JURASSIC ALIEN

 

Eine neue Mall wurde im schönen Scottsdale, Arizona gebaut. Die Bauarbeiten in der Tiefgarage wurden jedoch vor einigen Tagen unterbrochen. Die Arbeiter waren auf einen in den Plänen nicht eingezeichneten Hohlraum gestoßen. In den lokalen Nachrichten nannten Höhlenspezialisten, Biologen, Geologen und Paläontologen die zufällige Entdeckung einen „wichtigen, bedeutenden Fund“. Aber sie waren sich über seine fatalen Auswirkungen nicht im Geringsten bewusst.

*****

Professor McConnor, ein Mittsechziger, hagerer Mann mit Nickelbrille und Tweed Jackett mit Lederflicken, stand hinter der Absperrung zur Höhle in der Mall vor laufender Kamera und sprach in das Mikrofon, dass ihm die junge Reporterin der Arizona Sky News entgegenhielt.

“Die versteinerten Eier sind ein großartiger Fund! Eine einzigartige Brutstätte, die hervorragend konserviert worden ist. Wenn wir sie analysieren, können wir mehr über die Reproduktion der Dinosaurier erfahren und in der Art und Weise, wie die Eier abgelegt und positioniert wurden, können wir sehr viel über ihr Verhalten lernen. Ihre Struktur wird uns sicherlich weiteren Aufschluss darüber geben, ob Dinosaurier eher reptilienartig waren, oder sie vielleicht mehr den Vögeln glichen. Uns Paläontologen können diese Fossilien manchmal sogar zeigen, wie das Embryo aussieht.

Trotz der relativ vielen Funde der vergangen zwanzig Jahre, sind Dinosauriereier immer noch seltener aufzufinden als Knochen, weil sie nur unter ganz speziellen Bedingungen über die vielen Millionen von Jahren konserviert werden können. Das macht diesen Fund so einzigartig und wenn morgen das Team den Fund so weit freigelegt haben wird, dass wir ihn in unser Labor bringen können, bin ich sehr gespannt auf unsere Ergebnisse.“

„Und das sind wir auch und hoffen, dass sie uns bald mehr über das Vermächtnis der Dinosaurier erzählen können.“ Die Reporterin wandte sich wieder der Kamera zu. „Und damit aus der „Jurassic Mall“ zurück ins Studio!“

Schnell löste sich die Gruppe von Journalisten und Zuschauern auf und das Team aus Bauarbeiter, Wissenschaftlern und Mitarbeitern schlossen ihre Arbeiten an der Fundstelle ab und Professor McConnor übergab nur widerwillig für die Nacht die Bewachung der Fundstelle in die Obhut des Sicherheitschefs der Mall. Seit die öffentlichen Gelder für die Paläontologie erheblich gekürzt worden waren, blieb ihm keine Wahl, denn das Budget für ein eigenes Sicherheitsteam fehlte.

*****

Danny war dreiundzwanzig und arbeitete seit acht Monaten für McCormick’s Security Services in der Mall in Scottsdale. Die meiste Zeit über hatte er die Nachtschicht von null bis acht Uhr morgens, die er im Team mit sechs weiteren Kollegen verbrachte. Danny war diese Arbeitszeit am liebsten. Sie bekamen zwar ein bisschen weniger Gehalt, als die Früh- und Mittagsschicht, hatten dafür aber bedeutend weniger Stress und mehr Zeit, um sich Hörbücher anzuhören, sich mit Videospielen zu beschäftigen oder einfach mal ein Nickerchen zu machen.

Zwei Einbruchsversuche gab es bisher – einmal ein Betrunkener, der einen Backstein in das Fenster des Schnapsladens geworfen hatte, um sich ein Bier zu nehmen; und ein Amateurdieb, der dachte, er käme in den Juwelierladen, ohne, dass ihn das Sicherheitssystem einsperren würde.

In dieser Nacht war wieder alles ruhig. Tagsüber gab es ein wenig Rummel um die Höhle, auf die die Bauarbeiter beim Ausbau der Tiefgarage gestoßen waren. Doch in Arizona gab so viele Höhlen und es wurden jährlich immer wieder neue entdeckt, dass die Sensation unter den vielen anderen eher kleinlaut untergegangen war. Der lokale Fernsehsender hatte ein Team rausgeschickt und die Presse würde am nächsten Tag vielleicht einen Artikel über den Fund veröffentlichen – auf Seite drei.

Nicht sonderlich interessant für Danny. Er hatte sich zwar am Abend vor Beginn seiner Schicht unter die wenigen Neugierigen gemischt, als ein Wissenschaftler von der Nachrichtenkorrespondentin interviewt wurde, aber er fand die hübsche Frau wesentlich interessanter, als das Gerede über Steine, Fossilien, Pilze und versteinerte Eier, die in der Höhle gefunden wurden.

Danny machte seinen Rundgang durch die Mall, nachdem auch die letzten Besucher gegangen waren. Es war eine überschaubare, relativ kleine Mall. Alles andere wäre für das kleine Scottsdale übertrieben gewesen. Die Mall war zwar mit Videoüberwachungssystemen ausgestattet, aber zusätzliches Wachpersonal direkt vor Ort hatte einen zusätzlich abschreckenden Effekt auf Menschen, die sich außerhalb der Geschäftszeiten unerlaubt Zutritt verschaffen wollten – oder meinen, sich während der Öffnungszeiten irgendwo zu verstecken, warten bis die Läden schließen, um sich dann wie im Schlaraffenland amüsieren zu können. Man meint gar nicht, wie viele Kids und Teenager auf derartige Ideen kamen… und sie in die Tat umgesetzt hatten.

Es war stets die gleiche Runde, die Danny während seiner Schicht ablief: Von der untersten, zur mittleren, zur obersten Etage und denselben Weg wieder zurück. Danny war immer auf dem neuesten Stand, was Mode, Technik, Sport, Spielwaren, Schuhe und alles Mögliche an Freizeitartikeln anging. Er hatte schon überlegt einen Blog zu starten. Quasi einen kurzen Überblick über alles, was es zurzeit in der Mall gab. Jeder Laden verfügte zwar über seine eigene Website – auch die Mall selbst hatte ihre eigene – aber eine Seite, auf der alles zusammengefasst war, hatte er bisher noch nicht finden können. Vielleicht würde er es mal in Angriff nehmen. Irgendwann… genauso wie das Nachholen seines Highschool Abschlusses.

„Hey, Danny. Erster Rundgang durch?“, fragte ihn Jeff, als er wieder unten bei den Massagesesseln vor dem Infopoint angekommen war.

