DOC

EINS

Ein heißer Sommertag. Noch lag ich im Schatten. Aber die Sonne, die die Pflastersteine im Hof zum Glühen brachte, scheuchte ihn langsam aber sicher davon.
„Ich bin in einer viertel Stunde wieder zurück! Pass Du schön auf, Doc. Dass niemand bei uns einsteigt!“, sagte sie und verschwand hektisch.
„Wie konnte ich nur die Paprika vergessen?!“, rief sie noch verärgert um die Ecke.
Die viertel Stunde war um und Ann-Marie war immer noch nicht zurück. Nennt mich zimperlich, aber ihr wisst auch nicht, wie es sich anfühlt bei vierzig Grad unter der prallen Sonne zu schmoren. Ich war mir sicher, dass mein Fell anfangen wird zu brennen. Außerdem hatte ich Durst. Mein Napf war und ich fing an mich zu beschweren.
„Hör doch mit dem Geheule auf, Doc. Wo ist Ann-Marie? Ist David noch nicht wieder aus der Schule zurück?“, sagte die vertraute Stimme unseres Nachbarn.
Herr Hartmann lehnte sich über den Zaun, nahm seinen Anglerhut ab, rieb sich den Schweiß aus dem Gesicht.
„Na warte Junge, ich komme rüber. Dein Napf ist völlig leer gesüppelt. Ich bring dir was.“
Der gute Herr Hartmann verschwand kurz hinter dem Zaun, kam dann mit einer Flasche Wasser durch das Hoftor und goss meinen Napf voll. Ich schleckte ihm dankend die Hand ab und er kraulte mich hinter dem Ohr. Die Welt war wieder halbwegs in Ordnung.
„Das ist ja was! Lässt sie dich einfach hier in der Sonne zurück!“
Dann sprang das Hoftor erneut auf und David stürzte in den Hof. Er lief zur Haustür und kramte in seiner Hosentasche nach seinem Schlüssel. Er jetzt bemerkte er uns, war überrascht und sah uns mit in Tränen eingelegten Augen an. Schnell wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht und zog die Nase hoch.
„Herr Hartmann?! Entschuldigung, dieser dämliche Heuschnupfen.“, sagte David.
„Oh nein, nicht schon wieder. Diese feigen Kerle haben dich wieder gepackt, oder? Ich verstehe das nicht. Ihr wart doch vor kurzem noch Freunde und jetzt prügelt ihr euch alle paar Tage. Wie kommt so etwas?“
„Ich weiß es nicht. Thomas ist halt irgendwie seltsam geworden seit er mit diesen Idioten herumläuft. Die haben einfach nur Scheiße im Kopf.“
„Wie kommt so etwas? Deine Oma muss mal ein ernstes Wörtchen mit seinem Vater reden.“
„Jochens Auto habe ich seit Wochen nicht mehr gesehen. Er pennt vermutlich schon auf seiner Arbeit. Thomas tat mir auch erst leid. Erst haut seine Mutter ab und jetzt lässt Jochen ihn auch noch hängen.“
„Tja, weißt du David, vielleicht hängt das alles miteinander zusammen. Ann-Marie sollte sich Jochen trotzdem einmal vorknöpfen. So kann es ja nicht weitergehen. Oder du nimmst in Zukunft einfach unseren Doc hier mit zur Schule, was meinst du?“, sagte Herr Hartmann und tätschelte mir die Seite.
Dafür gab es noch einmal einen Handabschlecker und seine Idee fand ich ausgezeichnet. Ich bekäme mehr Auslauf und David eine Unfallversicherung. Wut und Scham wichen einem Lächeln und Davids Laune besserte sich schlagartig. Ich ging zu ihm und ließ mich auch von ihm hinterm Ohr kraulen. Ach ja, mir ging es schon recht gut.
„Kommen sie auf einen Kaffee mit rein, Herr Hartmann?“, fragte David.
„Danke, aber ich glaube ich mache mich wieder an die Arbeit. Wenn ich mit der Hecke nicht fertig bin bis meine Frau zurück ist, wird sie mir noch eine Arbeit besorgen und mir wieder mit Sprüchen kommen wie: „Die Rente ist nichts für dich! Du wirst nur faul und depressiv!“ Nein, nein, das muss nicht sein. Aber vielleicht später? Dann bring ich Sabine mit?“, fragte Herr Hartmann und war schon wieder auf dem Weg zum Hoftor.
„Ja, machen sie das!“, rief David hinter ihm her, drehte sich dann um und schloss die Haustür auf.
Ich war froh mich drinnen ein wenig auf die kalten Küchenfliesen legen zu können. David fand in der Zeit eine Notiz von Ann-Marie am Kühlschrank. Nachdem er die Nachricht gelesen hatte, zerknüllte er den Post-it, nahm eine Cola aus dem Kühlschrank und ging ins Wohnzimmer. Ann-Marie wird ihm geschrieben haben, dass sie gleich wieder da wäre. Sie benutzte kein Whats-App oder SMS. Sie sagte, ihre Lebenszeit sei zu beschränkt für das Verfassen unnötiger Nachrichten und für die wirklich wichtigen Nachrichten, könnte man auf diese Art der Kommunikation auch verzichten. Meiner Meinung nach, redeten die Menschen sowieso schon genug wirres und unnötiges Zeug. Ich hatte mich auch gefragt, warum sie es sich jetzt auch noch schreiben wollten.
„Komm mit Doc.“, sagte er.
Aber mir war noch gar nicht danach meinen kühlen Platz wieder zu verlassen. David kramte nach der Schule meistens seine Comics heraus, las darin oder malte Bilder aus ihnen ab. Noch vor wenigen Monaten hatte er seinen Freund Thomas immer oft mitgebracht. Die beiden hingen dann miteinander ab und Ann-Marie hatte sie, zusammen mit mir, regelmäßig nach draußen geschickt, damit „die Jungs auch mal an die frische Luft kommen, weil sonst ihr Gehirn an Sauerstoffmangel verkümmern wird“, sagte sie. Aber eigentlich wollte sie nur ein bisschen Ruhe und Zeit für sich haben. Ich merkte manchmal schon, dass ein pubertierender Junge nicht einfach für sie war. Besonders der Anfang war für sie sehr schwer, nachdem Davids Eltern verunglückt waren. Sie hatte viel zu kämpfen und ich bin hundert prozentig davon überzeugt, dass ich, auch wenn ich erst ein Welpe gewesen war, sie doch hervorragend unterstütze. Ohne mich hätte sie den Jungen bestimmt nicht in den Griff bekommen.
Das war damals vier Jahre her. Ann-Marie holte den Jungen aus der großen Stadt hierher und er fand in Thomas, der ein paar Straßen weiter wohnte, gleich einen ganz guten Freund. Aber er blieb sonst eher ein Einzelgänger. Deswegen wurmt es mich ein bisschen, dass die beiden sich vor einiger Zeit gestritten hatten. Und Hunde hassen es „gewurmt“ zu sein.

ZWEI

„Was ist denn mit dem Rechner los? Kein Internet?! Na super!“, tönte es aus dem Wohnzimmer.
David war manchmal etwas jähzornig. Er hatte sonst kein großes Verlangen danach, permanent online zu sein, aber manchmal, recherchiert er gerne Dinge, die ihn gerade beschäftigen. Und dann ist er oft ein wenig stinkig, wenn er es nicht sofort herausbekommt, oder etwas nicht klappt. Wie in diesem Fall.
„Mein Smartphone hat kein Empfang und der Fernseher funktioniert nicht.“, sagte er und ich hörte, wie er durch das Wohnzimmer lief.
„Der ganze Strom ist weg!“, sagte er.
Mich juckte es nicht. An so einem netten Sommertag kann man sich mit angenehmeren Dingen beschäftigen, als mit Elektronik. Doch dann, ein Donner, ein unglaublich lautes Grollen durchbrach den Nachmittag und ich sprang sofort auf. Dann kam es wieder. Ein Donnern, so laut, dass es mir in den Ohren schmerzte. Ich merkte, wie sich der Himmel schlagartig verdunkelte. David kam in die Küche gerannt.
„Was ist das denn?!“, schrie er, um gegen den Krach anzukommen.
Er ging zum Fenster. Draußen wurde es immer dunkler. Dann wieder ein Donner. Und wieder einer. Immer lauter, die Abstände kürzer. Diesmal folgten grelle Blitze, die draußen alles für Sekundenbruchteile in weißes Licht tauchten.
„Oh Mann!“, schrieb David, entfernte sich vom Küchenfenster, hockte sich neben mich und schlang seinen rechten Arm um mich.
Das Donnern wurde stärker, die Intervalle kürzer und die Blitze zuckten immer schneller am Himmel entlang. Ich war zwar kein besonders gläubiger Hund, aber ich dachte in diesem Moment, die Apokalypse würde über uns hereinbrechen. Und ja, hätte ich Hosen angehabt, hätte ich mit am liebsten da reingemacht. Aber so muss man sich ja immer zusammenreißen.
David zog mich fester an sich heran und hielt mir die Ohren zu. Er kauerte sich neben mich zusammen und die Welt um uns herum schien auseinanderzureißen. Alles war nur noch in grelles, weißes Licht getaucht und das Donnern brach direkt über uns herein. Ich war fest davon überzeugt, dass es das gewesen war. Finito. Doch dann … Stille. Von einem Augenblick zum nächsten. Kein Donner, kein Krach. Der Himmel zog sich genauso schnell wieder auf, wie er sich zugezogen hatte und die Welt draußen badete wieder in dem warmen Licht der Sonne. Als wäre nichts gewesen. David entließ mich aus seinen Armen und stand wieder auf. Er ging zum Fenster und sah nach draußen. Ich folgte ihm und hievte meine Pfoten auf die Fensterbank, um auch einen Blick hinauszuwerfen. Und dort war … alles wie gehabt.
„Komm mit, Doc. Sehen wir uns einmal um. Ich hoffe es ist niemandem was passiert.“, sagte David.
Ich folgte ihm durch die Haustür. Draußen war erst einmal nichts außergewöhnlich. Außer die Stille. Es war einfach sehr, sehr ruhig. Ich wusste nicht, ob David es auch bemerkt hatte, aber die Menschen schienen sich allesamt verkrochen zu haben. Na ja, kein Wunder, dachte ich mir. Nach diesem Getöse kamen sie vermutlich gerade erst wieder unter ihren Küchentischen hervor. David blickte über die Hecke in den Garten von Herrn Hartmann. Er sah ihn nirgends. Dann ging er durch das Hoftor. Ich folgte ihm nach neben an, wo er an Herrn Hartmanns Tür klingelte. Aber niemand öffnete. Ich hörte immer noch nichts. Ansonsten hörte ich immer irgendjemanden plappern, Rasen mähen oder Auto fahren – die Menschen machen so viele herrliche sinnlose, aber auch laute Sachen. Und gerade jetzt, nach diesem seltsamen Ereignis, hätte ich eher erwartet, dass sich die Nachbarn schon in wilder Aufregung über das Donnern unterhalten. Doch ich hörte nichts. David und ich gingen um das Haus herum.
„Herr Hartmann? Sind sie da? Ist alles in Ordnung bei ihnen? Herr Hartmann?“, rief David, bekam aber keine Antwort.
Auf dem Weg zur Veranda blickte er verdutzt auf einen Kleiderhaufen, unter dem auch ein paar Schuhe herausragten, kümmerte sich dann aber nicht mehr darum. David warf erst einen blick durch das große Fenster und klopfte dann ein paar Mal feste dagegen.
„Hallo? Herr Hartmann?“, rief er, schob die Tür auf und ging in das Haus.
Ich verharrte noch vor dem Kleiderhaufen und steckte, wie es so unsere Art ist, meine Schnauze hinein. Noch vor wenigen Minuten steckte noch jemand in dieser Kleidung und es war Herr Hartmann. Und er trug diese Unterhose schon länger als einen Tag. Ich konnte mit meinem feinen Näschen noch wesentlich mehr Information entnehmen, aber das Wichtigste sollte hier erst einmal genügen und andere Dinge wollt ihr wahrscheinlich auch gar nicht wissen. David kam wieder aus dem Haus heraus.
„Das gibt es doch nicht. Im Haus ist er nicht. Ich hatte mir erst Sorgen gemacht, dass er bei dem ganzen Krach noch einen Herzinfarkt bekommen hatte. Aber im ganzen Haus ist niemand. Seltsam. Was hast du denn da?“, fragte er mich, kam auf mich zu und inspizierte jetzt den Kleiderhaufen genauer.
„Aber das sind doch die Sachen, die Herr Hartmann gerade noch getragen hat. Ich verstehe das nicht. Was soll das?“, fragte er mich, oder eher sich selbst, da er von mir nicht wirklich eine Antwort erwartete.
„Komm mit. Wir suchen erst einmal Oma. Hoffentlich ist ihr nichts passiert. Und dann schauen wir noch einmal hier vorbei. Vielleicht haben wir auch gleich wieder Netz und kriegen raus, woher dieses komische Gewitter auf einmal kam“, sagte David und ging wieder zurück zur Straße.
Ich hob noch einmal schnell mein Beinchen an der Hecke und folgte ihm dann. David stand vor Herr Hartmanns Haus und sah links und rechts die Straße hinunter.
„Doc, warum ist es hier so unglaublich ruhig? Müssten unsere Nachbarn nicht eigentlich in heller Aufregung hier rumlaufen und sich den Mund fusselig reden?“
Jetzt dämmerte auch ihm, dass etwas nicht stimmte. Er ging den Gehweg rechts hinunter, Richtung Stadt. Wenn Ann-Marie noch schnell etwas kaufen musste, dass hätte sie das in dem kleinen Lebensmittelladen am Ende der Straße gemacht. Ich ging davon aus, dass wir dorthin unterwegs waren. David sah immer wieder ungeduldig hin und her, in der Hoffnung jemanden zu sehen. Ich sperrte meine Lauscher auf und versuchte vergeblich Witterung aufzunehmen. Ich hörte aber immer noch niemanden und seltsamerweise verblassten auch die Gerüche der Menschen. Ich fragte mich, ob sie alle auf einmal weggelaufen wären.  David und ich wurden immer unruhiger. Mitten auf der Straße standen Autos, die vermutlich stehen geblieben sind. Es waren keine Fahrer zu sehen. David ging einen Schritt schneller. Dann fing er an zu laufen. Wir beide rannten die Straße hinunter, bis wir an dem kleinen Lebensmittelladen ankamen.

DREI

David und ich stürzten in den kleinen Laden.
„Oma? Hallo? Ist hier jemand?“, rief David.
Keine Antwort. Doch dann. Wir hörten ein Schluchzen, ein Weinen aus der hinteren Ecke des Ladens. Ein Mädchen, wie es sich anhörte und roch (ich halte mich an den Stellen, wenn es um Gerüche geht, kurz. Ich bin ein Hund und habe für tausend Gerüche tausend Beschreibungen. Wie Eskimos sie für Schnee haben – Ann-Marie und ich sehen uns gerne den Discovery Channel an). David lief das Konservenregal entlang zum anderen Ende des Raums. Ich folgte ihm. Und da sahen wir das Mädchen. Sie hockte in der Ecke vor dem Eingang zum Lagerraum. Sie sah uns verstört an und ihre Augen waren verquollen. Tränen rannen ihre Wangen hinunter und ihr Liedschatten hatte ihr Gesicht ein in einen Rohrschachtest verwandelt.
„Hey, alles in Ordnung? Keine Angst. Ich bin David und das hier ist Doc. Wir suchen nur meine Großmutter.“, sagte David und wartete auf eine Antwort. Er wartete einige Sekunden und als er von ihr keine Antwort erhielt, ergriff er ungeduldig wieder das Wort.
„Hast du vielleicht eine Ahnung, wo alle sind? Ich wohne ein paar Häuser weiter die Straße rauf. Doc und ich waren im Haus, in unserer Küche, als der Krach losgegangen ist. Und als wieder alles von jetzt auf gleich vorbei gewesen ist, da sind wir rausgegangen, um zu gucken, ob alles in Ordnung ist. Dass kein Blitz eingeschlagen ist, oder so. Und ich bin mit Doc rüber gegangen zu unserem Nachbarn, der kurz vor dem Gewitter noch da gewesen ist, und dann war er auch auf einmal weg. Wir sind losgelaufen, um nach meiner Oma zu sehen, die hier noch etwas für das Mittagessen einkaufen wollte, und jetzt ist sie auch nicht hier. Nur du bist hier.“, sagte David.
Das Mädchen sprang auf einmal auf. Ich war erschrocken und wollte bei der kleinen fast aus Reflex zuschnappen. Doch sie warf ihre Arme um Davids Hals und fing an zu weinen. Ich hielt mich also zurück. David war völlig perplex und wusste sich nicht zu helfen, außer ihr sanft auf die Schulterblätter zu tätscheln.
„Ist ja schon gut, es ist …“, begann er. Sie unterbrach ihn.
„Sie haben sich aufgelöst. Einfach aufgelöst. Es war der Verkäufer und eine ältere Frau. Ich weiß nicht, ob es deine Oma war. Sie standen bei dem Gewitter dort drüben. Dann, ein grelles Licht und auf einmal sind sie verschwunden! Sie haben sich einfach in Luft aufgelöst. Nach dem Gewitter wollte ich dann die Polizei, die Feuerwehr oder irgendwen rufen, aber der Strom und das ganze Netz ist weg.“
David befreite sich langsam aber bestimmt auf den Armen des aufgebrachten Mädchens und war verwirrter als zuvor.
„Moment mal. Langsam ich verstehe kein Wort. Wie wäre es, wenn du dich vielleicht erst einmal beruhigst. Was heißt hier aufgelöst?“
„Dort drüben.“ Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und versuchte ihre Fassung wieder zu erlangen. „Dort standen Sie und dann waren nur noch ihre Kleider da. Ich hatte so schreckliche Angst und habe mich versteckt.“, sagte sie.
Davids Skepsis war deutlich zu spüren, aber auch seine Furcht, dass an ihrer Aussage etwas schrecklich Wahres dran sein könnte. Er ging zu dem Fenster. Ich folgte ihm erst und überholte ihn dann schnell. Ein vertrauter Geruch. Er kam von einem der Kleiderhaufen, die tatsächlich vor dem Ladenfenster lagen. Es war der Geruch von Ann-Marie. Es waren ihre Kleider und ihre Sandalen, die sie trug, als sie vom Hof gegangen war. David schob mich behutsam zur Seite, damit er die Kleiderhaufen selbst inspizieren konnte. Er nahm die Kleidungsstücke nach und nach auseinander und fühlte sich sehr unwohl, als er Ann-Maries BH gefunden hatte. Aber er fand auch ihre Ohrringe und ihre Halskette. Fassungslos stand er auf und ging einige Schritte zurück. Er war blass und ich fürchtete, dass er jeden Momet ohnmächtig werden würde. Das Mädchen stand hinter ihm, gefasst. Im Gegensatz zu David, der gerade anfing die Hölle durchzumachen. Denn an dem, was das Mädchen erzählt hatte, musste etwas dran gewesen sein. Aber nun war sie es, die ruhig war.
„Ich sagte doch, dass sie sich einfach aufgelöst haben. Es tut mir leid.“, sagte sie.
„Was heißt aufgelöst?! Wo sind sie?!“, schrie David, fuhr herum und diesmal griff er sie heftig an den Schultern und schüttelte sie. Ich bellte ihn an. Er war panisch.
„Hör auf, du tust mir weh!“, sagte sie. Ich bellte und überlegte, ob ich ihn tatsächlich in die Wade beißen müsste, um ihn wieder zur Besinnung zu bringen.
„WO IST SIE?!“, schrie er und ich machte mich bereit.
Doch schneller, als ich überhaupt irgendetwas tun konnte, packte das Mädchen David auf einmal am Handgelenk, drehte es mitsamt seinen Arm, so, dass er gezwungen wurde, sich mit ihm zu drehen. Dann stand er auf einmal mit dem Rücken zu ihr. Sie hielt sein Handgelenk immer noch fest. Dann versetzte sie ihm einen schnellen Tritt in die Kniekehle, woraufhin er zu Boden sackte. Sie drückte ihn auf den Boden und drehte ihm den Arm auf den Rücken. Er war wehrlos und ich baff. Sie sah mich an und befürchtete wohl, dass ich mein Herrchen verteidigen und sie anspringen würde. Als Zeichen, dass es ganz und gar nicht in meiner Absicht stand, setzte ich mich auf meine vier Buchstaben und sah mir die ganze Sache in Ruhe an. Es überzeugte sie wohl und sie richtete sich lautstark und bestimmend an David.
„Beruhig du dich jetzt mal! Ich weiß auch nicht, was hier für eine Scheiße abläuft, aber wenn wir hier beide jetzt durchdrehen, helfen wir niemanden, auch nicht deiner Oma! Also reiß dich zusammen und fass mich bloß nicht wieder so an! Okay?!“, fauchte sie ihm ins Ohr.
David verzog sein Gesicht vor Schmerz, aber ich sah, dass es ihm von der Hysterie befreit hatte.
„Okay.“, presste er zwischen zusammengekniffenen Zähnen hervor.
Sie ließ ihn los und stand auf. Diesmal war es David, der weinte und ich lief zu ihm hinüber, um ihn seine Tränen weg zu lecken. Ich fand, dass zweimal am Tag zu weinen, entschieden zu viel für einen jungen Teenager waren. Diesmal waren es Tränen der Wut und Scham, ausgelöst durch die eben erlittene Niederlage durch das junge Mädchen, aber auch Angst und Trauer durch die Sorge um Ann-Marie.

