DAS TWEETY MASSAKER

 

Mein Name ist Red. Ich lebte mit meiner Frau Charly in einem netten, kleinen Garten in einem Vorort von Oxford. Wir hatten uns Anfang des Jahres für einen hohlen Baumstumpf entschieden und ihn anschließend gemeinsam ausgebaut. Ich wollte es uns einfacher machen und ein altes Nest einer Elster klar machen, aber Charly wollte unbedingt etwas „Eigenes“. Ich wollte mich deswegen nicht mit ihr streiten. Weibchen… Sie kommen nach dem Winter in dein Revier geflogen, umgarnen dich, ihr habt einen Tag lang Spaß und eh du dich versiehst musst du dich um die Brut kümmern. So ist das Leben eines Rotkehlchens. Und es endet schnell, wenn du nicht aufpasst.

Gefahren lauern überall. Ich hatte die Nachbarschaft gründlich und mehr als einmal abgeflogen und überprüft. Alles machte auf mich einen recht entspannten Eindruck. Kein Anzeichen eines Räubers, der dich des Nachts zerfleddert und verspeist. Auch die Menschen, die das Haus neben unserem Garten beziehen, machten auf mich einen beschränkten, aber freundlichen Eindruck – soweit es für diese seltsame Spezies eben möglich war. Ein Hund lebte bei Ihnen, ein Bernhardiner namens Bernie. Großartiger Kerl. Er war die Ruhe selbst. Wir hatten uns gleich am ersten Tag mit ihm angefreundet und er versicherte mir, dass es eine sehr ruhige, friedliche Gegend wäre, zumindest in den letzten acht Jahren, in denen er dort gelebt hatte. Also ein scheinbar perfekter Ort für eine Rotkehlchen-Familie. Dachte ich zumindest. Doch hätte ich nur im Entferntesten geahnt, was in den folgenden Tagen auf uns zukommen würde, wäre ich lieber in die verdammte Großstadt gezogen und hätte mich mit den bekloppten Tauben ums Essen geprügelt. Aber es sollte alles ganz anders kommen.

 

Charly und ich begannen gemeinsam unser Traumnest zu bauen. Nachmittags wurde Bernie von seinem alten Menschenweibchen immer gebürstet. Wir pickten im Anschluss seine Haarbüschel dankend auf und polsterten für die Eier das Nest. An eine gute, flauschige und gemütliche Polsterecke kam man nur schwer dran – vielleicht noch bei Ikräha. Aber wir brauchten noch einen Haufen Zweige, Äste und Moos. Nach fünf Tagen schwerer Arbeit hatten wir eine anständige Nestmulde. Ein wohnliches, kleines Apartment für unsere kleine Familie. Doch die Schwierigkeiten ließen nicht lange auf sich warten. Es tauchte ein stadtbekannter Gigolo auf.

„Hey Red, wer ist denn die Kleine in deinem Nest? Ist ein wahrer Augenschmaus. So etwas Hübsches habe ich noch nie gesehen.“

Es war Harvey, ein arrogantes Männchen, das sein Revier ein paar Gärten weiter bezog. Wir haben uns über den Winter hin und wieder beim Körnerpicken getroffen und miteinander geplaudert. Er war nicht ohne Grund „zufällig“ vorbeigeflogen und ich wusste genau, was er wollte.

„Harvey, wenn ich dir meine Frau Charly vorstellen darf?“, antwortete ich in der Hoffnung ihn schnell wieder loszuwerden. „Charly, das ist Harvey. Er bezieht sein Revier ein paar Straßen weiter.“

Charly nickte ihm kurz zu. Sie war unbeeindruckt von ihm und ich sah, dass er ihr bereits auf die Nerven ging.

„Harv, wenn du uns bitte entschuldigen würdest…Wir haben noch eine Menge zu tun.“

Harvey ignorierte mich mit voller Absicht. Er flog auf den Rasen vor unser Nest und hatte nur noch Augen für Charly.

„Charly, hm, was für ein hübscher Name. Lust auf eine köstliche Mehlkäferlarve vorbeizukommen? Bei mir im Garten gibt es noch andere Köstlichkeiten: Beerensträucher und Obstbäume, alles ungespritzt und garantiert Bio. Und die proteinreichen Snacks fliegen dir von selbst in den Schnabel. Außerdem habe ich ein schickes Nest unter dem Giebel einer Laube. Sehr sicher und sehr gemütlich. Romantik pur.“

Er zwinkerte ihr zu. Es war peinlich. Ich fragte mich, ob er je Erfolg bei den Damen hatte. Ich konnte es mir jedenfalls nicht vorstellen.

„Danke, aber wir haben hier mehr als genug zu essen und wir haben uns bereits sehr gemütlich eingerichtet. Wenn Sie uns jetzt also bitte entschuldigen würden, wir haben zu tun.“, sagte Charly, mehr als unmissverständlich.

„Das glaube ich gern.“, sagte Harvey und in seinen Augen funkelte jetzt etwas auf, etwas Bösartiges.

Ich flog von meinem Ausguck herab und baute mich zwischen ihm und Charly auf.

„Es reicht jetzt Harvey. Verschwinde. Wir sehen uns dann im Winter wieder.“, sagte ich.

„Ich könnte mir aber auch vorstellen, hier in diesem Garten einen Sommer zu verbringen. Denn die Aussicht ist wirklich unschlagbar.“, sagte er. Seine Augen zogen sich zu Schlitzen zusammen. Die Niedlichkeit des Rotkehlchens war verflogen.

„Harvey, ich warne dich, treib es nicht zu weit.“, sagte ich ein letztes Mal. Aber Harvey sprang bereits auf das Nest zu. Ich konnte mich nur noch zwischen ihn und Charly werfen.

Kämpfend fielen wir zu Boden. Harvey hatte sich schlagartig von einem aufgeplusterten Arschloch in ein blutrünstiges Monster verwandelt. Charley rief meinen Namen, aber ich spürte in diesem Moment nur Harveys spitzen Schnabel, der er auf mich einhackte und versuchte mir die Augen auszupicken.

