffnete waren sie ruhiger, aber immer noch getränkt mit Wut.
„Frank gehört zum Netzwerk. Er hatte sich gewünscht, diesen kalten Maschinen endlich mal ordentlich einheizen zu können. Nun ja. Er hat ihnen zumindest ihre hässlichen Anzüge versaut.“
Sie schmunzelten beide und Grahams Chi strahlte wieder die gewohnt vertrauenserweckende Ruhe aus.
„Frank war Ingenieur und arbeitete in der Forschung. Kernreaktoren. Dort stieß er auf die ersten Spuren des Komplotts. Er sammelte Beweise und legte sie den höchsten Regierungskreisen vor, nur um festzustellen, dass sie bereits unterlaufen worden waren. Frank kam davon, weil er vorsichtig war und noch nicht alle Daten, die er hatte, vorlegte. Er tat so, als hätte er einen Fehler begangen, sei müde gewesen und überarbeitet. Frank wurde entlassen und kam mit dem Leben davon. Trotzdem war er unter ständiger Beobachtung. Er war einer der ersten, die das Netzwerk gegründet hatten. Unser Ziel ist, Menschen, wie dich, Julia, mit genügend Beweismaterial auszurüsten. So, dass sämtliche Zeitungen auf einen Schlag die Daten veröffentlichen und der Pararegierung keine Zeit lassen, eine Gegenoffensive zu starten. Wir arbeiten noch an der Datenlogistik, aber wir sind nah dran.“
Unter Ihnen erstreckte sich eine Patchworkdecke aus Feldern und Wäldern. Wie anders auf einmal alles erscheint, wenn sich die Perspektive ein wenig ändert. Julia dachte an ihren letzten Ausflug, den sie mit einer ähnlichen Maschine unternommen hatte. Dean lenkte das Flugzeug damals und sie überflogen die Sierra Nevada.
„Wo ist Dean? Ist er in Sicherheit?“, fragte sie Graham, während sie weiter aus dem Fenster starrte.
„Dean wurde damals erwischt, als er weitere Nachforschungen anstellte. Ich ging davon aus, dass die Männer in Grau kurzen Prozess mit ihm gemacht hätten. Als du mir allerdings von den Kontaktaufnahmen erzähltest, kamen mir Zweifel. Denn unser Netzwerk hat Kontakte zu Insidern auf der anderen Seite, die gegen ihre Regierung rebellieren. Mithilfe ihrer Technologie ist es ihnen möglich sich nicht nur in unsere Computer zu hacken, sondern auch in unsere Gedanken. Darum gehe ich davon aus, dass Dean sich auf der anderen Seite irgendwo versteckt hält.“

Graham landete die Maschine wie beabsichtigt auf einem Rollfeld ein paar Kilometer vor der Stadt, die eigentlich nicht existierte. Es war niemand zu sehen außer einem Mann, der wütend auf sie zu stampfte.
„Wie kannst du Idiot hier einfach runterkommen ohne dich vorher anzumelden?“, bellte er Graham an.
Graham hob die Hände zu einer beschwichtigenden Geste.
„Mein altes Schätzchen hat komplett den Geist aufgegeben. Ich bin froh, dass ich meinen Neffen und meine Nichte heil runterbringen konnte.“
Graham streckte dem Mann die Hand entgegen. Er lächelte freundlich und spielte den besorgten Onkel. Sein Schauspiel war gut. Es half, dass er nicht mehr in seiner Rockermontur steckte und eine Jacke trug, die den größten Teil seiner Tätowierungen verdeckte. Sie schüttelten einander die Hände. Der Mann blieb skeptisch.
„Ich bin Thomas J. Moore. Das hier sind Linda und Gabriel. Es war ihr erster Flug und dann so etwas.“
Auch wenn Graham eine gute Rolle und den verzweifelten und hilfesuchenden spielte, blieb der Mann skeptisch und ruppig. Er fühlte sich von dem ungewollten Gast sichtlich gestört. Julia hatte gleich an den umliegenden Sportflugzeugen und der neuen, modernen Anlage bemerkt, dass hier Menschen mit Geld ihrem Hobby frönen. Der Mann, der im Polohemd, Kakis und blitzblanken Lederslippern vor ihnen stand komplettierte das Bild. Für Julia war das entscheidende Merkmal für Antipathie immer ein über die Schultern gelegter Sweater, der vor der Brust ordentlich zusammengeknotet wurde. Sie wusste, dass dieser Mann sie aufhalten und schlimmstenfalls Ärger bereiten wird.
Graham hatte die Technik im Cockpit so manipuliert, dass sie ein anderer auf Anhieb nicht so einfach reparieren könnte.
„Ich rufe ihnen einen Mechaniker.“, sagte der Mann knapp, drehte sich abrupt um und wollte wieder in sein Haus am Hangar verschwinden.
„Der wird definitiv Ärger machen.“, grummelte Graham, stieg ins Flugzeug und kam mit einer kleinen Tasche wieder heraus.
„Was haben Sie vor?“, fragte Julia.
„Ich werde ihn in einen angenehmen Dornrösschenschlaf versetzen.“
Aus der Tasche nahm er eine Spritze, eine kleine Ampulle. Er stach durch den Deckel und füllte die Spritze mit ihrer Flüssigkeit.
Nick und Julia beobachteten Graham, wie er hinter dem Mann mit Polosweater verschwand und ihm ungesehen ins Haus folgte. Nach wenigen Augenblicken kam er wieder. In der Hand einen Schlüsselbund.
„Er wird mindestens vierundzwanzig Stunden tief und fest schlafen. Nehmt eure Sachen. Wir fahren jetzt zur unsichtbaren Stadt.“

Sie fuhren mit einem dunkelrotem VW Amarok Pickup eine halbe Stunde eine Landstraße entlang, vorbei an den unendlichen Äckern von Montana. Die Stadt erreichte man über eine kleine Zufahrtsstraße, die vom Highway abzweigte. Inmitten der tristen Herbstlandschaft hob sich diese Stadt wie eine Oase hervor. Die Wohnhäuser und Geschäfte, die Straßen und Gehwege – alles sah neu aus. Sie fuhren auf der Hauptstraße Richtung Zentrum und parkten an einem Diner gegenüber einer Kirche. In der Stadt herrschte reger Betrieb. Von den Passanten wurden sie allerdings sehr kritisch beäugt. Das gefiel den Dreien gar nicht.
„Lasst uns von der Straße verschwinden.“, flüsterte Graham, als sie ausgestiegen waren.
Die drei standen vor dem Diner und sahen sich um. Dies Stadt erweckte den Anschein einer Kulisse. Alles war auffallend akkurat gestaltet. Sie befanden sich im Stadtzentrum und die wenigen Geschäfte, die Bank, eine Schule und ein Frisörsalon schienen allesamt vom selben Bühnenbildner geschaffen worden zu sein. Julia ist der exakt graduierte Rasen auf der frisch gepflasterten Promenade vor dem Rathaus in Gründerväter Architektur bereits aufgefallen. Genauso wie die wohl arrangierten Blumenbeete. Alles war gepflegt und ordentlich. Und sie selbst wusste gute Gartenarbeit zu schätzen. Unzählige Male war sie ihren Eltern bei der Gartenarbeit an ihrem Haus in Queens zur Hand gegangen.
„Okay Leute, lasst uns unauffällig ins Diner gehen. Mit unseren verdächtigen Blicken ernten wir nur verdächtige Blicke.“, sagte Julia, die das Missbehagen ihrer Freunde richtig deutete. Irgendetwas stimmte nicht mit diesem Ort.

Sie betraten das Diner und Julia warf noch einmal einen Blick über die Schulter. Draußen sah Julia vereinzelte Passanten den Gehweg entlanglaufen. Ein Mann kam aus dem Lebensmittelladen und trug seinen Einkauf zum Auto. Ein weiterer Mann verließ gerade den Frisörsalon. Zwei Frauen schritten gemächlich durch den kleinen Park vor der Schule. Eine der beiden schob einen Kinderwagen vor sich her. Julia dachte angestrengt darüber nach, was an diesem Bild falsch war. Irgendetwas erschien ihr hier extrem unwirklich. Sie konnte es nur nicht greifen.
„Was ist das hier für ein Ort? Diese Stadt ist seltsam. Sie sieht aus, wie eine Kulisse für die Gilmore Girls.“, flüsterte sie in die Runde.
„Wer sind die Gilmore Girls?“, fragte Nick.
„Unwichtig.“, sagte Julia.
„Du hast recht.“, brummte Graham zurück.
Julia, Nick und Graham setzten sich an einen Tisch in die Ecke des Diners. Das Diner war außer Ihnen leer. Es war typisch schmal und länglich geformt und wurde von einer großen Bedienungstheke dominiert, hinter der man durch die breite Durchreiche in die Küche sehen konnte. Eine Frau trat an ihren Tisch.
„Hi, ich bin Peggy. Touristen verlaufen sich selten nach Bingham County. Schön mal wieder ein paar frische Gesichter zu sehen!“
Peggy, die Kellnerin, war eine freudestrahlende Gestalt, deren Lächeln sich quer über die roten Wangen ihres Mondgesichts schoben. Ihre krausen, braunen auf dem Kopf zu einem Dutt gebunden Haare untermalten das sympathische Temperament, mit dem sie ihre Kundschaft empfing. Graham blickte kurz auf ihr Namensschild.
„Hi, Peggy. Ich bin Graham. Das sind mein Neffe Gabriel und meine Nichte Linda. Wir sind auf der Durchreise und würden uns über viel Kaffee und ein ordentliches Frühstück freuen. Gibt es eine Empfehlung des Hauses?“
Peggy strahlte noch mehr, denn sie hatte sogar hungrige Gäste.
„Kaffee gibt es bei uns in allen Variationen. Dazu empfehle ich unsere Blaubeerpfannkuchen, das French Toast und frischen Apfelkuchen als Nachtisch. Wer es etwas rustikal will, für den gibt es auch Rührei mit Bohnen und Speck!“
Peggy nahm ihre Bestellungen auf, brachte ihnen Kaffee, verschwand wieder in der Küche und machte sich gleich an die Arbeit. Es gab wohl kein anderes Personal.
Graham nippte an seiner Tasse Kaffee und machte ein verdutztes, aber zufriedenes Gesicht.
„Die machen ausgezeichneten Kaffee.“ Dann beugte er sich über den Tisch und sprach leiser. “Aber die Tatsache, dass diese ganze Stadt auf keiner Karte verzeichnet ist und die Menschen hier auch nicht ganz koscher zu sein scheinen, macht mich sehr nervös. Mein Verdacht ist, dass wir hier auf eine Art Außenposten gestoßen sind und wir es mit einer Stadt von Mitarbeitern der Pararegierung zu tun haben.“
Nick verschluckte sich an seinem Kaffee.
„Nun ja, es ist eine Kleinstadt im Nirgendwo. Nur weil deswegen ein paar Leute ein wenig spleenig sind, ist das noch lange kein Grund sie für Aliens zu halten… Bis auf den Freak mit dem Polohemd vom Flugplatz vielleicht.“, wandte Nick ein.
Peggy kam mit Tellern beladen aus der Küche und baute den Dreien das Frühstücksbuffet auf.
„Wow, das sieht wirklich großartig aus! Danke dir, Peggy.“, sagte Nick und kaum hatte Peggy den letzten Teller abgestellt, stürzte Nick sich bereits auf seine Blaubeerpfannkuchen. Mit vollgestopften Mund hielt er inne, denn Peggy und seine Freunde blickten ihn erstaunt an.
„Waf ift lof? If habe Hunger.“
Julia lachte und Graham verdrehte die Augen.
„Danke, Peggy.“, sagte er.
„Sehr gerne. Ruft einfach, wenn ihr Kaffeenachschub braucht!“ Mit einem Lächeln verschwand sie hinter dem Tresen. Peggy wirkte ehrlich. Und wirklich. Sie schien in dieser Stadt der einzige wirkliche Mensch zu sein. Konnten sie ihr vielleicht trauen?
„Wie finden wir jetzt Dean? Muss ich wieder warten, bis ich ohnmächtig werde und er mich in der verdammten Traumzeit kontaktiert?“, fragte Julia ungeduldig.
Der Gedanke ließ ihre Nackenhaare zu Berge stehen. Sie wollte Dean endlich sehen, aber hier in der Wirklichkeit. Und nicht wieder Todesängste in einem Alptraum ausstehen. Sie aß etwas vom Blaubeerpfannkuchen. Eine Frau ging an der Scheibe des Diners vorbei und beobachtete die Drei. Schnell blickte sie wieder nach vorne, als sie merkte, dass Graham sie ertappte.
„Wir hätten doch lieber etwas außerhalb der Stadt warten sollen. Ich bin ein Idiot.“, sagte er vorwurfsvoll.
Drei weiße SUVs tauchten auf einmal auf und hielten mitten auf der Straße vor dem Diner. Die wenigen Passanten liefen eilig davon.
„Verdammt! Ich hab‘s geahnt!“
Graham sprang auf und sah, wie jeweils vier Männer in Grau aus den drei Fahrzeugen stiegen.
Peggy kam nach vorne gerannt, verriegelte die Eingangstür und lief dann schnell wieder nach hinten.
„Kommt! Beeilt euch! Hier entlang! Ich bringe euch in Sicherheit!“, sagte sie und ihr Blick heftete sich an Julia. „Und ich bringe euch zu Dean! Schnell jetzt!“
Julia und Graham sahen einander verwirrt an, folgten aber mangels Alternativen ihrer Aufforderung. Nick stopfte sich hektisch noch ein Stück Pfannkuchen in den Mund und eilte ihnen nach.

 

|Kapitel XI – Im Untergrund|

Peggy verriegelte schnell die Küchentür, zog die Durchreiche zum Tresen zu und schloss sie ab. Sie hatte sich binnen weniger Augenblicke von einer gemütlichen, freundlichen und fürsorglichen Bedienung in einen mit Kraft und Präzision voranstürmenden Quarterback verwandelt. Sie manövrierte ihren robusten Körper geschickt durch die enge Küche und lief zur Hintertür. Julia, Nick und Graham liefen ihr nach. Sie öffnete die Tür und linste nur kurz nach draußen. Offenbar waren die Agenten noch nicht ums Haus herum. Das Trio war darauf gefasst über den Hof zu fliehen. Doch dann machte Peggy abrupt und unerwartet auf dem Absatz kehrt, so dass Julia in sie hineinlief und es sich anfühlte, als wäre sie mit einem Sandsack zusammengestoßen. Peggy schien davon gar nichts gespürt zu haben. Unter ihren üppigen Hüften mussten sich starke, nicht zu erahnende Muskeln verbergen.
„Nicht dort entlang! Wir verschwinden woanders durch.“ Sie eilte voran zu einer weiteren Tür in der Küche und öffnete sie.
„Hier rein, schnell!“, rief sie und winkte sie hektisch in einen Raum, den Julia für die Besen- oder Vorratskammer hielt.
Im Diner hinter der Küchentür zersprang ein Fenster und eine Tür wurde aufgestoßen. Die Männer in Grau würden gleich bei ihnen sein. Graham starrte nach draußen zum Hof, dann wieder zu der Tür, an der Peggy stand und sie verzweifelt herbeiwinkte.
„Willst du uns in eine Falle locken?!“
„Verdammt, wir haben keine Zeit!“, fauchte Peggy und ging voran in die Kammer. Das Trio tauschte untereinander Blicke der Unsicherheit. Dann hörten sie, wie die Männer in Grau gegen die Küchentür traten und an der Schiebetür der Durchreiche rappelten und zerrten.
„Nun kommt schon! Wieso sollte ich solch einen Aufwand machen, um euch in eine Falle zu locken, wenn die Jungs eh gleich da sind!“, feixte Peggy.
Julia, Graham und Nick genügte das Argument, fürs erste zumindest. Dann folgte Graham Peggy durch die Tür in die Abstellkammer. Nick und Julia folgten ihm und ließen die Küchentür dabei nicht aus den Augen.
„Kommt endlich rein!“, flüsterte Peggy und schloss die Tür hinter Nick.
„Seid leise!“
Die Vorratskammer war spärlich ausgeleuchtet und es führte weder eine Tür, noch ein Fenster hinaus. Waren sie doch in einer Falle? Was hatte Peggy vor? Die Männer in Grau würden sie hier ganz bestimmt bald finden, wenn sie merkten, dass sie nicht durch die Hintertür verschwunden waren.
Peggy schlich durch die relativ große Vorratskammer und rangierte geschickt an den Regalen vorbei, die bis zur Decke ragten und mit den essentiellen Vorräten eines Diners beladen waren.   Von draußen drang ein lautes Krachen. Die Männer in Grau hatten die Tür zur Küche aufgebrochen und die Sohlen ihrer Lackschuhe trappelten über die Küchenfliesen. Einer der Männer rief: „Hintertür!“ Und die Schritte verließen die Küche. Aber Julia konnte noch mehr Männer hören, die die Küche absuchten.
Was hatte Peggy vor? Julia war aufgefallen, dass Peggy hinter ihnen gar nicht die Tür abgeschlossen hatte. Verzweifelt sah sie sich nach einem Schlüssel um; fand aber keinen. Den Dreien blieb nichts anderes übrig, als Peggy zu nach hinten zu folgen. In der hinteren Ecke blieben sie vor einem Regal stehen, in dem große Konservendosen mit weißen Bohnen gelagert waren. Es gab keine Tür. Peggy hatte sie in eine Falle geführt und die Männer in Grau würden sie bald gefunden haben. Graham verfluchte seine Gutgläubigkeit. Julia wollte vor Wut laut aufschreien und dieser Peggy mitten in ihr rundes Gesicht schlagen. Aber Peggy blieb nicht reglos. Sie griff am Regal vorbei und betastete die da hinter liegende Wand. Nick fühlte sich der Ohnmacht nah und hatte Angst, dass sein lautes, rasendes Herz sie verraten würden. Die Schritte aus der Küche näherten sich jetzt der Kammer. Julia spürte, wie einer der Männer vor der Tür stand und dann stockte ihr Atem. Der Mann hatte die Tür geöffnet und das Licht aus der Küche bahnte sich langsam seinen Weg bis zur Ecke des Regals, hinter dem die Vier sich versteckten. Gleichzeitig hörte Julia ein weiters Klacken und das kleine Regal, vor dem sie standen, ließ sich von Peggy auf einmal einfach schräg nach vorne ziehen. Eine Geheimtür! Die Schritte des Mannes in Grau knirschten auf dem Boden der Vorratskammer. Peggy ging zur Seite und machte Platz. Sie brauchte niemanden aufzufordern, durch die kleine Luke zu steigen. Als erstes verschwand Nick, dann Graham und Julia. Peggy wandte sich zum Schluss hinein und als der Mann in Grau um die Ecke des Regals bog, fand er nur viele weiße Bohnen in Konservendosen, aufgereiht in einem kleinen Regal. Die Vorratskammer war leer.

