DIE SANTA BARBARA MINDMACHINES

 

San Rogue, Santa Barbara, 06:43 Uhr

Langsam und gemächlich erwachte die Stadt zwischen den Santa Ynes Bergen und dem pazifischen Ozean. Die Sonnenstrahlen tasteten sich über das Gebirge und legten einen sanft, goldenen Schleier über die Villen, die vielen Parks und den malerischen Hafen der amerikanischen Riviera. Ein beliebtes Urlaubsziel und ein kostspieliger Ort, um zu leben. Und gerade hier, in diesem Spießerparadies, zwischen den vielen Villen, Bungalows am Strand und Fettabsaugkliniken, gab es Menschen, die unter denselben Zwängen, Ängsten und Neurosen litten, wie Normalsterbliche anderswo auch. Schafft man es, sich als Psychiater in einer solchen Gegend ein Standbein aufzubauen und sich zu etablieren, kam es also einem Sechser im Lotto gleich.

Dr. Monica Gates war auf dem besten Weg ihren Gewinn zu kassieren. Vierunddreißig Jahre, unverheiratet, Wahlsingle und professionelle Karrieristin, saß allein in der Küche ihres einhundertzwanzig Quadratmeter großen Appartements mit Strandblick, trank ihren morgentlichen extra starken, schwarzen Kaffee, checkte ihre Mails und überflog die Schlagzeilen auf ihrem Handy. Auf dem Flatscreen am Kühlschrank liefen die Santa Barbara Morning News. Der Kommentator berichtete über ein neues Spiel, dass als App scheinbar über Nacht zum neuen Trend geworden ist. Auch die lokalen Tageszeitungen brachten den Erfolg des neuen Spiels, das in jedermanns Munde war, als Aufreißer in ihre Schlagzeilen.

Der Beschreibung in einem der Artikel zufolge, handelte es sich bei dem Spiel um ein Simulationsspiel, bei dem man selbst geschaffene Figuren durch ein nachgebildetes Santa Barbara bewegt, ganz ähnlich dem bekannten Sims-Spiel. Monica lächelte darüber, schüttelte den Kopf und schaltete den Fernseher aus. Einmal im Jahr gab es immer einen kurzen Hype um irgendein Spiel, das dann bald wieder in Vergessenheit gerät. Sie gehörte zum Glück nicht zu den Menschen, die ihre wenige Freizeit mit Kinderspielen verbrachte.

Sie fragte sich allerdings, was ihre Kollegen von dem neuen Spiel hielten, die sich auf Spielesucht professionalisiert hatten und sich größtenteils mit Kindern und Jugendlichen und deren Computer- und Onlinespielverhalten beschäftigen. Die steigenden Zahlen der IGD, der Internet Gaming Disorder, hatte eine ganz neue Patientengruppe hervorgebracht, die eine potentiell lukrative Einnahmequelle sein konnte. Die Eltern der Kids gaben teilweise ein Vermögen aus, um ihre Sprösslinge wieder zu resozialisieren und um das wieder gut zu machen, was sie bei ihrer Erziehung versäumt hatten.

Monica hatte Studien zu Kindern begleitet, die unter Entzugserscheinungen, Kontrollverlusten und schwindenden Interessen an so ziemlich allen sozialen Aktivitäten litten. Häufig in Kombination mit Depressionen, Ess- und Schlafstörungen. Viele der vornehmlich Jungen, aber auch zahlreiche Mädchen zwischen zehn und vierzehn, verbrachten täglich zehn Stunden und mehr vor ihrem Rechner. So viel Zeit, die sie zusammen mit ihren Freunden verbringen sollten, um sozial und mental halbwegs gesund aufzuwachsen. Wie sie bei dem Pensum überhaupt noch am Schulunterricht teilnehmen konnten blieb fraglich.

Zeit war für Monica das Stichwort. Sie blickte zurück auf ihr Handy und stellte mit Erschrecken fest, dass sie wiedermal viel zu spät dran war. Sie exte den Kaffee, warf ihr Handy in ihre Tasche, schnappte sich Jacke und Wagenschlüssel und verließ im Eiltempo ihre Wohnung. Ihr Kollege Dr. Eisner hatte sie an dem Abend zuvor noch zur späten Stunde angerufen und sie darum gebeten, ihre Expertise bezüglich einen seiner Patienten abzugeben, der am Abend zuvor eingeliefert wurde. Er wüsste nicht weiter und hätte gerne eine zweite Meinung. Dr. Eisner war ihr Mentor und ein alter Freund. Wenn er schon nicht mehr weiterwusste, musste es ein interessanter Fall sein.

 

St. John Hospital, Santa Barbara,

07:25 Uhr

Es war ein stiller und ruhiger Montagmorgen. Ganz Santa Barbara schien noch zu schlafen. Auf der Interstate, entlang den Wäldern und den Bergen kam ihr nicht ein Auto entgegen, wo doch ansonsten der Berufsverkehr schon längst hätte einsetzen müssen. Als sie auf das Gelände der Klinik fuhr, grüßte sie der rüstige Howard, der schon seit Urzeiten für die Klinik arbeitete. Sie parkte auf dem Besucherparkplatz, steckte ihren Ausweis an ihr Jackett und beeilte sich dann Richtung Hauptgebäude.

„Guten Morgen, Monica. Schön, dass du es so kurzfristig einrichten konntest. Tut mir leid, dass sich dich gestern Abend noch zu so später Stunde gestört habe. Wir stehen hier vor einem großen Rätsel. Der Patient ist… sagen wir mal… interessant und sein Verhalten fällt genau in dein Fachgebiet. Ein ungewöhnlicher Fall von paranoider Schizophrenie. Du wirst sicherlich deinen Spaß haben. Den will ich dir nicht vorenthalten. Könnte einen Beitrag zu deinen Studien leisten. Bevor wir weitere psychologische und neurologische Tests durchführen, hätten ich gerne deine Meinung zur Erstellung der Anamnese.“

Dr. Eisner, ein hagerer Endfünfziger im Ärztekittel, kam ihr in der Eingangshalle des St. Johns entgegen und begrüßte sie mit einem Händedruck.  

„Guten Morgen, Henry. Ich habe die Akte zwar schon studiert, aber gib mir bitte nochmal die reinen Fakten in Kurzform. Mein Motor braucht morgens immer ein wenig, bis er auf Touren kommt, du kennst mich doch.“

„Und immer gleich zur Sache. Das mag an dir. Wie läuft die Praxis?“

„Die Patienten renne mir zwar noch nicht gerade die Tür ein, aber das kommt sicher noch.“

Dr. Eisner schmunzelte und blickte auf sein Klemmbrett. Sie gingen am Empfang vorbei zu den geschlossenen Abteilungen.

„Der Patient ist Robert VanHouten, 46 Jahre, Autohändler, verheiratet, zwei Kinder, ein Junge 11 Jahre und eine Tochter, 7 Jahre. Er ist nicht aktenkundig und hat keine Krankengeschichte. Was ist passiert? Fachmännisch gesagt: Er ist einfach ausgerastet. Hat seine Frau niedergeschlagen, seine Kinder entführt und wollte sich mit ihnen in Mexico absetzen. Brabbelte etwas von einem Virus, der über Handys übertragen wird und Menschen in eine Art willenlose, fremdgesteuerte Zombies verwandelt. Die Frau wurde wieder aus dem Krankenhaus entlassen und die Kinder zu ihr gebracht. Sie kann sich das Verhalten ihres Mannes nicht erklären. Gleich machen sich Kollegen zu ihr auf den Weg, um sie zu befragen und um mehr Informationen zu bekommen. Bis dahin haben wir ihn hierbehalten. Er wurde aggressiv und hatte sich vehement gegen seine Festnahme gewehrt. Wir gaben ihn Benzodiazepin und Thiopental und haben ihn über Nacht fixiert.“

Bevor sie den Korridor betraten, in dem sich VanHoutens Zimmer befand, wurden sie vom Wachpersonal gescannt und auf etwaiges Gefahrgut hin untersucht, das als Waffe oder Ausbruchwerkzeug verwendet werden könnte. Dazu gehörten unter anderem Gürtel, Schnürsenkel, Haarspangen, Ketten, Armbänder und auch Büroklammern und Stifte. Monica war darauf vorbereitet und brachte erst gar keine Gegenstände solcher Art mit.

Sie zeigten routiniert ihre Ausweise und Dr. Eisner trug auf einem Formular Zeit und Grund der Visite ein. Dann folgten sie dem Korridor und gingen als erstes in den Beobachtungsraum. Eine Scheibe, die auf der Seite von VanHoutens Zimmer verspiegelt war, trennte sie von ihrem Patienten.

„Und er hat auf seine Frau während einer Nachbarschaftsparty eingeschlagen, sich dann seine Kinder geschnappt und war auf dem Weg nach Mexiko, als ihn die Polizei schnappte?“, fragte Monika und sah ihre Notizen auf dem Tablet durch. Auf der anderen Seite des Glases ging VanHouten nervös auf und ab. Der Mann trug Jeans und Hemd. Er war unrasiert und hatte tiefe, schwarze Ringe unter den Augen. Man hatte ihm Beruhigungsmittel gegeben, aber er schien immer noch auf hundertachtzig zu sein. Er wirkte allerdings nicht so aggressiv, wie Monica es dem Bericht nach vermutet hatte. Eher ängstlich und verzweifelt.

„Als er aufgegriffen wurde, behauptete er, dass sich eine K.I., eine künstliche Intelligenz, dem Körper seiner Frau bemächtigt hatte. Sie wäre nicht die einzige. Kolleginnen und Kollegen seien bereits infiziert, wie er es nannte. Dieses Virus, oder was auch immer, würde durch eine App, ein Spiel, übertragen werden. Seine Kinder wären allerdings noch nicht befallen gewesen.“

Monica runzelte die Stirn. „Warum seine Kinder nicht?“

„Weil sie vor einer Woche digitalen Hausarrest bekommen haben. Er und seine Frau hielten es für eine gute Idee, die beiden mal zwei Wochen auf digitalen Sabbath zu setzen, weil sie ihrer Meinung nach zu sehr in ihren Computern und Smartphones abgetaucht waren. Sie hatten Angst aus ihnen würden „Smombies“ werden.“

Monica rollte mit den Augen. Aber wer war sie, sich über ihr täglich Brot zu beschweren. Die überbesorgten Eltern, die in jeder Regung ihres Sprösslings eine abnormale Haltung zu erkennen glaubten, leiden meist unter Schuldgefühlen, dass sie wegen ihrer Karriere nicht genug zu Hause wären. Ein Vater, ein CEO eines Softwarekonzerns, drohte ihr sogar, sie zu verklagen, wenn sie nicht endlich eingestanden hätte, dass sein Sohn eine Störung hatte, die therapiert werden müsste. Ihre Diagnose war, dass sein Sohn sich schlicht durch schlechte Erziehung zu einem Arschloch entwickelt hatte. Aber Arschlöcher gab es in erfolgreichen Familien nicht, die ein gewisses Image in der Öffentlichkeit zu wahren hatten. Deshalb musste eine Krankheit diagnostiziert, die Schuld nach außen getragen und eine Therapie verordnet werden. 