Ich wehrte ihn mit einem Hagel schneller, kräftiger Tritte ab und warf ihn zu Boden. Ich stürzte mich auf ihn. Ich sah den Wahnsinn in seinen Augen und suchte vergebens nach einem letzten Funken Verstand, aber sein Paarungstrieb hatte ihn ausgeblasen. Er wollte mich aus dem Weg räumen, seinen Kontrahenten. Es gab kein zurück mehr. Entweder er oder ich. Ich musste handeln, sonst hätte er mich in seinem Tobsuchtsanfall kaltgemacht. Also tat ich, was ich tun musste. Mit zwei gezielten Stößen, stach ich Harvey ein Auge aus.

„Du Scheißkerl! Du verdammtes Arschloch!“, kreischte er wie Kinski und trat mich von sich.

„Chau mal Mammi, die Vögel pielen tutammen!“, tönte die Stimme des Menschenjungen aus dem Nachbargarten, der unseren Kampf auf Leben und Tod anscheinend für eine Wellensittich-Plantsch-Veranstaltung hielt.

„Du und deine blöde Fotze! Das werdet ihr mir bezahlen!“, er flog fluchend und halbblind davon.

Unkoordiniert prallte er gegen den Stamm einer Birke und fiel zu Boden. Er tat so, als ob nichts passiert wäre und flog ungelenk weiter. Er machte eine Zwischenlandung auf unserer Hecke und drehte sich mit seinem blutigen Auge zu uns.

„Ich verfluche euch und eure Brut! Sollen sie als Spiegelei enden!“

Hinter der Hecke bewegte sich etwas Dunkles. Etwas pirschte sich an Harvey heran. Ich wollte ihn warnen, aber der lautlose Schatten war bereits über die Hecke gesprungen und hatte Harvey mit seiner Klaue volles Pfund erwischt. Sein abgerissener Kopf landete direkt vor unserem Nest. Charly verkroch sich schnell im Nest und ich blickte stumm seinem Schlächter entgegen.

„Rotkehlchen bekommt bei ihm jetzt wohl eine ganz neue Bedeutung, was meint ihr?“, schnurrte die schwarze Gestalt auf vier samtenen Pfoten. Er grinste uns an und wir fühlten uns bereits als Nachspeise.

Vom Haus ertönte lautes, dunkles Gebrüll. Der Kater sah mit aufgerissenen Augen dem heranbrausenden, massiven Ungetüm entgegen. Schnell packte er sich das, was von Harvey übriggeblieben war und verschwand über die Hecke.

„Stressiger, lauter Spielverderber!“, grummelte er.

„Scheiße, was ist denn hier passiert?!“, fragte Bernie und blickte irritiert auf Harveys abgerissenen Kopf.

„Eine kleine Einweihungsparty für die Nachbarschaft.“, sagte ich. „Ein ruhiger Ort, hm? Ja, für einen fünfzig Kilo schweren Bernhardiner bestimmt. Für eine Rotkehlchen-Familie weniger. Du hast vergessen zu erwähnen, dass es hier kleine Scheißer gibt, die mir das Revier streitig machen. Ganz zu schweigen von Katzen!“

Ich war stocksauer und zwitscherte Berne so laut an, dass er seinen Kopf in die andere Richtung drehte.

„Entschuldige, Red.“, brummte Bernie. „Ich hielt es nicht für so wichtig. Der Kater war Phil. Er wohnt drei Straßen weiter. Er weiß, dass er sich in unserem Garten besser nicht blicken lassen sollte, weil ich ihn sonst die Eingeweide rausreiße, sollte ich ihn zu packen bekommen. Aber wenn sich ein verletztes Vöglein ihm als offenes Büffet präsentiert, konnte selbst er nicht wiederstehen.“

„So grobe Worte von einem so feinen Tier wie dir? Ich dachte ihr Bernhardiner seid so friedliebende Tiere.“

„Sind wir. Allerdings hat sich Phil mit mir den Spaß verdorben, als er anfing sein Revier in unserem Garten abzustecken. Ich kann den Geruch von Katzenpisse einfach nicht leiden. Einmal hatte ich ihn erwischt. Habe ihn im Nacken gepackt und quer über den Rasen geschleudert. Seitdem macht er einen großen Boden um das Grundstück.“

Bernie wandte sich an Charly

„Wie geht es dir? Ist alles in Ordnung?“

Charly hatte sich erholt und ihr Herz schlug wieder entspannte zehn Schläge pro Sekunde. Sie steckte ihren Kopf aus dem Nest.

„Ist wieder alles gut, Bernie, danke. Kannst du Harveys Kopf vielleicht da wegschaffen, bevor er noch andere unerwünschte Vierbeiner anlockt? Nichts für ungut.“

„Ich lege ihn meinen Menschen auf die Terrasse. Sie werden sich um ihn kümmern. Sie werden immer ganz laut, wenn ich so etwas tue. Ich glaube sie freuen sich darüber.“, sagte Bernie.

 

Die darauffolgenden Tage wogen den Schrecken der Einweihung unseres neuen Zuhauses fast wieder auf. Es waren herrliche, warme Frühlingstage. Das Essen flog nur so durch die Luft. Wir brauchten unsere Schnäbel nur aufzusperren und schon hatten wir eine saftige Fliege, Mücke oder einen köstlichen kleinen Käfer im Schnabel. Das traf sich ausgezeichnet, denn ich musste Charly die nächsten zwei Wochen füttern. Sie hatte fünf Eier gelegt. Während ihr Job darin bestand unsere Jungen auszubrüten, war es mein Job sie in ihrer drei- bis fünf minütigen, täglichen Pause ordentlich zu füttern.

Außerdem musste ich unser Nest beschützen. Tag- und Nacht. Ganz in der Nähe trieb sich ein verdammtes Kuckucksweibchen herum. Die verschlagene Lady wartete nur auf eine Gelegenheit ihren kleinen Parasiten bei uns einzuschleusen. Und aus irgendeinem Grund, würden wir es wahrscheinlich nicht mal merken. Verrückt. Aber ich habe ihr einen gehörigen Strich durch die Rechnung gemacht und sie verjagt. Hab zwar einige Federn lassen müssen, aber nichts verloren, was nicht auch wieder nachwächst.