Auf der anderen Seite des kleinen Regals jedoch, verharrten die Vier auf den Stufen einer schmalen Treppe. Es war stockdunkel. Sie hielten den Atem an. Auf der anderen Seite der Geheimtür hörten sie den Mann in Grau, wie er sich wieder aus der Kammer entfernte und die Tür hinter sich schloss. Peggy hatte an einer kleinen Schnur gezogen und eine schwache Glühbirne beleuchtete die schmale Treppe, die steil hinab führte. Peggy zwang sich an ihnen vorbei und ging voran. Sie folgten ihr. Sie hatte ihnen das Leben gerettet.  Graham hatte bereits solch eine Ahnung, als sie von ihr am Tisch bedient wurden. Jetzt war er sich sicher. Sie musste zum Netzwerk gehören. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass er sich geirrt hatte.
„Wohin gehen wir? Du gehörst zum Netzwerk, stimmt’s?“, fragte er sie, während sie vorsichtig hinunterstiegen.
„Ich bringe euch zu unsere Zentrale. Und ja, ich gehöre zu euch. Ich bin eine Doppelagentin. Ihr habt sicherlich bemerkt, dass die ganze Stadt für die Pararegierung arbeitet. Ich habe auch für sie gearbeitet.“
Für einen kurzen Augenblick stockte ihnen der Atem. Eine Doppelagentin? Von der anderen Seite?
„Eines Tages wurde ich beauftragt, mich mit dem Fall eines jungen Anwalts zu befassen, der uns auf der Spur war. Ich sollte ihn eliminieren und sämtliche Spuren verwischen.“
Julia wurde schwindlig. Sie sprach von Dean. Nick bemerkte, wie sie auf der Treppe ins Schwanken kam und legte ihr die Hand auf die Schulter. Sie erreichten einen dunklen Tunnel, der nur schwach durch alte Lampen beleuchtet wurde.
„Es war ihr Mann, der mich zum Umdenken bewegt hatte. Eine charmante Silberzunge ist ihr Liebster, wirklich.“
Peggy lächelte verschwörerisch und drehte sich zu Julia um.
„Dean wartet auf dich, Julia.“
„Wo ist er? Wo hat er die ganze Zeit gesteckt? Wieso hat er mich nicht früher kontaktiert?“, preschte Julia hervor und merkte selbst, wie wütend sie war. Wütend auf den Mann, der sie über Jahre in Ungewissheit zurückgelassen hatte. Peggy nickte ihr verständnisvoll zu.
„Er wird dir alle Fragen beantworten. Aber dafür müsst ihr mir erst folgen.“
Julia schluckte ihre Wut und deutete ihr Einverständnis. Peggy ging wieder voran durch den Tunnel.
„Hier geht es hinunter zu einem alten Mienenschacht. Es wurde hier tatsächlich mal nach Gold gesucht. Aber die Miene ist seit den 1890er Jahren dicht. Ein Architekt und Landschaftsbauer, der für die andere Seite gearbeitet hatte, bevor er zu uns übergelaufen war, hatte den Eingang der Miene entdeckt; hielt ihn aber geheim. Die Stadt wurde auf dem Schachtsystem errichtet und die andere Seite weiß nichts von ihm. Somit können wir uns unbemerkt treffen und organisieren.“
Sie hatten einen horizontalen Gang erreicht. Zumindest konnten sie aufrecht weitergehen. Nick dachte jeden Moment auf Skelette von Mienenarbeitern zu stoßen, die bei den Bergarbeiten ums Leben gekommen waren. Dies war kein Ort für Klaustrophobiker. Nick widmete sich lieber wieder dem Gedanken, dass er mit einer Frau unterwegs war, die definitiv nicht von dieser Welt war. Und für einen grünschnäbligen Journalistikstudenten befand er sich inmitten eines ziemlich abgefahrenen Abenteuers. Er war gespannt, was noch alles auf ihn zukommen würde. Vielleicht würde er mittlerweile sogar sagen, dass er Gefallen an all dem findet. Hauptsache er würde es irgendwie überleben.
„Du bist also eine Doppelagentin von einer anderen Welt. Wie ist es eigentlich so dort drüben?“, hakte Nick nach, um sich auf andere Gedanken zu bringen, während sie sich weiter durch den engen Mienenschacht drängten.
Peggy schmunzelte und amüsierte sich über sein Unbehagen.
„Im Grunde ist unsere Welt der euren sehr ähnlich. Unsere Zivilisation hatte sich nur einige hundert Jahre früher entwickelt. Deshalb sind wir, so nehmen wir zumindest an, technologisch fortgeschrittener.“
„Graham hatte bereits erwähnt, dass ihr eine Art Symbiose mit euren Computern eingegangen und ihr alle technisch-telepathisch miteinander verbunden seid.“, ergänzte Nick.
An dieser Stelle wurde Julia hellhörig.
„Wie können sich dann Doppelagenten unbemerkt bewegen?“, fragte sie.
„Das ist jetzt kompliziert. Ich versuche es einfach auszudrücken: Wir haben eine Art Avatar erstellt, eine mentale Attrappe oder Scheinidentität, die uns vor den Agenten der Regierung abschirmt.“
Sie nahmen eine weitere Abzweigung, vorbei an einem alten, zerfallenen Schubkarren.
„Wie weit ist es noch bis zur Zentrale? Diese Schächte sind ja riesig. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie wir wieder zurück komme würden.“
Julia bekam keine Antwort mehr, denn nun standen sie vor einer Wand. Scheinbar eine Sackgasse. Aber es überraschte sie diesmal nicht mehr so sehr, als sich auch hier wieder eine Tür abzeichnete, nachdem Peggy an einem Querbalken einen versteckten Mechanismus aktiviert hatte. Doch wichen sie erschrocken zurück, als hinter der geheimen Tür Mündungen von Maschinenpistolen auf sie gerichtet wurden und zwei Taschenlampen sie blendeten.
„Ich bin es, Peggy!“
„Ist der Weg gesichert?“, fragte eine harsche Männerstimme.
„Alles sauber. Sie haben den Eingang nicht entdeckt.“, versicherte Peggy.
„Kommt mit!“, befahl die Stimme.
Die Lichtstrahlen wichen aus ihren Gesichtern und sie konnten zwei Männer erkennen, die bis an die Zähne bewaffnet waren. Trotzdem trugen sie keine Uniformen. Sie sahen aus wie Milizen; Paramilitärs, die einen Putsch gegen eine Pararegierung planen. Was für eine Story! Zum ersten Mal seit diesem Abenteuer dachte Julia daran, wenn sie es wirklich schaffen sollte, diese ganze Geschichte einmal zu Papier zu bringen, wäre ihr der Pulitzerpreis sicher.
Die Männer zogen sie bestimmend durch die Tür und Julia wurde aus ihrer kleinen Fantasie herausgerissen.
„Hey, nicht so grob!“, protestierte Nick.
Den Dreien gefiel das Gehabe der Männer überhaupt nicht und sie konnten sich auch keinen Reim darauf machen, dass sie auf einmal wie Gefangene oder Feinde behandelt wurden. Einer der beiden Männer ging voran. Der andere ging hinter ihnen und verriegelte wieder die Tür. Julia fühlte sich gar nicht mehr so sicher. Aber wahrscheinlich wollten die Männer nur auf Nummer sichergehen. Schließlich steht hier einiges auf dem Spiel, nicht zuletzt die Zukunft dieser Welt.
Die Wände und die Decke des Korridors waren auf dieser Seite mit Stahlplatten ausgebaut. Halogenleuchten waren links und rechts angebracht und sie gingen auf eine Fahrstuhltür zu.
„Und wo sind wir jetzt? Wie konnte das Netzwerk das hier alles ohne Wissen der Pararegierung bauen?“, fragte Julia.
Diesmal ignorierte Peggy Julias Frage. Auch Nick und Graham wurde langsam immer nervöser. Der Mann hielt einen Ausweis vor einen Scanner und die Fahrstuhltür öffnete sich. Sie gingen hinein und der Fahrstuhl war für sechs Personen gerade mal groß genug. Wieder dachte Nick daran, dass dies definitiv kein Ort für Klaustrophobiker ist und es jetzt auch ein schlechter Zeitpunkt war über diesen Roman nachzudenken, in dem sechs Leute in einem Fahrstuhl…
Der Fahrstuhl setzte sich seltsamer Weise nicht horizontal in Bewegung, sondern schien schräg in einem Winkel von fünfundvierzig Grad nach oben zu steigen. Jetzt nahm Peggy das Gespräch wieder auf.
„Wir dachten zuerst, dass unsere Technologie uns befreien, jedem eine Chance bieten und unsere Welt heilen würde, die auch von Kriegen und Habgier verpestet wurde, wie die eure. Aber es gab immer noch eine strenge Hierarchie in unserem Scheinutopia. Es gab und gibt immer noch einige wenige machtbesessene Menschen, die die Technologie kontrollieren und somit unser Weltgeschehen lenken. Gerade in den letzten Dekaden hat sich unsere Welt sehr schlecht entwickelt. Wir stehen kurz vor dem Kollaps.“
Der Fahrstuhl hielt an und die Türen öffneten sich. Einer der Soldaten stieg als erstes aus und positionierte sich wie eine Wache neben der Tür. Den Finger am Abzug. Graham wurde die Sache zunehmend suspekter. Sie verließen den Aufzug und betraten einen weiteren Korridor, der wieder nur in eine Richtung führte. Hier gab es aber alle paar Meter Türen auf beiden Seiten.
„Hier entlang.“, sagte der andere Soldat, der hinter ihnen aus dem Fahrstuhl trat und ging voran. Nick, Graham und Julia tauschten Blicke aus, die ihnen sagten, dass sie sich alle Drei gleichermaßen unsicher fühlten.
„Es hatte sich eine elitäre Gesellschaftsschicht aus wenigen Machthabern entwickelt, eine Oligarchie, wenn ihr so wollt, die ein Leben im Saus und Braus führen; auf Kosten von Milliarden anderer Menschen. Sie haben die Ressourcen unserer Welt verschwendet und zapfen jetzt eure an.“
Julia lauschte Peggys Geschichte und bemerkte die Parallele zu ihrer Welt. Aber sie bemerkte auch die Namensschilder neben den Türen. Waren es Wohnquartiere? Oder Zellen? Würde sie gleich Deans Namen dort irgendwo stehen sehen? Julia versuchte sich auf Peggy zu konzentrieren. Auch wenn ihre Story alle Dimensionen des Glaubhaften sprengte, Dean war ihr gerade wichtiger als alle verdammten Paralleluniversen zusammen.
„Peggy,“, Graham gesellte sich direkt an Peggys Seite, während sie weiter den Korridor entlang marschierten. „Wofür die bewaffnete Eskorte? Jetzt mal ehrlich. Und wo genau bringt ihr uns hin? Ich bin jetzt seit einigen Jahren beim Netzwerk, aber ich habe mir nicht gedacht, dass es eine derartig gut ausgerüstete Zentrale gibt.“
Sie standen jetzt vor einer weiteren Metalltür. Ein weiterer Aufzug? Peggy antwortete nicht, sondern wartete darauf, dass einer der Männer wieder die Tür mit seinem Ausweis öffnete.
„Bitte, nach euch.“ Die Schiebetüren öffneten sich und Peggy deutete ihnen mit einer einladenden Geste den anliegenden Raum zu betreten. Sie zögerten.
„Ähm, Graham…“, setzte Julia an, aber ehe sie den Satz beenden konnte, passierte alles ganz schnell.
Graham packte den Lauf des Maschinengewehrs, drehte es von sich weg und verpasste dem Mann einen Kinnhaken. Ehe dieser bewusstlos zu Boden sackte, hatte sich Graham bereits herumgedreht und dem anderen Mann gleich mehrmals ins Gesicht geschlagen. Dann entwaffnete er den Mann und schlug ihn mit einem schweren Schlag des Gewehrkolbens ebenfalls bewusstlos. Als Peggy Graham von hinten angreifen wollte, fasste Julia ihren Dutt und zog sie rücklings zu Boden. Peggy schrie wie eine Furie und hatte sich von jetzt auf gleich in eine keifende Bestie verwandelt, die Julia nicht lange im Zaum halten könnte.
Nick stand völlig perplex daneben und wusste gar, wie ihm geschah.
„Also noch einmal Peggy. Was für ein Spielchen wird hier gespielt?! Du gehörst zu denen, stimmt‘s?!“, schrie Graham sie an und drohte ihr mit der Waffe. Julia hielt sie auf dem Boden fest. Peggys Kopf schien vor Wut zu explodieren. Ihr rundes Mondgesicht hatte sich in einen Blutmond verwandelt und ihr permanentes Lächeln hatte einer wutentbrannten Fratze Platz gemacht.
„Es ist alles in Ordnung, Big Bird. Lass sie los.“
Aus der Dunkelheit der offenen Tür trat ein Mann heraus.
| Kapitel XII – Verrat |

 

„Julia, es tut mir alles so unendlich leid. Glaube mir, wenn es irgendeine andere Möglichkeit gegeben hätte… wenn ich eine Wahl gehabt hätte… Ich wollte dich in das alles hier nicht hineinziehen. Das musst du mir glauben.“
Wie sollte sie ihm glauben, wenn sie noch nicht einmal ihren eigenen Augen glauben konnte. Der Mann, der aus der Tür herausgetreten war, stand nun vor Julia und sein Blick suchte in ihren Augen… was? Vergebung? Verständnis? Wie konnte er es wagen, sie Big Bird zu nennen?! Das durfte nur ein Mann in ihrem Leben.
„Baxter.“ Sie musste seinen Namen aussprechen, um das Bild des Verrats, das sich vor ihr materialisierte fassen zu können.
Baxters Blick wanderte zu Graham und seine Gesichtszüge verhärteten sich.
„Die wirst du nicht mehr brauchen.“
Baxter deutete auf die Maschinenpistole, die sich in Grahams Händen befand und mit der er die wilde Furie in Schach hielt, die einmal die freundliche Kellnerin Peggy gewesen war.
Wie auf Kommando schaltete sich das Licht hinter Baxter ein und hinter ihm erschienen wenigstens ein Dutzend schwer bewaffnete Soldaten.
„Lass sie fallen.“, sagte Baxter noch einmal mit Nachdruck.
Graham gab nach und senkte die Waffe, wie ihm befohlen wurde, langsam und widerwillig. Peggy rappelte sich wutentbrannt auf und ließ ihrem Zorn freien Lauf. Sie verpasste Graham einen geraden Schlag mitten ins Gesicht und anschließend noch einen kräftigen, schnellen Hieb in seine Magengrube. Selbst Grahams solider und durchtrainierter Körper sackte unter der Kraft des Schlags zusammen. Peggy holte wieder aus, um den vor ihr in die Knie gegangenen Graham einen weiteren Schlag zu verpassen, aber Baxter hob seine Hand. Eine einfache Geste, ohne Worte und Peggy ließ von ihrem Vorhaben ab, wie ein abgerichteter Pitbull. Baxter befehligte also diese Soldaten und dieses „Peggy-Monster“? Julia erkannte den alten Freund ihres Vaters nicht wieder. Sie wollte es nicht glauben. Wie konnte er sie nur so sehr getäuscht haben? Und auch die Kleidung, die er trug. Was war das? Eine Art Uniform? Die Männer, die hinter ihm standen, trugen auch diese graue Uniform, anders als die Männer, die Graham gerade niedergeschlagen hatte.
„Baxter, ich dachte die Männer in Grau hätten dich erwischt. Was läuft hier?“, knirschte Julia durch die Zähne hindurch. Am liebsten wäre sie ihm an die Gurgel gesprungen.
Sie war völlig verwirrt. Nichts ergab einen Sinn. Wo war Dean? Wieso hatte Peggy sie in eine Falle geführt? Was tat Baxter hier und wieso trug er diese Uniform? Sie war verzweifelt. Nicht nur ihr Verstand ließ sie im Stich, auch ihre Gefühle konnten sich nicht entscheiden. Also kämpften Angst, Wut und Unsicherheit miteinander. Die Wut gewann. Sie holte weit aus und verpasste Baxter, einem an sich robusten Kerl, einen derartig geladenen Punch ins Gesicht, dass er zurücktorkelte und die Soldaten hinter ihm ihn abfangen mussten. Er rief noch: „Halt! Nicht!“, aber da spürte Julia nur noch einen dumpfen Schlag in ihrem Nacken und sie fiel bewusstlos zu Boden.

Diesmal wachte sie einfach nur wieder auf. Kein Traum, keine Erscheinung oder Vision. Nur einen Schädel, der einige entschiedene Nummern zu groß für sie war. Der heftigste Kopfschmerz ihres Lebens.
„Hey, langsam. Alles gut.“
Nicks Stimme drang zu ihr, als würde sie in einem Wasserbecken schwimmen. Und ebenso verschwommen waren für Julia auch die Umrisse seines Körpers, der sich über sie beugte und dessen Hand ihr zärtlich durch das Haar und über den Kopf streichelte. Nur langsam wurde ihr Blick klarer und Nicks Körper gewann an Kontur, bis sie sein Lächeln sah.
„Mann, Julia. Das ist eine ziemlich fette Beule an deinem Kopf. Ich hatte schon Angst, dass diese Arschlöcher dich umgebracht hätten.“
Sie lag auf einer Pritsche in einer vier mal vier Quadratmeter großen Zelle. Neonlicht strahlte von der Decke herab. Der Raum war weiß und steril. Ein Spülbecken und eine kleine Toilette waren an der Wand angebracht.
„Was ist passiert?“, fragte sie und richtete sich behäbig auf.
„Erinnerst du dich noch daran, was passiert war, bevor sie dich k.o. geschlagen haben?“
„Ja.“
Fragmente aus Erinnerungen formten sich zu Bildern, die eine enorme Wut in ihr aufsteigen ließen. Ein Schmerz, wie ein Messerstich im Nacken, ließ es nicht zu, sich der Wut völlig hinzugeben. Aber sie war sich wieder im Klaren darüber, was geschehen war. Baxter.
„Baxter befahl den Soldaten, dich und mich hier in diese Zelle zu stecken. Du erinnerst dich an den Korridor, durch den wir kamen? Links und rechts die Türen? Es sind tatsächlich Zellen. Graham haben sie irgend woanders hingebracht. Ich weiß nicht genau wohin. Sie führten ihn ab. Durch die Tür, durch die Baxter aufgetaucht war. Am Ende des Gangs. Wir wurden ganz schön verarscht. Baxter hatte dich und mich darauf angesetzt, Graham zu finden. Er gehörte von Anfang an zur anderen Seite. Dieses Arschloch hat mit uns und unserem Leben gespielt. Und wahrscheinlich wird er uns erledigen, sobald er von Graham bekommen hat, was er wollte!“
Nick stand auf und trat gegen vor Wut gegen die Wand. Dann jammerte er zimperlich auf und humpelte zur Pritsche. Julia konnte es nicht fassen. Baxter, der alte Freund ihres Vaters. Sie war sicher, dass er nicht von Anfang an der anderen Seite angehören konnte, wie es Nick vermutete. Wahrscheinlich war er irgendwann übergelaufen, wurde rekrutiert oder erpresst. Nun war Nick der einzige, dem sie noch trauen konnte. Und Graham? Was würden sie jetzt wohl mit Graham anstellen?
„Lass uns von hier verschwinden.“, flüsterte Nick auf einmal, griff verheißungsvoll in seine Hosentasche und zog mit einem verschmitzten Grinsen einen Kartenausweis hervor.
„Wie hast du…“
„In dem ganzen Tohuwabohu habe ich dem Soldaten seine Schlüsselkarte abgeluchst.“
Er wedelte mit der Karte vor Julias Gesicht und mit einem schnellen Griff schnappte sie sie ihm weg. Ihre Kopfschmerzen waren auf einmal nicht mehr ganz so schlimm.
„Nick, ich wusste, dass ich dich gut gebrauchen kann!“
Sie nahm sein Gesicht zwischen beide Hände und küsste ihn mit Inbrunst. Für ihn war diese überraschende Geste das Schönste, was ihm seit langem widerfahren war. Er fragte sich, ob seine roten Wangen und sein zufriedenes Grinsen wohl jemals wieder von seinem Gesicht weichen würden.
„Ich habe da eine Idee.“, sagte Julia mit einem verräterischen Lächeln.