„Korrekt, nur noch sieben heute Nacht vor mir. Wie geht es deinen Hüften?“

Jeff war dreiundsechzig. Die anderen vom Team waren nicht viel jünger. Jeff war der älteste und hatte vor einigen Monaten sein zweites künstliches Hüftgelenk bekommen. Seit zwei Wochen war er wieder im Dienst. Er war stark übergewichtig, weshalb ihm die Hüften zu schaffen machten. Meistens war er auf einem dieser sportlichen Rollstühle unterwegs; einem Dreirad mit Elektromotor. Es wurde extra für ihn bereitgestellt, denn normalerweise war das Sicherheitspersonal auf Segways unterwegs – wie in dem Film mit Kevin James, in dem er den trotteligen Kaufhaus Cop spielte und dem sowieso bereits angeknacksten Ansehen der amerikanischen Sicherheitsleute nochmal einen falschen Schnurbart ansetzte. Danny musste bei Jeffs Anblick in seinem Scooter immer daran denken, denn auch da können Kinder, Jugendliche und betrunkene Erwachsene durchaus gemein mit ihren Äußerungen sein.

Die Funkgeräte an den Funktionsgürteln von Jeff und Danny rauschten und das rote Kontrolllicht leuchtete auf. Die Stimme von Fred erklang durch die kleinen Lautsprecher.

„Hey, Leute. Kann einer von euch mal runterkommen. Ich brauche eine zweite Meinung. Hier unten kommt so ein seltsames Leuchten aus der Höhle, die die Jungs vom Bau gestern aufgemacht haben. Ich denke, dass diese Wissenschaftstypen nur eine Lampe angelassen haben und es hoffentlich kein verdammtes Gasleck ist oder so was. Es wär nett, wenn sich noch einer von euch die Sache ansehen könnte, bevor ich falschen Alarm schlage und umsonst einen Löschzug hier andackeln lasse.“

Fred – 53, Drummer bei den Black Snails – übernahm gerne die Rundgänge in der Tiefgarage, die sich unter der Mall erstreckte. Die übrigen vom Team wussten, dass er dort unten unbemerkt seine beiden Joints rauchen konnte; nicht mehr, nicht weniger; so, wie es ihm die Ärzte verschrieben hatten. Die Lüftung würde den Geruch schnell verschwinden lassen und er kannte die toten Winkel der Kameras.

Danny und Jeff lächelten einander an und Danny antwortete: „Okay Fred, ich komm runter. Sieh zu, dass dort unten nichts Funken schlägt. Hast du verstanden?“

„Ja, ja. Verstanden. Bis gleich.“

Danny steckte sein Funkgerät wieder an den Gürtel und machte sich auf den Weg zum Treppenhaus.

„Der Junge sollte mit der Raucherei aufhören. Vielleicht zermatscht sie nach so langer Zeit doch sein Gehirn. Therapeutisch! Von wegen!“

„Der „Junge“ ist immer noch zwanzig Jahre älter als ich und wird schon wissen, was er tut. Soll uns nichts angehen. Bis gleich!“

Danny verschwand im Treppenhaus und ging die Etage hinunter zur Tiefgarage, wo sich die Baustelle befand. Eigentlich sollte ein Durchbruch zur U-Bahn entstehen, um der Mall einen bequemen Anschluss an das öffentliche Verkehrsnetz zu bieten. Das würde sich jetzt ein wenig verschieben und wenn die Höhle unter speziellen Schutz gestellt werden würde, mussten neue Pläne gemacht werden. Vielleicht eröffnet ja ein geologisches Museum unter der Mall. Wer weiß?

*****

„Hey Fred, was geht ab?“

Fred stand hinter der Absperrung am Eingang des drei Meter breiten und zwei Meter hohen Durchbruchs und leuchtete mit seiner Taschenlampe hinein. Nur noch ein leichter Geruch von Marihuana lag in der Luft.

„Sieh dir das mal an. Da drin leuchtet doch etwas, oder?“, fragte er Danny.

„Oder dein Gras war schlecht?“

„Ha, ha, sehr witzig. Sieh selbst.“

Danny schmunzelte und blickte an ihm vorbei in das dunkle Loch hinein. Aus der Nähe hatte er die Höhle gar nicht betrachten können, denn am Nachmittag war dort noch alles voller Leute.

Freds Lichtschein durchbrach einen Korridor, der etwa sechs Meter hineinragte und sich dann in einer dahinterliegenden Kammer verlor.

„Ich sehe überhaupt nichts. Schalte mal deine Lampe aus.“

Fred schaltete sie aus und Dannys Augen gewöhnten sich langsam an das Dunkel. Nur wenig Licht drang von den Halogenlampen von der Decke der Tiefgarage hinüber, denn für die Bauarbeiten musste ein Teil der Garage vom Strom getrennt werden.

Jetzt erblickte Danny einen phosphoreszierenden, grünlichen Schimmer in dem dunklen Innern der Höhle. Er fühlte sofort, dass es sich nicht um ein Gasleck handelte. Ein Spezialist war er zwar nicht, aber er war sicher, dass es etwas anderes war. Es hatte eine beinahe hypnotische Wirkung auf Fred und Danny und sie standen eine gefühlte Ewigkeit vor dem Eingang der Höhle und wurden von ihrer Atmosphäre in ihren Bann gezogen. Gleichzeitig riet ihnen jede Faser in ihren Muskeln sich von diesem Ort wegzubewegen, aber die Neugier konnte ein heimtückisches und mächtiges Biest sein.

„Ich gehe rein.“, sagte Danny kurzerhand und ehe Fred ihn zurückhalten konnte, hatte Danny bereits zwei Schritte in die Höhle getan und folgte dem Schimmer.

„Ich warte hier. Mir ist es da drin zu rutschig. Beeil dich. Mir ist nicht wohl bei der Sache. Wir sollten vielleicht doch die Feuerwehr rufen.“, sagte er und Danny hatte den schmalen Korridor hinter sich gelassen und befand sich nun am Eingang der eigentlichen Höhle und ihr Anblick schlug ihn sofort in einen atemberaubenden Bann. Er schaltete seine Taschenlampe aus, um das magisch anmutende Farbenspiel in seiner vollen Entfaltung zu bestaunen. Davon hatten die Forscher heute Abend aber nichts gesagt, dachte er sich und sein Blick tastete über die scharfen Kanten des glatten Felsens, der geprägt war von tiefen Mulden und Spalten. Jetzt erinnerte sich Danny wieder daran, was sie heute Abend bei der Pressekonferenz vor der Höhle mit „bedeutenden Fund“ meinten: Es waren die versteinerten Dinosauriereier!

Sie würden morgen früh von einem Spezialteam abgeholt werden, um sie im Labor weiter zu untersuchen. Danny erinnerte sich daran, dass sein Chef am selben Abend im Gespräch mit einem der Forscher war und im Vorbeigehen hatte Danny mitbekommen, wie sein Chef ihm versichert hatte, dass in dieser Nacht niemand hier eindringen würde. In übertriebener Geste und kaufmännischer Manier lobpreiste er die Professionalität seiner Wachleute. Von wegen Professionalität! Wären wir Profis würden wir mehr verlangen als zehn Dollar die Stunde.

Es waren dreißig, vielleicht vierzig Eier; jedes etwa in der Größe eines Straußeneis. Die meisten von ihnen waren zwar von einer dicken Kruste umgeben, aber sie ließen sich dennoch eindeutig als Eier identifizieren. Doch das seltsame war die grünlich schimmernde Substanz, die sich auf den Schalen abgelagert hatte und als Danny näher herantrat, um sich den Fund genauer anzusehen, bemerkte er, dass dieser flüssige Schleim aus kleinen, feinen, Poren und schmalen Ritzen herauszulaufen schien.

