DIE SPHÄRE

 

Anne und ihr Mann Richard sind mit ihren beiden Söhnen Austin und Max der Großstadt entflohen, um in den ruhigeren Gefilden der Kleinstadt ihr Glück zu suchen. Anne hatte eine Stelle als Grundschullehrerin angenommen. Richard bot sich die Gelegenheit, seine eigene Tischlerei zu eröffnen. Aber seine Dämonen würden ihn bald wieder einholen und den Traum in einen Alptraum verwandeln.

Es war ein warmer, herrlicher Sommertag. Richard und Anne räumten zusammen mit ihren Freunden den Transporter aus und trugen die Kartons und Möbel in ihr neues Heim.
„Wo sind die Jungs?“, fragte Anne. Sie strahlte über beide Ohren.
„Die beiden sind hinten im Garten und sehen sich den alten Schuppen an. Sie wollen dort ihre neue „Kommandozentrale“ bauen. Lassen wir sie mal machen.“, sagte Richard, nahm seiner Frau einen Karton ab und küsste sie fest und innig auf den Mund, bis Anne ihn spielerisch abwehrte und ihm den nächsten Karton in die Arme drückte.
Anne schmunzelte bei dem Gedanken, wie Max und Austin bereits wieder Baupläne zeichneten, um eines ihrer Science-Fiction Objekte nachzubauen. Die beiden sind Bastler, wie ihr Vater. Nur, dass der lieber mit Holz arbeitet, als mit Computern, Maschinen und Robotern, wie seine beiden „Nerds“.
„Bist du sicher, dass du den Holzverschlag im Garten nicht noch als zusätzlichen Lagerraum für dein Werkzeug gebrauchen kannst?“, fragte Anne, während sie für sich und Richard eine Cola aus der Kühlbox fischte und ihm die Dose zuwarf.
„Ich will meinen Kram in der Garage haben. Alles an einem Platz. Es macht für mich überhaupt gar keinen Sinn, dort hinten etwas zu lagern. Dafür ist die große Garage wesentlich besser geeignet. Nein, lass den beiden ihr Reich. Wenn sie später mal als Ingenieure für die NASA arbeiten, werden sie uns sehr, sehr dankbar dafür sein, dass wir es ihnen ermöglicht haben. Denk dran, erfolgreiche Kinder sind immer noch die beste Altersvorsorge!“
„Du bist unmöglich, Richard! Sie sind elf und zwölf Jahre alt. Du tust so, als könntest du schon ihr ganzes Leben in einem Buch lesen.“
Er öffnete die Dose und prostete seiner Frau mit einem Zwinkern zu.
„Hey, Kevin. Pass mit dem Arm auf! Mit ihm haben die Jungs damals den ersten Platz gemacht. Der wird später mal in einem Museum stehen!“, rief Richard seinem Freund hinüber, als dieser behutsam die Rarität aus dem Lader nahm. Er beäugte den Arm skeptisch und mit Ehrfurcht.
„Mann, das hier sieht aus wie der der Arm vom Terminator. Wenn sich mit den beiden mal jemand anlegen sollte, weiß ich zumindest, wie sie sich bei dem armen Kerl revanchieren werden. Sie hetzen ihm einfach selbstgebastelte Killerroboter auf den Hals!“
Alle drei lachten herzlich. Trotzdem musste Anne daran denken, wie oft ihre Söhne in der alten Schule gemobbt worden waren. Wie häufig sie mit einer dicken Lippe und blauem Auge abgeholt werden mussten und sie in ihre beschämten Gesichter geblickt hatte. Freunde hatten die beiden keine. Anne hoffte, dass sich das hier ändern würde. Ein Neuanfang. Aber Max und Austin lebten so sehr in ihrer eigenen kleinen Welt, dass Anne sie nur mit größter Anstrengung zurück in die Wirklichkeit holen konnte. Ihre Welt bestand aus ihren Science-Fiction-Büchern, Computern und den kleinen Maschinen und Robotern, die sie mit Leidenschaft bastelten. Und solch exquisite Bastlerclubs, wo sie eventuell Gleichgesinnte treffen konnten, waren gar nicht so einfach zu finden. Denn selbst die Tüftlervereine, die sie in der Nähe gefunden hatte, unterforderten ihre Fähigkeiten bei Weitem und sie fingen sehr schnell an, sich zu langweilen.
Vielleicht hatte auch Richards Problem dazu beigetragen, dass sie sich mehr und mehr isolierten. Aber Richard hatte sich im letzten Jahr so viel Mühe gegeben, an sich gearbeitet, sich therapieren lassen und so viel erreicht. Anne wollte ihm diese Bürde nicht auch noch aufladen. Er hatte sich bewährt und seine Dämonen besiegt. Jetzt würde alles gut werden. Ein Neuanfang.
„Hey, Richard!“, rief sein Kumpel Kevin von der Veranda aus herüber. „Hast du für uns nicht ein kühles Blondes oder gibt’s nur Kinderlimo?“
Kevin lachte, aber dann blieb ihm seine Bemerkung doch im Halse stecken und geniert suchte sein Blick Hilfe bei seiner Frau, die neben ihm stand und ihm tadelnd und vorwurfsvoll einen Karton vor die Brust warf. Ein klares Statement für das Fettnäpfchen, in das er mit Anlauf hineingesprungen war.
Richard sah Anne an und wusste in dem Moment genau, was ihr durch den Kopf ging.
„Sorry, Richard, alte Angewohnheit.“, sagte Kevin.
Richard lachte übertrieben, um die Situation zu entschärfen, nahm vier Dosen Cola aus der Kühlbox und ging hinüber zur Veranda. Er warf Kevin eine Dose zu.
„Heute nur die Kinderlimo.“ Er zwinkerte seinem alten Freund lächelnd an und klopfte ihm auf die Schulter.
„Ich sehe mal nach, was unsere beiden Genies dort hinten treiben.“