 

Eines Nachts, kurz vor Morgengrauen, wollte ich mich gerade einstimmen und anfangen zu zwitschern, aber jemand schluchzte und weinte irgendwo in unserem Garten. Ich flog um die Ecke des Geräteschuppens und dort hockte er.

„Squid? Hey, Kumpel, was ist denn los?“

„Red, es ist so furchtbar.“ Er drehte sich zu mir um und fiel mir um den Hals. Bei jedem anderen Eichhörnchen wäre ich nervös geworden, aber Squid und sein Mann standen auf Nüsse.

„Schieß los, was ist passiert?“

„Das Nest der Bachstelzen wurde geplündert. Nicht ein Ei hat überlebt.“ Er weinte heftiger und es bereitete mir einige Mühe zwischen seinem Geflenne etwas zu verstehen. „Das ist jetzt schon das vierte Nest innerhalb von drei Tagen… So was ist doch nicht normaaaaaaal!“ Und er verfiel in einen langanhaltenden Weinanfall.

„Beruhige dich. Woher weißt du das so genau?“, fragte ich. Squid riss sich zusammen.

„Die ganze Nachbarschaft redet schon davon. Es fing zur Brutzeit an. Ich habe es gerade von dem Reverend gehört.“

Der Reverend. Dieser arrogante, herablassende Wichtigtuer. Ich konnte Raben nicht ausstehen.

„Geh nach Hause zu deinem Mann. Ich versuche herauszukriegen, was hier los ist, okay. Ich bin sicher, dass es dafür eine Erklärung gibt. Ich werde mit dem Reverend sprechen. Lass deinen Mann sich heute mal um die Nüsse kümmern. Und grüß ich schön von mir.“

„Mach ich. Danke, Red.“, schluchzte Squid und eilte wie ein Blitz davon. Eichhörnchen – immer auf hundertachtzig. Wenn ein Faultier bis drei zählte, dann hatten Eichhörnchen schon dreimal bis unendlich gezählt.

Ich bat Bernie darum, einen Blick auf unser Nest zu haben, während ich losflog, um den Reverend zu suchen. Charly war einverstanden. Ich musste wissen, was es mit Squids Geschichte auf sich hat und ob es etwas Wahres dran war. Nur so konnte ich unser zuhause beschützen. Schlimm genug, dass ich von den Plünderungen nichts mitbekommen hatte. Sonst wurde über allen Scheiß gezwitschert.

 

„Cheers, Rev.“, grüßte ich den unheimlichen Vogel.

Er stocherte auf dem Parkplatz des Supermarkts in einem Maderkadaver herum. Das arme Kerlchen wurde von einer dieser stinkenden, lauten Blechkisten plattgemacht, in die sich Menschen pressten, weil sie das Laufen verlernt hatten. Allerdings fahren sie sich mehr selbst platt, als dass sie uns erwischen. Jedoch bleiben sie nicht auf dem Asphalt liegen, wenn es ihnen passiert. Jedes Mal, wenn es einen von ihnen erwischt kommt jemand und kratzt sie ab. Ob sie dann auch gegessen werden? Der Reverend pickte sich noch ein Stückchen des Schenkels heraus.

„Du hast also von den Nestplünderungen gehört?“, fragte er mich, während er das Fleischstückchen runterschluckte.

„Woher weißt du… wie machst du das immer? Ihr Raben seid so verflucht unheimlich! Macht ihr das mit Absicht? Diese „düsterer Vogel“ Nummer? Musst du dich viel dafür vorbereiten oder kommt das eher spontan?“

Er riss sich noch ein Stückchen des Schenkelfleischs heraus und würgte es hinunter. Dann sah er mich mit seinem gesunden Auge an. Ich versuchte nicht auf die vernarbte Kruste zu blicken, wo früher mal sein zweites war. Es amüsierte ihn.

„Du würdest mich nicht aufsuchen, wenn es nicht um Leben und Tod ginge. Und in diesem Fall geht es um das Wohlergehen deiner neuen Familie… Glückwunsch übrigens.“

„Danke. Du hast recht. Also, kürzen wir diese Sache doch ab. Weißt du etwas, oder nicht? Verschwende nicht meine Zeit. Hier treibt sich ein Psychopath herum, der uns allen gefährlich werden kann.“

Der Reverend musterte mich abschätzig. Dann unterbrach er sein Frühstück und wandte sich mir zu.

„Ich weiß, dass ein schwarze Kater in der Nacht herumstreunt. Er durchstreift die Nachbarschaft. Und es ist nicht der alte Phil. Der, von dem ich rede, ist ein riesiges Tier. Und er ist schlau und flink. Kaum hatte ich ihn gesehen, war er auch schon wieder verschwunden. Meinem Auge entgeht nichts so leicht, glaub mir. Das, was sich hier herumtreibt ist ein Dämon. So etwas habe ich noch nie gesehen. Das, was ich bei den Nestern gesehen habe, war ein Massaker. Ich kenne kein Tier, das zu so etwas im Stande ist. Trotzdem… vielleicht weiß er etwas, denn mein altes Auge bekommt nicht mehr so viel mit wie früher.“

Er strafte mich mit einem zornigen Blick. Den Hieb hatte ich verstanden, denn sein Auge hatte ich ihm damals herausgerissen. Dieser Aasfresser hatte Stücke meiner ersten Brut gefressen. Da hatte ich ihm ein Auge ausgehackt. Doch getötet wurden sie letztlich von Menschenkindern. Mit Steinen hatten sie unser Nest aus dem Baum geworfen. Unsere Brut war kurz vor dem Schlüpfen. Mein Ex-Weibchen hatte es nie überwinden können.

Der Reverend stieß seinen Schnabel wieder in das Fleisch des Maders und ich wusste, wen er sich dabei vorstellte. Ich nickte ihm zu und wollte einen Abflug machen, als der Reverend mir noch letzte Worte mit auf den Weg gab: „Es kann sein, dass unser Schicksal wieder einmal mehr enger mit dem der Menschen verbunden ist, als es uns lieb ist. Sie haben auch Opfer zu beklagen. Vielleicht haben sie ja den selben Ursprung?“

Raben – ich konnte sie nicht ausstehen.