„Oh mein Gott, atme! Verdammt noch einmal atme! Komm schon, Julia! Lass mich nicht im Stich! Bitte! Atme!“
Die Wache vor der Tür drehte sich um, schob das Schloss beiseite und öffnete die Tür. In der Zelle sah er den jungen Gefangenen, wie er hilflos vor seiner Kameradin kniete und scheinbar erste Hilfe leistete. Dann, urplötzlich, spürte der Soldat nur noch einen dumpfen Schlag im Nacken und verlor sein Bewusstsein.
„Wie du mir, so ich dir, Arschloch!“, fauchte Julia, trat ihm in die Rippen und nein, es tat ihr nicht leid.
In der Hand hielt sie ein kurzes Eisenrohr. Sie hatten die Metallpritsche auseinandergenommen und aus dem Innenleben der dünnen Matratze eine Julia-Puppe gebastelt, die noch Julias Hemd, Jeans und Schuhe trug. Für den flüchtigen Blick des Soldaten hatte es in dem kurzen Augenblick genügt, um die Wache abzulenken und ihr mit dem Teil des Pritschengestells eins überzubraten.
„Du hast heute aber eine gesunde Gesichtsfarbe, Nick. Mann, jetzt sei mal nicht so verklemmt, du kleiner Nerd.“, spaßte Julia, als sie sich ihre Sachen wieder anzog und Nick währenddessen angestrengt in die Ecke schaute, um seinen Anstand zu wahren. Leider war sein Blick aus Versehen doch noch einmal abgerutscht, bevor Julia ihre Jeans hochziehen konnte. Sie ertappte ihn dabei. Er hüstelte verlegen und Julia verdrehte nur die Augen. Dann nahm sie sich das Maschinengewehr und drückte Nick die Eisenstange in die Hand.
„Hier, ich denke mit so einem Ding kannst du besser umgehen!“
„Sehr witzig!“
Julia blickte ihn und abwechselnd den Wachmann auf dem Boden abschätzend an.
„Jetzt bist du dran die Hosen runter zu lassen.“, sagte sie. Nick ahnte schon, was sie vorhatte.
„Lass uns Graham finden.“

„Das wird nicht funktionieren.“, murmelte Nick, als sie zusammen den Korridor entlangmarschierten. Er trug die Uniform des Wachmanns und tat dabei so, als hielte er dabei Julia mit dem Maschinengewehr in Schach, die mit Handschellen gefesselt vor ihm herging. Sie öffneten mit der Schlüsselkarte die Tür, aus der Baxter mit seinen Soldaten herausgekommen war und sie drangen tiefer in den Ameisenbau ein.
„Mich wundert’s, dass sie hier keine Kameras installiert haben. Der ganze Komplex scheint mir nicht sehr up-to-date zu sein. Dafür, dass diese Typen aus einer technologisch fortgeschrittenen Welt kommen…“, kritisiert Nick, aber es war ihm auch ganz recht. Andernfalls wäre ihnen eine solch einfache Flucht bestimmt nicht geglückt.
Sie liefen durch einen modernen Bürotrakt, indem sehr viele Menschen vor Bildschirmen in Räumen mit Glaswänden saßen. Hier und dort standen Soldaten und Männer und Frauen in Zivil. Es herrschte ein geschäftiges Treiben, indem Julia und Nick hofften unerkannt hindurchtauchen zu können. Misstrauische Blicke beäugten sie kurz, wandten sich dann aber wieder ihren Aufgaben zu. Nick legte seine Hand auf Julias Schulter, dass es so aussah, als würde er sie abführen. In Wirklichkeit steuerte Julia die beiden durch diese Verwaltungsetage. Doch wusste sie noch nicht wohin genau. Sie fasste einen weiteren Aufzug am Ende des Trakts ins Auge. Nick nahm wieder die Schlüsselkarte hervor und auch hier öffnete sich für sie die Tür.
„Wo finden wir jetzt Graham?“, flüsterte Nick nervös und sie betrachteten die Bezeichnungen neben den einzelnen Etagen. Aber es waren nur Buchstaben und Nummern, ohne irgendeine Referenz.
„Was erwartest du zu finden? Die Aufschrift: Dr. Evils Kommandozentrale?“, höhnte er.
„Na die ist doch meistens immer ganz unten, oder?“, spottete sie zurück und drückte auf den untersten Knopf.
Es ging abwärts. Nach Sekunden, die wie Stunden vergingen, öffnete sich die Tür wieder und sie blickten wieder einmal einen scheinbar endlosen, dunklen Korridor entgegen. Ohne ein weiteres Wort miteinander zu wechseln schritten sie langsam hinaus. Nick nahm vorsichtig seinen Finger ganz vom Abzug weg, denn seine Hände zitterten. Die Halogenbeleuchtung schaltete sich automatisch ein. Am Ende dieses Flurs konnten sie eine weitere Tür ausmachen.
„Soll ich die Handschellen wieder öffnen?“, flüsterte er.
„Ich bitte darum.“, erwiderte Julia.
Nick schloss sie auf und Julia betrachtete die Türen links und rechts neben ihnen. Unter einer der Türen drang ein schwacher Lichtschein hervor. Julia legte ihr Ohr an die Tür und lauschte angestrengt. Aber das war dann nicht mehr nötig. Ein Schrei donnerte aus dem Raum h­eraus. Julia und Nick erkannten die raue Stimme. Graham. Julia drehte sich zu Nick und nahm ihm die Waffe aus der Hand. Sie wusste, dass Nick noch nie zuvor eine abgefeuert hatte. Sie schon. Das hatte sie ihrem Vater zu verdanken, sehr zum Groll ihrer Mutter.
„Wir werden sie überraschen. Du öffnest schnell die Tür und ich…“ Sie schluckte bei dem Gedanken. „erledige den Rest.“
Nick sah sie mit weit aufgerissen Augen an und auch er wusste, wollten sie Graham befreien und retten, hätten sie keine andere Wahl. Er nickte ihr zu. Es konnte losgehen.

Julia riss die Tür auf. Sie überraschte drei Männer in weißen Kitteln, die im Halbkreis vor einem Stuhl standen. Ein bewaffneter Soldat kam aus der Ecke des großen hellen Raums auf sie zu und zog eine Pistole aus seinem Holster. Aber Julia war schneller. Eine Salve aus ihrem Maschinengewehr streckte den Soldaten nieder. Sie hatte auf seine Beine gezielt. Julia entwaffnete den Mann und drohte den Männern in den weißen Kitteln, sollten sie sich auch nur einen Schritt bewegen, würden ihre Gehirne die Wände in diesem Drecksladen dekorieren. Graham war an einen Stuhl gefesselt. Er sah aus wie ein elektrischer Stuhl, wie er bei grausamen Hinrichtungen verwendet wird. Dieser war allerdings mit allen möglichen elektrischen Geräten und zahlreichen Kabeln ausgestattet, die unter anderem an Grahams Schläfen und Unterarmen befestigt waren und zu einem Computer führten. Julia öffnete die Schellen an seinen Händen und Füßen, während Nick die Ärzte, oder wer immer die Männer waren, in Schach hielt.
„Graham, ist alles in Ordnung? Wir verschwinden jetzt von hier, okay?“, sagte Julia und legte ihren Arm kurz auf seinen. Graham nickte. Seine Augen waren halb geöffnet und er stöhnte ein leises   „Okay“ zurück. Sie half ihm auf und stützte ihn. Dann feuerte sie eine weitere Salve auf die Computer ab, für den Fall, dass sie Graham bereits Informationen zum Netzwerk entreißen konnten. Nick nahm den vor Schmerzen stöhnenden Soldaten die Schlüsselkarte ab. Sie verließen den Raum und Nick schloss die vier Männer hinter ihnen ein. Dann nahm er Julia den sedierten Graham ab.
„Verdammt. Und wie kommen wir mit Graham wieder zurück? Wir werden auffallen wie drei bunte Hunde.“, sagte Nick und seine Stimme zitterte.
„Drei bunte Hunde?“, stöhnte Graham. Er war also bei Bewusstsein. Was auch immer diese Leute ihm verabreicht hatten, es hatte ihn nicht vollends ausgeknockt.
„Wir müssen es versuchen. Kommt!“, sagte Julia und sie schlichen in Richtung Fahrstuhl zurück.
Auf halben Weg blieben sie abrupt im Korridor stehen. Die Fahrstuhltür hatte sich geöffnet und zum Vorschein kam Baxter. Wie konnten sie nur so leichtsinnig sein und glauben, dass ihre Flucht unbemerkt geblieben war? Julia verfluchte ihre Naivität. Baxter stieg aus dem Fahrstuhl und vier Soldaten traten hinter ihm hervor, ihre Maschinengewehre im Anschlag.
„Es ist vorbei, Julia. Ich will euch nichts tun.“, sagte Baxter, aber Julia hatte ihren Glauben an ihn schon längst verloren.
Sie hatten Graham. Und Baxter würde so schnell nicht riskieren, dass seine kostbare Informationsquelle Schaden nimmt.
„Zurück, Nick. Wir versuchen es auf der anderen Seite. Ich halte sie in Schach.“, rief Julia. Nick drehte sich um und humpelte mit Graham in die andere Richtung. Julia zielte auf die Soldaten, während sie ihnen rücklinks folgte.
„Nicht schießen. Sie werden nicht weit kommen!“, befahl Baxter seinen Männern.
Am Ende des Korridors standen sie vor einer verschlossenen Tür. Julia rüttelte kräftig an der Klinke, aber es tat sich nichts.
„Warte, geh zur Seite.“, sagte Nick. Julia trat mit Graham beiseite und Nick feuerte eine Salve auf das Türschloss. Es hatte funktioniert. Die Tür war auf. Aber die Soldaten und Baxter waren ihnen dicht auf den Fersen.
Sie betraten jetzt eine Halle, in der verschiedene Fahrzeuge parkten. War es eine Tiefgarage? Gibt es ein Tor oder eine Zufahrt nach draußen?
„Dort vorn, in den Pickup!“, keuchte Graham. Seine Augen wurden klarer.
„Ich glaube, ich kann ihn kurzschließen.“ Er befreite sich aus Nicks Armen und schwankte allein auf den Pickup zu.
„Bleibt stehen!“, schrie Julia auf die Soldaten ein. Sie hielt Nick und Graham an der Tür den Rücken frei.
Der Pickup war nicht verschlossen. Graham mühte sich unter das Lenkrad, öffnete die Abdeckung des Verteilerkastens und entfernte und verband unterschiedliche Kabel miteinander. Der Motor sprang an.
„Rein mit euch!“
„Und du rutsch rüber! Ich fahre!“, befahl Julia und Graham willigte ein, denn er sah immer noch kleine Sterne in seinen Augenwinkeln flimmern.
„Nick!“
Nick rannte zum Pickup und sprang hinten hinein. Julia trat das Gaspedal voll durch und sie rasten durch die Halle. Die Soldaten stürmten durch die Tür hinter ihnen her, aber sie sahen nur noch die roten Rückleuchten des Pickups hinter der nächsten Ecke verschwinden.
Baxter trat durch die Tür und ein verspieltes Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Nicht schlecht, Kleines. Vergeblich, aber nicht schlecht.“

Es ist tatsächlich eine Ausfahrt. Tageslicht. Endlich. Nur noch ein großes und solides Rolltor versperrte ihnen den Weg. Es musste von dem kleinen Raum aus zu steuern sein, der sich neben dem Tor befand. Ein weiterer Soldat trat ihnen entgegen und wollte gerade das Feuer auf die eröffnen. Aber auch diesmal war Julia schneller. Sie hielt an, hechtete nach draußen und feuerte auf die Beine des Soldaten, er brach stöhnend zusammen und sie entwaffnete ihn. Vielleicht, oder sogar wahrscheinlich würde er es überleben. Ebenso, wie die anderen drei Soldaten, denen sie in die Beine geschossen hatte. In Actionfilmen wäre das ein absolutes No-Go gewesen. Warum eigentlich? Aber anstatt weiter über Gewaltdarstellungen im Blockbuster-Kino zu philosophieren, rannte sie zu dem Raum, indem sie hoffte, einen Schalter für das Rolltor zu finden. Und… Bingo! Neben einem Computer und einem Telefon befand sich tatsächlich das Kontrollpult für das Tor. Sie drückte auf den passenden Knopf und es schob sich langsam nach oben. Julia sprang wieder in den Pickup und sie verließen die Halle.
Ein Hoffnungsschimmer keimte in ihnen auf, als sie hinaus fuhren und die warmen Strahlen der Herbstsonne sie blendeten. Sie hatten es geschafft. Sie waren entkommen. Die steinige Straße führte sie durch einen engen Pass, v umsäumt von bewaldeten Hügeln. Gerade bog Julia um die nächste Abzweigung, da trat sie mit aller Kraft auf die Bremse. Ihr Lächeln erstarb als sie auf die Barrikade blickte, die sich vor ihnen aufbaute. Zwei Hummer und ein dutzend bewaffnete Soldaten mit ihren Gewehren im Anschlag hatten sie im Visier. Hinter ihnen hörte sie, wie sich weitere Fahrzeuge näherten, ihnen zum Stehen kamen und ihnen den Fluchtweg abschnitten. Es waren noch einmal drei Hummer mit noch mal so vielen Soldaten und Gewehren. Julia ließ ihren Kopf verzweifelt auf das Lenkrad fallen.
„Nimm die Pistole runter, Junge. Sie haben uns.“, sagte Graham resigniert und Nick legte sie auf der Rückbank ab. Wut und Angst trieben Tränen in seine Augen.
Julia hob ihren Kopf und im Rückspiegel sah sie Baxter. Dieses verräterische Schwein. Er formte seine Hände zu einem Trichter und rief zu ihnen hinüber:
„Es ist vorbei! Ergebt euch und werft die Waffen weg. Julia! Es reicht jetzt. So kann ich euch nicht beschützen!“
Beschützen?! Jetzt wollte er auch noch den lieben Onkel geben? Diesen heuchlerischen Scheiß konnte er sich getrost sonst wohin stecken! Julia machte den Anfang, öffnete langsam die Tür, warf die Pistole auf die Straße und verließ mit erhobenen Händen das Auto. Sie deutete Graham und Nick ihr gleich zu tun. Was hatten sie schon für eine Wahl? Es war aus.
Aber was war das? Dieses Geräusch. Es tauchte auf einmal hinter der Hügelkette auf und wurde schnell lauter. Dann, wie aus dem Nichts, tauchte ein Helikopter auf und steuerte im tiefen Anflug auf sie zu. Links und rechts saßen vermummte Gestalten in Sitzen und vor sich hielten sie jeweils eine Minigun, die Julia das letzte Mal auf dem Stützpunkt ihres Vaters gesehen hatte. Diese Dinge machten wirklich ziemlich schnell, ziemlich große Löcher.
Bevor Baxters Soldaten sich umdrehen konnten, feuerten beide Kanonen ihre Salven auf die Hummer ab. Die Soldaten und auch Baxter sprangen beiseite und versuchten sich vor dem tosenden Kugelschauer in Sicherheit zu bringen. Der Helikopter landete kurz vor dem Pickup. Weitere Männer sprangen aus ihm heraus und trieben Baxters Soldaten nach und nach in die Flucht. Es herrschte ein wildes Chaos, ein regelrechter Krieg.
Währenddessen stieg der Pilot aus und rannte zu Julia hinüber, die sich auf den steinigen und staubigen Boden geworfen hatte, um sich vor den Kugeln in Sicherheit zu bringen. Jetzt stand der Pilot vor ihr und hielt ihr seine Hand entgegen. Die Sonne blendete und sie konnte sein Gesicht nicht erkennen.
„Wir müssen uns beeilen, wenn wir den Sonnenuntergang nicht verpassen wollen, Big Bird!“
| Kapitel XIII – Gemeinsam |

Unter ihnen zog das Meer aus Nadelwäldern dahin und die orangerote Herbstsonne tauchte langsam am Horizont in den Abend hinein. Das stetige Flap Flap Flap der Rotoren wirkte beruhigend; ein Mantra aus Maschinenklängen, dass Julia in eine fast meditative Trance versetzte. Sie lebten. Sie hatten überlebt. Graham, Julia und Nick saßen in einem Helikopter, der sie aus den Fängen des sicheren Todes befreit hatte. Sie sind umgeben von Männern, die ihr Leben riskiert hatten, um das Leben der Dreien zu retten. Zwei der Männer waren verwundet. Ihre Kameraden leisteten erste Hilfe, stillten die Blutungen und legten Verbände an. Julia hielt Nicks blutverkrustete Hand. Sie drückte einmal fest zu und lächelte ihrem Partner in sein Schrammen zerfurchtes Gesicht. Jetzt war es bald vorbei. So hofften sie zumindest. Sie hatten es überstanden. Der Mann, der den Helikopter flog war Dean. Ihr Mann. Und er würde sie hier rausbringen; in Sicherheit bringen. Dean, wo zum Teufel bist du nur gewesen?

Sie landeten irgendwo auf einer Lichtung inmitten von endlosen, dunklen Nadelwäldern. Die letzten Strahlen der Sonne waren am Horizont versunken und die Nacht wurde nur von den Flutlichtern der Scheinwerfer erhellt, die ein ebenes, erdiges Terrain freilegten, dass gerade mal genug Platz bot, um die Maschine zu landen.
Männer und Frauen in Zivil sprinteten auf sie zu. Sie trugen Koffer bei sich. Wahrscheinlich Sani-Bags. Weitere kamen mit Tragen, auf die sie die Verwundeten legten und sie abtransportierten. Julia und Nick stiegen aus. Neben dem improvisierten Landeplatz befand sich ein zweistöckiges Gebäude, dass Nick spontan an das Ski-Hotel erinnerte, indem er mit seinen Eltern und seiner Schwester die letzten Winterferien in Nebraska verbracht hatte. Nur, dass dieses Gebäude wesentlich schlichter und von außen eher pragmatisch wirkte. Dennoch fühlte er sich wesentlich heimischer als in der klaustrophobischen Zentrale der Pararegierung.
Graham hievte sich aus dem Helikopter und stolperte heraus. Er musste sich an Nick festhalten, um nicht zu stürzen. Dabei verzerrte er sein Gesicht vor Schmerz und hielt sich seine linke Seite. Julia konnte trotz der Dunkelheit erkennen, dass seine Jacke an der Stelle von Blut durchtränkt war und es langsam an seiner Hand hinuntertroff.
„Oh mein Gott, Graham! Warum hast du nichts gesagt! Verflucht! Sanitäter! Wir brauchen hier Hilfe! Schnell!“
Graham sackte zu Boden. Eine Frau kam zu ihnen geeilt und kümmerte sich um Graham.
„Tut mir leid, Leute,“, stöhnte Graham, „Ich wusste nicht, dass es so schlimm ist.“
„Ganz ruhig, alter Mann. Die flicken dich schon wieder zusammen.“, versicherte Nick ihm und umschloss seine Hand mit den seinen.
Zwei Männer kamen mit einer weiteren Trage und sie brachten Graham ins Haus. Nick wich nicht von seiner Seite. Julia wartete auf den Piloten, der gerade aus dem Cockpit herausstieg und seinen Helm ablegte.
„Verdammt! Hat es Graham erwischt?“
„Ja, eine Kugel muss ihn getroffen haben.“, bestätigte Julia.
„Komm mit!“, sagte Dean, nahm ihre Hand und sie folgten Nick und Graham ins Haus.