„Dann werde ich ihn mal interviewen. Er ist Autohändler hier in San Roque?“

„Ja, ich habe sogar vor ein paar Monaten meinen Wagen bei ihm im Laden gekauft. Ich kann mich nur dunkel an ihn erinnern, aber es fiel mir nichts Besonderes an ihm auf. Wie dem auch sei… ein Wachmann wird mit dir reingehen. Du kennst das Protokoll. Selbst wenn es uns die Arbeit schwieriger macht, Sicherheit geht vor.“

In dem Satz klang seine tiefe Abscheu gegen die Sicherheitsvorschriften mit und er schüttelte den Kopf. Er erinnerte sich an Zeiten, als man Patienten noch effizient behandeln konnte, ohne dabei Klagen auf Verletzung der Persönlichkeitsrechte zu fürchten. Dabei ging es doch um Persönlichkeitsstörungen. Es war fast zum Lachen.

Monica verließ den Beobachtungsraum. Dr. Eisner blieb zurück, machte es sich in einem Stuhl bequem, um alles beobachten zu können.  Der Wachmann im Flur öffnete die Tür zu VanHoutens Zimmer.

„Sie sollten besser nicht zu nah ran, Miss. Dieser Spinner ist lebensgefährlich.“

Monica verdrehte die Augen. Sie konnte nicht verstehen, warum mit der Übergabe eines Elektroschockers, eines Schlagknüppels und Pfeffersprays die Ausbildung für diese Gorillas schon abgeschlossen war. Sie bemerkte ein kleines Veilchen unter seinem linken Auge. Jetzt konnte sie sich denken, woher diese Warnung rührte.   

„Danke…,“ Sie blickte auf das Namensschildchen auf der überquirlenden Brust. „Frank. Aber ich komme schon zurecht.“

Frank lächelte wie Hyäne und ging voran ins Zimmer, seine Hand griffbereit am Taser und dabei setzte er ein Gesicht auf, als würde er in den Krieg ziehen. Irgendwie glaubte sie nicht, dass er sich diesen Job aufgrund eines philanthropischen Ideals ausgesucht hatte. Sie druckste sich an dem Gorilla in Pflegeuniform vorbei und ging zu Mr. VanHouten, der verloren vor dem vergitterten Fenster stand und hinaus auf den Park schaute.

„Mr. VanHouten? Ich bin Dr. Monica Gates. Ich bin hier, um mit ihnen über das zu sprechen, was geschehen ist. Bitte.“ Sie deute zu einem Tisch mit zwei Stühlen.   

Er nickte, setzte sich und atmete tief durch. Sein Blick war traurig, aber hellwach. Er war verängstigt und vielleicht ein wenig verwirrt, aber einen verstörten Eindruck machte er nicht. Monica hatte nun schon jahrelange Erfahrung und erkannte potentiell gefährliche Fälle, wenn sie ihr gegenübersaßen. Dieser Mann gehörte nicht dazu. Aber sie hatte sich schonmal geirrt und die Narbe an ihrer Stirn wird sie immer daran erinnern, Vorsicht walten zu lassen. Auch wenn bei einer neunzig jährigen Lady, die nur mit einer Kuchengabel bewaffnet war. Fast hätte sie damals dadurch ein Auge verloren. 

Der Wachmann blieb zwei Meter hinter ihnen stehen und beobachtete VanHouten durch die Schlitze seiner Augenlider, wie ein Rottweiler einen Knochen nach langer Diät.

„Wissen Sie, wo sie sind und weshalb man sie hergebracht hat?“

VanHouten nickte. Ihm war die Situation sichtlich unangenehm und er schämte sich dafür, in diesem Zimmer zu sein. Wie jemand, der im betrunkenen Kopf Mist verzapft hatte und nun in der Ausnüchterungszelle aufgewacht war.

„Ich weiß, Sie haben meinen Kollegen gestern bereits erzählt, was passiert ist. Aber heute ist eine Nacht vergangen. Ich sehe, dass Sie bedeutend ruhiger sind, als sie es gestern nach Aussage meiner Kollegen noch waren. Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir nochmal zu erzählen, was geschehen ist?“

VanHouten lächelte verzweifelte und seufzte. Er rieb sich die Augen, blieb aber weiterhin ruhig.

„Sie würden mir ja doch nicht glauben. Ich glaube es ja selbst kaum.“

„Versuchen Sie es.“, ermutigte ihn Monica.

VanHouten blickte verunsichert zur Spiegelwand.

„Mr. VanHouten, es tut mir leid, dass Sie sich in dieser unangenehmen Situation befinden. Ich weise Sie darauf hin. Sie waren gestern dermaßen aggressiv und paralysiert, dass wir Sie in keinem Zimmer mit geringerer Sicherheitsstufe unterbringen konnten. Denken sie daran, dass wir sie über Nacht sogar fixieren mussten. Aber so, wie ich Sie heute antreffe besteht eine gute Chance, die Sache aufzuklären. Also bitte, erzählen Sie mir detailliert, was geschehen ist.“

„Wie geht es meinen Kindern? Wo sind sie? Bitte sagen Sie mir, dass Sie sie nicht zu ihr gebracht haben.“

Monica bemerkte in seinen Augen ein leicht panisches Flimmern. Sie musste einlenken und ihn beruhigen. Ansonsten würde er die Sitzung vorbei sein, ehe sie begonnen hatte.

„Sie sind in Sicherheit und werden von unserem Team in einer Jugendtagesstätte umsorgt. Ihnen geht es gut. Jetzt gerade sitzen sie wahrscheinlich mit den anderen Kindern beim Frühstück. Dort herrscht absolutes Videospiel- und Fernsehverbot. Telefonieren können sie dort über das altmodische Festnetz, denn Handys sind dort ebenfalls nicht gestattet. Erst, wenn wir genaueres wissen, können sie wieder zu ihren Kindern. Bis dahin bleiben sie von ihnen vorsichtshalber getrennt. Das gilt auch für ihre Frau, denn hier steht Aussage gegen Aussage.“

Das war gelogen. Sie wollte sein Vertrauen gewinnen und das Spiel somit vorantreiben. Dr. Eisner kannte Monicas Abgebrühtheit. Wo andere Therapeuten und Ärzte viele Stunden, manchmal sogar Tage und Wochen verloren, weil sie nach Vorschrift handelten und die Patienten natürlich nicht anlügen durften, kürzte sie den Weg ab und war dabei vorsichtig genug, nicht erwischt zu werden.

Monica setzte ihr einstudiertes Lächeln auf und es funktionierte auch diesmal wieder. VanHouten lehnte sich zurück und entspannte sich ein wenig. Lediglich der Pfleger machte ihn weiterhin ein wenig nervös. Aber auch gegen solche Störungen hatte Monica ein verlässliches Mittelchen.

„Also, Sie wissen warum sie hier sind und was sie getan haben?“, vergewisserte sich Monica und wagte sich an die Konfrontation heran.

„Ja. Ich habe meine Frau niedergeschlagen, sie verletzt und bin mit meinen Kindern Richtung Mexiko geflohen. Klingt verrückt, nicht wahr?“

„Warum haben Sie das getan?“

„Weil das, was wie meine Frau aussieht, nicht mehr meine Frau ist.“

Monicas Augenbrauen hoben sich. Jetzt kommt der Moment, wo die Fassade des gesunden Menschen in sich zusammenfällt und sich der Kern der Krankheit freilegt. Hier tritt die paranoide Persönlichkeit zutage, die so vielfältig, wie gefährlich sein kann. Patienten haben das Gefühl verfolgt zu werden, entwickeln Verschwörungstheorien. Sie glauben, andere Menschen wollen sie schädigen, betrügen oder sogar töten. Sie durch rationale Argumente vom Gegenteil zu überzeugen, hat bei ihnen keinen Erfolg und sind sogar eher kontraproduktiv, ja, sie könnten das Misstrauen der paranoiden Person sogar verstärken.

Für Monica bedeutete dies stets Vorsicht walten zu lassen und den Patienten nun im Kontext seiner Erkrankung zu therapieren.

„Wollen Sie vielleicht einen Kaffee? Ich kann Ihnen leider nur einen Entkoffeinierten anbieten.“

„Ja, gerne.“

Monica drehte sich zu der Wache um. Der Mann kniff die Lippen zusammen und blickte zur verspiegelten Wand. Dr. Eisners Stimme erklang über das Interkom.

„Geh ruhig, Frank. Und bring mir doch bitte einen mit.“

„Danke, Frank. Wir kommen hier schon klar.“, sagte Monica beschwichtigend und lächelte Mr. VanHouten an.

Nur widerwillig machte sich Frank auf den Weg.

„Ich danke Ihnen.“, sagte VanHouten ein wenig verlegen. Er wusste anscheinend noch, wem Frank das Veilchen zu verdanken hatte.  

Somit waren Monica und VanHouten unter sich. Das schaffte Vertrauen. Monica öffnete ihre Notizen auf dem Tablet und sah, dass es VanHouten nervös machte.

„Keine Angst. Ich habe spiele nur auf meiner Xbox und das schon seit Wochen nicht mehr.“

VanHouten lächelte knapp. Die Situation war unter Kontrolle. Seine Phobie ging anscheinend noch nicht so weit, dass er mit dem Kopf gegen die Wand rennt, sobald er einen Bildschirm sah. Noch nicht, zumindest.

„Dann schießen Sie mal los, Mr. VanHouten.“

 

Die Geschichte des Robert VanHouten

 

„Ich war auf einem Kongress in Vegas, als mein Assistent Billy mich anrief und mich in einer persönlichen Angelegenheit um Hilfe bat. Etwas sehr Merkwürdiges würde in Montecito vorgehen und er hätte keine Ahnung an wen er sich sonst noch wenden sollte.

Zuerst sagte ich ihm ab. Ich dachte er hätte wieder eine seiner Postsauftourpanikattacken und wäre mit dem Job überfordert. Als er mir allerdings sagte, dass unser Boss, Mr. White, und die anderen Kollegen seltsame und vor allem geschäftsschädigende Allüren an den Tag legten, wurde ich stutzig.“

„Geschäftsschädigende Allüren? Inwiefern?“, hakte Monica nach.