 

Ich überflog unser Viertel auf dem Weg zurück zum Nest, als ein schrilles Kreischen von der Esche am Ende der Straße ertönte. Ich flog ihm nach und fand Merle, die mit ihrem Mann vor den Überresten ihres Geheges kauerte.

„Frank, Merle, was ist passiert?!“

Merle wimmerte und vergrub ihren Kopf unter dem Flügel ihres Mannes. Frank blickte auf das Massaker vor ihnen und seine Frau presste sich fest an ihn. Trauer und Zorn zeichneten seine sonst so friedfertigen Züge um seinen Schnabel herum. Ich hüpfte an ihnen vorbei und sah mir das Epizentrum des Alptraums direkt an. Ihre Brut wäre am darauffolgendem Tag geschlüpft. Jetzt lag das, was von ihnen übrig war, zerfleddert und zerteilt zwischen den Überresten des Nests. Es war grauenhaft. Ein Massaker. Ich musste mich überwinden genauer hinzusehen, in der Hoffnung, Spuren auf den Tathergang und den vielleicht den Täter zu entdecken.

Mit der Gewalt, mit der das Nest auseinandergerissen worden war und unter Rücksicht auf den schwer zu erreichenden Standort, konnte ich zumindest Hunde und Mader ausschließen. Auch die Otter, Fledermäuse und Dachse, die sich aus den anliegenden Moorlandschaften manchmal in den Vorort verirrten, könnten nicht auf diese Höhe hinaus. Das Nest war sicher und gut in der hohen Baumkrone der Esche versteckt gewesen.

Gerade wollte ich den Boden nach weiteren Spuren absuchen, als etwas von der Mauer auf der gegenüberliegenden Straßenseite aufblitzte und meinen Blick ablenkte. Es war Maggi. Sie hatte wieder ein funkelndes und glänzendes, kleines Etwas im Schnabel. Das Elstern dermaßen auf schimmernde Sachen abfahren war mir schon immer ein Rätsel gewesen.

Sie beobachtete mich, wie ich sie beobachtete. Hatte sie etwas gesehen? Was hatte sie dort im Schnabel?

„One for sorrow, two for joy, three for a girl, four for a boy. Five for silver, six for gold, seven for a secret never be told!”

Sie sang dieses Lied, kehrte mir den Rücken zu und machte dann einen Abflug. Aber so leicht sollte sie mir nicht davonkommen. Ich nahm die Verfolgung auf. Dieses Biest war schnell und wendig. Sie schien jeden Winkel in diesem Viertel im Schlaf zu kennen und schlug Haken und flog Schleifen, so dass ich kaum mithalten konnte. Dabei hielt sie den funkelnden Gegenstand in ihrem Schnabel und lachte hämisch. Verrückter Vogel! Ich ahnte, dass sie etwas wusste. Sie durfte mir auf keinen Fall entkommen.

Ich jagte sie durch das ganze Viertel. Sie hatte eine verdammt gute Ausdauer und eine Wahnsinns Geschwindigkeit drauf. Wir erreichten den Friedhof. Sie flog kreuz und quer an den Gräbern vorbei, steuerte das Spitzdach des Kirchturms an und verschwand unter seinen Giebeln. Ich landete auf einem Grabstein und verschnaufte einen Augenblick. Den Kirchturm hatte ich dabei stets wachsam im Auge. Dann folgte ich ihr nach.

Ich fand einen Spalt, durch den sie in den Turm hineingelangt war und wandte mich hindurch. Drinnen fand ich mich auf einem staubigen, alten Dachboden wieder und in seiner Mitte hing eine große, schwere Glocke.

„Hel schreitet durch die Nacht und gibt auf niemanden mehr acht.“

Ihre Stimme schallte durch die Dachkammer und es war unmöglich sie zu lokalisieren.

„Wovon sprichst du, alte Hexe?“, fragte ich.

„Die Menschen nannten sie in einem Land die Todesgöttin und ich war ihre Botin. Eine Hexe bin ich nicht, doch wurden Menschenweibchen vor langer Zeit auf dem Scheiterhaufen verbrannt, wenn sie sie sich zu oft in meiner Gesellschaft befanden.“

„Was weist du über die geplünderten Nester? Warum bist du weggeflogen? Hast du gesehen, was passiert ist?“

„Hierzulande sind wir für sie immer noch ein böses Omen. Wir werden als diejenigen betrachtet, die vor dem Sensenmann warnen. Er geht um. Auch bei den Menschen.“

Sie sprach in Rätseln und es ging mir gehörig auf die Nerven. Ich flog jede Ecke des Dachstuhls ab, aber ich konnte die verrückte Alte einfach nicht finden.

„Sag mir endlich, was du weißt, du… du blöde Elster!“

„Er nimmt uns unsere Jungen und nimmt ihnen ihre Alten… die Menschen meine ich. Ein Nest, ein Mensch. Bereits sechsmal hat er zugeschlagen. Wir wachen nun und rätseln und fürchten.“

Ein gemeinsamer Feind? Wer das sein? Ein Verrückter, der Menschen umbringt und Vogelnester plündert? Nein, unmöglich.

„Was können wir tun? Hilf uns doch, wenn du etwas weißt!“, flehte ich sie an, denn allmählich begann ich zu verzweifeln und ich musste zurück zum Nest.

„Es ist uns zu eigen, dass wir unser Revier nie aus unserem wachsamen Auge lassen. Das ganze Jahr über. Aber die Nacht ist ein grimmiger Gegner, der unsere Schwäche sich zu Nutze macht. Der Tod deckt sich in ihren Mantel. Aber eine Spur hat er hinterlassen. Er ist von dieser Welt.“

Sie fiel aus dem Dunklen der Glocke heraus. Eine Münze. Nein, eine Marke. So etwas trägt auch Bernie um seinen Hals. Doch diese ist kleiner. In dieser war SLY eingestanzt.