Richard ging am Haus vorbei, den schmalen Weg an der Hecke entlang nach hinten in den großen Garten. Zweihundert Quadratmeter Spielwiese. Richard konnte es kaum erwarten, den Pool für die Familie zu bauen. Er warf einen Blick auf das Haus und die Veranda und seufzte, denn bevor es mit dem Pool losgehen würde, hatte er noch genug am Haus zu tun. Trotzdem war für sie ein Traum in Erfüllung gegangen. Hier würde alles anders werden. Sie würden Grillpartys schmeißen und einfach das Leben genießen. Richard dachte an die alten Partys und daran, was er und seine Kumpels doch für einen Spaß hatten. Nun würde er mit einer Dose Cola vor dem Grill stehen und sich langweilen, weil Kevins Witze nüchtern auf einmal nicht mehr so lustig sein würden. Richard seufzte.
Ein lautes Poltern riss ihn aus seinen Gedanken. Es drang aus dem großen Holzschuppen am Ende des Gartens. Er lächelte und war gespannt, was seine Jungs dort drin anstellen würden.
Richard überquerte die große Wiese und schlug dann kräftig mit seiner Faust gegen die Tür des Schuppens.
„Was treibt ihr hier drin?“, brüllte Richard mit übertriebener Strenge.
Die Tür flog auf und Austin sprang aufgeregt seinem Vater entgegen.
„Dad, sieh dir an, was es hier noch alles gibt! Der Schuppen ist riesig! Wir haben drei Werkbänke, zig Regale und Schränke und sogar einen großen Werktisch. Strom gibt es sogar auch. Und sieh dir nur das ganze Werkzeug an! Das ist der Hammer!“, brüllte Austin entgeistert und streckte seinem Vater eben jenes Werkzeug entgegen.
Richard beäugte Wände, Decke und den Fußboden. Der Schuppen war wesentlich besser in Schuss als das Haus. Außerdem hatten die Vorbesitzer tatsächlich eine Menge gut in Stand gehaltenes Werkzeug dagelassen. Ob er mit seinem Kram vielleicht doch zusätzlich zur Garage auch noch hier einzieht und den Jungs den Keller präpariert? Nein, das konnte er nicht tun. Sie hatten einen Deal und den würde er nicht brechen. Richard hatte eine Menge gut zu machen. Seine alten Eskapaden hatten ihn eine Menge Vertrauen gekostet.
„Jungs, hört mal.“ Er ging runter auf die Knie, die beiden kamen auf ihn zugelaufen und hätten ihn dabei fast umgeworfen. Sie lachten.
„Ihr könnt hier drin schalten und walten, wie es euch gefällt. Aber: Denkt an das Sicherheitsprotokoll! Wir sind es oft genug durchgegangen. Wenn ihr hier irgendetwas in die Luft jagt, wird eure Mutter euch zu lebenslanger Gartenarbeit verdammen. Das garantiere ich euch!“
Austin und Max nickten ernst ihr Einverständnis, denn sie wussten, dass ihr Vater keinesfalls übertrieb.
„Zweitens: Ihr gebt euch Mühe mit den anderen Kindern, habt ihr verstanden? Niemand mag Klugscheißer, also reißt euch zusammen. Spielt mal was mit ihnen und benehmt euch nicht immer so herablassend. Gebt ihnen eine Chance. Nicht jeder, der nicht gleich auf Star Trek Wars steht, ist ein Idiot.“
„Dad, du hast keine Ahnung! Du bringst alles durcheinander!“, rief Max und boxte seinem Vater spielerisch in den Bauch.
„Na gut, ich geb´s ja zu. Aber ihr habt verstanden, was ich meine?“
Die beiden rollten mit den Augen und nickten. Richard betrachtete sie skeptisch.
„Okay, wir sehen uns gleich beim Abendessen. Und wascht euch vorher die Hände!“
Er ging zurück zu seiner Frau und seinen Freunden und überließ den Jungs ihren Schuppen. Richard und Anne schafften den Rest ihrer Möbel und Sachen in das neue Heim. Die Nachbarn stießen am Abend noch hinzu, brachten ihnen kleine Willkommenskörbe mit unterschiedlichen Fressalien und halfen ihnen. Am Abend warf Richard den Grill an und sie gaben eine kleine, spontane Feier. Max und Austin spielten sogar mit den Nachbarskindern. Alles lief perfekt. Es war ein Traum.