„Billy sagte, sie würden sich alle irgendwie benehmen, als wären sie auf Droge. High. Peace and Love feiern. Peter und Alexandra hätten es auf einmal mitten in der Verkaufshalle getrieben. Kunden standen wie in Trance um sie herum, beobachteten sie wie die Lämmer und fingen dann eine Orgie an. Andere bedienten sich einfach an unseren Wagen und fuhren weg. Mr. White lachte dabei nur lauthals und hätte sogar begonnen bei all dem mitzumischen.

Wieder andere drängten ihm dieses neue Spiel auf. Er müsse es unbedingt spielen, dann sehe er die Welt mit klaren Augen und würde sich endlich von den gesellschaftlichen Schranken und Zwängen befreien können.“

Monica befürchtete, was als Nächstes kommen würde. VanHouten sah sie mit einem verschlagenen Lächeln an und nickte.

„Sie haben schon von dem Spiel gehört. Dieser neuen App. Aber sie haben sie nicht gespielt. Sonst würden wir jetzt hier nicht miteinander reden.“

„Ich habe von ihr heute Morgen in den Nachrichten gehört. Aber nein, ich habe sie nicht gespielt.“

Kurz dachte sie daran, wie leer es an diesem Morgen auf der Interstate gewesen war, drängte den Gedanken aber schnell wieder beiseite.

„Ob Sie nun zu den Leuten gehören, die Spiele auf ihrem Handy spielen, oder nicht. Es würde sie nicht davor bewahren von der App infiziert zu werden. Die Menschen würden Sie packen und Sie zwingen sie zu spielen.“, mahnte er mit zunehmendem Ernst.

„Ich glaubte Billy natürlich kein Wort. Ich rief unseren Boss an. Er nahm nicht ab. Ich rief unsere Kollegen an und auch dort meldete sich niemand. Der Boss hatte eine Regel eingeführt: Bei wem das Telefon mehr als einmal klingelte, musste zehn Dollar für die Kaffeekasse blechen. Deswegen waren wir immer sofort an der Strippe. Ich arbeite jetzt seit sechszehn Jahren für Cowboy Joe’s Gebrauchtwagen und dass ich niemanden bei uns erreiche, ist mir noch nie passiert.

Also verzichtete ich auf die letzten Ansprachen, verabschiedete mich vom Kongress und nahm den nächsten Flieger zurück Richtung Heimat. Und bereits als ich die Stadtgrenze passierte, machte sich solch ein mulmiges Gefühl in meiner Magengegend breit. Sie wissen schon… Dieses Gefühl, das ihnen sagt, dass gerade etwas überhaupt nicht stimmt, etwas anders ist, als sonst. Es könnte eine Überraschungsparty sein, oder ihr Hund ist gestorben. Sie wissen es einfach nicht.“

„Können Sie mir ein paar Beispiele nennen? Was genau war anders? Was haben sie gesehen?“

„Die Kinder. Ich glaube, die Kinder fielen mir als erstes auf. Und ihr ausdruckloses Lächeln. Wie bekiffte Hippies. Dieselben Kinder sah ich normalerweise immer irgendwo herumtollen, schreien, oder irgendwelchen Blödsinn verzapfen. Natürlich spielen die Kids mal mit ihren Handys, aber die Art und Weise, wie sie im Kreis standen und darauf starrten. Auf den Verandas, auf Bänken und am Straßenrand… Sie blickten stur, wie hypnotisiert auf ihre verdammten Handys und rührten sich einfach nicht. Fast hätte ich angehalten und gefragt, was mit ihnen los ist. Aber ich wollte erst wissen, was in unserem Laden los war, also fuhr ich weiter.“

„Und sie meinen, die Kinder haben sich so verhalten, weil sie das neue Spiel gespielt hatten?“

„Ja, aber das ist mir erst im Nachhinein bewusst geworden. Erst, als ich die ersten Erwachsenen gesehen hatte. Auch sie standen oder saßen paralysiert in der Gegend herum und starrten auf ihr verdammtes Smartphone. Es war wie in einem üblen Alptraum. Ich hatte wirklich Angst. Ich fragte mich, ob das ganze Viertel mir vielleicht einen Streich spielen wollte.

Dann fuhr ich aufs Gelände unseres Autohauses, wo ich noch mehr Männer und Frauen sah, die entweder wie buddhistische Zombies vor sich hinstarrten und lächelten, oder tatsächlich, wie Billy es beschrieben hatte, verrückte und perverse Sachen anstellten.

Ich parkte den Wagen und dann kam Billy auf mich zu. Er starrte mich mit einem genauso blöden Lächeln an, wie die anderen Leute, die dort rumstanden. Aber ich sah es sofort in seinen Augen, dass er sich nur verstellte. Gerade wollte ich ihn fragen, was denn überhaupt los sei, aber er packte mich am Arm und sagte im übertrieben lauten Ton: „Robert, ich muss dir unbedingt etwas zeigen. Das Spiel ist der Hammer. Komm mit!“

Ich sagte: „Nein, Billy! Du erzählst mir jetzt sofort, was hier los ist!“ Und in diesem Augenblick hätte ich mir fast in die Hosen gemacht.

Plötzlich drehten sich alle zu mir um, ihr Lächeln erstarb und sie blickten mich, als würden sie mich jeden Augenblick anspringen und mich totprügeln. Aber Billy lenkte ein und hielt mir sein Handy vors Gesicht. Es war ausgeschaltet. Das Display war schwarz. Er tat so, als würde er mir das Spiel zeigen. Das beruhigte diese Meute wieder und widmeten sich wieder ihren Aktivitäten.

„Robert, sieh dir das hier mal an!“, sagte er mit einem aufgesetzten, idiotischen Lächeln. „Das Spiel ist ganz einfach. Komm mit rein, ich zeige dir, wie man es sich runterlädt und spielt.“ Dann zerrte mich in unsere Filiale. Einige finstre, drohende Blicke folgten uns immer noch, bis wir hinter der Tür verschwunden waren. Billy zog mich an den Austellungsfahrzeugen vorbei in mein Büro… ich sah, wie Mr. White und eine Kundin nackt auf dem Boden saßen und sich gegenseitig mit Filzstiften bemalten… Billy schloss die Tür hinter uns.

„Mein Gott, Robert, was sollen wir tun?“, fragte mich Billy hysterisch. Er hatte sein Schauspiel abgelegt und sah mich jetzt hilfesuchend an.

Ich bat ihn darum, mir endlich zu erklären, was zur Hölle dort los ist. Und dann erzählte er mir alles… Von dem Spiel und wie es alle, die es spielen, in Freaks verwandelt. Anstatt ein Spiel zu spielen, in dem sie Figuren durch Santa Barbara bewegen, schien das Spiel sie zu spielen und sie waren die Figuren. Es war verrückt.“

VanHouten schluckte schwer und fühlte sich ertappt, als er das Wort „verrückt“ in den Mund genommen hatte. Monica lächelte knapp und deutet ihm, fortzufahren. Sie hoffte, dass Dr. Eisner sich hinter der Scheibe fleißig Notizen machte und bereits das Telefon in der Hand hielt, um die Informationen zu prüfen. Dieser Billy konnte ihnen eventuell mehr Aufschluss über VanHoutens Zustand geben.

„Billy erzählte mir dann, dass seit zwei Tagen diese Spieleapp in Santa Barbara die Runde machte. Ich bat ihn darum, sie mir zu zeigen, aber er weigerte sich vehement sein Handy auch nur anzurühren. Er hatte es in der Schublade seines Bürotischs eingeschlossen.

Trotz ich die Menschen vor dem Laden mit eigenen Augen gesehen hatte, konnte ich es immer noch nicht glauben. Ich fragte Billy, warum er die Polizei noch nicht verständigt hatte. Er sagte, dass er das versucht hätte, er aber nicht durchgekommen wäre. Dann sei er zum nächsten Polizeirevier gefahren, aus dem er rückwärts wieder raus gegangen wäre. Denn dort fand er dasselbe vor, wie bei uns im Laden. Ein Haufen Beamter, die nur verrücktes Zeugs machten. Sie feierten ein riesen Besäufnis. Billy sagte, er wäre sich vorgekommen, wie auf einer Party einer Studentenverbindung.

Ich belächelte ihn und glaubte ihm immer noch kein Wort. Ich zückte mein eigenes Handy und wählte den Notruf. Der arme Billy schreckte vor meinem Handy zurück, als hätte ich eine Knarre gezogen.

Ich wählte den Notruf, aber ich kam nicht durch. Langsam fing ich an, ihm tatsächlich zu glauben. Ich schnappte mir Billy und wir verließen den Laden durch den Hintereingang. Ich hatte mir die Schlüssel für einen unserer Dodge Pickups genommen und wir fuhren dann zu mir nach Hause, denn das erste, was mir durch den Kopf ging, als ich befürchtet, dass an der Sache was dran sein könnte, war meine Familie.“

Von diesem Moment an, konnte sich Monika vorstellen, wie es weitergegangen war. Es konnte sich um eine induzierte wahnhafte Störung handeln, einer Folie à deux, bei dem die Wahnvorstellung einer Person auf eine andere übertragen werden. Vielleicht litt Billy unter denselben Störungen. Vielleicht war dieser junge Mann das fehlende Puzzleteil, um VanHoutens plötzlich aufgetretene Paranoia mit dieser ausgefeilten Story zu erklären.  

VanHouten rieb seine müden Augen und erzählte dann weiter.

„Wir schnappten uns also den Dodge und fuhren zu mir. Billy und ich kamen gerade durch die Haustür, da sah ich Dorothea im Wohnzimmer vor den Kindern sitzen. Ich sah durch den Flur, dass im Garten eine weitere Party stattfand. Ich sah Leute, die ich kannte, aber auch fremde Menschen, die sich auf unserem Rasen räkelten und sich genauso bescheuert verhielten, wie die anderen im Autohaus. Ich ging zu Dorothea und den Kindern ins Wohnzimmer. Ich sah Angst in den Augen der Kinder und meine Frau, wie sie sie dazu drängen wollte, dass verdammte Spiel zu spielen. Aber unsere beiden sind nicht auf den Kopf gefallen. Sie wussten Bescheid und sie wehrten sich vehement.

Ich eilte auf Doro zu und riss ihr das Handy aus der Hand, packte sie und schüttelte sie. Ich wollte, dass sie wieder aufwacht, dass sie wieder zu Sinnen kommt. Sie war aggressiv und dann flackerte auf einmal dieser unbändige Zorn in ihren Augen auf. Ich konnte sie kaum zurückhalten.

„Dorothea! Hörst du mich nicht?! Was zum Teufel soll das?!“, schrie ich, aber sie lächelte nur und sagte mir, ich sollte doch auch das Spiel spielen. Es würde mich entspannen. Die Kinder fingen an zu weinen. Ich rief Billy und sagte ihm, dass er die Kinder nehmen und sich mit ihnen in den Wagen setzen soll. Ich käme gleich nach. Billy nahm sie und ging.