Ich hob meinen Kopf und blickte in das Dunkel der Glocke hinein. Dann flatterte sie hinaus. Maggi verschwand durch den Spalt im Dach. Ich ließ sie fliegen. SLY. War das unser Wahnsinniger? Ich machte mich auf den Weg nach Hause. So schnell ich konnte. Und während der Name pausenlos durch mein Spatzenhirn wie ein Glockenschlag dröhnte, formte sich ein Bild unseres Täters vor meinen Augen.

 

„Wo bist du so lange gewesen? Ich habe mir Sorgen gemacht!“, sagte Charly. „Das Nest der Tauben wurde geplündert. Freddy der Finke hatte es mir gerade gezwitschert. Hast du es schon gehört?“

„Ja, ich habe Maggi am Tatort gesehen. Sie ist geflohen und ich habe sie zum Friedhof verfolgt. Sie sprach wie immer in ihrem Kauderwelsch und warf mir die Marke eines Haustiers zu. SLY war darauf eingraviert. Ich nehme an, dass es sich um eine Katze oder einen Kater handelt. Das würde auch erklären, wie der Täter an die Nester kommt und die Gewalt, mit der er sie plündert und verwüstet. Es erklärt aber bei weitem nicht die Art und Weise, wie es gemacht wird. Es ist bestialisch. Das Tier muss gestört sein.“

Aus dem Haus kam Bernie zu uns rüber.

„‘Tschuldige, Red. Ich musste mal kurz mit den Menschen vor die Tür. Habe das von Merle und Frank gehört. Verdammte Schande.“

„Schon gut.“, sagte ich. „Ich habe vielleicht eine Spur. Sagt dir der Name SLY etwas? Es ist wahrscheinlich eine Katze oder ein Kater. Maggi gab mir den Hinweis.“

„Maggie?! Die verrückte Elster? Aber nein, der Name sagt mir nichts. Der einzige Kater, den ich hier aus der Gegend kenne ist Phil. Den kennt hier jeder. Aber der ist im Grunde harmlos. Er hält sich an unsere Spielregeln. Aber ich werde mich umhören.“

„Danke Bernie.“

 

Eine mondlose Nacht war hereingebrochen und auch wenn die Lampe an der Hauswand den Garten ein wenig erleuchtete, umschlangen doch tiefe, dunkle Schatten das Gebiet um unser Nest. Und jeder Schatten schien zu atmen, sich zu bewegen, zu flüstern, zu lauern. Ich hielt Wache. Charly brauchte ihre ganze Kraft für das Ausbrüten der Jungen.

„Red?“, flüsterte sie. „Was sollen wir nur tun? Dieses Monster ist irgendwo dort draußen und jeden von uns kann es als nächstes treffen. Ich will die Brut nicht verlieren.“

„Ich weiß, Liebling. Ich auch nicht. Ich habe schon mal einen Fehler gemacht. Ich werde ihn kein zweites Mal machen. Das verspreche ich dir.“

Ich wusste nicht, ob es meine Worte waren, die sie einschlafen ließen. Ich denke, es war eher die Erschöpfung.

 

Es muss kurz vor Morgengrauen gewesen sein. Die Nacht war am dunkelsten. Der Schlaf hatte mich übermannt und ich musste kurz weggedöst sein.

„Red! Red! Wach auf!“, flüsterte Charly leise. Ihre Stimme zitterte. „Dort vorn im Gebüsch.“

Ich war wieder hellwach und sprang auf den Rand unseres Nests. Charly sah mich an und sie hatte Todesangst. Ich deutete ihr ruhig zu bleiben. Ich wartete darauf, dass unser Freund sich blicken ließ. Dann sah ich sie. Die funkelnden Augen des Todes. Sie gierten nach uns. Aber er blieb dort im Dunkeln und regte sich nicht. Ich weiß nicht wie lange. Selbst die Zeit schien ihren Atem angehalten zu haben. Es musste etwas passieren. Ich plusterte mich auf und zwitscherte so laut und hell ich nur konnte. Bernies dunkles Bellen donnerte aus dem Haus. Die funkelnden Augen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. Dann passierte es.

Der schwarze Tod sprang aus seiner Deckung hervor und preschte auf unser Nest zu. Es war ein schwarzer Kater. Das gewaltigste Tier seiner Art, das ich je gesehen habe, neben dem der alte Phil wie ein frischgeborenes Kätzchen aussah. Er stemmte sich auf seine Hinterbeine, visierte mich an und sprang.

Ich war mir unseres schnellen und eklig verlaufenden Todes sicher. Aber im Sprung, wenige Zentimeter bevor er unser Nest mit seinen rasiermesserscharfen Krallen erreichen konnte, tauchte eine massige Gestalt vor mir auf und warf sich zwischen uns und unseren Henker. Es war Bernie. Er konnte den Kater abwehren, aber zu fassen bekam er ihn leider nicht. Stattdessen heulte er auf. Das Monster hatte ihn mit seinen Klauen an der Schnauze erwischt. Bernie war kurz irritiert. Der Kater warf mir einen letzten, hasserfüllten Blick zu und verschwand dann binnen eines Augenblicks über die Hecke.

„Bernie, alles in Ordnung? Sind beide Augen noch drin?“, fragte ich meinen pelzigen Freund.

„Ja. Er hat mir nur meine Schnauze blutig gekratzt. Oh, wenn ich den erwische, dann werde ich mir Zeit lassen und ihm seine Gliedmaßen ganz langsam abkauen. Dieser Scheißkerl!“

„Du hast unser Leben gerettet!“, sagte Charly aus ihrer Deckung heraus. Sie konnte in diesem Moment kaum mehr sagen, denn wie ich, so musste ich ehrlich zugeben, stand sie noch unter Schock.

„Bernie, bleib beim Nest. Ich verfolge dieses Ding!“, sagte ich und flog dem Ungetüm nach.

„Red!“, bellte Bernie hinter mir her, „Und was machst du, wenn du ihn findest?!“

Gute Frage.

