The Diary

Donnerstag, 3. Februar 2017

„Hier ist Bob. Jester, es ist verdammt lange her, ich weiß. Ich weiß auch, dass sich unsere Wege vor langer Zeit getrennt haben und dass unser Auseinandergehen nicht gerade herzlich war. Meine Nase konnten sie im Übrigen wieder gerade biegen. Ich nehme es dir nicht übel. Habe es verdient. Weshalb ich anrufe: Wir brauchen dich. Noch ein letztes Mal. Vesprochen.“

„Jester! Ich glaube es ist für dich!“, rief Patrick.

Er hatte den Hörer abgenommen und sich mit einem Hallo gemeldet. Dann sprach die unbekannte tiefe und raue Männerstimme bereits zu sprechen. Patrick hörte noch ein verärgertes Verdammt! Aus dem Telefon klingen. Jester kam in die Küche, nahm den Hörer entgegen und deutete Patrick zu gehen. Er ging kommentarlos und mit einem großen Fragezeichen im Gesicht. Jester gestikulierte mit der Hand, dass er es ihm später erklären würde.

„Wer ist da?“, fragte Jester barsch im seinem gewohnten matten Tonfall, nahm sich einen Apfel aus der Obstschale vom Küchentisch und biss kräftig hinein; im vollen Bewusstsein seiner abwertenden Haltung, wer auch immer an Strippe sein mochte. Die Person am anderen Ende der Leitung wiederholte den eben geführten Monolog, wie ein Automat.

„Um sieben in Karins Imbiss.“, sagte Jester knapp und legte auf.

„Ich hau mal kurz ab. Das war ein alter Arbeitskollege. Wir wollen uns einmal wieder auf ein Bierchen treffen und über alte Zeiten quatschen. Bis später.“, sagte Jester, verabschiedete sich somit, zog seine Jacke über, checkte Schlüssel, Portemonnaie und Handy und verließ die Wohnung.
„Ich bin gespannt.“, sagte Patrick, wohl wissend, dass in Jesters Aussagen zumindest sechzig bis achtzig Prozent Wahrheit stecken. Den Rest könnte man als Notlüge bezeichnen, oder als vorläufige Antwort, die der Einfachheit herangezogen wird, um kompliziertere Erläuterungen mangels Zeit zu ersparen. Die Wahrheit kommt erst später, wenn überhaupt. Jester wäre auch ein ausgezeichneter Präsident geworden, dachte sich Patrick.

Jester sah seinen alten Freund über den Parkplatz des Baumarkts im Imbiss sitzen, eine Pommes verspeisend und einen Kaffee schlürfend. Er trug einen Trenchcoat, darunter einen Anzug. Erstaunlich, dachte Jester, sein Outfit hatte sich sich seit dreißig Jahren nicht verändert, nur das, was drin steckte, war älter und runzliger geworden. Jester zögerte. Noch konnte er sich umdrehen und gehen, sagen, dass er ein für alle mal nichts mehr mit ihnen zu tun haben will. Dann überquerte er doch den Parkplatz mit dem Gedanken, dass ein wenig Abwechslung vielleicht gar nicht so schlecht wäre – schließlich war es schon wieder einige Tage her, seit er von den Außerirdischen entführt worden war. Jester betrat den Imbiss.

„N’abend, was darfs denn sein?“, fragte die junge Dame.

„Eine Pommes und ein Bier, bitte.“, sagte Jester und setzte sich an den Tresen neben seinen alten Freund, der ihn mit einem abschätzenden Lächeln musterte und den Kopf schüttelte.

„Jester, mein Freund, du bist kein bisschen älter geworden. Unglaublich. Wie lange ist es jetzt her?“, fragte er.

„Achtundzwanzig Jahre.“, sagte Jester knapp und nahm das Bier von der Kellnerin entgegen, die das Gespräch der beiden offenbar komplett ignorierte. Ansonsten hätte sie es wahrscheinlich für eine Schauspielprobe oder einen Scherz unter den beiden gehalten, denn Jester sah höchsten nach Mitte Dreißig aus und kann mit dem Mitte Siebzig Jahre alten Herren neben ihm kaum eine so weit zurückliegende gemeinsame Vergangenheit haben.

FORTSETZUNG FOLGT …

FREITAG, 13. JANUAR 2017

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Jester und ich legten eine kleine Schreibpause ein. Während ich mir selbst einen Tee kochte, ging Jester los, um sich ein Sixpack Bier zu holen. Nach zwei Tagen kam er wieder, völlig erschöpft ließ er sich auf das Sofa fallen. Er sah aus, als hätte er, seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten, weder geschlafen, noch irgendwie seine Klamotten gewechselt. Er erzählte mir, was ihm passiert war.