„Was ist denn jetzt da drin los, Danny?! Lebst du noch?!“, rief Fred vom Ausgang der Höhle, merklich nervös.

„Ist schon gut, Fred!“, rief Danny. „Überall klebt hier so ein grüner Schleim. Das muss eine Art Alge oder Pilz sein. Nein, warte…“

Fred schluckte schwer und er hatte sein Funkgerät aus seinem Gürtel gezogen und es bereits zu seinem Mund geführt, um Verstärkung zu rufen. In diesem Moment wünschte er sich, dass er noch nicht die zweite Tüte geraucht hätte, die seine Fantasie befeuerte. So sah er Danny bereits bewusstlos auf dem Boden liegen, vergiftet durch ausströmendes Gas.

„Es kommt aus diesen versteinerten Eiern heraus. Echt seltsam. Hey, Fred! Vielleicht kannst du das Zeug trocknen und rauchen!“, scherzte Danny, aber eher, um sein Unbehagen zu übertünchen.

Aber die Neugier gewinnt oft, wo die Vernunft verliert. Er tauchte seinen Zeigefinger in die leuchtende, gallertartige Flüssigkeit, zerrieb die Substanz zwischen den Fingern und roch daran. Ein beißender, ätzender Geruch stieg ihm in die Nase und schnell wischte er es sich an seinem Hosenbein ab. Beinahe hätte er sich erbrochen und erst jetzt merkte er, wie dumm es von ihm war, so leichtfertig seine Hand dort hinein zu tauchen.

„Was machst du da?! Komm raus! … Ich rufe die Feuerwehr!“, rief Fred und wurde sichtlich nervöser.

Auch Danny spürte jetzt sehr intensiv, dass er dort nicht sein sollte. Die Atmosphäre in der Höhle wurde zunehmend bedrohlicher. Die Wände schienen auf ihn zuzukommen und der Raum wurde enger, die Luft stickiger. Es breitete sich eine Dunkelheit aus, die das Licht verschlang. Gleichzeitig schien die Eier mehr und mehr diese Flüssigkeit auszubluten und dann…        knackte etwas. Danny stockte der Atem und er war unfähig sich zu bewegen. All seine Kraft musste er aufwendig, um sich aus den Fesseln der Panik zu lösen.

„Ja… Ja, ich komme jetzt raus.“, stammelte er und merkte, dass seine Stimme schwach war und zitterte.

Er machte auf dem Absatz kehrt und beeilte sich die Dunkelheit zu verlassen. Seiner Hektik war es geschuldet, dass er nicht aufpasste, wohin er trat und auf der schleimigen, grünen Masse ausrutschte, die jetzt große Teile des steinigen, scharfkantigen Bodens bedeckte.

„Was ist passiert?“, rief Fred, als er Danny hatte fallen und fluchen hören.

„Bin nur ausgerutscht. Auf diesem blöden, glibbrigen Zeugs. Alles in Ordnung. Bin sofort bei dir. Ich…“, ein weiteres, fremdes Geräusch aus der Dunkelheit unterbrach brach seinen Satz ab.

Noch ein leises Knacken, aber diesmal folgte ihm ein Platschen, als wäre ein nasser Waschlappen auf den Boden gefallen. Noch auf dem Boden liegend drehte Danny sich um und leuchtete mit seiner Taschenlampe wieder in die Höhle hinein. Der Lichtstrahl suchte Boden und Wände nach dem Ursprung des Geräuschs ab, konnte aber nichts finden. Er sah nur, wie mehr und mehr grünlich schimmernde Grütze aus den Eiern herausquoll.

„Jetzt mach endlich, dass du da verdammt noch mal rauskommst, Junge!“, schrie Fred und seine Stimme war deutlich von Wut und Panik erfüllt. Dahin war seine entspannte Grundhaltung.

Danny wollte aufstehen, aber er konnte sich nicht bewegen und wagte kaum zu atmen; nicht bevor er wusste, wo dieses Geräusch herkam. Und da war wieder etwas! Patsch, patsch, patsch. Es musste eine Art Eidechse sein. Davon gab es in Arizona auch mehr als genug. Dies musste ein größeres Exemplar sein, aber giftig oder gefährlich waren sie nie. Wieso hatte Danny dann solche eine Angst, ja, beinahe Panik, die ihn in eine Starre versetzte. Was immer es war, es konnte unmöglich aus den Eiern geschlüpft sein, oder? Immerhin waren sie versteinert und seit hunderten von Millionen von Jahren hier unten begraben.

Verdammt noch mal! Steh auf und beweg dich aus diesem dunklem Scheißloch raus!

Da war es wieder! Patsch, patsch, patsch. Es bewegte sich einmal quer durch die Höhle. Es war schnell. Dannys Kehle schnürte sich zu und seine Augen waren so weit aufgerissen, als ob sie ihm aus dem Kopf springen wollten. Etwas packte ihn am Kragen und zog ihn auf die Beine. Es war Fred.

„Raus hier.“, flüsterte Fred, denn er wollte instinktiv keinesfalls die Aufmerksamkeit von dem erwecken, das sich gerade in der Höhle verbarg.

Sie verließen die Höhle, indem sie langsam rückwärtsliefen, um der Dunkelheit nicht den Rücken zu kehren. Danny verließ als erster die Höhle und am Ausgang angelangt wagten sie sich wieder umzudrehen. Beiden stand der Schreck ins Gesicht geschrieben und wussten nicht, was sie von alle dem halten sollten.

„Das liegt auf jeden Fall außerhalb unseres Aufgabenbereichs. Sollen sich die Typen von der Feuerwehr, des Tierschutzes oder diese gottverdammten Wissensforscherheinis drum kümmern!“, echauffierte sich Fred und zückte sein Funkgerät, um die Notrufzentrale anzufunken. Danny bemühte sich in der Zeit wieder einen klaren Kopf zu kriegen und sich von dem Schrecken zu befreien, der sich wie Ketten um seine Gedanken gelegt hatte. Dennoch wollte er so schnell es ging raus aus dieser Tiefgarage.

Am anderen Ende der Leitung meldete sich der Notdienst.

„Ja, hallo, hier ist…“

Fred ließ das Funkgerät fallen, ehe der Mann vom Notdienst seinen Satz beenden konnte und starrte Danny leer und ausdruckslos an. Gleichzeitig spritzte etwas in Dannys Gesicht, als hätte jemand eine Wasserbombe zum Platzen gebracht. Aber es war kein Wasser, denn es schmecktes süß und metallisch. Es war Blut. Dannys Blick glitt etwas hinunter und auf das, was von Freds Hals übrig war. Seiner linken Halshälfte fehlte ein faustgroßes Stück und an seiner Statt klaffte ein blutiger halbrunder Kreis, den Fred sich vergeblich mit der Hand zudrückte versuchte und dann kraftlos auf seine Knie fiel. Er blickte Danny jetzt flehend und voll Angst vor dem sicheren Tod an. Danny war erstarrt und konnte nicht reagieren. Dann kippte Fred leblos nach vorn.