Gerade, als ich mich wieder zu Doro umdrehte, sprang sie mich wie eine Furie an. Sie schrie und schlug auf mich ein.“

VanHouten deutete auf die Wunde über seiner Schläfe.

„Ich stieß sie von mir. Dann hörte ich, wie die Leute aus dem Garten ins Haus gingen. Ich rappelte mich auf, rannte durch die Haustür und sprang zu Billy und den Kindern in den Wagen.“

VanHoutens Stimme zitterte und seine Augen wurden feucht. Monica merkte, wie sehr er sich Mühe gab, nicht in Tränen auszubrechen und sie Fassung bewahrte.

„Ich konnte den verdammten Wagen nicht schnell genug starten… Sie rissen die Beifahrertür auf und… Sie packten Billy und zogen ihn aus dem Wagen. Ich konnte nichts tun. Der Wagen sprang an und ich konnte nur den Rückwärtsgang einlegen und mit den Kindern abhauen.“

VanHauten schluchzte und wischte sich Tränen aus dem Gesicht.

„Ich habe unsere Nachbarn überfahren müssen. Sie waren hinter dem Wagen. Sie gehörten auch zu ihnen. Im Rückspiegel sah ich, wie sie Billy massakrierten… Fuck!“

Er schlug mit der Faust auf den Tisch, aber er hob sofort wieder beschwichtigend die Hände, als er merkte, dass er Monica einen Schrecken eingejagt hatte. Sie blickte fragend Richtung Spiegel. Eigentlich hatte sie auf einlenkende Worte der Unterstützung von Eisner erhofft. Aber sie blieben aus. VanHouten sprach mit gebrochener Stimme weiter.

„Ich wusste nicht wohin. Überall kamen wir an diesen Verrückten vorbei. Also fuhr ich einfach weiter. Bis hinunter zu Mexico. Den Rest der Geschichte kennen sie.“

VanHouten blickte Monica jetzt direkt durch seine verquollenen Augen an.

„Es geht ihnen doch gut, oder?!“

Gerade wollte Monica wieder zur beruhigenden Lüge ansetzen, dass die Kinder vorerst sicher aufgehoben waren und bis alles geklärt war, auch die Mutter kein Besuchsrecht für sie hatte. Was natürlich gelogen war. Die Kinder waren wieder bei ihrer Mutter. Doch Monica hatte nach dieser seltsamen Geschichte tatsächlich Bedenken, ob das nicht ein allzu leichtfertiger Entschluss gewesen sein mag. Sie hätten die Mutter genauer unter die Lupe nehmen sollen. War die Polizei bei ihr?

In diesem Moment kam Frank mit zwei Bechern Kaffee durch die Tür. Monica und VanHouten unterbrachen ihr Gespräch. VanHouen atmete auf und ließ sich in die Lehne fallen. Monica machte sich letzte Notizen auf ihrem Tablet, stand auf und nahm Frank die Becher ab. Sie bedankte sich bei ihm und reichte einen Becher VanHouten.

„Ich werde kurz mit meinem Kollegen sprechen und bin gleich wieder bei Ihnen.“

VanHouten nickte unsicher sein Einverständnis und Monica ging aus dem Zimmer zu Dr. Eisner hinter dem Spiegel. Frank positionierte sich wieder vor der Tür. Ein kalter Schauer lief über Monicas Rücken, als sie an ihm vorbei ging. Sie hatte sich nochmal zu ihm umgedreht. Frank blickte allerdings nur stur geradeaus. Er war wahrscheinlich aufgrund des missglückten Flirtversuchs beleidigt.

 

„Dr. Eisner, haben Sie seine Frau oder diesen Billy bereits sprechen können?“, fragte Monica.

Der Raum war verdunkelt und sie sah lediglich die Umrisse Dr. Eisners, wie er, mit dem Rücken zu ihr, schlaff im Bürostuhl hing. Monica schmunzelte bei dem Gedanken, dass ihr alter Mentor eingenickt sei, was ihm bei Observationen gern mal passierte. Sie ging zu ihm und drehte langsam den Stuhl, um ihren alten Mentor wieder zu wecken. Ihr Lächeln erstarb.  

Ein stummer Schrei blieb in ihrer Kehle stecken. Ihre Augen, weit aufgerissen, wollten diese Abscheulichkeit nicht begreifen.

Ihr alter Freund lag in dem Stuhl, die Augen quollen fast aus ihren Höhlen und das pure Entsetzen spiegelte sich in ihnen. Sein Gesicht war dunkelblau angelaufen und aufgequollen, sein Hals sah aus, als wäre er in der Mitte von einer Schraubzwänge zusammengedrückt worden. Unfassbar an diesem grauenhaften Bild, war der Gegenstand, den sie erst bemerkte, nachdem sie sich zwang hinzusehen. Ein Handy wurde ihm in die Kehle geschoben und nur ein kleines Stück lugte noch hervor. Es musste ihm regelrecht mit einem Hammer hineingeschlagen worden sein.

Monica kämpfte sich aus ihrer Starre heraus und unter Tränen suchte sie nach einem Puls. Aber sie wusste bereits, dass er tot war. Auf kranke, bestialische Weise ermordet. Sie würgte, unterdrückte aber den Brechreiz und konzentrierte sich darauf, nicht ohnmächtig zu werden. Sie wandte sich zur Tür und griff nach dem Knauf. Sie drehte ihn und zog an der Tür. Abgeschlossen. Wie konnte das sein? Sie schlug mit aller Kraft gegen die Tür.

„Hilfe! Aufmachen! Frank, machen sie die Tür auf!“

Keine Antwort. Ihr Handy musste sie an der Kontrolle am Eingang abgeben. Sie fand das Interkom am Tisch, nahm den Hörer ab und versuchte die Vermittlung zu erreichen. Doch die Leitung war tot. Sie lief zur Tür und wollte das Licht einschalten. Vergebens. Kein Telefon kein Licht. Sie schlug wieder gegen die Tür.

Sie blickte hinaus durch den Spiegel und sah, dass Mr. VanHouten den Lärm bemerkt hatte und neugierig auf den Spiegel zuging. Aber hinter ihm öffnete sich die Tür. Frank ging hinein. Monica schlug jetzt gegen den Spiegel und schrie. VanHouten war verwirrt und wandte sich abwechselnd dem Spiegel und Frank zu. Frank nahm ein Handy aus seiner Tasche und schaltete es ein. Er bedeutete VanHouten es zu nehmen.

„Mr. VanHouten, ihre Kinder bitten Sie darum, dem Spiel eine Chance zu geben. Wirklich. Es ist ein Wahnsinnsspaß! Glauben Sie mir. Damit vergeht die Zeit hier drinnen, wie im Flug. Spielen Sie das Spiel, Mr. VanHouten.“

VanHouten wich verstört zwei Schritte zurück und schüttelte verängstigt den Kopf. Frank trat langsam näher an ihn heran. Monica bemerkte das emotionslose Gesicht von Frank. Er wirkte, wie ausgewechselt. Oh mein Gott! War er Eisners Mörder? War er durchgedreht? Was konnte sie bloß tun? Sie blickte sich um. Durch die Tür kam sie auf keinen Fall. Es gab auch kein Fenster. Aber dann blieb ihr Blick an etwas haften, das ihr vielleicht aus der Falle heraushelfen konnte. Sie wusste, dass das verspiegelte Glas Sicherheitsglas war. Aber war es deshalb unzerstörbar?

„Lassen Sie mich in Frieden Sie verdammter Irrer! Verschwinden Sie!“, schrie VanHouten, aber es klang wie ein Flehen. Frank war zwei Meter groß und hatte die Statur eines mexikanischen Wrestlers. VanHouten war eine eins achtzig große Bohnenstange, die es in den Abendstunden vielleicht nochmal auf den Heimtrainer schaffte.  

Frank ging ruhigen Schrittes auf ihn zu mit dem dämlichste Grinsen, das VanHouten je gesehen hatte. Das Handy hielt er in der Hand am ausgestreckten Arm. Auf dem Display zuckten bunte Bilder hin und her. VanHouten wandte schnell seinen Blick ab. Er wollte es nicht sehen. Er wusste, sobald er auf das Display schauen würde, würde ihn das Spiel infizieren. Er sah keinen Ausweg. Nur noch eine letzte Chance. Mit aller Kraft warf er sich gegen den ihn um zwei Köpfe überragenden Frank. Dieser wehrte ihn mit einer läppischen Bewegung seines fleischigen Arms wie eine lästige Fliege ab und er fiel kopfüber in die Sitzecke hinein, so dass Tisch und Stühle auseinanderflogen.

Frank kam jetzt mit energischen Schritten auf ihn zu, das Lächeln hatte sich in eine wütende Fratze verwandelt. VanHouten schrie um Hilfe. Dann hörte er Schläge, ein dumpfes Donnern, dass hinter dem Spiegel hervorkam. Frank beugte sich über ihn. Seine linke Pranke umschloss VanHoutens Kiefer, als wäre er ein Kätzchen, dem er Medizin einflößen würde. Statt der Medizin hielt er das Handy in der linken Hand und VanHouten betete, dass nicht das passieren würde, was er befürchtete.

 

Monica sah feine Risse auf der Scheibe, die sich mit jedem Schlag vertieften und weiter ausbreiteten. Sie holte mit dem Metallstuhl nochmal weit aus und schleuderte ihn wieder mit aller Kraft gegen die Scheibe. Dann zerbrach sie endlich, die Scherben fielen zu Boden und hinterließen ein Loch in der Mitte. Monica blickte hindurch und sah Frank, wie er sich über VanHouten beugte und anscheinend mit ihm dasselbe vorhatte, wie mit Eisner. Schnell griff sie wieder nach dem Stuhl, der halb aus der Scheibe herausragte und benutzte ihn, um die übrigen scharfen Splitter abzuschlagen, damit sie hindurch steigen konnte.

VanHouten wehrte sich und entwickelte eine hysterische Kraft, die es Frank sichtlich schwer machte, ihm das Handy in die Kehle zu rammen. Frank ließ VanHoutens Kiefer los, stand auf, trat einen Schritt zurück, griff an seinen Gürtel, zückte seinen Taser und richtete ihn auf den nun nach Luft ringenden VanHouten.

Aber Frank zögerte. Er drehte sich langsam um und stand mit dem Rücken zu VanHouten. Dieser sah jetzt die große Glasscherbe, die in Franks Wade steckte. Monica stand kampfbereit hinter dem Pfleger und war bereits mit einer neuen Scherbe bewaffnet. Frank richtete den Taser auf sie. Sie hechtete auf ihn zu und rammte die Scherbe in seine Schulter. Er lächelte allerdings nur, packte Monica, schleuderte sie zurück und wollte gerade abdrücken, doch er erstarrte in der Bewegung.