Sie konnten Graham bis zu einem Raum begleiten, der offensichtlich als behelfsmäßiger OP eingerichtet war. Und auch die Männer und Frauen, die sich mit Feuereifer um ihn kümmerten, schienen ihr Handwerk zu verstehen, auch wenn an diesem Ort die sonst so verhasste, aber ansonsten vertrauenserweckende Sterilität eines Krankenhauses fehlte. Julia und Nick wurde versichert, dass sie ihr Bestes tun würden. Dann wurden sie gebeten, vor der Tür zu warten. Aber niemand bedrohte sie diesmal. Graham war direkt nebenan und es wurden keine Türen abgeschlossen oder bewaffnete Männer als „Eskorte“ an ihre Seite gestellt.
Sie setzten sich auf die Stühle gegenüber des Raums. Ihnen stockte der Atem, als Graham aufschrie. Julia wollte zu ihm eilen, aber Dean hielt sie zurück. Der Schrei verstummte. Julia geriet in Panik und wollte zu ihrem Freund eilen. Da legte sich seine Hand auf ihren Arm.
„Sie werden ihn nur narkotisiert haben. Sie kriegen ihn wieder hin. Beruhige dich.“
Julia blickte ihrem Mann jetzt zum ersten Mal wieder in die Augen. Dafür war bislang noch keine Zeit. Sie wusste nicht, was sie denken, was sie fühlen sollte. Sie wollte etwas sagen, brachte aber kein Ton heraus. Ihre Lippen bebten und ihr Blick wurde weicher. Nick trat einige Schritte von den beiden zurück, um ihnen ein wenig Zeit für sich zu geben.
„Ich werde mal… Ich gehe… Ich schau mal, ob ich Kaffee bekommen kann.“ Und er heftete sich an einige Leute, die gerade vorbeikamen und fragte nach der Kantine.
Julia und Dean blieben allein zurück. Eine stumme Träne rann über ihr Gesicht.
„Julia, ich…“ Ein rechter Schwinger pfefferte Dean mitten ins Gesicht. Er torkelte zurück.
„Du hast mich allein gelassen. Du hast unsere Familie allein zurückgelassen! Wir dachten, du wärst tot! Du Arschloch!“
„Lass es mich erklären…“, begann Dean, aber Julia holte zu einem weiteren Haken aus.
Diesmal wehrte Dean sie ab und fing ihre Faust. Für einen Moment verfingen sich ihre Blicke. Sie, voller Wut und Enttäuschung, er, voller Schuld und Bedauern. Aber es war Dean. Er war es. Jetzt fielen zum ersten Mal die Zweifel von ihr und der Panzer, den sie sich zum Schutz vor weiteren Enttäuschungen umgelegt hatte, löste sich auf. Genauso schmolz das Eis in ihrem Blick. Und nun konnte er sie endlich in seine Arme schließen. Die Welt um sie herum löste sich auf und es gab nur noch sie beide. Sie sank in seine Arme, sie küssten sich, sie hatten sich wieder. Zwei Teile eines Ganzen.
„Julia trinkt ihren mit einem Spritzer Milch. Ich wusste nicht wie du ihn trinkst, deswegen… Hoppla.“
Nick kam um die Ecke und trug drei Becher Kaffee vor sich her. Er merkte erst jetzt, dass er dort in etwas hineingeplatzt war. Er blickte verschämt zu Boden.
Dean und Julia lösten sich lächelnd voneinander und gaben sich zu verstehen, dass sie dort zu einem späteren Zeitpunkt weitermachen würden.
„Schon gut, Nick.“, sagte Julia und nahm ihm zwei Becher ab. Den schwarzen Kaffee reichte sie Dean.
„Danke. Das ist jetzt genau das Richtige.“
„Absolut. Und genauso, wie ich ihn trinke. Danke dir.“, sagte Dean.
Ein Mann kam aus dem improvisierten OP heraus und hatte sich gerade die Latexhandschuhe abgezogen, die er noch in den Händen hielt. Die Innenseiten waren voller Blut.
„Wir geben unser Bestes. Aber jetzt heißt es erst einmal abwarten. Die nächsten 24 Stunden sind entscheidend.“, sagte der Mann und drückte sich dabei so ermutigend wie möglich aus.
Alle drei blickten niedergeschlagen und schweigend zu Boden. Dann ergriff Dean schweren Herzens das Wort.
„Kommt mit. Ich will euch jemanden vorstellen.“

Das Gebäude ähnelte einer großen Jugendherberge. Sie gingen an Schlafräumen, einer großen Küche und mehreren Arbeitsräumen vorbei. Die Menschen hier wirkten menschlich. Sie präsentierten sich in ihrem herrlichen Spektrum von verschiedensten Charaktereigenschaften. Sie sahen wieder Gesichter, in denen sich Emotionen spiegelten. Es war genau dieses, was Julia und Nick an den Menschen der anderen Seite so vermisst hatten. Hier waren sie sich sicher, auch wirklich unter Menschen zu sein.
Sie betraten einen großen Raum, der eine Art Tagungsraum zu sein schien. Tische waren in Hufeisenform zusammengestellt und an diesen saßen müde Gesichter vor Laptops und dampfenden Kaffeetassen. An der Wand auf der gegenüberliegenden Seite der Tür, durch die sie den Raum betraten, war ein Whiteboard angebracht, dass beinahe die ganze Wand einnahm. Auf den ersten Blick konnte Julia Daten, Orte und Namen erkennen, die mit Pfeilen miteinander verbunden waren. Die Besprechung war im vollen Gange, aber die Teilnehmer wendeten sich ihnen kurz zu und hießen sie mit einem erschöpften, aber ehrlichem Lächeln willkommen. Der ältere Mann am Whiteboard, Mitte Siebzig, graue Mähne, hager und mit zerknittertem Gesicht, unterbrach seinen Vortrag.
„Mrs. Cole, wir sind froh, sie und ihre Freunde bei uns zu haben. Ich habe gehört, dass Graham verwundet ist. Er wird es schaffen, machen sie sich keine Sorgen. Er ist ein alter, zäher Hund, mit dem ich so einige Abenteuer bestanden habe. Eine mickrige Kugel bringt diesen alten Haudegen schon nicht um!“ Ein zuversichtliches Lächeln umspielte seinen Mund, aus dem Julia wieder etwas Kraft schöpfen konnte.
Dean trat vor und wendete sich an den Mann.
„Terry, ist es in Ordnung, wenn du den Plan noch einmal in Kürze zusammenfasst? Ich denke, dass Nick und Julia unser Vertrauen mehr als verdient haben. Außerdem sollte Julia endlich erfahren, warum sie hier ist und wofür sie ihr Leben aufs Spiel gesetzt hat.“
Julias Herz setzte für einen Moment aus. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie ihren Mann an. Er drehte sich zu ihr um und fasste sie an ihren Arm.
„Keine Angst, Liebling. Es ist Zeit, dass ihr jetzt wirklich alles erfahrt.“
Auch Nick schluckte einen dicken Kloss hinunter, denn was konnte sie jetzt denn noch alles erwarten? Irgendwann müsste sich die ganze Geheimnistuerei doch erschöpfen. Julia und Nick hofften allerdings, dass sich die letzten Puzzleteile zusammenfügen würden und warteten gespannt darauf, dass Terry sie aufklärte; der alte Mann mit dem gütigen und weisen Wesen, der vor den Menschen stand, die sich „Das Netzwerk“ nannten.
Er lächelte wissend, das leise Tuscheln im Raum verstummte und Terry deutete den Dreien, an dem Konferenztisch Platz zu nehmen. Sie nahmen sich die noch freien Stühle aus einer Ecke und folgten seiner Bitte.
„Alles begann mit den großen Tests, Versuchen und Experimenten Mitte der Vierziger Jahre. Auf der ganzen Welt waren die Staaten hungrig nach dem Wissen um die Macht des Atoms. Jeder wollte es haben.“ Terry ging zum Fenster, die Arme hinter dem Rücken verschränkt und blickte konzentriert zum Himmel hinauf.
„Diese Macht wollte gebändigt und nutzbar gemacht werden. Brachte sie Frieden? War sie die einzige Möglichkeit den Durst der Menschen nach Energie zu stillen? Vielleicht. Ich brauche nicht auszuschweifen und euch erzählen, was sie alles angerichtet hat. Wer für die Tests und den Frieden bezahlen musste.“ Terry drehte sich wieder um und richtete sich an Nick und Julia.
„Warum wir hier heute im Geheimen operieren liegt daran, dass diese Macht noch zu etwas ganz anderem fähig war. Nämlich eine Pforte zu öffnen. Eine Tür zwischen zwei Welten.“ Terry schaltete den Beamer ein, der an der Decke installiert war und öffnete eine Datei auf dem Laptop, der vor ihm auf dem Tisch stand. An der Wand erschien eine Karte. Alaska zeichnete sich ab.
„Alaska 1964. Das große Beben. Es hatte keine tektonischen Ursachen. Das Militär hat zu der Zeit dort unterirdische Atomtests durchgeführt.“ Die Karte zoomte hinein und ein Ort zeichnete sich ab. Eine Kleinstadt.
„Hier befindet sich das Epizentrum der Explosion, die den Spalt zur Parallelwelt geöffnet hat. Die amerikanische Regierung bemerkte diesen Spalt nicht. Wohl aber die Regierung auf der anderen Seite. Nach und nach entsendete sie Stoßtrupps zur Erkundung und zur anschließenden Unterwanderung fast sämtlicher Regierungen unserer Welt. Sie haben es auf unsere Ressourcen abgesehen. Die Kernkraftwerke auf unserer Welt produzieren Energie im Überfluss. Der größte Teil dieser Energie wird zur anderen Seite geleitet.“ Die Karte zoomte wieder heraus, bis die gesamte Erde erschien. Rot leuchtende Punkte markierten Kernkraftwerke. Julia und Nick waren erstaunt darüber, wie viele es waren. Terry fuhr fort.
„Und jetzt komme ich zum entscheidenden Punkt.“ Er zog seine Brauen zusammen und seine Augen durchdrangen Julia und Nick mit tiefem Ernst.
„Die Reaktorunfälle, die Waffentests und die Abwürfe auf Hiroschima und Nagasaki hatten einen unerwarteten, aber entscheidenden Effekt auf die Parallelwelt. Sie versorgten sie mit Energie. Energie, die sie brauchte und selbst nicht mehr in der Lage war sie zu erzeugen. Die Strahlung, die für alle Lebewesen auf unserem Planeten tödlich ist, ist für die anderen ein wahrer Lebensspender.“
„Also versuchen die natürlich so viel wie möglich davon zu bekommen. Aber warum kein Handel? Warum keine Diplomatie? Es sind intelligente Wesen. Sie müssen doch auch über Gesetze und ethische Normen verfügen.“, warf Julia ein.
Terry nickte bedächtig.
„Ihre Welt ist ebenso aufgesplittet in Regierungen, Nationen, Parteien, Gesellschaften und Kulturen, wie die unsere. Aber in den letzten Jahrzehnten hat sich in ihrer Welt eine sehr… sagen wir mal… habgierige und egoistische Elite herausgebildet, die ihre Macht ausweiten konnte und dort nun fast alles beherrscht. Diese Regierung… mit den Männern in Grau konntest du ja bereits Bekanntschaft machen… hat es geschafft, die natürlichen Ressourcen ihrer Welt dermaßen auszubeuten, dass ihre Bevölkerung darunter seit Jahrzehnten leidet und nun anfängt zu rebellieren. Und wir sprechen hier von 25 Milliarden Menschen. Und was hat diese Elite aus wenigen getan? Sie hat ihnen eine ganze neue Welt versprochen.“
Terry machte eine weitere Pause und Julia und Nick hafteten wie gebannt an seinen Lippen.
„Sie werden unsere Welt zerstören. Sie werden sie verstrahlen und sie somit für sie zugänglich machen. Sie werden ein Terraforming Projekt apokalyptischen Ausmaßes an unserer Erde in die Wege leiten und uns und alles Organische auf diesem Planeten beseitigen. Dann werden sie diesem Planeten mit ihrer Welt kultivieren… Wir sollen vollständig ausgelöscht werden!“
Julia wurde schwindlig bei der blanken Vorstellung dieses Szenarios. Ihr Herz raste und sie wollte aufwachen aus diesem Alptraum, indem sie sich offenbar befinden musste. Nick hatte seine Hände auf seine Oberschenkel gelegt und krallte sich mit seinen Fingern darin fest. Der Schmerz sollte ihn davor bewahren, dass seine Gedanken ihn wahnsinnig werden ließen. Er musste an seine Familie und   Freunde denken. Er musste an alles denken, was hier auf dem Spiel stand. Dean nahm Julias Hand mit beiden Händen. Er erinnerte sich daran, wie er sich fühlte, als er vor drei Jahren von all dem erfahren hatte. Und er erinnerte sich daran, wie er gezwungen worden war, sein Leben aufzugeben, damit seine Familie weiterhin in Sicherheit war… vorübergehend zumindest.
Julia schwenkte ihren Kopf hin und her und kniff ihre Augen angestrengt zusammen. Sie wollte förmlich alle Furcht und schrecklichen Bilder aus ihrem Kopf herausschütteln, um ihren Gedanken wieder Platz machen zu können, um die Journalistin wieder hervorzubringen.
„Wieso dieser ganze Aufwand mit Nick und mir? Um an Graham dranzukommen? Wieso ist er in dieser Sache so verdammt wichtig? Es kämpfen hier zwei Welten miteinander, verdammt nochmal! Wo ist die Armee? Wieso sieht es aus, als würden hier zwei Pfadfindergruppen     „Capture the Flag“ spielen?“
Terry verzog seinen Mund zu einem gedrungenen Lächeln.
„Mrs. Cole, das Geschehen in der Welt wurde noch nie von großen Kriegen gelenkt. Zerstört und gezeichnet, ja, keine Frage. Aber es waren immer einige wenige Menschen, die die Fäden gezogen haben. Die, die hinter allem stehen, bleiben meistens unbekannt. Und so führen auch wir einen geheimen Krieg. Unter dem Radar ihrer Technologie und ihrer Fähigkeiten. Und das ist das Gefährliche an ihnen. Ihre Fähigkeit, in unsere Köpfe hineinzublicken. So wurden Sie von Baxter von Anfang an manipuliert, um Graham für ihn aufzuspüren.“
Terry trat hinter seinem Tisch hervor und schritt auf Nick und Julia zu, ohne dabei seinen durchdringenden Blick von ihr zu wenden.
„Unsere Stärke besteht nicht in der Größe unserer Armee. Unsere Stärke besteht darin, dass wir vernetzt sind; dass wir keine Hierarchie sind, sondern freie Menschen, die mit allem, was sie aufbringen können, gegen eine kleine Elite vorgehen, die ihre Macht auf Sklaven stützt.“
Als Terry direkt vor ihnen stand, strahlte etwas auf Julia und Nick ab, dass sich wie ein heilender Balsam auf ihre malträtierten Seelen legte. Es war Hoffnung.
„Wie ist euer Plan?“, fragte Julia.
Terry schenkte ihnen das wärmste und erhabenste Lächeln, dem Julia je in ihrem Leben begegnet war.
| Kapitel XIV: Die Wege trennen sich |
„Die Nächte hier sind wunderschön, findest du nicht?“, flüsterte Dean.
Sie standen Arm in Arm auf der Veranda des Gebäudes und blickten hinauf zu den Sternen, die ihnen in dieser kalten, klaren Nacht zeigen konnten, wie winzig sie selbst und wie majestätisch groß das Universum war. Julia konnte es immer noch nicht glauben. Sie war wieder mit ihrem Mann vereint. Sie hatten einander wieder. Drei Jahre vergingen wie eine Ewigkeit. Aber was bedeutete die Zeit schon für einen einzelnen Menschen? Nicht nur die weite Unendlichkeit dieses Universums blickte gerade spöttisch auf sie hinab – nein, es gab noch ein weiteres Universum, das ihrem ganz ähnlich war. Eines mit einer weiteren Erde, die erpicht darauf war, ihren eigenen, kleinen, blauen Planeten zu zerstören. Und wie viele parallele Welten gab es wohl noch? Ihr wurde schwindlig bei diesen Gedanken und über das Ausmaß dieser Tatsache. Sie wandte den Blick vom Himmel ab, drehte sich um und sah Dean tief in die Augen. Dean konnte ihre Gedanken lesen. So, wie er es früher schon immer getan hatte. Auf seine ganz eigene subtile, menschliche Art. Dafür brauchte er keine telepathischen Fähigkeiten, wie sie fiese Agenten einer anderen Welt besitzen, um Informationen aus ihnen herauszupressen.
„Größe bedeutet nichts.“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Du weißt, dass ich nie ein großer Philosoph war, aber all das, was ich in den letzten Jahren erlebt habe, brachte mich dann und wann zum Grübeln.“
„Was meinst du?“, fragte sie ihn und streichelte über seine Hände.
„Unsere Wissenschaftler sagen, dass es gut möglich ist, dass es unendlich viele Universen gibt und alle ähnlich miteinander verbunden sind, wie unsere Welt mit der Baxters. Wie oft fragen sich die Menschen, wohin mit uns allen? Gibt es genug Platz und Ressourcen für alle? Und dann, auf einmal, passiert so etwas. Wir sind gerade dabei, die Probleme auf unserem eigenen Planeten in den Griff zu bekommen – oder auch nicht – und dann taucht eine imperialistische Regierung einer anderen Welt auf und will uns alle vernichten. Ich weiß, es kommt einem irgendwie bekannt vor und klingt nach einem unendlichen Spiel. Und nach all dem, was wir in unserer eigenen Welt so alles anstellen, fragt man sich irgendwann, ob sich das kämpfen überhaupt lohnt.“
„Und zu welchem Schluss bist du gekommen?“
Dean lächelte und drückte ihre Hände fest an seine Brust.
„Natürlich ist unsere Welt es wert darum zu kämpfen… und noch mehr. Man braucht nur manchmal jemanden, der einen daran erinnert.“
Sie küssten sich, doch waren Julias Gedanken woanders. Auch wenn sie es für egoistisch hielt, brannte eine Frage in ihrer Seele, die hinauswollte. Dean spürte es.
„Und wo drückt bei dir das Schühchen?“, fragte er neckisch, aber Julias blieb ernst.
„Wieso bist du einfach gegangen? Warum hast du mich nicht mitgenommen oder mir zumindest die Wahrheit gesagt? Wir hätten einen Weg gefunden, diese Sache gemeinsam anzugehen.“
Eine tiefe Traurigkeit lag in ihrer Stimme. Eine Traurigkeit, die Dean nie zuvor bei seiner Frau wahrgenommen hatte. Drei Jahre waren vergangen seit er sie das letzte Mal gesehen hatte. Sie hatte sich verändert. Dean würde sich das nie verzeihen können. Es hatte sein Herz zerrissen, sie zurückzulassen. Hatte er eine andere Wahl? In ihrem Blick lag eine Müdigkeit und Leere, die er sonst in den Gesichtern der Menschen gesehen hatte, denen er im Krieg begegnet war. Dean fasste zärtlich ihr Kinn und hob ihren Kopf. Sie sollte wieder in seine Augen sehen.
„Nichts wollte ich mehr. Glaube mir. Aber ich hätte dich, unsere Familie und Freunde und alle, die uns kannten, in Gefahr gebracht. Es tut mir so leid. Es gab keine andere Möglichkeit. Es war einfach viel zu riskant. Ich bitte dich nicht darum, mir zu verzeihen. Ich bitte dich darum, mich zu verstehen.“
„Was ist geschehen?“
Dean drehte sich um und blickte zu den Sternen hinauf, als wären seine Erinnerungen irgendwo dort oben in einem kosmischen Speicher abgelegt.
„Patricia Clark. Alles fing mit ihr an. Als sie damals zu mir kam, bat sie mich darum, sie in einer Klage gegen einen Konzern zu vertreten, der Sicherheitsequipment für Reaktoren herstellt und vertreibt. Sie hatte in dem Kraftwerk in Fukushima gearbeitet, bevor es von dem Beben zerstört wurde. Ich sah mir ihren Fall an und ging mit ihr die Einzelheiten durch. Es gab dort so viele Ungereimtheiten, dass man keinen besonders guten Riecher brauchte, um zu wissen, dass der Fall nur so nach Betrug stank. Ich nahm ihren Fall an.“ Dean atmete die kühle und klare Nachtluft tief ein. Sie reinigte seinen zermürbten Geist. Er küsste Julia sanft auf die Stirn.
„Während meiner Ermittlungen fand ich heraus, dass Patricia mir nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte. Ich habe weitere Nachforschungen angestellt und im Laufe der Ermittlungen war auf viele weitere Ungereimtheiten gestoßen. Meine Kontakte aus der Army waren auch sehr nützlich. Schließlich erzählte Julia mir alles.“ Die Erinnerung zwang Dean ein Lächeln ab.
„Ich habe ihr natürlich kein Wort geglaubt. Ich dachte, sie hätte nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ Er machte eine Pause und wandte sich wieder an Julia.
„Dann machte sie mich mit dem alten Rocker bekannt. Pater Graham. Er erzählte mir dieselbe Geschichte und zeigte mir seine Beweise. Ich fing an, ihnen zu glauben. Graham war es, der mich davor warnte, wenn ich weitermachen würde, könnte mich das mein Leben kosten.“ Er ging wieder auf Julia zu und umschloss ihre Hände.
„Er hatte mich gewarnt. Es war meine Entscheidung, weiter zu machen. Es war meine Schuld. Ich hatte mich für das Netzwerk entschieden und euch… und dich zurückgelassen.“ Er blickte traurig und verschämt zu Boden. Dann drehte er sich wieder um und donnerte seine Faust gegen das Geländer des Balkons.
„Und Baxter! Wer hätte ahnen können, dass er Agent ist?! Er war hoffentlich die einzige Bruchstelle, sonst fällt unser ganzes Kartenhaus zusammen. Wir haben nur diese eine Chance!“
Diesmal fasste Julia sein Kinn und hob seinen Kopf hoch, bis er ihr wieder in die Augen sah. Sie lächelte. Und die Trauer und Wut waren einer warmen Güte gewichen, die sich um Dean legte, wie ein wärmender Mantel.
„Dafür verwenden wir jetzt Baxter gegen sie. Wir drehen den Spieß um. Wir werden es schaffen.“ Sie lächelte. „Und dann müssen wir uns eine Geschichte für Mom und Dad ausdenken, warum du so lange weg warst.“
„Dein Dad wird mich lynchen.“
„Um ihn solltest du dir Sorgen machen und nicht um diesen lächerlichen interdimensionalen Krieg!“