 

Acht Monate später.

 

„Ich kann den Kunden verdammt nochmal nicht auf nächste Woche verschieben! Er wird sich jemand anderes suchen! So kann ich mein Geschäft nicht führen!“
„Ach, auf einmal ist es dein Geschäft?! Und wann willst du am Haus weiterarbeiten und unternimmst mal wieder etwas mit den Jungs?! Denkst du etwa, sie bekommen das alles nicht mit?!“
„Was sollen sie denn „nicht mitbekommen“?! Wann wirst du denn eigentlich mal wieder zu Hause sein?! Du hockst doch in deiner Schule genauso fest wie ich in meiner beschissenen Werkstatt! Die Jungs sind keine zwei Jahre mehr alt. Sie werden mit einem Kindermädchen zurechtkommen müssen wie viele andere auch!“
Richard und Anne lieferten sich seit Wochen immer größere Wortschlachten in immer kürzeren Abständen. Richard war wieder von seinem alten Dämon besessen. Alles fing damit an, dass Anne eines Abends spät nach einer Konferenz nach Hause kam und ihn bewusstlos auf dem Sofa fand. Neben ihm eine leere Flasche Wodka und leere Bierdosen. Aufgelöst checkte sie in Panik seinen Puls, rief den Krankenwagen, schüttelte ihn wach und brachte ihn dazu sich übergeben. An diesem Abend waren die Jungs wieder in ihrem Schuppen, wie jeden Abend. Zum Glück. Denn sie sollten ihren Dad nicht so auffinden müssen. Nicht wieder so wie damals.
Richard hatte so viel erreicht. Anne war sich sicher gewesen, dass er seine Dämonen besiegt hatte. Aber sie waren zurückgekehrt und hatten ihren Mann wieder einmal zerstört. Das, was dem Trümmerhaufen entstieg, war ein Monster und nicht mehr der Mann, mit dem sie seit der Highschool zusammen war und den sie so sehr liebte.
Drei Wochen war er in der Reha, nachdem sie ihn auf dem Sofa gefunden hatte. Anne musste sich währenddessen um alles kümmern: die Jungs, das Haus, das noch weiter renoviert werden musste, die Werkstatt, für die sie Hilfskräfte einstellen musste, während Richard im Stuhlkreis saß und sein Leben Revue passieren ließ. Wieder einmal.
„Wieso bist du heute nicht bei deinem Treffen gewesen?! Was ist heute schon wieder schiefgelaufen?!“, schrie Anne.
Sie standen sich wie zwei abgerichtete Bullterrier gegenüber. Scherben von Tellern und Tassen lagen auf dem Boden, an der Wand war der Putz abgeplatzt. In der Küchentür war ein Loch. Richard hatte sie mit der Faust durchgeschlagen. Das Blut von seiner verwundeten Hand troff auf den Küchenboden. Anne weinte vor Wut, aus Zorn und aus Angst vor ihrem Mann, der sich noch schlimmer benahm als damals.
Max und Austin lugten ungesehen vom Fenster aus hinein auf das Schlachtfeld. Erst nach dem Gefecht, als Richard seine Jacke genommen hatte und durch die Haustür zur nächsten Bar verschwunden war, gingen die beiden hinein und setzten sich zu ihrer Mutter auf den Küchenboden. Sie weinte bitterlich und ihre Jungs nahmen sie in den Arm.
„Mom, wir müssen hier weg.“
Die Brüder sprachen den ganzen Abend geduldig mit ihrer Mutter, versuchten vergeblich sie dazu zu bewegen, Richard zu verlassen und zu ihren Großeltern, Annes Eltern, zu ziehen. Sie sagten ihr, dass sonst etwas Schlimmes passieren würde. Anne blickte Max und Austin verwundert, ernst und beinahe strafend an.
„Euer Vater hat ein Problem. Er wird es wieder in den Griff bekommen. Vertraut mir. Wir müssen jetzt stark und geduldig sein.“
Max und Austin tauschten kritische Blicke. Anne merkte, dass sie ihr kein Wort glaubten. Ihre Jungs hatten diese unbeugsame Gewissheit in ihren Augen. Anne fragte sich, wo dieses Wissen nur herkam. Sie dachte, ihre Jungs wären in ihrer Werkstatt im Garten so sehr abgeschottet gewesen. Aber dass sie sich dieses Horrorszenario ausmalten, ihr Vater, der sie so sehr liebte, könnte ihnen etwas antun. Das konnte Anne nicht begreifen.
„Nein, wir bleiben bei ihm. Er braucht uns jetzt, habt ihr verstanden?!“
Sie konnten sie nicht überreden. Sie wollte ihnen nicht glauben. Und sie konnten ihr nicht sagen, woher sie diese Gewissheit hatten. Sie konnten ihr nicht sagen, wer sie vor der Zukunft gewarnt hatte.