 

Der Kater war zu groß und schwer, als dass er wie seine Artgenossen einfach hinter jedem Loch im Zaun verschwinden könnte. Es war zwar noch dunkel, aber der Morgen graute bereits und nachdem ich mir die dunkelsten Stellen in den anliegenden Gärten genauer angesehen hatte, konnte ich ihn endlich finden. Er schlich sich durch die Beerensträucher, sprang über Hecken, Büsche und Zäune und durchquerte flinker als ich es für möglich hielt die anliegenden Gärten. Ich flog hoch genug, um seiner Aufmerksamkeit zu entgehen, aber tief genug, um mir nicht zu entwischen.

Ich verfolgte ihn etwa zehn Minuten bis an den Rand unseres Vororts. Ein riesiges, altes Gebäude warf seinen Schatten über sein Anwesen. Das Gebäude soll schon dort gestanden haben, lange bevor die Menschen ihre Heime um ihn herum errichtet hatten. Die Menschen brachten dort ihre ebenso alten Väter und Mütter unter. Sie nannten es Seniorenresidenz. Und der schwarze, haarige Tod verschwand in das alte Haus durch ein kaputtes Kellerfenster. Ich war mir sicher, dass er nicht bemerkt hatte. Also kannten wir nun sein Versteck. Jetzt konnte ich den Jäger zum Gejagten machen.

 

Ich zwitscherte Verstärkung herbei und ließ das Fenster nicht eine Sekunde aus den Augen. Amseln, Elstern, Tauben, Finken, sogar aus ihren Käfigen ausgebrochene Kanarienvögel, waren gekommen, um dieses perverse Tier zu fangen. Zumindest waren sie Augen und Ohren, denn fassen konnten wir dieses Monster nicht. Dafür brauchten wir unsere anderen Freunde.

Tiere folgen seit jeher einem Kodex, dem Großen Deal, den wir vor Urzeiten geschlossen haben. Wenn jemand von uns das Gleichgewicht stört, wenn jemand sich außerhalb seiner ihm gesetzten Grenzen bewegt und willkürlich Schaden anrichtet, ist es an uns anderen das Gleichgewicht wiederherzustellen und zu wahren. Dieser Kater war eine Abnormalität, etwas Böses. Ich konnte es in seinen Augen sehen. Und ich spürte, dass das Plündern der Nester nur die Spitze des Eisbergs gewesen sein musste.

Nein, wir gaben auf einander acht. Auch wenn wir uns gegenseitig fressen und töten, so steckt doch noch mehr als blinder Instinkt in uns. Wir sind ein Kollektiv. Wir gehören unterschiedlichen Spezies an, aber wir erhalten das Gleichgewicht. Wir mussten die Bestie erlegen.

„Hab dich!“, fauchte der alte Kater, der sich hinter mir angeschlichen hatte.

„Ich habe dich schon gehört, bevor du aus der Hecke geschlichen bist. Du wirst alt, Phil.“, sagte ich und beobachtete weiterhin das Kellerfenster.

„Die anderen Katzen und Hunde, die ihren Häusern entfliehen konnten, haben sich um das Gebäude positioniert. Wenn er nicht in der Zeit schon wieder auf der anderen Seite hinaus entwischt ist, oder einen unterirdischen Ausgang kennt, sitzt er in der Falle. Was machen wir jetzt? Wir können es ja wohl kaum aussitzen.“

„Wir müssen hinein und ihn drinnen erledigen.“, sagte ich.

Phil kratzte sich am Ohr und warf mir einen skeptischen Blick entgegen.

„Aus diesem Gebäude wurden in den letzten beiden Wochen sechs Menschenleichen herausgetragen. Wir haben herausgefunden, dass diese alten Leute vor Ablauf ihrer Zeit dahinschieden.“

„Du meinst jemand hat sie kalt gemacht?“

„Kalt gemacht? Sprich bitte gesittet mit mir. Ich dachte in diesem Land sind alle so vornehm.“

„Umgebracht.“

„Du siehst die Lichter, die in der Gartenanlage und auf den Fluren patrouillieren? Das sind deren Gesetzeshüter, die Polizei. Sie bewachen seither das Anwesen.“

„Trotzdem müssen wir da rein. Wen haben wir noch?“, fragte ich.

„Die Eichhörnchen sitzen in den Bäumen. Mader und Frettchen sichern die Zugänge der Sträucher, Hecken und Böschungen. Die Hunde halten Wache an den Zufahrten. Selbst die Polizeihunde auf dem Gelände wissen Bescheid. Ihr Vögel seid auf den Dächern und den Baumkronen. Allerdings…“

„Allerdings was?“

„Wenn sich dieser Scheißkerl da drin verschanzt und von den alten Ladies und Gentlemen durchgefüttert wird, kann er sich dort sehr, sehr lange versteckt halten, ohne, dass jemals wieder herauskommen zu müssen.“

„Deswegen müssen wir dort hinein.“

Ein Kreischen, dass mir durch Daunen und Gefieder ging, schallte aus dem Haus. Das Licht schaltete sich auf sämtlichen Etagen ein und die umliegende Parkanlage war mit einmal hell erleuchtet. Die Polizisten wurden über ihre Funkgeräte gerufen und sie eilten ins Haus, wo bereits ihre Kollegen über die Flure zu einem Zimmer im dritten Stock rannten.

„Ich sehe mir an, was dort los ist!“, sagte ich, sprang von der Mauer und flog zum Gebäude. Ich hatte Glück. Ein Flurfenster stand einen Spalt breit offen und ich konnte hineinschlüpfen.

Die Menschen waren in heller Aufregung. Polizisten stürmten durch den Korridor. Sanitäter und Ärzte drängten sich am Pflegepersonal vorbei, um in ein Zimmer zu gelangen. In dem ganzen Trubel war es einfach mich an den Menschen vorbei zu schleichen, um mir ein genaueres Bild von dem zu machen, was sich in dem Zimmer abgespielt hatte.

Auf dem Bett lag eine alte Frau. Sie war tot. Ihr Mund und ihre Augen waren wie aufgerissen. Ich setzte mich auf den Kleiderschrank in der Ecke des Raums, um einen besseren Blick auf das Geschehen zu erhaschen. Als ich mir die Leiche genauer ansah, fielen mir die Kratzspuren an den Händen und Unterarmen der Frau auf. Auch die Polizisten untersuchten die Kratzspuren akribisch, konnten sich jedoch keinen Reim darauf machen. Aber ich wusste genau, woher sie stammten.