„Hi Reverend! Wenn sie kurz Zeit hätten… meine Frau und ich würden gerne unser Ehegelübde erneuern.“, scherzte Dean.
Graham lehnte aufrecht in seinem Bett. Er sah mitgenommen, aber lebendig aus.
„Wie wäre es, wenn wir das im großen Stil machen? Auf Hawaii… mit einer riesen Sause?“, sagte Graham hustete ein Lachen von sich und hielt sich dann mit schmerzverzerrtem Gesicht die malträtierte Seite. Julia ging zu ihm und fasste seine Hand.
„Konnte Terry dich schon in seinen genialen Plan einweihen?“, fragte sie.
„Ja, das konnte er. Ich bin nicht überzeugt davon, ob das so funktionieren wird und wünschte mir eine Alternative mit etwas mehr Wumms oder zumindest einen Plan B… Aber es ist wohl die einzige Möglichkeit.“, sagte Graham enttäuscht. „Die Zeit arbeitet gegen uns.“
„Hältst du das durch?“, fragte Dean.
Graham feuerte Blitze in Deans Richtung. Dean wünschte sich sofort, er hätte sich die Bemerkung gespart.
„Diese kleine Fleischwunde hält einen Padre nicht so leicht auf, mein Sohn. Denn ich habe die beste Rückendeckung, die man sich nur wünschen kann. Mach dir lieber Sorgen um deine eigene Mission und dann sehen wir uns alle auf Hawaii wieder. Ich werde das schon schaffen.“
„Aber nicht allein.“
Nick trat durch die Tür. Er hatte sich ein anderes Outfit zugelegt. Er trug nun dieselbe Funktionskleidung, wie die anderen im Camp. Julia war aufgefallen, wie sehr er sich seit Beginn ihrer Reise verändert hatte. Aus dem flachsigen Jungen war ein zielstrebiger Mann mit Verantwortung geworden, auf den man sich verlassen konnte und der für einen einstand.
„Was meinst du damit, Junge?“, fragte ihn Graham.
„Das bedeutet, dass ich dein persönlicher Hiwi bin. Finde dich damit ab!“
Graham war erstaunt über die Courage seines neuen, jungen Freundes und nahm sie mit einem anerkennenden Nicken entgegen.
„Na wenn das so ist, versuchen wir alle noch ein paar Stunden zu schlafen. Morgen um 0600 geht es dann los.“, sagte Dean.
Nick blickte ihn fragend wie ein Welpe an.
„Um sechs Uhr morgen früh schmeiße ich dich aus dem Bett!“, sagte Dean.

Zuerst dachte Julia, sie würde auf keinen Fall ein Auge zu machen. Nicht mit dem Wissen darüber, was sie am nächsten Tag erwarten würde. Und auch mit ihrem tot geglaubten Mann an ihrer Seite, mit dem sie nun endlich wieder vereint war, konnte sie auch nicht eine Sekunde an Schlaf denken. Aber ihr Körper und ihr Geist waren zu erschöpft und bezwangen ihre Unruhe. Sie spürte Deans Atem in ihrem Nacken. Seine Arme hatten sie umschlungen und das Treiben im Hauptquartier des Netzwerks wurde für sie leiser, bis ihr Bewusstsein in eine behagliche Stille eintauchte und sie langsam auf dem Rhythmus von Deans Herzschlag davonglitt.

Es war geschafft. Vorbei. Sie atmeten die herrlich salzige Meeresluft, die durch die strahlend blaue Lagune wehte. Julia schloss ihre Augen und badete ihr Gesicht in der warmen Sommersonne. Dabei tanzte sie zu den exotischen Rhythmen und Melodien der Band, die sich auf einer kleinen, improvisierten Bühne am Strand aufgebaut hatte. Ihre Freunde von der Arbeit und aus der Zeit an der Uni waren da und bereits gut dabei. Sogar Timothy Higgins, ein alter Freund, mit dem Julia bereits zur Grundschule gegangen war, war dabei und führte den Limbo Wettbewerb an. Ihre ganze Familie war angereist und alle vergnügten sich prächtig. Dean drückte ihr einen Kuss auf den Hals und einen weiteren Drink in die Hand. Es war ein perfekter Tag. Doch es schob sich eine dunkle Wolke vor den blauen Himmel. Am Strand bemerkte Julia eine Person fernab der anderen Partygäste. Julia schärfte ihren Blick, um die reglose Gestalt in der Bucht zu erkennen. Langsam näherte sie sich ihr. Die Musik und das Treiben um sie herum verstummte und der Himmel nahm eine unheimliche orange-rote Färbung an. Jetzt erkennte sie den Mann, der sie mit einem dämonischen Lachen verhöhnte. Es war Baxter. Julia schrie, aber kein Laut drang aus ihrer Kehle. Stattdessen sah sie, wie die Wolken aufbrachen und sich durch den feuerroten Himmel ein giftgrünes Licht seinen Weg kämpfte. Es breitete sich aus und Baxters gemeines Lachen wurde lauter und lauter. Julia drehte sich um. Sie konnte zusehen, wie das brennende, gleißende Licht ihre Freunde und ihre Familie einhüllte und sie alle vor Schmerz aufschrien. Die Haut begann sich von ihren Körpern zu lösen, als würden sie mit Säure übergossen. Dean stolperte auf sie zu und streckte seine Arme nach ihr aus. Julia lief ihm entgegen und spürte, wie sich das Fleisch auch von ihren Knochen löste. Die Menschen fingen an sich zu übergeben und erbrachen dunkelrote, schleimige Klumpen, die einmal ihre Eingeweide gewesen waren. Dann fielen sie leblos zu Boden. Die Palmen, Sträucher, Boote und Häuser am Strand fielen in sich zusammen. Baxters Lachen donnerte durch die Bucht wie explodierende Bomben. Julia fasste Deans Hand und dann zerfielen sie zu Asche.

Julia schrie und schlug wild um sich. Sie zitterte am ganzen Körper. Weit aufgerissen starrten ihre Augen ins Leere und ihr T-Shirt war mit kaltem Schweiß durchtränkt. Als Dean ihr seine Hand auf ihre Schulter legte, fuhr sie erschrocken zurück. Dann erst merkte sie, dass es nur ein Traum gewesen war. Nur ein schrecklicher Alptraum.
„Julia, Liebling. Du hast geträumt. Ganz ruhig. Es war nur ein Alptraum.“
Julia konnte sich wieder fangen und vergrub ihr Gesicht in den Händen.
„Mein Gott, Dean.“, flüsterte sie. „Es war so schrecklich. Wir müssen das verhindern!“
„Das werden wir, Liebling. Das werden wir. Alles wieder in Ordnung?“
Julia rieb sich die Augen und versuchte die Bilder des Traums aus ihrer Erinnerung zu bannen.
„Ja, es geht wieder. Wie spät ist es?“
„Kurz vor fünf. Wir müssen bald los.“
Sie blickte Dean tief in die Augen, lächelte und drückte fest seine Hand.
Um 6.30 Uhr waren sämtliche Teams einsatz- und abfahrbereit. Graham und Nick standen Julia, Dean und Graham gegenüber. Sie umarmten einander und gaben sich die Hände.
„Wir sehen und in zwei Tagen wieder, Kleiner. Und dann wird gefeiert!“, sagte Julia und drückte Nick ein letztes Mal fest an sich.
Zweifel und Sorgen nagten an ihrem Gewissen. Was hatte denn Nick mit all dem zu tun? Warum konnte er nicht einfach nach Hause gehen? Weil es für ihn und für alle anderen bald kein Zuhause mehr geben wird, sollten sie versagen. Und es war seine eigene, freie Entscheidung, die sie respektieren musste.
Nick seinerseits freute sich natürlich für Julia und Dean. Trotzdem musste er sich auch eingestehen, dass er während ihrer Zusammenarbeit mehr Gefühle für sie entwickelt hatte, als nur Freundschaft und es ihm jetzt unglaublich schwerfiel, sie auf der letzten Etappe nicht begleiten zu können.
„Pass auf dich auf!“, sagte Nick und löste sich aus ihrer Umarmung. Er unterdrückte erfolglos eine Träne und auch Julia schluckte schwer.
Dean, Terry und Graham hatten sich bereits ausgesprochen und wünschten sich noch einmal gutes Gelingen. Dann gingen beide Teams zu ihren jeweiligen Gruppen in unterschiedlichste Autos und Trucks und fuhren los. Grahams Team, zusammen mit Terry und Nick fuhren Richtung Norden, während sich Dean und Julias Gruppe nach Süden aufmachten. Das Endspiel hatte begonnen.

 

| Kapitel XV – ENDGAME | 

Terry, Graham und Nick fuhren mit einem Teil ihres Konvoys Richtung Norden. Ihr Ziel war Alaska. Um sich ihrem Bestimmungsort so unauffällig wie möglich zu nähern, hatte sich ihr Team aufgeteilt. Nun fuhren sie eine einsame, alte und verschneite Straße entlang. Das letzte kleine Städtchen hatten sie bereits vor zwei Stunden hinter sich gelassen. Ihr Pickup wurde gerade mit Bad Moon Rising beschallt.
„Wir hören jetzt seit Stunden diesen Kram aus dem letzten Jahrhundert.“, beschwerte sich Nick.
„Können wir nicht mal etwas hören, dass zumindest aus diesem Jahrtausend stammt?“
„Das sind CCR!“, tönte Graham voll Stolz.
„Wer?“, fragte Nick.
„Creedance Clearwater Revival.“, knirschte Graham zurück.
„Hätte ich nicht wenigstens meinen MP3-Player mitnehmen können? Ich meine, das Ding sendet doch nichts.“
„Glaubst du?!“, warnte Terry den jungen Rekruten der Resistance.
Nick wusste die ironische Frage zu deuten und war wieder einmal überrascht, wie unheimlich verwanzt seine ganze Welt doch war.   „Und wie weit ist es noch?“, fragte Nick.
Graham verdrehte die Augen.
„Hast du Hunger? Musst du vielleicht mal aufs Klo? Ist dir kalt?“
Ja, alles drei stimmte, aber Nick konnte sich nicht die Blöße geben, diese gehässige Frage mit einem Ja zu beantworten. Ihm war obendrein bereits unwohl genug bei dem Gedanken auf einer holprigen und vereisten Landstraße in einem verrosteten Pickup zu fahren, mit genügen Sprengstoff auf dem Lader um halb Alaska ins Weltall zu schießen.
„Sonst alles klar bei dir dort hinten, Nick?“
Terry war ironischerweise wesentlich einfühlender als der Priester. Aber vielleicht lag es daran, dass er auch entschieden weniger von der Welt gesehen hatte und ihm das Fehlen eines gutbürgerlichen Komforts und der Sicherheit noch eher etwas sagen konnte. Terry, so bedauerlich er es auch manchmal empfunden hatte, interpretierte seine Welt meist mit seinen Formeln, Geräten und Theorien. Er war der Typ Professor, den Nick vom Campus kannte, wie er von einer ganz eigenen Welt faselte, die so gar nichts mit Deans oder der seiner Freunde zu tun hatte.
„Ich fühle mich nur ein wenig unwohl bei dem Gedanken unter deren Radar ihre Basis zu stürmen, sie mit TNT und Plastiksprengstoff vollzustopfen und dann den Road Runner zu spielen. Ich fühle mich eher wie der Kojote. Du weißt doch, was mit dem Kojoten passiert, wenn er mit TNT spielt?“
„Oh ja, das weiß ich noch. Aber wir sind doch vielleicht ein wenig schlauer als der Kojote.“, sagte Terry, aber seine Worte wirkten dennoch nicht allzu beruhigend auf Nick.
Nick wusste, dass diese holprige Fahrt mit dem Pickup erst der Anfang einer unbequemen Reise sein würde. An der nördlichen Küste von Britisch-Kolumbien würden sie in ein Boot umsteigen und hinüber zu den Rat Islands fahren. Das Ziel war Amchitka, eine vulkanische Insel, auf der in den 1960er Jahren unterirdische Atomtests durchgeführt worden waren – zumindest offiziell. In Wirklichkeit hatte die Pararegierung zu dieser Zeit bereits die Kommandostellen zahlreicher Regierungen besetzt und die amerikanischen und sowjetischen Atomtests dienten geostrategisch der Errichtung von Portalen zwischen dieser und ihrer Welt. Das Netzwerk, oder der Wiederstand, hatte sich nun auf der ganzen Welt organisiert, um diese Portale auf einen Schlag zu zerstören. Das Schicksal der Welt hing von ihrem Gelingen ab. Nicks Magen verkrampfte sich bei diesem Gedanken und ihm wurde schwindlig. Er musste sich zusammenreißen. Graham nicht die Blöße geben. Aber er schaffte es nicht.
„Scheiße Graham, halt bitte an. Ich glaube ich muss kotzen!“
Graham sah Nicks kalkweißes Gesicht im Rückspiegel und wusste, dass Nick es ernst meinte. Er fuhr rechts ran, Nick sprang aus dem Pickup und übergab sich am Straßenrand. Sein Erbrochenes dampfte in der Kälte.
„Wir hätten ihn nicht mitnehmen sollen. Das Beste ist, wenn wir ihn am nächsten Motel rauswerfen.“, sagte Graham mit ehrlichem Bedauern. Terry stimmte ihm mit einem tiefen Seufzer zu.
„Es geht schon wieder. Alles gut.“, sagte Nick mit schwacher Stimme und hievte sich wieder in den Pickup. Der Konvoi fuhr weiter. Nick war Grahams Bemerkung nicht entgangen. Er wusste selbst nicht, ob seine Nerven diesen Kampf durchhalten würden. Also schwieg er.

„Alle Portale sind miteinander verbunden. Aber das erste, das die Anderen hier in dieser Welt installiert haben, ist eine Art Knotenpunkt. Die Achse, um die sich alles dreht.“, erklärte Dean.     Sie überflogen gerade mit ihrem Flugzeug den Salmon-Chaliis National Forest in Idaho. Dean steuerte eine Cessna im Tiefflug Richtung Nye County, Nevada. Sie würden in der Nähe des Great Salt Lakes landen und von dort mit einem bereitgestellten Transporter weiterfahren.
„Es wird nicht einfach werden, sich dem Testgelände zu nähern. Es ist immer noch ein aktueller Stützpunkt der Air Force. Unsere V-Leute beim Stützpunkt haben hoffentlich ordentlich gearbeitet, so dass wir durch das Sicherheitssystem gelangen.“
„Was ist mit Baxter? Bist du sicher, dass er den Köder schlucken wird?“, fragte Julia ihren Mann unsicher.
„Baxter weiß nicht, wie stark und wie gut organisiert das Netzwerk ist. Er denkt, er hätte es hier nur mit einigen Rebellen zu tun, deren Gehirne er mit den Zaubertricks aus seiner Welt manipulieren kann. Dass wir den Spieß umgedreht haben und er im Dunkeln tappt, verschafft uns den Vorteil, den wir brauchen, um die Achillesferse der Pararegierung zu treffen. Wir werden ihr die Ferse mitsamt ihrem gottverdammten Bein rausreißen.“
„Danke für die lebhafte Metapher.“, sagte Julia und rieb sich ihre müden Augen. Dean reichte ihr mit einem überspielt fiesen Grinsen einen Kaffeebecher.
„Wir sind bald da. Ich lande diese alte Mühle, dann tarnen wir sie mit dem Netz. Es muss schnell gehen. Das wird kein Spaziergang.“, sagte Dean.
„Du hast immer diesen Bootcamp Duktus in deiner Stimme, wenn es ernst wird. Das hat bestimmt seine Wirkung erzielt bei den Kids, die du damals ausgebildet hast. Aber versuche bitte normal mit mir zu sprechen – ich bin es und du machst dich lächerlich.“
„Tut mir leid. Alte Angewohnheit.“ Dean zog aus einer Umhängetasche, die neben seinem Sitz stand, ein Kuvert heraus und reichte es Julia. „Um Punkt null Uhr gehen für Baxter und seine Jungs weltweit die Lichter aus. Bis dahin müssen wir das Virus in ihr System eingeschleust und die Sprengladungen angebracht haben. Dann macht es Wumms, wie es Graham so schön formulierte.“
„Und ihr seid euch sicher, dass ich euch nicht wieder versehentlich verrate. Ich meine, Baxter hat sich schon einmal in meinen Verstand eingeschlichen.“
„Keine Angst. Du warst und bist bei weitem nicht die einzige, bei der sie ihre Psychotricks angewendet haben. Viele vom Netzwerk sind über die Jahre manipuliert worden. Wir haben uns gefragt, wie sie es immer wieder geschafft haben, uns aufzuspüren, trotz wir uns oft völlig von jeder Technik abgekoppelt hatten und sozusagen aus der Steinzeit herausoperierten. Erst als die Betroffenen begannen, von ihren Alpträumen zu berichten, kamen wir darauf, dass die anderen offensichtlich über eine Art Telepathie verfügen, mit der sie uns abhören und verfolgen konnten. Unsere Forscher und Ärzte haben nach vielen Beobachtungen und Experimenten dann ein Serum einwickelt, dass diesen Gedankenangriffen von außen zumindest im Ansatz entgegenwirkt.“
„Letzte Nacht, nachdem wir unseren Plan besprochen haben, hatte ich wieder einen Alptraum.“, sagte Julia nervös. Aber sie bemerkte auch Deans Gesicht, das dem eines kleinen Jungen ähnelte, der etwas Verbotenes angestellte hatte.
„Dean?!“
„Ich habe dir etwas verabreicht… Sorry. Der Clou an der Sache ist, dass wir deinen Schlaf erst einmal beobachten mussten, damit wir sichergehen konnten, dass es wirkt.“
„Aber der Plan! Ihr habt mir vorher doch den Plan erklärt! Wenn das Serum jetzt nicht gewirkt hat, ist die ganze Operation gefährdet!“
Dean seufzte und stellte sich auf eine Erklärung ein, aber dann hörte er etwas Verdächtiges in der Nähe und suchte konzentriert den Himmel ab.
„Dean! Was geht hier vor? Was…“
Aber Julia konnte den Satz nicht beenden. Etwas Schweres hatte die Maschine auf einmal mit einem donnernden Knall getroffen und sie wurde halb aus ihrem Sitz geschleudert.
„Verdammt! Schnall dich an. Wir müssen runter!“, schrie Dean und drückte den Steuerknüppel mit aller Kraft nach vorn. Julia sah den Horizont verschwinden und ihr Magen rutschte ihr in die Knie.
„Was war das?“
„Eine Drohne. Sie feuert auf uns!“
Julia klammerte sich am Sitz fest. Der linke Propeller gab ein röchelndes Husten von sich und zog eine schwarze Rauchwolke hinter sich her. Die Ebene kam immer näher. Das Flugzeug ging viel zu steil runter. Das konnten sie nicht überleben. Julia klammerte sich an ihrem Sitz fest und schrie sich die Kehle aus dem Hals, bis Dean die Nasenspitze des Flugzeugs wieder heraufriss, bevor sie in den Boden zu krachen drohten.
Die harte Landung warf Julia trotz des Gurtes fast aus dem Sitz. Sie wurde hochgeschleudert und ihr Kopf stieß unter die Decke. Das Flugzeug raste über die raue Steppe. Eine einzige Buckelpiste. Julia hörte, wie die Radaufhängung nach Erlösung schrie, bis sie schließlich unter einem metallischen Knirschen brach und das Flugzeug in einer scharfen Drehung zum Erliegen kam.
„Komm, wir müssen hier so schnell wie möglich raus!“, schrie Dean sie an.
Er hatte seinen Gurt bereits geöffnet und half Julia aus ihrem Sitz. Sie fühlte sich taub und benommen, konnte sich aber zusammenreißen. Die beiden griffen die Taschen und Rucksäcke und sprangen aus dem Flugzeug. Ein Surren ertönte über ihnen.
„Lauf!“, bellte Dean, fasste ihren Arm und sie sprinteten in Richtung eines naheliegenden Walds.
Eine Explosion warf sie mit einem Schlag zu Boden. Julia spürte eine enorme Hitzewelle. Sie blieb auf dem Boden liegen. Alles um sie herum war heruntergedreht, als wäre ihr Kopf mit Watte ausgestopft. Dean packte sich grob am Arm, zog sie auf die Beine und schrie etwas, aber sie konnte ihn nicht hören. Alles drehte sich, alles war verschwommen. Dann eine weitere Explosion. Ein stumpfes, metallenes Bruchstück des Flugzeugs prallte gegen Deans Kopf und er fiel zu Boden.