Auf Freds Rücken kauerte eine Kreatur, die sich dort schmatzend festgekrallt hatte. Eine Art Echse in der Größe einer Katze, aber mit einem überproportional großen Maul. Seine Haut war schwarz und schimmerte in der Dunkelheit. Es kauerte dort und stieß ein widernatürliches, unwirkliches Fauchen aus. Es krallte sich mit rasiermesserscharfen Krallen im Rücken fest und fixierte neugierig sein nächstes Opfer.

Danny konnte nicht atmen. Er wagte nicht zu atmen; wagte sich nicht zu bewegen. Dieses Biest schien über nichts zu verfügen, was Danny als Augen identifizieren konnte. Aber es schien ihn wittern zu können. Er musste dort weg; musste fliehen. Denn er wusste, wer der Nachtisch sein würde.

Beweg dich! Beweg dich oder du bist tot! Genauso tot wie Fred! Los jetzt!

Mit einem Ruck befreite er sich aus seiner Schockstarre, wirbelte herum und rannte so schnell er nur irgend konnte zum Eingang des Treppenhauses. Das schrille Fauchen der Kreatur schallte durch die Tiefgarage, genauso wie seine schnellen Schritte. Es konnte nur wenige Meter hinter Danny sein. Und es war schnell. Doch wagte er es nicht sich umzudrehen, denn er wusste, dass ihm dies einen entscheidenden Augenblick kosten würde. Die Kreatur war ihm so dicht auf den Fersen, dass er ihren fauligen Atem meinte riechen zu können. Nur wenige Schritte war er von der Tür entfernt. Er stieß sie auf und warf sich schnell auf der anderen Seite gegen sie. Die Kreatur sprang von außen dagegen und schrie ihre Wut heraus, dass sie ihre Beute in allerletzter Sekunde verloren hatte. Ein dämonisches Kreischen hallte durch die Tiefgarage. Danny presste seine Handflächen gegen die Ohren. Er wollte es nicht hören. Es war das Schrecklichste, was er je gehört hatte und verursachte beinahe körperliche Schmerzen.

*****

Das Tier war ausgesperrt und sein kleiner aber robuster Körper hämmerte auf der anderen Seite der Tür gegen den Stahl. Was war dort bloß passiert? Danny konnte keinen klaren Gedanken fassen. Das Bild von Frank hatte sich tief in seine Netzhaut eingebrannt, wie er dort stand und ihn hilflos ansah, als ihm das Blut aus seinem zerfetztem Hals strömte. Es war so furchtbar; es musste einfach ein Alptraum sein. Das kann nicht wirklich passieren!

Dannys Herz trommelte bis in seine Schläfen hinein. Sein ganzer Körper pulsierte. Er musste sich zusammenreißen, musste sich bewegen, denn er fühlte sich der Ohnmacht nah. Mit aller Kraft löste er sich von der Tür und spurtete die Treppe hinauf. Er griff zu seinem Funkgerät und alarmierte seine Kollegen.

„Hilfe! Ruft sofort die Polizei, den Rettungsdienst, die Feuerwehr! Großalarm! Scheiße! Sofort! Habt ihr verstanden?! Habt ihr verstanden?!“

Während er in das Funkgerät brüllte und zum Erdgeschoss rannte fiel ihm ein, dass er die Frequenz zur Polizeizentrale einfach nur wechseln musste. Dies holte er nach und eine junge Polizistin meldete sich.

„Polizeinotruf, wie können wir…“

Danny war immer noch in Panik und während er durch die Tür in die erste Etage zurück in die Mall stolperte, fiel er der Polizistin ins Wort.

„Hier ist ein Monster! Ein scheiß Echsenalienmistvieh, das meinen Kollegen gefressen hat! Es kam aus der Höhle! Hören sie!“

„Bitte beruhigen sie sich, Sir! Was ist passiert? Wer sind Sie und wo befinden Sie sich gerade?“

Danny marschierte zum Infopoint, indem sich auch die Zentral des Wachpersonals befand, mitsamt den Monitoren für die Überwachung und Jeff, der gerade seine in Tuppaware verpackte Spagetti in sich hineinschlürfte und ihn völlig perplex ansah, während ihm die Nudeln aus dem Mund baumelten.

„Meine Name ist Daniel Cunningham. Ich bin Wachmann in der City Mall und mein Kollege wurde gerade von einem Tier getötet. Es ist in der Tiefgarage und kam aus dieser Höhle heraus, die vor kurzem freigelegt wurde.“

Danny merkte wie sein Gehirn langsam wieder arbeiten konnte und dass er den ersten Schock überwunden hatte. Sein Puls raste zwar immer noch, aber er konnte wieder einigermaßen klar denken.

„Danny, Junge. Was ist denn los? Was soll die Aufregung? Frank ist was passiert?!“

Jeff hatte Dannys Worte gehört, aber sie ergaben für ihn gar keinen Sinn. Er machte nur Platz und rückte vom Tisch weg, über dem die Überwachungsmonitore angebracht waren.

„Wir schicken Ihnen einen Streifenwagen.“, antwortete die Polizistin knapp auf eine nüchterne Art, die Danny eindeutig signalisierte, dass sie ihn nicht ganz ernst nahm und ihn wahrscheinlich für einen Betrunkenen oder jemanden, der sich sonst was reingepfiffen hatte, hielt.

„Hören Sie! Ein Streifenwagen wird nicht reichen! Dieses Tier ist… ist… ich habe so etwas noch nie gesehen! Es ist gefährlich!“

Vergeblich versuchte er weiterhin der Frau zu erklären, was genau vorgefallen war. Zu fantastisch klang es selbst in seinen Ohren und er musste sich nach minutenlangen ringen um Verständnis und Glaubhaftigkeit damit abfinden, dass ein Krankenwagen und die Polizei zu ihnen geschickt wurden.

Er hatte seine Stimme wiedergefunden, aber seine Fassung noch lange nicht. Er hätte ja selbst nicht geglaubt, was er dort erzählte. Deswegen suchte er während des Gesprächs nach den Überwachungsaufnahmen des Parkdecks, aber die Kameras waren dort ausgeschaltet.

„Wieso sind die Kameras dort unten aus?“

„Weil die mit am Stromnetz hängen, dass sie wegen den Bauarbeiten abklemmen mussten. Es sind nur ein paar Winkel, die jetzt nicht überwacht werden. Da sagte der Boss, es wäre okay.“, sagte Jeff. „Und jetzt erzähl mir endlich was los ist verdammt noch mal!“

„Da unten ist etwas, das Frank getötet hat!“, schrie Danny und wollte die Geschichte nicht nochmal erzählen. Wenn Jeff es bis jetzt nicht begriffen hatte, dann auch nicht, wenn Danny es Wort für Wort für ihn wiederholen würde.