Vier

„Was machen wir denn jetzt?“, fragte David und schob mich wieder sachte bei Seite.
Er versuchte sich unauffällig die Tränen wegzuwischen. Das Mädchen tat so, als hätte sie nichts gesehen, denn Sie merkte, dass es ihm peinlich war. Sie nahm ihr Smartphone aus der Hosentasche und inspizierte es.
„Ich kann es nicht einschalten. Nach den Blitzen funktioniert hier nichts mehr. Alles Elektrische scheint den Geist aufgegeben zu haben.“, sagte sie und steckte das Gerät wieder in die Tasche.
David kontrollierte sein eigenes, schüttelte frustriert den Kopf und steckte es wieder zurück in seine Hosentasche. Er stand verzweifelt vor dem Kleiderhaufen, in dem wohl einmal seine Großmutter steckte.
„Ich verstehe es nicht.“, flüsterte er und ballte seine Fäuste. Sollte ihm das Schicksal zum zweiten Mal übel mitgespielt und ihm einen geliebten Menschen einfach so weggenommen haben?
Er wollte gerade hinunter zu den Kleidern greifen, zögerte aber. Ihm war nicht wohl dabei, Ann-Maries Kleider zu durchsuchen. Ich konnte mir vorstellen, dass es nicht nur unheimlich, sondern auch gleichzeitig absonderlich peinlich sein musste, denn unter Ann-Maries Sommerkleid lugte auch ihre Unterwäsche hervor. David überwand seine Hemmungen und falsche Scham, griff hinunter und tastete nach ihrer Handtasche. Er nahm ihre Brieftasche heraus und überprüfte den Inhalt. Er wollte wohl noch einmal ganz sichergehen, dass es auch wirklich ihre Sachen waren. Als er ihren Ausweis in den Händen hielt, überkam ihm die traurige Gewissheit. Aber ihm wurde keine Zeit gegeben, sich von der Verzweiflung übermannen zu lassen.
„Hey!“, rief das Mädchen auf einmal. „Da draußen ist jemand!“
Sie rannte nach draußen. David wurde aus seinen Gedanken gerissen, blickte ihr erst verwirrt hinterher, ließ die Brieftasche zurück auf die Kleider fallen und folgte ihr. Ich folgte den beiden. Aber es war kein Mensch, den wir draußen auf der gegenüberliegenden Straßenseite antrafen.
„Ein Hund! Er ist noch angeleint.“, sagte das Mädchen und die Promenadenmischung kam auf uns zu.
Ich lief an dem Mädchen vorbei, dass sich hoffnungsvoll nach seinen Besitzern umsah, und lief zu ihm. David und ich erkannten ihn. Es war Leo, der Hund von Nachbarn; ein junges Ehepaar.
„Hey.“, begrüßte er mich salopp und wir beschnüffelten uns freundlich. Der Geruch unseres Gegenübers verriet uns immer viel darüber, wo er herkam, was er gemacht und erlebt hat und was er in letzter Zeit gegessen hat. Der Geruch erzählt uns mehr als tausend Worte.
„Hi. Ich nehme an, du hast mitbekommen, was passiert ist? Kannst du dir einen Reim darauf machen?“, fragte ich ihn.
„Nein. Das Gewitter kam, ich war mit meinen beiden unterwegs, dann haben sie sich in Luft aufgelöst und nur noch ihre Sachen blieben zurück.“
„Hast du noch andere getroffen?“, fragte ich.
„Ich habe mit Timmi gesprochen. Seine Besitzer sind auch verschwunden. Ein paar Katzen erzählten dieselbe Geschichte. Keine Menschen weit und breit. Die beiden dort hinter dir sind die ersten, die ich sehe.“, sagte er.

Während Leo und ich uns unterhielten und beschnüffelten, kamen David und das Mädchen zu uns. Das Mädchen stellte Leo zwar auch Fragen, war sich aber, denke ich, sicher, dass er ihr sie nicht beantworten konnte: „Hallo, na du? Wo ist denn dein Frauchen?“ – oft wechseln die Menschen in eine höhere Stimmlage, wenn sie mit uns „sprechen“. Ich weiß nicht warum.
„Was meinst du?“, sprach Leo weiter. „Denkst Du diese Idioten von Menschen habe es endlich doch geschafft, sich selbst auszuradieren? Wurde uns dieses Fleckchen Erde endlich wieder überlassen?“
Weder gefiel mir sein Tonfall, noch seine Wortwahl. Ich wusste, dass Timmi Probleme mit seinem Herrchen und Frauchen hatte, aber das er ihrem Verschwinden so emotionslos, ja sogar mit einer sadistischen Freude begegnete, gefiel mir gar nicht.
„Ach komm, hör auf. Fang jetzt nicht mit irgendwelchem wilden Behauptungen an! Ich weiß auch nicht, was hier läuft, aber vielleicht helfen wir diesen Kindern erst einmal dabei, mehr von ihrer Art zu finden. Sie können doch unmöglich die einzigen sein. Lass uns herausfinden, was passiert ist, bevor du die Korken knallen lässt.“, sagte ich.
In der Zeit unterhielten sich auch David und das Mädchen weiter, während sie uns streichelten und tätschelten.
„Was machen wir denn jetzt?“, fragte David.
„Lass uns zu meinem Cousin gehen. Ich hoffe, er ist nicht auch verschwunden. Und dann will ich meine Mutter anrufen. Aber sie ist zu Hause in Berlin. Wir können doch nicht die einzigen sein.“, sagte das Mädchen und ihre Stimme zitterte.
David reagierte schnell, als er merkte, dass sie anfing zu weinen und nahm schnell das Gespräch wieder auf.
„Cousin? Und er wohnt hier in der Gegend?“, fragte er und gleichzeitig dämmerte ihm etwas.
„Moment mal, wer bist du überhaupt und wie heißt du? Ich glaube nämlich, dass ich deinen Cousin ganz gut kenne.“, sagte David.
„Ich bin Vanessa. Ich bin zu Besuch hier. Mein Cousin wohnt hier mit seinem Vater. Ich besuche die beiden über die Ferien.“, sagte sie und klang schon wieder etwas ruhiger.
„Dein Cousin ist nicht zufällig Thomas Henze?“, fragte David, der eins und eins zusammengezählt hatte.
„Doch genau. Kennst du ihn?!“
„Ja, er ist… ein Bekannter. Wir gehen auf die selbe Schule. Er wohnt bei mir in der Nähe.“ David überlegte kurz.
„Gut, lass uns gehen!“, sagte er.
Vanessa nickte ihm zu, schien den Missmut in seiner Stimme aber nicht deuten zu können. Sie nahm Leos Leine und wollte ihn mitnehmen, aber auf einmal knurrte er, bellte und wehrte sich. Er fletschte sogar die Zähne. Er überraschte mich, weil es sonst so gar nicht seine Art war. Ich war von seinem Verhalten völlig perplex.
„Hey, was soll denn das? Die Kinder werden dir schon nichts tun. Sie werden dir eher Futter und Wasser geben. Beruhige dich erst einmal!“, sagte ich zu Leo.
„Nein. Die Menschen sind weg und wir sind jetzt wieder am Zug. Sie hatten ihre Chance und haben es vergeigt. Ich lasse mich nicht mehr von ihnen herumkommandieren. Ich werde nicht mehr von ihren Launen abhängig sein. Ich werde mich nicht mehr demütigen lassen, weil ich in die Wohnung kacke, nur weil sie vergessen haben mit mir raus zu gehen und mich dafür auch noch anschreien und verprügeln lassen… Nein!!! Ich habe heute schon andere von uns getroffen, die genauso denken, wie ich. Du musst auch nicht bei ihnen bleiben; bei ihrer verkommenen Brut!“, kläffte mein alter Freund.

Vanessa ließ erschrocken die Leine los und trat schnell einige Schritte von ihm zurück. Ich trat zwischen Leo und den Kindern, um Schlimmeres zu verhindern.
„Doch, das muss ich. Und ich denke, dass es jetzt besser ist, wenn du Leine ziehst, alter Freund, solange du noch alle Beine hast!“, warnte ich ihn mit einem tiefen und unmissverständlichen Knurren. Ich hasste es, so etwas zu tun, aber er ließ mir keine andere Wahl. Er verstand und trat den Rückzug an.
„Wir sind jetzt wieder dran! Wir sind wieder frei! Allen wird es jetzt wieder bessergehen!“, bellte er, bevor er hinter der nächsten Straßenecke verschwand.
„Das ist sonst so ein lieber kleiner Kerl. Muss am Gewitter und dem ganzen Mist liegen. Er ist wahrscheinlich genauso verwirrt, wie wir. Komm, lass und gehen.“, sagte David.
Wir machten uns auf den Weg zu Davids altem Freund und Vanessas Cousin. Doch Leos Verhalten ließ mich nichts Gutes ahnen und ich ging mit größter Vorsicht voran.

FÜNF

Kleiderhaufen, ineinander gefahrene und stehengebliebene Autos, leere Kinderwaagen. Vanessa und David riefen immer wieder nach jemandem, irgendjemandem, in der Hoffnung, dass irgendjemand auch antworten würde. Vergeblich. Die Stille war bemerkenswert. Und grausam, wenn ich daran dachte, was sie zu bedeuten hatte. Aus der Ferne konnte ich sonst immer leise das stete Rauschen der Autobahn hören. Mal lauter, mal leiser, je nach Windrichtung. Jetzt war da nichts mehr. Hier auf den Straßen, in denen die Autos meistens nicht schneller fuhren als dreißig, sah es bereits sehr chaotisch aus. Was die Menschen wohl auf all ihren anderen Straßen unwillkürlich verursacht haben mussten, als sie auf einmal verschwunden waren? Und ihre großen Flugzeuge, Hubschrauber, Züge und Schiffe? Was sie wohl, auf einmal unbemannt, für Schaden angerichtet hatten? Ich mochte gar nicht darüber nachdenken und konzentrierte mich wieder auf die Kinder.
David und Vanessa sahen abwechselnd immer wieder auf ihre Smartphones in der Hoffnung, dass sie sich wieder mit einem Netz verbinden. Es ist seltsam, aber das ihre kleinen Geräte nicht funktionierten, beunruhigte sie wohl am meisten. Wenn die Menschen vom „Vernetztsein“ sprechen, sehen sie sich dann als Fliege oder Spinne? Manchmal wünschte ich mir, ich könnte einen ihrer Computer bedienen, um selbst einmal zu recherchieren.
„Doc, bist du das?“, hörte ich eine Stimme in meinem Kopf rufen.
Es war nicht die Sprache meiner Spezies. Ich konnte ihren Dialekt dennoch sofort zuordnen. Manchmal ist es schwierig mit ihnen zu reden. Unsere Sprachen sind zwar ähnlich, unterscheiden sich aber doch so weit, dass es immer wieder mal ganz gerne zu Missverständnissen kommt, die dann gerne in recht aggressiven Streitigkeiten enden. Katzen. Es war Gilbert, der kastrierte Kater von Herrn und Frau Engels. Ich betone die Kastration, denn nur kastrierte Kater sind wenigstens manchmal zu einem Gespräch fähig. Ähnlich ist es aber auch bei uns Rüden. Nicht, dass ich kastriert wäre. Ich bin nicht kastriert, aber trotzdem gesprächig – aber genug davon.
„Hallo Gilbert.“, begrüßte ich ihn und wir blieben auf vorsichtiger, aber höflicher Distanz zueinander.
„Timmi hatte mir bereits erzählt, dass du hier mit den letzten Menschen herumläufst. Das ist nicht abwertend gemeint. Jedenfalls… viele Tiere treffen sich unten im Stadtzentrum, um die Angelegenheit zu bereden. Bis jetzt habe ich von keinen anderen Menschen gehört, der den Sturm überlebt hat. Vielleicht solltest du einmal darüber nachdenken, ob du Kontakt mit den beiden dort aufnimmst?“, sagte Gilbert und ich mochte weder den süffisanten Tonfall in seinen Gedanken, noch die abfällige Selbstzufriedenheit.
David und Vanessa blickten uns bereits verwirrt an, wie wir uns gegenüberstanden und uns wider Erwarten, nicht bekämpften. Wir Tiere gaben uns meistens mehr Mühe dem Bild, was wir ihnen seit zehntausenden von Jahren vorspielen, nicht zu widersprechen. Wir ließen den Menschen in dem Glauben, denn wir hatten beobachtet, was er bereits alles mit seinesgleichen anstellt, wenn er ihn nicht versteht. Und dabei sprechen sie oft sogar dieselbe Sprache.
„Noch nicht. Ich will erst mehr wissen. Sag den anderen, sie sollen ruhig bleiben und die Katze nicht voreilig aus dem Sack lassen.“, sagte ich. Gilbert lächelte… in Gedanken.
„Wie du meinst. Ich gehe jetzt runter. Aber überlege Dir gut, was du mit den beiden dort machen willst, wenn sie wirklich die einzigen sind. Vergiss nicht. Es gab das schon einmal. Es ist nur eine sehr lange Zeit her.“, sagte Gilbert, sprang elegant auf eine Mauer und entfernte sich auf ihr; die Straße hinunter Richtung Stadtzentrum.
„Sag ihnen, sie sollen nicht vorschnell handeln. Es ist anders als damals!“, bellte ich ihm hinterher. Die Kinder sahen mich völlig fassungslos an. Für sie hörte der Lauf an seltsamen Erscheinungen nicht auf. Für uns Tiere war es die ganz normale Art uns zu unterhalten, zumindest, wenn Menschen nicht in der Nähe waren. Sie würden es wahrscheinlich Telepathie nennen. Für uns war es ganz normaler Small Talk. Es musste seltsam genug für sie gewesen sein. Ich hatte mir vorgenommen, ab diesem Zeitpunkt vorsichtiger mit meinem Verhalten zu sein. Die kleinen wären sicherlich durchgedreht, hätten sie gemerkt, dass Tiere Bewusstsein hatten. Ich wollte ihnen das erst einmal unter allen Umständen ersparen.
„Komm schon Doc, lass uns gehen.“, sagte David zögernd und unsicher, aber nur mit vorübergehendem Misstrauen. Das fragende Gesicht, wich schnell wieder einer sorgenvollen Miene.     „Thomas wohnt mit meinem Onkel gleich dort drüben. Aber das weißt du ja. Das Haus mit dem großen Rasenplatz im Vorgarten.“, sagte Vanessa und gab sich ebenso sichtlich Mühe, diese für sie verwirrende Situation, zu übergehen.
„Igitt!“, sagte David plötzlich und inspizierte angewidert seine linke Schulter.
Vanessa lachte.
„Na komm, so etwas soll doch angeblich Glück bringen!“, sagte sie.
Eine Krähe hatte David erwischt. Volle Breitseite. Shit happens. Ich fand es zuerst auch lustig und dachte mir, dass es die Kinder wenigstens ein bisschen ablenken würde. Doch dann gab auch Vanessa ein angewidertes „Uahh!“ von sich. Ein Flatschen Vogelexkrement hatte nun auch sie erwischt. Direkt auf ihrem Kopf. Ich blickte nach oben, suchte den Himmel ab und fand die Übeltäter. Krähen. Erst zwei, dann noch eine und noch eine. Es kamen immer mehr herbeigeflogen, umkreisten uns und ließen ihre kleinen, fiesen Bomben auf uns herab.
„Eklig! Was soll das?! Lasst uns schnell verschwinden!“, rief David und die Kinder rannten schnell Richtung Haus. Ich folgte ihnen, stellte aber meine gefiederten Freunde auch gleichzeitig zur Rede.
„Was soll denn das? Seid ihr übergeschnappt dort oben?“, bellte ich sie an.
Aber sie lachten nur laut. Menschen nehmen diese Laute lediglich als Krächzen war. Vögel verfügen über ein kollektives Bewusstsein. Sie sind wie eine Person. Und weil sie dann allerdings auch gleichzeitig mit so vielen Stimmen auf einmal sprechen, sind sie oft nur schwer zu verstehen.     „Sie sind alle weg. Und deine beiden dort unten auch bald! Geschieht ihnen recht. Wir haben ihnen lange genug alles durchgehen lassen!“, krächzten sie im Chor.

Wir liefen im Zickzack über den großen Rasen vor dem Haus und duckten uns unter den fallenden Kackebomben hinweg. Die eine oder andere erwischte uns leider trotzdem. Und das war nur ein Vorgeschmack von dem, was noch kommen würde.

Sechs

Wir drängelten uns an die Haustür, wehrten diese verrückten Aasgeier ab – so gut es ging – und Vanessa kramte hektisch nach ihrem Schlüssel. Abwechselnd flogen die Krähen im Sturzflug auf uns hinunter, wie Dartpfeile, die auf unser Gesicht geworfen wurden und unsere Augen waren das Bullseye. Ich schnappte zwar nach ihnen, allerdings vergeblich. Wie gerne hätte ich Sie erwischt! Aber diese fiesen Krähen waren einfach zu flink. Auch David wehrte sie energisch ab und schlug nach ihnen. Eine konnte er erwischen und sein Hieb schleuderte Sie auf den Rasen. Sie rappelte sich schnell wieder auf, flog wieder in die Luft, nur um sich ihrem aggressiven Klan wieder anzuschließen. Und die Attacken wurden immer stärker und die Intervalle zwischen den Angriffen kürzer. Die Kinder hatten von den Krallen und Schnäbeln bereits Kratz- und Schürfwunden an Armen, Händen und im Gesicht.
„Nun mach schon die Tür auf! Die hacken uns die Augen aus!“, drängte David Vanessa, was nicht gerade hilfreich war, denn ihrer Panik war zu verschulden, dass wir nicht schon längst im Haus waren. Ihre Hände zitterten, als würde Sie an einer Unterkühlung leiden.
Endlich hatte Vanessa den Schlüssel gefunden und schloss hastig und mit zitternder Hand die Tür auf. Ein Wunder, dass Sie es überhaupt schaffte. Wir drei stürzten hinein und David rammte so schnell er konnte die Tür mit einem schnellen Tritt wieder zu. Eine weitere Krähe setzte in dieser Sekunde gerade zum Sturzflug an. Sie kam nur mit dem Kopf an der Türschwelle vorbei, der ihr dann von der zuschlagenden Tür abgetrennt wurde. Vanessa schrie auf und wandte ihren Blick schnell ab. Das Blut färbte die weiße Holztür und den Rahmen rot und sprenkelte die weißen Fliesen. Der Kopf der Krähe kullerte in das anliegende Wohnzimmer. Ihre Augen sahen uns noch ein letztes Mal an und sie zwinkerte uns zu.
Dann hörte ich plötzlich ein Poltern und hastige Schritte aus der ersten Etage. David und Vanessa richteten sich wieder auf. Ich warnte das, was auch immer auf uns zukam mit einem tiefen, unmissverständlichen Knurren und war darauf gefasst zuzubeißen und so schnell nicht mehr loszulassen. Als ich die Gestalt allerdings erkannte, die vom oberen Treppenabsatz fassungslos auf uns hinunterblickte, wollte ich mein Vorhaben spontan dennoch in die Tat umsetzen – oder gerade deswegen. Allerdings griff David schnell genug ein und hielt mich zurück.
„Doc! Nicht! Aus!“, bellte er seine Kommandos (ja auch Menschen können ausgezeichnet bellen; und sie tun dies sehr oft, wenn sie vermeintlich mit uns reden und wir gerade keine Lust auf ihre Kommandos haben, oder sie einfach tatsächlich nicht verstehen).
“Thomas! Du bist noch da! Dir ist nichts passiert!“, rief Vanessa in überschwellender Freude, was mir ein Rätsel war – hätte dieses Gewitter alle anderen verschonen können, wenn es nur diesen einen Jungen mitgenommen hätte. Aber das war meine Meinung. Sie rannte die Treppe hinauf und ihrem Cousin in die Arme. Draußen flatterten die Krähen immer heftiger gegen die Fenster. Es wurden mehr und mehr. Sie hatten mittlerweile ihre ganze Familie zusammengetrommelt. Das Licht, das durch die Fenster aus dem Vorgarten hineinfiel, wurde jetzt von einer Wolke aus schwarzen Federn verdrängt.
„Hey, hör auf damit! Was soll denn das?“, fragte Thomas verwirrt und befreite sich aus den Armen seiner Cousine. „Was ist hier los? Was ist das da draußen für ein Lärm und was suchen der Köter und dieser Blödmann hier?“, fragte Thomas verwirrt und uns ging ein Licht auf, dass er anscheinend nichts von all dem mitbekommen hatte.
„Sag jetzt bloß, du weißt von nichts?!“, fragte Vanessa ihn ungläubig.
„Was? Wovon weiß ich nichts?“, fragte er weiter und blickte irritiert zu David und mir hinunter.
In diesem Augenblick flog eine dieser verrückten Krähen durch das Wohnzimmerfenster. Sie war sofort tot, aber sie hatte einen Zugang für ihre Familie geschaffen, und die folgte ihr schnell. Weitere schwarze Teufel pressten sich durch die zerbrochene Scheibe. Einige ließen dabei ihr Leben, als sie sich an dem zerbrochenen Glas zerschnitten. Aber das Loch wurde größer und immer mehr zwängten sich hindurch.
„Ach du Scheiße! Wir müssen hier weg! Diese Viecher werden uns umbringen!“, schrie David.
„Kommt mit!“, schrie Vanessa, packte ihren Cousin bei der Hand und schleifte ihn die Treppe hinunter. „Zur Garage! Hier entlang!“, schrie sie und das Wohnzimmer füllte sich mit schwarzen Federn und schwarzen Schnäbeln. Das Gekrächze war so laut, dass wir Vanessa kaum verstehen konnten. David griff nach einem Tennisschläger, der in der Ecke im Hausflur an der Wand lehnte und benutzte ihn, um die Vögel abzuwehren. Ich sprang und biss nach ihnen und zwei, drei hatte ich erwischt. David demonstrierte eine hervorragende Rückhand. Gleichzeitig liefen wir Vanessa und dem völlig verwirrten Thomas hinterher, den Flur entlang bis zum Ende, wo Vanessa eine Tür öffnete. Wir kämpften uns hindurch und es gelang uns sogar, die Tür hinter uns zu schließen, ohne dass einer dieser Mord lüsternen Vögel hindurch kam – oder ihre Köpfe.
„Was ist hier los?!“, schrie Thomas und hielt sich seine blutende Wange.
Die Kinder sahen aus, als wären sie Kilometer weit durch Dornenbüsche gelaufen. Durch die Tür sind wir in die Garage gelangt und Vanessa lief zu einem kleinen Kasten, der an der Wand hing. Es war ein Erste Hilfe Kasten, aus dem sie Pflaster, Mullbinden und Desinfektionsspray herausnahm. Sie ging zu Thomas und untersuchte seine Wange, der es nur widerwillig zuließ.
„Hast du das Gewitter nicht mitbekommen? Diese ungewöhnliche laute und grelle Gewitter? Es blitzte ununterbrochen. Man konnte kaum die Augen offenhalten, so hell war es auf einmal überall. Es hat die ganze Elektrik lahmgelegt. Und es hat alle außer uns verschwinden lassen.“, sagte Vanessa und blickte Thomas tief und ernst an, und sie wusste, dass er ihr sowieso nichts von der ganzen Sache glauben wird.
„Was erzählt ihr denn da? Wollt ihr mich verarschen? Und was zum Geier war denn mit diesen bescheuerten Vögeln los? Und was will der Idiot uns sein dämlicher Köter hier?“, fauchte Thomas und verkniff sich die Tränen, als Vanessa seine Wunde mit dem Desinfektionsmittel behandelte.
David schloss die Tür hinter sich ab, nur um sicher zu gehen, dass diese verrückten Vögel nicht doch noch irgendwie hineingelangten – er hatte bestimmt die Szene aus Jurassic Park vor Augen, in der es der Velociraptor auch geschafft hatte die Tür zu öffnen. Er atmete einige Male tief durch, beruhigte sich und nahm sich dann den kleinen Hocker, der vor der Werkbank stand. Er setzte sich vor Vanessa und Thomas, der sich auf zwei übereinander gestapelte Autoreifen gesetzt hatte. Er erzählte ihm die ganze Geschichte noch einmal von vorn.