Monica hörte etwas, das klang, als würde jemand durch Schlamm waten. Dann sackte Frank auf die Knie. Sein Blick wanderte ins Leere und er fiel wie ein nasser Sack zu Boden. Sein weißes Polohemd war dunkelrot durchtränkt und das Blut sprudelte im Takt seines abnehmenden Pulses aus den zahlreichen Stichwunden, die ihm VanHouten mit der Scherbe aus Franks Wade zugefügt hatte.

„Es ist hier. Dieser Typ ist von ihm besessen! Er hat es gespielt!“, schrie VanHouten.

Er hatte die Scherbe beiseitegelegt. Sie hatte seine Handfläche tief eingeschnitten. Er riss ein Stück des Bettlakens ab und umwickelte sie damit. Monica versuchte verzweifelt ihre Fassung wieder zu erlangen. Noch drehte sich alles und sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Aber VanHouten ließ ihr nicht die Zeit.

„Wir müssen hier weg. Wenn die anderen Pfleger es auch gespielt haben, dann sitzen wir in der Scheiße!“

Immer noch starrte Monica auf den am Boden liegenden Frank. Das Blut hatte aufgehört im Takt aus den Wunden zu spritzen. Frank war tot. Sie drehte sich um und blickte auf den toten Eisner im Bürostuhl. Sie konnte nicht begreifen, was passiert war. VanHouten ging zu ihr und legte eine Hand auf ihre Schulter. Sie erschrak. Er blickte ihr tief und eindringlich in die Augen.

„Wir müssen hier weg. Bitte, sie sollten anfangen mir zu glauben!“, sagte VanHouten und zog sie am Arm. Monica schnappte sich Franks Taser und Schlüsselkarte und sie verließen das Zimmer.

Auf dem Korridor war niemand zu sehen.

„Okay, wir rufen jetzt die Polizei und…“

„Wir sollten uns in Sicherheit bringen! Raus aus dem Gebäude!“, unterbrach sie VanHouten.

„Mr. VanHouten, der Mann dort drin hat gerade einen Menschen ermordet. Sie haben gerade einen Menschen ermordet. Ich werde jetzt die Polizei rufen und sie kommen mit mir!“

VanHouten wusste, dass er Monica unmöglich überzeugen konnte. Ihm blieb keine andere Wahl, als ihr zu folgen. Sie gingen zurück und Monica wunderte sich, dass keine Wachen, an der Pforte zum Krankenflügel postiert waren. Sie gingen zum Eingang. Da packte VanHouten sie an der Schulter und deutete ihr ruhig zu sein, stehen zu bleiben und die Wachen hinter dem Empfang zu beobachten.

Monica konnte es nicht glauben. Die beiden Männer blickten mit demselben ausdrucklosen Gesicht auf ihre Smartphones, wie sie es bei Frank gesehen hatte. Trotzdem wollte sie VanHoutens Geschichte immer noch nicht glauben. Ein Risiko wollte sie aber auch nicht eingehen. Als Kompromiss entschloss sie sich, die Polizei von draußen zu rufen.

Die beiden Wachen am Eingang des Gebäudes konnten sie leicht umgehen, denn sie standen wie hypnotisiert hinter dem Empfang, hatten ihre Köpfe zusammengesteckt und blickten gebannt auf ihre Smartphones. Dabei stöhnten und kicherten, wie debile Clowns. Monica und VanHouten sind in der Hocke unbemerkt unter ihnen vorbeigeschlichen. Sie verließen das Gebäude.

Sie beeilten sich, schnell über den Parkplatz in Monicas Wagen zu kommen. Sie stiegen in Monicas Ford Edge, ein sportlicher SUV im schlanken und schnittigen Design, in dem viel Leistung und Dynamik steckte.

„Enthält diese Geschichte Produktplatzierungen?“, fragte VanHouten unsicher.

„Ich weiß es nicht. Kann schon sein.“, musste Monica ehrlich zugeben.

Monica wählte den Notruf. Kein Freizeichen. Wie konnte das sein? Es war, wie es VanHouten erzählt hatte. Aber das konnte doch alles unmöglich wahr sein!

Sie fuhren vom Parkplatzgelände herunter und blieben vor der geschlossenen Schranke des Wachhauses stehen, wo Monicas Bekannter, der alte Howard, sie anhielt. Als sie näher an ihn heranfuhren, sahen sie den meditativen Ausdruck stoischer Ruhe auf seinem Gesicht. Und das dämliche Grinsen.

„Monica, komm doch mal her, Kleine. Ich muss dir unbedingt etwas zeigen!“, sagte Howard und hielt ihr sein Smartphone entgegen.

Monica konnte es nicht fassen. Wieso spielte Howard Spiele auf seinem verdammten Handy?! Er war bestimmt schon achtzig!

Monica schüttelte vehement den Kopf. Howard machte eine Bewegung mit der anderen Hand und öffnete seinen Pistolenhalfter.

„Fahren Sie!“, schrie VanHouten. Howard stellte sich direkt vor den Wagen und zückte seine Waffe. Monica sah keinen anderen Ausweg. Ein Schrei der Verzweiflung und Hilflosigkeit schallte aus ihrer Kehle, als sie den Mann überfuhr, mit dem sie so oft in der Kaffeepause Backgammon gespielt hatte. Sie durchbrachen die Schranke und ließen die Psychiatrie hinter sich. In der Ferne hörten sie, wie der Alarm der Anstalt durch die Berge hallte.

 

Foothill Road, Santa Barbara,

10:52 Uhr.

“Wohin fahren sie?”, fragte VanHouten.

„Zur Polizei. Wohin sonst?!“, antwortete Monica.

Sie hatte ihn angeschrien und ihre Hände zitterten. Monica versuchte durchzuatmen und sich zu beruhigen. Aber sie wollte nicht stehenbleiben. Immer wieder blickte sie in den Rückspiegel, um sicherzugehen, dass sie nicht von mordlüsternen Krankenpflegern verfolgt werden.

„Und was, wenn die Cops auch bereits infiziert sind?“, fragte VanHouten.

„Infiziert wovon? Von einem Spiel?! Ich kann das einfach nicht glauben. Es muss eine andere Erklärung dafür geben. Vielleicht standen sie unter Drogen, haben sich etwas eingeworfen. Vielleicht hat es ihnen jemand in der Klinik verabreicht. Das eine App damit zu tun hat, will ich einfach nicht akzeptieren!“

Sie glaubte ihren eigenen Worten selbst nicht und auch VanHouten spürte, dass sie verzweifelt versuchte eine rationale Erklärung zu finden. Eine, die ausschloss, dass eine „Killer-App“ im sonnigen Santa Barbara ihre Kreise zieht.

„Und was ist mit meinen Kindern? Geht es ihnen wirklich gut, oder haben sie mir da drin gerade nur Müll erzählt, um mich ruhig zu halten?“

Monica schluckte schwer und ihr schlechtes Gewisses stach ihr geradewegs durch den Nacken. Aber sie wollte nicht mit der Wahrheit rausrücken, denn sie brauchte jetzt keinen hysterischen VanHouten auf dem Beifahrersitz.

„Ja, sie sind in Sicherheit. Keine Sorge. Wir fahren zur Polizei und dann kümmern wir uns um ihre Familie. Bis dahin beruhigen sie sich bitte. Haben sie verstanden?! Beruhigen sie sich!“

Sie schrie die letzten Worte und merkte schnell, dass es nicht VanHouten war, der sich beruhigen musste, sondern sie selbst. VanHouten runzelte die Stirn und beäugte sie mit skeptischen Blick. Neben das Schuldgefühl einer Lügnerin, mischte sich jetzt auch noch das Schamgefühl des offenen Kontrollverlusts. Peinlich berührt von dieser Erkenntnis bog sie bereits auf den Parkplatz des Goleta Police Departments ein.

 

„Guten Tag, Ma’am. Wie können wir behilflich sein?“, fragte der junge Polizist am Empfang.

„Ich möchte einen Vorfall melden. Mein Name ist Dr. Monica Gates und ich komme mit diesem Mann gerade aus dem St. Johns Hospital. Wir wurden Zeugen eines Mordes, wir wurden angegriffen und man hat versucht uns zu erschießen. Wir konnten fliehen. Die Angreifer gehörten zum Sicherheitspersonal. Es könnte sein, dass noch mehr in diese Sache verwickelt sind.“

Der Mann lächelte und nickte, dann verschwand er im hinteren Bürobereich. Monica und VanHouten tauschten skeptisch Blicke. Der junge Officer kam zurück.

„Wir haben bereits Meldung erhalten und Einheiten sind dort hin unterwegs. Kommen sie bitte mit.“

Der Officer öffnete ihnen die Tür am Empfang und deutete ihnen ihm zu folgen. Da zog VanHouten Monica zurück. Sie blickte ihn irritiert an und er zeigte stumm zum Platz des Officers hinter dem Empfang. Dort lag ein Smartphone, noch eingeschaltet. Etwas Buntes zuckte über den Bildschirm.

„Kommen sie bitte.“, rief der Officer ungeduldig.

Monica zögerte und beide wussten, dass etwas nicht stimmte. Der Mann benahm sich mehr als seltsam. Das Lächeln des Officers erstarb allmählich und mit der Hand an seiner Waffe ging er jetzt auf sie zu.

„Sie kommen jetzt mit, haben Sie verstanden?“

VanHouten trat zwischen Monica und dem Polizisten, machte ein überraschtes Gesicht und deutete auf die Ecke des Raums.

„Mein Gott, was machen diese Kerle denn dort drüben?!“, schrie er übertreiben empört.

Als sich der Officer irritiert mit dem Gesicht zur anderen Seite des Raums wandte, donnerte VanHouten ihm die Faust unter das Kinn, griff Monicas Handgelenk und riss sie mit sich durch die Tür zurück zum Wagen.

 

Die Reifen hinterließen Spuren auf dem Asphalt, als Monica mit dem SUV vom Parkplatz raste. Im Rückspiegel sah sie, wie halbnackte Polizisten und Polizistinnen mit Partyhütchen und Luftschlangen behangen durch die Eingangstür stürmten und mit ihren Waffen auf sie zielten und dann schossen. Die Heckscheibe zersprang in tausend kleine Splitter und Monica und VanHouten pressten sich schutzsuchend in die Sitze.

Monica wusste nicht wohin, aber sie fuhr so schnell sie konnte. Erst nachdem sie mit quietschenden Reifen ein paar Haken um die Häuser geschlagen hatte, forderte VanHouten sie auf, wieder langsamer zu fahren. Monica entschied sich eine Abfahrt zu nehmen und parkte im Schatten unter einer Brücke. Dann ließ sie ihren Kopf auf das Lenkrad sacken und weinte.