„Das könnt ihr nicht machen! Nach allem, was ich mitgemacht habe, habe ich nicht nur bewiesen, dass ich helfen kann, sondern dass ich es auch verdient habe dabei zu sein! Graham, verflucht! Ich habe deinen runzeligen Hintern aus Baxters Festung der Einsamkeit hinausgeschleppt, während mir die Kugeln um die Ohren flogen!“
Nick war außer sich. Als Graham und Terry ihm vor dem Boot mitgeteilt hatten, dass es besser für ihn und die Mission wäre, wenn er sich heraushielte und in einem Motel abwarten solle, bis alles vorbei sei, geriet er in Rage.
Die Männer des Trupps hatten die Ausrüstung bereits aus den Trucks in das Boot verladen und waren bereit zur Abfahrt.
„Junge, das hier ist ein One-Way Ticket. Ich möchte und werde dich nicht auf dem Gewissen haben. Unser Entschluss steht fest. Zwing mich nicht, dich auszuknocken! Es tut mir leid.“
Graham meinte es wortwörtlich und Nick wusste das. Wütend trat er gegen den morschen Zaun des Anlegestegs und unterdrückte einen Schrei. Terry fasste tröstend und zum Abschied seinen Arm und steckte ihm noch zweihundert Dollar in die Jackentasche. Dann gingen Graham und er an Bord und ließen Nick in der verschneiten Nacht an einem Hafen vor der Grenze zu Alaska zurück.

„Uhm, mein Schädel!“, stöhnte Dean.
Er fühlte sich wie in Trance, denn die Welt wippte in einem sanften Rhythmus hin und her. Über ihn flog grünes Blattwerk im stillen Rascheln hinweg und Sonnenstrahlen flackerten durch sie hindurch. Ein konstantes und unheimlich beruhigendes Rauschen umgab ihn und er sah seine Frau. Sie saß hinter ihm und versuchte ihre Besorgnis schnell zu verbergen, als sie merkte, dass er wieder bei Bewusstsein war.
„Gut geschlafen, Dornröschen?“, fragte sie. „Irgendwie bin ich froh, dass ich es ausnahmsweise nicht bin, die weggetreten ist. Du hast eine ganz schöne Beule am Kopf und warst eine viertel Stunde weggetreten. Muss ich mir über irgendwelche Hirnschäden Sorgen machen?“
„Ich glaube nicht.“, sagte Dean, richtete sich auf und rieb sich vorsichtig die Beule. „Jedenfalls über keine neuen. Was ist passiert?“
„Du wurdest von einem Stück der Maschine erwischt, als sie explodierte. Ich habe mir ganz schönen einen abgebrochen, dich in den anliegenden Wald zu zerren, bevor uns diese Drohne vaporisieren konnte.“
„Wie konnten wir sie loswerden?“
„Ich habe sie vaporisiert.“
„Wie denn das?“
„Die Leuchtpistole im Handschuhfach. Ich habe sie mitgenommen, als wir aus der Maschine gehechtet sind. Ich ließ dieses verdammte Ding etwas näherkommen und habe mein Glück versucht – es war mir hold und ich habe unsere Maschine gerächt.“, sagte Julia und grinste breit und stolz. „Wie konnten sie uns überhaupt wiederfinden?“
„Sie werden den Luftraum mit zahlreichen dieser Dinger überwachen. Der Luftraum ist leichter zu kontrollieren als Straßen – oder Flüsse.“ Dean tauchte seine Hände in das kühle Nass des Flusses und warf sich das kalte Wasser ins Gesicht.
„Dieses Boot ist perfekt, Liebling. Ich hoffe du hast keinen kleinen Jungen zurückgelassen, der sich auf den Angelausflug mit seinem Vater gefreut hatte?“
„Nein. Es war einsam an einem Steg angekettet. Ich habe die Kette zerschossen und dann unsere Sachen und dich hier hineingehievt.“
„Alle Achtung!“, sagte Dean erstaunt und anerkennend. Dann kramte er eine Karte aus einem der Rucksäcke.
„Sag’s meinem Rücken. Er hatte nämlich einmal laut geknackt… Was jetzt?“
„Der Fluss bringt uns annähernd in die richtige Richtung, aber bald sollten wir wieder auf ein vierrädriges Gefährt umsteigen. Am besten ein geländetaugliches, mit dem wir dann die letzte Etappe hinter uns bringen können.“, sagte Dean, während er die Straßenkarte studierte. „Der bereitgestellte Wagen liegt leider in einer anderen Richtung.“
„Um noch einmal auf unser Gespräch zurückzukommen…“ Julia erfasste Dean mit einem so strengen Blick, der seinen Hinterkopf förmlich durchlöchern konnte. „Was habt ihr noch beredet, du, Graham und Terry?“
„Ich kann es dir nicht sagen. Noch nicht. Es ist, wie du selbst gesagt hast, zu gefährlich. Wenn der ganze Plan durch irgendwelche Tricks von Baxter aufgedeckt würde, ist alles vorbei.“ Dean sah ihr jetzt eindringlich in die Augen. „Vertraue mir, Liebling. Du musst mir einfach vertrauen, okay?“
Julia schluckte den schweren Batzen Eitelkeit und Misstrauen herunter und deutete ihrem Mann, es auf sich beruhen zu lassen – vorläufig.
| KAPITEL XVI – GAMBIT |

Die Wellen des Eismeeres peitschten gegen die Reling des alten Kutters. Ein Sturmtief hatte sich über dem Nordpazifik zusammengezogen und Regen und Hagel schlugen sich durch Donner und Blitze hindurch auf das Deck. Der Großteil der Mannschaft hatte große Mühe sich in ihren Kojen zu halten. Das Boot wurde durch den heftigen Wellengang auf und ab und von einer Seite zur anderen geworfen. Drinnen hielten sich Terry und Graham nur mit großer Mühe den Beinen, während sich der Kapitän am Steuerrad festkrallte und lauthals fluchte. Wäre er doch lieber in Barny’s Lagoon geblieben und hätte sich noch einen Grog bestellt.
„Wir hätten bei der Unwetterwarnung niemals ablegen dürfen! Das ist Wahnsinn!“, schrie Graham zornig gegen den Sturm an, der beinahe jeden seiner Laute verschluckte.
„Wir müssen es positiv sehen! So wird es uns leichter fallen, uns an sie heranzuschleichen!“, schrie Terry.
„Wenn wir das hier überleben, werden selbst wir überrascht sein. Ich sehe mal nach der Ladung. Nicht, dass wir noch in diesem beschissenen Sturm als riesiger Feuerball untergehen. Wäre doch zu schade drum!“, schrie Graham und stakste hinunter zum Laderaum.
Bei jeder einzelnen Stufe musste er erneut Halt finden und seine Faust hielt das Geländer fest umklammert.
Das Boot ächzte unter den schweren Schlägen der Wellen. Im Laderaum ist das viele Werkzeug und Material, dass in Schränken, Schubladen und Regalen untergebracht war, herausgeschleudert worden und lag nun auf dem Boden verteilt. Aber die explosive Fracht stand zum Glück immer noch mit zahlreichen Gurten gesichert fest an ihrem Platz. Doch neben dem Stöhnen des Bugs, schlich sich ein weiteres Geräusch unter den vielen Lärm, das Graham sehr wohl bekannt war. Trotzdem wollte er es nicht wahrhaben. Er stakste weiter durch den dunklen Frachtraum hindurch, bis zur Toilettenkabine. Er hoffte sich zu irren, aber als er die Tür öffnete, fand er leider genau das, was er befürchtete zu erblicken.
„Dein Magen muss doch inzwischen geleert sein, Junge. Galle zu spucken ist keine angenehme Sache, findest du nicht? Warum bist du nicht mit deinem kleinen Hintern an Land geblieben und hast dir die ganze Sache bequem aus der Ferne angesehen?“
„Und mir den ganzen Spaß entgehen lassen? Ich bitte dich! Außerdem kommt ihr doch ohne mich gar nicht klar!“, erwiderte Nick, betätigte die Spülung und richtete sich schwankend auf.

Einen halben Kontinent weiter entfernt in südlicher Richtung, in einer staubigen und heißen Wüste, kramte Dean etwas aus den großen, schwarzen Rucksäcken hervor, dessen Sinn und Zweck für Julia erst noch ein Rätsel blieb.
„Das haben wir die ganze Zeit über mit uns herumgeschleppt? Was ist das?“
„Das, meine Liebe,“, antwortete Dean während er die unterschiedlichen Teile zusammensteckte. „ist eine hauseigene Erfindung, die wir der herausragenden Ingenieurskunst unserer Nerds des Netzwerks zu verdanken haben.“
Dean schraubte und steckte die einzelnen Elemente weiter zusammen. Jetzt erkannte Julia etwas in der Form eines Longboards. Dean bat sie darum, ihm die Planen zu reichen, die noch gefaltet in den Rücksäcken lagen.
„Das hier ist unsere Eintrittskarte! Wir schlüpfen gleich noch in diese extrem stylische Tarnkleidung aus innovativster Nanotechnologie, schnallen uns die Rucksäcke mit dem Sprengstoff auf den Rücken und legen uns auf diese Babys. Dann ziehen wir uns diese Planen drüber, deren Oberfläche aus einem mimetischen Kunststoff besteht. Wie ein Chamäleon passt er sich der Umgebung an und wir werden weder vom Radar, noch von Wachen oder Kameras erkannt… Zumindest nicht auf dem ersten Blick.“
„Und wir heizen mit diesen Longboards mit Elektromotor einfach so über den Wüstenboden? Findest du nicht, dass wir vorher mal hätten üben sollen?“
„Wieso? Bist du etwa in den letzten drei Jahren eingerostet? Wir üben auf dem Weg.“
„Großartig! Hauptsache du hast deinen Spaß!“, sagte Julia barsch und schlüpfte in ihr neues Outfit. Sie fand, dass sie damit auch sehr gut im nächsten Science-Fiction Blockbuster mitspielen konnte – irgendetwas mit Mutanten, sich verwandelnden Riesenrobotern oder außerirdischen Käfern.

„Harry Potter hatte auch so ein Teil!“, stellte Nick fest, als er sich seine Ausrüstung genauer ansah. Graham rollte entnervt mit den Augen.
„Geh, zieh dich um und schnapp dir einen Zauberstab. Gleich kannst du gegen ganz viele Dementoren kämpfen.“ Nick war überrascht, dass Graham sich mit dem Genre auskannte und schmunzelte ein wenig über den Gedanken, wie Graham Abende in seiner Hütte damit verbrachte, J.K. Rowling zu lesen. Dann war ihm eingefallen, dass Graham noch nie etwas von einer Familie erzählt hatte und Nick generell nicht viel von ihm wusste. Jetzt hoffte er, dass er noch Gelegenheit dazu haben würde, mehr von seinen Freunden zu erfahren.
Das Boot hatte die Überfahrt überstanden und an einem Kai in der Nähe eines kleinen Indiodorfes angelegt. Die Frauen und Männer des Netzwerks rüsteten sich in einer zugigen Hütte am Rande des Piers für die letzte Etappe ihrer Reise, während Terry sich seinen Weg durch das wilde Schneetreiben hindurch zum Dorf gebahnt hatte.
„Hey, die Anzüge sind ziemlich cool. Kann ich meinen behalten, wenn wir mit der Mission durch sind? Auf der nächsten Comic-Con kann ich dann als X-Man gehen.“, fragte Nick und betastet den außergewöhnlichen Stoff, der sich wie eine zweite Haut an seinen Körper schmiegte.
Graham schritt mit ernster Miene auf ihn zu und presste ihm ein Maschinengewehr an die Brust. Nicks Lächeln erstarb, als er in Grahams Augen blickte. Jetzt war keine Zeit mehr für Späße, denn es ging um das Leben und den Tod vieler Menschen. Nick hatte es nicht verdrängt, das wusste auch Graham. Er versuchte nur auf seine Art damit klar zu kommen. Aber jetzt musste sich jeder auf die Aufgabe konzentrieren.
Die Tür sprang auf und in einem Wirbel aus Wind und Eis erschien Terry. Er schlug die Tür hinter sich zu und schälte sich aus Schaal und Kapuze. Er trat in die Mitte des Raums und alle versammelten sich um ihn herum.
„Unsere Motorboote stehen bereit, dank unseres Freundes Malik und seines Stammes. Mithilfe ihrer Informationen können wir nun die genauen Standorte unserer Ziele ermitteln und wissen genaueres über deren Überwachungsapparat.
Wir steuern die Energiewandler der Portale in Dreiertrupps an. Alles muss exakt getimt sein. Denkt daran: wir können nicht mehr miteinander kommunizieren, wenn wir erst unterwegs sind. Keine Funkgeräte oder Handys.“
Terry kniete sich runter auf den Boden und nahm eine Karte aus seiner Umhängetasche hervor, die er entfaltete und auslegte.
„Hier befinden sich unsere Ziele. Die Zünder sind bereits aktiviert. Also seht bitte zu, dass ihr weit genug weg seid, wenn die Ladungen detonieren. Unsere Tarntechnologie sollte uns vor den Augen der Soldaten der Pararegierung abschirmen. Der Sturm dort draußen ist Segen und Fluch zugleich. Er hilft uns beim Anschleichen, könnte uns aber auch zum Kentern bringen. Malik stellt uns für jedes Team einen Navigator bereit. Die Indios kennen die Gewässer dort draußen in und auswendig. Sie können den Weg förmlich riechen und zwar durch Wind und Wetter. Außerdem sind sie sehr motiviert diesen Typen ordentlich in den Arsch zu treten, seit sie sie von ihrem Land vertrieben und es zerstört haben. Gibt es noch irgendwelche Fragen?“
Terry stand wieder auf und sein Blick richtete sich noch einmal einzeln an jeden Mann und jede Frau. Sie waren keine Soldaten, waren nicht speziell für solche Einsätze ausgebildet. Sie alle wussten, dass die Chance eines Fehlschlags groß war. Sie hatten Angst, aber niemand ließ sie sich anmerken. Somit bestärkten sie sich gegenseitig und gaben einander Mut. So, wie sie es immer getan haben. Er betete, sie alle wiederzusehen.
„Ich danke euch und ich bin sehr glücklich, zusammen mit euch diese Sache zu Ende zu bringen. Wenn es uns gelingt, können wir endlich, nach all den Jahren, wieder zurück zu unseren Familien und Freunden. Die Welt wird nach dieser Nacht nicht mehr dieselbe sein. Sie wird eine bessere sein. Auf geht’s!“

Wenn man mit achtzig Kilometern in der Stunde bauchwärts auf einem dünnen Aluminiumbrett nur wenige Zentimeter über steinigen Wüstenboden entlang rast, kann es einem schon mulmig werden. Nacht war inzwischen hereingebrochen und eine Nachtsichtkamera lieferte ein ungewohntes, aber relativ klares Bild der Strecke vor ihnen. Ohne diese Vorrichtung, wären sie bereits an so manchem Felsen einfach zerschellt. Am liebsten hätte Julia Dean um eine Pause gebeten, oder zumindest darum, etwas Tempo herauszunehmen, aber es gelang ihr nicht laut genug zu schreien. Außerdem hatte sie ihren Stolz. Sie hoffte innig, dass der Tarnschild um sie herum hielt, was Dean ihm zugesagt hatte. Ansonsten wäre nichts auffälliger, als zwei durch die Wüste donnernde Bretter. Aber von weitem sah alles ganz anders aus. Denn das intelligente Design ihrer Deckung analysierte binnen millionstel Sekunden den Untergrund und die Umgebung und entwarf ebenso schnell ein Bild auf der Oberfläche des Gehäuses, so dass die rollenden Bretter nur aus wenigen Metern Entfernung wirklich sichtbar waren. Und wenn, dann auch nur anhand des Staubs, den sie aufwirbelten. Aus der Ferne, waren die High-Tec Longboards so gut wie nicht zu erkennen.
Julia bemerkte, wie Dean seine Geschwindigkeit langsam drosselte. Sie passte sich ihm an, bis sie beide zum Stehen kamen. Dann stiegen sie von ihren Boards ab. Dean nahm ein Fernglas aus seinem Rucksack und auch Julia blickte durch ein Nachtsichtgerät auf einen Gebäudekomplex, der in drei Kilometern Entfernung hinter einem hohen Maschendrahtzaun und zahlreichen Wachtürmen hervorragte.
„So weit so gut.“, flüsterte Dean. „Das Gelände der Nevada National Security Site. Area 51 liegt ironischer Weise gleich nebenan. Hätten die ganzen Verschwörungsheinis doch einfach mal einen kleinen Blick nach rechts riskiert. Na ja, vielleicht haben es ja welche und es gibt einen ganz bestimmten Grund, weshalb wir von ihnen nie etwas gehört haben.“
„Warst du dort nicht auch mal stationiert?“, fragte Julia.
„Ja, kurz. Aber ich habe scheinbar nur den „offiziellen“ Teil der Anlage sehen dürfen. Es gibt unterschiedliche Zutrittslevel und da kam ich als junger Kadett nicht weiter als bis zur Kantine und Latrine.“
„Und unser Ziel liegt unterirdisch? Ich hoffe wir kommen mit den gestohlenen Codes noch dadurch. Was, wenn sie die Codes geändert haben?“
„Dann wird es ein sehr kurzer Ausflug.“ Dean warf Julia eines seiner verspielten und herausfordernden Lächeln zu. Sie verdrehte die Augen und nahm seine Hand.
„Wenn wir das hier überleben sollten…“, sagte sie.
„… dann haben wir einiges nachzuholen.“, beendete Dean.
Er nahm ihr Gesicht sanft in beide Hände und küsste sie innig und hingebungsvoll. Sie sahen sich in die Augen und gaben sich zu verstehen, dass sie beide bereit waren. Dann liefen sie über das Hochsicherheitsgelände der US Army.