 SIEBEN

„Das gibt es doch nicht. Das kann einfach nicht wahr sein. Verdammt, das kann nicht wahr sein.“, säuselte Thomas vor sich hin und fasste sich fassungslos an den Kopf.
Draußen flatterten und krächzten die Krähen. Zuerst waren sie noch wie wild gegen die Tür geflogen, doch dann stellten sie es nach und nach ein. Ihr kollektiver Geist musste sich eingestanden haben, dass sie einfach nicht durch die Tür kamen, egal wie viele von ihnen noch so energisch gegen sie flogen und sich dabei ihr Genick brachen.
„Wie sollen wir hier nur wegkommen?“, fragte David verzweifelt in die Runde, als er, auf den Reifen balancierend, durch die kleinen Fenster am Garagentor nach draußen linste. Die Vögel waren überall und entschlossen mit den letzten Menschen kurzen Prozess zu machen.
Doc, hallte es in meinem Schädel. Eine Stimme, wie hundert Stimmen. Die Krähen wollten plaudern.
Was wollt ihr? Seid ihr zufrieden? Kleinen Kindern Angst machen, die sowieso schon am Ende sind? Sie gleich ermorden? Was ist nur los mit euch? Wieso tut ihr so etwas?, fragte ich sie.
Das Unwetter. Sie haben es verursacht. Nicht weit von hier. Wir haben den Ursprung gesehen. Es kam aus einer Kuppel eines großen Gebäudes. Dort, wo die Menschen hingehen, um schlauer zu werden, wie sie meinen. Die Universität. Dort gibt es Labore, wo sie nicht nur mit uns experimentieren. Glaub uns. Wir wünschten, du hättest einmal unsere Sicht auf die Dinge und könntest sie bei ihren Spielereien beobachten. Sie zerstören leider immer noch mehr, als sie heilen oder bewahren. Die meisten bringen das Gleichgewicht durcheinander. Und heute haben sie mit etwas gespielt, dass sie vernichtet hat. Es ist vielleicht nur ein Zufall, oder ein Wink des Schicksals, dass wir Ausnahmsweise einmal verschont geblieben sind. Wir dürfen ihnen nicht noch einmal die Gelegenheit geben, sich über uns und dieser Welt zu erheben. Sie zerstören nicht nur sich selbst, sondern auch uns.
     Fertig mit der Predigt?!, raunte ich sie an.
Jetzt wusste ich, warum die Menschen sie zu den Urzeitechsen zählten. Trotz ihres teilweise flauschigen Gefieders, können sie sehr kalt und gefühllos sein. Ihre Niedlichkeit untergräbt die Ernsthaftigkeit ihrer radikalen Gedanken.
     Fangt mit mir hier jetzt bloß keine pseudo moralphilosophische Debatte an. Euer Denken ist nicht besser und ebenso krank, wie das vieler Menschen, aber die Kinder hier sind unschuldig! Viele andere sind unschuldig und wenn wir zeigen wollen, dass wir besser sind, dass wir diesen Planeten eher verdient hätten, dann müssen wir auch so handeln und keine Kamikaze Angriffe auf die letzten einer Spezies fliegen!
Dann schwiegen die Krähen. Ich hatte sie anscheinend zum Nachdenken bewegt. Gut so, sollten sie grübeln. Vertrauen wollte ich ihnen nicht mehr. Ich musste mit den Kids hier irgendwie verschwinden und ich musste der Sache in dem Labor irgendwie auf den Grund gehen.
„Hey Leute, ich habe eine Idee!“, sagte Thomas, stand auf, ging hinüber zu dem Ford Kombi, der in der Garage stand, ging runter auf die Knie und lugte unter den Wagen.
„Ja, genau! Hier unten ist ein Schacht unter dem Fallgitter. Man kann es anheben. Mein Vater wollte ihn eigentlich schon längst zugemauert haben, weil wir in letzter Zeit öfter mal eine Ratte in der Garage hatten. Der Schacht führt bis zu dem kleinen Spielplatz im Park gegenüber!“
„Ich erinnere mich.“, sagte David, „Den sind wir früher schon einmal durchgegangen, aber wir konnten den Kanaldeckel auf der anderen Seite nicht anheben und kamen nicht raus.“
„Ich glaube wir waren einfach noch zu klein und zu schwach, um ihn anzuheben. Ich denke nicht, dass er verschlossen ist.“, sagte Thomas, „Das könnte unser Weg nach draußen sein, aber wie kommen wir unter den Wagen?“
„Wir müssen ihn zurückrollen. Haben wir denn den Autoschlüssel?“, fragte Vanessa.
Thomas stand wieder auf, ging zum Regal neben dem Garagentor und nahm einen Schlüssel aus einer kleinen Blechdose.
„In den Wagen hineinzukommen sollte kein Problem sein, hier ist der Schlüssel. Nur, wie setzen wir den Wagen zurück? Die Garage ist zu kurz. Das Garagentor ist im Weg.“, sagte Thomas.
„Das Garagentor lässt sich mit der Hand aufziehen. Wir dürfen auf keinen Fall die Aufmerksamkeit dieser Vögel auf uns lenken. Wenn die hier reinkommen, sind wir geliefert.“, sagte David, „Jemand müsste das Tor vorsichtig und so leise wie möglich aufziehen. Wir lösen die Handbremse vom Wagen und wir rollen ihn vom Gitter. Dann steigen wir hindurch und ziehen es schnell wieder hinter uns zu, denn die Vögel werden uns bis dahin bestimmt bemerkt haben und uns angreifen.“
„Ich bin wohl der kräftigste von uns, also schiebe ich den Wagen.“, schlug Thomas vor – was für ein Angeber, aber er hatte recht.
„Das bezweifle ich zwar, aber gut. Dann löse ich die Handbremse und helfe Dir dann beim Schieben. David, du kümmerst dich um das Tor?“, fragte Vanessa. David nickte.
„Dann los. Und vergiss nicht deinen Hund! Thomas nimmt ihn am besten unten entgegen.“, sagte Vanessa.
„Was? Die Töle wird mir den Hals durchbeißen!“, wandte Thomas erbost ein.
Ich freute mich nicht gerade darüber, dass ich den Kindern bei ihrer Flucht im Weg stand. Und Thomas hatte absolut recht. Am liebsten würde ich ihm immer noch ordentlich in den Hintern beißen für die Prügel die David von ihm und seinen kleinen Freunden einstecken musste. Aber ich trottete hinüber zu ihm und leckte ihm über die Hand, als Zeichen der Versöhnung – sie schmeckte nach Nikotin. Eklig! Der kleine Scheißer rauchte heimlich.
„Als ob er das verstanden hat. Schon seltsam.“, sagte David, „Aber da hast du es! Er wird dir nicht weh tun. Ich denke, er weiß jetzt, dass du… zu uns gehörst.“
„Zu euch gehören, ha! Das ich nicht lache!“, höhnte Thomas.
„Thomas, jetzt halt deine Klappe und reiß dich zusammen. Du versaust sonst alles! Willst du, dass uns diese Viecher dort draußen die Augen aushacken?“, fauchte ihn seine Kusine an.
„Nein.“, sagte er resigniert, stellte sich vor das Auto und machte sich für seine Aufgabe bereit. Vanessa nickte David zu, der sich am Tor bereithielt. Sie stieg leise in den Wagen und löste die Handbremse. Sie stieg wieder aus und half Thomas, den Wagen zu schieben. David öffnet langsam und vorsichtig das Tor. Draußen war es still. Das Tor war jetzt fast ganz geöffnet und das Gitter zum Schacht lag frei.
Doc. Was macht ihr denn da?!, schallte das Krähenkollektiv in meinem inneren Ohr. Dann erschallte ein Krächzen von hunderten Vögeln und das Schlagen ebenso vieler Flügel. Sie wussten Bescheid und waren auf dem Weg zu uns.
„Macht schon!“, schrie Vanessa.
Thomas öffnete eilig das Gitter. Dabei rutschte es ihm zu Anfang öfter aus den Fingern.
„Scheiße!“, schrie Thomas.
Vanessa schob den Wagen weiter durch das Tor, damit David es wieder schließen konnte. David half Vanessa, aber ehe der Wagen nach draußen auf die Einfahrt rollte, waren bereits, die ersten Vögel an der Garage. Ich kam mir so unglaublich nutzlos und unbeholfen vor. Das einzige was ich tun konnte, war nach diesen Biestern zu schnappen, aber das war vergebens. Sie waren einfach zu flink. Endlich war der Wagen draußen und David schmiss sich mit aller Kraft an das Tor und zog es rasch wieder zu. Gerade rechtzeitig, bevor eine große schwarze Wolke aus Federn die Garage erreichte. Trotzdem waren etwa zwanzig Krähen in der Garage und verursachten ein heilloses Durcheinander. In dem begrenzten Raum waren sie allerdings im Nachteil und ich konnte mir einige schnappen und sie mit einem kräftigen Biss von ihren Aggressionen für längere Zeit befreien. David und Vanessa schnappten sich Golfschläger aus einem Caddy in der Ecke der Garage und konnten hervorragend damit umgehen. David schlug eine Krähe direkt auf Thomas, der sich kurz aber lauthals beschwerte. Das Gitter hatte er jedoch mittlerweile geöffnet.
„Los kommt schon, lasst uns abhauen!“, schrie er durch das laute Flattern hindurch.
„Diese Vögel lassen uns keine Wahl! Wir müssen Sie erst erledigen, sonst kommen wir hier nicht raus!“, schrie Vanessa und verpasste gleich drei weiteren von ihnen mit dem Golfschläger den Todeshieb.
Ihr wolltet es so! Verdammt, wieso hört ihr nicht auf!, schrie und kläffte ich meine tierischen Freunde an, aber sie blieben stumm und griffen uns nur weiter an.
Nach etwa fünf Minuten hatten wir die letzte Krähe erwischt. David kam zu mir und hievte mich auf seine Arme.
„Du bist schwerer geworden!“, stöhnte er, während er mich umständlich zu Thomas hinabließ, der, wie ich zugeben musste, mich mit etwas mehr Leichtigkeit entgegennahm.
„Vanessa? Kommst du?“, fragte David ungeduldig.
„Einen Moment. Ich …“, sagte sie und ich konnte nur noch hören, wie sie sich übergeben musste. Das Massaker, das wir dort oben angerichtet hatten, ist doch nicht so spurlos an ihr vorbeigegangen.
David stieg hinunter, Vanessa folgte ihm nach und wir vier standen jetzt in dem engen, dunklen Schacht, der uns hoffentlich in Sicherheit bringen konnte.
„Da hinten wird es aber ganz schön dunkel. Habt ihr vielleicht eine Taschenlampe in der Garage?“, fragte David.
Thomas stieg noch einmal nach oben und kam mit einer großen, schweren Mag-Lite zurück.
„Vielleicht können wir die hier noch für etwas Anderes gebrauchen.“, sagte Thomas, ging voran und leuchtete uns den Weg.