„Was sollen wir bloß tun? Ist denn jeder in dieser Stadt verrückt geworden?“

„Sie sind der Doc. Sagen sie es mir. Was ist hier los? Wo können wir noch hin und wieweit hat sich diese Appidemie bereits ausgebreitet?“

Monica lachte kurz verzweifelt auf und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie hatte jetzt all ihre Zweifel endgültig verloren und musste VanHoutens Geschichte glauben.

Appidemie?! Na gut. Ich weiß selbst nicht wie ich es gerade besser bezeichnen könnte. Ich habe noch nie von einem funktionierendem Verfahren gehört, dass eine derart starke Verhaltensänderung hervorrufen könnte. Wenn es wirklich mit diesem Spiel zusammenhängt, dann erinnert es mich eher an die Funktionsweise einer Mindmachine.“

„Was ist eine Mindmachine?“

„In den 1940er Jahren entwickelte der Neurophysiologe und Roboterforscher William Grey Water dieses Gerät, mit dem in bestimmten Frequenzbereichen akustische und visuelle Signale ausgegeben wurden. Es sollte eigentlich eine Art mentales Training darstellen, wobei unterschiedliche Frequenzbänder verschiedene Effekte erzeugen, wie erhöhtes Erinnerungsvermögen, bessere Konzentration und gesteigerte Intelligenzleistung. Aber nichts davon konnte je nachgewiesen werden. Eher hatten diese Apparate Anfälle bei Epileptikern ausgelöst. Den letzten Boom gab es noch Anfang der neunziger Jahre. Das war es aber auch schon.“  

VanHouten kratzte sich am Kopf.

„Aber nach all dem was ich… was sie heute gesehen haben… glauben sie nicht, dass vielleicht jemand diese Maschinen weiterentwickelt hat?“

„Aber zu welchem Zweck?“

„Brauchen wir immer einen bestimmten Zweck um idiotische Dinge zu tun. Sie sind der Doktor, aber was geschieht denn, wenn jemand durchdreht, der bei der Waffenentwicklung ganz oben die Finger mit im Spiel hat? In einem Labor für Killerviren arbeitet? Was, wenn dieser Typ mal einen schlechten Tag hat, seine Frau ihn verlassen hat oder sein verdammter Hund gestorben ist und sich denkt: Dann soll doch die ganze Welt vor die Hunde gehen! Ich meine, ist das denn so abwegig?“

Monica atmete aus und versuchte die wirren Bilder in ihrem Kopf zu ordnen. Solche Gedanken und Horrorszenarien kannte sie en Masse von einigen ihrer Patienten. Verschwörungstheoretiker und Phobiker aller Art hatten ihr bereits die ausgefallensten Geschichten erzählt. Aber so sehr sie versuchte eine einfache, rationale Erklärung für das Geschehene zu finden, desto wahrscheinlicher erschien ihr VanHoutens Theorie. Nur wo sollte sie jetzt noch hin? Wo konnte sie Hilfe finden? Wer war noch nicht infiziert und wie konnten sie dort hingelangen?

„Wir werden kaum die einzigen Zeugen sein. Die Polizei, die Regierung… Irgendjemand muss bescheid wissen. Ich werde jetzt mein Handy benutzen und es verdammt nochmal herausfinden!“

Mr. VanHouten blickte gedankenverloren auf das Armaturenbrett.

„Mrs. Gates, ich möchte jetzt gerne zu meinen Kindern. Sie haben selbst gesehen, dass auch Krankenhäuser und Tagesstädten keine sicheren Einrichtungen mehr sind. Lassen sie und uns bitte meine Kinder holen und dann sehen wir weiter.“

Monica biss sich auf die Unterlippe und kniff die Augen zusammen. Sie musste VanHouten die Wahrheit sagen.

 

Cathedral Oaks Road

12:23 Uhr.

„Es tut mir leid. Ich konnte ihnen nicht sagen, dass ihre Kinder wieder bei Ihrer Frau sind und sie merken hoffentlich gerade selbst, warum nicht.“

Als sie ihm die Wahrheit gesagt hatte, schrie VanHouten Monica an, sie solle sofort anzuhalten. Dann stieg er aus dem Wagen, ging um ihn herum, zog Monica heraus und setzte sich selbst ans Steuer. Er startete den Wagen und fuhr los.

„VanHouten, kommen sie zurück!“, schrie Monica und wurde vom Staub umhüllt, den der davonrasende SUV aufgewirbelt hatte.

 

San Fernando Drive,

12:45 Uhr.

VanHouten hatte den Wagen drei Häuser weiter geparkt. Er schlich sich durch den Garten zur Veranda. Die Partygäste des Vortags waren nicht mehr da und hatten ein rechts beeindruckendes Schlachtfeld hinterlassen. Immer wieder drangen Schreie und laute Rufe aus der Nachbarschaft. Auf dem Weg zum Haus war VanHouten an vielen befallenen Spielern vorbeigefahren, die verrückte, perverse und gefährliche Dinge taten. Er war an Menschen vorbeigefahren, die reglos auf dem Boden lagen und ihre Taten nicht überlebt hatten.

VanHouten nahm den Reserveschlüssel, den sie unter einer Blumenvase versteckt hatten, öffnete vorsichtig die Hintertür und ging hinein. Nichts war zu hören. Er schlich sich durch die Küche und ging in den Hausflur. Ein weiteres Schlachtfeld. Der reinste Vandalismus. VanHouten erkannte sein Zuhause kaum noch wieder. Zumindest keine Leichen. Er betete, dass seine Frau und Kinder lebten und er es schaffen würde sie aus diesem alptraumhaften Trancezustand wieder zurückzubringen.

„Hallo Daddy, willst du mit uns spielen?“

VanHouten drehte sich um. Hinter ihm stand sein Sohn Marvin. VanHouten kniete sich hin und schloss ihn fest in seine Arme.

„Marv, mein Junge. Geht es dir gut? Wo ist deine Schwester?“

„Sie ist hier.“, sagte seine Frau.

VanHouten hielt seinen Sohn umklammert, als er sich umdrehte. Seine Frau stand im Wohnzimmer, ihr Hand ruhte auf der Schulter seiner Tochter.

„Dorothea!“, stöhnte VanHouten und wusste nicht, wie er reagieren sollte. Der Anblick seiner Familie ließ all seine Kraft aus seinen Gliedern entweichen.

Ihre Gesichter waren blass und eingefallen, ihre Kleidung teilweise zerrissen und an ihr klebte eingetrocknetes Blut. Ihre Augen waren leer, aber sie verzogen ihre Mundwinkel immer noch mit aller verbliebenen Kraft zu einem diabolischen Lächeln, was VanHouten am meisten Angst machte.

„Doro, kommt mit mir. Wir werden jemanden finden, der euch wieder gesund macht, okay? Kommt mit. Wir fahren in die nächste Stadt und suchen einen Arzt… irgendwen, der weiß, wie man dieses abscheuliche Spiel wieder aus eurem Kopf bekommt.“, sagte VanHouten und Tränen rannen seine Wangen hinunter.

Dann spürte er, wie sein Sohn seine Arme um seinen Hals legte und so fest zudrückte, dass er ihm die Luft abschnitt.

„Nein, ich denke, wir werden dich jetzt endlich heilen, Liebling, und dann werden wir zusammen als Familie weiterspielen. Ist das nicht großartig?!“, sagte Mrs. VanHouten und nahm ihr Smartphone hinter dem Rücken hervor.

VanHouten konnte sich nicht aus dem Griff seines Sohnes befreien. Er konnte kaum noch atmen, geschweige denn sprechen. Verzweifelt schüttelte er den Kopf und flehte, aber es brachte nichts. Seine Tochter hielt ihn mit fest und seine Frau startete die App.

 

VanHouten blickte auf die bunten, flackernden Farben des kleinen Bildschirms, die wie ein impressionistisches Gemälde vor ihm verschwammen und auf die Formen, die zu dem Rhythmus und Klängen des Themas waberten und tanzten. VanHouten wurde ruhiger und wehrte sich immer weniger.

„Gleich wirst du einer von uns sein. Du wirst die Welt sehen, wie wir sie sehen. Du wirst frei sein von deinem Willen. Es ist alles nur noch ein Spiel. Keine Konsequenzen mehr. Keine Zwänge. Keine Entscheidungen mehr. Kein Verstecken oder Verstellen. Kein Bewusstsein mehr. Keine Angst. Lass es zu. Lass es passieren. Dann sind wir wieder vereint.“

Mrs. VanHouten streichelte ihm sanft über die Wange. VanHouten spürte, wie sein Geist mehr und mehr abdriftete und diese Realität hinter sich ließ. Er wusste, dass es vorbei war. Er sagte der Welt Lebewohl.

Aber der Nebel, der sein Bewusstsein umschloss, lichtete sich binnen eines Augenblicks. Mrs. VanHouten fiel zuckend zu Boden. Seine Kinder ließen ihn los und stürzten sich auf die Frau, die sich mit einem Taser bewaffnet unbemerkt in das Haus geschlichen hatte.

„VanHouten! Wachen Sie auf!“, schrie Monica, als sie die Kinder abwehrte.

Wie ein fernes Echo erklang ihr Schrei in VanHoutens Ohren. Die Welt um ihn herum drehte sich und er wusste weder wo, noch wer er war.

Marvin fiel zuckend zu Boden. Dann folgte ihm seine Schwester. Monica hatte einen weiteren, geladenen Taser hervorgeholt. Sie griff hinter ihren Rücken und nahm Handschellen raus, mit denen sie die Familie fesselte.

„VanHouten, helfen sie mir! Wachen sie auf, Mann! Ihre Familie wird nicht ewig so weiterschlafen!“

Er schüttelte die Benommenheit ab und wusste wieder, was geschehen war. Zwar drehte sich alles immer noch ein wenig, aber er stand auf und torkelte zu Monica hinüber.

„Was ist geschehen?“, fragte er.

„Kommen sie wieder zu sich und helfen Sie mir, ihre Familie vor sich selbst und anderen zu schützen. Gibt es einen Raum, wo wir sie anbinden können?“

VanHouten kniff die Augen zusammen. Langsam wurde alles wieder klar und er überblickte die Situation.

„Ja… Im Keller. Dort ist unser Hobbyraum. Wir können sie dort anbinden und einsperren, bis wir Hilfe gefunden haben.“

„Dann los! Sie werden sich gleich wieder bewegen können und dann werden sie sicherlich nicht erfreut sein. Beeilen wir uns!“

„Monica, ich…“

„Ja, ja, schon gut. Los jetzt!“

 

Sie hatten sie in den Keller gebracht und in einer Sofaecke mithilfe von Handschellen und Leinen gefesselt. Gerade rechtzeitig genug, denn sie wachten schnell wieder auf und schrien wie wilde Tiere. Vergeblich versuchten sie sich zu befreien und rissen an ihren Fesseln. VanHouten sprach mit ihnen, aber er drang nicht zu ihnen durch. Er hoffte, dass sie Hilfe finden würden, bevor sie sich die Hände abgerissen.