 

Drei Wochen später.

 

„Anne, bitte. Erzähl mir jetzt nicht, dass du die Kellertreppe runtergefallen bist.“
Eric legte ihr sanft die Hand auf die Schulter. Sie erschrak und zuckte zusammen. Dann reflektierte sie ihre Reaktion und legte vorsichtig ihre Hand auf die seine.
„Es ist nicht so.“, sagte sie mit schwacher Stimme.
Dann wandte sie sich von ihrem Kollegen ab und legte ihre Unterlagen zusammen. Eric hatte sie nach dem Unterricht aufgesucht. Heute war sie zum ersten Mal nach einer Woche wieder in der Schule. Sie musste sich aufgrund eines „Unfalls“ krankmelden. Anne war nicht naiv. Das Kollegium wusste Bescheid. Sollten sie sich doch um ihren eigenen Kram kümmern! Doch Eric war ihr nicht egal. Sie verstanden sich so gut mit ihm. Und er tat ihr auch einfach so gut. Schon von Anfang an entwickelte sich eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden. Er war immer da, brachte sie zum Lachen und hörte zu. Er gab ihr die Wärme, die sie so sehr brauchte und die ihr zuhause so sehr fehlte.
Sie klappte ihren Ranzen zu, ließ den Kopf sacken und versuchte nicht zu weinen. Sie schaffte es nicht. Eric trat hinter sie und nahm ihre Hand. Sie drehte sich zu ihm um.
„Anne, so kann es nicht weiter gehen. Es ist nicht mehr Richard, der Hilfe braucht. Ihr braucht Hilfe. Bitte, ihr seid in Gefahr. Siehst du das denn nicht? Es wird schlimmer.“
Eric hatte Hoffnung, dass sie ihm zuhören würde, dass sie endlich nachgeben und ihr und den Kindern zu Liebe einen Schlussstrich mit Richard ziehen würde. Abermals befreite sie sich schweren Herzens aus seinem Griff, wischte sich die Tränen von der Wange und blickte Eric nur mit falschem Stolz ins Gesicht.
„Wir schaffen das.“, hauchte sie, nahm ihren Schulranzen und ging aus dem Klassenzimmer.
Ihre Unterhaltung blieb nicht unbemerkt. Eine grimmige Gestalt beobachtete Eric und Anne durch das Klassenfenster vom Bürgersteig aus. Vor der Schule lehnte Richard an seinem Pickup und trank Scotch aus einer Flasche, die er in eine Papiertüte gewickelt hatte. Er lächelte kalt und in seinen Augen funkelte blanker Zorn.