ACHT

Der enge Schacht roch nach faulem Abwasser und den verwesten Mäusen, an denen wir uns vorbeischlichen. Spinnweben und deren pelzigen, kleinen, achtbeinigen Bewohner wurden von David und Vanessa mit größtem Ekel beiseitegeschoben. Thomas hatte inzwischen die Lampe an David weitergereicht, denn er weigerte sich vehement weiter voran zu gehen, als eine dieser niedlichen Kameraden mitten in seinem Gesicht landete. Das arme Ding hatte sich vor Thomas unheimlich erschrocken. Sie krabbelte schnell und verstört in die nächste Mauerritze. Spinnen und Insekten. Ihre Sprache spreche ich nicht. – Ich frage mich oft, ob sie auch Bewusstsein haben, das sie wiederum vor uns anderen Tieren verstecken.
Wir erreichten das Ende des Schachts. Über uns war ein Gitter angebracht, das Thomas ohne große Anstrengungen anheben konnte. Demnach waren David und Thomas bei ihrem letzten Ausflug durch diesen Schacht wohl wirklich noch etwas kleiner. Wir kletterten hinaus – das heißt, die Kinder kletterten hinaus und ich musste mich wieder in einer demütigen Position hinaufreichen lassen.
Der Park lag weit genug entfernt und Sträucher tarnten uns vor den am Haus lauernden Vögeln. Wir konnten sie aus der Ferne beobachten, wie sie das Haus umflogen und auf der Veranda, auf dem Dach und dem Rasen hockten, lauernd darauf warteten, dass wir irgendwann herauskommen würden, um uns dann durch unsere Augenhöhlen das Gehirn herauspicken zu können. Kein schöner Gedanke, aber er brachte mich sofort dazu, meine Nase in alle Richtungen zu schwenken, auf dass uns nicht noch mehr mordlustige Artgenossen auflauerten. Eichhörnchen sehen zwar niedlich aus, können aber tödlich sein.
„Was jetzt?“, flüsterte Vanessa.
An dieser Stelle wollte ich mich gerade einbringen und die Kinder irgendwie dazu bringen, mir zu folgen. Denn ich brauchte sie, um mich in dem Gebäude umzusehen, von dem die Krähen gesprochen hatten. Gerade wollte ich David an seinen Shorts zerren, als Thomas mich unterbrach.
„Hört ihr das?“, fragte er. „Das ist doch ein Motorengeräusch … von einem Auto!“, sagte er und hielt sich im selben Moment die Hand vor den Mund, um seine aufgeregte Stimme zu dämpfen. Wenn uns die Krähen dort draußen erwischen würden, hätten wir keine Chance zu entkommen. Das umliegende Terrain bot keinen sicheren Schutz. Wir hätten zurück in den Schacht fliehen müssen und hätten dann in der Falle gesessen. Das war den Kindern zum Glück wohl auch bewusst.
Thomas hatte Recht. Es war ein Auto. Es musste gerade die Straße an der gegenüberliegenden Seite des Parks entlangfahren.
„Kommt schnell! Es darf nicht in die Nähe des Hauses und die Krähen auf sich lenken!“, sagte Vanessa leise aber bestimmt und schlich hastig los.
Wir rannten sofort hinter ihr her und sprinteten querfeldein über die offene Rasenfläche des Parks. Vanessa sprang mit einem Satz über die kleine Hecke, die das Parkgelände umfasste. Wir sprangen hinterher und mussten dann erschreckend zusehen, wie Vanessa sich vor den silbernen Ford warf. Der Wagen bremste scharf und Vanessa und der Fahrer sahen einander erschrocken an.
„Onkel Jochen?!“, keuchte sie, mehr zu sich selbst, als das der Fahrer sie hätte hören können.
„Papa?!“, fragte Thomas und war genauso überrascht und fassungslos, wie seine Cousine und David.
Dann ein Krächzen aus der Ferne. Sie hatten uns gehört. Uns oder den Wagen – wir hatten keine Zeit zu verlieren. Sie würden in wenigen Sekunden dort gewesen sein.
„Schnell! In den Wagen!“, befahl David. „Leise die Türen schließen!“
Schnell stiegen wir ein und die Kinder zogen so leise wie möglich die Türen zu. Ehe Tomas Vater irgendetwas sagen oder tun konnte, hatte David zum Glück sofort reagiert und den Zündschlüssel umgedreht. Der Motor ging aus und David legte seinen Finger auf seine Lippen, als Zeichen für Thomas Vater still zu sein. Er war völlig perplex, doch verstand und gab keinen Ton von sich. Das Flattern war jetzt über dem Wagen. Der Himmel hatte sich wieder in eine schwarze Wolke aus abertausenden Federn verwandelt. Die Vögel krächzen – es war kaum auszuhalten. Die Kinder und auch Jochen hielten sich die Ohren zu.
„Duckt euch und seid bloß still!“, flüsterte Vanessa.
Sie ließen sich, so gut sie irgend konnten, in den Fußraum hinab. Ich war bereits vorne mit David im Fußraum des Beifahrersitzes. Wir hörten das Getrippel von Krallen auf dem Autodach und der Motorhaube. Die Kinder schlossen ihre Augen und von Jochen kam ein leises aber wehleidiges und ängstliches Wimmern. Das Krächzen wurde noch einmal lauter. Sie waren über uns und um uns herum. Aber dann nahm es ab. Er wurde schwächer und dieser unausstehliche Lärm verschwand in der Ferne. Sie hatten uns nicht entdeckt. Wir waren in Sicherheit. Vorerst.
Für einen Moment blickten sich alle nur stumm einander an. Entweder wollten sie sichergehen, dass die Vögel auch wirklich außer Reichweite waren, oder niemand wollte als erster das Wort ergreifen. Ich schleckte David einmal ordentlich das Gesicht ab – so etwas macht immer Mut und heitert auf. David nahm mich in den Arm und ich beäugte dabei unseren neuen Gefährten. Es war irgendwie seltsam, denn zwischen Thomas und Jochen schien emotionale Funkstille zu herrschen. Dafür, dass sie sich gerade einander lebendig und wohl auf wiedersahen, hielt sich ihre Begeisterung in Grenzen.
„T-T-Thomas!“, stotterte sein Vater. „I-ich bin froh, dass es euch gut geht. Als ich merkte, was passiert war, bin ich sofort losgefahren.“
Er war sichtlich nervös, wie ein Junge, den man gerade beim Stehlen erwischt hatte. Die Kinder warteten ruhig und erwartungsvoll, aber auch vorsichtig ab, was dieser Mann zu sagen hatte. Auch ihre Freude, zu sehen, dass sie nicht die letzten Menschen waren, hielt sich in Grenzen, was an eindeutig an dem Verhalten dieses Mannes lag. Er war ihnen nicht geheuer – und mir auch nicht.
Schweiß tropfte von seiner Glatze auf die Gläser seiner Brille. Sein Businesshemd war schmutzig und knittrig. Es war Schmiere und Maschinenöl, das konnte ich riechen. Ich fragte mich, wo er bloß herkam.
„Es gibt andere?!“, fragte Vanessa.
„Ja. Wenige. Ich habe einzelne umherwandern sehen, aber ich habe nicht angehalten, denn ich wollte so schnell wie möglich hier hin.“, sagte Jochen, nahm die Brille ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Draußen waren etwa 35 Grad und dort im Auto wurde es allmählich unerträglich – was nicht nur an der Hitze lag.
„Wo bist du gewesen? Du warst sein über einer Woche nicht mehr zuhause. Du hast noch nicht einmal angerufen!“, schrie Thomas seinen Vater an.
Jochen setzte seine Brille wieder auf und trocknete seine feuchten Hände an seinem verschmierten Businesshemd ab. Er fühlte sich ertappt und blickte unsicher von einem zum anderen. Es war unglaublich. Der Mann musste um die fünfzig sein, machte aber Anstalten wie ein Kleinkind. Außerdem war er mit seinen Gedanken irgendwo, nur nicht hier. Dieser Mann wurde uns allen zunehmend verdächtiger. Die Kinder und auch ich fühlten uns sehr unwohl in seiner Gegenwart und überschattete die Freude einen anderen Menschen gefunden zu haben.
„Wir hatten sehr, sehr viel zu tun … auf der Arbeit … Hört mal.“, sagte Jochen stockend und wich der Frage ungeschickt aus. „Ich brauche dringend etwas aus meinem Büro zuhause. Wir fahren jetzt dorthin und dann wartet ihr dort, bis …“
„Zum Büro!?“, platze es aus Thomas heraus. Vanessa deutete ihm leiser zu sein, falls die Vögel noch irgendwo lauern sollten, aber Thomas kochte vor Wut und es lag nicht an dem Dampfkessel, in dem wir saßen.
„Zum Büro?!“, wiederholte er fassungslos. „Ist dir nicht aufgefallen, was hier gerade passiert ist?! Die Apokalypse ist da draußen hereingebrochen und du willst zur Arbeit?! Hast du sie noch alle?!“, preschte es aus ihm heraus und wir merkten, dass er am liebsten auf die dürre, kleine Figur, die sein Vater war, einschlagen wollte.
Jochen blickte verschämt auf seinen Schoß und hielt das Lenkrad fest umklammert. Mir ist aufgefallen, dass der Mann seit Tagen nicht geduscht hatte – ein guter Geruchssinn ist seltener von Vorteil , als man denkt… zumindest im Terrain der Menschen. Jochen war unrasiert und seine geröteten Augen und seine fahle Haut zeigten mir einen erheblichen Schlafmangel – Ann-Marie hatte einmal dieselben Symptome gezeigt, als David drei Tage lang verschwunden war. Er hatte sich damals aufgemacht seine Eltern zu suchen.
„Ich kann euch das jetzt nicht im Ganzen erklären, aber …“ Er nahm wieder die Brille ab und rieb sich seine müden Augen. „Meine Arbeit und das, was passiert ist, hängt wohl irgendwie zusammen.“
„Was?!“, preschte diesmal David hervor und langsam fügten sich für mich die einzelnen Puzzleteile zusammen.
NEUN
Jochen sackte in sich zusammen, hielt die Hände vor sein Gesicht und winselte.
„Was hast du getan?!“, fauchte Thomas seinen Vater an, packte ihn fest an seine Schulter und zwang ihn, ihm ins Gesicht zu blicken. Widerwillig hob Jochen seinen Kopf und seine verweinten Augen versuchten mit große Mühe, dem eisigen Blick seines Sohnes standzuhalten. Es war unglaublich. Hier hatten Vater und Sohn die Rollen getauscht. Es war für mich unbegreiflich, wie solch ein Häufchen menschlichen Elends irgendwann einmal so etwas wie Thomas produzieren konnte. Thomas musste einfach sehr viel von seiner Mutter geerbt haben – anders konnte ich es mir nicht erklären. Als hätte sich eine ausgewachsene Doggendame mit einem Chihuahuarüden gepaart – ist das überhaupt möglich?
„Es war ein Experiment… Wie soll ich es euch nur erklären?“, schluchzte Jochen und suchte verzweifelt nach Worten, während er sich die Tränen aus dem Gesicht wischte.
„Wir… das heißt mein Team und ich arbeiten seit Jahren für die Regierung. Wir bekommen von ihr eine Menge Geld, dass wir an einer bestimmten Sache forschen.“
Wieder suchte er nach Worten. Er war müde und erschöpft und ich sah, wie er um jedes einzelne Wort kämpfen musste.
„Wir haben uns bestimmte geo- und elektrophysikalische Eigenschaften der Atmosphäre zunutze gemacht, um die individuellen Biosignaturen einzelner Menschen ausfindig zu machen.“
Wir blickten ihn nur fragend an. Das überstieg mein Discoverychannelwissen, erinnerte mich allerdings an den Smalltalk dieser Raumschiffcrew, die immer in chlafanzügen durchs Weltall flog…  Enterprise, das war es! – die Next Generation.
„Wir haben die Erdatmosphäre und Troposphäre manipuliert, um mit Hilfe von kontrollierten meteorlogischen Eigenschaften und Nanotechnologie Menschen aufzuspüren und um sie gegebenenfalls sogar zu eliminieren.“
„Mann, Papa! Sprich deutsch!“, beschwerte sich sein entnervter Sohn.
„Ihr habt mit dem Wetter experimentiert und daraufhin sind die Menschen verschwunden?“, hakte Vanessa nach, die sich interessiert nach vorn zu Jochen gebeugt hatte und anscheinend mehr verstanden hatte als wir übrigen.
Jochen atmete tief durch. Er wurde ruhiger. Über seine Arbeit zu reden schien ihm Sicherheit und Halt zu geben. Er kam mir nicht mehr so ganz wie ein Welpe vor, den man an einem Autobahnparkplatz angeleint zurückgelassen hatte.
„Die Regierung hatte die DNA Sequenzen von allen Menschen, die je einmal ein Krankenhaus von innen gesehen haben; egal wo auf der Welt. Diese Sequenzen oder Signaturen produzieren, wie wir herausgefunden haben, auch ein bestimmtes elektromagnetisches Feld um jedes Individuum herum, dass wiederum selbst einzigartig ist und das mithilfe von Quantencomputern und Nanotechnologie erfasst werden kann… so in etwa.“
Wieder blickten wir ihn nur fragend an. Menschen runzeln dabei oft ihre Stirn, halten den Mund leicht geöffnet, oder schauen so, als ob sie etwas Schlechtes riechen würden. Aus Reflex muss ich selbst in solchen Situationen immer meine Ohren spitzen und meinen Kopf schief halten – angeblich muss es auch „niedlich“ aussehen, wie Ann-Marie und David meinen.
„Mit dieser Technologie können wir die Menschen nicht nur aufspüren, sondern auch in ihre Moleküle zerlegen und in unserer Rechnerbasis abspeichern.“
Jetzt schloss er die Augen, legte sein Gesicht wieder in die Hände und fing wieder an zu weinen.
„Es ist schiefgelaufen. Der Reaktor… Es gab eine Fehlfunktion… Alle… er hat alle aufgelöst und sie sind weg…“, wimmerte Jochen. Wir konnten ihn kaum verstehen.
Jetzt wurde David wieder aktiv und aggressiv. Er packte Jochen am Kragen und zog ihn dicht an sich heran.
„Wie macht man das wieder rückgängig?!“, fragte er ihn drohend, leise und bestimmt. Ich habe David noch nie so wütend gesehen, noch nie so fokussiert und ernst. Seine Wut, Furcht, Angst und Trauer – all das konzentrierte sich gerade auf einen Punkt, einen kleinen schwitzenden, labilen Mann mit Hornbrille, der anscheinend aus Versehen die gesamte Menschheit vernichtet hatte.
„Du hast gesagt, dass die Menschen in eurem Rechner abgespeichert sind. Also sind sie noch da. Wie kriegt man sie wieder dort heraus?“
Jochen und David blickten einander an, als wären sie die letzten übriggebliebenen einer Pokerrunde. Und es ging um alles oder nichts.
„Das Rechenzentrum ist abgestürzt. Es muss wieder hochgefahren werden. Deswegen bin hier.“ David ließ Jochen langsam wieder los. „In meinem Büro sind die Codes für das Backup System. Mit ihnen habe ich eine Chance die Anlage wieder in Betrieb zu nehmen und alles wieder rückgängig zu machen. Wir müssen uns beeilen. Wenn die Reaktorzellen erst kalt gelaufen sind, wird sich der Speicher der Recheneinheiten entladen und alle Signaturen werden für immer gelöscht.“
„Du meinst, dass du dann alle Menschen endgültig getötet hast.“, korrigierte ihn sein Sohn.
„Worauf warten wir dann noch? Fahr los!“, drängte Vanessa.
Jochen nickte, atmetet wieder einmal tief durch und startete den Wagen.
„Wir müssen vorsichtig sein.“, warf David ein, als der Wagen sich in Bewegung setzte und Thomas und Jochens Haus ansteuerte. „Die Tiere, und vor allem die Vögel… Sie sind seltsam seit dem Gewitter. Sie sind aggressiv. Sehen Sie diese Kratzer?“, David zeigte auf seine Wunden im Gesicht und an den Armen, „Das waren Krähen, die uns in ihr Haus gefolgt sind. Sie wollten uns umbringen.“
„Das ist in der Tat seltsam.“, sagte Jochen und sah mich in diesem Moment skeptisch und verunsichert an. Ich sah ihm wahrscheinlich zu interessiert an allem aus, also leckte ich mich zwischen den Beinen, um für ihn etwas hundetypischer zu erscheinen. Es funktionierte wohl und er wendete sich wieder von mir ab – ein wenig angewidert. Prüder Snob.
„Keine Angst. Unser Doc hier ist völlig in Ordnung geblieben.“, versicherte ihm David und tätschelte mich.
„Eigentlich sollte der Prozess keinen Einfluss auf andere Lebewesen haben. Das ist wirklich seltsam. Ich checke das, sobald zurück in meinem Labor sind, okay?“
Jochen parkte den Wagen vor dem Haus. Alle suchten den Himmel ab. Es war keine Krähe zu sehen.
„Hört zu, ich springe schnell hinein, hole die Daten aus meinem Büro und bin im Nullkommanichts wieder bei euch.“, sagte Jochen.
Die Kinder nickten etwas unsicher und bevor er die Fahrertür wieder hinter sich schloss, drehte er sich noch einmal zu Thomas um.
„Es tut mir leid… Das alles… Das ich nicht für dich da war. Es war alles ein Fehler… Es tut mir leid.“, sagte er leise zu ihm. Dann schloss er die Tür und lief ins Haus. David kraulte mich hinterm Ohr. Die Hitze hatte etwas nachgelassen. Tatsächlich hatte sich der Himmel etwas zugezogen. Die Kinder beunruhigte es, das spürte ich. Es war nur verständlich, denn das letzte Gewitter, dass sie erlebten hatten, hatte ihre Welt, wie sie sie kannten, komplett aus den Fugen gerissen. Aber diesmal, schien es ein ganz normales Sommergewitter zu sein. Die Luft hatte sich bereits abgekühlt und einzelne, kleine Regentropfen prasselten auf den Wagen.
„Jochen kommt wieder aus dem Haus raus.“, sagte David und wollte ihm gerade die Fahrertür öffnen, als ein dicker, weißer Flatschen auf der Windschutzscheibe landete. Es war Vogelscheiße… und zwar von einem großen Vogel. David drehte sich schnell in seinem Sitz herum und ließ die Fensterscheibe herunter.
„Jochen! Beeil dich! Lauf!“, brüllte David.
Dann sahen auch Thomas und Vanessa den schwarzen Albtraum am Himmel. Es waren nicht nur die Gewitterwolken, die den Himmel verdunkelt hatten – die Krähen waren zurück. Jochen blieb angewurzelt auf dem Rasen stehen. Angst und Panik verwirrten seinen Überlebensinstinkt. Er sollte um sein Leben rennen, aber er konnte sich nicht rühren. Ihm blieben nur Sekunden, um den Sturm zu beobachten, der in Form schwarzer Federn auf ihn zu raste.
„Papaaa!“, schrie Thomas, aber es war zu spät. Sein Vater verschwand in der schwarzen Wolke. Der Lärm der Krächzenden Vögel verschluckte Jochens Schmerzensschreie. Thomas wollte zu ihm, ihm helfen. Aber Vanessa packte ihn und hielt Thomas mit aller Kraft zurück. Er hätte keine Chance gehabt. Wir konnten nichts tun.
Die Kinder weinten und ich bellte, schrie und flehte sie an den Mann in Ruhe zu lassen, aber ohne Erfolg. In dem wirren Durcheinander konnten wir dann plötzlich ausmachen, wie Jochen, wild um sich schlagend aufraffte und auf uns zuhielt.
„Mach die Tür auf!“, schrie Thomas, aber David zögerte.
„Noch nicht, sonst sind sie hier drin. Er muss erst am Wagen sein!“, antwortete David und Vanessa hielt Thomas mit aller Kraft zurück, damit er nicht die Tür aufstieß.
Jochen kämpfte sich Schritt für Schritt voran. Seine Gestalt konnte man durch die zappelnde Masse nur erahnen. Doch dann stand er direkt vor der Beifahrertür. Er kämpfte um sein Leben. David machte sich bereit.
„Jetzt!“, schrie er und öffnete die Tür.
Jochen quetschte sich hindurch und David zog die Tür schnell wieder zu. Er brauchte drei Versuche. Immer wieder klemmten sich die Vögel dazwischen. Eine Krähe schaffte es hinein, aber ich schaffte es sie zu schnappen und ihr den Kopf abzubeißen. Jochen fiel auf die Rückbank. Sein Gesicht war blutüberströmt.
„Thomas! Starte den Wagen und bring uns hier weg!“, schrie David.
„Aber ich kann doch gar nicht fahren!“, schrie Thomas, während er den Kopf seines Vaters auf seinen Schoß legte.
„Aber ich!“, sagte Vanessa, kletterte auf den Fahrersitz und startete den Wagen. Wir fuhren los.
„Wohin?“, fragte sie.
„Egal wohin! Nur weg hier und vor allem, weg von diesen Krähen!“, erwiderte David und Vanessa trat aufs Gas. Vanessa umsteuerte die stehengebliebenen Autos und fuhr Richtung Autobahn. Kluges Mädchen. Dort würde sie schneller fahren, als diese Mistviecher fliegen können.
„Papa, hörst du mich?“, fragte Thomas seinen Vater. Diesmal ganz sanft. Jochen sah aus, als wäre er in einen Rasenmäher gefallen. Er war aber noch bei Bewusstsein und flüsterte: „Zur Universität… müssen zum Labor… die Daten aufspielen… müssen zum Labor.“ Dann fiel sein Kopf zur Seite und er verlor sein Bewusstsein. Thomas rief weinend nach seinem Vater. Aber er reagierte nicht. Doch ich spürte, dass er noch lebte.
Vanessa hatte die Autobahn erreicht. Sie fuhr auf dem Seitenstreifen und gab Vollgas. Wir waren erleichtert, als wir sahen, wie die Krähen immer weiter zurückfielen. Leider kannten diese kleinen Scheißer sicherlich unser Ziel. Ich musste die Kinder irgendwie warnen, aber wie? Außerdem merkte ich in diesem Augenblick, dass ich das Autofahren eigentlich gar nicht gut vertragen konnte.

ZEHN

„Verflucht, Papa! Was sollen wir nur tun? Wir müssen dich zu einem Arzt bringen, dich in ein Krankenhaus schaffen!“, murmelte Thomas verzweifelt, mehr zu sich selbst, als zu seinem Vater, der blutend auf dem Rücksitz lag, den Kopf in Thomas Schoß gebettet.
Thomas versuchte die Blutungen in Jochens Gesicht zu stoppen. Er benutzte die Pflaster und Mullbinden, die er dem Erste Hilfe Koffer aus dem Kofferraum entnommen hatte. David ist während der Fahrt nach hinten durch gekrabbelt und war zum Glück fündig geworden. Thomas gab sich zwar große Mühe, aber seine Fertigkeiten Verletzungen zu behandeln ließen zu wünschen übrig. Er war eher besser darin, sie anderen zuzuführen.
Thomas Vater sah alles andere als gut aus. Sein rechtes Auge wird er wohl nicht wieder benutzen können. Außerdem haben diese Teufel an seinen Ohren, seiner Nase und an seinen Lippen gezerrt und ihm ganze Stücke seines Gesichts herausgerissen. Es sah aus, wie ein Marmeladenbrot; Waldfrucht mit ganzen Stückchen. Das hatten die Vögel innerhalb weniger Sekunden erreicht. Hätten wir Tiere uns je gegen die Menschen koordiniert, dann hätten wir sie innerhalb weniger Stunden ausgelöscht. Doch das haben sie letztlich selbst getan.
Jochen war bewusstlos. In dem Wagen war es stickig und sehr warm. Es roch nach Blut und Schweiß. Ich musste dort raus. Und zwar schnell. Ansonsten hätte ich leider in den Wagen gekotzt. Ich machte mich also bemerkbar. Mit einem unmissverständlichen Geheule, untermalt mit dem wehleidigsten Blick, den ich je aufgesetzt hatte.
„Wir müssen anhalten. Ich glaube Doc ist schlecht.“ David hatte mich auf Anhieb verstanden – unsere Kommunikation lief immer 1a.
„Auf keinen Fall. Eher schmeißen wir deine bescheuerte Töle raus! Wir fahren in ein Krankenhaus!“, forderte Thomas vehement.
„Und was dann? Alle Menschen sind weg. Inklusive aller Ärzte. Sie sind alle abgespeichert in diesem beschissenen Computer, den dein Vater gebaut hat!“, gab David ihm zurück. „Vanessa, fahr rechts ran, sonst werden wir alle gleich selbst vor Kotze kotzen müssen und niemand kann mehr in diesem Wagen fahren!“
„Lass mich die nächste abfahren. Die Uni ist schon ausgeschildert. Ich war vor ein paar Monaten schon einmal mit Onkel Jochen dort. Nach der Abfahrt müsste ein Tunnel kommen. Dort können wir raus. Ich habe immer noch Angst, dass uns die Krähen wieder einholen werden.“, schlug Vanessa vor und steuerte die Ausfahrt an, immer den Rückspiegel im Auge, den Himmel nach schwarzen Wolken absuchend.
Es wurde für mich langsam brenzlig. Mir wurde schwindlig und ich merkte, wie es mir hochkam. Lange konnte ich es nicht mehr unterdrücken. Ich schluckte bereits meine Galle.
„Das gibt es doch nicht! Du fährst in ein Krankenhaus, du blöde Kuh, sofort!“, schrie Thomas.
„Halt deine Klappe! Halt bloß deine Klappe! Jochen sieht schlimm aus, aber er wird es überleben. Wir müssen zu diesem Computer!“, schrie David und ich wusste, dass er natürlich immer noch Ann-Marie im Kopf hatte.
Wir fuhren die Abfahrt ab und ich sah bereits den Tunnel – dunkel. Auch hier hatte die Elektrizität ihren Geist aufgegeben.
„Vanessa!“, schrie Thomas vom Rücksitz.
Wir fuhren in den Tunnel, der unter einen Fluss hindurchführte. Vanessa fuhr noch einige Meter hinein, bevor Sie den Wagen anhielt und David mir die Beifahrertür öffnete. Keine Sekunde zu früh, denn meine Gummibeine trugen mich gerade noch so hinaus, als ich im hohen Bogen mein Mittagessen von mir gab. Ich hörte den Tumult hinter mir, aber ich konnte nicht reagieren. Ich war noch zu benommen. Aber aus dem Augenwinkel sah ich, wie ein extrem aufgebrachter Thomas um den Wagen herumlief, direkt auf David zu marschierte und ihm einen festen Hieb in die Magengrube verpasste. Meine Beine fühlten sich wie Pudding an und die Welt drehte sich. Ich konnte nichts tun.
„Du kleines Arschloch! Dann bleib doch hier mit deinem Köter! Wer hat dich hier eigentlich zum Chef gemacht?! Kannst du mir das sagen, du kleiner Penner?!“, schrie Thomas.
Vanessa war bereits ausgestiegen und zog ihren Cousin zurück.
„Es reicht! Was ist los mit dir?!“, schrie sie und schubste ihn zurück. „Was ist bloß los mit dir?!“, wiederholte sie aber Thomas, dem ihr kleiner Schubser überhaupt nichts ausmachte und der keinen Millimeter zu bewegen war, stieß sie mit einem kräftigen Stoß von sich weg. Sie verlor das Gleichgewicht und landete hart auf ihrem Allerwertesten. Sie schrie auf. Das muss weh getan haben. In seinen Augen sah ich nur blinde Wut. Mit ihm waren die Nerven durchgegangen. Die ganze Situation überforderte ihn. Er war ein labiles Kerlchen. Seine aggressive physische Gewalt war das einzige, an dem er sich festhalten konnte. Aber er hatte sie natürlich nicht unter Kontrolle. Pubertierende Menschen. Na ja, wir sind oft auch nicht besser, wenn unser Reproduktionstrieb erst einmal erwacht ist.
Auf einmal sprang David hervor und schlang sich um Thomas Hüften. Der Versuch ihn zu Boden zu werfen misslang ihm jedoch kläglich und Thomas rammte ihm nur seine Ellenbogen ins Kreuz. Die Welt hatte sich inzwischen aufgehört zu drehen und meine Beine hatten ihren gewohnten Halt wieder. Ich zögerte nicht und preschte auf Thomas zu. 50 Kilogramm wütender Hund schafften es dann doch diesen gestörten Jungen umzuhauen. Er wurde auch ganz still, als ich meine Zähne fletschte – nur wenige Millimeter von seiner Nase entfernt – und ich ihn mit meinem eigenen zornigen Blick durchbohrte.
„Doc! Aus!“, keuchte David hinter mir. Er und auch Vanessa hatten sich gerade wieder aufgerappelt, als sich eine weitere Tür am Wagen öffnete.
„Thomas.“, röchelte Jochen. Er war noch so schwach, dass er sich an der Tür abstützen musste, um nicht zu fallen.
„Hört auf. Bitte…“ Ich ließ Thomas Bein nur widerwillig los und er humpelte zu seinem Vater. Thomas stützte ihn. Blut tropfte noch weiter von Jochens Gesicht und die Mullbinden waren bereits vollgesogen.
„Wir müssen dich in ein Krankenhaus bringen.“, forderte Thomas, aber Jochen schüttelte den Kopf.
„Nein. Wir fahren jetzt in mein Labor. Es ist nicht mehr weit. Wir müssen…“ Er unterbrach den Satz, um einmal wieder Luft zu holen, denn der Rest seiner Nase war von der blutdurchtränkten Mullbinde verdeckt, die um seinen Kopf herumgewickelt war. „… wir müssen den Prozess umkehren, bevor es zu spät ist. Los jetzt!“, sagte er mit aggressivem Nachdruck, beinahe manisch. Ein Tonfall in seiner Stimme, der für mich sehr fremd an ihm klang. Ab diesem Moment kam mir Jochen ein wenig schizophren vor und in seinen Augen glaubte ich eine Art wahnsinniges Funkeln zu sehen. Ich mistraute diesem Mann. Da war etwas ganz und gar nicht in Ordnung in seinem Menschenhirn.
Vanessa und David waren weniger skeptisch, tauschten nur einen Blick aus und nickten einander zu. Dann stiegen sie in den Wagen. Vanessa setzte sich ans Steuer und David sich wieder auf den Beifahrersitz.
„Komm Doc.“ Ich warf Thomas noch einmal einen unmissverständlichen Blick zu, den er auch mit einem zurecht unwohlen Gefühl aufgenommen hatte, bevor ich mich zu David gesellte. Thomas half seinem Vater wieder behändig auf die Rückbank.
„Weißt du noch, wo wir lang müssen?“, fragte David.
„Ja. Die Uni ist gleich hinter dem Tunnel. Stimmt doch Jochen?“, vergewisserte sich Vanessa und blickte dabei durch den Rückspiegel zu Jochen. Er nickte lediglich und sah aus, als würde er jeden Moment wieder das Bewusstsein verlieren.
„Ja.“, stöhnte er leise, während Thomas sich daranmachte, ihm einen neuen Verband anzulegen.
„Hinter dem Tunnel links… dann die Abfahrt und wir sind am… Technologiezentrum. Gleich neben dem Tierpark.“, sagte er weiter, während dunkelrotes Blut seine Mundwinkel hinunter troff. Tierpark? Ich hatte ein ganz mieses Gefühl bei Erwähnung dieses Wortes und hasste es wieder einmal meine Befürchtungen den Kindern nicht mitteilen zu können. Vanessa schaltete die Scheinwerfer ein und wir fuhren in den unbeleuchteten Tunnel, vorbei an stehengebliebenen und ineinander gefahrenen Autos und LKW und den Kleidern, Schuhen und sonstigen Hab und Gut ihrer Besitzer.