Roger wusste nicht genau, was dort unten geschehen war, aber er zweifelte nicht an Dannys Aussage. Danny hielt sich die Hände vor das Gesicht und sackte in sich zusammen. Roger griff zu seinem Funkgerät.

„Leute, könnt ihr unten mal nach Fred sehen?“

Da schrie Danny auf, grabschte sich Rogers Funkgerät und brüllte hinein.

„Haltet euch von der Tiefgarage fern!“

„Simon und ich sehen uns die Sache an.“, ertönten die Stimme eines Kollegen am Funkgerät. Sie klangen hörbar genervt und Danny wusste, dass sie ihm kein Wort glaubten. Vermutlich dachten sie, er hätte dort unten mit Fred eine Tüte geraucht.

„Wartet! Geht nicht da runter!“, schrie Danny, aber seine Kollegen antworteten ihm nicht mehr.

Die Türen! Hatte er sie verriegelt? Nein. Das hatte er nicht. Er suchte die Bildschirme nach Simon und Raúl ab. Dort waren sie! In der zweiten Etage und gingen gerade durch die Tür hinein ins Treppenhaus.

„Bleib hier und warte auf die Polizei. Ich versuche die beiden Idioten aufzuhalten!“

„Danny!“, rief Jeff ihm nach, aber er war schon wieder raus in die Mall gelaufen, zurück zum Treppenhaus.

*****

Jeff überlegte, was er tun könnte. Er kam sich hilflos und überflüssig vor. Seit seiner Hüftoperation fungierte er eher als passives Mitglied des Sicherheitsdienstes, gab Besuchern der Mall meistens Hinweise, wo sie ein bestimmtes Geschäft finden konnten oder teilte dem Reinigungsdienst mit, wo sie mal wieder Kinderkotze aufwischen durften. In der Nachtschicht kam er sich noch überflüssiger vor. Die meiste Zeit saß er dort im Infopoint hinter den Computerbildschirmen, aß mehr als ihm guttat und sah sich die Aufnahmen der Mall und des Parkplatzes an. Und selbst das konnte er nun nicht vernünftig ausführen, denn der Strom für die Hälfte der Tiefgarage war abgeschaltet und… Moment mal! Der Verteilerraum befand sich nur ein paar Läden weiter. Er kannte sich mit den Sicherungsanlagen aus und würde auch den Strom in der Tiefgarage wieder zum Laufen bringen.

Jeff hievte seinen Körper aus dem Bürostuhl heraus, wankte durch die Tür und steuerte seine E-Scooter an – auf diese Bezeichnung bestand er vehement und knirschte jedes Mal mit den Zähnen, wenn seine Kollegen ihn als „Rollstuhl“ bezeichneten.

Mit vollen sechs Kilometern in der Stunde raste er die Halle hinunter zum Verteilerraum und mit derselben subjektiv empfundenen Geschwindigkeit eines Eichhörnchens auf Kokain, öffnete er den Raum, fand die Sicherrungen, legte sie um und hastete wieder zurück zum Infopoint, um sich hinter die Überwachungsmonitore zu klemmen, die, wie er hoffte, nun endlich wieder funktionieren sollten, damit er sich ein Bild von der Lage machen konnte.

*****

Währenddessen hatte Danny Simon und Raúl rechtzeitig abfangen können, bevor sie die Tür zur Tiefgarage öffnen konnten. Simon hatte bereits seine Hand auf der Klinke, als Danny sie ergriff und ihn hinderte sie zu betätigen.

„Danny, wenn der arme Freddy verletzt ist, dann müssen wir ihm verdammt noch mal helfen. Geh aus dem Weg! Wir rufen dich dann, wenn die kleine Eidechse weg.“, sagte Simon, aber Danny bewegte sich keinen Zentimeter von der Tür weg, vor die er sich geworfen hatte, entschlossen, ihnen auf keinen Fall den Zutritt zu gewähren. Die beiden Machos konnte er zwar nicht leiden, aber von einer fiesen kleinen Echse aufgegessen zu werden, wünschte er ihnen dennoch nicht.

„Habt ihr gerade nicht zugehört?! Fred ist tot! So eine kleine, schleimige Scheißechse hat ihm den halben Hals weggebissen! Und dieses Viech ist immer noch irgendwo da drin! Wollt ihr seine beschissene Nachspeise werden?!“

Simon und Raúl blickten ihn mit verachtender Skepsis an, so wie man einen Mann ansieht, der als Biene verkleidet durch die Stadt rennt und schreit: Ich bin eine Prinzessin! Ich bin eine Prinzessin! Aber, wenn sie damals eins im Highschool Football gelernt hatten, dann war es mit hundertzehn Prozent voranzulaufen und sich von niemanden aufhalten zu lassen, komme was wolle – und wenn der Coach „Stop!“ schrie!

„Mann, Danny. Wenn Fred wirklich schwer verletzt ist und dort drin irgendwo bewusstlos herumliegt, dann sollten wir erst recht zu ihm. Hinterher nagt es noch an ihm herum.“, wandte Simon mit seiner monotonen, emotionslosen Stimme ein, die hervorragend zu seinem Blick passte, hinter dem in seinem Leben nie viel geschehen war.

Vor Dannys innerem Auge allerdings spielte sich in diesem Moment eine schauerliche Szene ab. Er sah wie sich dieses kleine Ungeheuer an Fred satt fraß und sich bereits zu seinen saftigen Oberschenkeln vorgearbeitet hatte.

„Geh aus dem Weg Danny, oder ich verpass dir eine!“, drohte ihm Raúl, der, ebenso wie Simon, Danny um einen Kopf überragte und über einige Kilo mehr Muskelmasse verfügte, die sich zwar unter einer leichten Fettschicht verbarg, aber dennoch vorhanden war und zusammen Kraft und Masse bildeten, die durch Bewegung eine Energie freisetzten, der Danny nicht standhalten konnte. Er schubste ihn beiseite und öffnete die Tür.

*****

„Dann wollen wir doch mal sehen, was dort unten los ist.“

Jeff schaltete Kamera 14b, die den Abschnitt mit dem Höhleneingang aufnahm ein und sah Danny, Raúl, Simon und… Freddy. Er lag mit dem Bauch auf dem Boden, rührte sich nicht und unter ihm hatte sich eine Lache einer dunkelroten Flüssigkeit ausgebreitet. Mein Gott, Danny hatte recht! Jeff sah Danny wild gestikulieren und offensichtlich brüllte er seine Kollegen an. Nervös blickte er in alle Richtungen, als suchte er die Tiefgarage nach jemanden ab, oder etwas. Was hatte Fred das nur angetan?

Jetzt sah Jeff, wie Simon seine Taschenlampe eingeschaltet hatte und in die Höhle hineinging. Danny wollte ihn aufhalten, wurde aber von Raúl zurückgehalten. Simon verschwand in der Höhle. Zu dumm, dass die Kameras kein Audio übertrugen. Jeff hätte zu gerne gewusst, über was sie dort unten so heftig debattierten.