 

„Wir müssen uns beeilen, Austin. Es wird heute Abend passieren und wir haben noch nicht mal einen Testdurchlauf gestartet. Es muss funktionieren, hörst du?! Es muss funktionieren.“
„Nicht, wenn du jetzt anfängst die Nerven zu verlieren.“, sagte Max ruhig, während er mit dem Lötkolben an einer weiteren Platine hantierte. „Wir arbeiten seit Monaten hier dran und haben jeden einzelnen Schritt ganz konkret befolgt. Es wird funktionieren! Wir werden sie bauen und es wird funktionieren! Jetzt nimm das hier und bau es ein. Pass auf, dass du es diesmal richtig einsetzt.“
Max gab seinem Bruder die Platine, die er vorsichtig in den Computer einsetzte. Der ganze Schuppen glich innen einer einzigen Maschine, übersäht mit Kabelschächten, Tastaturen, Computern und Bildschirmen. Im Zentrum der Hütte thronte eine zwei Meter große Kapsel, die an zahllosen Leitungen und Kabeln angeschlossen war. Ohne die Anweisungen ihrer „Freunde“ hätten sie das alles niemals erschaffen können. Die Kapsel würde über Leben und Tod entscheiden. Sie musste funktionieren. Noch in dieser Nacht.

 

22:31 Uhr.

 

„Guten Abend, Liebling. Ist es so spät geworden?“, nuschelte Richard.
Anne hatte sich erschrocken, als sie durch die Haustür kam und er im Schatten im Dunkeln des Flurs auf sie wartete. Er saß auf der Treppe, die hinauf zu den Schlaf- und Kinderzimmern führte und nippte an einer Dose Bier. Anne schaltete das Licht an. Richard verzog das Gesicht.
„Ich musste noch Arbeiten korrigieren und mittlerweile solltest du wissen, dass ich mich hier nicht mehr so gut konzentrieren kann. Und selbst? Ich sehe, du hattest wieder einen erfolgreichen Tag. Oder haben deine Mitarbeiter wieder alles ohne dich gemacht?“, fuhr sie ihn an.
Vor einer Woche hatte er sie verprügelt. Hatte ihr mit der Faust ins Gesicht und in den Magen geschlagen. Aber Anne war stark. Sie hatte sich zur Wehr gesetzt und ihm mit aller Kraft zwischen die Beine getreten. Sie fürchtete sich nicht vor dem Monster, dass ihren Mann gefressen hatte. Sie war eine Kämpferin. Sie würde das Monster bezwingen und ihre Familie retten.
Anne ging an ihm vorbei in die Küche.
„Haben die Jungs wenigstens schon etwas zu Abend ge…“
Sie wollte schreien. Konnte aber nicht. Sie wollte in Ohnmacht fallen, aber ihr rasender Puls ließ es nicht zu. Sie wollte die Augen verschließen, aber der Schock gestattete es ihr nicht. Sie wollte zu Boden sacken, aber die Angst hatte sie versteinert. Der Schrei steckte in ihrer Kehle fest, als hätte sich eine unsichtbare Hand auf ihren Mund gelegt.
Richard schlenderte an ihr vorbei und stellte seine Dose Bier neben den Kopf auf dem Küchentisch. Das Zeitungspapier hatte sich mit dem Blut vollgesogen und es troff in langen Fäden auf die weißen Küchenfliesen.
„Anne, darf ich dir meinen neuen Kumpel vorstellen: Eric.“
Er tätschelte Erics abgetrennten Kopf und lächelte Anne dabei mit leeren Augen an. Jetzt hatte sich der Schrei aus ihrer Kehle befreit.

„Hast du es gehört, Max?! Du musst sie einschalten! Jetzt! Wir haben keine Zeit für einen Probelauf!“, schrie Austin von der Hüttentür herüber und blickte angespannt zum Haus, indem sich durch die Gardinen vor dem Küchenfenster die Umrisse seiner Mutter und seines Vaters abzeichneten.
„Na gut. Ich schalte sie ein!“, sagte Max, legte mehrere Schalter an der Armatur um und beobachtete die Reaktion der metallenen Sphäre, die im Zentrum ihres Labors stand.
Funken sprühten und die Luft atmete Elektrizität. Die Lampen flackerten auf und zersprangen in lauter kleine Funken. Grelle Blitze überzogen die Sphäre und den Jungen standen wortwörtlich die Haare zu Berge.
„Wir müssen hier raus! Komm!“, schrie Max und sie verließen rückwärtsgewandt die Hütte.
Die Blitze und Funken überschlugen sich, wirbelten wild umher. Das gleißende Licht der Sphäre breitete sich aus und verschlang die Hütte. Gebündelte Energie entlud sich binnen eines Sekundenbruchteils. Ein letztes, großes Aufflammen des Lichts und eine Stoßwelle, die Max und Austin von den Beinen riss. Dann Stille.
Die Jungs kämpften sich benommen wieder auf die Beine und stützten sich dabei gegenseitig. Sie rieben sich die Augen, bis sie sich wieder an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Sie blickten auf den dunklen Krater, wo vor wenigen Sekunden noch ihre Hütte gestanden hatte. Dort bewegte sich ein stummer Schatten. Ein Wesen, das auf der verkohlten, noch dampfenden Erde kauerte und sich langsam aufrichtete.
Dann durchschnitt ihr lauter Schrei die Nacht.