     ELF

Wir ließen die Dunkelheit des Tunnels hinter uns und nahmen die nächste Abfahrt, die uns zum Universitätsgelände bringen sollte. Vanessa fuhr langsamer und versuchte sich mühselig an den Schildern zu orientieren. David hielt auch die Augen auf – und ließ seinen Blick immer mal wieder Richtung Himmel wandern, um nach gefiederten Wolken Ausschau zu halten.
„Wo hast du eigentlich fahren gelernt. Du machst das ja echt wie ein Profi. Ich meine, wie alt bist du? Dreizehn, vierzehn?“, fragte David und ich fragte mich, ob es ein holpriger Flirtversuch war.
„Ich bin dreizehn und das Fahren hat mir mein Vater beigebracht. Wir sind am Wochenende oft raus aufs Land zu meinen Großeltern gefahren. Ich fand es ziemlich nervig, weil ich lieber bei meinen Freunden in der Stadt geblieben wäre. Also dachte sich mein Vater etwas für mich aus, dass es wieder gut machen könnte. Seitdem fahren wir die Straßen über die Felder und in dem kleinen Dorf ab. Da ist nichts los und niemanden interessiert es.“ Sie folgte einer weiteren Ausfahrt, die an einem kleinen, bewaldeten Weg entlangführte.
„Sind deine Eltern nicht hier? Ich meine…“, fragte David und merkte prompt, dass er in ein Fettnäpfchen getreten war. Die Miene des Jungen verriet es mir. Vanessa reagierte aber nicht darauf.
„Nein. Meine Eltern haben sich getrennt. Ist eigentlich noch nicht so lange her. Ich bin alleine hier, weil meine Mutter sich auch nicht mehr so gut mit Onkel Jochen versteht, wie früher einmal. Sie meinte er arbeitet zu viel und lässt Thomas zu oft alleine.“
„Hey, halt deine Klappe! Was habt ihr denn schon für eine Ahnung!“, fuhr Thomas sie vom Rücksitz aus an.
„Schon gut.“, stöhnte Jochen. „Sie hat recht. Ich hätte öfter zu Hause sein sollen. Ich hätte so wie so mehr Arbeit abgeben müssen. Vielleicht wäre dann dieser ganze Schlamassel nicht passiert.“
„Schlamassel ist ja wohl echt untertrieben!“, sagte David und warf Jochen einen vernichtenden Blick zu. Ich merkte, wie sich die Atmosphäre in dem Wagen geradezu unerträglich auflud.
„Mann, ist jetzt mal gut. Hört ihr beiden jetzt mal sofort auf, auf meinem Vater herumzuhacken?!“, forderte Thomas erneut, diesmal mit mehr Nachdruck. Er hatte sich provokant nach vorne zu David gelehnt und dabei schrie er ihm die Worte fast in das Ohr. David drehte sich auf einmal schnell zu ihm um und stieß ihn zurück.
„Und du, du Arsch, gehst mir besonders auf den Sack! Merkst du eigentlich selbst gar nicht, wie gestört du bist? Merkst du eigentlich selbst gar nicht, dass du nicht mehr klarkommst? Dass sogar schon deine Cousine vorbeikommen muss, um nach dir zu sehen? Und du gerade einen Typ in Schutz nimmst, der für den Untergang der Menschheit verantwortlich ist?!“, konterte David und kämpfte bei den letzten Worten nur noch darum, sich zurück zu nehmen und die Fassung zu bewahren.
Thomas fiel nichts mehr ein, außer wieder einmal seine physische Überlegenheit zu demonstrieren. Er holte gerade zum Schlag aus, da fletschte ich allerdings erneut meine Zähne sprang und bellte und knurrte ihn an, dass ihm mein Geifer im Gesicht traf. Der Junge ging mir langsam aber sicher wirklich auf die Nerven.
„Nur zu, diesmal pfeif ich ihn nicht zurück.“, sagte David. Jochen blieb nur reglos sitzen.
„Da!“, rief Vanessa, die während des ganzen Chaos verzweifelt versucht hatte sich auf den Weg zu konzentrieren. Sie deutete auf ein Schild Institut für Biophysik. „Dort müssen wir doch hin, oder Jochen?“
Jochen war wieder in sich gekehrt, als der Streit zwischen David und Thomas ausgebrochen war. Er hatte wieder sein weinerliches, wehleidiges Gesicht aufgelegt. Sein apathisches Ich hatte wieder seinen Platz eingenommen. Trotzdem griff Vanessa mit einer Hand nach hinten und rüttelte an seinem Bein. Er schien wieder aufzuwachen.
„Richtig.“, sagte er benommen. „Fahr da drüben auf den Parkplatz, von dort kommen wir am besten ins Labor. Wir müssen…“ Aber Jochen konnte seinen Satz nicht beenden.
Ich erinnerte mich selbst nur an einen lauten Knall, ein tosendes Gewitter aus Metall und Glas. Alles drehte sich. Fensterscheiben barsten. Und der Wagen lag auf einmal auf dem Dach. Die Welt hatte sich gedreht. Die Kinder schrien. Und auch ich hatte mir ganz schön die Birne gestoßen.
„Ach du meine Fresse!“, stöhnte David.
Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf das, was den Boden erbeben ließ und auf uns zuraste, wie ein Güterwagon in voller Fahrt. Das Nashorn rammte das vordere Drittel des Wagens und wir drehten uns auf dem Dach, wie ein Kreisel. Der Schlag schleuderte uns allesamt einmal quer durch den Wagen.
„Was ist das?!“, schrie Thomas. Er lebte also noch – leider.
„Ein Nashorn! Ein ausgeflipptes, wildes Nashorn!“, schrie Vanessa. Auch sie lebte noch und war so weit in Ordnung.
Ich versuchte einen Blick durch das zerstörte Fenster an der Beifahrerseite zu erhaschen. Ich sah dieses gewaltige Tier, wie es sich von unserem Auto entfernte. Nur, um noch einmal ordentlich Anlauf zu nehmen, befürchtete ich.
„Raus hier! Die Tür ist offen!“, keuchte Thomas, kletterte bereits durch die hintere Tür, auf der dem Nashorn abgewandten Seite. Dann zerrte er seinen Vater nach draußen, der sich seine blutende Stirn hielt und leise stöhnte. Auch er hatte die Attacke erst einmal überlebt.
David und Vanessa kletterten durch die Sitze nach hinten, aber ich hörte bereits das bebende Stampfen einer weiteren Attacke der riesigen grauen Bestie. Doch bevor es ein weiteres Mal sein Horn in die bereits lädierte Karosserie des Autos bohren konnte, hatten wir drei es doch noch rechtzeitig nach draußen geschafft. Wir rannten Thomas und Jochen hinterher zum Gebäude.  Thomas stützte seinen Vater und sie waren nicht sehr schnell vorangekommen. Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, wie das Auto sich ein weiteres Mal drehte. Ich wandte meinen Kopf und sah das tobende Monstrum, wie es mit seinen Vorderhufen immer wieder auf den Wagen eintrat und er unter der Belastung dieser tonnenschweren Gewalt wie eine Konservendose zusammengedrückt wurde.
„Wo ist das denn auf einmal hergekommen?“, schrie Thomas.
„Wahrscheinlich aus dem Zoo ausgebrochen. Direkt neben der Uni ist nämlich einer.“, keuchte Vanessa. Wir hatten die beiden inzwischen eingeholt und waren jetzt vor dem Gebäude, wo wir schnell in eine Unterführung hineinliefen, von der aus mehrere Türen ins Gebäude führten.
„Ja, wahrscheinlich ist es zusammen mit denen dort aus ausgebrochen.“, sagte David und zeigt auf den dunklen, sich bewegenden Schatten vor den Eingängen. Unter dem Pavillon kamen sie dann hervor. Löwen, Affen, Leoparden, Tiger, Wölfe; alles, was der Zoo an zähnefletschenden Schwergewichten zu bieten hatte. Die Kinder und Jochen erstarrten vor Angst. Ich musste etwas tun.
Hi Leute, wie geht’s? Ganz schön heiß heute, findet ihr nicht?, mir ist absolut nichts Besseres eingefallen und ich kam mir total belämmert vor. Dort standen sie. Jahre hinter Gittern. Eingesperrt für ein Verbrechen, das sie nicht begangen haben. Die Krähen konnte ich schon nicht besänftigen. Mir fiel absolut nichts ein, was ich meinen Kollegen dort aus dem Knast hätte sagen können.
Doc. Ich kenne dich. Vor einiger Zeit hast du mich mit diesem Jungen dort einmal besucht. Ihr standet gemeinsam vor meinem Käfig. der junge betrachtete mich mit erfurcht und erstaunen. du konntest dein mitleid, dass du zu diesem zeitpunkt für mich hegtest, allerdings nicht verbergen, grummelte eine Stimme in meinem Kopf.
Zuerst konnte ich sie nicht zuordnen, doch dann, als er hervortrat, erinnerte ich mich. Der König. Ann-Marie, David und ich besuchten ihn vor ein oder zwei Jahren. Damals hatten wir nur ein kurzes Gespräch. Zwischen den Gittern war eine Unterhaltung auch nur sehr schwer möglich. Es war einfach zu beklemmend. Ich hatte ihm damals gesagt, dass es mir so leidtat, sie alle hinter diesen kalten Gitterstäben zu sehen. Ich hatte ihn gefragt, wie lange wir unsere Rolle als Nutztiere noch spielen müssten. Er sagte, dass wir noch ein wenig Geduld aufbringen müssten, bis der große Boss etwas anderes befehlen würde. Tja, ich hatte es gut. Sie nicht. So viele von uns nicht.
Sie wollen es wieder rückgängig machen. Sie versuchen, dass, was passiert ist, wieder ungeschehen zu machen., sagte ich ihnen.
     Jochen und die Kinder standen immer noch stocksteif unter dem Pavillon. Niemand von ihnen wagte sich zu bewegen, niemand wagte zu sprechen, zu flüstern. Lediglich Davids fragenden Blick spürte ich in meinem Nacken. Er hatte während dieser Zeit genug gesehen, um sich seinen eigenen Reim darauf zu machen.
DU DENKST ALSO, DASs WIR DEN MENSCHEN ALL DAS HIER WIEDER ZURÜCK GEBEN, NACHDEM SIE ES SO LEIDENSCHAFTLICH ZERSTÖRT UND VON SICH WEG GESTOSSEN HABEN. der grosse geist bleibt stumm, wir sehen es als das zeichen, unseren rechtmässigen platz wieder einzunehmen.
Ich wusste, worauf diese Diskussion hinauslaufen würde. Mir fehlten jegliche Argumente. Ich konnte die Menschen nicht verteidigen. Acht Milliarden und nur so wenige von ihnen waren auf den Fortbestand der Welt, geschweige denn ihrer eigenen Spezies bedacht. Mein Zögern sagte dem König mehr, als ich mit Worten beschreiben konnte. Er lächelte mich nur an – ein Lächeln unter uns Tieren.
Ich hörte bereits von den Krähen, dass du sie verteidigst. sie sind hier – falls du dich fragst. Sie haben uns bereits von eurem kommen und eurem vorhaben unterrichtet. doch habe ich ihnen befohlen auf dem dach dieses gebäudes platz zu nehmen. Sie sind nur sehr schewr im Zaun zu halten.
Der König trat nun aus dem Schatten heraus. Scheiße, ich hatte zwar viel von ihm im Fernsehen gesehen, seit Ann-Marie sich eine neue Mattscheibe zugelegt hatte, sogar in HD, aber diese Begegnung übertraf alles. Er trug all unsere Erinnerung in sich. Sie strahlten förmlich von ihm aus. Es wird seit Jahrtausenden weitergegeben. Langsam, majestätisch schritt er auf uns zu. Seine Garde, die anderen Karnivoren des Zoos, richtete sich im Schatten auf, wohlwissend, dass sie unnötig war.
Bitte, lasst sie leben. Sie sind meine Freunde und…
Doc. Du hast keine Ahung, wie knapp unsere zeit bereits gewesen ist. Der König schritt um sie herum. Niemand wagte sich zu bewegen. Nur David sah mich an, als würde er mich darum bitten, ein letztes gutes Wort für sie einzulegen.
Ozeane, länder, kontinente. Sie haben sie verseucht. sie haben uns verseucht. sie essen uns aus irrsinnigen aberglauben heraus. sie essen uns aus spass und töten sich damit selbst. doc! was willst du mit ihnen? sie laufen auf ihren eigenen abgrund zu. hätten sie jetzt nicht den schlussstrich gezogen, hätten wir sie ohnehin wieder vertrieben. so viele jahrtausende geduld. umsonst. der unfall erspart uns das blutvergiessen… Es ist ein zeichen. es ist das zeichen, das wir so lange ersehnt haben. es tut mir leid um deine freunde. wir können nicht zulassen, dass sie die anderen wieder herbeiholen.“, sagte er entschieden, aber mit Bedauern.
Ich wusste nicht, was ich dem König antworten konnte. Irgendeine Art von Entschuldigung, eine Versicherung, dass sie sich bald bessern würden?! Scheiße, mir fiel nichts ein.