In diesem Moment wurde Jeff von etwas anderem abgelenkt. Jemand hatte die Klingel am Haupteingang betätigt. Jeff schaltete zur entsprechenden Kamera um und erblickte zwei Polizisten und zwei Sanitäter mit einer Krankentrage. Er drückte sofort auf Schalter der Sprechanlage.

„Warten Sie bitte. Ich komme zu Ihnen und öffne das Gatter.“

*****

Der Schrei ihres Kollegen fuhr Danny und Raúl durch Mark und Bein. Durch die Höhle wurde der Schall noch einmal verstärkt und in ihm haftete unsagbarer Schmerz. Doch hallte Simons Schrei nicht allein aus der Höhle heraus. Ein Fauchen, das Danny nur allzu bekannt war, unterlegte die verstümmelten Laute und überschattete sie alsbald, denn der Schrei verstummte und wurde ersetzt durch ein Geräusch, das so klang, als würde jemand Weintrauben stampfen. Aber Danny und Raúl brauchten sich nichts vorzumachen. Es klang nach einem Raubtier, das gerade seine Beute erlegte.

„Wir… wir müssen doch irgendetwas tun!“, stammelte Raúl, aber nicht zu laut, denn er wollte nichts ungewollt anlocken.

„Wir haben noch nicht mal Knarren. Mit unseren Tasern verärgern wir dieses Biest vielleicht nur.“

„Oben sind Waffen in der Jagdabteilung von Woolworth. Wir haben Schlüsselkarten dafür.“, bemerkte Raúl und seine Hand zitterte, als er in den Eingang der Höhle hineinleuchtete.

Langsam taten sie einige Schritte zurück. Dann wurden sie von weiteren Lauten verwirrt, denn auf einmal hörten sie nicht nur ein, sondern mehrere Wesen in der Höhle umherlaufen und schmatzen, die sich ums Abendessen stritten. Raúl und Danny sahen stumm einander an und verstanden sich. Sie drehten sich um und rannte so schnell sie konnten zurück zur Tür.

*****

Jeff hatte die Sanitäter und die Polizisten reingelassen und fuhr mit seinem Elektroscooter voran zu den Aufzügen.

„Wie gesagt, Officers, ich weiß nicht, was dort unten passiert ist, aber es sieht schlimm aus.“

„Gab es einen Streit?“, fragte die Polizistin.

„Nein Ma‘am, Frank und Danny sind die friedlichsten Menschen, die ich kenne. Nein, es muss so passiert sein, wie Danny es gesagt hat. Vielleicht ist ja ein Krokodil aus dem Zoo entwischt, hat sich durch die Kanalisation gezwängt und kam in einem kaputten Rohr in der Höhle wieder raus. Das haben auch letztens wieder im Fernsehen gebracht.“

Die Sanitäter und Polizisten nahmen diese Aussage als solche hin und reagierten nicht weiter darauf.

„So, da sind wir auch schon. Fahren Sie runter und dann fünfzehn Meter gerade aus. Sie sehen die Baustelle dann auch schon. Ich bleibe mal hier oben, damit ich niemanden im Weg stehe.“, sagte Jeff mit Bedauern.

„Wir danken Ihnen für ihre Hilfe.“, sagte die Polizistin freundlich und meinte es auch so.

Die Aufzugtür öffnete sich und sie gingen hinein. Die Tür schloss sich wieder und Jeff beobachtete den kleinen roten Punkt über der Schwelle wie er sich um eine Position nach links verschob. Dann drehte er seinen Scooter und rollte zurück in Richtung Infopoint, um das Geschehen aus der Perspektive der Überwachungskameras zu verfolgen.

*****

Während sich die Fahrstuhltüren im Erdgeschoss schlossen und sich der Aufzug mit den Polizisten und Sanitätern im Inneren auf den Weg nach unten in die Tiefgarage machte, hatten Danny und Raúl über das Treppenhaus die erste Etage erreicht, in der sich Woolworth mit der Jagdabteilung und den Gewehren befand. In das Geschäft kamen sie dank ihrer Generalschlüsselkarte sofort hinein und auch die Gewehre in der Auslage waren einfach zu bekommen – sie waren mit einem einfachen Vorhängeschloss gesichert, das man mithilfe einer Kneifzange, die es eine Abteilung weiter im Sonderangebot gab, aufbrechen konnte. Nur die Munition war in einem Tresor ganz nach Vorschrift eingeschlossen. Aber Raúls Cousin, Paolo, arbeitete in der Jagdabteilung und deshalb wusste Raúl auch von dem Schlüssel, der sich unter einer losen Diele vor der Auslage versteckte. Somit waren die beiden an der Waffe geübten amerikanischen Wonneproppen im Handumdrehen mit geladenen Schusswaffen und ausreichend Munition ausgestattet und bereits wieder auf dem Weg nach unten, um auf Killerechsenjagd zu gehen.

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Zu diesem Zeitpunkt war Jeff bereits wieder am Infopoint, hatte seinen Scooter geparkt und ihm war noch nicht in den Sinn gekommen seine beiden, nun bis an die Zähne bewaffneten Kollegen zu warnen, dass sich nun auch ebenfalls bewaffnete Polizisten in der Tiefgarage der Mall aufhielten, denen eine in einer Blutlache schwimmende Leiche wahrscheinlich höchst verdächtig vorkommt und sie in solchen Fällen als erstes nicht ominöse Echsenwesen für den Tod des Opfers verantwortlich machten.

Er manövrierte sich in den Bürostuhl und schaltete auf die Monitore in der Tiefgarage, um das Geschehen weiter verfolgen zu können. Gerade untersuchten die Sanitäter Franks Leichnam und die Polizisten versuchten ihre Zentrale zu erreichen, als Danny und Raúl ins Bild sprangen. Sofort zückten die Polizisten ihre Waffen, als sie die beiden zuvor zornentbrannten und nun unglücklich überraschten jungen Männer sahen, die ihnen mit Gewehren entgegenrannten.

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„Waffen runter! Sofort“, befahl die Polizisten lauthals.

Danny und Raúl taten es sofort. Sie hatten die Polizisten und Sanitäter nicht gesehen. Obwohl der Strom wiederhergestellt worden war, lieferten die Neonröhren nur wenig Licht. Sie erhoben ihre Hände und hofften, dass keiner der Beamten einen nervösen Zeigefinger hatte.

„Bitte, nicht schießen. Wir sind vom Sicherheitsdienst und wollen das Tier erlegen, das Fred getötet hat.“, erklärte Danny mit schwacher Stimme. Die Polizisten hielten weiterhin ihre Waffen auf sie gerichtet und beäugten sie mit größter Skepsis. Die junge Beamtin linste hinüber zu den Sanitätern, die, neben der Leiche hockend, gespannt das Geschehen verfolgten.

„Wie lautet ihre vorzeitige Prognose?“, fragte Sie einen der Sanitäter.