 

„Lass mich, Richard. Bitte, lass mich gehen.“, wimmerte Anne.
Sie wollte aus der Küche rennen, aber Richard sprintete auf sie zu und schleuderte sie zu Boden. Dann trat er immer wieder mit seinen schweren Arbeitsschuhen auf sie ein. Jetzt kauerte sie im Hausflur. Blut floss aus der Platzwunde an ihrer Stirn und sie hielt sich den schmerzenden Brustkorb. Richard hatte ihr drei Rippen gebrochen. Aber die Panik ließ sie den Schmerz noch nicht spüren.
„Weißt du, Liebling. Ich denke, bevor ich mit der Renovierung weiter mache, werde ich mir ein Trophäenregal bauen. Eins, wo ich die Köpfe all der Menschen in luftdichten Käseglocken aufbewahre, die mich in meinem Leben verarscht haben.“
Er kippte sich den Rest des Bieres in den Hals und schleuderte die Dose gegen Annes Kopf.
„Bitte, Richard, bitte, was ist denn nur los mit dir?“ Ihre Stimme war schwach und zitterte. Ihre in Tränen eingelegten Augen suchten Mitleid und Vernunft im kalten Blick ihres Mannes. Vergeblich. Sie dachte an ihre Jungs. Hoffentlich wird er den Jungs nichts antun.
„Ich hätte bei meinem Vater anfangen sollen, diesem miesen, versoffenen Penner. Aber der Drecksack hatte sich ja verpisst, als ich alt genug war, um zur Abwechslung mal ihn zu verprügeln!“
Anne konnte nicht aufstehen. Sie zog sich langsam mit den Armen und Beinen zur Tür. Ihr ganzer Körper zitterte und schmerzte. Allmählich spürte sie die gebrochenen Rippen. Richard sah, dass sein Opfer ihm nicht mehr entwischen konnte, schlenderte sorglos in die Küche und kam mit Erics Kopf und einer Flasche Whiskey zurück. Er zog den Korken mit den Zähnen heraus und spuckte ihn auf Anne.
„Dann werde ich noch meinem alten Geschäftspartner einen Besuch abstatten, der mich um einen Haufen Kohle betrogen hat. Oh, ja! Ich werde es ihnen allen zeigen, dass ich kein Versager bin! Hast du verstanden?! Ich bin kein Versager mehr!“
Richard lehnte sich jetzt entspannt an die Wand, nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche und fing an, wie ein kleiner Junge zu kichern. Das Kichern verwandelte sich zum irren Lachen und er hob Erics Kopf zu sich hoch, bis er ihn auf Augenhöhe nur wenige Zentimeter vor seinem Gesicht hielt.
„Und du, lieber Eric? Wie lange treibst du es schon mit meiner Frau, hm?“
Dann hockte Richard sich neben seine Frau und setzte den Kopf neben ihr ab. Anne versuchte sich abzuwenden, sie unterdrückte den Brechreiz und wollte wegkriechen, aber Richard hielt sie zurück.
„Hey, führt ihr in der Schule nicht bald Hamlet auf?! Ich glaube, ich hab eine prima Rolle für Eric!“
Er drehte den Kopf in der Hand zu sich, blickte ihn fragend an und warf den Kopf dann in die Ecke des Flurs. Er zückte ein blutiges Beil, das er in seinem Gürtel am Rücken trug. Es war blutverschmiert. Anne wusste jetzt, womit Richard diese ungeheure Tat begangen hatte und wusste auch, dass sie hier ihr Ende finden würde. Mit diesem Bild vor Augen verlor sie das Bewusstsein.
„Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage!“
Richard grinste und holte weit mit dem Beil aus. Er ließ den Arm mit aller Kraft hinunter auf seine Frau fallen. Aber bevor das Beil den Kopf seiner Frau spalten konnte, packte etwas Kaltes, Hartes, Metallisches Richards Handgelenk und drückte so fest zu, dass es wie Glas zerbrach.
„Für dich: Nicht sein, Dad!“, sagte Max vom anderen Ende des Flurs aus.
Richard schrie vor Schmerz und wandte sich um. Er konnte nicht glauben, was er dort sah. Es war eine Maschine. Ein metallenes Skelett, dessen Augenhöhlen rot glühten und eine mechanische Iris Richard fokussierten. Die starre Miene des Roboters war ein furchteinflößender, blanker Metallschädel und er starrte ihn an, wie ein Henker den Verurteilten.
„Lass Mom in Ruhe!“, sagte Austin, der sich neben seinen Bruder positioniert hatte.
Die riesige Maschine richtete sich auf und zog Richard mit seiner eisernen Klaue am Arm hoch, so dass er einen halben Meter über dem Fußboden hing. Aber so leicht gab Richard nicht auf. Er hatte das Beil mit der anderen Hand vom Boden aufgehoben, bevor er von dem Wesen in die Höhe gestemmt wurde und schlug es jetzt mit aller Kraft auf den Schädel des Metallmonsters. Der Schlag verursachte zwar nicht einen Kratzer, aber es ließ Richards zerquetschtes Handgelenk los und er floh ins Wohnzimmer.
„Lass ihn nicht entkommen!“, rief Max.
Das Wesen nickte ihm zu und nahm die Verfolgung auf. Max und Austin liefen zu ihrer Mutter.
Als die Maschine mit ihren schweren Schritten durch den Eingang zum Wohnzimmer marschierte, hatte Richard bereits den Waffenschrank aufgeschlossen und hielt sein geladenes, doppelläufiges Schrotgewehr in der Hand. Unbeeindruckt schritt die Maschine weiter auf ihn zu. Richard zielte auf das mechanische Wesen, so gut er es in seiner Panik und mit seiner verkrüppelten Hand konnte. Die Maschine warf das Sofa beiseite, das ihr im Weg stand, als wäre es nichts und war jetzt nur noch wenige Schritte von Richard entfernt. Er zielte auf den metallenen Schädel und drückte den Abzug der Flinte. Der Rückstoß ließ den geschwächten Richard zurücktaumeln und als er sich wieder unter Kontrolle hatte und seinen Blick wieder fokussieren konnte, stand die Maschine vor ihm. Der Schuss war einfach an ihr abgeprallt. Die rotglühende Iris der mechanischen Augen starrte ihn direkt an. Richard öffnete den Schaft des Gewehres, um nachzuladen, aber die Maschine schlug es ihm aus der Hand. Verzweifelt schlug Richard mit seiner Faust auf das Wesen ein. Es wehrte seinen Schlag mühelos ab, packte ihn und warf ihn quer durchs Wohnzimmer gegen die Regalwand, die in ihre Einzelteile zerlegt wurde. Richard blieb reglos liegen. Die Maschine positionierte sich vor ihm, den Blick auf ihn gerichtet und wartete auf weitere Befehle.