ZWÖLF

„LAUFT!“, schrie Jochen und spurtete plötzlich in Richtung des angrenzenden Gebäudes. Die Kinder reagierten sofort und rannten ihm nach. Ich meinerseits, muss gestehen, dass ich von der unvorhergesehenen Aktion ein wenig überrascht wurde. Meine tierischen Kollegen konnten vor lauter Staunen auch erst einmal nur zusehen, wie sich ihr Mittagessen entfernte. Erst als der König ihnen laut befahl: SCHNAPPT SIE EUCH! wurden alle wach und auch ich rannte dann endlich hinter ihnen her, gefolgt von Wölfen, Löwen, Hyänen und anderen zähnefletschenden Vier- und Zweibeinern. Manchmal sind die einfachsten Ideen die Besten – einfach wegzulaufen. Oder es zumindest versuchen. Sie hatten sonst keine andere Wahl und auch bald keine Zeit mehr für andere Aktionen. Rennen oder gefressen werden.
Jochen und die Kinder hatten den Eingang des Gebäudes erreicht und Jochen suchte verzweifelt nach einem Schlüssel, um die Tür zu öffnen. Wenn er nicht binnen weniger Sekunden die Tür aufbekommen hätte wäre für sie – und für mich höchstwahrscheinlich auch – das Spiel vorbei gewesen.
Aber als ich sie an der Tür eingeholt hatte, zog Jochen bereits die Tür auf und wir konnten allesamt schnell hineinspringen, bevor die Tiere uns erreichen würden. Wir waren im Gebäude, Jochen stieß die Tür hinter sich zu und wir hörten es nur noch laut krachen. Es war zwar eine solide Metalltür mit nur einer kleinen Sicherheitsscheibe in der Mitte, aber ich zweifelte an ihrer Standhaftigkeit, wenn sich draußen erst einmal das Nashorn gegen sie mobilisieren würde.
„Verdammt! Was ist denn mit denen los?!“, keuchte Jochen.
„Dasselbe wie mit den Krähen. Dein Experiment muss sie alle verrückt gemacht haben!“, sagte David.
„Das kann gar nicht sein. Das ist völlig unmöglich. Es war schwierig genug die menschliche DNA herauszufiltern. Die Chance auch noch unterschiedliche Signaturen nur minimal beeinflusst zu haben geht gegen Null. Das ist völlig unmöglich!“, haspelte Jochen.
„Können wir das Rätsel vielleicht ein anderes Mal lösen?“, fragte Vanessa und beäugte besorgt die Tür.
„Ich glaube nämlich nicht, dass diese dünne Tür den Zoo auf ewig von uns fernhalten wird. Vielleicht regen sich die Tiere ja wieder ab, wenn wir die Verwandlung erst einmal wieder rückgängig gemacht haben. Wo müssen wir denn hin? Wo ist diese Maschine?“
„Wir sind zwar im falschen Gebäude“, sagte Jochen, „, aber von diesem Gebäude führt ein Weg durch die Tiefgarage ins nächste Gebäude. Kommt, wir müssen die Treppen nehmen. Der Strom ist auch hier immer noch lahmgelegt. Thomas, komm her und leuchte den Weg.“
Jochen lief voran und öffnete eine Tür zum Treppenhaus. Dort war es stockduster, aber Thomas hatte seine Maclite noch dabei und konnte uns den Weg über die Treppe nach unten leuchten. Es roch nach Öl und Benzin. Die Tiefgarage konnte höchstens zwei Stockwerke unter uns liegen. Ich hoffte, dass meine Kameraden draußen uns nicht auf die Schliche kommen. Ansonsten wäre es ein kurzer Ausflug geworden. Aber noch schien alles ruhig zu sein und ich konnte nichts Haariges wittern. Wir kamen im Kellergeschoss an und Jochen öffnete vorsichtig die Tür. Er linste durch den Türspalt.
„Hier ist es immer noch sehr dunkel. Aber ich kenne den Weg.“, sagte er. „Thomas, verdecke das Licht der Lampe ein wenig und lasst uns so leise wie möglich sein. Ich bin mir wegen der Tiere einfach nicht sicher.“ Wieder einmal beäugte er mich mit einem skeptischen Blick. Ich wollte ihm keinen Grund zum Misstrauen mir gegenüber liefern, also tat ich so unauffällig wie möglich, setzte mich auf meinen Hintern und kratzte mich hinter dem Ohr – tat also etwas hundetypisches, wie ich meinte.
Wir schlichen also so leise wie möglich durch die Tiefgarage, bis wir am anderen Ende vor einer neuen Tür standen, die Jochen diesmal allerdings nicht aufbekam.
„So ein Mist. Das Sicherheitssystem muss sie nach dem Stromausfall verriegelt haben.“, sagte Jochen, nahm seine Brille ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Und jetzt?“, fragte Thomas.
„Ich überlege. Gebt mir einen Moment.“
Dann trat David nach vorn und inspizierte die große, Doppeltür aus Metall.
„Kannst du eigentlich Autos knacken, wenn du wolltest?“, fragte David Jochen.       Dieser setzte seine Brille wieder auf und blickte David fragend an. Dann ging ihm ein Licht auf.
„Ja, das könnte klappen.“
Jochen nahm Thomas die Taschenlampe aus der Hand, der sie nur widerwillig losließ. Wir verließen die Tür und Jochen und David suchten die Tiefgarage ab. Sie sahen sich verschiedene Autos an.
„Leute, wenn ihr uns sagen würdet, was genau ihr sucht, könnten wir euch vielleicht helfen.“, sagte Vanessa.
„Wir suchen einen Wagen. Einen relativ großen und stabilen, denn wir wollen ihn gegen diese Tür rammen.“, sagte David.
„Was?!“, sagte Vanessa und sah die beiden vorwurfsvoll an. Ihr gefiel die Idee anscheinend nicht. Und wenn ich recht überlegte, war es tatsächlich nicht all zu ungefährlich.
„Hier ist ein Wagen! Wir nehmen diesen hier.“, sagte David. Und dann schrie er auf und stolperte rücklings auf den Boden. Wir rannten sofort zu ihm. Und da sahen wir den Grund seines Schreckens.
Ein Mann. Mitte fünfzig, in einem grauen Anzug. Er lehnte mit dem Rücken an der Fahrertür und war schwer verletzt. Er blutete. Sein Jackett und sein Hemd waren von Blut durchtränkt und sein Gesicht war übel zugerichtet. Er hatte Prellungen und Platzwunden an der Stirn, seine Nase war anscheinend gebrochen und seine Lippe war mit einer rotbraunen Kruste überzogen. Er nahm uns kaum noch war.
„Oh mein Gott. Wir müssen ihm helfen!“, entfuhr es Vanessa. Sie senkte Jochens Arm, der dem Mann direkt ins Gesicht leuchtete. Jochen sah den Mann an, als hätte er einen Geist gesehen.
„H-helft m-mir.“, stöhnte der Mann.
„Schnell, sieh nach, ob hinten im Wagen ein Verbandskasten ist!“, sagte Vanessa, kniete sich nieder und versuchte behutsam die Verletzungen des Mannes zu begutachten, bis sie auf etwas neben seiner rechten Hand blickte und sich dann wieder langsam von ihm entfernte.
„Ich muss die Scheibe einschlagen. Da vorne hängt ein Feuerlöscher. Ich hole ihn.“, rief Thomas und machte sich auf, den Feuerlöscher zu holen, der an einer der Säulen befestigt war. David und mir war inzwischen auch aufgefallen, was Vanessa so zurückschrecken ließ. Neben dem Mann lag eine Pistole auf dem Boden. Eine echte Pistole, wie man sie in zahlreichen Actionfilmen gesehen hat. Und es war ein großes Kaliber. Ehe wir allerdings irgendwie reagieren konnten preschte auf einmal Jochen hervor, nahm die Pistole an sich und richtete sie auf den Mann.
„S-Sie!“, stöhnte der Verletzte und sein Blick war auf einmal klar und eisig und durchbohrte Jochen. Was hatte das alles auf einmal zu bedeuten?
„Jochen, w-was ist hier los? Was tust du da?“, fragte Vanessa ihren Onkel mit zitternder und leiser Stimme. Aber Jochen reagierte nicht. Seine leeren Augen blickten emotionslos auf den Mann, der blutend vor ihm lag. In diesem Moment schlug Thomas den Feuerlöscher in die Heckscheibe des Fahrzeugs. Und ein weiterer lauter, heller Knall durchzog die dunkle Garage. Ein greller Blitz ging ihm voran, so dass die Kinder ihre Augen abschirmen und ich den Blick abwenden musste.
Thomas kramte einen Verbandskasten aus dem Kofferraum hervor und kam damit um den Wagen herum.
„Hier ist das Verbandszeug.“, sagte er stolz. Er ließ den Verbandskoffer fallen, als er sah, was geschehen war. Jochen hatte dem Mann ins Gesicht geschossen. Rauch entstieg dem Schaft der Pistole, die Jochen immer noch am ausgestreckten Arm vor sich hielt; sein Blick immer noch leer und eisig. Niemand bewegte sich.

Dreizehn

Nach einem kurzen Moment des Schocks und der Fassungslosigkeit sprang ich Jochen an und biss mich in seinem rechten Unterarm fest. Verzweifelt und vergeblich versuchte er mich abzuwehren. Er ließ die Pistole fallen, stürzte auf den Boden und schrie. Ich biss nur noch fester zu. Er schrie weiter, zappelte hilflos, schlug mit seiner anderen Hand auf mich ein. Ich riss meinen Kopf hin und her, ohne meinen Kiefer auch nur im Geringsten zu lockern. Ich konnte sein Blut schmecken und seinen weichen Unterarmknochen spüren. Ich war fest entschlossen mich bis auf sein Mark hin durchzubeißen. Jochen schrie.
„Nehmt ihn weg! Nehmt ihn weg! Er bringt mich um!“, flehte er und jammerte, aber mich konnte dieser Psychopath mit seiner weinerlichen Tour nicht mehr beeindrucken.
In meiner Rage verschwamm die Welt um mich herum. Meine Gedanken lösten sich auf und machten Platz für meinen wilden, ungebändigten, animalischen Instinkt. Ich war nach langer Zeit meinen Vorfahren wieder ganz nahe und es fühlte sich gut. Doch dann hallte eine dumpfe Stimme in meinem Kopf, die zunehmend klarer wurde und meinen Namen rief.
„Doc. Lass ihn. Lass los.“ Es war David und dann merkte ich auch schon seine Hand, wie sie vergeblich versuchte, mich von Jochen wegzuziehen. Davids Stimme ließ mich wieder klarer werden und ich ließ von dem Psychopathen ab. Vorerst.
Ich trat zusammen mit David ein paar Schritte von Jochen zurück und merkte erst dann, dass David sich die Pistole genommen hatte und sie auf Jochen richtete.
„Was hast du da getan?!“, schrie Vanessa ihren Onkel an, der wimmernd auf dem Boden kauerte und sich seinen blutenden Unterarm hielt.
„I-Ich konnte nicht anders. Er war einer von den bösen, glaubt mir!“, wimmerte Jochen.
„Der Zug ist abgefahren. Wir glauben dir kein Wort mehr! Der Mann war verwundet; wehrlos und du hast ihm in den Kopf geschossen.“, stellte David entschlossen klar.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Vanessa David. Ihre Stimme zitterte und auch Davids Hand wollte nicht so richtig stillhalten. Aber ich sah eine Entschlossenheit in seinem ganzen Wesen, die mir sagte, dass mit ihm nicht zu spaßen war und er, wenn es nötig sein sollte, Jochen von uns fernzuhalten weiß.
„Thomas.“, sagte David nach kurzem Überlegen. „Thomas!“, wiederholte herrischer. „Verbinde die Wunde von deinem Vater. Sie zu, dass er nicht verblutet. Wir brauchen ihn.“,erklärte er weiter, aber Thomas stand immer noch paralysiert neben dem Auto, festgefroren. Vanessa ging zu ihm: „Thomas!“, sagte sie und streichelte seine Wangen. „Thomas! Lass du uns jetzt nicht auch noch im Stich!“, sagte sie. Er blinzelte und kam wieder zu sich. Vanessa nahm den Verbandskasten vom Boden und machte sich daran, Jochen zu verarzten. Ich ging dicht an ihn heran und beobachtete ihn genau.
„Gut so Doc, behalte ihn im Auge.“, sagte David und tätschelte meine Seite.
Er hielt die Pistole weiter auf Jochen gerichtet. Thomas sagte immer noch nichts. Hinter seiner Stirn ratterte es und ich sah deutlich, wie er sich Tränen verkniff und dabei auf seiner Unterlippe herumkaute. Schmerz gegen den Schmerz. David ging an dem Toten vorbei, blickte dabei in das, was von dessen Gesicht übrig war und wandte schnell sein Kopf wieder ab.
„Also, was sollte das?!“, fragte er und sah dabei so grün im Gesicht aus, dass ich befürchtete, er müsse sich jeden Moment übergeben.
„Dieser Mann war von der Regierung. Er wollte das Experiment manipulieren.“, sagte Jochen. Vanessa hatte ihm sein Hemdärmel aufgerissen, reinigte und desinfizierte die Wunde. Salz hätte sie hinein streuen sollen – nur nicht zu viel, denn eventuell müsste ich ja noch einmal einen Happen von ihm nehmen.
„Er war angeschossen. Sie doch nur, sein ganzer Anzug war bereits mit Blut durchtränkt. Er hätte uns nicht im Geringsten gefährlich werden können. Was war hier los?“, fragte David.
Jochens Blick wanderte nervös von einem zum anderen.
„Ich hatte ihn angeschossen. Er wollte mich aufhalten, als ich versucht habe das Experiment aufzuhalten und da ist es passiert. Es war Notwehr. Ich war mir sicher, dass er uns umbringen würde.“, sagte er und stöhnte, als Vanessa ihm den Verband umlegte. Ich glaubte ihm kein Wort mehr. Ich war mir sicher, David und Vanessa ebenso wenig.
„Wir können dir nicht mehr glauben! Du tust ab jetzt genau das, was wir dir sagen und du wirst und in das Labor bringen. Du wirst das alles wieder Rückgängig machen und dann kannst du alles der Polizei erzählen!“, sagte David.
„Lass ihn doch erst einmal ausreden. Du weißt doch gar nicht, was hier läuft“, Thomas war wieder wach geworden. Ich wusste, dass bedeutete nichts Gutes.
„Thomas, vielleicht wartest du einfach hier unten und…“, begann David, aber Thomas fiel ihm ins Wort: „Gib mir die Knarre du kleiner Arsch und hör jetzt endlich auf dich hier als Chef aufzuspielen! Für wen hältst du dich eigentlich. Ich hätte dir schon längst deine Zähne ausgeschlagen, wenn deine miese Töle nicht wäre!“, presste er zwischen den Zähnen hervor. Ein tiefes Knurren von mir ging in seine Richtung. Eine Warnung für ihn, bloß ruhig zu bleiben. Thomas blickte kurz auf den Arm seines Vaters. Ich sah, dass er verstanden hatte. Vanessa stand auf. Jochens Arm war verbunden. Er würde es vorerst wohl überleben.
„Thomas,“, sagte sie, sehr ruhig, sehr gefasst und besänftigend. „Thomas, wir müssen alles tun, um all diese Menschen wieder zurückzuholen. Wir müssen das gemeinsam tun. Nur dein Vater kann uns helfen. Aber sieh!“, sie deutete auf die Leiche des vermeintlichen Agenten und wurde laut. „Sieh doch, was dein Vater getan hat! Ich kenne Onkel Jochen. Er war anders. Er hat sich verändert. Ich erkenne ihn nicht wieder. Er war bereits bei unseren letzten Besuchen so seltsam fremd geworden. Und der Mann, in dessen Auto wir gestiegen sind, als wir vor den Krähen geflüchtet sind, war ganz und gar nicht mehr dein Vater. Bitte, Thomas, du musst das doch auch fühlen. Wir müssen vorsichtig sein.“
Sie trat an ihren Cousin heran und berührte seine Schultern. Er sah zur Seite und wich ihrem Blick aus.
„Wir werden ihm nichts tun. Aber wir müssen jetzt zusammenhalten und endlich diese Katastrophe beenden, Thomas, bitte. Wir brauchen dich.“, sagte sie, ruhig und eindringlich.
Thomas kämpfte erneut mit den Tränen und trat einen Schritt zurück. Er wischte sich mit dem Ärmel seines T-Shirts durchs Gesicht. Er hatte sich seinen Trotz weggewischt und war wieder ruhiger. Ich würde ihm im Auge behalten. Ihn und seinen Vater. Die beiden hatten einen gefährlichen Spleen.
„Lasst uns jetzt diese Tür dort drüben aufbrechen, damit wir endlich in dieses scheiß Labor können!“, sagte er und wandte sich dann an seinen Vater.
„Du weißt also, wie man Autos knackt? Dann sieh zu!“, befahl er ihm. Er behandelte seinen Vater mit Vorsicht und beäugte ihn skeptisch. Und hielt eine kühle Distanz, die er zu Anfang gezeigt hatte, bevor der Verwundete in ihm Mitleid erweckte. Vanessas Worte hatten zudem wohl angeschlagen. Trotzdem hielt ich die beiden genau im Blick und auch David hielt die Pistole die ganze Zeit über auf Jochen gerichtet.

Mit der Mag-Lite schlug Thomas die Scheibe eines SUV ein. Das Auto sah robust genug aus, um die verriegelte Doppeltür damit aufzubrechen.
„Los, dann zeig doch einmal, was du kannst.“, sagte Thomas und deutete mit seiner Mag-Lite auf die Armatur. Jochen sagte nicht. Er blickte nur finster und machte sich schleppend an seine Arbeit. Nach einigen Minuten hatte der Mann es tatsächlich geschafft, den Wagen zu starten.
„Na gut.“, sagte Thomas. „Raus da.“ Er zerrte seinen Vater aus dem Wagen und setzte sich hinter das Steuer.
„Sei vorsichtig!“, rief Vanessa ihm zu. „Vergiss nicht, dich anzuschnallen!“, rief David. Thomas schenkte ihnen ein ironisches Grinsen, legte den Sicherheitsgurt um und schloss die Tür.
David dirigierte Jochen mit der Pistole vor sich her und wir machten Thomas Platz, der inzwischen den Wagen zurücksetzte. Ein wenig holprig. Auch er fuhr nicht zum ersten Mal. Ich war nicht überrascht. Seine Kusine war dennoch eindeutig die bessere Fahrerin. Aber immerhin hat er dabei den Motor nicht abgewürgt, sonst hätte Jochen wieder von vorne anfangen müssen. Und irgendwie spürte ich, dass wir uns beeilen sollten aus dieser finsteren Garage zu verschwinden. Ich war mir sicher, dass meine Freunde dort draußen bald einen Weg hineinfinden würden.
Thomas hatte jetzt ausreichend Anlauf, um der schweren Tür einen ordentlichen Wumm zu verpassen. Und da setzte sich der SUV auch schon in Bewegung. Er steuerte direkt auf die Tür zu und nahm schnell an Fahrt auf. Es dauerte nur einen kurzen Augenblick. Der SUV durchbrach die Tür. Ein lauter Knall. Glas splitterte. Der Air Bag ging auf. Vanessa rannte zum Wagen hinüber. Ich sah, dass auch David sich erst in Bewegung setzten wollte. Doch dann muss ihm eingefallen sein, dass er Babysitter für einen Wahnsinnigen spielen musste, den man besser keine Sekunde aus den Augen lassen sollte. Also blieb er bei Jochen und hielt ihn weiterhin in Schach. Und schon wieder wunderte ich mich über diesen Kerl. Er machte nicht die geringsten Anstalten, seinem Sohn zu helfen. Sein Blick war eiskalt und mir lief es bei diesem Anblick selbst kalt den Rücken hinunter – beziehungsweise waagerecht entlang. Ich konnte schwören, dass sich sein Mundwinkel sogar zu einem Grinsen kräuselte, als er sah, wie sein Sohn im Wagen gegen den Air Bag geschleudert wurde.
Der SUV selbst hatte kaum Schaden genommen. Die Motorhaube hatte sich ein wenig verzogen und die Frontscheibe war zersplittert. Vanessa öffnete die Fahrertür und zog ihren Cousin heraus. Er konnte eigenständig laufen und hielt sich die Hände an die Ohren. Er säuselte Vanessa etwas zu.
„Ihm geht es gut. Der Knall hat sein Trommelfell ein wenig lädiert, aber er wird es wohl überleben!“, rief sie und stützte ihren Cousin.
David schrie lauthals auf und gab ein Wuhuuu! von sich. „Geile Aktion! Alter, das war großartig! Wir haben freie Bahn!“, rief er seinen Freunden zu.
Freie Bahn, ja. Keine Sekunde zu spät. Denn es folgte noch ein großer Knall. Der kam vom anderen Ende der Tiefgarage. Es klang, als hätte sich ein drei Tonnen schweres Nashorn gerade den Weg durch ein Tor gebahnt, gefolgt vom Trappeln dutzender Pfoten hungriger Karnivoren.

VIERZEHN

„Los, beeilt euch! Macht schon!“, drängte David und fuchtelte nervös mit der Pistole umher. Wenn er nicht aufpassen würde, erledigt er uns noch bevor meine vierpfotigen Freunde uns zwischen ihre Klauen kriegen.
Vanessa und Thomas quetschten sich durch den engen Spalt, den der SUV in das Tor rammen konnte. Er war für uns gerade groß genug. Durch die engen Winkel der Tiefgarage hallte das Heulen und Brüllen meiner tierischen Kameraden und das donnernde Stampfen des gehörnten Unpaarhufers. Sie mussten uns jeden Augenblick erreichen.
„Los, rein da! Nun mach schon!“, befahl David Jochen und er gehorchte klugerweise sofort.
Nachdem auch David hindurchgeschlüpft war, folgte ich ihm. Ich fand mich in einem dunklen Treppenhaus wieder und nur Thomas Mac Lite leuchtete den Weg. Die Wölfe waren die ersten, die das Tor erreichten. Die fauchenden Bestien wollten sich gerade durch den Spalt pressen und ich mich ihnen gerade entgegensetzten, als ein weiterer lauter Knall und ein greller Blitz das Treppenhaus durchflutete. David hatte dem Wolf, der seine fletschenden Zähne gerade durch die Tür streckte, in den Kopf geschossen. Der zweite Wolf zog sich mit einem Jammer zurück. Ich selbst war benommen. Ein anhaltendes hohes Fiepen hallte durch meine Ohren und ich schmeckte das Blut meines Verwandten von meiner Schnauze. Im fahlen Licht der Taschenlampe konnte ich Davids Entsetzten sehen. Seine Hand zitterte und ich spürte, wie angewidert er von seiner Tat war. Doch er hielt sich unter Kontrolle. Tapferes Kerlchen. Dumpf konnte ich hören, dass Thomas etwas sagte und Vanessa die Lampe reichte: „Vanessa, dreh den Schlauch auf! Ich halte sie in Schacht!“
Dann erst konnte ich genauer ausmachen, wovon er überhaupt sprach. Thomas hatte sich den Feuerwehrschlauch aus einem Glaskasten an der Wand genommen. Unser Rowdy wird noch zum richtigen Helden. Wir übrigen traten hinter ihn, als Vanessa das Wasser andrehte und ein schwerer, harter und kalter Strahl aus dem Schlauch schoss und den Spalt somit verstopfte. Zumindest für die pelzigen Freunde erst einmal ein Hindernis. Doch sollte der graue Panzer mit dem Horn gleich auftauchen, wird es sie nicht mehr lange aufhalten können.
„Welche Etage?“, schrie David.
„Nach ganz oben!“, schrie Jochen.
„Dann los! Thomas, wir halten dir oben die Tür auf! Warte nicht ewig und dann renn, was das Zeug hält!“, rief er unserem neuen Helden zu. Er nickte und hatte verstanden.
Wir vier rannte die Treppe hinauf. Vanessa hatte Thomas Mac Lite und lief voran, gefolgt von Jochen, David und mir. Vanessa leuchtete den Weg. David hielt Jochen mit der Pistole in Schach. Der kleine Mann war mit seinen Kräften am Ende und stützte sich immer wieder am Geländer ab. Aber David zwang ihn weiter zu laufen. Dann kamen wir endlich oben an. Ich hörte Schritte von unten. Thomas hatte die Verfolgung aufgenommen. Neben dem lauten Wasserstrahl durchzog wieder ein Donnern das Treppenhaus, gefolgt von hastigem Getrappel. Das Nashorn hatte den anderen Tieren den Weg gebahnt.
Jochen suchte wild und verzweifelt nach etwas in seinem Portemonnaie. Ich nahm an, dass es sich dabei um den Schlüssel handelte, der uns die Tür aufschließen sollte.