„Diesem Mann wurde definitiv ein Teil des Halses herausgebissen. Die Wunde ist da recht eindeutig. Es muss ein größeres Tier gewesen sein, denn ein Mensch schafft so etwas jedenfalls nicht.“

Die Polizistin steckte die Waffe in das Holster und deutete ihrem Kollegen dasselbe zu tun. Er steckte seine Waffe weg und nahm danach sofort Dannys und Raúls Gewehre an sich. Er schüttelte den Kopf.

„Was habt ihr beiden euch dabei gedacht?! Euch zu bewaffnen und hier unten eine Jagd zu eröffnen?! Wir haben genug…“

Der Polizist wurde in seiner Standpauke unterbrochen, als ein panischer Schrei an den kahlen Wänden der Tiefgarage widerhallte. Er drehte sich um und sah einen der Sanitäter wie er vergeblich versuchte etwas von sich abzuwehren, das im ersten Augenblick aussah wie eine Echse, aber dann doch etwas war, was der Polizist noch nie im Leben gesehen hatte. Erstarrt in einem Gefühl aus Faszination und Panik bewegte er sich keinen Zentimeter, sondern sah mit weit aufgerissenen Augen dabei zu, wie das Wesen sich im Hals des Sanitäters festbiss und seine langen, dunklen Krallen dabei in seinen Brustkorb rammte.

„Scheiße, Tom! Jetzt mach schon was!“, schrie die Polizistin, die sich bereits einige Schritte voraus war. Sie wusste, dass sie nicht auf das Wesen feuern konnte, denn sonst hätte sie den Sanitäter treffen können. Also griff sie nach einer an der Wand der Baustelle lehnenden Eisenstange und attackierte das schleimige Wesen im Tiger Woods Stil. Aber erst beim dritten Schlag konnte sie es von seinem Opfer lösen. Das Wesen schlug gegen die Wand neben dem Höhleneingang, fletschte seine rasiermesserartigen, gelben Zähne, fauchte wie ein Hybrid aus Schlange und Löwe und verschwand blitzartig wieder im dunklen Loch des Eingangs der Höhle.

Ihr Kollege hatte sich aus seiner Schockstarre noch nicht wieder lösen können, ebenso wenig Raúl und der andere Sanitäter. Nur Danny konnte reagieren – denn es war ja leider schon ein gewohnter Anblick für ihn -, rannte hinüber zu dem röchelnden und blutenden Opfer des Tiers, zog seine Jacke aus und drückte damit die klaffende Wunde am Hals ab.

„Verdammt noch mal! Tun sie ihren Job Mann!“, schrie die Polizistin den anderen Sanitäter an und rüttelte ihn wieder wach.

Sofort griff er sich seinen Koffer und machte sich instinktiv an seine Arbeit. Er verdrängte, dass gerade sein Partner dort vor ihm lag und in seinem Gehirn spielte sich derselbe Automatismus ab, als wäre er an wieder an einer beliebigen Unfallstelle gewesen und in seinen dreizehn Jahren als Sanitäter war er erfahren genug sich in solchen Situationen nicht von Emotionen und äußeren Umständen ablenken zu lassen. Trotzdem war es natürlich eine ganze andere Sache, wenn dir das Blut des Mannes ins Gesicht spritzt, mit dem du dich noch vor einer halben Stunde über das Finale des Superbowl unterhalten hattest.

„Was war das und wo kam es her?!“, fragte die Polizistin Danny.

„Es kam aus der Höhle. Mein Kollege hatte ein seltsames Leuchten entdeckt. Wir hielten es anfangs für ein Gasleck, aber trotzdem sind wir kurz rein, um uns umzusehen. Und dann sah ich wenigstens ein dutzend dieser versteinerten Eier, aus denen eine geleeartige, grünlich schimmernde Substanz heraustriefte. Das Viech muss aus einem dieser Eier geschlüpft sein.“

„Wie viele Eier waren da drin, hast du gesagt?“, hakte sie nach und erst jetzt begriff Danny. Er wurde blasser als er es ohnehin schon war.

„Etwa ein dutzend. Wahrscheinlich mehr.“, flüsterte er und tausend kleine Spinnen trippelten seinen Nacken hinunter. Jetzt begriff er, in was für einer Gefahr sie sich gerade alle befanden.

Dieses seltsame, unnatürliche Fauchen und Brüllen drang aus der Höhle. Es stammte nicht nur von einem Tier. Es waren mehr. Viel mehr.

„Wir sollten uns zurückziehen und Verstärkung anfordern.“, schlug der Partner der Polizistin vor und war bereits auf halben Weg zum Ausgang.

Zu spät bemerkte der Sanitäter die kleinen, dunklen Schatten, die aus der Höhle heraussprangen und sich auf ihn stürzten. Die Politzisten wollte ihm zu Hilfe eilen, aber Danny hielt sie zurück.

„Zu spät! Weg hier! Kommen sie!“, schrie er und er hatte recht. Binnen einer Sekunde hatten sie den Sanitäter in blutige Fetzen gerissen. Sie ließen ihm nicht einmal mehr genug Zeit, um um sein Leben zu schreien, denn ihm fehlte bereits der Kehlkopf. Er war überseht von diesen kleinen Monstern und unter der schwarzen Schicht ihrer glänzenden Haut war er kaum noch zu sehen.

Danny und die Polizisten drehten ihnen nicht ihre Rücken zu. Langsam entfernten sie sich von ihnen im Rückwärtsschritt und hofften, dass ihre Schritte vom schmatzenden Geräusch ihres Fressens übertönt wurden. Sie sahen wie diese Wesen sich untereinander um das Fleisch stritten und in diesem Augenblick stellten sie fest, dass es noch mehr Frischfleisch für sie gab. Jetzt hatten sie ihre volle Aufmerksamkeit.

„Laufen sie!“

Das musste Danny den Polizisten nicht zweimal sagen. Sie rannten instinktiv zurück zum Aufzug, aber Danny zog sie Richtung Treppenhaus

„Nicht dort entlang! Das dauert zu lange! Zum Treppenhaus!“, rief Danny ihnen zu, aber nur die Frau folgte seinem Rat. Der Mann rannte in Panik weiter Richtung Aufzug, nahm seine neun Millimeter Beretta aus dem Halfter und schoss hinter sich. Der Schall wurde von den Wänden verstärkt und donnerte durch die Tiefgarage. Die Kreaturen waren unbeeindruckt. Sie waren hungrig.

„Tom!“, rief sie ihrem Kollegen zu, der verzweifelt vor dem Aufzug stand und Schalter immer wieder drückte. Er drehte sich ein letztes Mal um und feuerte in die dunkle Meute von Reißzähnen. Ihm blieb nicht mehr die Zeit sein Magazin zu verfeuern, da hatten sie ihn bereits verschlungen.

„Nein!“

„Kommen sie!“, schrie Danny sie an, denn die andere Hälfte der Kreaturen war ihnen auf den Fersen. Aber sie schafften es zur Tür und warfen sie hinter sich zu. Danny hatte ein grauenvolles Déja Vu.