„Ich finde einen Weg, euch wieder aufzuwecken. Das verspreche ich euch!“, sagte VanHouten, wischte sich eine Träne aus dem Gesicht und folgte Monica nach oben in die Küche. Sie schlossen die Kellertür, aber das Geschrei der Drei war immer noch zu hören.

„Was machen wir jetzt bloß? Hier ist auch kein Netz. Das Spiel hat alles lahmgelegt. Die Telefonleitung ist tot. Ich habe bisher nicht einen gesehen, der nicht infiziert ist. Das kann doch nicht möglich sein!“, sagte VanHouten und blickte verunsichert durch die heruntergelassene Jalousie am Küchenfenster. Auch von draußen drangen immer wieder Schreie zu ihnen hinein und quer über den Garten lief gerade ein blutender Mann, der von einer nackten Frau mit einem Messer gejagt wurde und dabei hämisch kicherte.

„Ich weiß nicht, wie lange wir hier noch sicher sind.“, sagte er verzweifelt.

Monica stellte sich neben ihn und legte ihre Hand auf seine Schulter.

„Wo haben Sie eigentlich die Handschellen, den Taser und die anderen Sachen dort her? Und woher wussten sie, wo ich wohne?“, fragte er und richtete seinen Blick auf den schwarzen Rucksack, den Monica mitgebracht hatte.

„Nachdem Sie mich einfach dort zurückgelassen hatten, musste ich mir etwas einfallen lassen, um wieder wegzukommen, ohne dabei von Appinfizierten angefallen zu werden. Ich bin ein paar Blocks gelaufen. Ständig habe ich mich zwischen parkenden Autos und Mülltonnen versteckt, um nicht entdeckt zu werden. Ich kam an einem Polizeiauto vorbei. Die Türen standen offen, es war niemand zu sehen. Über den Computer im Wagen konnte ich Ihre Adresse ausfindig machen. Und im Kofferraum habe ich noch allerhand Zeugs gefunden, dass wir eventuell noch gut gebrauchen könnten.“

Sie ging zum Rucksack und nahm eine SIG Sauer heraus, die sie VanHouten zuwarf. Er fing sie ungeschickt und Monica erkannte sofort, dass er noch nie eine Waffe in der Hand gehalten hatte.

„Ein volles Magazin ist drin. Eine Kugel ist im Lauf. Ich zeige Ihnen wie man sie entsichert.“

„Woher kennen Sie sich damit aus? Spontan hätte ich Sie nicht für eine dieser Waffennerds gehalten.“

„Nein, mein Ex war bei der Polizei und er hatte mich mal mit zum Schießstand genommen und mir die Grundlagen erklärt. Ein Waffennerd bin ich nicht.“

VanHouten schmunzelte.

„Jungs und ihre Pistolen. Sie haben als Psychiaterin sicherlich ihre ganz eigene Theorie, die wahrscheinlich mit gestörten Vaterverhältnissen, Impotenz und Penisneid zu tun hat.“

Monica zeigte ihm, wie man die Waffe entsichert und gab sie ihm zurück. Sie nahm eine weitere SIG aus dem Rucksack und steckte sie in ihren Gürtel.

„Vor allem ein gestörtes Verhältnis zum Penis. Als Autoverkäufer kennen Sie doch selbst ihre Pappenheimer, auf der ständigen Suche nach einer PS starken Penisprothese. Die Welt sähe ohne Testosteron sicherlich friedlicher aus.“

„Lassen Sie uns jetzt vielleicht aufhören von Penissen und ihren Einfluss auf den Weltfrieden zu reden und überlegen, wie wir aus dieser Sache wieder rauskommen.“, schlug VanHouten vor und schob sich die Waffe ebenfalls in den Gürtel.

„Ich habe den App-Store geöffnet und fand Informationen zum Standort des Entwicklers. Wahrscheinlich ist es eine Fake-Adresse sein, andererseits… es ist nicht weit von hier und wir haben sowieso keine andere Spur.“

Das Schreien der Familie war wieder angeschwollen und VanHouten konnte die Qual nicht mehr ertragen.  

„Dann los, lassen Sie uns keine Zeit verlieren.“, sagte er und ging voran. Monica könnte die seelischen Schmerzen, die er in diesem Moment durchmachte förmlich spüren.

 

Cresta Ave,

15:22 Uhr.

Die Adresse des App-Entwickler lag in Cresta Ave. Das Bonzenviertel unter den Bonzenvierteln in Santa Barbara. Dort befanden sich die Einfamilienparadiese mit Pools, Tennisplatzen, privaten Parkanlagen und einem atemberaubenden Strandblick. Aber das Paradies hatte sich über Nacht in einen Höllentrip verwandelt.  

Die Appidemie breitete sich rasend schnell aus. Bereits auf dem Hinweg war das einst himmlische Antlitz von Santa Barbara gänzlich verschwunden und es herrschte Ausnahmezustand. Häuser, ganze Straßenzüge lagen in Brand. Die Menschen jagten sich gegenseitig, verprügelten sich oder trieben es miteinander. Es war ein regelrechter Krieg von Wahnsinnigen und er hinterließ eine blutige Spur von Leichen.

Das Tor zum Anwesen des vermeintlichen Entwicklers war natürlich verschlossen. Das bedeutete, dass sie von dort aus zu Fuß weiter und über den Zaun klettern mussten.

„Ich dachte wir würden uns auf ein abgeriegeltes und extrem schwer bewachtes Firmengelände schleichen müssen. Sie wissen schon… wo Soldaten elektrifizierte Zäune bewachen und überall Kameras installiert sind.

Das hier ist eine private Villa. Und wie es aussieht, ist sie nicht mal besonders gut bewacht. Aber vielleicht ist das ja nur Tarnung und wir stoßen auf eine geheime Basis einer Untergrundorganisation.“, scherzte VanHouten.

Monica konnte nicht darüber lachen und biss auf ihre Unterlippe. Ihr Herz raste. Ihr Blick suchte ungeduldig das Grundstück ab.

Auf der anderen Seite des Zauns rannte ihnen ein unsympathischer Labrador entgegen und fletschte die Zähne. Wohl oder übel musste er Bekanntschaft mit dem Taser machen. Dann stiegen sie einen Baum hoch und kletterten über den Zaun auf das Grundstück. Der Hund war lahmgelegt und kam ihnen vorerst nicht in die Quere. Sie zogen und entsicherten ihre SIGs und schlichen sich über den weiten Rasen zum Hintereingang.  

Vorsichtig riskierte Monica einen Blick durch das Küchenfenster. Es war niemand zu sehen. Nur ein Haufen leerer Pizzakartons, Getränkedosen und Verpackungen allen möglichen Junkfoods. Es sah aus, als hätte dort ein Kindergeburtstag stattgefunden. Die Tür zur Veranda stand ein Spalt breit geöffnet. VanHouten öffnete sie und sie gingen leise hinein.

Klassische Musik tönte aus der oberen Etage. Sie schlichen durch das Erdgeschoss und sahen sich um. Niemand war zu sehen. Sie gingen die Treppe hinauf und folgten den Klängen von Brahms.

Die Villa war riesig, aber überschaubar. Die breite Wendeltreppe führte sie in einen langen Korridor, von dem aus Zimmer auf beiden Seiten abgingen. Monica und VanHouten entschlossen sich, zusammen zu bleiben und überprüften die übrigen Zimmer, bevor sie der Musik weiter folgten. Es waren prunkvoll eingerichtete Schlaf- und Badezimmer, ein Sportzimmer und zwei Arbeitszimmer.

„Meine Fresse, was ist das für ein Gestank?“, fragte VanHouten und hielt sich die Hand vor Mund und Nase.

Monica ahnte, woher diese saure, würzig-süßliche Melange aus Erbrochenen, Kot und Eiter herkam. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und schielte in den Raum hinein. Dann drehte sie sich wieder schnell um und unterdrückte den Brechreiz. VanHouten tat es ihr gleich. Dann gingen Sie hinein.

Sie blickten in ein Schlafzimmer. Der Geruch der Verwesung kam von den beiden Leichen, die auf dem Bett lagen. Ein Mann und eine Frau. Beide trugen ihre Schlafsachen. Vor dem Bett lagen blutige Küchenmesser und auf dem weißen Teppich zeichneten sich mehrere, unterschiedliche Fußabdrücke ab. Sie mussten überrascht worden sein. Es war ein Massaker. Sie sahen sich im Schlafzimmer um, fanden aber nichts Ungewöhnliches. Monicas Blick blieb auf einem Familienportrait auf einer Kommode hängen. Das war vermutlich das Ehepaar. Vor ihnen stand ein Junge, zwölf, vielleicht dreizehn Jahre alt. Sie lächelten gezwungen und bei dem Jungen wirkte das Lächeln sogar dermaßen gestellt, dass es an einen jungen Jack Nicholson erinnerte. Sie verließen das Zimmer und schlossen die Tür. Dann setzte sie ihren Weg fort und bewegten sich auf das Zimmer zu, aus dem die klassische Musik ertönte.

Brahms Symphonie Nummer eins verklang nach dem Crescendo und sie blieben vor der Tür stehen, aus der sie verstummte. Die Tür stand einen Spalt breit offen. VanHouten und Monica blickten sich an, hielten ihre SIGs bereit und VanHouten öffnete langsam die Tür. Es folgten Beethoven Mondscheinsonate.

Sie betraten das Zimmer eines Teenagers. Es war wesentlich größer, als das eines normalen Teenagers, aber es verfügte über die typischen Eigenschaften und Accessoirs: Poster von Punkbands, Computerrollenspielen und halbnackten Frauen in einer Art Ritterrüstung, Regale mit Comics, Spielfiguren und Konsolenspielen. Der Boden war bedeckt mit weiteren leeren Verpackungen zahlreichen Junkfoods und Schmutzwäsche wohin man nur sah.

Als ihr Blick etwas weiter in den Raum hineinwanderte, sah es ganz und gar nicht mehr nach Teenager aus. Auf der gegenüberliegenden Seite ragte ein Computerterminal empor, vor dem die NSA vor Neid erblasst wäre. Die dahinterliegende weite Fensterfront war mit einem schweren Vorhang bedeckt, so, dass das Sonnenlicht nur spärlich hineinkam. Das meiste Licht ging von den acht vierzig Zoll Bildschirmen aus, auf denen zahlreiche Programme liefen. Vor dem Terminal stand ein großer, überdimensionaler Gaming-Sessel, links und rechts daneben waren Apparaturen angebracht, die eigentlich in ein Krankenhaus gehörten und komatöse Patienten überwachten, beatmeten und mit Infusionen versorgten.