Auf dem Weg zum Kiosk wurde er von Außerirdischen entführt. Innerhalb weniger Sekunden wurde er entmaterialisiert und auf ein Raumschiff teleportiert, dass sich getarnt in erdnaher Umlaufbahn befand.

Jester materialiserte sich direkt auf die Brücke des Schiffs. Er musste sich übergeben. Er sank auf die Knie und erbrach sich auf einem hellgrauen Flokati. Alles drehte sich und es fühlte sich so an, als wären noch nicht alle Moleküle wieder an seinem Platz. Jester vernahm ein mechanisches Summen. Ein Fußball großer Roboter, der die Form eines metallischen Treteimers hatte, rollte aus einer Öffnung unter einer der Armaturen heraus und machte sich daran, das Erbrochene aufzusaugen.

Jester richtete sich auf und die Welt um ihn herum beendete ihre Karussellfahrt. Er stand in einem sechs Quadratmeter großem Raum, der sich zur Decke hin wölbte, ähnlich einer Kuppel. Die Farbe der Wände war ein Orangerot und die Armaturen, die ringsherum angebracht und mit vielen bunten, blinkenden Knöpfen ausgerüstet waren, sahen aus, als wären sie mit Aluminiumfolie umwickelt worden. In den Wänden über den Armaturen waren Bildschirme eingelassen. Außerdem Regale mit Kugeln, in der Größe und Form eines Goldfischglases, die im gesamten Farbspektrum fluoreszierten und auf schwarzen Sockeln ruhten. Es gab sonst noch eine metallische Schiebetür an einer Seite des Raumes und der große, gewölbte Bildschirm, auf dem Jester die Erde sah, wobei er irgendwo unter einer dichten Wolkendecke Nordeuropa ausmachen konnte.
Willkommen.“, sagte eine Stimme, die Jester nicht sofort lokalisieren konnte, denn, so weit er sehen konnte, war er eigentlich allein in dem Raum.
„Hallo.“, sagte er knapp.
Er war sich sicher, dass er mit dieser Antwort erst einmal nichts falsches sagen konnte.
„Wir sind intergalaktische Wesen auf der Suche nach einem Wesen, dass unter vielen das eine ist.“
„O.K.“, sagte Jester, auch wieder in völliger Überzeugung den Dialog richtig anzupacken.
„Wir sind durch das All gereist und haben viele Planeten besucht, doch keiner von ihnen konnte uns geben, wonach wir seit Jahrtausenden suchen.“, fuhr die Stimme fort.
Es war eine weibliche Stimme, weich, aber bestimmend. Während die Stimme sprach, bemerkte Jester, dass das eines der Goldfischgläser in einem der Regale seine fluoreszierenden Phasen veränderte und sich dem Rhythmus der Stimme anpasste.
„Kann ich euch vielleicht irgendwie weiterhelfen?“, fragte er verunsichert und hielt seinen blick auf das Goldfischglas gerichtet.
„Du bist das Wesen, dass wir suchen!“, sagte die Stimme bestimmt.
Jetzt war er baff. Er setzte zu einer Frage an, brachte aber keinen Ton heraus. In seinem verstaubten, kleinen Oberstübchen ratterte es. Vergeblich.
„Dein neuronales Netzwerk besitzt die erforderlichen Spezifikationen, um einen gefahrlosen Transfer zu gewährleisten.“
„Aha.“, sagte Jester und wurde langsam misstrauisch.
„Und das heiß was?“
„Das heißt, dass wir unseren Geist in deinen Körper transferieren werden, um endlich wieder leben zu können, um uns endlich wieder fortpflanzen zu können. Wir werden uns mit so vielen Weibchen wie möglich auf deinem Planeten paaren, um unsere Spezies neu zu etablieren. Die Owhaknrgi werden wieder leben und wieder in der Lage sein, Welten zu erschaffen und das Universum nach ihren Vorstellungen zu formen!“, sagte die Stimme.
Jester war verdutzt und konnte diese Information noch nicht wirklich verarbeiten. Als erstes tanzten Bilder von wilden, endlosen Orgien vor seinem inneren Auge ab, aber sehr schnell drängelte sich die ersten Ungereimtheiten in den Vordergrund. Er trat einen Schritt an das Goldfischglas heran, von dem er annahmen, dass es sich um die Wesen handeln würde, die gerade mit ihm kommunizierten.
„Moment mal! Erste einmal … ich nehme an, ihr seid in diesen Gläsern, oder?“, fragte er unsicher.
„Ja.“, antwortet die Stimme kurz.
„Na gut, also: Ich denke wir sollten das noch einmal in Ruhe besprechen, denn, nun ja, ich will ehrlich sein. Ich bin nicht besonders scharf darauf meinen Körper mit jemanden zu teilen. Das soll jetzt keine Beleidigung sein. Ich meine, wir sollten uns vielleicht erst einmal näher kennen lernen und vielleicht gibt es ja doch noch Alternativen. Ich meine, es klingt ja auch irgendwie reizvoll auf die ein oder andere Weise. Aber ich kann auch vorab sagen, selbst wenn ich euch meinen Körper leihe, wird es nicht so einfach sein, durch die Gegend zu gehen und drauf los zu vögeln. Glaubt mir, ich habe es versucht; mit allen möglichen Mitteln und Maschen. Es ist schwieriger als ihr denkt.“
„Dein Geist wird ausgelöscht und der Wille der Weibchen bleibt irrelevant. Sie werden sich fügen!“, herrschte die Stimme ihn an.
„Nicht cool!“, erwiderte Jester.