„Und jetzt sollten sie verdammt nochmal die Kavallerie rufen!“

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Danny und die junge Polizistin, die sich ihm als Sarah vorgestellt hatte (es führt schnell zu einer engen Verbundenheit, wenn man gemeinsam von schleimige, fremdartigen Urzeitechsen verfolgt wird) liefen zum Infopoint zurück, um Jeff mitzunehmen. Über Funk hatte Sarah Großalarm ausrufen lassen und sie wollten nun die Mall so schnell wie möglich verlassen, um das Militär gegen diese Wesen antreten zu lassen.

Sie waren fast aus der Mall raus, als sie neben sich in den Wänden metallisches Trommeln hörten, das aus den Lüftungsschächten zu ihnen durchdrang.

„Diese Dinger werden doch wohl nicht etwa den Weg in die Klimaschächte gefunden haben, oder?“, fragte Jeff vorsichtig.

„Wir wollen es nicht herausfinden!“, sagte Sarah und die drei beeilten sich zum Ausgang zu gelangen.

Das metallische Trommeln wurde lauter und hinter hörten sie jetzt, wie eins der Gitter der Abdeckungen von der Wand auf den Boden krachte und ihm ein diabolisches Fauchen aus dem dunklen Loch des Lüftungsschacht folgte. Danny und Sarah standen jetzt vor dem Tor des Haupteingangs und Danny fischte nervös an seinem Schlüsselbund nach dem richtigen Schlüssel, als die Wesen wie aufgescheuchte Wespen aus ihrem Nest aus dem Schacht heraussprangen und auf die zuliefen. Jeff gab mit seinem Scooter Vollgas, aber er würde noch einige entscheidende Sekunden brauchen, bis er das Gatter erreicht hätte.

„Nun machen Sie endlich!“, forderte Sarah lautstark und hielt ihre Dienstwaffe schussbereit in den Händen. Dann eröffnete sie das Feuer auf die geifernde Meute und verschaffte Jeff wertvolle Augenblicke. Die Kugeln trafen einige der Wesen, doch blieben sie unbeeindruckt davon und rannten einfach weiter. Die Wunden schienen sie eher noch mehr anzustacheln und anstelle des erwarteten roten Blutes, das aus derartigen Wunden herausquellen sollte, tropfte aus den Einschusslöchern dieselbe grünliche Flüssigkeit, die aus den Eiern heraustroff.

„Jeff!“, schrie Danny und in diesem Moment hatte Danny den Schlüssel gefunden. Zitternd versuchte er ihn in das Schloss zu schieben, aber er war zu nervös und trat den Zylinder nicht. Sarah hatte ihr Magazin und ihr Ersatzmagazin verfeuert und nahm jetzt den Schlüssel aus Dannys zitternder Hand. Sie steckte ihn gekonnt in den Zylinder uns ließ das Rolltor auffahren, gerade hoch genug, um Jeff, der jetzt endlich bis zu ihnen geschafft hatte, und sich selbst unten drunter herzuziehen. Danny betätigte gleich wieder den Schalter, um das Gatter runterfahrenzulassen. Nur eine hundertstel Sekunde später und gleich mehrere diese fauchenden, kleinen Teufel wäre auf sie gestürzt, doch so waren sie jetzt in der Mall gefangen.

„Diese ekligen Biester! Und mein Gott, was sie für einen entsetzlichen Gestank absondern!“, bemerkte Sarah und rümpfte die Nase. Jeff blickte verlegen zu Boden.

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Professor McConner stand außerhalb der Mall und gab ein weiteres Interview zu den aktuellen Ereignissen, die sich vor wenigen Stunden in ihr abgespielt hatten.

„Das Militär hat sämtliche Zugänge zur Mall verbarrikadiert. Nichts kommt zurzeit rein und – was noch viel wichtiger ist – nichts kommt mehr heraus. Die Tragödie, die sich heute Nacht in der Mall abgespielt hatte war beispiellos und unvorhersehbar. Wir sind hier ganz offensichtlich mit einer unbekannten Spezies in Kontakt getreten und hoffen natürlich sie weiter erforschen zu können, sofern sie erfolgreich isoliert werden konnte und keine Gefahr mehr für die Menschen besteht. Was heute geschehen ist, ist furchtbar und unser Beileid gilt den Angehörigen der mutigen Menschen, die heute ihr Leben gelassen haben. In unserer Trauer dürfen wir aber nicht vergessen, dass es sich hier um Tiere handelt, die ausschließlich ihrem Instinkt folgten und wir sie jetzt nicht aus einem falschen Gefühl der Trauer heraus für das bestrafen, was geschehen ist.“

„Sie sprechen von dem Vorhaben des Militärs die Tiere in der Mall mit Giftgas zu töten, da nicht bekannt ist, welche Risiken mit ihnen einhergehen.“, wandte die Reporterin ein.

„Das ist korrekt. Wir arbeiten eng mit der Seuchenschutzbehörde zusammen, um natürlich alle Gefahrquellen zu eliminieren. Oberste Priorität – bei allem Forscherdrang – hat natürlich die Gewährleistung der Sicherheit für uns Menschen. Wir hoffen natürlich auf ein positives Ergebnis und auf den Erhalt dieser Spezies.“

„Ich danke Ihnen für das Gespräch Professor McConnor.“

Die Reporterin verabschiedete sich und gab das Wort zurück ins Studio.

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Von der geöffneten Laderampe eines Krankenwagens, in Decken gehüllt und einen Kaffee schlürfend, hatten Danny und Sarah das Interview beobachtet.

„Das darf nicht wahr sein! Hat der Alte uns denn gar nicht zugehört?!“ Danny wäre am liebsten zu Professor McConnor hinübergelaufen, um ihm zu schlagen, wachzurütteln oder ihm ins Gesicht zu schreien. „Er denkt wirklich da drin wäre irgendein Krokodil oder ein tollwütiger Leguan von der Leine, den man nur wieder einfangen müsste. Die haben nicht die geringste Ahnung, mit was sie es dort zu tun haben. Verlorene Spezies hin oder her. Wenn sie diese Dinger nicht ganz schnell loswerden, werden wir ausgerottet und zwar von ihnen.“

Sarah legte ihm die Hand auf die Schulter. Ihr fehlten tröstende Worte und sie fürchtete, dass Danny recht hatte. Es war furchtbar, aber auch einfach unglaublich, was dort unten in der Tiefgarage geschehen war. Sie fragte sich, ob diese Brut das letzte war, aus dieser Zeit überlebt hatte. Gab es noch mehr von diesen Wesen, die jetzt nach einem langen Winterschlaf wiedererwacht waren, um sich zurückzuholen, was einst ihnen gehörte.

„Kommen Sie, Danny. Ich lade Sie zum Frühstück ein, wie wäre es?“

„Gerne, für ein paar Eier aus der Pfanne bin ich immer zu haben.“

In Sarahs Streifenwagen fuhren sie von dem Gelände der Mall herunter und steuerten den nächsten Diner an, nicht ahnend, dass zehn Meter unter ihren Füßen ein lautes Knacken durch ein unentdecktes Höhlensystem hallte und etwas erwachte, das einen langen, langen Winterschlaf gehalten hatte.

 

ENDE