Und dann sah ich ihn. Ich sah seinen haarigen Hintern, wie er sich aus dem Zimmer schlich und über den Flur entwischte. Ich verfolgte ihn und zwitscherte ihm hinterher stehenzubleiben. Einem Polizisten flog ich wild vor dem Gesicht herum, um auf uns aufmerksam zu machen. Aber er konnte eins und eins nicht so schnell zusammenzählen. Sly drehte seinen Kopf zu mir um, grinste mich an und verschwand durch die Tür zum Treppenhaus, die gerade von einem Pfleger aufgestoßen wurde. Ich schaffte es nicht schnell genug ihm zu folgen, denn die Tür war bereits wieder zugefallen. Was hätte ich auch tun können? Also flog ich zurück durch das Flurfenster, durch das ich in das Gebäude gelangt war, zurück zur Mauer, wo ich den alten Phil erwartete. Aber er war nicht da.

 

Stattdessen sprang mir ein aufgedrehter Squid entgegen.

„Red, wir halten das Haus und das Anwesen bewacht. Keine Wanze kann von dort entkommen, ohne, dass wir es bemerken würden!“

Ich nickte, war aber mit den Gedanken woanders.

„Ich habe den Kater gerade gesehen. Er ist noch im Gebäude. War mir aber entwischt. Hast du Phil gesehen? Er hat seinen Posten verlassen.“

„Phil sagte, du hättest ihn zur Haupteinfahrt geschickt, um die Überwachung dort zu verstärken.“

Mir schnürte sich die Kehle zu und ich konnte nicht mehr atmen. Dann sprang ich auf und als ich bereits im Flug war schrie ich Squid hinterher, dass Bernie so schnell wie nur möglich zu unserem Nest kommen und die anderen Hunde mitbringen sollte.

„Aber was ist mit dem schwarzen Monster?!“, rief er hinter mir her.

„Tu es!“

 

Jede einzelne Muskelfaser brannte wie Feuer. Das Herz wollte mir die Brust sprengen. Aber ich flog nur noch schneller. Als ich an unserem Nest ankam wollte ich sterben. Ich war zu spät.

Das Nest war geplündert. Es war völlig zerstört worden. Zerfetzt. Zwischen den Ästen, Zweigen und Federn lagen die Bruchstücke der goldfarbenen Schalen. Ich konnte nicht weiter hinsehen. Es war so viel Blut. Ich wandte meinen Kopf ab.

Dann konnte ich ihn hören. Er war hinter mir. Sly. Langsam kam er aus dem Gebüsch.

„Friss mich einfach, du Scheißkerl.“

Er schnurrte. Ich konnte sein Grinsen in meinem Nacken spüren.

„Wieso tust du so etwas? Was hat dich so krank gemacht?!“

Keine Antwort. Er stand still hinter mir. Sein Atem streifte durch mein Gefieder. Er roch nach Blut. Ich war bereit. Noch ein verlorenes Nest konnte ich einfach nicht mehr verkraften. Ich wollte nur noch Charly folgen. Also wartete ich darauf, dass er mich tötet. Ich hoffte nur, dass er kurzen Prozess machen würde.

„Leg dich doch mit jemanden deiner Größe an, du kastrierte Pussy!“

Phil. Er trat hinter dem Baumstumpf hervor und baute sich vor den Überresten meiner Brut auf. Sly fauchte und zeigte ihm die spitzen, scharfen Zähne. Zum ersten und letzten Mal hörte ich seine Stimme.

„Ich werde deine Kehle herausbeißen und deine Eingeweide fressen, alter Kater. Deine Zeit ist um.“

Ein gewaltiger Sprung und er riss Phil mit sich. Ich konnte nur ausweichen. Sie fauchten und schrien. Phil hatte keine Chance. Er konnte sich allerdings am Knöcheln seines Feindes festbeißen und ließ nicht mehr los.

Doch dann packte ihn das Ungetüm mit seinen Hauern an der Kehle und biss ihm ein Stück Fleisch heraus. Phil ließ los und blieb liegen. Blut strömte aus der Wunde. Er atmete schwer. Aber strahlte eine Genugtuung aus, als hätte er den Kampf gewonnen. Das Monster war irritiert.

„Ich musste dich nicht besiegen.“, keuchte er. „Nur aufhalten.“ Er grinste.

„Jetzt, Bernie!“

Ein Schrei aus dem Gebüsch. Es war Charly. Das konnte nicht sein, denn ich dachte, ihre Überreste lägen vor mir verstreut zwischen der Brut und dem Nest.

Der Bernhardiner sprang aus dem Haus heraus und rollte wie eine Lawine auf den Mörder zu. Dieser setzte zum Sprung über die Hecke an, aber es gelang ihm diesmal nicht. Der Knöchel, auf den sich Phil während des Kampfes konzentriert hatte, erlaubte es ihm nicht. Er konnte nicht fliehen. Zu spät merkte er, was für eine tödliche Wunde ihm Phil zugefügt hatte. Bernie fletschte seine Zähne, packte das Monster im Nacken und machte mit Sly kurzen Prozess.

Alles ging so schnell. Ich konnte es nur über mich ergehen lassen und stand fassungslos daneben. Bis Charly mich aus meiner Trance befreite. Ich dachte sie wäre ein Geist, eine Illusion. Aber es war Charly. Sie flog aus dem Gebüsch heraus und hüpfte zu mir.

„Wie ist das möglich?“, fragte ich.

„Später.“, sagte sie und hüpfte hinüber zum armen Phil. Ich begleitete sie und hörte im Hintergrund das Sterben des Monsters.

„Phil, wir danken dir. Du hast nicht nur uns gerettet. Sly hätte noch viele getötet. Er hätte einfach immer weiter gemacht. Aber du hast ihn aufgehalten.“

„Dann ist das Gleichgewischt wiederhergestellt. Ich habe so einige von euch gefressen,“, sagte er, „da musste ich einfach etwas gutmachen.“

Blut troff aus seinem Maul und sein Blick wurde sehr müde.