„Hört mal Leute, es ist zwar ganz nett hier mit euch, aber ich denke, dass ich jetzt ganz gerne wieder runter gebeamt werden möchte.“
„Tut uns leid.“, sagte die Stimme knapp und ohne einen Hauch von Reue.
Und bevor Jester noch irgendetwas anderes sagen konnte, fühlte er sich schwindlig und wieder begann sich alles um ihn herum zu drehen. Er verlor das Bewusstsein.

Als er wieder zu sich kam, dachte er, es sei ein Traum gewesen. Er dachte, er hätte zu viel Bier getrunken, hätte gerade einen Blackout und würde sich gleich wieder daran erinnern, mit wem er die Nacht durchgezecht hatte und auf wessen Sofa oder Bett er jetzt aufgewacht war. Aber Fehlanzeige.
Er versuchte die Augen zu öffnen, aber über ihn musste sich eine sehr grelle Lampe befinden, deren gleißendes Licht durch seine Lider brannten und einen heftigen Kopfschmerz verursachte. Dann wollte er sich aufrichten, auch wenn ihm gar nicht danach war und er wusste, dass er sich wahrscheinlich hätte übergeben müssen. Doch das war ihm egal. Er wollte jetzt unbedingt wissen, wo er war, denn es wollte nicht in seien Kopf. Dann fiel ihm auf, dass er sich nicht bewegen konnte. Straff gespannte Gurte hinderten ihn daran. Sie spannten sich um seine Brust, seine Arme und seine Beine. Und jetzt fiel es ihm wieder ein. Das war kein Traum gewesen. Er zwang seine Augen sich zu öffnen. Er Kopf schmerzte höllisch, aber jetzt konnte er ausmachen, wo er sich befand. Der Raum, der ebenso kuppelförmig, wie die Brücke des Raumschiffs war, war auch ebenso so spartanisch eingerichtet, wie die Brücke. Jester befand sich auf einer Art OP Tisch. Über ihn eine grelle Lampe und links daneben ein langer, dünner Metallarm, an dessen Ende sich eine kleine, feine Säge befand. Jester wollte schreien, lauter, als er je in seinem Leben geschrien hatte, aber er konnte. Keinen Ton brachten seine betäubten Stimmenbänder hervor. Sie hatten ihn sediert. Wie? Es waren Goldfischgläser. Jester fand in seinem benommenen Geist keine Antwort darauf. Er ließ seinen Kopf nach rechts schweifen, so weit es nur ging, denn auch um seine Stirn war ein straffer Gurt befestigt. Dennoch konnte er noch einen weiteren Arm ausmachen. Auch dieser war metallisch und hing an mehreren Gelenken von der Decke herab. An seinem Ende war eine Spritze angebracht und sie kam langsam immer näher an seinen Kopf heran.
Jester wusste, wenn diese Spritze, mit was auch immer ihr Inhalt war, ihn erreichen würde, wird es um ihn geschehen sein. Er hatte viel, verdammt viel erlebt. Aber das es einmal so enden würde. Gefesselt an einem Tisch in einem Raumschiff von sexsüchtigen Aliens. Oder vielleicht hatte er sich doch so gewünscht?
Wenige Millimeter war die Spritze nur noch von seiner Halsschlagader entfernt und die kleine Säge des anderen Arms sprang auf einmal an und bereitete sich auf ihre Arbeit vor, als auf einmal starker Stoß das ganze Schiff zum Beben brachte. Der Metallarm mit der Säge wirbelte wild umher und es sah ganz so aus, als sei er aus seiner Halterung herausgesprungen. Er fiel nach vorne ab und durchtrennte dabei den Gurt an Jesters linkem Arm. Jester reagierte sofort; benommen und dementsprechend langsam, aber schnell genug, um sich den Arm mit der Spritze vom Leib zu halten. 