Nick hatte zuvor noch nie solch eine Kälte gespürt. Er fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, bis man erfriert. Merkt man überhaupt, wenn man kurz davorstand? Er klammerte sich fest in die Ecke des Boots und bewunderte Graham, wie er scheinbar mühelos seine Position halten konnte und den Außenmotor steuerte. Das Schlauchboot peitschte durch das Wellenmeer und Nick befürchtete, dass sie jeden Augenblick kentern oder durch den vielen Sprengstoff an Bord in viele kleine, rote Fetzen gesprengt werden würden. Der Indio, der ihnen zugeteilt wurde, hieß Balam, saß ihm stoisch gegenüber und deutete Graham den Weg.
„Wie weit ist es noch?“, rief Nick zu ihm hinüber.
„Nicht mehr weit! Dort vorn!“, rief der Indio durch den Sturm zurück.
Graham drosselte die Geschwindigkeit. In wenigen hundert Metern Entfernung ragte etwas aus der See heraus, dass man für eine Bohrinsel halten könnte. Die Wellen brachen sich an den vier Säulen, die eine schwere Plattform trugen, die in etwa die Größe eines Footballfeldes hatte. Vier Wachtürme ragten über jeder einzelnen Säule empor und Flutscheinwerfer durchkreuzten das umliegende Gewässer.
„Dann lasst uns mal unsere Tarnkappe drüberziehen! Hoffentlich funktioniert dieses Ding, sonst sind wir geliefert!“, schrie Graham, stellte den Motor ab und öffnete eine der beiden großen, schwarzen Metallkisten, die mit im Boot vertäut waren. Balam und Nick halfen ihm die Apparatur über das Schlauchboot zu ziehen und zu befestigen. Nun ähnelte das Boot einem Schildkrötenpanzer. Und als Graham den mit der Vorrichtung verbundenen Motor einschaltete, verschwand das Boot plötzlich in einem kurzen elektrischen Flackern und war nicht mehr zu sehen.

„Warte ich habe genau für diesen Fall ein herrliches Gimmick mitbekommen. Das wollte ich schon immer einmal ausprobieren.“, flüsterte Dean, als sie vor dem Maschendrahtzaun standen.
Er griff in die Innentasche seiner Weste und nahm eine kleine Ampulle heraus, die von der Form her wie eine kleine Trinkflasche wirkte. Als Dean ihren Inhalt allerdings kreisförmig auf die Maschen des Zauns träufelte, entfaltete sich die ätzende Wirkung des Inhalts und das Metall löste sich in dünne Rauchschwaden auf.
„Ist es nicht ziemlich bescheuert so etwas in seiner Brustasche mit sich herumzutragen?“
Deans Lächeln erstarb abrupt.
„Spielverderber.“
„Was ist mit Infrarotkameras, Bewegungsdetektoren und solchen Sachen?“, flüsterte Julia.
„Deswegen tragen wir ja diese coolen Anzüge. Denk bitte nur daran, dass wir nicht unsichtbar sind, im Gegensatz zu unserem flotten Fahrgestell von vorhin.“
Vorsichtig stanzte Dean das eingeätzte Loch auf und sie stiegen hindurch. Noch waren sie relativ weit vom Zentrum des Geländes entfernt. Wachposten schienen hier noch nicht zu patrouillieren. Aber dies würde sich bald ändern. Dean warf einen raschen Blick auf seine Armbanduhr.
„Wir sollten uns beeilen. Die Sprengungen müssen synchron erfolgen, sonst verderben wir den anderen noch ihre Überraschung.“
Für einen kurzen Augenblick dachte Julia an Nick, Graham und Terry und hoffte, dass bei ihnen alles gut war. Dann verdrängte sie aber ihre Sorgen, atmete tief durch und konzentrierte sich wieder auf ihre Aufgabe.
„Dann quatsch nicht so viel, Soldat, sondern beweg deinen Arsch!“, flüsterte sie.
Julia nahm ein Nachtsichtgerät aus ihrem Rucksack und setzte es auf. Ihr Vater hatte solche Geräte oft gerne von seinem Stützpunkt mitgebracht als sie Kind war und sie durfte sie dann auf ihren Nachtwanderungen durch die Wildnis benutzen. Deswegen waren sie für sie bekanntes Spielzeug. Dann liefen sie los.
Die ersten Wachposten und Soldaten passierten sie relativ mühelos. Der ganze Sicherheitsapparat der Pararegierung stützte sich anscheinend komplett auf Kameras und Sensoren, die sie dank ihrer Tarnanzügen nicht erfassen konnten.
Nachdem sie ein Labyrinth aus Hütten, kleineren Gebäuden und Zelten passiert hatten, standen sie jetzt vor dem Eingang, den Dean als Zugang zum unterirdischen Portal identifizierte. Er nahm die gestohlene Codekarte zur Hand und zog sie durch den Schlitz am Lesegerät rechts neben der Tür. Es ertönte ein unfreundliches Piepen und ein roter Schriftzug erschien auf dem Display, der ihnen sagte, dass der Code nicht akzeptiert wurde.
„Verdammt!“, fluchte Dean und versuchte es noch einmal. Aber der Zugriff wurde ihnen erneut verweigert. Julia und Nick wechselten verzweifelte Blicke. Ihnen musste etwas einfallen, irgendetwas, womit sie… Auf einmal hörten sie etwas von der anderen Seite des Zugangs. Sie sprinteten um die Ecke und die schweren Flügel der Stahltür glitten auseinander. Zwei Männer in weißen Kitteln kamen plaudernd heraus. Julia blickte Dean an und zuckte mit der Schulter. Dann rannte sie los, ehe Dean überhaupt reagieren konnte und zog ihre schwere Taschenlampe hervor. Sie schlug den ersten Mann durch einen schweren Hieb auf den Hinterkopf k.o. Der zweite reagierte allerdings schneller, als sie vermutet hatte, wehrte ihren Schlag ab und verpasste ihr einen rechten Schwinger, der sie zu Boden warf. Doch dann war Dean zur Stelle und knockte den Mann nach einem kurzen Gerangel souverän aus. Julia rappelte sich wieder auf, wischte sich das Blut von der Nase und zog einen der Männer neben den Eingang.
„Alles in Ordnung?“, fragte Dean und schnappte sich den anderen.
Julia befühlte ihr Nasenbein und winkte beschwichtigend ab.
„Er hat meine Nase ein wenig angeknackst. Aber da kenn ich Schlimmeres. Wir haben außerdem keine Zeit für Zimperlichkeit. Ich habe die Chipkarte von diesem hier. So sollte es weitergehen.“
Sie hatten die Männer mit ihren eigenen Schnürsenkeln gefesselt, mit ihren Socken geknebelt und hinter dem Eingang verfrachtet. Sie hofften, dass sie nicht allzu bald entdeckt werden würden. Die Chipkarte des Einen öffnete ihnen tatsächlich die Tür. „So geht es natürlich auch.“, gestand Dean mit ehrlichem Respekt.
Sie liefen einen langen, Korridor entlang, der sie zu einem Fahrstuhl führte.
„Oh bitte, nicht schon wieder!“, stöhnte Julia.
„Warte!“, flüsterte Dean, nahm einen Kaugummi aus der Hosentasche und stopfte ihn sich in den Mund. Julia blickte ihn fragend an. Er kaute einige Male auf ihm herum und nahm ihn dann wieder heraus. Dann trat er schnell in den Aufzug und griff in die obere linke Ecke.
„Jetzt kannst du reinkommen.“, sagte er.
Er hatte die im Fahrstuhl installierte Kamera mit dem Kaugummi zugeklebt.
Dean betätigte den einzigen Knopf im Fahrstuhl und der Aufzug glitt schnell und ruhig tief hinab. Binnen weniger Sekunden hatten sie die unterste und einzige Etage erreicht.
Die Tür öffnete sich, sie sprinteten hinaus und bogen um die nächste Ecke eines weiteren, unbekannten Terrains.
„Warum haben die uns nicht schon längst entdeckt?“, fragte Julia.
„Sie fühlen sich zu sicher, unbesiegbar. Baxter denkt, selbst wenn wir ein Portal angreifen und zerstören. Es gibt noch hunderte und die Verantwortlichen werden gefasst und so lange gefoltert, bis sie alles ausgespuckt haben, was sie wissen. Aber wir haben den kleinen Ventilationsschacht an diesem Todesstern entdeckt.“
„Was?“
„Star Wars, Episode IV? Der Klassiker?“
„Ich habe mir die Filme immer noch nicht angesehen.“
Dean war entrüstet, wollte diesen Frevel abmahnen, aber er entschied sich dann doch dafür, sich wieder auf ihre Mission zu konzentrieren.
„Von hier aus haben wir keine genaue Karte mehr, aber laut unseres Informanten müssen wir einfach…“
Hinter seinem Ohr klickte es und er spürte im Rücken etwas schmales und hartes, das ihm zwischen die Schulterblätter gepresst wurde.
„Ganz ruhig, ihr beiden. Baxter wartet schon auf euch. Und bitte keine Anstalten. Wir wissen schon längst, dass ihr hier seid.“
Julia und Dean drehten sich langsam um und blickten in das emotionslose Gesicht eines Mannes im grauen Anzug. Hinter ihm standen zwei seiner Kollegen.
„Dean, hattest du gewusst, dass wir von Agent Smith, Jones und Smith Jr. abgeholt werden?“, fragte Julia skeptisch.
Dean antwortete nicht und gab sich auch keine Mühe zu verhindern, dass sich seine Mundwinkel zu einem amüsierten Lächeln nach oben zogen.
„Das ist das letzte!“, schrie Nick, als er das vierte Paket am Fuß einer der tragenden Säulen der Plattform angebracht hatte.
„Dann nichts wie weg! Wir haben nur noch drei Minuten bis uns der Laden um die Ohren fliegt!“
In dem Moment, als Graham das Ruder herumriss, um den Rückzug einzuleiten, wurden sie von einem gleißenden Licht erfasst.
„Bleibt, wo ihr seid, oder wir eröffnen das Feuer!“, donnerte eine Stimme durch ein Megafon.
Lärm von rotierenden Rotorblättern umschlang sie und ein Hubschrauber senkte sich zu ihnen hinab. Auch der pfeifende Kugelhagel, der neben ihnen ins Wasser einschlug war nicht zu überhören. Es war ein Warnschuss und sie erhoben alle drei langsam ihre Hände.
„Nein, bitte nicht, so ein verdammter Dreck! Graham, was tun wir jetzt?!“, rief Nick.
Graham sah ihn lächelnd an und zwinkerte ihm verschlagen zu. Irgendetwas musste Nick auf jeden Fall verpasst haben.

| Kapitel XVII – DEAD LINK |

„Was hast du jetzt vor, Baxter? Willst du uns wieder wegsperren, uns foltern oder uns gleich erschießen?“, feixte Julia, während ein Mann in Grau sie grob in den Stuhl presste und ihr Handschellen anlegte. Sie wollte Baxter an die Kehle springen und ihm sein fieses Grinsen aus dem Gesicht prügeln. Noch nie in ihrem Leben brodelte so viel Hass in ihr.
Dean saß mit Handschellen gefesselt neben ihr und hielt sich zurück. Er war bemerkenswert ruhig. Hatte er bereits resigniert und alle Hoffnung aufgegeben? Das passte nicht zu seinem Kämpfergeist und Julia sein Pokerface war wie immer nicht zu durchschauen.
Der große Raum war bespickt mit Schreibtischen und Pulten, die mit Computern und Monitoren beladen waren. Vor jedem ein Mitarbeiter der Pararegierung, der roboterhaft seiner Arbeit nachgingen die Apokalypse herbeizurufen. Der ganze Raum war auf eine große Fensterfront ausgerichtet. Hinter der zentimeterdicken Scheibe ragte eine enorme, metallene Konstruktion hervor. Ein riesiger, ovaler Ring, in dem sich ein greller, weiß-blauer Nebel zu einem waagerecht hineinragenden Wirbel ausdehnte. Funken und Blitze zuckten immer wieder auf und fraßen sich wie Würmer aus Licht durch die Öffnung des Dimensionstors. Julia verstummte vor Staunen und Ehrfurcht, als sie das Portal in Aktion sah.
„Wunderschön, nicht wahr? Wir müssen hier wirklich etwas klarstellen.“, sagte Baxter. Er hatte ihnen den Rücken zugewandt und blickte angestrengt in das Auge des Portals.
„Ihr und euer Netzwerk. Dachtet ihr allen Ernstes, dass ihr einfach so die Portale zerstören könntet? Dachtet ihr, wenn ihr euch von allen Smartphones, Computern und anderen technischen Geräten befreit, würden wir euch nicht mehr finden? Dachtet ihr, dass ihr mit eurer lächerlichen Medizin gegen unsere Macht ankommt, eure Gedanken manipulieren zu können?“
Baxter dreht sich um und blickte sie herablassend an.
„Ihr habt nicht im Geringsten begriffen, worum es geht, was hier auf dem Spiel steht! Ihr denkt wir sind die Bösen?! Ihr glaubt, wir würden eure Welt vernichten?!“
„Na dann kläre uns doch mal auf. Was soll es denn sein, was wir seit Jahrzehnten missverstehen? Ist es der Imperialismus oder der Genozid an sieben Milliarden Menschen, den du und deine Führer hier und auf der anderen Welt betreibt?“, spottete Dean mit einem verächtlichen Lächeln.
Baxters Augen verwandelten sich in schmale Schlitzen. Seine Fäuste ballten sich. Wie gerne würde er Dean jetzt schlagen, aber dies wäre ein Zeichen von Schwäche. Das hätte Baxter nicht nötig. Er atmete tief durch, entspannte seine Fäuste und zog seine grauschwarze Uniform glatt. Der Look kam in diktatorischen Systemen wohl nie aus der Mode. Der Mann, den Julia nur als permanent überarbeiteten Workaholic kannte, der öfter in seinen Klamotten als in seinem eigenen Bett geschlafen hatte, war nicht mehr da. Er war durch einen Propaganda-plappernden Faschisten ausgetauscht worden. Wie konnte er die Fassade des kritischen Chefredakteurs, liberalen Denkers und sozial engagierten Mann von Welt so lange aufrechterhalten? Und wozu? Julia verstand es nicht. Aber es machte jetzt auch keinen Unterschied mehr.
„Es wird keinen Genozid geben. Diese Flause hat dir Graham in den Kopf gesetzt, oder? Vielleicht auch Terry? So wie ich gehört habe, frieren sie sich in der Arktis gerade den Arsch ab.“, sagte Baxter selbstgefällig.
Julia fühlte, wie sich ihr Magen verkrampfte und sich ein großer Stein auf ihr Herz legte, der ihr die Luft abschnürte.
„Nick.“, hauchte sie. Ihr Blick wurde wässrig.
„Sie sind auf unserer Außenstation auf der Plattform in Gewahrsam. Wenn sie sich nicht besonders dumm angestellt haben, leben sie, sind gesund und wohl auf. Also mach dir keine Sorgen.“
Baxter drehte sich wieder zum Portal, doch ihm fiel noch etwas ein.
„Ach ja. Und eure kleinen Sylvesterkracher wurden entschärft und können niemanden mehr gefährlich werden.“
Er griff unter einen Schreibtisch, zog Julias und Deans Rucksäcke hervor und warf sie ihnen verächtlich vor die Füße.
Julia wollte aus lauter Verzweiflung sterben. Sie wollte laut aufschreien, Baxter fassen und stundenlang auf ihn einprügeln. Der Mann in Grau, der hinter ihr stand, schien ihre Gedanken jedoch gelesen zu haben und drückte sie schnell wieder zurück in den Stuhl. Julia blickte hilfesuchend zu Dean hinüber. Dieser war auf Baxter fixiert. Doch sein Pokerface konnte sie immer noch nicht deuten. Was hatte er vor?
„Jetzt, da ihr uns besiegt habt und euch niemand mehr im Weg steht, wie soll es weitergehen?“, fragte Dean übertreiben unschuldig.
Baxter wandte sich ihm zu und auch ihm war Deans Ruhe mittlerweile auch suspekt, aber er ging erstmal nicht weiter darauf ein.
„Wir haben in den letzten zwanzig Jahren daran gearbeitet, einen Weg zu finden, diese Welt dauerhaft für unsere Führer bewohnbar zu machen. Dann sind sie in Sicherheit und können von hier aus beide Welten so gestalten, dass sie endlich in Frieden und Einklang leben können. Doch dazu müssen wir die biologischen und atmosphärischen Bedingungen dieser Welt modifizieren und sie den Gegebenheiten der anderen Welt anpassen. Unser Terraforming-Projekt wird in Kürze starten. Zuerst wird überall auf der Welt ein Mutagen freigesetzt, dass die menschliche, tierische, pflanzliche aber auch mikrobakterielle DNA verändern wird. Zeitgleich werden unsere Atmosphärenwandler diese Welt der unseren anpassen.“
„Ihr habt eure Welt zerstört. Und nun wollt ihr dasselbe mit unserer tun. Baxter, das ist Wahnsinn! Die Menschen können solch einen Eingriff unmöglich überleben!“, mahnte Dean.
Baxter seufzte theatralisch und nickte übertrieben schuldbewusst.
„Vermutlich werden circa 75% der Weltbevölkerung diesen Eingriff nicht überleben.“, sagte er dann läppisch.
Endlich spürte Julia auch Deans Hass aufkeimen. Dean konnte ihn nicht mehr länger unterdrücken. Sie spürte, wie er sich größte Mühe gab, seine Fassung zu bewahren.
Einer aus Baxters Reihen trat hinter seinem Schreibtisch hervor:
„Sir, der Präsident ist in der Leitung.“
„Stellen sie ihn durch!“, sagte Baxter.
Auf dem Bildschirm erschien der Mann, den Julia in den letzten Monaten leider nur zu gut kennenlernen durfte. Er trug einen dunkelblauen Anzug und saß hinter einem Mahagonischreibtisch, neben dem links und rechts die Flagge der Vereinigten Staaten aufragte. Der Mann trug einen übertrieben gespielten Schmiss im Gesicht, der wohl Ehrgeiz und Selbstvertrauen ausdrücken sollte, doch er wirkte, wie immer, wie ein schlechter Schauspieler. Er sah aus, als hätte er in Sonnenmilch gebadet und sich einer misslungenen Haartransplantation unterzogen, um einen Look zu wahren, der auch in den 80ern nie wirklich in die Mode gekommen war.
„Mr. President, sind die Reaktoren einsatzbereit?“
„Ja, Mr. Baxter. Alles ist bereit und unsere Männer vor Ort warten auf ihr Zeichen.“
Julia konnte es nicht fassen. Trumps reumütiges Gehabe gegenüber Baxter. Dieser großmäulige Hitzkopf kriecht förmlich vor ihm. Was wohl für ihn bei der ganzen Sache herausspringt?
„Ausgezeichnet. Halten sie sich bereit, Mr. President. In wenigen Augenblicken läuten wir eine neue Ära ein.“
Baxter wollte das Gespräch gerade beenden, als aus Trumps Kehle noch ein zaghaftes Räuspern klang.
„Mr. Baxter, können sie mir versichern, dass wir die bevorzugte Behandlung auch wirklich erhalten werden?“, fragte er unsicher, wie ein kleiner Schuljunge, der Dreck am Stecken hatte.
„Seien sie unbesorgt. Unsere Leute kümmern sich um Sie.“, entgegnete Baxter mit einem schiefen Grinsen, dem Julia eindeutig nicht im Geringsten traute. Dann beendete Baxter das Gespräch und die von Ungewissheit geplagte Miene des Präsidenten der Vereinigten Staaten verschwand.
„Einen Scheiß wird er bekommen, habe ich recht?“, vermutete Dean.
Baxters verschlagenes Gesicht beantwortete seine Frage.
„Wenn ihr mich jetzt bitte entschuldigen würdet. Ich habe ein neues Imperium zu errichten.“
Baxter deutete den Männern in Grau, die Gefangenen wegzubringen.
„Siehst du, selbst der kleine Penner kennt Star Wars. Ich bin mir sicher, dass sie sich auch von Georg Lukas zu ihren Uniformen beraten ließen. Was meinst du?“, fragte Dean.
Julia hatte jetzt genug von Deans gespielter Gelassenheit und hätte ihm eine Backpfeife verpasst, wenn ihre Hände nicht gefesselt gewesen wären. Dann piepte ein Alarm an Deans Digitaluhr.
„Was ist das?!“, fragte Baxter und drehte sich alarmierend um.
„Das, mein Guter, ist die Weckfunktion meiner funkelnagelneuen Casio.“