 

Nachbarn, die die lauten Schreie gehörte hatten, informierten die Polizei, die wenige Minuten später am Haus eintraf. Richard wurde zuerst unter strengster Bewachung ins Krankenhaus gebracht und anschließend in ein Hochsicherheitsgefängnis für Straftäter mit psychischen Erkrankungen.
Anne erlangte ihr Bewusstsein im Krankenhaus wieder und war schnell wieder von ihren Verletzungen genesen. Ihre Söhne erzählte ihr, was geschehen war. Die „offizielle“ Version. Dasselbe berichteten sie auch der Polizei: Ihre Eltern hatten sich gestritten, ihr Vater sei ausgerastet, aber ihre Mutter hatte sich gewehrt. Die Polizei konnte sich zwar keinen Reim auf die schweren Verletzungen des Täters machen, erklärten es sich aber mit einem durch Panik ausgelösten Adrenalinstoß, durch den Anne eine „Hysterische Kraft“ erlangte. Anne selbst konnte sich an die Ereignisse nur schemenhaft erinnern. Die Maschine blieb unentdeckt.

 

„Was machen wir mit ihm?“, fragte Max.
Er und sein Bruder standen vor der Maschine, die ihre neuen Befehle abwartete und ihr Blick wanderte dabei geduldig von einem zum anderen.
„Wir verstecken ihn hier unten, bis wir uns eine neue Werkstatt eingerichtet haben. Und dann müssen wir anfangen es zu entschlüsseln. In der Nachricht stand, dass wir vorsichtig sein müssen. „Die Zeit ist das Empfindlichste im ganzen Universum!“, sagten sie.“
Er überflog noch einmal die wenigen Zeilen der Nachricht, die sie damals via E-Mail erhalten hatten. Er hatte sie, wie sie angewiesen wurden, ausgedruckt und die Daten dann vom Computer gelöscht. Die beiliegenden Konstruktionspläne auszudrucken war etwas aufwändiger. Sie füllten 10 schwere Ringordner. An ihre eigentlich geheime E-Mail-Adresse war damals folgende Nachricht gesendet worden:

 

Lieber Austin, lieber Max,

Diese Nachricht wird in euren Ohren wie ein schlechter Scherz klingen, aber bitte gebt uns die Gelegenheit zu beweisen, dass alles, was hier steht, die Wahrheit ist – es geht um Leben und Tod!
Eure Mutter Anne wird sterben, wenn ihr nicht genau das tut, was wir euch sagen. Anbei findet ihr Konstruktionspläne für eine Maschine, die eine Tür in eine andere Zeit öffnen wird.  Sie verbindet Vergangenheit und Zukunft miteinander. Aber nur tote Materie kann durch sie hindurch. Wir werden euch eine Maschine bauen, die eure Mutter retten wird. Es wird die einzige Möglichkeit sein. Glaubt uns, denn wir haben alles andere versucht. Wir können euch nicht viel mehr sagen, denn die Zeit ist das Empfindlichste im ganzen Universum. Aber ihr müsst die Maschine bis zum 30. März um genau 21:43 Uhr fertiggestellt haben, sonst wird eure Mom nicht mehr zu retten sein, denn euer Vater wird sie umgebracht haben. Ja, er wird es tun. Ihr wisst, wie er damals gewesen ist. Es wird schlimmer werden. Aber wir können und dürfen nichts ändern. Versucht es nicht einmal. Die Zeit ist das Empfindlichste im ganzen Universum. Ihr würdet einen Schaden anrichten, der die ganze Menschheit vernichten könnte. Konzentriert euch darauf, dieses eine Leben zu retten. Alles andere wird die Zeit klären. Lasst euch nichts anmerken, lasst euch nicht erwischen und haltet durch!
Wir wissen, dass ihr uns natürlich jetzt kein Wort glauben könnt. Wir werden es euch beweisen. Seht euch dazu den Anhang dieser Mail an. Druckt die Anleitung für die Maschine aus und löscht dann diese Nachricht. Niemand darf davon erfahren. Nur durch unsere Technologie konnten wir euch diese Nachricht überhaupt senden. Es ist für uns ein sehr riskantes Unternehmen, aber wir müssen sie retten. Denn Anne ist auch unsere Mutter.

Viele Grüße aus der Zukunft – „Lebt lang und erfolgreich“😉,

            Max und Austin

 

Natürlich glaubten die Jungs der Nachricht kein Wort, aber im Anhang befand sich unter anderem eine Liste mit Ereignissen mit Daten und Uhrzeiten. Nur spaßeshalber verglichen Max und Austin die Ereignisse mit den aktuellen Nachrichten und alles, was passierte, war auf die Minute genau in die Tabelle eingetragen. Es musste also die Wahrheit sein. Sie mussten tun, was ihre zukünftigen Ichs von ihnen verlangten. Sie mussten ihre Mutter retten. Und das taten sie.

Nach der Nacht des Vorfalls bauten Max und Austin ihre Hütte wieder auf. Sie sagten ihrer Mutter, dass ihr Vater sie im Zorn abgebrannt hätte. In gewisser Weise war er ja auch tatsächlich schuld daran, dass die Hütte nicht mehr da war. Sie versteckten den Roboter in ihr und entlockten der Maschine über die Jahre noch viele Geheimnisse, die sie selbst für ihre Forschungen und Entwicklungen gebrauchen konnten und sie voranbrachten, bis sie zu den jüngsten Ingenieuren wurden, die je von der NASA rekrutiert wurden. Die Zeit wird bis heute ihre größte Herausforderung bleiben, denn sie würden die Lösung für die Rettung der gesamten Menschheit nicht in der Zukunft finden. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

ENDE