„Nun mach doch! Sie sind gleich hier!“, flehte Vanessa, wippte hysterisch auf und ab und Angst und Panik hatten sie ergriffen.
„Geht einen Schritt zurück! Ich schieße das Schloss auf!“, rief David und zielte bereits. Jochen und Vanessa traten einen Schritt zurück. Vanessa kniete sich neben mich und umarmte mich, während sie das Ziel anleuchtete. Hinter uns erschien Thomas. Völlig außer Atem. Trotz er sich den Weg durch die Dunkelheit bahnen musste, war er verdammte schnell. Dennoch würden die Tiere auch jeden Moment hier sein. David schoss. Einmal. Zweimal. Dreimal. Das Schloss zersprang in Einzelteile. Dann trat David dagegen. Einmal. Zweimal. Sie sprang auf und wir eilten hindurch. Keine Sekunde zu spät. Wieder waren die Wölfe die ersten, die uns erreichten. Aber Thomas warf die Tür hinter uns zu und stemmte sich dagegen.
„Wo lang jetzt?“, fragte David, während Vanessa Thomas half die Tür geschlossen zu halten und sich mit dagegen warf. Die pelzigen Killer auf warfen sich auf der anderen Seite gegen sie. Ich bezweifelte zwar, dass das Nashorn durch das Treppenhaus passen würde, aber auch wenn die Löwen hier oben sind, werden die Kinder keine Chance mehr haben.
„Das Labor ist gleich den Korridor hinunter. Wir sind fast da.“, sagte Jochen und in seinen Augen sah ich ein wahnsinniges Funkeln, dass mir zwar bereits vorher schon hin wieder aufgefallen war, aber bisher noch nicht in dieser Intensität. Dieser Mistkerl heckt irgendetwas aus, da war ich mir sicher und ich ließ ihn nicht mehr aus den Augen.
Große Fenster waren an beiden Enden des langen Flurs angebracht. Weiße Fliesen und weiße Wände, dazu der Geruch von verschiedenen Chemikalien. Es stank schlimmer, als in Ann-Maries Kämmerchen für ihre Putzutensilien. Ich mochte diesen Ort nicht und wollte instinktiv so schnell wie möglich wieder weg.
„Dann lauft schon. Ich halte hier wieder die Stellung und komme nach, wenn ihr die Tür zum Labor geöffnet habt! Das hat doch gerade gut geklappt. Warum sollte es nicht auch jetzt …“ Thomas und Vanessa wurden von einem schweren Stoß nach vorne geschleudert und die Tür war kurz weit geöffnet. Eine Löwenmähne reckte sich hindurch gefolgt von einem Brüllen, dass meinen Herzschlag aussetzen ließ. Aber es war zum Glück nicht der König. David feuerte in die Richtung des Löwen. Dieser sprang schnell zurück und die Kugeln streiften ihn lediglich an seiner Schulter. Thomas und Vanessa nutzten den Moment, um sich wieder gegen die Tür zu stemmen. Ich selbst war von dem Lärm der Pistolenschüsse kurz irritiert – in meinen empfindlichen Ohren detonierte gerade eine Atombombe. In diesem ganzen Wirrwarr war es Jochen gelungen, sich aus dem Staub zu machen – und zwar in Richtung Labor.
„Doc! Fass ihn!“, schrie David, aber ich war bereits unterwegs.
Jochen stand am Ende des Korridors, nahm seine Brieftasche heraus und kramte hektisch nach dem Türöffner. Ich war nur noch wenige Sekunden von ihm entfernt. Ich sah, wie er eine kleine Karte herauszog und sie durch ein Gerät schob, dass neben dem Türknauf angebracht war. Eine Karte, wie sie Ann-Marie zum Einkaufen benutzt – eine Kreditkarte. Aber diese war eine Schlüsselkarte und er öffnete damit die Tür am Ende des Korridors. Er war bereits mit seinem rechten Bein durch die Tür hindurch, als sich meine Zähne abermals in sein weiches, weißes Fleisch bohrten. Diesmal erwischte ich seine linke Wade und wieder schrie er vor Schmerz. Doch der Schrei war ein Schrei angefüllt mit Wut und Hass. Nicht mehr dieses mitleidige Gestöhne, wie ich es sonst von ihm kannte. Seine Augen warfen mir Blitze des Hasses entgegen. Auf einmal holte er mit seinem rechten Bein aus und trat mir in die Rippen. Ich musste ihn loslassen und wurde von der Wucht des Tritts an die gegenüberliegende Wand geschleudert. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah, aber meine rechte Seite schmerzte ungeheuerlich. Ich blickte ihn ebenso wutentbrannt an, wie er mich. Dann warf er mir auch noch ein herablassendes, dreckiges Lachen entgegen. Das sagte mir endgültig, dass dieser Mistkerl den Verstand verloren hatte und er für uns einfach nur eine Gefahr darstellte. Bei meinem nächsten Angriff werde ich mich nicht mehr zurückhalten.
Er drehte sich auf dem Absatz und wollte die Tür gerade hinter sich zu werfen, als ein weiterer Schuss den langen Flur durchzuckte. Jochen fiel zu Boden und an meiner Seite tauchte David auf. Aus dem Schacht seiner Pistole stieg Rauch. Er hatte Jochens rechten Oberschenkel erwischt. Im selben Moment knallte die Tür zum Treppenhaus auf. Thomas und Vanessa hetzten uns entgegen, gejagt von wutentbrannten Löwen.

FÜNFZEHN
David visierte die Löwen an, die hinter Vanessa und Thomas her hetzten, fand aber kein freies Schussfeld. Der Flur war einfach zu eng. Stattdessen hielt er die Tür zum Labor auf und wir hofften, dass sie uns schnell erreichen würden. Es sah gut aus, sie waren fast da. Aber dann stolperte Thomas, nur wenige Meter von uns entfernt. Vanessa sah sofort, was passiert war und sie drehte sich direkt um ihm wieder auf die Beine zu helfen. Sie würden es nicht schaffen. Ich sprintete los. Bevor der erste Löwe mit seiner Pranke ausholen konnte, hatte ich die beiden erreicht und ging zum Frontalangriff über. Ich wusste, dass ich diesen Kampf nicht lange überleben würde, aber ich wollte meinem Gegner wenigstens ein paar fiese Schrammen und Kratzer hinterlassen, die ihn an mich erinnern würden.
Ich sprang ihm ins Gesicht und biss einige Male zu. In dem engen Flur konnte er sich nur unbeholfen wehren. Doch seine Pranke hatte mich dann doch erwischt und schleuderte mich einige Meter von ihm weg.
„Doc! Komm zurück! Komm hier her! Lass das! Nun mach schon!“, hörte ich David schreien.
Ich spuckte etwas blutiges, pelziges aus.
DU BESCHEURTE PROMENADENMISCHUNG HAST MIR MEIN OHR ABGEBISSEN! VERFLUCHT! WIESO MEIN OHR!, jammerte dieses Riesenbaby. Es war einer der jüngeren Löwen. Wäre es der König gewesen, wäre ich schon längst nicht mehr am Leben.
„David jetzt komm, mach die Tür zu!“, hörte ich Thomas schreien. Ich drehte mich kurz zu den Kindern um und konnte David noch einmal einen Blick zuwerfen. Ich hätte ihm gerne noch einmal zulächeln wollen – aber so etwas kann ich ja leider nicht. David schrie mir hinterher und Thomas konnte ihn nur mit Mühe und Not hinter sich her in Sicherheit ziehen.
„Doc!“, schrie er noch einmal, dann waren sie durch die Tür hindurch. So weit, so gut. Als ich mich wieder umdrehte erwischte mich allerdings ein weiterer, heftiger Hieb, schleuderte mich diesmal gegen die Wand und riss mir die Seite auf.
LASS IHN.
Und da war er. Der König. Alles drehte sich. Ich konnte ihn kaum noch hören. Meine Seite schmerzte. Ein dumpfer Schmerz. Er ließ bereits nach.
MEIN FREUND, DU KANNST SIE NICHT RETTEN. ES IST VORBEI. GLEICH WERDEN DEINE KINDER IHRER ART FOLGEN., sagte der König zu mir. Er kam aus dem hinteren Teil des Korridors langsam auf mich zu. Wölfe und Löwen machten ihm Platz. Alles verschwamm aber auf einmal. Ich konnte nur noch seine majestätische Silhouette ausmachen, als er vor mir stand und auf mich hinabsah.
RUHE DICH AUS, MEIN FREUND., sagte er. Dann verschwamm alles. Meine Seite schmerzte nicht mehr. Vergeblich versuchte ich meine Lider offen zu halten. Doch ich schaffte es nicht. Und so schlief ich ein.

Da war er wieder! Ein unglaublicher, wahnsinnig stechender Schmerz! Meine Brust brannte wie Feuer. Als ich versuchte aufzustehen, fühlte es sich an, als hätte mir jemand ein glühendes Eisen in die Seite gerammt. Beinahe wäre ich wieder ohnmächtig geworden, aber ich kämpfte und hielt mich bei Bewusstsein. Ich war nicht tot. Da war ich mir ziemlich sicher. Der Tod konnte unmöglich so sehr schmerzen – denn vom zentralen Nervensystem hatte man sich ja verabschiedet. Ich lag auf einem kalten Metalltisch und ich roch verschiedene chemische Substanzen um mich herum. Und ich witterte etwas Tierisches in meiner Nähe.

     Wo bin ich?, fragte ich in die Dunkelheit. Ich blinzelte durch meine müden Augen und sah eine dunkle Gestalt aus der Ecke des Raumes auf mich zu kommen. Nur wenig Licht drang durch die Lamellen am Fenster durch den Raum. Die Gestalt humpelte auf mich zu. Etwas war seltsam an ihr. Sie erinnerte mich irgendwie an Quasi Modo.
Wo bin ich? Wer bist du? Was mache ich hier?, fragte ich weiter aufgeregt, wollte aufspringen und weg von dort, aber der Kampf mit dem Löwen hatte seinen Tribut gefordert. Ich war zu schwach.
Die humpelnde, kleine Gestalt kam näher an den Metalltisch heran, auf dem ich lag und ich erkannte, dass es kein Mensch war, sondern ein Verwandter seiner Spezies. Es war ein Schimpanse.
Doc, du bist wach. Es freut mich. Deine gebrochenen Rippen und die Schürfwunden konnte ich behandeln und mit dem Korsett, dass du dort trägst ein wenig stützen. Was mir Sorgen bereitete, war deine Schädelverletzung. Du hast durch den Prankenhieb unseres Freundes ganz schön einen auf den Deckel bekommen, als du gegen die Wand geschleudert wurdest. Aber du bist wieder bei Bewusstsein, die Prellung ist zurückgegangen, das ist gut. Du wirst wahrscheinlich Kopfschmerzen haben, aber das ist normal. Deine Seite und deine Rippen werden sicherlich auch sehr schmerzen. Soll ich dir etwas gegen die Schmerzen geben? Keine Angst, es ist lediglich ein leichtes Schmerzmittel., sagte der Affe.
Bist du Arzt?,
fragte ich ihn unglaubwürdig.
Nein, nein. Aber ich habe hier in diesen Laboratorien sehr, sehr viel Zeit verbracht und mir sehr vieles angeeignet, mir einige Sachen beigebracht und mir die Zeit vertrieben, wenn ich mal heimlich ausgebrochen war. Der Vorteil von uns Affen sind unsere Hände. Wir haben zwar nicht ganz so filigrane Fingerchen wie Menschen, dennoch können wir mit ihnen schon so einiges mehr machen, als wenn man nur vier Pfoten hat… nichts für ungut., sagte der Affe.
Seine ruhige, freundliche, fast herzliche Art strahlte auf mich ein Gefühl von Ruhe und Behaglichkeit aus und ich fühlte mich in seiner Gegenwart sogar sehr wohl. In diesem ganzen Chaos von verrückten Menschen und Tieren gab mir dieser Affe endlich wieder etwas Vertrautheit. Da fielen mir aber auch schon wieder die letzten eher unheiligen Stunden ein. Ich richtete mich unter Schmerzen auf, nur um dann wieder zusammenzusacken.
Ich danke dir. Auf das Schmerzmittel komme ich gerne zurück. Kannst du mich vielleicht auch auf den neuesten Stand der Dinge bringen? Wo sind meine Freunde? Meine menschlichen Freunde? Geht es Ihnen gut?
     Der Affe ging zum Eingang des Raums und sah nachdenklich aus dem Fenster. Dann ging er zu einer gläsernen Vitrine, wickelte sich ein Handtuch um seine Hand und schlug die Vitrine damit auf. Er nahm zwei Kanülen heraus und setzte eine Spritze an ihnen an.
Was ist passiert?, fragte ich ihn wieder und mir wurde auf einmal sehr unwohl. Der Affe hielt einen Moment inne und in seinem Blick lag jetzt eine Spur von tiefem Bedauern. Ich ahnte nichts Gutes und spürte mein Herz gegen die gebrochenen Rippen schlagen. Der Schmerz war mir egal geworden. Er konnte sich die Spritze sparen.
Die Löwen und Wölfe konnten deine Freunde auf dem Korridor nicht fassen. Die Affen, die bei der Jagd auf deine Freunde halfen, kamen wenig später das Treppenhaus hinaufgerannt. Vergeblich versuchten sie die Tür zu den hinteren Laboratorien zu öffnen. Als sie einen anderen Zugang suchten, fanden sie mich hier. Tagsüber bin ich oft hier in den Labors und die Menschen experimentieren mit mir. Ich hatte allerdings Glück, dass diese Universität, im Gegensatz zu anderen Einrichtungen in diesem Land – ganz zu schweigen von meinen armen Brüdern und Schwestern in anderen Ländern – an noch relativ humanen – wie albern dieses Wort klingt – ethische Konventionen gebunden ist. Aber entschuldige, ich schweife ab… Ich wurde aus meiner Zelle dort hinten befreit und sie erzählten mir, was sie vorhaben… In diesem Augenblick klettern sie außen die Fassade hinauf aufs Dach und versuchen über die große Kuppel über den Laboratorien hinein zu gelangen, um sie daran zu hindern, die Menschen wieder zurückzuholen.
Ich sagte: Diese Kinder sind meine Freunde, bitte tut ihnen nichts. Ich weiß, was die Menschen getan haben… immer noch tun… aber erinnert ihr euch nicht mehr an das alte Versprechen, dass wir gegeben haben? Wir brauchen sie Letzen Endens.
Er setzte sich zu mir auf den Behandlungstisch und grübelte einen Moment still vor sich hin. Dann sagte er: Die Menschen haben es uns in den letzten Tausend Jahren nicht leichtgemacht, noch auf den alten Deal zu vertrauen.
Ich setzte mich auf, unter höllischen Schmerzen. Dann sagte ich: Denk daran, wer auch wir sind. Auch wir jagen uns und auch bei uns gibt es keinen Friede-Freude-Eierkuchen! Wir mögen zwar in einer gewissen Einheit und im Gleichgewicht mit allem leben, aber wir sind gefangen in dieser Gegenwart, die leider endlich ist. Wir brauchen diese Idioten von Menschen nun einmal. Denn nur sie können sich auch in die Zukunft entwerfen – in unsere Zukunft – und die endliche Gegenwart verlängern – zum Wohle von uns allen!
Ich wusste gar nicht mehr, dass ich noch so gut predigen konnte. Ich dachte eigentlich, das nachmittägliche Glotzen auf diesen Hypnosekasten hätte mein Wissen über unsere alte Geschichte vollends gegrillt, aber es war doch noch da und hatte bei dem medizinisch versierten Affen Eindruck hinterlassen.
Ach, verdammt!, sagte er, sprang energisch auf, marschierte zur Tür und öffnete sie. Du hast recht, lass uns deine Freunde und diese bescheuerte Spezies retten!
Ich warf meinem neuen Freund ein mentales, verschmitztes Lächeln zu, kraxelte vom Tisch hinunter und hinkte unter großen Schmerzen zu dem Schimpansen.
Hast du eigentlich einen Namen?, fragte ich ihn.
Sie habe mich Abe genannt., sagte er.
Na schön, Abe, sagte ich, Kannst Du mir vielleicht doch noch die Schmerzmittel geben?
Du bekommst die Schmerzmittel und noch einen kleinen „Spezialcocktail“
, sagte er mit einem verschwörerischen Unterton und humpelte noch einmal zum Arzneischrank.

SECHZEHN

Hier entlang kommen wir nicht weit. Die Löwen bewachen den Korridor und ich sehe, dass zwei meiner Affenbrüder versuchen die Tür zu den oberen Labors zu öffnen, sagte Abe, als er einen vorsichtigen Blick durch den Türspalt riskierte.

     Na toll. Und was machen wir jetzt? Gibt es keinen Hintereingang, fragte ich ihn ungeduldig.
Die Schmerzmittel und die Aufputschmittel, die er mir vor einigen Minuten verabreicht hatte, zeigten allmählich Wirkung und ich fühlte mich nicht nur schmerzfrei, sondern auch voller Adrenalin und Tatendrang. Ich war mir sicher, dass ich mir den Weg durch die Löwen notfalls freikämpfen könnte.
Bleib ruhig. Anscheinend habe ich es mit den Drogen wohl etwas zu gut gemeint., raunte Abe mich an und schloss leise die Tür.
Wir haben noch eine Möglichkeit, aber sie wird dir nicht wirklich gefallen; da bin ich mir sicher.
     Ein paar Minuten später kletterte Abe die Fassade des Gebäudes hinauf. Ich war auf seinen Rücken geschnallt. Er hatte ein Geschirr aus dem Labor umfunktioniert und mich hineingesetzt. Ich fühlte mich, wie diese Frau in dem Schwarz-Weiß-Affenfilm – hilflos den akrobatischen Fähigkeiten eines Primaten ausgeliefert.
Gleich sind wir auf dem Dach mit der großen Kuppel. Darunter befindet sich das Labor, deine Freunde und – wenn mich nicht alles täuscht – das Labor mit den Maschinen, die für dieses ganze Desaster verantwortlich sind., sagte Abe und war für einen alten Laboraffen immerhin doch ein recht eleganter Kletterer.
Die Menschen sind immer noch für diesen Mist verantwortlich, aber wir werden es ausbaden – wie immer., verbesserte ich ihn und verspürte gerade einen umso größeren Hass auf die Menschen, weil ich wegen ihnen auf dem Rücken eines Affen ein Gebäude hinaufgezerrt wurde.
Wir erreichten das Dach und Abe befreite mich aus diesem schrecklichen Geschirr. Jetzt sah ich zum ersten Mal die riesige Kuppel auf dem Gebäude. Sie war wesentlich größer, als ich vermutet hatte. Das ganze Gebäude war größer, als ich es vermutet hatte. Es lag wohl daran, dass die oberen Etagen sich mit den Etagen der angrenzenden Gebäude verbanden und somit ein in seiner Größe nicht zu erahnender Gebäudekomplex entstand.
Die Kuppel lässt sich öffnen und schließen. Die eigentliche Apparatur, eine Art Satellitenschüssel, die gebündelte Strahlen absondert. So hat es mir auf jeden Fall der Orang-Utan aus dem Nachbarlabor vorhin erzählt., erklärte mir Abe.
Na wenn der Orang-Utan das sagt, muss es ja wohl stimmen, entgegnete ich ihm mit übertriebener Ironie, aber wie kommen wir hinein?, fragte ich ihn dann.
Die Frage hatte Abes Denkapparat angestoßen und er suchte sich nach einer Lösung unseres Problems um. Dann hatte er sich anscheinend entdeckt. Er rannte auf allen vieren zu einer Ecke zwischen Gebäude und Kuppel. Ich vermutete in diesem kleinen Vorbau das Treppenhaus. Abe rüttelte kräftig an dem Schloss und versuchte vergeblich es zu öffnen. Die Türen an diesem Tag sollten uns aber weiterhin verschlossen bleiben. Jedoch witterte mein Näschen einen kühlen Windhauch, der abgestandene Luft mit sich brachte. Luft, die aus diesem Gebäude kam. Ein Lüftungsschacht befand sich wenige Meter von uns entfernt und führte in ein schmales Schachtsystem, dass gerade mal groß genug für uns war.
Abe! Der Schacht! Bekommst du das Gitter auf?
Abe hinkte zum Gitter hinüber, packte das Rost mit seinen Affenpranken und nachdem es ein wehleidiges, metallisches Quietschen und Krächzen von sich gegeben hatte, gab es nach und Abe warf das herausgebrochene Gitter zur Seite.
Bitte nach ihnen., sagte er und bat mich in Portiermanier hinein.
Ich ging voran und Abe folgte mir. Wir quetschten uns durch den engen, quadratischen Schacht. Und dann brachte mir das Lüftungssystem die Information, die mir ein Stein vom Herzen nahm. Ich konnte die Kinder durch die Abzugsluft wittern. Ich krabbelte schneller durch den Schacht und jetzt konnte ich sie auch hören. Der Schacht endete an einer zwei Meter tiefen vertikalen Einmündung, die nach unten in ein Labor führte.
Verdammt. Wie kommen wir dort hinunter?, fragte ich Abe verzweifelt.
Lass mich doch bitte einmal vorbei., bat mich Abe und drängelte sich bereits über mich durch den Schacht. Dabei trat er mir ins Gesicht.
     Ups, entschuldige bitte., sagte er bedauernd. Ich beließ es bei einem tadelnden Grummeln.
Was hast du vor?, fragte ich.
Ich werde das Gitter dort unten auch aufbrechen. Ich sollte es schaffen halbwegs unbeschadet im Labor zu landen. Anschließen besorge ich uns einen Tisch oder irgendetwas in der Art. Da steige ich dann drauf und du lässt dich in meine Arme fallen. Was hältst du davon?
Klingt nach einem Plan. Langsam gewöhnt man sich daran getragen, geworfen und gefangen zu werden. Machen wir es so.,
stimmte ich ihm verständlicherweise mit wenig Begeisterung zu.
Und keine Sekunde zu spät. Die Stimmen der Kinder klangen bereits die ganze Zeit über hektisch, aggressiv und angespannt. Ich konnte in dem Durcheinander allerdings nicht wirklich heraushören, worum es bei den Scherereien ging. Doch die Diskussion dort unten wurde langsam heiß und die Situation spitzte sich zu. Ich wusste nicht genau, was Abe und ich erreichen konnten, aber die gemeinsame Kraft eines Labradors und eines Schimpansen wird die Sache schon wieder ins Lot bringen – da war ich mir sicher!
Abe krachte durch das Gitter der Lüftung und landet mitten im Labor. Für einen kurzen Moment herrschte Stille. Dann hörte ich, wie etwas schweres, metallenes über den Boden gezogen wurde.
Spring runter Doc, ich fange dich auf!, teilte mir mein Primatenfreund telepathisch mit.
Und wehe wenn nicht!, antwortete ich ihm auf demselben Kommunikationskanal.
Ich sprang hinunter, beziehungsweise ließ mich einfach fallen – denn zum Springen war es entschieden zu eng in dem Schacht – und landete in Abes Affenarmen. Ich spürte meine angeknacksten Rippen wieder. Es schmerzte höllisch, aber ich würde es überleben; hoffte ich zumindest.
„Doc! Du lebst!“, schrie David euphorisch und rannte zu mir. Abe ging zur Seite und machte dem Jungen Platz. Er umarmte mich, aber bevor er noch kräftiger zudrücken konnte, winselte ich, um ihn dezent auf meine Verletzung aufmerksam zu machen. David bemerkte meinen Verband und löste seinen Griff vorsichtig. Freudetränen rannen über sein Gesicht. Und über meine wären auch welche gelaufen, aber das ist nicht unsere Art.
„Okay, ich weiß nicht, was um alles in der Welt hier jetzt schon wieder los ist und wo auf einmal dieser Affe herkommt, aber wir müssen weitermachen und den Computer resetten, bevor die Affen auf der anderen Seite der Tür einen Weg hier hineinfinden!“, ermahnte Vanessa alle und eilte zu Jochen, der immer noch lebte und hinter einem meterlangen Kontrollpult neugierig und misstrauisch hervorlugte.
„Verdammt, Jochen! Mach schon! Die Affen kommen durch!“, schrie Thomas.
Der Junge hatte den Eingang mit sämtlichen Mobiliar verbarrikadiert, was das Labor aufzubieten hatte. Aber die Tür war aufgebrochen und die Tiere außerhalb des Labors stießen sie Millimeter für Millimeter weiter auf. Die Zeit wurde knapp. Und selbst wenn Jochen es schaffen würde den Prozess umzukehren… Die Tiere auf dieser Erde waren wiedererwacht und würden sich nicht wieder so schnell wieder schlafen legen. Ich fürchtete, selbst wenn sie die anderen Menschen wieder zurückholen, eine neue Katastrophe auf uns warten würde. Ich fürchtete, dass es Krieg geben würde.