„Außerdem hatte dieses Mistvieh jemanden auf dem Gewissen, den ich sehr mochte. Er durfte einfach nicht mehr weitermachen.“

Er atmete ein letztes Mal tief ein.

„Passt gut auf eure Kleinen auf.“

Ein zwinkerte uns zu und starb.

Bernie war mit Sly fertig. Ich blickte Charly an und wartete darauf, dass sie mir erklärte, was soeben geschehen war.

„Als ich davon hörte, dass dieser Mörder immer noch auf freien Pfoten unsere Nachbarschaft unsicher machte, schaffte ich unsere Eier in den Busch dort vorne.“

„Die Brut hat überlebt? Aber was ist das hier für ein Gemetzel?“

Charly blickte betroffen zu Boden.

„Das Kuckucksweibchen sah es offenbar als willkommene Einladung und legte ihr Ei in unserem Nest ab. Es sind die Überreste von ihm. Der Kater hatte es nicht gemerkt. Er hatte sie bereits gefasst, ehe ich sie warnen konnte.“

„Und wie ist Phil darauf gekommen, dass er hierhin unterwegs ist, wenn ihn doch alle auf dem Anwesen vom alten Haus vermuteten.“

„Phil kam kurz vor ihm hier an. Er sagte, dass er gesehen hätte, wie dieses Untier sich vom Anwesen geschlichen hatte. Phil rannte hier her und sprach sich mit Bernie ab, dem Mörder eine Falle zu stellen. Phil wollte sichergehen, dass er nicht wieder entkommt.“

Bernie kam zu uns.

„Wie bist du aus dem Haus deiner Menschen herausgekommen?“, fragte ich ihn.

„Die Hintertür war zwar verschlossen, aber sie besteht nur aus sehr dünnem Holz. Zu dünn für meinen Dickschädel, mit dem ich sie eingerammt habe. Mir dröhnt ein wenig der Schädel.“

Im Haus war inzwischen das Licht angegangen und aufgebrachte Menschen verfluchten die Nacht.

„Ob wir jemals erfahren werden, was in dieses Tier gefahren ist, dass es so etwas Widerwärtiges tun konnte?“

Wir blickten auf die toten Überreste des Mörders. Bernie hatte ihm mit einem kräftigen Biss das Genick nicht nur gebrochen. Er hatte es halb herausgerissen.

 

Der Frühling hatte sich in den Tagen darauf in voller Pracht entfaltet. Unsere Brut war geschlüpft und schrie unaufhörlich nach Futter. Sie waren gesund und putzmunter. Wir hatten unsere Nestmulde wiederaufgebaut und Bernie half uns die Brut wieder hineinzulegen. Er selbst hatte von seinen Menschen keinen zu großen Ärger wegen der Tür bekommen. Sie dachten wohl er hätte einen Einbrecher vertreiben wollen. Denn schließlich hatten sie bestimmt auch von den seltsamen Morden an ihren alten Menschen gehört.

Die Leichen von Phil und Sly hatten wir vor ihnen versteckt und am nächsten Tag hinter dem Geräteschuppen unter die Erde gebracht.

 

Ich war gerade dabei mir einen fetten Regenwurm aus der Erde zu ziehen, als Merle vor mir auftauchte. Wieder trug sie etwas Funkelndes im Schnabel. Es blendete mich und ich ließ meinen Fang des Tages los. Der Wurm flüchtete kichernd zurück ins Beet.

„Na toll, danke Merle.“

Sie ließ den glitzernden Gegenstand fallen. Es war eine Marke. PHIL war darin eingraviert.

„Ich dachte Phil war ein geborener Straßenkater?“

„Nein.“, sagte Merle. „Er gehörte einmal einer alten Lady. Dort wohnte er für einige Jahre. Die Lady hatte auch einen Kanarienvogel. Die drei kamen wirklich sehr gut miteinander aus. Bis sie eines Tages ein Katzenjunges mit nach Hause brachte.

Das pechschwarze Katzenjunge wuchs heran. Es war ein riesiges Exemplar seiner Art. Ein Kater. Irgendwann hatte es den armen Phil vertrieben. Phil war nicht streitsüchtig und er wollte der alten Lady keinen Kummer machen, also gab er nach und verschwand für eine Weile.

Dann hatte er erfahren, dass der schwarze Kater den Kanarienvogel verspeist hatte und die alte Lady ihn dafür vor die Tür gesetzt hatte. Phil kam zurück, schlich sich in der Nacht durch das offene Schlafzimmer der Lady und wollte sie mit seiner Rückkehr überraschen.

Er sah den schwarzen Kater. Er lag auf dem Gesicht der alten Lady und hatte sie im Schlaf erstickt. Phil war machtlos. Er konnte nichts gegen dieses Monster ausrichten. Er konnte nur fliehen.“

„Was hatte dieses Tier nur? Was war passiert, dass es so dermaßen verstört war?“

„Wer weiß, wo er herkam. Vielleicht wurde er als kleines Kätzchen mishandelt? Oder fühlte er sich verstoßen, als die alte Lady ihn wegen dem Tod des Kanarienvogels abgewiesen hatte? Wer weiß? Vielleicht wurde er auch vom Teufel persönlich geschickt. Jedenfalls zog er seitdem seine Kreise. Er plünderte Nester und tötete alte Menschen. Vielleicht dachte er, dass er dafür auserkoren und geboren wurde. Vielleicht dachte er, dies wäre sein Schicksal, sein Sinn auf dieser Welt.“

„Und mit der ganzen Geschichte kommst du erst jetzt heraus?“

Merle sagte nichts mehr. Sie flog davon.

„Und wieso kannst du auf einmal ganz normal sprechen?!“

Sie antwortete mir natürlich nicht. Wer verstand schon, was in den Köpfen solcher Hexen vorgeht? Es war mir egal. Wir hatten wieder Frieden in unserer Nachbarschaft. Wir erzählten die Geschichte unserer Brut. Als Gute Nacht Geschichte und als Warnung. Sie würden sie später liebevoll „Die Geschichte über das Tweety Massaker“ nennen.

 

ENDE