„Was zum Teufel piept hier?“, fragte der Mann in Grau und war von seinen Gefangenen sichtlich entnervt.
„Meine Weckfunktion. Jetzt ist es Zeit für meinen Proteinshake. Ihr kennt ja diese Diät, wo man alle drei Stunden irgendeinen eiweißreichen Mist zu sich nehmen muss. Ich habe dabei zwar meine Zweifel, ob…“
„Halt deine Klappe!“
Der Mann in Grau schlug Graham mit einem Gewehrkolben in den Rücken. Ihm blieb kurz die Luft weg, aber er ließ sich den Schmerz nicht anmerken. Diese Genugtuung gab er ihnen nicht. Die Männer in Grau hatten Graham, Nick und Balam an Stühle gefesselt. Nachdem sie gezwungen wurden vom Schlauchboot in den Hubschrauber umzusteigen, brachte man sie hinauf in die stählerne Festung, die als Bohrinsel getarnt war. Innen sah das Bauwerk allerdings völlig anders aus als erwartet. Ein High-Tech Labor mit Technik- und Maschinenräumen und verschiedenen Verwaltungstrakten, in denen Arbeiter und Soldaten der Pararegierung ihrer verhängnisvollen Arbeit nachgingen.
Der Leiter der Einrichtung stellte sich Graham, Nick und Balam vor, als wären sie eine Schulklasse beim Werksbesuch. Mr. Wilson nannte er sich und hatte das heuchlerische Auftreten eines Versicherungsvertreters.
„Der Gentleman hat ihnen eine Frage gestellt.“, näselte Wilson. „Dafür, dass wir sie hier so nett und zuvorkommen behandeln, könnte sie wenigstens unsere Freundlichkeit erwidern und uns ehrlich antworten. Ansonsten wird mein werter Kollege hier ihrem Freund die Finger abschneiden. Wie wäre es damit?“
Graham blickte besorgt zu Nick, der schweigend und von aller Hoffnung entblößt auf dem Stuhl neben ihm kauerte. Der Mann in Grau zückte ein Messer aus seinem Jackett und beugte sich runter zu Nicks Handgelenken.
„Schon gut.“, sagte Graham beschwichtigend. „Der Alarm sollte mich daran erinnern, ihnen die Zähne einzuschlagen, wenn ihre anderen Freunde hier gleich auf dem Boden liegen.“
Nick sah Graham panisch mit weit aufgerissenen Augen an. Mr. Wilson war perplex, allerdings sichtlich gelassen. Ein Spaß seines Gefangenen. Eine ganz normale mentale Reaktion, um mit einer ausweglosen Situation fertig zu werden. Er lachte verächtlich und deutete dem Mann in Grau, von Nick abzulassen.
„Sie werden gleich Zeuge bei der Geburt einer neuen Weltordnung. Sie sollten sich geehrt fühlen und das Ereignis genießen. Ginge es nach mir, hätten wir ihnen schon längst eine Kugel in den Kopf gejagt, aber Baxter wollte, dass sie es sehen.“
Er beugte sich über ein Computerterminal und beobachtete die Zahlen, Graphiken und Analysen auf den Monitoren. Aber dann riss ihn ein weiterer Alarm aus der Versenkung. Diesmal war es ein Stationsalarm, der die ganze Anlage beschallte.
„Was zum Teufel ist jetzt schon wieder los?“, brüllte Mr. Wilson.
„Es ist… es ist… Ich weiß es nicht… aber… das Portal öffnet sich.“, stammelte ein Mitarbeiter vor sich hin, während sein Finger hektisch über Tastaturen und Touchscreens glitten.
„Was?“, schrie Wilson und er verlor jedwede Beherrschung.
„Das ist unmöglich. Unsere Führer kommen frühestens in zwei Wochen durch!“, fauchte er und lockerte seinen Krawattenknoten. Sein panischer Blick suchte Graham. Dieser schüttelte den Kopf und lächelte ihm zu, als wollte er sagen: Lass es, Kleiner. Dann wandte sich Graham an Nick und zwinkerte ihm zu, aber Nick wusste absolut nicht, was dort gerade passierte.
„Station Eins an Kontrolle… Station Eins an Kontrolle… Schaltet sofort…“ Etwas durchtrennte die Luft. Es klang wie ein Pfeil, der aus dem Portal geschossen wurde. Es traf die Panzerscheibe, die die Kommandozentrale vom Portal trennte, und sprengte sie in tausende, kleine Stückchen. Graham stieß sich vom Stuhl und warf Nick mit um, damit sie beide geschützt Deckung fanden.
„Balam, geh in Deckung!“, schrie Baxter seinem indianischen Freund hinüber.
Balam reagierte sofort und warf sich mitsamt Stuhl zu Boden. Weitere unsichtbare Projektile schossen durch das Portal und trafen die Männer in Grau, Mitarbeiter und Soldaten der Pararegierung.
Nick sah zwischen den Tischen und Stühlen hindurch zum Portal. Durch das helle, gleißende Licht traten Schemen und Schatten, die an Kontur gewannen, je näher sie kamen. Es waren Männer und Frauen, bewaffnet mit Gewehren und Pistolen, die definitiv nicht aus dieser Welt stammten. Ein weiter Schuss traf Wilson an der Schulter und warf ihn zu Boden. Hilfesuchend blickte er sich um, fand aber nur Graham, der eine Armeslänge von ihm entfernt lag. Wieder sah Graham ihn an, mit einem „Ich habe es dir ja gesagt“-Lächeln. Wilson griff wutentbrannt mit seiner gesunden Hand nach dem Holster, das an seinem Gürtel haftete und in der eine geladene 9 mm Luger steckte. Doch ehe er sie aus dem Holster befreien konnte, hatte Graham ihm mit der Ferse seines Stiefels ins Gesicht getreten und ausgeknockt.

„Nein, das darf nicht sein! Das kann nicht sein!“
Baxter kniete auf dem Boden, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. So, wie alle anderen der Pararegierung, die den Angriff aus dem Portal überlebt hatten. Agenten des Netzwerks hielten sie mit ihren Gewehren in Schach.
„Ich verstehe das nicht. Wir hatten euch beobachtet, hatten euch unter Kontrolle. Wir sind in euren Verstand eingedrungen und haben euch manipuliert. Ihr habt immer genau das getan, was wir von euch verlangten. Wie konntet ihr uns so reinlegen?! Wo sind all diese verfluchten Bastarde hergekommen?“
Die Fragen prasselten aus seinem verständnislosen Gesicht. Julia fühlte seine unendliche Wut und wie er vergeblich versuchte, sie zu kontrollieren. Sie wusste, dass er jeden Moment aufspringen wollte, um einen der Agenten des Netzwerks mit bloßen Händen zu erwürgen, ganz gleich, ob er niedergeschossen würde oder nicht. Ein Agent presste ihm den Lauf seines Gewehrs in den Nacken. Baxter schluckte und verstummte angewidert.
„Das nenne ich mal „Just in Time“. Wir danken euch, Benedict. Hat es auf den anderen Stationen ebenso gut funktioniert?“, fragte Dean und rieb sich die Handgelenke, nachdem man ihn und Julia von den Handschellen Fesseln befreit hatte.
„Wir warten noch auf die letzten Rückmeldungen, Major, aber neunzig Prozent der Teams berichten bereits Erfolge.“, antwortete der Soldat, der mit dutzenden weiteren durch das Portal gestürmt war und die Agenten des Netzwerks, Baxter eingeschlossen, mit diesem Überraschungsangriff außer Gefecht setzten. Sie trugen Waffen bei sich, die Julia noch nie im Leben gesehen hatte. Einige von ihnen installierten kleine, schwarze Kästen an verschieden Stellen der Station.
„Dann wird es Zeit, die Daten zu überspielen, das Virus einzuschleusen und den Rest der Welt darüber zu informieren, was hier los ist.“, sagte Dean.
Julia war vollkommen verwirrt. Sie konnte sich aus all dem nicht den geringsten Reim machen. Ihr Blick löste sich von Baxter, der von gleich drei Soldaten in Schach gehalten wurde und wandte sich ihrem Mann zu.
„Dean, was ist hier los? Wo kommen all diese Agenten plötzlich her?“
„Kriege werden nicht durch halsbrecherische und wagemutige Aktion gewonnen. Wissen, Informationen und Technik sind die entscheidenden Faktoren. In letzterem schienen wir zwar unterlegen zu sein, aber das Know-How,“, Dean blickte Baxter schadenfroh ins Gesicht. „wie wir euch in die Eier treten, hatten wir sehr wohl.“ Er nahm Julias Hände vorsichtig in die seinen.
„Liebling, entschuldige, dass ich nicht ehrlich zu dir war, schon wieder. Das Netzwerk ist nicht nur in dieser Welt organisiert. Seine Fäden reichen bis in die andere Welt hinein und zusammen mit den Rebellen haben wir diesen Schlag bereits seit Jahren geplant. Die Pararegierung wusste nichts davon. Selbst innerhalb des Netzwerks waren wir auf Nummer Sicher gegangen und haben es im Großen geheim gehalten.“
„Du hast mich hierhin mitgeschleift, ohne mich einzuweihen? Warum? Hast du mir etwa nicht vertraut? Nach allem, was ich für dich durchgemacht habe?“
„Wir wussten, wenn Baxter einmal Zugang zu deinem Geist hatte, würde es ihm sicherlich gelingen sich noch weitere Male Zutritt zu verschaffen. Wir hätten dich aus allem raushalten können. Aber wir entschlossen uns, dich als eine Art Köder zu benutzen. Es tut mir leid. Wir konnten diese Möglichkeit nicht ungenutzt lassen.“
Julia trat einen Schritt zurück und schüttelte ungläubig ihren Kopf.
„Was habt ihr mit mir gemacht?!“, fauchte sie und ballte ihre Fäuste.
„Bitte, lass mich ausreden. Wir haben nichts mit dir gemacht. Das Serum, das dich eigentlich vor Baxters mentalen Angriffen immunisieren sollte, war ein Placebo. Wir haben dich in einen gefakten Plan eingeweiht, damit Baxter, wenn er deine Gedanken wieder liest, unser eigentliches Vorhaben nicht durchschaut. Und das war die Kommunikation und Koordinierung mit den Rebellen der Parallelwelt.“
„Sir, es ist Graham von der Arktis-Station.“, unterbrach sie ein Soldat, der sich hinter einem der Computer positioniert hatte.
„Oh Gott, Nick!“ Julias Besorgnis fegte die Wut fort, die sie gerade auf Dean hatte. Sie rannte zum Terminal und schubste den Soldaten beiseite. Sie erblickte Graham auf einem der Bildschirme.
„Graham, ist Nick bei dir? Geht es euch gut?!“
Grahams verrauchte, tiefe Stimme tönte über die Lautsprecher und er schenkte Julia ein Lächeln, dass sie sofort beruhigte.
„Hallo, Kleines, natürlich geht es uns gut. Alle gesund und wohl auf. Nick allerdings,“ Julia schluckte. Was war mit Nick? „er hat einfach keinen guten Magen. Ständig muss der Junge kotzen. Er hat die kleine Schießerei hier nicht gut vertragen.“
Julia lachte erleichtert auf.
„Dean! Ich hoffe ihr genießt die Sonne in Nevada. Wir frieren uns hier nämlich den Arsch ab.“
„Graham, seid ihr bereit für den Datenupload?“, fragte Dean.    „Bereit.“, antwortete Graham.
„Sobald wir Rückmeldung von allen Portalen erhalten haben, laden wir die Daten hoch und pflanzen das Virus ein.“
Julia strafte Dean mit einem tadelnden Blick.
„Ja, es ging wohl nicht anders.“, gestand sie. „Aber wir haben es überlebt und wir haben gewonnen, das ist die Hauptsache.“
Die Schuld und das schlechte Gewissen standen Dean tief ins Gesicht geschrieben. Er deutete Julia, dass sie darüber später noch in Ruhe sprechen werden. Jetzt gab es wichtigeres zu tun.
Ein Trupp bewaffneter Rebellen eskortierte Baxter zum Portal.
„Das hier ist noch nicht vorbei! Habt ihr gehört?! Ich komme wieder!“ Er versuchte sich loszureißen, doch ein Gewehrkolben traf ihn in den Nacken. Er brach zusammen. Die Rebellen griffen ihn an seinen Armen und marschierten durch das gleißende Licht des pulsierenden Portals.
„Wo bringen sie ihn hin?“, fragte Julia.
„Er wird vor das Kriegsgericht kommen. Zusammen mit vielen anderen der Pararegierung. Es sind Kriegstreiber und Massenmörder. Sie werden von den vielen ausgebeuteten und versklavten Völkern der anderen Erde gerichtet werden. Ihre Chancen auf mildernde Umstände gehen also gegen Null.“
„Was ist mit uns? Wie soll es mit unserer Welt jetzt weitergehen? Wir haben auf dieser Seite noch genug Agenten, die ganze Regierungen infiltriert haben. Die werden doch sicherlich nicht so einfach das Handtuch werfen. Wird es jetzt Krieg geben?“, fragte Julia besorgt.
„Du hast recht. Es ist noch nicht vorbei. Harte Zeiten kommen auf uns zu und es warten schwierige Aufgaben auf uns. Und auf dich.“, sagte Dean. Julia sog ihre Augenbrauen hoch und wartete auf eine Erklärung.
„Wir müssen die Bevölkerung schonend darüber informieren, was hier gespielt wurde. Das erfordert professionellen Journalismus.“
Dean lächelte verspielt. „Du warst doch sowieso gerade dabei, Trump gehörig Feuer unterm Hintern zu machen. Jetzt hast du genug Stoff, um ihn endlich aus dem Weißen Haus raus zu schmeißen. Ist doch eine gute Sache, oder?“
Julia schmunzelte und nickte zustimmend. Sie wurde dann wieder ernst, als ihr Blick auf die Rebellen fiel, die nach und nach die Mitglieder der Pararegierung in das gleißende Licht des Portals eskortierten. Sie sahen den Menschen dieser Welt so ähnlich. Aber es umgab sie eine Aura von Fremdartigkeit. Sie waren so anders. Julia fand keine Worte dafür, es war nur ein Gespür. Sie fragte sich, wie die Menschen auf dieser Welt mit dem Wissen über all das wohl umgehen werden. Werden sie weiser sein als ihre Vorfahren und dem Fremden gegenüber offen und aufgeschlossen entgegentreten? Oder würden sie denselben Fehler machen, wie so viele Generationen vor ihnen und Hass und Uneinigkeit heraufbeschwören. Beide Welten würden Letzteres nicht verkraften. Dann würden sie beide sterben.
Die Stimme eines jungen Mannes, der sich hinter eines der Computerterminals gesetzt hatte, holte Julia zurück aus ihren Gedanken.
„Sir, das ist seltsam.“
Dean und Julia gingen zu ihm und sie betrachteten gemeinsam die Daten auf den Monitoren.
„Was ist los?“, fragte Dean.
„Wir haben den Kontakt zum Portal in Alaska verloren. Außerdem stimmt etwas mit dem Datentransfer nicht. Wir versuchen die Daten hochzuladen, aber wir kommen nicht durch. Keine der Hosts scheint aktiv zu sein. Ich verstehe das nicht. Als ob sie…“ Dean beendete den Satz des Mannes: „… uns erwartet haben. Baxter!“
Dean schlug sich mit der Hand vor den Kopf.
„Wir müssen uns Baxter vorknüpfen. Er hatte wohl doch noch ein Ass im Ärmel.“
„Was ist mit Graham und Nick?“, fragte Julia.
„Ich weiß es nicht. Aber wir müssen den Schuppen hier in die Luft jagen, bevor die Unterstützung der Pararegierung von oberhalb der Station hier eintrifft.“
Jetzt erkannte Julia auch, was die Rebellen an den Säulen und Wänden angebracht hatten. Es waren Bomben.
„Wir wechseln auf die andere Seite und steigen durch ein anderes Portal wieder in diese Welt. Sobald wir herausgefunden haben, was Baxter uns für eine Wanze im System hinterlassen hat.“
„Es ist noch nicht vorbei.“, sagte Julia matt.
„Noch nicht, Liebling.“, sagte Dean sanft und wünschte sich, er hätte seiner Frau etwas anderes sagen können. Aber seine Frau überraschte ihn mit einem herausfordernden Lächeln.
„Wenn wir wieder zurück sind, werde ich garantiert für diese ganze Story hier den Pulitzerpreis gewinnen.“
Dean küsste seine Frau, kurz aber mit tiefster Leidenschaft.
„Auf geht’s!“, flüsterte er ihr zu.
„Wir rücken ab!“, rief er den Rebellen zu, die die letzten Sprengladungen angebracht hatten.
Zusammen mit den Gefangenen der Pararegierung stiegen sie einer nach dem anderen durch das Portal.
„Ist hier alles gesichert und bereit?“, fragte Dean den letzten Mann.
„Alles bereits, Sir.“, antwortete er, drückte Dean ein kleines, schwarzes Gerät in die Hand und verschwand durch das Portal.
„Bist du bereit?“, fragte Dean und nahm Julias Hand.
„Immer.“, sagte sie und sie tauchten gemeinsam in das schimmernde Licht des Portals, hinein in ein anderes Universum.
Kurz zuvor hatte Dean den Schalter an dem Gerät betätigt. Ein kurz getaktetes Piepen hallte durch die leeren Räume. Das Portal hatte sich geschlossen. Auf den Monitoren des Kommandoraums flackerte nur noch eine stumme Nachricht vor sich hin: „404 – Dead Link“. Dann verstummte das Piepen. Die unterirdische Station der Pararegierung und das Portal verschwanden im Donnerhall eines tosenden Flammenmeeres.

 

ENDE

 

 

 

Hier gibt’s „404 -DEAD LINK“ auch als PDF:   

 

404-Dead-Link-the-laughing-jester-01