SIEBZEHN

Vanessa, David und Thomas stemmten sich mit aller Kraft gegen die Schränke, Regale und Tische, mit denen sie die Tür verbarrikadiert hatten. Aber ihnen würde die Kraft bald ausgehen und der Türspalt öffnete sich mehr und mehr. Jochen war emsig mit den Rechnern beschäftigt und tippte allerhand Daten ein. Er beachtete mich und Abe gar nicht mehr.
Doc, sagte Abe, mit eurem Freund dort hinter den Computern stimmt irgendetwas nicht.
Ich weiß, sagte ich, er ist ein Freak. Das ist der schräge Vogel, dem wir den ganzen Schlamassel hier zu verdanken haben. Aber ich denke, er gibt gerade sein Bestens, alles wieder ins Reine zu bringen.
Nein, das glaube ich nicht, sagte Abe verschwörerisch, verließ mich und ging langsam und vorsichtig auf Jochen zu, der voll und ganz von seiner Aufgabe eingenommen war.
Hey, rief ich Abe hinterher, was machst du da?!
Das ist nicht euer Freund!, rief er, schrie lauthals auf und machte einen riesigen Satz auf Jochen hin.
Abe stieß Jochen mit einem kräftigen Stoß seiner Beine vom Kontrollpult weg. Der Stoß schmetterte Jochen gegen einen Aktenschrank hinter ihm, dessen Inhalt nun auf ihn niederprasselte. Ich eilte zu Jochen, um weiteres zu verhindern, wenn Abe ihn nicht bereits getötet hatte.
Hör auf damit! Was ist los mit dir?!, fragte ich ihn, baute mich vor Jochen auf und fletschte meine Zähne. Die Kinder waren mit der Tür am anderen Ende des Labors beschäftigt und bekamen von dieser Sache anscheinend nichts mit.
Doc, ich sehe, dass du diesen Mann anscheinend vorher nie begegnet bist, begann Abe, denn sonst wäre dir aufgefallen, dass nicht der Geist deines Freundes in diesem Körper dort steckt.
Ich war verwirrt. Wovon sprach der Affe?
Khan, warum erzählst du es ihm nicht? Ich kann dich auch in deinem schwachen Körper, in dem du dort steckst, ansonsten auch ganz schnell, ganz leicht dazu zwingen!, sagte er und blickte Jochen mit tiefem Ernst an.
Ich musste zugeben, dass Jochen gar nicht überrascht wirkte. Der Tritt musste ihm unheimlich schmerzen, aber aus seinen Augen blitzte nur tosender Zorn. Was war dort los? Dann sprach Jochen, telepathisch, in unserer Sprache.
Abe, du Verräter! Lass mich wieder an die Maschine. Nur einen Knopfdruck und auch die letzten Menschen dort drüben sind verschwunden. Ein weiterer Knopfdruck und alle anderen, die sich im Speicher dieser Maschine befinden, werden gelöscht und diese verkommene Spezies wird nie wieder zurückkehren!
      Ich bewegte mich langsam und vorsichtig von Jochen weg und trat an Abes Seite. Ich wusste jetzt, wo die eigentliche Gefahr lauerte.
Wie bist du aus deinem Käfig in diesen Körper hineingekommen? Es waren die Experimente, simmts?, sagte Abe. Ich habe in den vergangenen Wochen mitbekommen, wie sie dich geholt haben. Sie haben dich gefoltert und für dieses Experiment hier missbraucht, richtig?, forschte Abe weiter.
Jochen, oder besser gesagt Khan, stand auf und befreite sich von den Papieren, die noch auf ihm lagen und baute sich vor uns auf. Es war körperlich immer noch Jochen, eine kleine Gestalt mit Hornbrille. Aber der Geist in diesem Körper war mächtig und machte mir Angst. Khan antwortete nicht, sondern lächelte nur verschwörerisch.
„Kinder! Helft mir! Dieser Affe – er dreht durch!“, keifte er wie ein schlechter Schauspieler drauf los. Aber dieser Effekt verfehlte sein Ziel nicht.         David rannte zu uns, die Pistole in der Hand, die er auf Abe richtete. Dann fuhr Khan mit einem niederträchtigen Grinsen fort:
      Du hast wieder einmal völlig Recht Abe. Kluges Äffchen, höhnte Khan, aber nachdem sie es geschafft hatten, meinen Geist in diese seelenlose Maschine und wieder hinaus zu verfrachten, war etwas Unvorhergesehenes passiert. Mein Geist wurde höhnte  h   in den Körper dieses Mannes transferiert und sein Geist in diese diabolische Maschine – welch Ironie, nicht wahr?
Jochen, oder Khan, kam langsam einige Schritte auf uns zu.
Für einen kurzen Moment verschmolzen unsere Gedanken, genug Zeit für mich, mir das Wissen um diese Maschine abzuzapfen. Die Menschen – wir hätten den Auftrag, sie zu beobachten, niemals annehmen sollen. Ich konnte diesen Fehler korrigieren… na ja, fast., sagte er und blickte zornig zu David hinüber, der immer noch irritiert und mit zitternder Hand auf Abe zielte.
      Abe, sagte ich. Was ist hier los? Was sollen wir tun? David hat einen nervösen Finger. Sei vorsichtig!
Khan ist ein Schimpanse, der für unerlaubte Forschungszwecke an dieser Maschine benutzt wurde. Der Universität sind solche Experimente strikt untersagt, aber ich habe Menschen in Uniformen gesehen, die anscheinend anderen Gesetzen folgen.
, sagte Abe.
Und jetzt ist Khan ziemlich stinkig, folgerte ich. Na gut, aber was tun wir jetzt? Und wieso kennt er sich mit der Maschine so gut aus?
„Doc, komm hierher!“, rief David nervös.
„David! Was machst du da hinten! Hilf uns, diese scheiß Affen kommen gleich durch die Tür!“, rief Thomas vom anderen Ende des Labors.
„David, erschieß den Affen, wir haben keine Zeit!“, stachelte Khan in Jochens Gestalt den verwirrten Jungen an.
Wenn ihr Affen solche Genies seid, sagte ich zu Abe, würdest du dann nicht auch mit dieser beschissenen Maschine zurechtkommen? Kannst du es aus Khan heraus quetschen?, fragte ich ihn.
An dieser Stelle sei angemerkt, dass wir Tiere unsere telepathischen Fähigkeiten nicht nur auf einer oberflächlichen, rein sprachlichen Ebene einsetzen können. Mit ihr können wir auch sehr schnell Wissen und Informationen austauschen, wenn die beteiligten Partner an der Kommunikation dazu bereit sind. Andernfalls können wir das schwächere Individuum auch dazu zwingen, uns mitzuteilen, was wir wissen wollen. Wir dringen dazu in seinen Geist ein und brechen ihn. Ein Kodex unter den Tieren verbietet das – aber, na ja, auch wir brechen Gesetzte und in diesem Fall, blieb uns keine Alternative.
Abe, ich warne dich!, sagte Khan und wendete sich gleich wieder an David: „Schieß endlich!“, befahl er und David setzte tatsächlich an.
Aber ich sprang so schnell ich konnte den Jungen an und warf ihn zu Boden. Die Waffe fiel ihm aus der Hand und rutschte über den Boden Richtung Khan. Khan warf sich auf sie, doch Abe war schneller. Er umklammerte mit seinen Pranken den dürren Hals von Jochens Körper und Kahns und Abes Geist verschmolzen miteinander. Ich konnte Abe an dieser Stelle nur noch viel Glück wünschen. Nur einer von den beiden würde die Geistesverschmelzung überleben und ich war außen vor. Ich konnte lediglich den Jungen in Schach halten. Also baute ich mich vor ihm auf und fauchte und knurrte ihn an. Ich bellte und fletschte die Zähne, so dass mein lieber Freund sich aus Angst vor mir nicht mehr rühren konnte. Es tat mir so unendlich leid, meinem lieben David solche Angst zu machen, aber mir blieb nichts anderes übrig.
„Die Tiere kommen durch!“, schrie Vanessa und dann krachte es laut.
Thomas und seine Cousine kamen zu uns hinübergerannt und blieben abrupt vor mir stehen. Das Bild von Abe, Jochen – oder Khan –  und mir, wie ich mich ihnen in den Weg stellte verwirrte sie völlig. Im Augenwinkel sah ich, wie Affenarme sich durch den Türspalt zwangen und in wenigen Sekunden hier sein würden.
Abe! Jetzt oder nie!, sagte ich und tatsächlich. Abe entließ Jochen aus seinen Pranken und ich spürte, dass Khan fort war – absorbiert von Abes Geist, mit all seinen Erfahrungen und seinem Wissen.
„Papa!“, schrie Thomas. Er wollte zu ihm. Ich stellte mich ihm zähnefletschend in den Weg.
      Ich hab es!, sagte Abe und machte sich gleich daran wild auf der Tastatur des Computer einzuhämmern.
Die Kuppel öffnete sich. Die Affen bahnten sich einen Weg durch die Tür. Hinter ihnen kamen die Wölfe und Löwen. Der Boden in der Mitte des Labors öffnete sich. Eine Apparatur, die aussah, wie eine riesige Laserkanone, stieg empor. Die Tiere schreckten zurück. Das Gebäude zitterte. Blitze zuckten in immer kürzeren Abständen über die Oberfläche dieser „Laserkanone“. Das Gebäude erbebte noch stärker. Die Halogenleuchten im Labor flimmerten und versagten schließlich ihren Dienst. Die Kinder verloren den Halt unter ihren Füßen und fielen zu Boden. Dann feuerte die Kanone in kurzen Abständen grell flackernde Blitzkugeln in den Himmel. Wellen enormer Hitze entstanden und alle, Tiere und Menschen, zogen sich instinktiv von ihr zurück und pressten sich an die Wände des Labors. Ich sah, wie einige Löwen, Affen und Wölfe wieder durch den Eingang flohen. Vanessa und David hielten sich in den Armen und Thomas zog sich auf allen Vieren zu seinem Vater hin. Der Himmel verdunkelte sich und eine blitzende Wolke zog sich über der Kuppel zusammen. Das Szenario wiederholte sich. Es wird ein Unwetter geben, wie an dem Morgen dieses Tages.
Abe?! Bist du sicher, dass du alles richtig gemacht hast?, fragte ich ihn.
Abe war hinter der Steuerkonsole in Deckung gegangen und ich schlug mich durch das Blitzegewitter zu ihm durch.
      Ich hoffe es, mein Freund, ich hoffe es!, sagte er.
Das Beben wurde stärker. Von der Decke fielen die Leuchtröhren und Teile der Decke hinab. Regale fielen um. Die Kinder suchten klugerweise unter den Tischen Schutz. Thomas zog Jochen mit sich unter einen Tisch. Der Lärm, den diese höllische Maschine verursachte wurde unerträglich. Das grelle Blitzen schmerzte durch meine geschlossenen Augenlider.
Und dann… Stille.

Als ich wieder zu mir kam, herrschte eine fast unheimliche Stille. Die Kuppel über dem Labor war noch geöffnet und warme Sonnenstrahlen legten sich auf mein Gesicht. Ich stand auf und ging zu David, der unter einem Tisch kauerte. Ich leckte ihm durchs Gesicht und dann wachte er langsam auf und öffnete schwermütig seine Augenlider.
„Doc, was ist passiert?“, fragte er mich verwirrt, während er mich hinter dem Ohr kraulte.
Ich ließ ihn wach werden und beschnüffelte die übrigen. Auch Vanessa konnte ich mit einem sehr feuchten Zungenkuss quer über ihr Gesicht wieder auf die Beine helfen. Ich ging hinüber zu Thomas und Jochen. Ich erschrak. Thomas hielt die Waffe in seinen Händen und ich konnte riechen, dass sie erst vor wenigen Momenten abgefeuert worden war. Thomas erwachte und auch Jochen. Jochens Geruch hatte sich verändert. Ich konnte einen Geist in ihm spüren und hoffte, dass es auch diesmal Jochen sein würde. Aber auf wen hatte Thomas geschossen? Ich drehte mich hastig um und rann schnell zu dem Kontrollpult hinüber.
Abe? Hey Kumpel, ist alles in Ordnung? Abe?
Ich stieß mit meiner Schnauze eine Halogenleuchte von ihm hinunter. Unter dem Aluminiumgestell der Leuchte verbarg sich meine Befürchtung. Abe wurde von der Waffe in die Brust getroffen.
Abe? Hörst du mich?, fragte ich meinen Primatenfreund. Langsam hoben sich seine Lider und er rang sich ein Lächeln ab.
Doc, hat es funktioniert?, fragte er mich. Sein Geist war sehr schwach.
Sieht gut aus, mein Freund. Wir müssen sehen, wie es draußen aussieht., sagte ich und leckte ihm über das Gesicht. Er kraulte meinen Nacken.
„Thomas?“, fragte Jochen und er klang völlig verwirrt. „Vanessa? David? Was macht ihr hier? Was ist passiert?“, fragte er weiter.
„Was ist denn los Papa? Kannst du dich an nichts mehr erinnern?“, fragte Thomas und half seinem lädierten Vater beim Aufstehen. Er berührte den blutigen Verband auf seinem Gesicht und fasste sich an seinen Hals, der durch Abes Griff ein einziger grüner und blauer Fleck war.
„Nein, ich… ich kann mich an nichts erinnern.“
Dann witterte ich noch mehr Menschen in dem Raum und auf einmal bemerkte ich die vielen nackten Männer und Frauen, die sich den Kopf hielten und allesamt verwirrt und paralysiert waren.
Abe, sieh nur! Es hat anscheinend funktioniert! Du hast es geschafft! Du hast all diese Mistkerle gerettet!, teilte ich meinem Freund mit, aber er antwortete nicht mehr.
      Abe?
Langsam glitt seine Hand von mir ab.

ENDE

EPILOG

Das Ereignis hatte die Welt auf den Kopf gestellt. Die Menschen waren aufgebracht und durcheinander. Es gab ein riesiges Chaos mit Aufständen und Ausnahmezuständen. Unsere kleine Stadt hatte noch mit am wenigsten darunter zu leiden. Wir waren wieder daheim. Ann-Marie ist wieder dort aufgetaucht, wo sie verschwunden war. Für sie, wie für alle anderen Menschen, die in diesem Megarechner abgespeichert waren, hatte alles nur einen Augenblick gedauert. Manchmal erzählt Ann-Marie von merkwürdigen Träumen, die sie nachts aufschrecken. Sie wäre ein Geist, eine Art Gespenst und zusammen mit vielen anderen Geister und Gespenstern in einem Schloss gefangen.
Jochen hatte uns heimlich in dem ganzen Wirrwarr in dem Labor nach draußen bugsiert und die Aufnahmen der Überwachungskameras gelöscht, so dass wir nicht kompromittiert wurden. Sein Kopf war zwar von Khan befreit, aber er muss sich dennoch für das Experiment verantworten. Ich denke nicht, dass er jemals in seinem Leben wieder glücklich werden wird. Aber er hatte seinen Job an den Nagel gehängt und so, wie ich es gehört habe, will er als Lehrer arbeiten und sich wieder mehr um seinen Sohn kümmern.
Es ist jetzt vier Monate her. Alles scheint wieder beim alten zu sein. Heute ist Samstag. Vanessa ist zu Besuch. Sie und David verstehen sich sehr gut. Wir sehen uns zusammen mit Ann-Marie Planet der Affen an – das Original, nicht diesen belämmerten Remake – und essen Pizza. Na ja, sie essen Pizza, aber David lässt aus Versehen mal das ein oder andere Stück fallen.
Bei dem Film muss ich natürlich sofort an Abe denken, meinen Freund und den Menschheitsretter. Und wie ich David, Ann-Marie und Vanessa dort sitzen sehe, weiß ich, dass es die richtige Entscheidung gewesen ist sich für sie einzusetzen und den Menschen einmal mehr eine Chance zu geben. Die Tiere hatten sich letztlich doch noch einmal für sie entschieden und der König ist mit meinen anderen Freunden wieder zurück in seinen Käfig gegangen. Dort bleiben sie. Vorerst. Und warten.
Nicht alle Tiere sind mit dem Rückzug einverstanden gewesen. In den Nachrichten tauchten Berichte von vereinzelten Vorfällen mit „verstörten“ Tieren auf. Weitere Zoos beklagten Massenausbrüche, das Wild in den Wäldern richtete sich gegen Touristen und mehr noch, gegen Jäger. Wale griffen Walfänger an, Löwen und Leoparden Großwildjäger.
Die Ereignisse wurden in den Zusammenhang mit dem missglückten Laborexperiment gebracht, bei dem es sich natürlich ausschließlich um ein fehlgeschlagenes Wetterexperiment handelte. Lächerlich, wie die Vertuschungsaktionen der Regierung in Wirklichkeit genauso miserabel klingen, wie man es aus Filmen kennt. Es graut mich dennoch vor dem Gedanken, dass diese Maschine lediglich die Macht hatte Menschen verschwinden zu lassen, wo doch die Welt auch voll mit Menschen ist, die eine weitaus größere Macht in den Händen halten. Eine Macht, die sämtliches Leben auslöschen kann – unwiederbringlich.
Wir werden ein Auge auf euch haben.
 

 

Definition

Ein Hund

der stirbt

und der weiß

dass er stirbt

wie ein Hund

und der sagen kann

dass er weiß

dass er stirbt

wie ein Hund

ist ein Mensch.

(Erich Fried)

 

 

 


Hier gibt es die Story des Rüden und seiner Freunde auch als PDF:

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