Der Metallarm war nicht zu fest verankert. Mit ein paar kräftigen Zügen hatte Jester ihn aus der Verankerung in der Decke gelöst. Er fasst den anderen Metallarm, der ihn von seiner ersten Fessel befreit hatte. Die kleine Säge lief noch und mit ihrer Hilfe konnte er sich von den anderen Gurten befreien.
Mittlerweile ließ auch seine Benommenheit nach und er setzte sich auf. Es war ein sehr plüschiger Raum; ausgestattet mit braunem und kakifarbenen Flokati. Es gab eine einzige Schiebetür. Er stellte sich auf seine wackeligen Beine und pendelte in ihre Richtung, als sie sich öffnete und ein Roboter herein kam. Er sah aus wie eine Waschmaschine mit Greifarmen und war ebenso behäbig. Mit klobigen, stampfenden Beinen bewegte er sich schwerfällig in Jesters Richtung. Jester wich einfach aus und wollte bereits den Raum verlassen, als er sich noch einmal umdrehte und dem Roboter dorthin trat, wo er seinen Arsch vermuteten würde. Der Roboter plumpste nach vorn, landete auf seinem Bauch und konnte nicht mehr aufstehen. Jester schüttelte fassungslos den Kopf und eilte hinaus.
„Stehen bleiben Mensch!“, sagte die Stimme.
Jester war in einem, mit orangenen Teppich ausgelegten Korridor. Die Wände waren Transparent und zeigten den Weltall. Aus der anderen Richtung des Korridors, aus der die Stimme drang, sah er drei Personen. Frauen. In Unterwäsche.
„Hi.“, sagte er.
„Nimm uns!“, sagte eine der Frauen.
Jester war sich ziemlich sicher, dass es sich um einen Trick handeln musste, dennoch überlegte er kurz.
„Nein.“, sagte er daraufhin entschlossen.
„Dann stirb!“, sagte die Frau, richtete ihren Arm auf Jester und …
Jester sah sie an, blickte dann hinter sich, blickte in den Operationsraum, in dem der Roboter immer noch versuchte sich aufzurichten.
„Und jetzt? Ich meine … wollt ihr mich jetzt mit Laserstrahlen rösten oder mit Telekinese telekinieren, oder wie auch immer?“, fragte Jester herausfordernd.
„Nein, wir schicken dich zurück.“, sagte die Frau.
Die drei Damen wandten sich um und gingen.
„Hey, wartet!“, rief Jester und rannte hinter ihnen her.
Ihm wurde leicht schwindlig, als er so über den Teppich rannte, links und rechts um ihn herum lediglich Sterne, Erde und Mond. Eigentlich eine sehr schöne Aussicht. Die Ladies stiegen in einen Fahrstuhl. Jester sprang hinterher. Die Tür schloss sich und da standen sie nun zu viert.

Die Verabschiedung war kurz und ohne viel Gefühlsduselei. Sie hatten Jester noch erklärt, dass sie die Körper gezüchtete haben. Eine Menschliche Hülle ohne Geist. In diese konnte sie bei Bedarf ihren Geist hinein transferieren. Jester fragte sie, warum sie sich nicht auf diese Art fortpflanzen wollen. Sie suchen sich Männchen auf der Erde, die es mit den geistlosen Avataren trieben und könnten so Nachkommen erzeugen.
„Hm, auf diese Idee sind wir noch gar nicht gekommen. Danke, Jester. Und danke für die Aufmerksamkeit im Fahrstuhl. Du hast den Anfang gemacht. Du bist der Schöpfer einer neuen Generation von Owhaknrgi!“, sagte die Stimme und diesmal hätte Jester schwören können, dass sogar ein Hauch von Emotion enthalten war.
„Es war mir eine Ehre. Ladies …“, verabschiedete er sich, bevor er sich wieder in seine Atome auflöste und hinunter zu Erde materialierte.

„Das wars.“, sagte er, während er auf dem Sofa lag und mit die Geschichte erzählte.
„Und jetzt gehe ich mit ein Bier holen.“

ENDE