Sie konnten nicht erkennen, ob jemand drinsaß. Monica und VanHouten gaben sich ein Zeichen und näherten sich ihm vorsichtig. Ihr Herzschlag setzte für einen Moment aus, als sie sahen, was sich in dem Sessel befand.

Das, was vor geraumer Zeit noch ein junger Mann gewesen zu sein schien, vielleicht im Alter zwischen siebzehn und neunzehn, ähnelte nun einem vor sich hin rottendem Kadaver. Er war an Drähten und Schläuchen angeschlossen, trug Kopfhörer und eine VR Brille. Seine Füße steckten in einer Klammervorrichtung und seine Arme ruhten auf den Lehnen, die Hände allerdings bedienten auf jeder Seite immer noch ein Tastenfeld. Seine Finger zuckten über blau schimmernde LEDs.

Monica steckte ihre Waffe weg, ging zurück zur Tür, schaltete das Licht ein und stellte die Musik ab. Dann ging sie zurück zu dem Jungen und VanHouten, der gebannt auf das Wesen im Sessel starrte. Es gab unerkennbare, summende und murmelnde Laute von sich und lebte allem Anschein nach noch… irgendwie.

„Mein Gott, was ist das?“, fragte VanHouten und senkte seine Waffe.

Monica untersuchte die Apparaturen und sah sich das Terminal genauer an.

„Ich weiß es nicht. Diese ganzen Programme. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Der ganze Kram läuft jedenfalls über kein Betriebssystem, dass ich kenne.“

„Wie viele kennst du denn?“

„Mein Exfreund war IT-Ingenieur am MIT.“

„Ich dachte er war Polizist?“

„Ein anderer.“

„Auch ein Weg dazuzulernen.“

„Können wir uns bitte auf unsere Aufgabe konzentrieren?“

„Entschuldigung.“

Eine Stimme ertönte plötzlich aus den Lautsprecherboxen des Terminals.

„Hi. Ich bin Max.“

Monica und VanHouten erstarrten. Ein Gesicht erschien auf allen Bildschirmen zugleich. Es war der Junge, der hinter ihnen im Sessel lag. Oder vielmehr, ein Wunschprofil des Jungen, denn mit der bleichen, eingefallenen und leichenhaften Erscheinung, die an Schläuchen angeschlossen war, aus denen Urin und Kot abgeführt wurde, hatte es gerade wenig gemein.

„Es hat länger gedauert als ich dachte, bis mal jemand vorbeikommt.“, sagte die digitale Version des Jungen. Seine Stimme transponierte Gleichgültigkeit und gleichzeitig eine gewisse Arroganz und Überheblichkeit… ein Teenager.

„Wer bist du?“, fragte Monica. „Was ist all das hier? Haben wir dir dieses Chaos zu verdanken?“

Jetzt lag ein Hauch von Reue auf dem Gesicht des digitalen Portraits.

„Ja.“

„Warum?!“, knirschte VanHouten zwischen den Zähnen hervor. Monica legte ihre Hand auf seine Schulter. Sie fürchtete, er könnte aus Zorn etwas Dummes tun.

„Ein I.Q. von hundertsiebundachtzig, bester High-School Abschluss mit zwölf, Master of Science im Bereich der angewandten Informatik mit vierzehn, Promoviert mit sechzehn und nebenbei ein Imperium vernetzter Softwaretechnik im Bereich der Bioinformatik erschaffen… und das alles von zuhause aus. Großartig nicht wahr? Sie haben wahrscheinlich noch nie von mir gehört. Natürlich nicht. Wie heißt es so schön? Gott lebt von seiner Anonymität!

Aber bei all dem, was die Menschen geleistet haben, konnte ich sie noch nie ausstehen. Nie hat mich etwas auch nur im Entferntesten zu ihnen hingezogen. Weder wollte ich Freunde haben, noch habe ich je von Sex geträumt. Es war mir alles zu wider. Meine Eltern hatten mich zum Psychiater geschickt. Der konnte mir aber nicht wirklich helfen. Irgendwann gaben es meine Eltern auf. Ich konnte für mich selbst sorgen und sie hatten ihr eigenes Leben. Wir kamen uns nicht in die Quere. Für ihre Kaltherzigkeit habe ich mich bedankt. Ich nehme an, Sie haben mein Dankeschön beim Vorbeilaufen an ihrem Zimmer gesehen?“

Monica bemerkte jetzt die vielen kleinen Kameras, mit denen der Raum ausgestattet war. Sie waren sehr klein und fielen nicht sofort ins Auge. Wahrscheinlich war das gesamte Grundstück und Haus mit ihnen ausgestattet.

„Es tut mir leid, dass du ein Scheißleben hattest, aber wenn du mir nicht sofort sagst, was du mit den Menschen gemacht hast und wie man es wieder rückgängig machen kann – das schwöre ich dir – dann jage ich dir eine Kugel in deine picklige Visage!“, schrie VanHouten und diesmal ließ er sich nicht von Monica beschwichtigen.

Der Junge lachte.

„Nachdem ich sämtliche soziale Medien unter meine Kontrolle und die Geheimdienste gehackt hatte, verband ich die mir zur Verfügung stehenden Daten mit einer von mir entwickelten Software zur Gedankenvernetzung und -kontrolle. Die Santa Barbara App war geboren. Ein Prototyp, bevor ich die Technologie auf die gesamte Menschheit loslasse und sie nur noch ein Spiel für mich ist.“

„Warum hast du das getan?“, fragte Monica.

„Mir war langweilig. Ich wollte wissen ob ich es kann. Und wie Sie sehen… Ich kanns. Jetzt sind die Menschen meine persönlichen Spielfiguren und sie machen, was ich will.“

VanHouten drehte sich zu dem vor sich hinvegetierenden Köper im Sessel um.

„Ach ja,“, sagte Max, „da bin ich ja. Ich sehe ganz schön fertig aus, nicht wahr? Ich werd eh nicht mehr zurück gehen.“

„Wie können wir die Menschen wieder zurückholen?“, fragte Monica.

Max seufzte.

„Es gibt kein zurück. Sie können mich foltern und mir die Fingernägel ausreißen. Ich spüre es nicht mehr. Mein Bewusstsein ist von meinem Körper getrennt.“ Er grinste breit. „Ich habe die Unsterblichkeit entdeckt und sie ist wundervoll!“

Er lachte laut. Monica und VanHouten wussten nicht weiter. Verzweifelt tauschten sie Blicke und Monica spürte, wie es VanHouten am Abzugsfinger juckte.

„Es wird gleich sowieso alles vorbei sein.“, sagte Max. „Sie werden kommen und mich abschalten. Ihr werdet euer spießiges kleines Leben wiederhaben.“

Jetzt sah es so aus, als ob Max ihnen direkt in die Augen sah und zum ersten Mal spürte Monica, dass sich hinter diesen Augen eine Tiefe befinden musste, die weit über die Maskerade des Jungen hinausreichte. Eine Tiefe, die das bisherige Wissen des Menschen weit hinter sich gelassen hatte.

„Wenn sie kommen, solltet ihr euch lieber fragen, was sie mit dem, was ich erschaffen habe tun werden. Was werden sie mit dem Feuer tun, nachdem sie Prometheus umgebracht haben?“

Das Klacken von Waffen, sie entsicherte wurden. Hastige Schritte von Stiefeln. Fensterscheiben zersprangen und binnen Sekunden waren sie von Soldaten in schwarzer Uniform umgeben.

VanHouten und Monica drehte sich um und zogen ihre Pistolen. Erkannten aber schnell, dass sie sie besser sofort fallen lassen sollten. Hinter ihnen standen Soldaten, bis an die Zähne bewaffnet. Ein Soldat führte die Truppe an.

„Besetzt das Terminal. Schafft die Zivilisten hier raus!“, befahl er und zwei Soldaten ergriffen sie und zerrten sie hinaus, ohne dass sie sich wehren oder Widerworte geben konnten. An ihnen vorbei liefen weitere Soldaten mit schwarzen Koffern. Im Augenwinkel konnte Monica erkennen, wie sie sich direkt am Terminal zu schaffen machten. Max zwinkerte ihr mit einem verschwörerischen Lächeln zu.

 

Zwei Wochen später,

San Fernando Drive 17:23 Uhr.

 

„Kann ich bei dir nachfüllen, Monica?“, fragte Mrs. VanHouten.

Monica nickte und reichte ihr das Weinglas.

„Es ist so unwirklich.“, sagte Mrs. VanHouten und schenkte ihr ein. „Es kommt einem vor, wie ein böser Traum. Über elftausend Menschen sind tot. Wenn du und Robert uns nicht gefunden hättet, wären wir jetzt auch tot.“

Mrs. VanHoutens Hand zitterte. Sie stellte die Flasche auf den Gartentisch und setzte sich zu Monica. Dann betrachtet sie ihren Mann, wie er mit ihren Kindern vor dem Grill stand. Eine Träne kullerte ihre Wange hinunter.

„So viele Menschen… wegen eines Wahnsinnigen. Ich danke Gott, dass die Regierung dieses Schwein finden und dieses perverse Killerprogramm rückgängig machen konnte. Hoffentlich haben sie daraus gelernt und halten fortan diese Geeks besser unter Kontrolle.“

Ihre Lippen zitterten vor Wut. Sie nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Weinglas und winkte dann ihrer Tochter zu.

„Komm her, Mommy!“, rief ihre Tochter. „Monica! Kannst du ein Foto von uns machen?“

„Aber klar doch!“, sagte Monica, stand auf und kramte in ihrer Handtasche.

Mrs. VanHouten wischte sich die Träne von der Wange und ging zu ihrer Familie hinüber. Monica nahm ihr Smartphone in die Hand. Es blieb ein Gefühl der Angst zurück. Jedes Mal, wenn sie es in die Hand nahm. Sie hoffte, dass es irgendwann nachlassen würde.

Die Familie positioniert sich vor dem Grill und nahm sich in den Arm.

„Und jetzt sagen alle: Cheese!“, rief Monica ihnen zu und sie knipste gleich mehrere Bilder hintereinander weg.

Mrs. VanHouten hatte recht, dachte sie. Wie können wir all die Technik, die sich scheinbar von selbst weiterentwickelt und dabei ungeahnte Dimensionen von Macht und Kontrolle einnimmt, überhaupt noch kontrollieren? Hatte Marie Curie daran gedacht, dass einmal Atombomben auf Städte geworfen werden, als sie ihre Forschungen an radioaktiven Substanzen betrieben? Forschung, deren tödliche Konsequenzen sie nicht absehen konnte und sie letztlich ins Grab brachte. Technik, Forschung und Entwicklung zum Wohle der Menschheit? Wer würde die Büchse der Pandora öffnen?

 

ENDE